Giessen, Stadttheater Giessen, Ariadne auf Naxos von Richard Strauss, IOCO Kritik, 12.01.2018

Januar 11, 2018 by  
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Stadttheater Giessen

Stadttheater Gießen © Rolf K. Wegst

Stadttheater Gießen © Rolf K. Wegst

Ariadne auf Naxos von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal 

“ DAS EWIGE SPIEL“

Von Ljerka Oreskovic Herrmann

Grabstaette Hugo von Hofmannsthal © IOCO

Grabstaette Hugo von Hofmannsthal © IOCO

Es sollte ein Meisterwerk werden: Hugo von Hofmannsthal sah in Ariadne auf Naxos zunächst „nur“ eine, wie er es nannte, „Spielerei“, die aber hatte es in sich, denn das Thema ist ein zutiefst menschliches: die Treue. „Es ist eine meiner persönlichsten und mir wertesten Arbeiten…“, schreibt Hofmannsthal im Dezember 1911 an Richard Strauss. Und in einem anderen Brief aus dem selben Jahr fordert er vom Komponisten dafür Verständnis: „Ich werde gelegentlich Ihr Entgegenkommen fordern, wo eine Dichtung ein mehr dienendes Verhältnis der Musik in gewissen Szenen erheischt...“ Tatsächlich war Strauss bereit, sich ganz in den Dienst der Sprache Hofmannsthals zu stellen. Das Orchester reduzierte er auf 36 Musiker, die Textverständlichkeit spielte für ihn eine wesentliche Rolle – doch ist seine Musik nicht bloß musikalisches Dekor oder Untermalung der Szenen. Ganz im Gegenteil! Und so hat er dem Text, die alte Diskussion um den Vorrang von Musik und Text befeuernd, im Hofmannsthalschen Sinne beantwortet – ja wirklich „gedient“ und wundervolle Musik insbesondere für die drei Sängerinnen geschrieben.

Stadttheater Giessen / Ariadne auf Naxos - hier Ensemble © Rolf K. Wegst

Stadttheater Giessen / Ariadne auf Naxos – hier Ensemble © Rolf K. Wegst

Und diesem Anspruch ist das Gießener Sängerensemble mehr als gerecht geworden und deshalb gleich vorneweg: Die Übertitelung ist eigentlich überflüssig (die Arbeit dahinter soll aber nicht weniger wertgeschätzt werden), denn alle Mitwirkenden sind hervorragend zu verstehen – jedes Wort, jede Betonung sitzt und zeugt von der geleisteten Arbeit an diesem Konversationsstück. Die Übergänge vom gesprochenen zum gesungenen Text gelingen mühelos und die vokalen Leistungen von Komponist, Zerbinetta und Ariadne sind außerordentlich. Annelie Sophie Müller ist ein herrlich unbedarft-jugendlicher Komponist, bei dem sich die Frage nach „künstlerischer Treue“ mit aller Wucht stellt. Sein „Leiden“ am Banausentum der Menschen im allgemeinen und „seiner Kollegen“ im besonderen nimmt man Müller alias Komponist ab, man leidet förmlich mit ihm und gönnt ihm fast schon die Zerbinetta, gehörte sie nicht selbst zur Truppe der „burlesken Kunstunverständigen“. Diese wiederrum, von Diana Tomsche gespielt, erreicht besonders im zweiten Teil an darstellerischem Format auch im Hinblick auf ihren weiblichen Widerpart Ariadne. Dorothea Maria Marx ist stimmlich wie darstellerisch eine grandiose Primadonna bzw. Ariadne, die der Figur die geforderte Tiefe verleiht und damit auch den Komponisten versöhnt – auch wenn dieser nach dem Vorspiel nicht mehr auftritt.

Während im Vorspiel ein entsprechendes Durcheinander im Wiener Palais (rechts und links mit Türen versehen) herrscht, die dem Theater so eigenen Eitelkeiten und Nervositäten zelebriert werden, die Komödie also ihren Lauf nimmt, gelingt es Hans Hollmann im Ariadne-Teil „ihrem unter Spiel versteckten tiefen Sinn“ (Hofmannsthal) der Oper zu beglaubigen. Überhaupt scheint Hollmann seinen dichterischen Landsmann genau gelesen und umgesetzt zu haben: „Das ausgeklügelt Enge dieses Spiels, diese zwei Spielergruppen nebeneinander, engster Raum, sorgfältige Berechnung jeder Gebärde, jedes Schrittes, das Ganze ein Konzert und gleichzeitig ein Tanz…“

Stadttheater Giessen / Ariadne auf Naxos - hier Ensemble © Rolf K. Wegst

Stadttheater Giessen / Ariadne auf Naxos – hier Ensemble © Rolf K. Wegst

Die Bühne ist fast leer – nur eine Art Bett in der Mitte, Vorhänge sowie Theseus-Büste und -Bilder. Ariadne trauert ihrem Theseus hinterher, der sie einfach verlassen hat. Auf dieser Bühneninsel ist Ariadne sich selbst überlassen, während Zerbinetta und ihre vier Verehrer – von den Seitenlogen kommend – alles daransetzen, diese Dame aufzuheitern. Trotz schöner Sing- und Tanzeinlagen bleibt Ariadnes Treue zu Theseus unverbrüchlich bestehen. Zerbinetta, als einzige in einem die Commedia dell’arte andeutenden Kostüm, hält unterdessen ihre Lebensweisheiten parat: Was soll’s, einer ist weg, dafür wird ein anderer kommen. Doch es hilft nichts. Auch die Nymphen, die von oben immer wieder herunterschweben, vermögen Ariadnes Todessehnsucht nicht umzustoßen – als sie die Ankunft Bacchus ankündigen, glaubt diese endlich durch den Götterboten Hermes erlöst zu werden. Aber es ist Bacchus, der Gott des Lebens, der ihr die ersehnte Lösung bringen wird. Wie die beiden – Michael Siemon ist Dorothea Maria Marx sängerisch wie darstellerisch ein ebenbürtiger Partner – um das Bett kreisen und obwohl schneller werdend einander nie erreichen, ist ein schöner und augenzwinckernder Schluss.

Zerbinettas vier Herren tragen weiße Fräcke, singen und spielen mit großer Verve, allen voran Grga Peroš als Harlekin sowie die nicht minder gut aufgelegten Pascal Herington (Scaramuccio), Thomas Stimmel (Truffaldin) und Miloš Bulajic (Brighella). Lukas Noll, der nicht nur für die Bühne, sondern auch für die Kostüme verantwortlich zeichnet, lässt sie somit auf die Entstehungszeit der Oper verweisen, als äußere Etikette noch wichtig war. Derweil lässt er die drei Nymphen ihrer Bestimmung gemäß einkleiden: bei Sofia Pavone als Dryade (Baumnymphe) ragen unter ihrem Kleid Äste hervor, Natascha Jung als Najade hat einen Fischschweif und bei Karola Pavone als Echo ist nur noch ein abgenagter Fischschwanz übrig geblieben. Alle drei Damen – Mozarts Zauberflöte lässt grüßen – sind nicht ganz von dieser Welt und doch dazugehörig und daneben singen sie ganz wunderbar. Einzig der Haushofmeister – Harald Pfeiffer gibt ihn arrogant-hochmütig, da er obzwar die Stimme seines Herrn unabhängig und unberührt von allen Zwistigkeiten ist – steckt irgendwie zumindest äußerlich in einer anderen Zeit fest: der Zeit Mozarts.

Stadttheater Giessen / Ariadne auf Naxos - hier Ensemble © Rolf K. Wegst

Stadttheater Giessen / Ariadne auf Naxos – hier Ensemble © Rolf K. Wegst

Das hervorragende Sängerensemble komplettieren Tomi Wendt (Musiklehrer), Christopher Meisemann (Offizier), Clemens Kerschbaumer (Tanzmeister), Marcus Licher (Perückenmacher) und Gunnar Fritsch (Lakai). Die choreographische Mitarbeit war bei Tarek Assam in guten Händen.

Das Philharmonische Orchester Gießen beweist erneut seine musikalischen Qualitäten unter ihrem GMD Michael Hofstetter, der zudem auch nachdrücklich belegt, dass er ein exzellenter Begleiter für Sänger und Sängerinnen ist, ohne das Ganze aus den Augen zu verlieren. Und er hat auf beglückende und geglückte Weise, das Meisterwerk Ariadne, „das über 300 Jahre Musikgeschichte erzählt“ (so Hofstetter im Programmheft), musikalisch neues Leben eingehaucht. Großer, einhelliger Applaus.

Ariadne auf Naxos am Stadttheater Giessen; weitere Vorstellungen 14.1.2018; 2.2.; 29.3.: 29.4.; 26.5.2018

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Frankfurt, Oper Frankfurt, HIGHLIGHT – SPIELPLAN FEBRUAR 2018

Dezember 5, 2017 by  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

HIGHLIGHTS IM SPIELPLAN DER OPER FRANKFURT IM FEBRUAR 2018


 Frankfurter Erstaufführung ROBERTO DEVEREUX – Konzertant

Tragedia lirica in drei Akten von Gaetano Donizetti

Freitag 2. Februar 2018, Weitere Vorstellung: 4. Februar 2018 um 19.00 Uhr
Preise: € 15 bis 115 (12,5% Vorverkaufsgebühr nur im externen Vorverkauf)

Oper Frankfurt / Roberto Devereux - Giuliano Carella (Musikalische Leitung ) © Agentur

Oper Frankfurt / Roberto Devereux – Giuliano Carella (Musikalische Leitung ) © Agentur

Gaetano Donizetti (1797-1848) gilt als einer der Hauptkomponisten des Belcanto. Roberto Devereux gehört zu seiner sogenannten Tudor-Trilogie, welche Persönlichkeiten aus dem englischen Königsgeschlecht in den Handlungsmittelpunkt stellte. Der Uraufführung des Werkes am 29. Oktober 1837 am Teatro San Carlo in Neapel gingen die für Mailand komponierten Opern Anna Bolena (1830) und Maria Stuarda (1835) voraus. Die geschichtlich verbürgten Fakten dienten dabei jedoch lediglich als Hintergrund für eine operntypische Liebesgeschichte. Nach dem großen Premierenerfolg wurde Roberto Devereux rasch an italienischen Häusern und später auch im Ausland nachgespielt. Donizettis Königinnen-Opern galten lange Zeit als Primadonnen-Vehikel, die in den 1950er Jahren durch Sängerinnen wie Maria Callas und Leyla Gencer sowie später von Beverly Sills dem Vergessen entrissen wurden. Mit den beiden konzertanten Aufführungen erklingt das Werk erstmals in Frankfurt.

Oper Franfurt / Roberto Devereux - Adela Zaharia (Sopran / Elisabeth I.) ©Klaudia Taday

Oper Franfurt / Roberto Devereux – Adela Zaharia (Sopran / Elisabeth I.) ©Klaudia Taday

Die Handlung schildert den tragischen Verlauf der mutmaßlich letzten Liebe von Englands „jungfräulicher Königin“ Elisabeth I. zu Roberto Devereux, dem 2. Earl of Essex. Als bekannt wird, dass dieser neben der Gunst der alternden Monarchin auch die ihrer jungen Hofdame Sara, Ehefrau seines besten Freundes, des Herzogs von Nottingham, genießt, kommt es, angefeuert von einer Intrige des getäuschten Ehemannes, zur Tragödie. An deren Ende verliert Roberto den Kopf auf dem Schafott und die Königin dankt zu Gunsten ihres Neffen Jakob, Sohn Maria Stuarts, ab.

Die musikalische Leitung liegt bei dem Italiener Giuliano Carella, der neben Dirigaten an internationalen Häusern auch regelmäßig in Frankfurt gastiert, so u.a. 2009/10 mit Donizettis Anna Bolena (konzertant). Donizettis Don Pasquale ist an der Staatsoper Stuttgart geplant, wo er zuvor schon u.a. Bellinis I puritani dirigierte. Die rumänische Sopranistin Adela Zaharia (Elisabetta I.) ist seit 2015/16 Ensemblemitglied an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf, wo sie u.a. als Donizettis Lucia di Lammermoor Triumphe feierte. 2017 gewann sie den Ersten Preis beim renommierten Operalia-Wettbewerb von Placido Domingo. Juan Jesús Rodríguez (Nottingham) stammt aus Spanien und gilt als ausgewiesener Verdi-Bariton. In der Vergangenheit gastierte er an der New Yorker Metropolitan Opera sowie an den Opernhäusern von Madrid, Rom und Hamburg. Alice Coote (Sara) war bisher regelmäßig an der Oper Frankfurt zu erleben, u.a. als Sesto in Mozarts Titus, Charlotte in Massenets Werther und Marguerite in Berlioz´ Fausts Verdammnis. Zu ihren Stationen zählen viele Engagements an der New Yorker Met, wohin sie bald als Le Prince Charmant in Massenets Cendrillon zurückkehren wird. Im Ensemble der Oper Frankfurt beheimatet ist der aus Guatemala stammende Mario Chang (Roberto Devereux), der in Frankfurt zuletzt als Herzog in Verdis Rigoletto und Lenski in Tschaikowskis Eugen Onegin zu erleben war. Auch Daniel Miroslaw (Gualtiero Raleigh) gehört dem Frankfurter Ensemble an, während Ingyu Hwang (Lord Cecil) Mitglied des Opernstudios war.


Premiere 22. Februar 2018 19.30 Uhr Bockenheimer Depot, weitere Vorstellungen:  24., 26. Februar, 1., 4., 5. März 2018, jeweils um 19.30 Uhr

Premiere / Uraufführung
A WINTERY SPRING – EIN WINTERLICHER FRÜHLING

Dramatisches Lamento in drei Szenen von Saed Haddad (*1972), Kompositionsauftrag der Oper Frankfurt und des Ensemble Modern, In englischer und arabischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere / Szenische Erstaufführung
IL SERPENTE DI BRONZO (DIE BRONZENE SCHLANGE)

Kantate ZWV 61 von Jan Dismas Zelenka, italienisch mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung: Franck Ollu; Regie: Corinna Tetzel
Mitwirkende A Wintery Spring: Alison King (Sopran), Deanna Pauletto (Alt), Brandon Cedel (Bassbariton)
Mitwirkende Il serpente di bronzo: Cecelia Hall (Egla), Judita Nagyová (Namuel), Brandon Cedel (Dio), Dmitry Egorov (Azaria), Michael Porter (Mose)

Oper Frankfurt / Saed Haddad (Komponist von A Wintery Spring; © Wesam M. Haddad

Oper Frankfurt / Saed Haddad (Komponist von A Wintery Spring; © Wesam M. Haddad

Das dramatische Lamento A Wintery Spring (Ein winterlicher Frühling) des in Jordanien geborenen und seit 2002 in Deutschland lebenden Komponisten Saed Haddad (*1972) setzt sich – ohne eine konkrete Geschichte über den Arabischen Frühling erzählen zu wollen – mit den aktuellen politischen wie sozialen Strukturen und Haltungen im Nahen Osten auseinander, auf der Suche nach Wegen, die Menschen und Traditionen miteinander verbinden könnten. Der Text dieses Kompositionsauftrags von Oper Frankfurt und Ensemble Modern basiert auf Gedichten des libanesischen Schriftstellers Khalil Gibran (1883-1931), dessen zentrale Themen Leben, Tod und Liebe sind. Kombiniert wird das dramatische Lamento mit der szenischen Erstaufführung der Kantate Il serpente di bronzo (Die bronzene Schlange) des böhmischen Barockkomponisten Jan Dismas Zelenka (1679-1745), in der Gott das zweifelnde Volk Israel mit einer Schlangenplage bestraft, so dass es schließlich seine Verfehlungen erkennt.

Oper Frankfurt / Haddads A Wintery Spring (Premiere / Uraufführung) / Zelenkas Il serpente di bronzo - Corinna Tetzel (Regie;) © Qiaochu Sun

Oper Frankfurt / Haddads A Wintery Spring (Premiere / Uraufführung) / Zelenkas Il serpente di bronzo – Corinna Tetzel (Regie;) © Qiaochu Sun

Die musikalische Leitung liegt bei dem französischen Dirigenten Franck Ollu, dessen künstlerische Arbeit ihn bereits seit vielen Jahren eng mit dem Ensemble Modern verbindet. Aktuell dirigiert der Spezialist für Neue Musik einen weiteren Doppelabend, bestehend aus Wolfgang Rihms Das Gehege in Kombination mit Luigi Dallapiccolas I prigioniero am Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel sowie im Anschluss an der Staatsoper Stuttgart. Corinna Tetzel (Regie) war der Oper Frankfurt von 2011/12 bis 2016/17 als Regieassistentin verbunden und inszenierte hier u.a. 2015 die Uraufführung von Lior Navoks An unserem Fluss im Bockenheimer Depot. Die Sängerbesetzung besteht fast vollständig aus Mitgliedern des Ensembles und des Opernstudios der Oper Frankfurt, darunter in A Wintery Spring Alison King (Sopran) und Brandon Cedel (Bassbariton) sowie in Il serpente di bronzo Cecelia Hall (Egla), Judita Nagyová (Namuel), Brandon Cedel (Dio) und Michael Porter (Mose). Die kanadische Altistin Deanna Pauletto gibt in der Uraufführung ihr Frankfurter Hausdebüt, während der russische Countertenor Dmitry Egorov (Azaria) hier regelmäßig zu Gast ist, zuletzt als Sorceress in Purcells Dido and Aeneas.


Sonntag, 25. Februar 2018, um 17.00 Uhr im Opernhaus

Premiere / Szenische Frankfurter Erstaufführung
L’AFRICAINE – VASCO DA GAMA

Grand opéra in fünf Akten von Giacomo Meyerbeer, In französischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Musikalische Leitung: Antonello Manacorda; Regie: Tobias Kratzer
Mitwirkende: Michael Spyres (Vasco da Gama), Claudia Mahnke (Selika), Brian Mulligan (Nelusko), Kirsten MacKinnon (Ines), Andreas Bauer (Don Pedro), Thomas Faulkner (Don Diego), Magnús Baldvinsson (Der Großinquisitor von Lissabon / Der Oberpriester des Brahma), Michael McCown (Don Alvar), Alison King (Anna) u.a.

Oper Frankfurt / L’Africaine - Michael Spyres © Marco Borelli

Oper Frankfurt / L’Africaine – Michael Spyres © Marco Borelli

Weitere Vorstellungen: 2., 11. (15.30 Uhr; mit kostenloser Betreuung von Kindern zwischen 3 und 9 Jahren), 16., 23., 31. März, 2. (15.30 Uhr) April 2018
Falls nicht anders angegeben, beginnen diese Vorstellungen um 18.00 Uhr
Preise: € 17 bis 165 (12,5% Vorverkaufsgebühr nur im externen Vorverkauf)

Der deutschstämmige Komponist Giacomo Meyerbeer (1791-1864) galt gut hundert Jahre lang als eine der beherrschenden Figuren im europäischen Musiktheater. Sein Name steht geradezu synonym für ein Genre, welches das Repertoire der Pariser Oper seit den späten 1820er Jahren prägte: die Grand opéra. Für deren Stil sind große Chor-Tableaux und weit ausgreifende Ensembleszenen im kontrastreichen Wechsel mit lyrischen Soloszenen kennzeichnend. Zählt man noch die vom damaligen Publikum erwarteten spektakulären technischen Effekte und das Ballett hinzu, kann man die Grand opéra salopp als Vorläufer des heutigen Blockbuster-Kinos bezeichnen. Als Meyerbeer 1864 kurz vor Probenbeginn zu seinem letzten Werk – dem ein Libretto von Eugène Scribe mit dem geplanten Titel Vasco da Gama zugrunde liegt – überraschend starb, wurde die Oper 1865 in Paris mit etlichen Kürzungen und Auslassungen als L’Africaine mit großem Erfolg uraufgeführt. Um die Jahrhundertwende jedoch verblasste Meyerbeers Stern, und Richard Wagners infames Pamphlet Über das Judentum in der Musik sowie später die Nationalsozialisten taten ein Übriges, so dass Meyerbeers Werke von den Spielplänen verschwanden. Erst am 2. Februar 2013 fand in Chemnitz eine Aufführung von L’Africaine statt – nunmehr unter dem französischen Titel Vasco de Gama –, die sich auf das gesamte Material Meyerbeers stützen konnte. Dieses liegt auch der Frankfurter Produktion zugrunde.

Oper Frankfurt / L’Africaine - Claudia Mahnke (Mezzosopran / Selika © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / L’Africaine – Claudia Mahnke (Mezzosopran / Selika © Barbara Aumüller

Zur Handlung: Vasco da Gama träumt von der Entdeckung unbekannter Horizonte, die er für Portugal erobern will. Nachdem ein erster Versuch, das Kap der Guten Hoffnung zu überwinden, gescheitert ist, versagt der Rat der Admiralität ihm jedoch eine weitere Expedition. Dabei kann Vasco mit Selika und Nelusko, zwei in Afrika auf dem Sklavenmarkt gekauften Fremdlingen, kundige Führer vorweisen. Nach unbedachten Äußerungen lässt ihn der Großinquisitor wegen Gotteslästerung in den Kerker werfen. Ines, seine große Liebe, kann ihn nur befreien, indem sie sich auf die von ihrem Vater befohlene Heirat mit Vascos Rivalen Don Pedro einlässt. Als dieser mit Ines zu einer weiteren Entdeckungsreise aufbricht, folgt Vasco ihm mit einem eigenen Schiff. Am Ziel, im ersehnten fernen Land, werden die Portugiesen von feindlichen Kriegern überwältigt. Den Eindringlingen droht der Tod. Selika, die ehemalige Sklavin, entpuppt sich als Königin ihres Volkes. Sie gibt Vasco als ihren Gatten aus und rettet ihn auf diese Weise. Doch weil sie spürt, dass er Ines nie vergessen wird, entsagt sie ihrer Liebe. Sie ermöglicht den beiden die Flucht und wählt den Freitod unter dem giftigen Manzanillo-Baum.

Für die musikalische Leitung kehrt Antonello Manacorda nach Mozarts Don Giovanni (2016/17) zurück nach Frankfurt. Der Italiener ist u.a. seit 2010 als Chefdirigent der Kammerakademie Potsdam engagiert. Regisseur Tobias Kratzer hat sich bereits ausgiebig mit dem Werk Meyerbeers auseinandergesetzt und inszenierte u.a. Les Huguenots in Nürnberg (2014) und Nizza (2016) sowie Le Prophète in Karlsruhe (2016). Die Stimme des amerikanischen Tenors Michael Spyres (Vasco da Gama) ist prädestiniert für die exponierten Partien der Grand opéra. Neben seinem Debüt an der Oper Frankfurt sind 2017/18 zudem Engagements an der Metropolitan Opera in New York, der Opéra national de Paris und der Wiener Staatsoper geplant. Auch Brian Mulligan (Nelusko) ist Amerikaner und war hier zuletzt 2016/17 als Golaud in Debussys Pelléas et Mélisande sowie 2017/18 als Luna in Verdis Il trovatore zu Gast. Seine Landsfrau Kirsten MacKinnon (Ines) war Schülerin am Curtis Institute of Music in Philadelphia und wird ab der Saison 2018/19 den Sängerstamm der Oper Frankfurt verstärken. Ensemblemitglied Claudia Mahnke (Selika) gastierte kürzlich als Kundry in Wagners Parsifal an der Hamburgischen Staatsoper. Alle weiteren Partien sind mit Mitgliedern des Ensembles und Opernstudios besetzt.


Oper Frankfurt / Rigoletto - Brenda Rae (Gilda) © Monika Rittershaus

Oper Frankfurt / Rigoletto – Brenda Rae (Gilda) © Monika Rittershaus

Samstag, 3. Februar 2018 19.30 Uhr, Weitere Vorstellungen: 9., 11. (15.00 Uhr;  kostenlose Betreuung von Kindern zwischen 3 und 9 Jahren), 11. (19.30 Uhr), 17., 24. Februar, 1., 4. (15.30 Uhr; kostenlose Betreuung von Kindern zwischen 3 und 9 Jahren), 8. März 2018

Erste Wiederaufnahme
RIGOLETTO  von Giuseppe Verdi

 
Musikalische Leitung: Alexander Prior / Simone Di Felice; Regie: Hendrik Müller
Mitwirkende: Franco Vassallo / Željko Lucic (Rigoletto), Brenda Rae / Sydney Mancasola (Gilda), Yosep Kang / Mario Chang (Der Herzog von Mantua), Kihwan Sim / Daniel Miroslaw (Sparafucile), Maria Pantiukhova / Katharina Magiera (Maddalena), Nina Tarandek (Giovanna), Magnús Baldvinsson (Graf von Monterone), Mikocaj Tribka / Iurii Samoilov (Marullo), Michael McCown / Ingyu Hwang (Borsa), Iain MacNeil (Graf von Ceprano), Bianca Andrew / Julia Dawson (Gräfin von Ceprano) u.a.

Oper Frankfurt / Rigoletto - Brenda Rae (Gilda) © Monika Rittershaus

Oper Frankfurt / Rigoletto – Brenda Rae (Gilda) © Monika Rittershaus

Giuseppe Verdis Rigoletto als bewegendes, tiefschwarzes Opernereignis in Frankfurt“ titelte die Fuldaer Zeitung nach der Premiere am 19. März 2017, und tatsächlich hatte man in der Hofgesellschaft von Mantua vermutlich selten so verruchte, jedoch gekonnt geführte Individuen erblickt wie in dieser Produktion. Und deshalb konstatierte der Rezensent der Frankfurter Rundschau: „Vieles an Hendrik Müllers inszenatorischer Arbeit zeigte sich als überdurchschnittlich ideenreich und sorgfältig, ja geradezu liebevoll realisiert.“ Zudem konnte man in der Rheinpfalz lesen: „Hendrik Müller nutzt alle theatralischen Mittel und spielt mit ihnen. Keine Scheu hat er vor pathetischen Gesten, überstarken Bildern, grellen Effekten. Doch setzt er sie ein, um hinter die Figuren zu blicken.“ Nun erfolgt die erste Wiederaufnahme dieser Produktion, die Rigolettos Handeln als Ausdruck übertriebener und sich dadurch gegen die Protagonisten richtende Religiosität zeigt.

Der Fluch eines Opfers seines Spottes holt den buckligen Hofnarren Rigoletto grausam ein: Zwar gelingt es ihm, die Existenz seiner Tochter Gilda vor dem Herzog von Mantua zu verbergen, aber als der Frauenheld das schöne Mädchen dennoch entdeckt und entehrt, schwört Rigoletto blutige Rache und setzt den zwielichtigen Sparafucile auf ihn an. Als sich auch Sparafuciles Schwester Maddalena in den Herzog verliebt, hintergeht der Mörder seinen Auftraggeber, so dass Rigoletto am Ende – statt über den Herzog zu triumphieren – seine sterbende Tochter in den Armen hält.

Der britische Dirigent Alexander Prior gibt mit der Wiederaufnahme dieser Produktion aus der Spielzeit 2016/17 sein Debüt an der Oper Frankfurt. Der 24-Jährige ist seit dieser Saison Chefdirigent des kanadischen Edmonton Symphony Orchestras. In der Titelpartie kehrt nach seinem Einspringen als Don Carlos in zwei konzertanten Aufführungen von Verdis Ernani 2016/17 Franco Vassallo an die Oper Frankfurt zurück. Der italienische Bariton ist regelmäßiger Gast an allen großen Opernhäusern weltweit und gilt als gesuchter Verdi-Bariton. Zuletzt sang er Ford (Falstaff) und Renato (Un ballo in maschera) an der Münchner Staatsoper, Rodrigo (Don Carlos) in Genua und Carlos (La forza del destino) in Amsterdam. Zudem sind Auftritte als Jago (Otello) an der Hamburgischen Staatsoper geplant. Als Gilda kehrt Brenda Rae in die Produktion, in der sie einen triumphalen Erfolg verbuchen konnte, zurück – nunmehr allerdings als Gast, nachdem sie das Ensemble am Ende der Saison 2016/17 zugunsten ihrer freiberuflichen Karriere verlassen hat. An ihrer Seite steht ein neuer Herzog von Mantua: der koreanische Tenor Yosep Kang gastiert in dieser Partie zudem an der Dresdner Semperoper, gefolgt von der Hamburgischen Staatsoper und der Deutschen Oper Berlin. Als Sparafucile ist nun Ensemblemitglied Kihwan Sim besetzt, der hier kürzlich als Procida in Die sizilianische Vesper brillierte. Gleichfalls aus dem Ensemble stammt Maria Pantiukhova, die nach Auftritten als Olga in Tschaikowskis Eugen Onegin die Partie der Maddalena übernimmt. In den übrigen Partien sind ausnahmslos Sängerinnen und Sänger aus dem Ensemble und dem Opernstudio der Oper Frankfurt besetzt, sowohl mit neuen als auch mit der Produktion bereits vertrauten Namen. Im Wechsel mit Franco Vassallo kehrt Publikumsliebling und Weltstar Željko Lucic für zwei Abendvorstellungen am 11. und 17. Februar 2018 an sein altes Stammhaus zurück, an seiner Seite dann die Ensemblemitglieder Sydney Mancasola (Gilda), der premierenbewährte Mario Chang (Herzog), Daniel Miroslaw (Sparafucile) und Katharina Magiera (Maddalena). Auch hier erscheinen sowohl neue als auch mit ihren Partien bereits vertraute Ensemblesängerinnen und -sänger in den Nebenrollen.PMOFfm

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Hannover, Staatsoper Hannover, Salome von Richard Strauss, IOCO Kritik, 28.11.2017

November 28, 2017 by  
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Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Salome von Richard Strauss

Der Traum vom liebenden Blick

Von Hanns Butterhof

Wenn zu Beginn Salome in blauem, geschlitztem Kleid aus dem Fransenvorhang, hinter dem ihr Stiefvater Herodes ein Fest feiert, ins Licht tritt, entzieht sie sich dessen lüsternem Blick. Am Ende tritt sie in den Vorhang zurück und entzieht sich, nach seinem Befehl, sie zu töten, diesem Blick für immer. Ihr kurzer Traum, von einem anderen, liebenden Blick berührt zu werden, ist ergreifend gescheitert.

youtube Trailer zu Salome an der Staatsoper Hannover

An der Staatsoper Hannover haben Regisseur Ingo Kerkhoff  und seine Bühnenbildnerin Anne Neuser für Richard Strauss’ Oper „Salome“ die Bühne fast völlig frei gelassen. Nach hinten wird sie von einem silbrigen Fransenvorhang abgeschlossen, hinter dem der lärmend feiernde Hof des Herodes liegt, dem König der Juden. Wenn Salome nach vorne kommt, senkt sich knapp hinter ihr eine goldene Wand. Dadurch wird die Aufmerksamkeit auf sie konzentriert und trefflich betont, dass alles, was dann dicht an der Rampe zwischen ihr und dem gefangenen Propheten Jochanaan geschieht, von einer anderen Welt, fast ein Traum ist.

Staatsoper Hannover / Salome - Annemarie Kramer als Salome © Thomas M. Jauk

Staatsoper Hannover / Salome – Annemarie Kramer als Salome © Thomas M. Jauk

Zu dem silbrigen Klarinettenlauf, der deutlich freundlich von Salome spricht, warnt der Page (Hanna Larissa Naujoks) davor, Menschen mit einem Blick anzusehen, der sie zu Objekten macht. Er steht mit dem verliebten Narraboth (Simon Bode) bei den Zuschauern im Rang, beide für einen abendlichen Opernbesuch angemessen gekleidet (Kostüme: Inge Medert). Es ist der dann glücklich eingelöste Hinweis darauf, dass nicht die mit der „Salome“ meistens verknüpfte sinnliche Sensation in exotischen Fernen zu erwarten ist, sondern dass es ums Hier und Jetzt geht.

Die Sensation besteht dann in der fesselnden Deutung der Oper, die in das innere Geschehen der Figuren musiktheatralisch hineinzieht, ohne groß etwas von außen an sie heranzutragen. In der kargen Inszenierung wird so vieles deutlich, was sonst im Gewitter der Regie-Geistesblitze untergeht.

 Staatsoper Hannover / Salome - hier: Annemarie Kremer als Salome und Brian Davis als Jochanaan © Thomas M. Jauk

Staatsoper Hannover / Salome – hier: Annemarie Kremer als Salome und Brian Davis als Jochanaan © Thomas M. Jauk

Annemarie Kremer, die holländische Sopranistin als Gast am Staatstheater, ist gesanglich und darstellerisch beeindruckend. Ihr kräftiger Sopran glänzt in den Höhen, angesichts der Gruft des Jochanaan taucht sie in abgründige Tiefen. Ihre Salome will heraus aus der schwülen Luft des Palastes. Sie ist begierig nach der Reinheit, die ihr der gefangene Prophet zu verkörpern scheint. Sie drängt sich ihm stürmisch auf, sinnlich an ihn heran in der einzigen Art, in der sie am Hof Liebe kennengelernt hat, und der sie eigentlich entkommen möchte. Als sie damit bei Jochanaan keinen Erfolg hat, bleibt ihr nur der verzweifelte Weg, ihn als Leiche in ihren Besitz zu bringen. Ihr Werben um den Propheten, dass er sie liebend ansehen möge, und ihr finaler Gesang mit dem blutigen Haupt entsetzen nicht nur, sondern rühren zu Tränen.

Auch der Prophet Jochanaan, dem Brian Davis eine eindrücklich menschliche Statur gibt, überzeugt mit seinem warmen und gut geführten,  triumphierenden Bariton. Sein in einen schwarzen Anzug gekleideter Jochanaan äußert sich gegenüber Salome prophetisch korrekt abwehrend, lässt sich aber doch von ihren sinnlichen Reizen, ihrem Liebeswollen ansprechen. Als er sie mit donnernder Orchesterverstärkung verflucht, ist das auch ein gegen sich selbst gerichteter Gewaltakt zur Selbstrettung.

Der Schleiertanz, mit dem Salome daraufhin dem zögernden Herodes (Robert Künzli) den Befehl abringt, Jochanaan köpfen zu lassen, ist ein überaus glücklicher Regieeinfall. Statt des von Strauss immer gefürchteten exotischen Tingeltangels beschreibt die Szene mehr die Phantasien des Herodes als den Tanz der Salome. Die steht sogar manchmal, ein Glas Wein in der Hand, beobachtend daneben, wenn ihr Stiefvater, blind vor Gier, in die Arme eines der mit Frauenkleidern locker behangenen Festgäste taumelt. Dann stachelt sie ihn wieder kurz an, selber tanzend, wenn auch vergeblich, nach ihr zu haschen.

 Staatsoper Hannover / Salome - hier Robert Künzli als Herodes Ensemble © Thomas M. Jauk

Staatsoper Hannover / Salome – hier Robert Künzli als Herodes Ensemble © Thomas M. Jauk

Nur in dieser Szene erscheint Herodes als lächerliche Figur. Sonst gibt ihm Robert Künzli überzeugend mit messerscharfem Tenor die Statur eines statusunsicheren Mannes, der posiert und sich immer größer machen möchte, als er ist. Kühl beobachtet ihn seine mit schlichter Eleganz gekleidete Frau Herodias, von Khatura Mikaberidze mit feinem Mezzosopran zurückhaltend gegeben. Nur als Herodes den Befehl zum Töten des Jochanaan ausspricht, bricht ein erleichterter Triumphschrei aus ihr heraus.

Das Ensemble bietet eine ansprechende Leistung. Vor allem gefällt Simon Bode als stimmstarker Narraboth, dessen theaterblutiger Selbstmord etwas störend naturalistisch inszeniert ist. Wie die streitenden Juden mit ihren Karnevalshütchen muss man sich unwillkürlich die Sondierungsgespräche in Berlin vorstellen.

Hannovers GMD Ivan Repušic entfaltet mit dem Niedersächsischen Staatsorchester begeisternd die gesamte Bandbreite dieser Strauss’schen Wahnsinnspartitur, von den mit graziler Feinarbeit herausgearbeiteten lyrischen Passagen bis hin zu den expressiv gewaltigen Motivballungen von krachender Größe. Dabei gelingt ihm das Kunststück, hörbar zu machen, was in den Figuren vor sich geht. Er schafft es vor allem im Schluss, im Entsetzen über Salomes schreckliche Tat vor allem auch den Schmerz und die unendliche Sehnsucht der Salome nach dem vielleicht unerreichbar reinen Blick der Liebe deutlich zu machen, dass einem fast das Herz bricht; ist es doch die Sehnsucht, die das Publikum auch als eigenen Traum kennt.

Salome an der Staatsoper Hannover: Die nächsten Termine: 1., 10., 13., und 22.12.2017, jeweils 19.30 Uhr.

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Osnabrück, Theater am Domhof, Tanzstück „Home sweet home“ von Mauro de Candia, IOCO Kritik, 22.11.2017

November 22, 2017 by  
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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Mauro de Candia vertanzt Kafkas Brief an den Vater

Albtraum vom trauten Heim

Von Hanns Butterhof

Sicher nicht zufällig in dieser Zeit der Unsicherheit mit ihrer Sehnsucht nach Geborgenheit, Heimat und einer starken Führung durch die Unübersichtlichkeit hat Osnabrücks Tanzchef Mauro de Candia Franz Kafkas düsteren „Brief an den Vater“ zum Anlass für sein neues Tanz-Stück „Home Sweet Home“ genommen. Es zeigt einen Albtraum.

Der Titel „Home Sweet Home“ ist reine Ironie. Der eineinhalbstündige Tanzabend zeigt statt einer wohligen Heimstatt das quälend enge Beziehungsgefüge einer Familie, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Zu Beginn steht Marine Sanchez Egasse im dunkelroten Kleid am Fenster und schaut lange hinaus. Sie ist die Mutter, und schon sie deutet eine verhohlene Sehnsucht an, hinauszukommen aus dem noch im Dunkel liegenden Raum, dessen immer wieder verführerisch glänzende Tür nach draußen weit hinten liegt (Bühne, Kostüme, Licht: Mauro de Candia).

Theater Osnabrück / Dramaturgin Patricia Stoeckemann und Tanzchef Mauro de Candia © Hanns Butterhof

Theater Osnabrück / Dramaturgin Patricia Stoeckemann und Tanzchef Mauro de Candia © Hanns Butterhof

Dort sitzt der Vater im grauen Anzug am Kopfende eines Tischs, der stocksteife Oleksandr Khudimov, der mit militärisch ruckartigen Bewegungen die Familie dirigiert, ab und zu mild gebremst von seiner Frau. Links von ihm, an der Längsseite, sitzt seine Tochter, die ängstlich verdruckste Cristina Commisso. Lennart Huysentruyt ist der Sohn, das Ich des Stücks, dessen Perspektive erzählt wird. Er liegt in Jeans und einem gelben Rollpullover abseits des Tisches auf dem Boden, während von überall her Stimmen auf ihn eindringen. Wenn er sich geduckt an den Tisch setzt, erscheint ihm der gegenüber sitzende Vater wie ein Raubtier, das zum Sprung auf ihn gespannt ist.

Theater Osnabrück / Tanzstück Home sweet home - hier vlnr Oleksandr Khudimov, Marine Sanchez Egasse, Cristina Commisso, Lennart Huysentruyt © Jörg Landsberg

Theater Osnabrück / Tanzstück Home sweet home – hier vlnr Oleksandr Khudimov, Marine Sanchez Egasse, Cristina Commisso, Lennart Huysentruyt © Jörg Landsberg

Es wird für den unter der Dominanz des Vaters leidenden Sohn keinen Ausweg geben, so sehr er sich quält. Auch wenn der Vater Gesten, Ansätze der Beziehungsaufnahme zeigt, zieht er die krampfenden Hände doch wieder zurück. Er demonstriert stattdessen mit kraftvollem Ausschreiten des Raums im Marschtakt seinen Anspruch auf die Herrschaft und verdrängt den Sohn sogar von der Türe, bis der sich Schutz suchend unter dem Tisch verbirgt.
Eifersüchtig und gedemütigt beobachtet er, wie der Vater mit der Mutter tanzt und dabei seine männliche Überlegenheit herauskehrt.
Nur in einer Szene nähert sich die Schwester zaghaft, auf Umwegen, dem verloren dasitzenden Bruder. Sie lockt ihn aus seiner Apathie, indem sie den Platz des Vaters und so dessen Bild verdeckt. Erst da lässt er ihre Nähe zu, und sie kommen für einen Moment zu einem wunderbar ruhigen Duett zusammen.

Theater Osnabrück / Tanzstück Home sweet home - hier Drückende Dominanz des Vaters Lennart Huysetruyt und Oleksandr Khudimov © Jörg Landsberg

Theater Osnabrück / Tanzstück Home sweet home – hier Drückende Dominanz des Vaters Lennart Huysetruyt und Oleksandr Khudimov © Jörg Landsberg

Zu meist quälend atonaler Musik von Alfred Schnittke bis zu György Ligeti wiederholt sich mit wechselndem tänzerischen Ausdruck das Ertragen dieser unerträglichen Beziehungen, denen der Tanz in seiner Wortlosigkeit genau entspricht.

Da ist nur zu verständlich, dass sich das Bewusstsein des Sohns aus der Wirklichkeit in eine Phantasiewelt verabschiedet. Zu Vogelgezwitscher tauchen ganz in Schwarz gekleidete, gesichtslose Gestalten (Dance Company) auf, die sich bewegen wie er, die ihn schützend umringen, ihn tragen, auf den Kopf stellen und schließlich seine Welt mit Wänden von seinem untrauten Heim abtrennen, aus dem es für ihn kein Entkommen gibt.
Vielleicht hätte de Candia nicht auf Kafkas „Brief an den Vater“ als Anlass für seinen Tanzabend hinweisen sollen. Dieser Hinweis verengt leicht den Blick auf das Stück und lenkt ihn auf die mehr oder weniger genaue Umsetzung der persönlichen Umstände Kafkas. Andernfalls käme die allgemeine Aussage des Stücks deutlicher in den Blick, dass die Sehnsucht nach Geborgenheit im trauten Heim, nach fester Führung durch den guten Führer zumeist nicht in eine Phantasiewelt, sondern in den Albtraum führt.

Nach anderthalb Stunden pausenlosen Tanzes gab es anhaltenden Beifall des Premierenpublikums für die ausdrucksstarken Tänzerinnen und Tänzer wie auch Mauro de Candia und seine Dramaturgin Patricia Stöckelmann.

Tanzstück Home sweet home im emma-Theater des Theater Osnabrück: Die nächsten Termine:22., 24., 26. und 30.11.2017, jeweils 19.30 Uhr

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