
Kritik
Turandot in der MET
3.788 Sitzplätze und eines der größten Musiktheater der Welt, vermutet man hier wirklich nicht: Hinter der braven, fast bürgerlichen Fassade dieses harmlosen Quadergebäudes. Aber es ist so: Im Lincoln Center in New York, an der 65. Straße, liegt die New Yorker Metropolitan Opera, meist nur kurz MET genannt. Unmittelbar neben der New York City Opera gelegen, dem zweiten großen Opernhaus New Yorks. Gebaut 1880 entwickelte sich die Met seit Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem der führenden Musiktheater der Welt. Puccini und andere Komponisten schwärmten von diesem Haus. Caruso war hier Dauergast, Maria Callas sang hier 1956 erstmals die Norma, Mahler und Toscanini waren langjährige Dirigenten. James Levine seit fast 40 Jahren musikalisch mit verantwortlich.
Der Etat der Met beträgt ungefähr € 230 Mio; öffentliche Zuschüsse werden kaum geleistet. Sponsoren tragen 40 %, 60% der Einnahmen werden aus Kartenverkauf, öffentlichen Übertragungen und anderen Bereichen privatwirtschaftlich erzielt. Zum Vergleich: In Deutschland betragen öffentliche Zuschüsse zu Musiktheatern oft 70 % des Etats und mehr; die Einnahmen durch Kartenverkäufe liegen oft bei nur 25 %. Die nur durch Subventionen ermöglichten umstrittenen Inszenierungen in Deutschland beschreibt man in New York emotionslos als Eurotrash. Dennoch, auch an der Met legt man großen Wert auf Regie und Inszenierung. Park and bark (parke und belle), wie Rampenstehgesang dort oft spöttisch umschrieben wird, gilt auch an der Met seit langem als `out´, verpönt. Die Neigung vieler europäischer Regisseure und Intendanten, erhebliche Aufwendungen ihres Etats in Randgruppen-Fetischismus zu veröffentlichen, findet in den USA nur selten Anhänger.
Dafür ist Auslastung ein beständiges Thema der Metropolitan Opera: Sie lag bei über 90% vor 9/11; über 90 % sind es auch heute wieder. Verantwortlich für den Erfolg ist seit 2006 Peter Gelb, Met - General Manager. Zuvor war Gelb Chef der Sony Classical worldwide und zeichnete dort unter anderem für die Filmmusik des Filmes Titanic verantwortlich. Gelb , in seiner unternehmerischen Verantwortung, treibt unter anderem Direktübertragungen von Produktionen in hunderte von Kinos und läßt keine Regisseure an neue Inszenierungen, die nur Opern inszenieren. Was hält er von Konwitschny Inszenierungen? Zu anspruchsvoll für New York? Nein, so Gelb, das ist nicht zu anspruchsvoll, das ist zu schlecht für New York.
So sahen wir am 14.11. die ausverkaufte (3.788 Plätze) Turandot Aufführung, in der seit Jahren laufenden, aufwendigen Franco Zefirelli Inszenierung: Zweidimensionalität chinesischer Kunst auf der Bühne zu reflektieren, ein Seerosenteich in der Bühnenmitte drängt das riesige Ensemble auf eine zierliche Brücke oder an die Bühnenseiten; prachtvolle Kostüme und Kulissen, meist in Silber und Pastell gehalten. Der Kaiserpalast überwältigend in seiner goldenen Großzügigkeit. Wunderbare Details, wie die sich ausgrenzenden, in lautem blau und rot gehaltenen, verspielten Kostüme von Ping Pang Pong und deren konspirative Choreographie. Auch die Regie betont Macht und Pracht des chinesischen Kaiserreichs. Dunkelheit und raffinierte Lichteffekte begleiten durch die ganze Inszenierung. Dirigiert wurde dieser Turandot von Andris Nelson, mit Lise Lindstrom als Turandot, Marina Poplavskaya als Liu, Marcello Giordano als Calaf und Samuel Ramey als Timur. Marina Poplovskaya und Marcello Giordano beherrschten ihre Partien perfekt, spielten überzeugend. Calafs Wille, die Turandots Rätsel zu lösen, war durch Giordano perfekt dargestellt. Wenn auch seine Nessum dorma Arie geschmeidiger, ruhiger hätte gesungen werden können. Nur Samuel Ramey als Timur schwächelte etwas. Die New Yorker, so sagen sie, gehen zunächst in die Oper, um gute Stimmen zu hören. Und dieser Erwartungshaltung wurde die Met an diesem Abend gerecht. Die Genugtuung über eine klassische, aber unendlich detailreiche Inszenierung kommt dabei fast zu kurz.
Meine Nachbarn in der Met waren an diesem Abend ca 30 Lehrer und Schüler einer Freien Waldorf-Schule aus New Hampshire. Sie waren 5 Stunden im Bus nach New York gefahren, um diese Turandot-Aufführung zu sehen. In New Hampshire gibt es fast keine Opernhäuser, nur ein paar kleinere Produktionen. Am nächsten Morgen gegen 4 Uhr würden sie wieder Heim sein, in New Hampshire. Zufrieden mit dem Gesehenen. Auch wir waren zufrieden mit dieser Aufführung. Nur war unser Heimweg kürzer.
IOCO / Viktor Jarosch / 14.11.2009











