New York, Metropolitan Opera, Turandot IOCO Kritik, 14.11.2009


Kritik

Metropolitan Opera

Turandot in der MET

3.788  Sitzplätze und  eines der größten Musiktheater der Welt,  vermutet man hier wirklich nicht:  Hinter der  braven,  fast  bürgerlichen Fassade dieses harmlosen Quadergebäudes.  Aber es ist so:  Im  Lincoln Center in New York, an der 65. Straße,  liegt  die New Yorker  Metropolitan Opera, meist nur kurz MET genannt.  Unmittelbar neben der New York City Opera  gelegen, dem zweiten großen Opernhaus New Yorks.  Gebaut  1880 entwickelte sich die Meseit  Anfang des 20. Jahrhunderts  zu einem der führenden Musiktheater der Welt.  Puccini    und andere Komponisten schwärmten von diesem Haus.  Caruso war hier Dauergast, Maria Callas sang  hier 1956 erstmals die NormaMahler und Toscanini  waren langjährige Dirigenten.  James Levine  seit fast 40 Jahren musikalisch mit verantwortlich.

Der Etat  der Met  beträgt ungefähr € 230 Mio;  öffentliche Zuschüsse werden  kaum geleistet. Sponsoren tragen 40 %,  60%  der Einnahmen werden aus Kartenverkauf, öffentlichen Übertragungen und anderen Bereichen  privatwirtschaftlich erzielt.  Zum  Vergleich: In Deutschland betragen öffentliche  Zuschüsse  zu Musiktheatern oft  70 % des Etats und mehr; die Einnahmen durch Kartenverkäufe liegen oft bei  nur  25 %.  Die  nur  durch  Subventionen  ermöglichten  umstrittenen Inszenierungen in  Deutschland beschreibt man in New York  emotionslos  als  Eurotrash. Dennoch,  auch  an der Met  legt man großen Wert  auf  Regie und Inszenierung.  Park and bark (parke und belle), wie  Rampenstehgesang  dort oft spöttisch umschrieben wird,  gilt  auch an der Met  seit langem als `out´, verpönt.   Die Neigung vieler europäischer Regisseure und Intendanten,  erhebliche Aufwendungen  ihres Etats in  Randgruppen-Fetischismus zu veröffentlichen,  findet  in den USA  nur selten Anhänger.

Dafür ist Auslastung ein beständiges Thema der Metropolitan Opera:  Sie lag bei über 90%  vor 9/11;  über 90 % sind es auch heute wieder. Verantwortlich für den Erfolg ist  seit 2006  Peter GelbMet - General Manager.  Zuvor war Gelb Chef der Sony Classical  worldwide  und zeichnete  dort unter anderem für die  Filmmusik  des Filmes  Titanic verantwortlich.  Gelb , in seiner unternehmerischen Verantwortung,  treibt  unter anderem Direktübertragungen von Produktionen in hunderte von Kinos und läßt keine Regisseure an  neue  Inszenierungen, die nur Opern inszenieren. Was hält er von  Konwitschny  Inszenierungen?  Zu anspruchsvoll für New York?  Nein, so Gelb,  das ist nicht zu anspruchsvoll, das ist zu schlecht für New York.

So sahen wir am 14.11.  die  ausverkaufte  (3.788 Plätze) Turandot Aufführung,  in der seit Jahren laufenden,  aufwendigen  Franco Zefirelli  InszenierungZweidimensionalität chinesischer Kunst auf der Bühne zu reflektieren, ein  Seerosenteich in der Bühnenmitte  drängt  das riesige  Ensemble auf eine zierliche Brücke oder an die Bühnenseiten;  prachtvolle  Kostüme und Kulissen,  meist in Silber und Pastell gehalten.  Der Kaiserpalast überwältigend in seiner goldenen Großzügigkeit. Wunderbare Details, wie  die sich ausgrenzenden,  in lautem blau und rot gehaltenen,  verspielten Kostüme  von Ping Pang Pong und deren konspirative Choreographie.  Auch die Regie  betont  Macht und Pracht des chinesischen Kaiserreichs.  Dunkelheit  und raffinierte Lichteffekte begleiten durch die  ganze Inszenierung.                  Dirigiert  wurde  dieser  Turandot  von  Andris  Nelson, mit Lise Lindstrom als Turandot, Marina Poplavskaya als Liu, Marcello Giordano als Calaf  und  Samuel Ramey als Timur.  Marina  Poplovskaya und Marcello Giordano   beherrschten ihre Partien perfekt, spielten überzeugend. Calafs  Wille, die  Turandots Rätsel zu lösen, war durch Giordano  perfekt dargestellt.  Wenn auch seine Nessum dorma Arie geschmeidiger,  ruhiger  hätte  gesungen werden können.  Nur Samuel Ramey als Timur schwächelte etwas.  Die New Yorker, so sagen sie,  gehen zunächst in die Oper, um gute Stimmen zu hören.  Und dieser Erwartungshaltung wurde die Met an diesem Abend gerecht.  Die Genugtuung über eine  klassische,  aber unendlich detailreiche Inszenierung kommt dabei fast  zu kurz.

Meine Nachbarn in der Met  waren an diesem Abend  ca  30  Lehrer und Schüler einer Freien Waldorf-Schule aus New Hampshire.  Sie waren 5 Stunden im Bus nach New York gefahren,  um diese Turandot-Aufführung zu sehen.   In New Hampshire gibt es fast keine Opernhäuser, nur ein paar kleinere Produktionen.  Am nächsten Morgen gegen 4 Uhr würden sie wieder Heim sein, in New Hampshire.  Zufrieden mit dem Gesehenen.  Auch wir waren zufrieden  mit  dieser  Aufführung. Nur war unser Heimweg  kürzer.

IOCO / Viktor Jarosch / 14.11.2009

New York, Carnegie Hall; Verpatzter Auftritt der Berliner Philharmoniker am 13.11.; IOCO Bericht

Die  1891  gebaute  Carnegie Hall in New York  entwickelte in den letzten Jahren ein weltweit auffälliges  musikalisches  Angebot.  Der große  Konzertsaal, das  Isaac Stern Auditorium, bietet mit 2.804 Sitzplätzen  Raum  für  große  Ereignisse;  für  kleinere  Veranstaltungen werden  unter  gleichem  Dach  zwei kleinere Konzertsäle  mit knapp 600 Sitzplätzen  (u.a. in der Zankel Hall)  geboten.

So wurde es inzwischen Tradition der großen Orchester der Welt,  in diesem  ehrwürdigen Haus Station zu machen.  Auch die Berliner Philharmoniker treten regelmäßig  in der Carnegie Hall  auf.  Sie gehören somit – zumindest dem  Rufe nach – zu den besten Orchestern der Welt. Und so  traten sie auch in diesem Jahr  dort auf: Mit Brahms-Sinfonien:  Am 11.11.  mit der  1. Sinfonie c-Moll,  die  2. Sinfonie D-Dur am 12.11.,  die  3. Sinfonie F-Dur und  4. Sinfonie e-Moll  sollten am 13.11. den Zyklus in New York beschließen.

Doch das von IOCO  besuchte Konzert am 13.11. stand unter keinem guten `Stern´:  Zeitgleich zu  den  Berliner Philharmonikern  im  Stern  Auditorium  traten  in der  Zankel Hall   Cap Verdische Musiker mit Verstärkern, Trommeln und Guitarristen auf.  Die  unwiderstehliche Sängerin  Sara Tavares  motivierte ihre Cap Verdischen  Musiker  derart erfolgreich,  daß  Simon Rattle und  seine Berliner  Philharmoniker in  ihrem Brahms-Konzert fortwährend mit  Hintergrundklängen afrikanischer Lebenslust zu kämpfen hatten.  Welche  einfach nicht zu Brahms passen wollten.

Clive Gillinson,  Carnegie´s Artistic Direktor, entschuldigte sich für den Vorfall.  Bestehende Kontrollen, welche genau dieses Problem hätten verhindern sollen, haben an diesem Abend  nicht gegriffen. Lautstärketests, so Gillinson,  seien Routine;  doch  augenscheinlich  sei irgend etwas schief gelaufen. Was  es war, das prüfe man noch.

Das Dirigat von Simon Rattle  war allerdings auch lau; es  zeigte keine  gestaltende  Führung.  Rattle schien seine Philharmoniker  eigenständig spielen  lassen zu wollen;  diese nutzten  ihre Freiräume lebhaft.  Denn Brahms kann dieses Orchester natürlich  spielen.  Und so  schien  dieses  Konzert in der Carnegie Hall  mehr  ein  Verbund von Individualisten sein. Nicht wie  zu  Karajan´s  Zeiten,  als die Klangfülle  immer  geschliffen,  die Abstimmung aller Instrumente,  besonders  der Bläser immer pointiert,  geformt  war. So sprangen in diesem Konzert  immer wieder, fast unpassend,  individuelle,  überzeichnete  Instrumente hervor, welche die Geschlossenheit des Klangkörper, der ganzen Komposition  störten. Rattle´s  laissez-faire Dirigat  führte zudem dazu, daß auch die Lautstärken  einfach nicht zueinander passten:  Fortissimo waren übertrieben und schlammig; Piano (“p”)  hat Rattle vielleicht noch erreicht;  Pianissimo (“pp”)  waren zumindest an diesem Abend für Rattle unerreichbar.

Vielleicht war Simon Rattle  an diesem Abend durch die Töne oben beschriebener Sara Tavares irritiert. Vielleicht vermissten die Berliner Philharmoniker an diesem Abend mehr Führung.  Was  immer es  war:  Große Namen,  hier  Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker,  bedeuten nicht zwangsläufig  Qualität.  Somit war aus IOCO-Sicht  das Brahms-Konzert der  Berliner Philharmoniker  unter  Simon Rattle  am 13.11.  in der Carnegie-Hall  leider ein musikalischer Mißerfolg.

Ihr

IOCO-Team / VJ