Stockholm, Kungliga Operan, Der schwedische Nussknacker, IOCO Kritik, 13.12.2011


Bericht

Kungliga Operan

Der Nussknacker von E.T.A. Hoffmann

Im Gewand schwedischer Kinder- und Märchenfiguren

Der “schwedische Nussknacker” ziert den Spielplan der Königliche Oper Stockholm  (Kungliga Operan) seit seiner Premiere Weihnachten 1994. Weihnachten 2002, so Torbjörn Eriksson von der Oper Stockholm, brachen in der Stadt geradezu Unruhen aus, weil der “schwedische Nussknacker” vom Spielplan genommen worden war.  Seither weiß die Opernintendanz:  Sie kann den Spielplan des Hauses weitgehend frei gestalten, doch am “schwedischen Nussknacker” endet die Macht des Intendanten.  Folge: Seit 2003  ist dieser Nussknacker unantastbar Teil des Weihnachtsspielplanes der Königlichen Oper Stockholm.

Opernhaus Stockholm (c) Mats Bäcker.Stockholm, Nussknacker und Onkel Blau für Verwandten (c) A. Kenney.Schwedischer Nussknacker, Petter und Lotta (c) hanna@hannateleman

Nussknacker und Mausekönig  heißt die 1816 erschienene Erzählung von E.T.A. Hoffmann (1776 – 1822)  in welcher dieser, versteckt, die Kinder seines Freundes Hitzig wiedergibt:  Marie, Tochter des Medizinalrats Stahlbaum, findet zu Weihnachten einen Nussknacker auf dem Gabentisch. Bruder Fritz knackt mit der neuen Holzpuppe so harte Nüsse, dass dessen Zähne knirschen. Marie stellt den beschädigten Nussknacker zur Miniatur-Husarenarmee des Bruder Fritz….. Alexander Dumas´ Nussknacker-Version vertonte 1892 Peter Tschaikowski 1892  als Ballett.  Der Nussknacker  sollte sich zu einem der populärsten Theatermärchen für Kinder aber auch Erwachsene entwickeln. Im Mittelpunkt der Handlung von Peter Tschaikowskis Nussknacker steht Klärchen, russisch “Mascha”. Am Weihnachtsabend schenkt ihr der Patenonkel Droßelmeier einen Nussknacker. Klärchen schläft ein und träumt von einer Schlacht der von ihrem Nussknacker angeführten Spielzeughusaren gegen das Heer des Mäusekönigs. Mit Klärchens Hilfe siegt der Nussknacker, der sich danach in einen Prinzen verwandelt.

An der Königlichen Oper Stockholm waren bis 1994 vier Nussknacker produziert worden, alle traditionell: 1967 choreographierte Rudolf Nurejew den Nussknacker für das Königliche Ballett. Choreograph der jetzigen Inszenierung und ehemaliger Tänzer Pär Isberg war 1993 von der Idee getrieben, einen schwedischen Nussknacker zu schaffen.  Die in Schweden innig geliebten mystischen Kinder- und Märchenfiguren Onkel Blau, die Tanten Grün, Braun, Lila wie die Kinder Petter und Lotta, geschaffen von der Schriftstellerin und Malerin Elsa Beskow (1874 – 1953), sollten die Handlung seines Nussknacker füllen. Dazu, so Isberg, der Schmuck traditioneller schwedischer Weihnachtsmärkte: Bocksköpfe in allen Formen und Farben. Bocksköpfe dienen als Nussknackerzierde, nicht Soldaten, so Isbergs Vision.

Schwedischer Nussknacker,  Der Mäusekrieg (c) A. Kenney.Schwedischer Nussknacker, Lotta mit Bockskopf-Nussknacker (c) A. Kenney.Onkel Blau stützt die schlafwandelnden Tanten, Nussknacker, Stockholm (c) hanna

Tschaikowskis Musik übernahm Isberg ungekürzt. Nur die Reihefolge einiger Divertissements wurde verändert, Tschaikowskis Tempi-Vorgaben werden eingehalten. In Schweden übliche Süssigkeiten und humoristische Überraschungen bietet die Choreographie der Traumsequenz des 2. Aktes. Der Grand Pas de deux liegt Isberg sichtbar am Herzen: “Weil er die Spannungen in den Beziehungen zweier Menschen so sichtbar machen kann”.

Man kann, so Pär Isberg, den Soldaten-Nussknacker sehr wohl in einen Weihnachtsbock-Nussknacker verwandeln. So wird ein Bockskopf verzierter Nussknacker zum Symbol des Stückes in Stockholm. Die Eltern von Marie und Fritz werden bei Isberg  zu Tante Braun, Tante Lila und Tante Grün, welche die Waisenkinder Petter und Lotta (bei Hoffmann Marie und Fritz) aufgenommen hatten.  Onkel Blau, welcher in Elsa Beskows Märchen Phantasie und Magie verkörpert, ersetzt E.T.A. Hoffmanns Paten Droßelmeier. Petter und Lotta wohnen in einem kleinen Haus und feiern dort Weihnachten, wie von Hoffmann vorgegeben. Onkel Blau und Nachbarn kommen zu Besuch.   Leibgewordene Lutscher, Wichtel, Knallbonbons, Pfefferkuchen tanzen um den Weihnachtsbaum. Die Kostüme entsprechen dieser mythischen schwedischen Märchen- und Kinderlandschaft. Pär Isberg schafft so einen Nussknacker, in welchem sich geliebtes, gelebtes schwedisches Kulturgut wiederfindet. Und welcher die winterliche Poesie Schwedens zart und volksnah beschreibt. Diese 215te Vorstellung am 10. Dezember 2011: Ein zutiefst schwedischer Nötknäpparen  (Nussknacker) im ausverkauften Kungliga Operan von Stockholm.

IOCO / Viktor Jarosch / 13.12.2011