Wien, Wiener Staatsoper, Sylvester im Zeichen der Fledermaus, IOCO Aktuell, 30.12.2012

Wien / Wiener Staatsoper bei Nacht © IOCO

Wien / Wiener Staatsoper bei Nacht © IOCO

   Wiens musikalischer Silvester – Kult 
Beethoven + Fledermaus über alles

Wien liebt Traditionen: Der Sylvesterabend 2012/13 der Wiener Staatsoper steht wie alle Jahre unter den Schwingen von Österreichs National-Operette Die Fledermaus. Uraufgeführt 1874 im Theater an der Wien unter der Leitung von Johann Strauss und bis heute Höhepunkt der Goldenen Operettenära.

2012/13 übernimmt Die Fledermaus ihre angestammte Position an der Wiener Staatsoper nur kurz, für vier Vorstellungen: Vom Sylvester Abend 2012 über den 1., 4. bis zum 6. Januar 2013. Um danach, fast mauerblümchenhaft, sehnsüchtig das Jahresende 2013/14 herbei zu sehnen. Dirigent dieser Fledermaus wird, wie oft, kein Wiener sein: Der gebürtige Ungar Stefan Soltesz und noch-Chef des Essener Aalto-Theaters wird dirigieren. Die Fledermaus der Wiener Staatsoper ist eine Inszenierung des  Altstars  Otto Schenk aus dem Jahr 1979. Für Wiener Ansprüche wird die Besetzung 2012/13 gut, aber nicht auffällig sein: Wer in Vorjahren Camilla Nylund, Angelika Kirchschlager, Daniela Fally, Michael Schade oder Helmut Lohner erlebte wird 2012/13 von Alexandra Reinprecht (Rosalinde) Zoryana Kushpler (Prinz Orlofsky), Ileana Tonca (Adele), Ramón Vargas (Alfred) und Peter Simonischeck (Frosch) verwöhnt.
Weihnachten 2012 steht die Wiener Staatsoper eher im Zeichen des meistgespielten Werkes der Ballettliteratur: Dem Nussknacker von Peter Tschaikowski in der Choreographie von Rudolf Nurejew.  In dieser Inszenierung tanzte vor Jahrzehnten der heutige Wiener Ballettchef Manuel  Legris mehrfach die Doppelrolle Droßelmeier/Prinz.

Jedes Jahr wird die Sylvester-Fledermaus der Staatsoper von Überraschungsgästen geziert: Im Vorjahren waren es unter anderem Anna Netrebko und Erwin Schrott. Noch gibt es keine Hinweise, wer Überraschungsgast 2012/13 sein könnte. Die Vorstellung ist offiziell seit Monaten ausverkauft, die Preise für Eintrittskarten reichen bis € 250. Deutlich darüber liegen die Preise der in Wien immer reichlich vorhandenen Schwarzmarktkarten.

Wien / Volksoper Wien © Volksoper

Wien / Volksoper Wien © Volksoper

Das zweitgrößte Musiktheater Wiens, die bürgernahe und populäre weil authentische  Wiener Volksoper bringt am Sylvesterabend “ihre” ebenfalls ausverkaufte Fledermaus (eine Heinz Zednik Inszenierung) auf die Bühne. Mit Intendant und ex-Burgschauspieler Robert Meyer in der Partie des Frosch, Sebastian Holecek als Gabriel von Eisenstein, Elisabeth Flechl als Rosalinde, Bernarda Bobro als Adele, Alexandra Haumer als Prinz Orlofsky.

Das seinerzeit mit der Fledermaus-Premiere von Johann Strauss verwöhnte Theater an der Wien ist 2012 Fledermaus-abstinent und leider….nicht ausverkauft: The Merry Widow – Die Odyssee der Lustigen Witwe wird gespielt, ein Stummfilm der 20-er Jahre mit Live-Musik: Wiener KammerOrchester. Regisseur Erich von Stroheim hatte Franz Lehárs Operette zu einer geistreichen und aufwändigen Gesellschaftssatire umgeformt. The Merry Widow mit den damaligen Superstars Mae Murray und John Gilbert in den Hauptrollen, war der größte kommerzielle Erfolg Erich von Stroheims als Regisseur.

Beethoven-Haus in Wien © IOCO

Beethoven-Haus in Wien © IOCO

Das Wiener Konzerthaus mit seinem 1.845 Sitzplätze fassenden Grossen Saal besitzt ebenfalls eine Tradition: Seit 1975 erklingt dort zum Jahreswechsel (am 31.12. und 1.1.) immer Beethovens Neunte Symphonie. Das Werk war bereits zur Eröffnung des Hauses 1913 zentral. Zum Jahreswechsel 2012/13 werden die Wiener Symphoniker von dem deutschen Dirigenten Christoph Poppen geleitet. Das Gesangsensemble Juliane Banse, Charlotte Hellekant, Dominik Wortig und Florian Boesch und die Wiener Singakademie werden in einen mitreißenden musikalischen Dialog treten. Kartensuchende: Die Vorstellung am Sylvesterabend ist ausverkauft. Aber, Beethovens Neunte Symphonie im architektonisch spektakulären Grossen Saal des Konzerthaus, am 1.Januar 2013, von IOCO empfohlen: Die wohl beste musikalische Alternative in Wien für diesen Tag.

Musikverein Wien bei Nacht © IOCO

Musikverein Wien bei Nacht © IOCO

Der Grosse Saal des Wiener Musikverein ist zum Sylvesterabend wie am Neujahrsmorgen ebenfalls ausverkauft. Franz Welser-Möst, bei den Salzburger Festspielen soeben krachend und schnell von Christoph Eschenbach abgelöst, und die Wiener Philharmoniker bringen zur Jahreswende keine Fledermaus  sondern ihren gewohnt seicht-leichten Potpourri von Josef Strauss, Johann Strauss (Vater und Sohn), Franz von Suppé, Josef Lanner uam. Ein weltweit übertragenes, sehr spezielles Wiener Ritual mit auffällig vielen Anhängern in China, Japan und Korea.

Wien, unsere Musikhauptstadt der Welt, bietet unendlich viel. Nur zu Sylvester fällt die Auswahl geringer aus: Die großen Musiktheater sind meist ausverkauft!

Mutig dann, wer sich im Akademietheater den Rheinländer Dirk Stermanns und „6 Österreicher unter den ersten 5″  ansieht: Stermann begegnet dort dem Wiener Robert, dem Universal-Kommentator, der keinen deutschen Ka ee mag, und Hartmut, dem präpotenten Piefke, der gerne Qualtinger wäre. Er schleppt betrunkene ORF-Reporterinnen durchs Nachtleben und taumelt durch Altbauten aus der k.u.k.-Zeit in deren Treppenhäusern man selbst von toten Hunden noch gebissen wird. Braungefärbte Taxifahrer, sadistische Beamte und die ‚Wilde Wanda‘ kreuzen seinen Weg. Wien bietet so vieles zu Sylvester…

IOCO und seine Mannschaft genossen im vergangenen Jahr 2012 viel großartige Kultur, leideten über mißglückte Inszenierungen, überlebten einen Weltuntergang und viele Intendanten. Wir wünschen all unseren Besuchern ein harmonisches Sylvesterfest, und für das kommende, ach was, für die kommenden Jahre viel Frohsinn und Glück.  Der  Pannen-geplagten Berliner Bevölkerung gelten die speziellen IOCO-Wünsche: Möge die Neueröffnung ihrer Staatsoper Unter den Linden – entgegen aller Vorhersagen – doch noch vor 2020 gefeiert werden.

IOCO / Viktor Jarosch / 30.12.2012
 

Wien, Wiener Konzerthaus, Rolando Villazón begeistert Fans mit wenig Gesang, IOCO Kritik, 18.11.2010

November 26, 2010  
Veröffentlicht unter Kritiken, Wiener Konzerthaus


Kritik 

Wiener Konzerthaus

Konzerthaus Wien © Herbert Schwingenschlögl

Konzerthaus Wien © Herbert Schwingenschlögl

Rolando Villazón singt mexikanische Lieder im Konzerthaus

Rolando Villazón war ein begnadeter Sänger und  zweifelsohne eines der großen Zugpferde auf der Operntour.  Seit nahezu zwei Jahren nimmt Villazón  Auszeiten vom  schweren Opernfach. Stimmbandoperationen plagen ihn.  Seine für Anfang September geplanten  Rudolfo-Auftritte an der Wiener Staatsoper sagte er noch – sehr kurzfristig – ab.  Für seine große Fangemeinde  feiert Villazón  jedoch seit einiger Zeit ein Comeback nach dem andern: Am 18.11.2010  im Großen Saal des Wiener Konzerthaus.  Mit populären, fantauglichen  mexikanischen Liedchen: Bésame mucho, La Cucaracha;  Villazón  mit Sombrero  und den 12-köpfigen Bolivar Soloists.  Zu  Eintrittspreisen bis hinauf zu sehr stolzen  € 180 Placido Domingo ließ sich auch eine Halbzeit lang sehen; und wurde  Villazón-üblich  angepriesen: Größter Sänger unserer Zeit. Kitschig manirierter  Kniefall.

Rolando Villazón moderierte an seinem Abend  ohnehin reichlich viel:  Vor nahezu jedem seiner neun Liedchen  erklärte, vermittelte, hintergründelte Villazón ausführlich. Charmant  und, wie immer,  dramaturgisch seiner Späßchen-lüsternden Fangemeinde angepaßt. Nicht singend, moderierend halt.  Die Bolivar Soloists  ließen derweil  einfach gestrickte Instrumental- nummern einfliessen,  ein Solo-Gitarrist spielte etwa 20 Minuten eigene Kompositionen, Villazón verschwand des öfteren in rückwärtigen Räumen und kehrte zurück.  Um dann die angekündigten mexikanischen Lieder  zu singen: Neun Lieder + 1 Zugabe. Die  Dauer des Abends: Über 2,5 Stunden. Die Dauer Villazóns  gesanglicher Hingebungen: 30 Minuten. Villazóns stimmliche Qualitäten: Passabel, mit deutlich vernehmbaren Problemen in der Mittellage.

Alle Kraft des  Rolando Villazón blieb seinen ausgehaltenen, lauten Schlußtönen der  Vorstellung vorbehalten. Sie strahlten nicht diese Schlußtöne. DieVillazónFans  natürlich trotzdem hellauf beistert. Galt die Begeisterung der charmanten Moderation,  den Instrumentalstücken der Bolivar Soloists oder etwa den  kurzen Gesangseinlagen ? Wir wissen dies nicht so genau. Aber unbestreitbar: Villazón – Fans feierten einen gelungenen Abend. Nicht Villazón-Fans  bewundern mehr das Showtalent  als die stimmlichen Darbietungen und stöhnen leise über die hohen Ticketpreise.  Und machen sich Gedanken über die Zukunft

IOCO / Viktor Jarosch / 18.11.2010.