Wien, Burgtheater, Spatz und Engel – Populäre Kost, IOCO Kritik, 02.11.2013

November 14, 2013  
Veröffentlicht unter Burgtheater Wien, Kritiken, Volkstheater Wien

Kritik

Burgtheater Wien

Burgtheater Wien /  im Winter © IOCO

Burgtheater Wien / im Winter © IOCO

Edith Piaf und Marlene Dietrich Revival am Burgtheater Wien

Zwei unbestritten populäre Diven wie Chanteusen aus der Mitte des 20.Jahrhunderts zusammen auf einer Bühne?  Und das im Burgtheater Wien im Jahr 2013? Passt das? Zweifelsohne ist jedoch die Freundschaft zweier abgebrühter Ladys, wie sie Marlene Dietrich und Edith Piaf waren, absolut tauglich für große Bühnen wie das Burgtheater Wien. Daniel Große Boymann und Thomas Kahry schufen eine Revue, die es sogar auf die Bretter des ehrwürdigen Burgtheater schaffte. IOCO besuchte die Vorstellung vom 2. November 2013.

In dem erstmals 2009 als Lesung präsentierten Abend treffen die beiden Weltstars, jeweils auf einer Klobrille sitzend, zum ersten Mal aufeinander. Lose reihen sich in der Folge Szenen in Hotelzimmern oder Theatergarderoben, bei den Proben am New Yorker Playhouse oder später in einer Klinik aneinander, verkettet mit Liedern, die Welthits geworden sind. Lili Marleen, Die fesche Lola, The Boys in the Backroom, La vie en rose oder  Non, je ne regrette rien.

Burgtheater Wien / Spatz und Engel © Georg Soulek

Burgtheater Wien / Spatz und Engel © Georg Soulek

Anverwandlung ist dabei das künstlerische Credo für die sangesfreudige Burgmimin Maria Happel und die Wiener Josefstadt-Schauspielerin Sona MacDonald, die mehrfach auch Liederabende gibt. Während Maria Happel manchmal ein wenig zu forciert ihre Kraftstimme einsetzt, überzeugt MacDonald in der Rolle der souveränen Freundin mit ihrer imponierenden Stimme.

„ Spatz und Engel “ ist am Wiener Burgtheater auf ein Minimum an gespielter Handlung reduziert. Die Hauptdarstellerinnen spielen ihre Beziehung nur andeutungsweise. In der Realität waren die zwei vielleicht sogar ein Liebespaar, in der „Burg“ nimmt man Sona MacDonald und Maria Happel diese Freundschaft nicht ab. Diese Freundschaft ist ja auch nur das Alibi, um Marlene Dietrich und Edith Piaf singend auf die Bühne zu bringen. Rein optisch „passt“ MacDonald im weißen Hosenanzug prächtig in die Rolle der Dietrich, während Happel nicht einmal eine Piaf-ähnliche Frisur gewährt wurde. Tapfer hantelt sich das Duo mit teils recht gestelzten Dialogen durch den Abend, unterstützt durch Handreichungen eigentlich unnötiger Nebendarsteller.

Burgtheater Wien / Spatz und Engel © Georg Soulek

Burgtheater Wien / Spatz und Engel © Georg Soulek

Doch die Aufführung wurde ein großer Erfolg. Es zeigt sich, dass mit populären Chansons berühmter Sängerinnen, einem hervorragenden Orchester (Leitung Otmar Klein) und passender Choreographie ein erfreulich unterhaltsamer Abend im Burgtheater geschaffen wurde.

Ob eine solche Revue ans Burgtheater gehört, war unter den Besuchern umstritten wie müßiges Kritteln. Denn das Publikum entschied eindeutig: Künstler und Orchester wurden zum Ende der Vorstellung mit frenetischem Beifall  belohnt.

IOCO / Angela Thierry / 11.11.2013

Weitere Vorstellungen  von Spatz und Engel:  Burgtheater Wien, 18. November 2013, 15. Dezember 2013, 31.12.2013, 01.01.2014

Wien, Volkstheater, Comedian Harmonists: Singen bis die Nazis kommen, IOCO Kritik, 26.06.2013

Juni 27, 2013  
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Volkstheater Wien

Volkstheater Wien © Christoph Sebastian

Volkstheater Wien © Christoph Sebastian

Volkstheater Wien: Großes Sprechtheater im Wiener Kulturreigen

Volkstheater Wien © Christoph Sebastian

Volkstheater Wien © Christoph Sebastian

Das Volkstheater entwickelte sich als Spielstätte mit eigener künstlerischer und stilistischer Kraft im unendlich reichhaltigen Wiener Kulturreigen. Gegründet 1889 von Wiener Bürgern, darunter Ludwig Anzengruber und  Möbelfabrikant Thonet, verkörpert das im Stil des Historismus erbaute Volkstheater ein wenig das bürgerliche Gegenstück zum gelegentlich als  elitär angesehenen Wiener Burgtheater. Das Volkstheater will mit seinem Spielplan breite Bevölkerungsschichten erreichen und bietet mit seinen 970 Sitzplätzen die zweitgrößte Sprechbühne Wiens. Der attraktive Zuschauerraum ist im Originalzustand erhalten und war ehemals der größte des deutschen Sprachraumes, sogar größer als der des Burgtheaters. Über 200.000 Besucher finden heute jährlich Spannung, Begeisterung aber auch Entspannung im Volkstheater.

Die „Comedian Harmonists“ am Wiener Volkstheater

Volkstheater Wien / Comedian Harmonists © Lalo Jodlbauer

Volkstheater Wien / Comedian Harmonists © Lalo Jodlbauer

Das Volkstheater ließ die beliebten, wenn auch viel strapazierten Comedian Harmonists wieder aufleben. Warum diesmal hier? Weil Intendant Michael Schottenberg nicht nur über ein ausgezeichnetes Schauspieler-Ensemble verfügt, sondern auch, weil er mit den Comedian Harmonists ein zeitpolitisches Stück auf die Bühne bringen wollte: „Der Bedrohung durch ewig Gestrige widerstehen„, war Schottenbergs Petitum, als er das Stück auf den Spielplan 2012/13 des Volkstheaters setzte. Wirken wie Schicksal der sechs Comedian Harmonists soll nach Schottenberg dauerhaft präsent bleiben: Nach zunächst riesigen Erfolgen wurden 1935 den Comedian-„Ariern“ Biberti, Bootz und Leschnikoff verboten „weiterhin mit diesen Nichtariern zu musizieren„. Die Gruppe löste sich in der Folge auf. Die „Nicht-arischen“ Comedians Collin, Cycowski und Frommermann wanderten 1941 aus.

Volkstheater, Comedian Harmonists Plakat © Volkstheater

Volkstheater, Comedian Harmonists Plakat © Volkstheater

Das Volkstheater-Ensemble bringt das Schicksal der Comedian Harmonists im Dritten Reich,  die unglaubliche Geschichte dieses einst berühmtesten Gesangsensembles der Welt, schauspielerisch und stimmlich mit  einfühlsamer Sensibilität aber auch einnehmendem Charme auf die Bühne, allen voran Marcello de Nardo als Harry Frommermann (er hat mit Schottenberg auch Regie geführt), und der ehemalige Mozart-Sängerknabe Patrick Lammer in der Rolle des Ari Leschnikoff. Nach einem Buch von Gottfried Greiffenhagen wurden die „CH“ von Franz Wittenbrink musikalisch für das Volkstheater eingerichtet. Dem Publikum gefiel es; Ohrwürmer haben immer Saison. „Liebling, mein Herz lässt dich grüßen“, „Veronika, der Lenz ist da“, „Ein Freund, ein guter Freund“, „In der Bar zum Krokodil“ – Lieder wie diese sind dank der „CH“ bis heute wahre Evergreens geblieben.

Die Aufführung der Comedian Harmonists im Wiener Volkstheater endete mit dem erhörten Wunsch nach Zugaben nach drei mitreißenden Stunden mit „standing ovations“.  Intendant Schottenberg gelingt mit dieser Produktion ein Volkstheater-Saisonende  nach Maß: Künstlerisch anspruchsvoll, volles Haus und begeisterte Besucher.

IOCO / Angela Thierry / 24. Juni 2013