
Kritik
Anna Netrebko, Jonas Kaufmann & Erwin Schrott
Nach dem ersten Konzert am Münchener Königsplatz (29. 7.2011) und vor dem Auftritt auf der Berliner Waldbühne (18. 8. 2011) kam es auch in Wien am 6. 8. 2011 zu einem Stelldichein der drei Stars Anna Netrebko, Erwin Schrott und Jonas Kaufmann, diesmal allerdings nicht open air, sondern in der Wiener Stadthalle, in der sich etliche tausend Fans der drei Sängerstars aus dem In- und Ausland versammelt hatten, um ihren Darbietungen zu lauschen und sie bei Popcorn, Eis und Getränken hochleben zu lassen.
Die zwanglose Atmosphäre wurde zusätzlich durch von seichter Musik begleiteten Werbeeinschaltungen auf den beiden die Bühne flankierenden Großleinwänden vor Konzertbeginn und während der Pause verstärkt. Zu hören bekam das Publikum ein entgegen der Ankündigung des Veranstalters gegenüber München nur wenig verändertes Programm -
Anstelle der Juwelenarie der Marguerite aus Gounods Faust sang Anna Netrebko die Arie “Un bel dí, vedremo” aus Puccinis “Madama Butterfly” und Erwin Schrott schob im zweiten Teil des Abends einen Tango von Astor Piazolla ein. Die für Wien gedruckten Programme konnten nicht rechtzeitig ausgeliefert werden …
In seinem ernsten Teil hatte das Programm nach der Registerarie des Leporello aus Mozarts “Don Giovanni” einen deutlich italienischen Schwerpunkt mit einigen französischen Einlagen, während nach der Pause gegen den Schluss zu die leichte Muse mit Zarzuelas und Tangos regierte. Das offizielle Ende des Konzerts kehrte mit dem Terzett aus dem Finale des 5. Aktes von Gounods “Faust” wieder zum Ernst zurück, bei dem sich allerdings die alles beherrschende Tontechnik besonders unangenehm bemerkbar machte.
Der Abend wurde eindeutig von Anna Netrebko dominiert. Ihrer zunehmend an Fülle gewinnenden, nach wie vor aber leicht beweglichen Stimme konnte sogar die Bühnen – Technik nichts anhaben. Sichtlich unangestrengter als ihre Partner wirkend, ließ sie mit den von ihr interpretierten Arien die nüchterne Atmosphäre der Stadthalle vergessen.
Ihre wunderbare Stimme mit dem warmen Timbre zog die Zuhörer bereits in der schon genannten Arie aus “Madama Butterfly” in ihren Bann und beeindruckte auch in dem mit Jonas Kaufmann gesungenen Duett aus dem 3. Akt der Oper “Manon” von Jules Massenet.
Ihre hervorragende Stellung zeigte sich auch in dem zum Ende des ersten Teiles vorgetragenen Terzett aus dem 3. Akt von Verdis Oper “I Lombardi”. Der jugendlich unbeschwert wirkende Erwin Schrott beeindruckte stimmlich vor allem in der Arie des Banco aus dem 2. Akt von Verdis “Macbeth”, während die bereits erwähnte Registerarie und das Rondo des Mephisto aus Gounods “Faust” etwas undifferenziert klangen.
Der gemeinsame Ausflug mit Anna Netrebko zu Gershwins “Porgy and Bess” war nicht das, was man gemeinhin als “ideale Besetzung” bezeichnet. Jonas Kaufmann wirkte sehr ernst und konzentriert. Besonders ergreifend war seine Interpretation der bekannten Arie des Turridu “Addio alla madre” aus Mascagnis “Cavalleria rusticana“, während man bei Richard Taubers “Du bist die Welt für mich“ aus “Der singende Traum“ das Gefühl nicht los wurde, dass dies nicht unbedingt seine musikalische Welt ist – das Publikum allerdings goutierte es.
Begleitet wurden die Sänger von der überwiegend aus jungen Musikern zusammen gesetzten Prager Philharmonie mit ihrem Konzertmeister Jakub Fišer unter dem schwungvoll und sehr sicher agierenden Dirigenten Marco Armiliato, der seine ersten Erfahrungen auf diesem Gebiet musikalischer Präsentation bereits 1996 mit den “Drei Tenören” sammeln konnte.
Im selben Jahr debütierte er auch an der Wiener Staatsoper mit “Andrea Chenier“ von Umberto Giordano. Die Prager Philharmonie entstand 1995 unter dem heutigen Namen und war auch Mitbegründerin der Initiative Prager Klassik. Einen Schwerpunkt ihres Wirkens bilden Konzertreisen, die sie quer durch Europa führen. Ihr präzises und lustvolles Spiel konnten die Musiker auch an diesem Abend mit einigen Orchesterstücken unter Beweis stellen.
Die Chorpartien waren bei dem seit 2007 unter der Leitung von Michael Grohotolsky stehenden Wiener Kammerchor, der eine fixe Größe im Wiener Konzertleben darstellt und regelmäßig im Konzerthaus wie auch im Musikverein auftritt, sicher aufgehoben.
An das Programm schlossen sich noch drei Zugaben.
Anna Netrebko schenkte ihren Fans den Höhepunkt des ganzen Abends mit einer sehr berührenden Interpretation von “O mio babbino caro” aus Puccinis “Gianni Schicchi“, einer der bekanntesten und daher umso schwieriger zu gestaltenden Arien der Opernliteratur.
Erwin Schrott verabschiedete sich mit dem von den Musikern sehr sinnlich interpretierten, von Schrott selbst aber etwas distanziert gesungenen Rojo Tango (Pablo Ziegler) aus seiner neuen CD.
Den Schlusspunkt bildete Jonas Kaufmann mit dem Lied “Freunde, das Lebens ist lebenswert” aus Lehars “Giuditta”.
Das begeisterte Publikum überschüttete seine Lieblinge mit Blumen und entließ sie nach dreieinhalb Stunden unter Standing Ovations und mit tosendem Beifall nur ungern.
IOCO / Dr. Christine Kandler und Hofrat Dr. Manfred Kandler / 06.08.2011











