Salzburg, Salzburger Festspiele, Don Giovanni im Haus für Mozart, IOCO Kritik, 06.09.2016

September 6, 2016  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Salzburger Festspiele

Don Giovanni in Salzburg: Ildebrando D’Arcangelo ist der überzeugend liebestolle Don Giovanni, vor nichts Halt machend, vor nichts Respekt habend. Als verführerischer Südländer mit kräftigem Bassbariton (die Champagnerarie gelingt mit Bravour), präziser und leidenschaftlicher Darstellung, umgarnt“

Salzburg / Haus für Mozart © Salzburger Festspiele -Andreas Kolarik

Salzburg / Haus für Mozart © Salzburger Festspiele -Andreas Kolarik

Salzburger Festspiele

 Don Giovanni:   „Der Teufel ist immer und überall“

 Salzburger Festspiele 2016

Salzburg / Salzburger Festspiele - Don Giovanni 2016 © Salzburger Festspiele - Ruth Walz

Salzburg / Salzburger Festspiele – Don Giovanni 2016 © Salzburger Festspiele – Ruth Walz

Don Giovanni, die erste Oper der Triologie des Musikgenie Wolfgang A. Mozart mit dem unendlich lebenserfahrenen Lorenzo Da Ponte entstand 1786. Lorenzo Da Pontes eigene Vita ist der Schlüssel zum alle Normen der Zeit brechenden Libretto des Don Giovanni: 1749 als Kind jüdischer Eltern nahe Venedig geboren; zum katholischen Glauben konvertiert, 1770 in Venedig zum Priester geweiht, Professor für Literatur in Treviso. Eine von vielen  Liebesaffären führte in ein Mordkomplott, weshalb Da Ponte Italien verlassen musste. Ab 1782 erfolgreicher Librettist in Wien, 1793 Impressario am King’s Theater in London. 1834 starb Da Ponte mit 89 Jahren in New York, als Buchhändler.

Wolfgang Amadeus Mozart © IOCO

Wolfgang Amadeus Mozart © IOCO

Da Ponte kannte gesellschaftliche Stände, moralische Werte seiner Zeit und deren Bruchstellen allzu gut, letztere hat er oft selbst genutzt. Da Ponte war zeitweilig der lebende Don Giovanni. Seine Lebenserfahrungen brachte er ein in seine Opern mit Mozart.  Streng waren die ständischen Vorgaben der Zeit mit denen Don Giovanni so radikal bricht. Lorenzo Da Ponte und Mozart zusammen hatten den Mut, Erfahrung und künstlerischen Genius, dies lasziv sinnliche wie diabolische Thema in ihrem Don Giovanni bleibend für die Weltbühne zu bereiten.

Sven Erik Bechtolf inszenierte den Don Giovanni für die Salzburger Festspiele bereits 2014; nur mit mäßigem Zuspruch. Vielleicht waren es Akustik und Bühnentechnik der Felsenreitschule. 2016 wurde diese Inszenierung wieder aufgenommen. Doch im Haus für Mozart und mit größerem Zuspruch. Um 1920, in einem edel getäfelten Hotel (Bühne Rolf Glittenberg) findet die Handlung mit wenigen Bühnenbildern statt: An einer Lobby-Bar sitzend oder einen dominantem Treppenaufgang zu erotischen Zimmern führend. Der Chor übernimmt sowohl die Rollen des Hotelpersonals als auch der Gäste. Auf der Treppe ist viel Bewegung, Wirrwarr, Handlung; gelassen wie hektisch geht es dort hinauf und hinunter. Abgedunkeltes Licht deutet frivoles Ambiente im Hotel an. Regisseur Bechtolf versteigt sich in seiner Inszenierung in ein übersexualisiertes Welt-Dogma. Sein merkwürdig fixiertes Credo im Programmheft sagt: Da uns nichts mehr heilig ist, ist uns auch nichts unheilig“. Erkenntnis, Veränderung oder Erlösung, die Triebfedern Mozarts und Da Pontes, finden sich in seinem Don Giovanni nicht. Als  allgegewärtige Inkarnation des Bösen trägt Don Giovanni in der Bechtolf  Inszenierung beständig ein Teufelskäppchen mit sich herum. Skurril. Selbst nach Don Giovannis Feuertod, unter den geläuterten wie erstarrt stehenden  Protagonisten, sucht wieder ein Teufelchen nach Opfern.

Salzburg / Don Giovanni 2016 - Leporello und Don Giovanni © Salzburger Festspiele - Ruth Walz

Salzburg / Don Giovanni 2016 – Leporello und Don Giovanni © Salzburger Festspiele – Ruth Walz

Ildebrando D’Arcangelo ist der überzeugend liebestolle Don Giovanni, vor nichts Halt machend, vor nichts Respekt habend. Als verführerischer Südländer mit kräftigem Bassbariton (die Champagnerarie gelingt mit Bravour), präziser und leidenschaftlicher Darstellung, umgarnt Don Giovanni im Schlangenmantel. Außer Donna Anna (Carmela Remigio), auch da sind Zweifel, kann Don Giovanni keine Frau widerstehen. Ihr Vater, Commendatore (Alain Coulombe) wird Zeuge des Tete-à-Tete Don Giovannis mit seiner Tochter. Mit der Kraft Don Giovannis, der das Messer in der Hand Donna Annas führt, ersticht er/sie den Commendatore. Die Teufelskappen Don Giovannis  symbolisieren etwas penetrant die Nähe zur Infamie zur Unterwelt.

Salzburg / Don Giovanni 2016 - Valentina Nafornita als Zerlina © Salzburger Festspiele - Ruth Walz

Salzburg / Don Giovanni 2016 – Valentina Nafornita als Zerlina © Salzburger Festspiele – Ruth Walz

Luca Pisaroni, als Leporello mit wohltimbrierten Bassbariton, harmoniert optisch wie stimmlich mit seinem  Herrn und Meister. In diesem Hotel geht es lebendig zu, es wird nie langweilig. Das Brautpaar Zerlina (Valentina Narfonita) und Masetto (Jurii Samoilov) gehören auch zum Personal. Don Giovanni läßt sich auch diese junge Braut Zerlina nicht entgehen. Valentina Narfonita, überzeugt als eine zauberhafte Zerlina, bildhübsch und stimmlich. Zerlina besänftigt ihren misstrauischen, mit kultiviertem Tenor singenden Masetto.   Carmela Remigio als Donna Anna ergänzt das wunderbare Ensemble  durch weichen lyrischem Sopran. Ihr Verlobter Don Ottavio (Paolo Fanale) verspricht mit lyrischer Timbre zu rächen. Zwischen allen Machenschaften der Hochzeitsgesellschaft nutzt Don Giovanni jede Gelegenheit, Gier und Vergnügen zu befriedigen.  Alain Coulombe gibt dem rächenden Komtur / Steinernen Gast mit schwerem Bass höchst eindrucksvolle Stimme und Statur. Don Giovanni  vollführt seine Höllenfahrt bei gleißendem Rotlicht. Um, im Sinne des Bechtolfs, als symbolisches Teufelchen im letzten Bild unter erstarrten Protagonisten nach neuen Opfern für das „ewig Böse“ zu suchen.

Musikalisch begleiten die Wiener Philharmoniker mit dem jungen Dirigenten Alain Altinoglu mit einfühlsamem, frischem Tempo, aber auch mit der notwendigen Dynamik durch diese bedeutende Mozart/Da Ponte-Oper. Der Applaus des Premieren-Publikums für Ensemble und Dirigat war einhellig und eindrucksvoll.   IOCO / Daniela Zimmermann / 31.08.2016

Salzburg, Salzburger Festspiele, Cosi fan tutte in der Felsenreitschule, IOCO Kritik, 15.08.2016

August 21, 2016  
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Salzburger Festspiele

Salzburger Festspiele / Felsenreitschule © Salzburger Festspiele Andreas Kolarik

Salzburger Festspiele / Felsenreitschule © Salzburger Festspiele Andreas Kolarik

Cosi fan tutte:  Stimmen schön, Inszenierung bieder

Mozarts letzte und vollkommenste Opera buffa Cosi fan Tutte wurde am 26. Januar 1790 im Wiener Burgtheater uraufgeführt.  Es ist ein eigenartiges Werk, kühl und genau konstruiert mit Hang zum Frivolen. Wolfgang Amadeus Mozart und Lorenzo da Ponte hinterfragen nach Figaros Hochzeit und Don Giovanni auch in Cosi fan Tutte den Wert „großer Gefühle“.

Zahllose Beziehungskomödien wurden zu Mozarts Zeit komponiert. Beethoven,zu Cosi fan tutte allerdings reserviert, meinte, „ihm wäre zu dieser unpassenden Geschichte keine Note eingefallen“, Richard Wagner klang ähnlich. Erst im 20. Jh wurde Cosi fan tutte zu einem Welterfolg, verbreitet die Oper in guter Inszenierung noch heute eine zauberhafte Wirkung und Modernität: Herrlicher Arien, ganz opera buffa als Lehrstück über Fallstricke im menschlichen Leben. Scheinbar auf Frauen gerichtet, ist Cosi fan tutte (So tuns alle –  `Frauen´) voll Symmetrie und  eine liebenswerte Charakterstudie über Frauen wie deren meist besserwissenden Männer.

 Salzburg / Felsenreitschule mit Cosi fan tutte © Salzburger Festspiele_Ruth Walz

Salzburg / Felsenreitschule mit Cosi fan tutte © Salzburger Festspiele_Ruth Walz

Sven-Eric Bechtolf inszenierte die drei Mozart – da Ponte Opern der Jahre 1786 -1790 für die Salzburger Festspiele. 2013 machte Cosi fan tutte im Haus für Mozart den Anfang. 2014 folgte Don Giovanni, 2015 Le nozze di Figaro. Doch alle Bechtolf –  Inszenierungen fanden nur mäßige Anerkennung. 2016 wanderte die 2013 inszenierte Cosi fan tutte  in die neue Spielstätte Felsenreitschule. Bechtolf schuf als Bühnenbild, eigentlich ist es keines, ausrollbare wie gut zu handhabende Wandschirme mit südländischen (Neapel) Landschaftsmotiven (Bild). Das Ganze  wirkte uncharmant, nicht ganz fertig geworden. Auffallend gut das Spiel mit dem Licht (Friedrich Rom), stimmungsaufhellend wirkend. Die Kostüme des Ensembles (Marc Boumann) ergänzen in historisch korrekter Biederkeit die brave Inszenierung. Doch wenig Esprit, kein Feuer lodert während der langen Aufführung. Emotionen erzeugt Bechtolf mit seiner Inszenierung nur wenig. Mozarts blitzende Komposition verblasst in solch treuherzigem Ambiente.

Ottavio Dantone und das Mozarteum Orchester glänzen umso spürbarer: Souverän, frisch und einfühlsam begleitete er die Sänger bei den Arien, immer bereit, ihnen Zeit zu geben,  sich vokal zu entfalten und dem musikalischen Fluss der Komposition gerecht zu werden, Mozart hörbar zu machen.

Salzburger Festspiele / Cosi fan tutte - Ensemble © Salzburger Festspiele - Ruth Walz

Salzburger Festspiele / Cosi fan tutte – Ensemble © Salzburger Festspiele – Ruth Walz

Sind alle Frauen untreu? Cosi fan tutte heisst das Spiel, denn Verzeihen ist so schön ist. Hemmungsloser Drahtzieher dieser Verwechslungskomödie ist Michael Volle mit großartiger Stimme als Don Alfonso. Er wettet auf die Untreue der reizenden Schwestern; triumphiert sogar, als sein Plan aufgeht. Ein gewissensloser Intrigant ohne Grenzen. Michael Volle geniesst die Partie,  er spielt und singt so gut  wie man es besser nicht machen kann.  Unterstützt wird er dabei von Despina, der Kammerzofe (Martina Jankova), die recht unbekümmert, fröhlich mit weichem Sopran ihre Rolle spielt und ohne moralische Bedenken dies verwerfliche (?)  Unternehmen  mit steuert und fördert. „Ohne Liebe kann man leben, ohne Liebhaber nicht“.  Doch das böse Spiels  hat sogar ein happy End, man singt, „Glücklich der Mensch, der jede Sache von der guten Seite nimmt“. Denn alle sind gleich betroffen, Frauen wie intrigante Männer!

Salzburger Festspiele / Cosi fan tutte - Julia Kleiter © Salzburger Festspiele - Ruth Walz

Salzburger Festspiele / Cosi fan tutte – Julia Kleiter © Salzburger Festspiele – Ruth Walz

Die beiden liebenswerten Schwestern Fiordiligi (Julia Kleiter) und Dorabella (Angela Brower) sind die fehlgeleiteten und enttäuschten Opfer dieser Intrige. Beide Damen sind erstklassig besetzt, sowohl stimmlich als auch in Ausstrahlung. Julia Kleiters strahlender Sopran harmonierte bestens mit dem schönen  Mezzo von Angela Brower, die damit ein erfolgreiches Debut in Salzburg gab. Die Herren Ferrando (Mauro Peter) und Guglielmo (Alessio Arduini) sind sowohl fesche Soldaten als auch verkleidete Türken, die Damen garnicht genug Avancen machen können. Auch sie werden ihren Partien stimmlich bestens gerecht.  

Doch echte Spannung, wie viele Veranstaltungen der Salzburger Festspiele bieten, fehlte dieser Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf; zu brav belanglos lief Mozarts Verwechslungskomödie ab. Doch ein gutes Dirigat wie schöne Stimmen sorgten, am Beifall gemessen, für ein halbwegs zufrieden gestelltes Publikum. IOCO D. Zimmermann / 15.08.2016

 

Salzburg, Salzburger Festspiele, Jedermann von Hugo von Hofmannsthal, IOCO Kritik, 12.08.2016

August 16, 2016  
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Salzburger Festspiele

Salzburg / Domplatz Jedermann © Tourismus Salzburg

Salzburg / Domplatz Jedermann © Tourismus Salzburg

 Jedermann: Inbegriff der Salzburger Festspiele

Als Geburtsstunde der Salzburger Festspiele wird gern der 22. August 1920 angegeben: Der Jedermann, ein Mysterienspiel von Hugo von Hofmannsthal (1874 – 1929), ein Spiel um das Sterben des „Reichen Mannes“, des „aus dem Leben gerissen werden“, wird seit diesem Tag vor den Eingangsarkaden des Domes aufgeführt. Die Uraufführung des Jedermann fand 1911 in Berlin statt; acht Jahre hatte Hofmannstahl mühsam an seinem Werk geschaffen, in dem er in mittelalterlicher Tradition das Weltgefüge durch Personifikationen (Sensenmann, Gott, Buhlschaft, Glaube, u.a.), nicht durch Individuen beschreibt. Über die Jahrzehnte wurde der Jedermann zum Inbegriff für die Salzburger Festspiele;  populär wie Mozart-Kugeln, flüstert mancher.

Salzburger Festspiele / Jedermann - Glaube, Gott, Tod © Salzburger Festspiele / Forster

Salzburger Festspiele / Jedermann – Glaube, Gott, Tod © Salzburger Festspiele / Forster

Der Brite Julian Crouch und der US-Amerikaner Brian Mertes zeichnen für die seit 2013 gezeigte Jedermann-Inszenierung  verantwortlich, sie führt uns zurück ins katholisch geprägte Mittelalter. Der Jedermann verkörpert tiefgehende Tradition und Geschichte. Den Jedermann in Salzburg zu spielen ist hohe Ehre; sein Darsteller gehört zu den Besten des Fachs: Der Österreicher Cornelius Obonya (1969), Jedermann für die Jahre 2013 – 2016, spielt in dieser Championsleague! Sein prominenter Großvater Attila Hörbiger hatte den Jedermann in Salzburg 1935 – 37 und 1947 – 51 gespielt. Brigitte Hobmaier war in Salzburg die gefeierte Buhlschaft der letzten 3 Jahre; 2016 ist die Schauspielerin Miriam Fussenegger in die bestehende Inszenierung eingesprungen. Der Tod wird souverän gespielt von Peter Lobmayer.

In der Salzburger Inszenierung wird Gott von einem Jungen in kniekurzen Hosen gesprochen, dem Tod befiehlt der kurzbehoste Gott. Für ein Mysterienspiel irritierend. Denn Jedermann ruht in mühsam entwickelten christlichen Wurzeln und Werten; Gott in der Person eines kleinen Jungen darzustellen ist höchst gewöhnungsbedürftig, locker amerikanisch. Ein Werte kündender Gott, der über  Leben; Glauben, Tod richtet, wäre glaubwürdiger gewesen. 

Salzburger Festspiele / Jedermann und Mammon © Salzburger Festspiele / Forster

Salzburger Festspiele / Jedermann und Mammon © Salzburger Festspiele / Forster

Das Geschehen auf dem Vorplatz am Salzburger Dom ergreift dennoch: Zu Anfang zieht laut  in bunten Gewändern  das „Volk“ auf die Bühne: Gestalten mit übergroßen Masken, großen Hörnern, skurril, schrill, merkwürdig, sehr lebendig. Sie spiegeln das Leben des reichen Jedermann: Cornelius Obonya mit fülliger Stimme sanft wie tobend: Üppig, reich, oberflächlich, ganz auf sein eigenes Wohlergehen konzentriert; „Mein Haus hat ein gutes Ansehn“. Reiche Menschen schaffen sich ihr eigenes Umfeld; dazu gehören der Gute Gesell (Patrick Güldenberg) und die Buhlschaft, seine schöne frivole Geliebte. Die Buhlschaft (Miriam Fussenegger) radelt ausgelassen auf die Holzbühne, ihren Geliebten, der sie elegant gekleidet zum Festmahl erwartet, umkreisend. Ihr Auftreten ist verbunden mit wenigen Sätzen, aber großer Wirkung. Als Verkörperung von Verführung, Liebe und Leidenschaft ist die Buhlschaft, in aufreizendes Rot gekleidet, beständiger  Blickfang auf der Bühne.
Inmitten überschäumender Lebensgefühle meldet sich der Tod. Peter Lobmeyer, groß gewachsen, schlank, ganz in weiß, in eng anliegenden Kleid gekleidet mit Glatze, verkörpert ganz wunderbar aktiv seine Rolle. Jedermann bittet den Tod um Lebensaufschub, der ihm auch gewährt wird. Die große Tafelrunde löst sich in Panik auf; der Tod räumt auch auf, indem er das riesige Tischtuch abzieht. Das Spiel ist vorbei.

Salzburger Festspiele / Jedermann und Bulschaft © Salzburger Festspiele / Forster

Salzburger Festspiele / Jedermann und Bulschaft © Salzburger Festspiele / Forster

Von den Kumpanen seines sündigen Lebens im Stich gelassen, ist Jedermann plötzlich allein: Sein Gott war Mammon (David Bennent). Zu Bittstellern, so zu den Armen Nachbarn (Johannes Silberschneider) war er stets geizig, verhöhnend seinem Schuldknecht ( Fritz Egger), gnadenlos seiner Familie.
So gehört das Erscheinen von Mammon zu den Höhepunkten des Stückes. David Bennent verkörpert als Neuzugang, aus einer übergroßen Puppe mit riesigem Maul aufsteigend, Mammon. Mit klarer kräftiger Stimme, gut artikuliert, belehrt er als wahrer „Geldscheißer“ die Vergänglichkeit von Reichtum. Jedermanns Gute Werke (Sarah Viktoria Frick) machen sich bemerkbar. Sehr klein, schwach kommt von ihr der Rat zum Glauben (Hans Peter Hallwachs), der über der Bühne thront und dort die frommen wie die Jedermann rettenden Sätze verkündet „von deinen Sünden wasch ich Dich rein!“. Christlich reinigend wie einfach wirkend Wasser tröpfelt er hinab.

Salzburger Festspiele / Buhlschaft und Jedermann © Salzburger Festspiele / Forster

Salzburger Festspiele / Buhlschaft und Jedermann © Salzburger Festspiele / Forster

Jedermann  bittet voller Reue weinend um Gnade, er wird schnell erhört, bei seinem Lebenswandel nicht ganz plausibel; es geht schnell, einfach aber nicht ganz plausibel.  Jedenfalls hat Teufel hat hier nichts mehr zu suchen, er wird in einem archaisch packenden Tanz abgewiesen. Jedermann stirbt, kleine Engelchen musizieren. Seine inzwischen stark gewordenen Guten Werke begleiten ihn in den Tod.

Das Begräbnis des Jedermann endet unter dem Läuten der Domglocken fast wie ein Spiel: Die Begleiter aus Jedermanns Leben (Buhlschaft, Nachbar, Schuldknecht u.a.) zerren, spielen an seiner Leiche, werfen Erde auf den mit Laken bedeckten Körper. Die begleitende Trauermusik wird fröhlicher. So  vermittelt Salzburgs Jedermann Inszenierung das Leben als lockeres „Mach-doch-was-Du- willst“ – Event, sei es auch seicht, satt, oberflächlich.   Martin Lowe untermalt mit seinem Orchester die unterschiedlichen Stimmungen und gelegentlichen Tanzeinlagen.

Eine widersprüchliche aber erneut mitreißende Jedermann – Inszenierung in Salzburg geht zu Ende; sie irritierte, machte nachdenklich. Doch ist man nun gespannt auf die neue Inszenierung in 2017!  IOCO / D. Zimmermann / 13.08.2016

Salzburg, Salzburger Pfingsfestspiele, Romeo und Julia – West Side Story – Cecilia Bartoli, IOCO Aktuell, 21.05.2016

Salzburg / Felsenreitschule © Salzburger Festspiele - Andreas Kolarik

Salzburg / Felsenreitschule © Salzburger Festspiele – Andreas Kolarik

 Salzburger Pfingstfestspiele 2016 und Cecilia Bartoli

Verona / Julia Statue im Casa di Giulietta © IOCO

Verona / Julia Statue im Casa di Giulietta © IOCO

2016 waren die fünften Salzburger Pfingstfestspiele, die Cecilia Bartoli künstlerisch leitete. Unter dem Motto Romeo und Julia gab es ein breitgefächertes Programm, das verschiedenste Genres bediente: Zwölf Veranstaltungen – Konzerte, Oper, Ballett, eine Lesung, drei Kinofilme und ein Galadinner – fanden zwischen 13. und 16. Mai 2016 statt.

Mit Standing Ovations und begeistertem Jubel wurde die erste Premiere der diesjährigen Salzburger Pfingstfestspiele am Freitagabend vom Publikum aufgenommen. Für  West Side Story hatte der Bühnenbildner George Tsypin die Felsenreitschule in einen Straßenzug New Yorks verwandelt: 50 Tonnen Stahl, 8 Tonnen Plexiglas und 8 Tonnen Holz wurden in den Werkstätten der Festspiele dafür verbaut. Siebenundsiebzig, in internationalen Castings handverlesene Sänger, Tänzer und Schauspieler machten die tragische Liebesgeschichte nach dem Vorbild des unsterblichen Liebespaares von    lebendig. Die Kostümausstattung im Stil der 1950er Jahre stammt von Ann Hould-Ward. 270 Kostüme wurden individuell von den Kostümwerkstätten der Festspiele gefertigt. 60 Mitarbeiter, 8000 Arbeitsstunden und 1800 Meter Stoff  waren dafür nötig!

Salzburger Festspiele / West Side Story - Karen Olivo - Anita - Ensemble © Salzburger Festspiele - Silvia Lelli

Salzburger Festspiele / West Side Story – Karen Olivo – Anita – Ensemble © Salzburger Festspiele – Silvia Lelli

Unter der Leitung von Gustavo Dudamel spielte das Simón Bolívar Orchestra of Venezuela nicht nur leidenschaftlich temperamentvolle südamerikanische Rhythmen, sondern begleitete auch die Duette von Tony und Maria mit gefühlvoller Zartheit. Patrick Woodroffe, der schon die Rolling Stones, Michael Jackson und Elton John in das richtige Licht setzte, war für das meisterliche Licht-Design zuständig und Liam Steel entwickelte eine neue, spektakuläre Choreografie mit akrobatischen Kampfszenen und hinreißenden Tanzeinlagen. Auch der Regisseur Philip Wm. McKinley beschritt mit seiner Inszenierung neue Wege. Die Frage, was nach Tonys Tod aus Maria wurde, liegt seiner Konzeption zugrunde, und so besetzte er die Rolle der Maria doppelt. Michelle Veintimilla spielte an der Seite von Norman Reinhardt als ihrem Tony die Maria der Vergangenheit, während Cecilia Bartoli als erwachsen gewordene Maria sich Jahrzehnte später  ihrer verlorenen Liebe erinnert.

Bei der Lesung Ein zartes Ding von Ben Power rührten Ilse Ritter, Hans-Michael Rehberg und Sprecher Michael Rotschopf das Publikum im Landestheater mit einer neuen Sichtweise auf Shakespeares Werk. Mit einer Collage aus Texten des Stückes und Auszügen aus den Sonetten zeigten sie ein Paar, das dem Ende eines langen Lebens entgegengeht und eröffneten so eine andere, aber nicht weniger anrührende Sicht auf die tragischen Liebenden. Das Publikum dankte es ihnen begeistert.

Salzburger Festspiele / Romeo und Julia © Salzburger Festspiele - Silvia Lelli

Salzburger Festspiele / Romeo und Julia © Salzburger Festspiele – Silvia Lelli

Ebenfalls gefeiert wurde die konzertante Aufführung der Oper Giulietta e Romeo von Nicola Antonio Zingarelli. Besonders Countertenor Franco Fagioli wurde vom Publikum bejubelt, ebenso wie Giulietta, die schwedische Mezzosopranistin Ann Hallenberg. Gemeinsam mit Xavier Sabata, Bogdan Mihai, Irini Karaianni und Juan Sancho, dem Orchester und dem Chor Armonia Atenea unter George Petrou traten sie den Beweis an, dass Zingarellis zu Unrecht vergessene Oper sich neben den Vertonungen von Berlioz und Gounod glänzend behaupten kann.

Mit sinnlichen Kreationen nach den Rezepten des italienischen Sternekochs Stefano Baiocco  und mit Begleitung der Tafelmusik des Ensembles BIAGIO MARINI  wurde anschließend im Karl-Böhm-Saal erlesen getafelt.

Salzburger Festspiele / Julia Fischer, Violine und Milana Chernyavska, Klavier © Salzburger Festspiele - Silvia Lelli

Salzburger Festspiele / Julia Fischer, Violine und Milana Chernyavska, Klavier © Salzburger Festspiele – Silvia Lelli

Mit Begeisterung wurde die Kammermusik-Matinee mit Julia Fischer und Milana Chernyavska aufgenommen. Es erklangen Werke von Antonín Dvorák, Bohuslav Martin, Peter Tschaikowski und dem spanischen Virtuosen und Komponisten Pablo de Sarasate. Als Zugabe wurden die Corelli Variationen gespielt.

„Es ist Shakespeares Liebesgeschichte: ohne Worte, ein Gefühlsrausch. Es geht um hemmungslose Liebe, Leidenschaft und Hingabe, höchstes Glück und tiefste Traurigkeit“, sagt Romeo-Darsteller Friedemann Vogel über John Crankos legendärer Inszenierung des Balletts Romeo und Julia, das am Sonntagabend im Großen Festspielhaus zu Prokofjews einzigartiger Musik getanzt und mit großem Jubel bedacht wurde.

Chorwerke im polyphonen Stil ließen The Tallis Scholars am Montagmorgen in der Kollegienkirche erklingen. Die meditative Schönheit dieser geistlichen Werke von Thomas Tallis, William Byrd und John Sheppard berührte das Publikum auf besondere Weise.

Salzburger Festspiele / West Side Story mit Cecilia Bartoli als Maria © Salzburger Festspiele - Silvia Lelli

Salzburger Festspiele / West Side Story mit Cecilia Bartoli als Maria © Salzburger Festspiele – Silvia Lelli

Besonderes gab es auch im Das Kino, denn dort wurden an drei Tagen die drei Klassiker der Romeo und Julia – Verfilmungen gezeigt. Die Verfilmung aus dem Jahr 1968 von Franco Zeffirelli machte den Anfang, gefolgt von Baz Luhrmanns Werk aus dem Jahre 1996 und John Maddens Shakespeare in Love von 1998.

Das Galakonzert am Abend des Pfingstmontags setzte einen schillernden Schlusspunkt des Programms der diesjährigen Pfingstfestspiele: Angela Gheorghiu und die beiden Tenöre Juan Diego Flórez und Benjamin Bernheim sangen unter anderem Arien und Duette von Gounod, Tschaikowski und Zandonai.

Die Salzburger Pfingstfestspiele werden vom 2. – 5 Juni 2017 stattfinden.

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