Wuppertal, Oper Wuppertal, Rocky Horror Show – Intergalaktisches in Wuppertal, IOCO Kritik, 24.02.2017

Februar 25, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Musical, Wuppertaler Bühnen

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Wuppertaler Bühnen

Theater Wuppertal / Rocky Horror Show - The Time Warp © Jens Grossmann

Theater Wuppertal / Rocky Horror Show – The Time Warp © Jens Grossmann

 Intergalaktische Wesen treiben es in Wuppertal

Die Rocky Horror Show von Richard O´Brien

Von Viktor Jarosch

Die Oper Wuppertal ist seit dem 17.2.2017 im Rocky Horror Show – Fieber: Reife, noch unbescholtete Damen werfen im Theater mit Reis, Konfetti oder Klopapier um sich, andere Wesen schießen mit Wasserpistolen, rotieren Leuchtdioden oder tanzen scheinbar wirr inmitten der Besucherreihen; doch alle einem strengen Ritus folgend. Seriös aussehende Männer widersprechen pöbelnd einem Erzähler auf der Bühne mit fortwährenden „Boring“-Rufen. Der Besucherraum scheint nach der Vorstellung verwüstet. Die Rocky Horror Show – ein schräges Mitmach-Kultevent für, mit und über Außerirdische ist zu Besuch in Wuppertal. Sensible Feingeister sollten die Oper in dieser Zeit meiden. Doch der Reihe nach:

Theater Wuppertal / Transsylvanian Bunnies und Erzaehler © Jens Grossmann

Theater Wuppertal / Transsylvanian Bunnies und Erzaehler © Jens Grossmann

Richard O´Brien schuf 1973 seine Rocky Horror Show. Als experimentelles Rockmusical gedacht parodiert Richard O´Brien darin den bizarren Humor schrottiger Science Fiction Filme der 40 er und 50er Jahren, ergänzt mit glorreich-schrägem Schauspiel, trashigen „Spezialeffekten“ und sexueller Entfaltung. O´Brien selbst zu seinem Stück: „Immer wohnt auch das Animalische in uns. Und das, mit Anspielungen auf Horror- und Sagengestalten, ironischer Kritik am Spießertum bietet die Rocky  Horror Show. Richard Timothy Smith heißt der Autor dieser Show wirklich: Doch es gab im damaligen Engeland einen anderen Schauspieler namens Richard Smith; so benannte sich unser „Richard Rocky-Horror-Smith“ kurzerhand um: Seit 1970 nennt er sich Richard O´Brien. In seiner ersten Rocky Horror Show spielte er den Riff Raff.

Theater Wuppertal / Rocky Horror Ausstattung für Besucher © IOCO

Theater Wuppertal / Rocky Horror Ausstattung für Besucher © IOCO

Das knallbunte Kultmusical besitzt weltweit eine enthusiastische Fangemeinde. Eine Rocky Horror Show ist so in Südafrika ebenso Garant für volles Haus wie in Wuppertal. Mit Reis, Wasserpistolen oder Klopapier bewaffnete Besucher in hohen Hacken, Strapsen und bunten Kostümen machen die Rocky Horror Show zum coolen Mitmach-Event für Groß, Klein, Mann, Frau, Dick oder Alt. Große Theater scheuen verschämt die verschrobene Unbedingtheit des Stückes; kleinere Theater sind deutlich  couragierter. Erst recht das Theater Wuppertal: Es bietet dem Besucher im Eingangsbereich für den Kampf gegen die Außerirdischen sogar eine komplette „Rocky Horror-Ausrüstung“ für nur €4 (Foto): Konfetti, Reis, Rolle Klopapier, Wasserpistole, Leuchtstab, Pappdeckel. Dazu die Zeitschrift der Außerirdischen, The Denton Guardian, welcher von UFOs und Kornkreisen am Himmel über Wuppertal berichtet. Ein Musical-Knigge leitet unbedarfte Wuppertaler an, wann was zu rufen, was zu tanzen, singen, spritzen oder zu zischen sei.  Das Bergische Land war in der Oper Wuppertal punktgenau bereit für Begegnungen mit jenen intergalaktischen Wesen!

Theater Wuppertal / Frank'N'Furter und Transsylvanian Bunnies © Jens Grossmann

Theater Wuppertal / Frank’N’Furter und Transsylvanian Bunnies © Jens Grossmann

Regisseur Sebastian Welker schuf eine Rocky Horror Show, dessen Bühnenbild zwischen einer Kathedrale der Irdischen und dem Tempel der Außerirdischen, zwischen sanfter Zärtlichkeit, erotisierender Travestie (Kostüme Susanne Hubrich) aber auch gelegentlichem Hard Core changiert: Die Hochzeit von Brad and Janet („Dammit, Janet, I love you…„) eröffnet das Wuppertaler Rocky – Trashspektakel in einer Kathedrale mit hinreißend antik gestaltetem Hochaltar (Bühnenbild Stephan Prattes) und prächtigen Seitenkanzeln. Brad Majors und ex-Verlobte Janet Weiss (den Namen Janet begleitet das Publikum mit Beginn im Mitmach-Modus mit zischendem „WeiSSS“) traut ein Priester in streng religiösem Ritual und schwarzer Soutane: Man tauscht Ringe, Nonnen in Tunika und weißen Hauben werfen Reis aus den Seitenkanzeln auf die frisch Vermählten. Auch das Publikum nimmt Anteil, wirft ebenfalls Reis. Projektionen bilden die folgende Autofahrt ab, welche Brad and Janet zu ihrem Dr. Scott führen soll….welche jedoch mit quietschenden Reifen und schepperndem Blech im Irgendwo endet. Aufsteigender Nebel auf der Bühne zeigt ein verbeultes Auto dem Brad and Janet entsteigen. Schrille Wesen nähern sich aus einem nahen Tempel: Die Außerirdische aus Transsylvanien. Der bucklige Riff Raff (Mark Bowman-Hester), Magenta (Kerstin Brix) und verführerische, in rote Dessous gekleidete Transssylvanian Bunnies. Die Rocky Horror Show ist endgültig in Wupperal angekommen.

Theater Wuppertal / Riff Raff und Magenta vor ihrem Abflug © Jens Grossmann

Theater Wuppertal / Riff Raff und Magenta vor ihrem Abflug © Jens Grossmann

Eine wunderlich schrille Gesellschaft lädt Brad and Janet in ihren Tempel, empfängt sie zu einem Gelage wie dem Sinne befreienden, ansteckenden Time Warp Tanz („It´s astounding…Es ist erstaunlich, Zeit eilt vorüber, Verrücktheit fordert seinen Tribut..“). Die Verücktheit des Time Warp ergreift, von Dr. Scott (Sebastian Campione) bedrohlich angeregt („It´s just a jump to the left„), schon nach wenigen Minuten auch  viele in den Reihen tanzende Besucher des Theater Wuppertal. Bis Frank’N’Furter (Andreas Wolfram), außerirdischer Transvestit in high heels erscheint, sich mit seinem Welthit „I´m just sweet transvestite, from Transsexual, Transylvania..“  outet, Janet mit seinen Phantasien umhüllt, um dann in einer großen Projektion sein Traumwesen Rocky zu schaffen: „In just seven days I can make you a man…„. Hunderte Klopapierrollen auf den Theaterboden beweisen:  Die Schöpfung des Retortenwesen Rocky ist gelungen. Viel Surreales, Trashiges, transsylvanische Tänze und Gesänge folgt zwischen Erzähler, Dr. Scott, Brad and Janet und den Außerirdischen. Bis Frank’N’Furter im Bühnenhimmel von Riff Raff mit einer Laserpistole erschossen wird,  der galaktische Tempel auf der Bühne sich in ein Raumschiff verwandelt, welches Riff Raff und Magenta von der Erde zurück in ihre geliebte Heimat, zurück nach Transsylvanien führt. Und Wuppertal, zwar mit seiner einmaligen Schwebebahn aber ohne Außerirdische zurück läßt.

 Szenegerechte Besucher des Rocky-Spektakels ©IOCO

Szenegerechte Besucher des Rocky-Spektakels © IOCO

Die Rocky Horror Show, eine Produktion des Saarländischen Staatstheaters,  reißt auch in Wuppertal ein begeistertes Publikum mit. Die Choreographie (Amy Share-Kissiov) hält Reiz und Spannung der Produktion mit changierenden Bühnebilder, mit gewagten Tänze wie platten Slapstick beständig hoch. Dass ein Beichtstuhl, weil Rocky und Janet es darin wohl treiben, etwas penetrant lange schaukelt, dass der Sex auf den Emporen manchmal  eher irdisch profan als außerirdisch wirkt: Chicken feed, geschenkt! Bühnenbilder, lebendige Choreographie und das darstellerisch wie stimmlich starken Ensemble begeisterten die irdischen Bürger aus dem Tal der Wupper über alle Maßen! Der tobende Beifall währte gefühlte sechzig Minuten; er ist gleichzeitig die Empfehlung, Karten für kommende Auftritte der Außerirdischen in Wuppertal frühzeitig zu sichern!

Oper Wuppertal_The Rocky Horror Show_Weitere Vorstellungen am 11.03.2017, 12.03.2017, 26.03.2017, 21.04.2017, 29.04.2017, 30.04.2017, 11.06.2017, 20.06.2017

Wuppertal, Oper Wuppertal, Premiere Die Rocky Horror Show von Richard O‘Brien, 17.02.2017

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Wuppertaler Bühnen

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

 Rocky Horror Show von Richard O‘Brien

»Die beste Rocky Horror Show, die je auf deutschen Bühnen zu sehen war, sagen viele«, las man nach der Premiere der Rocky Horror Show 2011 am Saarländischen Staatstheater in der Presse. Nun kommt die Erfolgsinszenierung von Sebastian Welker nach Wuppertal, wo sie mit einer neuen Riege von Sängern und Tänzern gerade neu einstudiert wird.

Am Freitag, den 17. Februar um 19:30 Uhr, ist Premiere, zu der wir Sie herzlich einladen wollen. Wie bei einer ordentlichen Rocky Horror Show üblich, darf auch bei uns mit Reis und Toilettenpapier geworfen und mit Wasser aus Wasserpistolen gespritzt werden. Für den Besuch der Rocky Horror Show gelten ganz eigene Regeln! Ein Musical-Knigge wird Ihnen verraten, was Sie unbedingt lassen sollten!

Die Handlung: Auf dem Weg zu  ihrem alten College-Professor bleiben Janet Weiss und  ihr Verlobter Brad Majors mit einer Reifenpanne  in  einer verlassenen Gegend liegen. Da entdecken sie  in der Ferne plötzlich ein Licht. Hoffnung witternd, nähern sie sich dem hellen Schein und stehen kurz darauf  vor einem unheimlichen,  mittelalterlichem  Schloß. Eine  wunderliche,  schrille  Gesellschaft  empfängt  sie  dort. Auf dem Schloss lebt Frank’n’Furter, ein außerirdischer Transvestit vom Planeten Transsexual, mit einer Schar skurriler Gestalten und dem  buckeligen Hausdiener Riff Raff. Frank’n’Furter ist gerade dabei, sich seinen Traummann aus der Retorte zu erschaffen. Als Rocky  zum  Leben erweckt wird, teilt  er  nicht  nur  mit  seinem  Erschaffer  das  Bett,  sondern  verhilft  auch  Janet  zu  bislang  nicht erlebten  Liebeserfahrungen.  Brad  wiederum  wird  von  Frank’n’Furter  verführt.  Riff  Raff  und Magenta richten ihre Waffen gegen Dr. Frank’N Furter und übernehmen das Kommando. Zurückim Nebel  bleiben  Janet,  Brad  und  Dr.  Scott.  Die  turbulente  Komödie  endet  schließlich  mit  der Entmachtung  und  Ermordung  Frank’n’Furters  und  der  Rückkehr  von  Riff  Raff  und  einer  Gefährtin auf  den  Heimatplaneten.  Brad  und  Janet  bleiben  auf  der  Erde  zurück.  Die  grenzüberschreitende Botschaft  der  aberwitzigen  Horror-Story  von  der  fernen  Galaxie Transylvania  schreckt,  fasziniert und entzückt – ein höllischer Spaß, eine göttliche Party, ein Mythos der Obsessionen, der unerhörten Träume.

Künstlerisches Team: HERIBERT FECKLER Musikalische Leitung; SEBASTIAN WELKER Regie; STEPHAN PRATTES Bühne; SUSANNE HUBRICH Kostüme; AMY SHARE-KISSIOV Choreografie; UNITED ROCK ORCHESTRA

Premierenbesetzung : ANDREAS WOLFRAM Frank N‘ Furter, MARK BOWMAN-Hester Riff-Raff, DUSTIN SMAILES Brad Majors, JOHANNA SPANTZEL Janet Weiss, EDDY EBELING Eddie, CHRISTIAN SCHÖNE Rocky, KERSTIN BRIX Magenta, MARIYAMA EBEL Columbia, SEBASTIAN CAMPIONE Dr. Everett Scott, SIMON STRICKER Erzähler, u.a.  PMWuBü

Die Rocky Horror Show, Wuppertal, weitere Termine: Premiere 17.2.2017, 18.2.2017, 19.2.2017, 11.3.2017, 12.3.2017, 26.3.2017, 21.4.2017, 29.4.2017

 

 

Hamburg, Kulturfabrik Kampnagel, Tanztheater Pina Bausch – VIKTOR, IOCO Kritik, 01.02.2017

Februar 2, 2017  
Veröffentlicht unter Ballett, Hervorheben, Kritiken, Wuppertaler Bühnen

Kampnagel

 Kulturfabrik Kampnagel Hamburg © Frederik Röh

Kulturfabrik Kampnagel Hamburg © Frederik Röh

 

Kampnagel in Hamburg ist Deutschlands größte freie Spiel- und Produktionsstätte und zählt zu den international bedeutendsten Bühnen für darstellende Künste. Die ehemalige Kranfabrik wurde 1984 in einen multifunktionalen Bühnenkomplex umgebaut. Hier wird an neuartigen Formaten gearbeitet die nach zeitgemäßen Formen von Öffentlichkeit, Kommunikation, Interaktion, Partizipation und Wissensvermittlung suchen.


Pina Bausch:  „Tanzt, Tanzt, sonst sind wir verloren“

Von Patrik Klein

Nach der Uraufführung am 14. Mai 1986 in Wuppertal ist die Tanzkompanie der Pina Bausch nun mit dem Stück VIKTOR für 4 restlos ausverkaufte Vorstellungen in der Kulturfabrik Kampnagel in Hamburg zu erleben

Pina Bausch – noch bis zu den frühen 80-er Jahren wurde ihre Art des Tanzes ausgebuht, bepöbelt und belächelt. Die verstörten Abonnenten im Schauspiel- und Opernhaus Wuppertal verließen oft türschlagend und wutentbrannt die Vorstellungen, die sich im Laufe der oft langen Abende um mehr als die Hälfte leerten. Das Publikum konnte damals mit der neuen Form dieses Ausdrucks- und Tanztheater Pina Bausch wenig bis nichts anfangen.

 Tanztheater Pina Bausch Collage aus 1986 © Patrik Klein

Tanztheater Pina Bausch Collage aus 1986 © Patrik Klein

Auch als junger Student und aufgeschlossener Theatergänger in Wuppertal brauchte ich einige Zeit, um mich an die Tanzabende von Pina Bausch zu gewöhnen und diesen Genuss und Freude abzugewinnen. Mit dem zu meiner Zeit damals aktuellen Stück „Cafe Müller“ konfrontiert, erlebte man ungewöhnlichste Formen, Bewegungen, schauspielerische Elemente und Musik vom Band. Die Frage nach dem, „Was machen die da? Wo ist der Handlungsfaden? Worum geht es hier eigentlich?“ stellte sich gewiss jeder Erstbesucher eindringlich. Stühle flogen krachend durch die Gegend. Ein Tänzer versuchte die blind durch den Raum des Cafes tanzende Protagonistin (oftmals Pina Bausch selbst) vor den drohenden Kollisionen mit den Tischen und Stühlen zu schützen. Ratlosigkeit bei vielen Betrachtern, auch bei mir zunächst.

Erst nach der Pause ein Lichtblick: Auf 10 cm tiefem Torf, die komplette Bühne bedeckend, spielte und tanzte man das Frühlingsopfer, Le Sacre du Printemps von Strawinsky in der umwerfenden Choreografie der Pina Bausch. Hier zeigte die gesamte Truppe, wie moderner Tanz mit großartigen, neuen, unter die Haut gehenden Elementen dargestellt werden kann und wie sich das ausgesuchte Frühlingsopfer regelrecht zu Tode tanzte. Als junger Student war ich tief betroffen.

Schnell war klar, dass es im klassischen Sinne keine Handlung gibt. Die Stücke der 1940 geborenen Pina Bausch aus Solingen drehen sich oft um Elemente des Lebens, der Sehnsucht, der gesellschaftlichen Probleme im Miteinander und speziell um das Verhältnis der Geschlechter untereinander. Pinas Werke sind fragmentarische Sammlungen von vielen Einzelszenen, die von den Tänzerinnen und Tänzern mit sehr viel persönlicher Preisgabe ihrer Individualität dargestellt werden. Es sind nicht nur moderne Tanzensembleszenen, sondern auch viele schauspielerische Einlagen, die in der Heimatsprache der Ensemblemitglieder gesprochen oder gesungen werden. Die internationale Truppe von Pina Bauschs Tänzern erklingt in Deutsch, Englisch, Spanisch und Französisch. Die Musik dazu kommt häufig nicht aus dem Orchestergraben, sonder aus einer Lautsprecheranlage. Somit ist der Graben überbaut und die Distanz zum Publikum auf ein Minimum reduziert. Wer schon mal in einer der ersten Reihen eines Tanztheaterstücks von Pina Bausch gesessen hat wird bestätigen können, dass das Erleben mit hautnahem Kontakt der oft bis an die physische Grenze gehenden Tänzer ein unvergessliches Erlebnis sein kann, an dem die Gedanken noch lange hängen.

Kampnagel Hamburg / Tanztheater Pina Bausch - VIKTOR © Jochen Viehoff

Kampnagel Hamburg / Tanztheater Pina Bausch – VIKTOR © Jochen Viehoff

Das Stück VIKTOR entstand 1986 in Rom. Die Tänzerinnen und Tänzer hatten genügend Zeit, sich von der Stadt, von den Menschen und den Erlebnissen treiben und inspirieren zu lassen. In der Uraufführung am 14. Mai 1986 sah man dann im ausverkauften Schauspielhaus in Wuppertal das Ergebnis vor einem nach drei Seiten abschließenden, fast wandhohen Erdwall, auf dem ein Tänzer während der ganzen Vorstellung, die immerhin dreieinhalb Stunden dauerte, mit einer Schaufel Erde herunter auf den Bühnenboden rieseln lies. Ein Klavier und eine Leiter, die auf den Wall führte, waren die einzigen Ausstattungsmittel, die man zu Anfang sah. „Ein Tanz bis ins Grab“ mit vielen Einzel- und Gruppenszenen, sowie großartigen Choreografien mit rund 30 Tänzerinnen, Tänzern und Statisten kennzeichnete den Abend. Mit diesem und auch vielen anderen Stücken der 2009 viel zu früh verstorbenen Choreografin Pina Bausch tourte man durch die ganze Welt, nahm man teil an den größten Tanzfestivals der Szene und erntete Beifallsstürme und überragende Kritiken.

Kampnagel Hamburg / VIKTOR - Andrey Berezin und Nazareth Panadero © Oliver Look

Kampnagel Hamburg / VIKTOR – Andrey Berezin und Nazareth Panadero © Oliver Look

31 Jahre später kommt VIKTOR nun nach langjähriger Abstinenz des Tanztheaters Wuppertal wieder einmal nach Hamburg und wird in der Kulturfabrik Kampnagel für vier restlos ausverkaufte Vorstellungen noch einmal gezeigt. Das begeisterte Publikum kann sogar noch einige Tänzerinnen und Tänzer der Uraufführung bewundern, die im gereiften Alter entweder vor oder hinter der Bühne mitspielen und dafür sorgen, dass das Erbe der Pina Bausch lebendig gehalten wird.
Eine junge, hübsche Dame in rotem Kleid tritt von hinten nach vorne auf die Bühne. Sie hat keine Arme und lächelt die Zuschauer an. Man starrt verwundert auf die Ärmelstutzen an den Schultern, aus denen noch die Arme wachsen müssten. Mit dieser Szene beginnt der Reigen von insgesamt rund einhundert Kurzszenen des langen Abends auf Kampnagel. Aus den Lautsprechern vor der Bühne ertönt Volksmusik aus der Lombardei, Toskana, Süditalien, Sardinien sowie klassische Musik von Tschaikowskij, Buxtehude und Dvorák. Auf dem Boden liegt ein Paar (Aida Vainieri und Eddie Martinez). Hinter ihnen sind Teppiche ausgelegt. Vor den Beiden steht ein Standesbeamter und spricht die bei der Eheschließung obligatorischen Worte. Keine Reaktion des Brautpaares. Geduldig beugt sich der Trauhelfer über die beiden Liegenden, bewegt den Kopf der Dame zu einem Nicken, dann den des Herren, schiebt die Hände der Beiden zusammen, um die Ringe aufzustecken und legt die Köpfe zusammen zu einem Kuss. Dann fallen sie wieder zurück in eine Art Leichenstarre.

Kampnagel Hamburg / VIKTOR - Julie Shanahan © Laszlo Szito

Kampnagel Hamburg / VIKTOR – Julie Shanahan © Laszlo Szito

Eine Tänzerin erscheint neben einem der ausgelegten Teppiche sitzend auf dem Boden, die Beine in Richtung Publikum ausgestreckt. Sie beginnt mit dem Oberkörper zu tanzen. Ihre Haare wehen um sie, wie vom Wind geblasen. Während des mehrminütigen Oberkörpertanzes rutscht sie langsam und kaum merklich nach Vorne an die Bühnenfront, hautnah bis ans Publikum. So füllt sich die Bühne mehr und mehr mit immer weiter dazukommenden Darstellern und VIKTOR nimmt langsam „Fahrt auf“. Heiter, traurig und melancholisch stellt das Stück viele Fragen, mehr als es beantwortet, wenn zum Beispiel eine Tänzerin zwei Kalbfleischsteaks in ihre Ballettschuhe steckt und danach anfängt klassisch zu tanzen.
Schwungvolle Ensembleszenen mit den Tänzerinnen, Tänzern und einigen Tanzkomparsen, bestehend aus älteren Herren Hamburgs, sind zu Swingmusik aus knisternden Lautsprechern zu vernehmen. Sie zeigen, dass Pina Bausch nicht nur für verstörende Kleinszenen steht, sondern dass sie auch die „große Choreografie“ mit ihren eigenen, unverwechselbaren Mitteln beherrscht. In allen diesen Szenen gibt es eine ganz wichtige, das Stück auch charakterisierende Rolle, die einer der ersten Tänzer der Tanztruppe inne hat und der auch 1986 bei der Uraufführung dieses Part „tanzte“. Dominique Mercy wirkt in seinem schwarzen Kleid wie eine Witwe im neapolitanischen Italien. Mit Stock und gebeugtem Oberkörper fegt er permanent durch die Szenen der übrigen Tänzer, immer dabei sein Gesicht unter einem schwarzen Cape verbergend. Die Szenen erinnern an die Erscheinung der alten Burja aus Janaceks Jenufa.

Kampnagel Hamburg / Pina Bausch - VIKTOR - Ensemble © Patrik Klein

Kampnagel Hamburg / Pina Bausch – VIKTOR – Ensemble © Patrik Klein

Als nach dreieinhalb Stunden intensivstem Tanztheater die anfänglich beschriebenen ersten Einzelszenen erneut aufkommen, wird langsam klar, dass man sich dem „Ende“ des Stückes nähert. VIKTOR als ein unendlicher Kreislauf des Lebens und Sterbens, der Sehnsüchte, dem Hass und der Liebe. Nach einem kurzen Moment der Betroffenheit, entladen sich die aufgestauten Emotionen beim Publikum in einem lange andauernden, dankenswerten und begeisterten Jubel für Pina Bauschs Tanztheater auf Kampnagel Hamburg.

Es ist schön zu wissen, dass nach nunmehr 8 Jahren nach ihrem Tod, in denen einige ehemalige Tänzer die Leitung der Tanzkompanie als Interimslösung übernahmen, um das Erbe der Choreografin zu bewahren, die Zukunft des Tanztheaters endgültig gesichert ist. Ab Mai 2017 wird Adolphe Binder (Leiterin des Tanzensembles in Göteborg) die Intendanz und Künstlerische Leitung übernehmen. Das seit 2013 geschlossene Schauspielhaus in Wuppertal soll dann auch in wenigen Jahren (frühestens ab 2019) nach einer Sanierung in ein Pina Bausch Zentrum umgewandelt werden. Dort können dann wieder an alter, bekannter Stelle die Stücke von Pina Bausch aufgeführt werden.  Von Patrik Klein

 

Wuppertal, Oper Wuppertal, Premiere AscheMOND oder The Fairy Queen, 29.01.2017

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Wuppertaler Bühnen

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

 AscheMOND oder The Fairy Queen von Helmut Oehring

Oper unter Verwendung von Musiken Henry Purcells, Konzeption und Libretto von Stefanie Wördemann, mit Texten von William Shakespeare, Heinrich Heine, Adalbert Stifter und Helmut Oehring

Premiere   29. Januar, weitere Vorstellungen 2. Februar, 5. und 18. März 2017

In AscheMOND oder The Fairy Queen umkreisen sich die audiovisuelle Neukomposition Helmut Oehrings und die von ihm neu arrangierte Barockmusik Henry Purcells. Die gehörlose Gebärdensolis-tin als ›Fairy Queen/MOND‹, Sänger_innen, ein Schauspieler und zwei Instrumentalvokalsolisten berichten von jenen Kräften, welche die Erde zum Drehen bringen, erzählen Geschichten in Musik, zeichnen Bilder von Grundkonflikten und Loyalitäten, von ungeheuren Möglichkeiten und Fähigkeiten wie auch ihren entsetzlichen Entwertungen. Alle stehen miteinander in existenzieller Verbindung, und doch bleibt jeder allein, fremd und gefangen in den Gravitationskräften der eigenen Welt. Zentrales Motiv des Werkes ist die Sonnenfinsternis. Als Naturphänomen wie poetisch-politische Metapher steht sie für Dimensionen menschlicher Ohnmacht und Zerbrechlichkeit gegenüber Natur- und Menschen-gewalten, doch auch als Möglichkeit von Veränderungen, Revolutionen angesichts gesellschaftlicher Realitäten.

Regie führt der vielfach ausgezeichnete türkisch-deutsche Regisseur Immo Karaman (Nominierung für den deutschen Theaterpreis FAUST, Förderpreis NRW für junge Künstler, „Stern des Jahres“ der Münchner Abendzeitung für die Produktion von Brittens „Death in Venice“), der sich als Regisseur an zahlreichen großen Bühnen in Deutschland und im Ausland mit verschiedenen Musik-theaterproduktionen profilieren konnte, darunter mit einem vielbeachteten Britten-Zyklus an der Deutschen Oper am Rhein. Die musikalische Einstudierung und Leitung der Vorstellungen übernimmt der Gastdirigent Jonathan Stockhammer, der sich dem Wuppertaler Publikum bereits mit Steve Reichs Minimal-Music-Oper THREE TALES vorgestellt hat.

Die zentrale Rolle der Fairy Queen/MOND ist mit Alexandra Wedel prominent besetzt. Die 32-jährige Tänzerin und Schauspielerin, die seit ihrem 4. Lebensjahr gehörlos ist, siegte Ende November in der Pro7-Show „Deutschland tanzt“ für das Bundesland Bayern.

Helmut Oehring, 1961 in Ost-Berlin als Sohn gehörloser Eltern geboren, gilt heute als herausragender Komponist seiner Generation. Als Gitarrist und Komponist Autodidakt, war er zwischen 1992 und 1994 Meisterschüler von Georg Katzer an der Akademie der Künste zu Berlin. 1994/95 Stipendiat an der Villa Massimo in Rom, erhielt er seitdem zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Hindemith-Preis (1997) und den Arnold-Schönberg- Preis (2008) für sein gesamtes Schaffen von heute ca. 350 Werke nahezu aller Genres. Im September 2011 veröffentlichte btb/Randomhouse seine Autobiografie Mit anderen Augen. Vom Kind gehörloser Eltern zum Komponisten, die 2015 in seiner Regie als Hörstück vom SWR produziert wurde. Er ist ständiges Jury-Mitglied des Karl-Sczuka-Preises für internationale Hör-spielkunst des SWR sowie Mitglied der Akademie der Künste Berlin und der Sächsischen Akademie der Künste. 2015 erhielt Helmut Oehring den Deutschen Musikautorenpreis 2015 in der Kategorie Mu-siktheater. Aktuelle Werke gemeinsam mit der Librettistin und Dramaturgin Stefanie Wördemann
sind u.a. das Melodram Massaker, hört ihr, MASSAKER! (an: Recep Tayyip Erdogan) für das Aghet-Konzert von Marc Sinan und die Dresdener Sinfoniker zum 100. Jahrestag des Genozids an den Ar-meniern (UA 2015/16 Berlin / Dresden / Jerewan / Budapest), die Vokalise eines untröstlichen Engels für Marisol Montalvo und die Düsseldorfer Symphoniker (UA 2016 Tonhalle Düsseldorf) und die Kam-meroper AGOTA? Die Analphabetin (Gestern/Irgendwo) für Dagmar Manzel und das Ensemble Mo-dern (UA 2016 Staatstheater Wiesbaden). Aktuell arbeiten Helmut Oehring und Stefanie Wördemann an einem Musiktheaterwerk zum 100. Geburtstag Heinrich Bölls als Auftragswerk der Musikfabrik, der Stadt Köln und der Oper Köln, das in der Spielzeit 2017/18 an der Oper Köln in beider Inszenierung uraufgeführt wird.

Besetzung:  Gebärdensolistin Fairy Queen/MOND Kassandra Wedel, Erzähler Manfred Böll, Sopran 1 Ralitsa Ralinova, Sopran 2 Nina Koufochristou/Leonor Amaral
Mezzosopran Catriona Morison, Countertenor Hagen Matzeit, Tenor Christian Sturm, Bariton 1 Simon Stricker, Bariton 2 Hak-Young Lee, Solo Kontrabass und Stimme Aleksander Gabrys, Solo E-Gitarre Daniel Göritz, Opernchor der Wuppertaler Bühnen, Sinfonieorchester Wuppertal

Musikalische Leitung Jonathan Stockhammer, Sounddesign und Klangregie Torsten Ottersberg, Inszenierung Immo Karaman, Bühnenbild Aida Guardia, Immo Karaman
Kostüme Fabian Posca, Choreinstudierung Markus Baisch, Dramaturgie Jana Beckmann, Berthold Schneider

Premiere ist am 29. Januar. Weitere Vorstellungen am 2. Februar sowie am 5. und 18. März 2017

 

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