Wuppertal, Oper Wuppertal, Nocke / Schneider: Auf zu neuen Ufern! IOCO Aktuell, 15.07.2016

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Wuppertaler Bühnen

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

  Oper Wuppertal: Mit eigenem Ensemble zu neuen Ufern

Kulturdezernent Nocke, Intendant Schneider im Gespräch mit IOCO

Visionen spiegeln sich im Spielplan 2016/17 der Oper Wuppertal  wieder: Bürgernähe, Modernität, Einbindung der Jugend und eigenes Ensemble sind einige der  Ziele von Stadt und Oper Wuppertal. Kulturdezernent Matthias Nocke äußerte sich gegenüber IOCO zu den Bestellungen von Berthold Schneider als Intendant der Oper Wuppertal und Julia Jones als neuer GMD: „Die Stadt Wuppertal“, so Nocke, „blickt wieder positiv in die Zukunft, mit steigenden Beschäftigten-, Einwohner-, Studentenzahlen. 150 verschiedene Nationen, 360.000 Einwohner wünschen sich Kultur, Musik- wie Sprechtheater, welches die Stadt durchdringt, der Stadt ein Gesicht gibt.“ Der Vorgänger Schneiders, Toshiyuki Kamioka, seine „Heimat“ war das Dirigentenpult, hatte auf ein eigenes Opern-Ensemble verzichtet und den Stagionebetrieb eingeführt. Ein Konzept, welches nun wieder aufgegeben wird. Matthias Nocke: „Der Ensemblebetrieb ist Wesenskern des deutschen Stadttheaters. Der Stagionebetrieb entsprach in Wuppertal nicht den Seh- und Hörerfahrungen des einheimischen Publikums. Die Besucherzahlen der Oper Wuppertal gingen zurück, die Identifikation der Bevölkerung mit Künstlern schwand, die Oper hatte in der Bevölkerung kein Gesicht mehr. Deshalb die Neuausrichtung.“

Wuppertal / Intendant Berthold Schneider im Gespraech mit IOCO © Jens Grossmann

Wuppertal / Intendant Berthold Schneider im Gespraech mit IOCO © Jens Grossmann

Neu-Intendant Berthold Schneider (1965) hat breite Theatererfahrung: Studium der Regie in den USA, Chefdramaturg an der Oper Dortmund, Referent an der English National Opera, Operndirektor am Staatstheater Darmstadt. Schneider möchte, so gegenüber IOCO, „der Oper Wuppertal mit eigenem Repertoire und Ensemble wieder lebendige Präsenz in der Stadt, neue Identität geben.“

Motiviert und mit klarem Konzept geht der bis 2019 bestellte Theaterpraktiker Schneider in seine erste Wuppertaler Spielzeit:  „Das Repertoiresystem ist in seiner Gesamtheit dem Stagione-Betrieb überlegen. Durch seine Vielfältigkeit wirkt ein Repertoire immer attraktiv in die Bevölkerung. Repertoire-Stücke entwickeln sich über die Zeit, während selbst gut Stagione-Stücke durch die kurze Aufführungsdauer vor Ort wenig Entwicklungspotential besitzen. Wiederum geben Repertoirestücke ohne eigenes Ensemble keinen Sinn, da Organisationsaufwand und Reisekosten solcher Produktionen alle Dimensionen sprengen würden. Daher unser Ja zum eigenen Ensemble an der Oper Wuppertal. Wir besitzen bereits ein künstlerisch gut eingespieltes Team. Das Ensemble wird in die Stadt wirken, soll zum Botschafter der Marke Wuppertal werden. Ein eigenes Repertoire wird sich entwickeln, Bindung zur Bevölkerung werden wir herstellen, in Schulen und Liederabenden werden wir Präsenz zeigen. Solche Bindung kann man mit Stagione nie erzeugen.“  

„Selbst wenn diese Sänger in einer Kirche ein Oratorium singen, so wird dies mit der Oper Wuppertal assoziiert, wirkt dies in die Stadt. All dies möchten wir in den kommenden Jahren in der Stadt Wuppertal aufbauen.“  „Die Sänger leben hier, kaufen ein, schaffen Bindung mit der Bevölkerung. So identifizieren sich viele  Zuschauer, -hörer mit `ihren´ Sängern. Sie glauben gar nicht, wie oft Sänger angesprochen, eingeladen werden, wie oft Sänger in Schulen Vorträge halten“, so Schneider mit spürbarem Gestaltungswillen.

„Wir machen Oper im Bewusstsein der Lebenswelt des 21. Jahrhunderts – das muss unser Anspruch sein. Sowohl in der kritischen Auseinandersetzung mit den klassischen Stoffen als auch im aufrichtigen Spaß, den wir mit den bunten und oftmals auch liebevoll-bösen Stücken des leichteren Repertoires haben wollen. Wichtig ist mir aber auch, die Oper strukturell zu öffnen – u.a. indem wir einen intensiven Austausch mit den anderen musikalischen Akteuren in der Stadt treten. Zudem müssen wir neue Formen der Teilhabe entwickeln, um das bestehende Publikum und neue Publikumsgruppen für die Kraft von Theater und Oper zu begeistern“, umreißt Berthold Schneider sein künstlerisches Konzept.

Wuppertal / Oper Wuppertal © IOCO

Wuppertal / Oper Wuppertal © IOCO

Die neue Saison 2016/17 eröffnet Schneider und die Oper Wuppertal am 17. und 18. September 2016 mit zwei Premieren auf der Bühne des Opernhauses an einem Wochenende: THREE TALES von Steve Reich am Samstag, gefolgt von HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN von Jacques Offenbach am Sonntag. THREE TALES wird dann erstmals jenseits der großen internationalen Festivals zu erleben sein und mit den Zuschauern gemeinsam auf der Bühne des Opernhauses aufgeführt. Jacques Offenbachs große fantastische Oper ist ein Sammelsurium unterschiedlichster Motive und Fragmente. In der Wuppertaler Neuproduktion wagen vier international erfahrene Regisseure – Christopher Alden, Charles Edwards, Inga Levant und Nigel Lowery – das Experiment und inszenieren je einen Akt der Oper. Die Rahmenhandlung wird auf Deutsch gesungen, die drei Frauenakte in französischer Sprache.

Darunter Repertoireklassiker wie Offenbachs HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN und Verdis RIGOLETTO. Liebhaber des Musicals kommen mit THE ROCKY HORROR SHOW auf ihre  Kosten. Die Produktion in der Regie von Sebastian Welker lief bereits sehr erfolgreich am  Saarländischen Staatstheater. Auch jenseits des klassischen Werkekanons setzt das Haus unter der neuen Intendanz Akzente: So bilden Titel wie THREE TALES, eine Video-Oper von Beryl Korot und Steve Reich, für die Schneider persönlich die szenische Einrichtung übernimmt, und die  Uraufführung der Originalversion von Helmut Oehrings  AscheMOND ODER THE FAIRY QUEEN  einen aktuellen Schwerpunkt im Spielplan, wie Sergej Prokofjews DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN  als Familienoper. PULCINELLA, ein großes partizipatorisches Educationprojekt an dem in Kooperation mit der Freien Scene Wuppertal 170 Kinder teilnehmen werden, mit Musik von Igor Strawinsky, soll vor allem das jüngere Publikum ansprechen und für Musiktheater begeistern. Peter Cornelius‘ selten gespielte komische Oper DER BARBIER VON BAGDAD sowie die Wiederaufnahme des DON GIOVANNI in der Regie von Thomas Schulte-Michels komplettieren den Spielplan.

Wuppertal / GMD Julia_Jones © M. KORBEL

Wuppertal / GMD Julia Jones © M. KORBEL

Das Sinfonieorchester Wuppertal  wird seine bis 2016 von Toshiyuki Kamioka  mitgeprägte Tradition unter der Britin Julia Jones (1961) fortsetzen. Sinfonie-, Chor- Kammerkonzerte, hervorragende Gastdirigent/innen, erlesene Künstler, einen abwechslungsreichen Querschnitt durch die sinfonische Literatur sieht der reiche Spielplan 2016/17 vor, welcher am 25. September 2016 beginnt: In der spektakulären Historischen Stadthalle von Wuppertal mit dem Tripelkonzert C-Dur op. 56 von Ludwig van Beethoven und der Sinfonie Nr. 1 D-Dur von Gustav Mahler, Dirigentin Joana Mallwitz.   IOCO / Viktor Jarosch / 15.07.2016

 

Wuppertal, Wuppertaler Bühnen, 1.200 Eltern und Kinder erfahren Klassik: Der Feuervogel, IOCO Aktuell, 13.09.2015

September 11, 2015  
Veröffentlicht unter IOCO Aktuell, Wuppertaler Bühnen

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Wuppertaler Bühnen

Der Feuervogel: Familienkonzert für Große, Mittlere, Kleine


Stadthalle Wuppertal © Lars Langemeier

Stadthalle Wuppertal © Lars Langemeier

Die architektonisch spektakuläre Historische Stadthalle und ihr Sinfonieorchester Wuppertal sind bedeutendes musikalisches Zentrum im Bergischen Land. Hinter der braven Baubeschreibung steckt ein Konzerthaus, dessen innere Architektur zu den schönsten Deutschlands zählt, dessen Akustik  Musiker wie Besucher begeistert; vergleichbar mit dem Wiener Musikverein oder dem Leipziger Gewandhaus. 1900, zur Blütezeit Wuppertals erbaut, bietet es auf über 1.000 Plätzen oft und außergewöhnliche kulturelle Ereignisse.

 Wuppertal Stadthalle © Lars Langemeier

Wuppertal Stadthalle © Lars Langemeier

Die Historische Stadthalle ist das Konzerthaus des Sinfonieorchester Wuppertal, welches als Teil seines Spielplanes seit Jahren die musikalische Bildung seiner bergischen Region mitprägt. In vielen Familien- und Schulkonzerten werden so über ausgesuchte, bekannte Musikwerke Kindern und Jugendlichen vom Grundschul- bis zum Oberstufenalter Musik und den Musikerberuf näher gebracht. Ein Educationteam, bestehend aus den Orchestermusikern Nicola Hammer (Fagott), Gerald Hacke (Klarinette) und Martin Schacht (Pauke), plant und betreut einen Großteil der Projekte.

Der 13. September 2015 wird so ab 11 Uhr für über 1.000 Eltern, Jugendliche und Kissen-bewaffnete Kinder zu einer großen musikalischen Erfahrung in der ausverkauften Historischen Stadthalle Wuppertal: Juri Tetzlaff, Moderator des Fernsehsenders Kika und des ARD Tigerentenclubs, moderiert dann das erste Familienkonzert der Spielzeit 2015/16. Gemeinsam mit dem Sinfonieorchester Wuppertal und der spannenden Orchestermusik von Igor Strawinsky verwandelt der sympathische Moderator die Historische Stadthalle Wuppertal in eine Fantasiewelt und erzählt das alte russische Märchen Der Feuervogel.

Wuppertal, Feuervogel Generalprobe © Lars Nadarzinski

Wuppertal, Generalprobe Feuervogel © Lars Nadarzinski

Juri Tetzlaff erhielt für seine neu in Worte gefasste Version des Feuervogel bereits den ECHO Klassik-Preis in der Kategorie Klassik für Kinder. Nun präsentiert er sein gelungenes Werk dem Wuppertaler Publikum. Für Groß und Klein geht es in einen verwunschenen Zaubergarten, in dem sich ein spannender Kampf zwischen Gut und Böse abspielt. Ein märchenhaftes Mitmach-Konzert. Die musikalische Leitung hat am 13. September 2015 Yannis Pouspourikas, Erster Kapellmeister des Aalto-Theater Essen.
Für die Kinder gibt es vor der Bühne eine unbestuhlte Sitzkissenzone, in der sie es sich auf ihren selbst mitgebrachten Kissen gemütlich machen dürfen. Von dort aus sehen und hören die Kinder besser und können das Konzert aus erster Reihe erleben. Vor dem Konzert können die Kinder an einem Gewinnspiel teilnehmen. Der Gewinner wird noch vor dem Konzertbeginn bekannt gegeben und darf während des Konzerts auf der Bühne im Orchester sitzen. Zusätzlich gibt es in jedem Familienkonzert ein Mitspielstück. Jedes Kind, das ein Orchesterinstrument beherrscht, darf das Mitspielstück gemeinsam mit den Profis im Sinfonieorchester spielen. Die Noten für das Mitspielstück stehen auf der Homepage der Wuppertaler Bühnen zum Download bereit.

Die Generalprobe am am 10. September (Bild oben) in der Stadthalle verlief erfolgreich; Ton und Licht sind eingestellt. Alles ist bereitet für das Musik-Spektakel in Wuppertal für 1.200 Große, Mittlere und Kleine ab 11 Uhr am 13. September 2015.

IOCO / Jarosch / 11.09.2015

Wuppertal, Wuppertaler Bühnen, Gelungener Saisonauftakt mit Ludwig van Beethoven, IOCO Kritik, 05.09.2015

September 7, 2015  
Veröffentlicht unter Kritiken, Wuppertaler Bühnen

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Wuppertaler Bühnen

Wuppertaler Sinfoniker, Chor und Kamioka in Höchstform

Stadthalle Wuppertal © Lars Langemeier

Stadthalle Wuppertal © Lars Langemeier

5. September 2015 20 Uhr: In einem der schönsten Konzerthäuser Deutschlands, der spektakulären Historischen Stadthalle Wuppertal. Kein Fremder würde hinter der so brav lautenden Baubeschreibung ein  Konzerthaus vermuten, dessen innere Architektur zu den schönsten Deutschlands zählt. Wegen seiner guten Akustik ist die Stadthalle unter Musikern international sehr beliebt. Zur Blütezeit Wuppertals in 1900 erbaut, bietet es 1500 Plätze und oft außergewöhnliche kulturelle Ereignisse. So auch am 5. September 2015. Allerdings erst nach der offiziellen Eröffnung der Spielzeit 2015/16 durch Wuppertals Oberbürgermeister Peter Jung (1955), in der dieser auch den kommenden Wechsel in der Leitung von Oper und Sinfonieorchesters ansprach. Die Entscheidung zur Nachfolge des scheidenden Toshiyuki Kamioka, so Jung, werde vorraussichtlich bis März 2016 fallen.

Doch dann beherrschten Sinfonieorchester Wuppertal und sein Dirigent Toshiyuki Kamioka mit Ludwig van Beethoven das „Konzerthaus“ und seine sprachlosen Besucher. Die neun Sinfonien Beethovens, ewig gegenwärtiges Weltkulturerbe, fordert Musikwissenschaftler in aller Welt beständig zu analytischen Herausforderung und Gegenüberstellungen. Die von Intendant Kamioka gewählte Saisoneröffnung 2015/16 mit der 1800 entandenen 1. Sinfonie C-Dur und der 9. Sinfonie d-Moll (1825)  war ebenso aufwendig wie musikalisch anspruchsvoll und begeisternd. Ein gelungener Saisonbeginn, welcher auch Zugereisten wie uns von IOCO mehr Lust auf Wuppertaler Kultur macht.

Bonn / Beethoven-Denkmal © IOCO

Bonn / Beethoven-Denkmal © IOCO

Der Uraufführung der Sinfonie Nr. 1 C-Dur am 2. April 1800  in der Wiener Hofburg  war nur ein mäßiger Erfolg. Doch Beethoven spricht das Wiener Publikum an, indem er die Komposition – noch – an populäre Komponisten wie Haydn und Mozart anlehnt; auch die Jupitersinfonie klingt ein wenig durch. Doch, obwohl nur in einem Jahr komponiert, vieles ist kühn darin, unterschied Beethoven schon damals von großen „Kollegen“; so entwickelt er in dieser Sinfonie die Haupttonart C-dur ungewohnt spät. Und so ist die Sinfonie Nr. 1 C-Dur  kompositorischer Beginn der  Sinfonien des Weltgeistes Ludwig van Beethoven; für Jahrzehnte bleibt sie beliebteste Sinfonie Beethovens. Dies änderte sich mit Beginn des 20. Jh.: Beethoven war in der öffentlichen Wertung zu einem überirdischen Musik-Titan avanciert. Seine 1. Sinfonie wollte einem Weltgeist nicht zu recht passen, sie verlor ihre Popularität.

 Wuppertal Stadthalle © Lars Langemeier

Wuppertal Stadthalle ©   Lars Langemeier

 Die Komposition der 9. Sinfonie dauerte dagegen zehn Jahre. Seit 1815 komponierte Beethoven an Themen, aus welchen letzlich die 9. Sinfonie entstand. Kompositions-anlass war letztendlich ein Auftrag der Londoner Philharmonic Society, welche ihn 1817 bat, zwei Sinfonien zu schreiben. Die Uraufführung der 9. Sinfonie fand nicht in London sondern in Wien statt, der Stadt in der er schon sehr gebrechlich lebte. Die Uraufführung   am 7. Mai 1824 im Kärntnertortheater bietet bis heute Raum für zahllose Anekdoten: . Neben der Neunten wurde noch die Ouvertüre zu Die Weihe des Hauses und Teile der Missa Solemnis aufgeführt. Die musikalische Leitung hatte der Kapellmeister Michael Umlauf. Der inzwischen taube Beethoven trotzdem darauf bestanden, die Neunte selbst zu dirigieren. Auf Programmheften wurde als eine Art Nebendirigent angekündigt mit den Worten. Die Musiker richteten sich allerdings nicht nach Beethoven, welcher neben Dirigent Umlauf wild fuchtelte: Hoch empor streckend, tief zur Erde kauernd… Beethoven war aufgeregt. Doch die Neunte wurde zum Erfolg, das Publikum feierte Beethoven.

Bis heute besitzt Beethovens 9. Sinfonie d-Moll ihren herausragenden Platz auch in der realen Welt: Wiedervereinigungsfeier 1989, Aufführung bei zahllosen Staatsakten, seit 1972 Europahymne,  UNESCO Weltkulturerbe: Mit ihrer Ode an die Freude im vierten Satz tönt sie aus zahllosen Handys, bekannt und populär. In dessen Interpretation setzt immer der Dirigent die entscheidenden, oft leider auch gewagte Akzente:

Oper Wuppertal_Intendant Toshiyuki Kamioka © IOCO

Oper Wuppertal_Intendant Toshiyuki Kamioka © IOCO

Toshiyuki Kamioka strukturierte Beethovens Musik transparent und in perfekten Tempi;  von den Wuppertaler Sinfonikern wie dem riesigen Chor bekam er was er forderte, wenn auch gelegentlich eindringlich eingefordert. Die klangliche Balance zwischen Bläsern und Streichern gelang wunderbar, die Gefahr eines Klangbreis mied Kamioka durch große Sensibilität. Die schwierigen Koloraturen der Primgeigen in der Neunten wirkten virtuos sanft, nicht wie exekutierte Fingerübungen. Wunderbar, wie sphrärenhaft sensibel  Kamioka den 3. Satz der Neunten ausklingen und den dramatischen 4. Satz begann. Auch bewahrte Kamioka durch strenge Beachtung der Tempo-Dramaturgie melodische Ausdruckskraft und klassische Interpretation. Die Solisten, Sopranistin Dorothea Brandt, Mezzo Judith Braun, Tenor Marcel Reijans und Bassbariton Olafur Sigurdarson überzeugten in ihren Soli. Großartig, präzise und warm der 150 Sänger unfassende Chor,  welcher stimmlich erstaunlich differenziert und mit prägnant artikulierten Passagen von hoher Eindringlichkeit den Besucher überraschte.

25 Minuten lauter, stehender Beifall war die Bestätigung  für den mitreißend gelungenen Saisonstart in Wuppertal. Vielversprechend besonders für Intendant Kamioka, welcher in seinem letzten Jahr in einer armen Stadt mit radikalen Kostenvorgaben und anderem  kämpfen muss. Wird alles gut, was gut beginnt?  IOCO / Viktor Jarosch / 06.09.2015

 

Wuppertal, Wuppertaler Bühnen, Salome von Richard Strauss, IOCO Kritik, 19.04.2015

April 20, 2015  
Veröffentlicht unter Kritiken, Wuppertaler Bühnen

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Wuppertaler Bühnen

  Salome  von Richard Strauss
Premiere am 17.04.2015, bes. Vorstellung am 19.04.2015

Wuppertaler Bühnen (www.wuppertaler-buehnen.de) / Salome © Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen (www.wuppertaler-buehnen.de) / Salome © Uwe Stratmann

Der biblische Reißer des jungen Richard Strauss, 1905 in Dresden uraufgeführt,  wurde sein erster durchschlagender Erfolg. Das Werk hat auch, nach nun 110 Jahren, nichts von seiner Faszination eingebüßt. Wie sehr man ihm gelegentlich im Laufe der Jahrzehnte zugesetzt hat, Straussens “Salome“ widerstand allen szenischen Attentaten.

Jetzt kam der Einakter wieder in Wuppertal heraus. Die letzte Produktion war 1999 an gleicher Stelle.

Nach “Tosca“ und “Parsifal“ werden auch die Salome und die weiteren Produktionen in dieser Spielzeit, en bloc gespielt. Neu ist, dass alle sechs geplanten Vorstellungen der “Salome“ verschiedene Dirigenten haben. Es sind Probedirigate der Bewerber auf die Nachfolge von Toshiyuki Kamioka, der Wuppertal verlassen wird.

Die besuchte 2.Vorstellung leitete Johannes Pell, derzeit noch 1. Kapellmeister an der Oper Bonn. Pell, von der Zeitschrift “Opernwelt“ 2011 zum Nachwuchskünstler des Jahres nominiert, erfuhr die gleiche Auszeichnung auch ein Jahr später durch “Deutschlandradio Berlin“.

Pells Dirigat zeichnete sich aus durch packenden Zugriff, der aber gelegentlich recht laut zum Ausdruck kam. Bemerkenswert gut war sein Kontakt zur Bühne. Es gab keine Unstimmigkeiten. Ein großes Lob muss dem Wuppertaler Sinfonieorchester ausgesprochen werden. Es ist eine große Leistung, innerhalb von sechs Wochen, ein und dasselbe Werk unter sechs verschiedenen Dirigenten zu spielen. Das Orchester wartete an diesem Abend mit einer Klangtransparenz und stimmlicher Sauberkeit auf, die enorm war.

Licht und Schatten gab es bei den Gesangssolisten. Die sind natürlich in allen Vorstellungen gleich besetzt. Es sei denn, irgendjemand würde durch Krankheit ausfallen.

Einfach großartig war das Tetrachenpaar. Der Amerikaner Michael Hendrick sang und spielte einen Herodes, der stimmlich und darstellerisch voll überzeugte. Wie herrlich, einmal keinen “Charaktertenor“ in dieser Rolle zu hören, sondern einen Tenor im Vollbesitz seiner Stimme.

Die kroatische Mezzosopranistin Dubravka Musovic sang die Herodias mit dunkel getönter, ausdrucksstarker Stimme. Darstellerisch sehr agil und temperamentvoll, wurde sie der Rolle absolut gerecht.

Sehr erfreulich im Spiel, wie auch in der Stimme, war Emilio Pons als schmachtender, in Salome verliebter Narraboth.

Thomas Gazheli  war ein gestalterisch imponierender Jochanaan. Noch bestens in Erinnerung ist sein Amfortas, den er sehr balsamisch sang. Hier bei seinem Jochanaan hatte er viele bewegende vokale Momente. Doch der Balsam blieb ein wenig auf der Strecke. Er setzte mehr auf ein Einheitsforte.

Wenig gefallen konnte dem Schreiber dieser Zeilen die Sängerin der Salome. Cristina Baggio sang die immens schwere Partie ziemlich soubrettig. Sie verfügt über eine gute Pianotechnik und hat auch den stimmlichen Umfang für die Partie. Was sehr störte war ihre absolute Textunverständlichkeit. Man verstand kaum ein Wort.

Solide besetzt waren die rund ein Dutzend kleinen und Kleinst-Rollen.

Der Regisseur Michiel Dijkema, der das Werk hier in Szene setzte, war auch sein eigener Ausstatter. Seine Bühne war ein bläulich-weißer Hintergrundprospekt, der dominiert wurde durch ein wenig einladendes, mittig platziertes schwarzes Loch. In dieses führte eine nicht sichtbare Treppe nach unten in die Zisterne, der Behausung Jochanaans. Rechts und links der Bühne waren Treppen. Hinzu kam noch ein milchig verschleierter Vollmond am Bühnenhimmel. Das war es, schlicht und einfach. Dijkemas Personenführung war nahezu optimal. Er blieb “nahe am Stück“, eingedenk der Tatsache, dass man einen Strauss nicht verbiegen kann und es sich nicht auszahlt, ihn gegen den Strich zu bürsten.

Durchaus gefallen konnten die Kostüme von Tatjana Ivschina. Einfach toll war der Mantel des Herodes.

Der Beifall im nicht sehr gut besuchten Haus an diesem Abend war kurz aber sehr freundlich.

IOCO / UGK / 23.04.2015

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