Stuttgart, Oper Stuttgart, Ariodante von G. F. Händel, IOCO Kritik, 15.03.2017

März 17, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatsoper Stuttgart

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Oper Stuttgart

Oper Stuttgart / Ariodante - Ana Durlovski (Ginevra), Josefin Feiler (Dalinda) © Christoph Kalscheuer

Oper Stuttgart / Ariodante – Ana Durlovski (Ginevra), Josefin Feiler (Dalinda) © Christoph Kalscheuer

Ariodante von Georg Friedrich Händel

Ariodante an der Oper Stuttgart; Weitere Vorstellungen am 21. und 25. März sowie am 03., 11., 15., 18. und 21. April 2017

Von  Peter Schlang 

Tiefe Blicke in seelische Abgründe und hinter die Kulissen des Theaters
Jossi Wieler und Sergio Morabito triumphieren mit Händels Ariodante

Im Jahre 1734 – Georg Friedrich Händel spürte scharfen Gegenwind durch andere Londoner Opernunternehmer und verlor künstlerisches Personal wie Publikum an die Konkurrenten – griff der Komponist als dritter Tonsetzer zu Antonio Salvios Libretto Ariodante aus dem Jahr 1708 und schuf dazu in gut zwei Monaten eine seiner letzten und gleichzeitig schönsten Opern. Diese Opernvorlage, die wiederum auf einer Episode aus Ludovico Ariostos 1516 erschienenem Heldenroman Orlando Furioso (Der rasende Roland) basiert, bedient wie das Renaissance-Original die Sehnsüchte des Publikums nach historischen Stoffen und barocker Verwicklungsdramatik. Salvio und sein Bearbeiter Händel ergänzen es aber um aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und würzen den Stoff mit der Gegenreformation geschuldeten Moral-Lektionen, in diesem Fall dem sog. Schottischen Gesetz: Dies Gesetz besagt, dass eine beim Geschlechtsverkehr ertappte unverheiratete Frau ohne Rücksicht auf ihre juristische und moralische Schuld zum Tode zu verurteilen sei, vor dem sie nur durch einen männlichen Verteidiger gerettet werden kann, der den Anwalt der Anklage als Gegner im direkten Kampf besiegt.

Oper Stuttgart / Ariodante - Ana Durlovski (Ginevra), Josefin Feiler (Dalinda), Sebastian Kohlhepp (Lurcanio), Diana Haller (Ariodante), Matthew Brook (König), Philipp Nicklaus (Odoardo) © Christoph Kalscheuer

Oper Stuttgart / Ariodante – Ana Durlovski (Ginevra), Josefin Feiler (Dalinda), Sebastian Kohlhepp (Lurcanio), Diana Haller (Ariodante), Matthew Brook (König), Philipp Nicklaus (Odoardo) © Christoph Kalscheuer

In der Regie des eingespielten Duos Jossi Wieler und Sergio Morabito und unter der musikalischen Leitung des italienischen Spezialisten für historisch-informierte Aufführungspraxis Giuliano Carella feierte Ariodante am 5. März auf der Bühne des Stuttgarter Opernhauses Premiere und erlebte dort am 12. März seine 2. Aufführung, welche auch die Grundlage für die folgenden Gedanken und Impressionen bildet.

Georg Friedrich Händel in London © IOCO

Georg Friedrich Händel in London © IOCO

Das erfahrene Regiegespann Wieler/Morabito versucht gar nicht erst, die erwähnten und andere dem Stoff innewohnenden moralisch-historischen Aspekte zu thematisieren und auf ihre mögliche Aktualität hin zu überprüfen. Vielmehr bleiben die beiden ausgefuchsten Theaterleute bei ihrem großen Thema, dem Theater selbst, und loten am Beispiel des Ariodante aus, welche Funktion dem Theater bei der Realisierung von Ideen und Gedanken zukommt, wie es dabei vorgeht und wo und wie sich Bühnen, ihr Personal und ihr Publikum begegnen und unterstützen. Es geht also in erster Linie um die Bedingungen des Theaters und dessen Bezüge zur gesellschaftlichen Realität, was in der Konsequenz bedeutet, dass auf der Stuttgarter Bühne eher menschliche Affekte und Emotionen statt Personen zu besichtigen sind.
Für diesen, stringent an frühere Stuttgarter Arbeiten des Stuttgarter Staatsopern-Intendanten und seines Regiepartners anknüpfenden Versuch baute Nina von Mechow, die nach einigen anderen Stuttgarter Entwürfen hier erstmals mit Jossi Wieler und Sergio Morabito zusammenarbeitete, einen an mehreren Stellen zu öffnenden einheitlichen Raum aus schwarzen Kunststoff-Elementen. Diese enden jedoch in Brust- oder Kopfhöhe, wirken somit wie Balustraden in einem Stadion oder in einer Sporthalle und geben den Blick weit auf die Brandmauern des Bühnenhauses und in dessen Höhen frei.

Oper Stuttgart / Ariodante - Diana Haller (Ariodante), Christophe Dumaux (Polinesso), Ana Durlovski (Ginevra), Philipp Nicklaus (Odoardo), Sebastian Kohlhepp (Lurcanio), Matthew Brook (König), Josefin Feiler (Dalinda), Musiker und Gastmusiker des Staatsorchesters Stuttgart © Christoph Kalscheuer

Oper Stuttgart / Ariodante – Diana Haller (Ariodante), Christophe Dumaux (Polinesso), Ana Durlovski (Ginevra), Philipp Nicklaus (Odoardo), Sebastian Kohlhepp (Lurcanio), Matthew Brook (König), Josefin Feiler (Dalinda), Musiker und Gastmusiker des Staatsorchesters Stuttgart © Christoph Kalscheuer

Aus diesen schwebt ein eindrucksvolles Beleuchtungsgeviert herab, in dessen Mitte ein Video-Würfel an entscheidenden Stellen der Handlung Regieanweisungen, Stückinformationen, Uhrzeiten oder Video-Sequenzen einblendet. Als Gegengewicht dieses von oben kommenden, bewusst betonten Theaterelements fährt wiederum bei dramaturgischem Bedarf ein Bühnen-Quadrat passgenau nach oben und dient so als Bühne auf der Bühne. Beide, sich kontrastierende wie ergänzende, Elemente der Theatertechnik nutzt das Regieteam für schlüssige wie waghalsige Bilder und Demonstrationen der Möglichkeiten des Theaters, die jedoch gleichzeitig durch ironische Brechungen als Illusion und Theater-Zauber entlarvt werden. Dieser Verfremdung dienen auch die jeweils am Schluss der drei Akte zu hörenden Rezitationen aus Rousseaus 1758 erschienenem, gegen das Theater und seine amoralische Wirkung ätzendem Pamphlet, dem Brief an d’Alembert, welche der französische Darsteller des Polinesso, Christophe Dumaux, mit geschliffener Aussprache, höchst theaterwirksam und mit feiner Ironie in Szene setzt. Auch darüber hinaus setzen Wieler/Morabito gekonnt und mit leichter Hand weitere Mittel der Desillusionierung und Grenzverwischung ein, zu denen u. a. gemeinsame Umbauten auf offener Bühne durch Darsteller und Bühnenarbeiter, die Präsentation der Darsteller und ihrer Rollen wie vor einem Boxkampf und eine variable, sich von Szene zu Szene ändernde Grundfläche in Form von Teppichen oder Matten gehören, die von den jeweiligen Protagonisten selbst ausgelegt und am Ende der Szene wieder eingerollt werden.
Es würde den Rahmen dieser Ausführungen sprengen, weitere der unzähligen Einfälle der Regie und ihre kongeniale Umsetzung durch die überragenden Sänger-Darsteller zu beschreiben. Hier kann man nur begeistert dazu auffordern, sich schleunigst Karten zu besorgen und sich dieses Ereignis nicht entgehen zu lassen.

Dies lohnt sich nicht zuletzt – damit unmittelbar und untrennbar zum Genre Oper gehörend – auch im Hinblick auf die musikalischen Qualitäten dieser Neuproduktion, der man in allen Bereichen höchstes Lob zollen kann.

So erweisen sich die drei Sängerinnen und vier Sänger nicht nur als kongeniale, bis zum Letzten spielfreudige Partner der Regie, die deren Ideen mit großer Spielfreude und enormem Komödiantentum umsetzen (Was gleichzeitig wieder theatralisches Element wie Mittel der Entzauberung ist.), sondern auch in gesanglicher Hinsicht als erstklassig und ohne jede Einschränkung überzeugend. Dieses Qualitätsurteil wird durch die Tatsache verstärkt, dass von den Protagonisten dieser Aufführung nur zwei als Gäste beteiligt sind, was bei dieser durchgehend barocken musikalischen Konzeption als weiterer eindrucksvoller Beleg für das hohe musikalische Niveau der Stuttgarter Oper und ihres Ensembles angesehen werden darf.

Oper Stuttgart / Ariodante - Ana Durlovski (Ginevra), Josefin Feiler (Dalinda), Christophe Dumaux (Polinesso), Sebastian Kohlhepp (Lurcanio), Diana Haller (Ariodante), Philipp Nicklaus (Odoardo) © Christoph Kalscheuer

Oper Stuttgart / Ariodante – Ana Durlovski (Ginevra), Josefin Feiler (Dalinda), Christophe Dumaux (Polinesso), Sebastian Kohlhepp (Lurcanio), Diana Haller (Ariodante), Philipp Nicklaus (Odoardo) © Christoph Kalscheuer

Dem fairen Beobachter dürfte es äußerst schwerfallen, über dieses Team aus Vollblut-Sängern abstufend bzw. klassifizierend zu urteilen und eine entsprechende Rangfolge aufzustellen, was wieder einmal für den außergewöhnlichen Ensemblegeist am Stuttgarter Opernhaus spricht.
Dennoch seien – allein schon wegen des Umfangs ihre Rollen und deren dramaturgischer wie musikalischer Funktion – die kroatische Mezzosopranistin Diana Haller als Ariodante und die aus Mazedonien stammende Sopranistin Ana Durlovski als Ginevra hier an erster Stelle genannt. Beide sind schon seit etlichen Jahren Ensemblemitglieder der Stuttgarter Oper, von wo aus sie längst eine internationale Karriere gestartet haben. Während Diana Haller durch eine unglaubliche Zartheit im Ausdruck besticht, mit der sie auch die schwierigsten Stellen und Sprünge ohne Bruch und jegliche Härte zum reinsten Hörgenuss werden lässt (Zum Weinen schön geraten ihr die verschiedenen Lamento-Arien Ariodantes, die sie, wunderbar getragen vom bestens disponierten Staatsorchester, zu einem Paradebeispiel höchster Gesangskunst werden lässt.), überzeugt Ana Durlovski durch die Geradlinigkeit und Makellosigkeit ihrer Stimmführung, die auch in den anspruchsvollsten, mit subtiler Ökonomie gestalteten Koloraturen nie an Überzeugungskunst und –kraft verliert oder Gefahr läuft, in die Nähe routinierter Mechanik zu geraten.
Josefin Feiler als Dalinda, erst seit 2015/2016 fest im „großen Ensemble“ und vorher zwei Jahre Mitglied im Opernstudio, begeistert durch ihren barocken Gestus und ihre klangsinnliche wie nuancierte Phrasierung, weshalb man wohl auch ihr – und das nicht nur im Bereich der Barockoper – eine steile Karriere voraussagen darf.
Auch die vier männlichen Darsteller erfüllen ihre Aufgaben mit Bravour, auch wenn der französische Countertenor Christophe Dumaux in der Rolle des Polinesso zu Beginn nicht ganz zu überzeugen vermag und sich erst langsam in den Raum und seine Rolle hineinfinden muss. Aber schon während des ersten Akts und erst recht im weiteren Verlauf des fast vierstündigen Abends gewinnt auch seine Stimme, der jede Spitze und störende Schärfe fehlt, an Format und nimmt durch einen samtigen Glanz für sich ein.
Recht überzeugend agiert und singt Sebastian Kohlhepp als Ariodantes Bruder Lurcanio. Der junge Sänger, ebenfalls seit der Spielzeit 2015/2016 Ensemblemitglied, verleiht den Gefühlen der von ihm verkörperten Rolle glaubhaft, sinnlich und mit sensibler Stimmführung Ausdruck.
Als väterlicher König und brüderlicher Freund nimmt der international gefragte Bariton und Händelspezialist Matthew Brook für sich ein. Ihm gelingt es äußerst schlüssig, die Zerrissenheit dieser Rolle nicht nur darstellerisch, sondern auch stimmlich zu verdeutlichen.
Schließlich überzeugt auch der junge, aus dem Ensemble der Jungen Oper Stuttgart hervorgegangene Tenor Philipp Nicklaus als Odoardo, Günstling des Königs.

Oper Stuttgart / Ariodante - Ana Durlovski (Ginevra), Josefin Feiler (Dalinda) © Christoph Kalscheuer

Oper Stuttgart / Ariodante – Ana Durlovski (Ginevra), Josefin Feiler (Dalinda) © Christoph Kalscheuer

Großen Anteil am durchgehend hohen Niveau und überragenden Erfolg dieses Abends hat das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung des umsichtigen mit feinem aber klarem Gestus agierenden Dirigenten Giuliano Carella. Im zur Hälfte hochgefahrenen Graben sitzend und damit (fast) sichtbarer und erfreulich klar hörbarer Teil des musikalischen Geschehens, ist es ein behutsamer wie sicherer Begleiter des Bühnengeschehens und besticht durch eine wundervolle Phrasierung und durchgehende Transparenz in allen Stimmen. Carella und sein in barocker Minimalbesetzung spielendes Orchester, dazu gehört auch die vorzüglich disponierte Continuo-Gruppe, sind auch in den instrumentalen Passagen der Partitur ein großartiger Sachwalter von Händels affektgeladener Musik, die ja häufig das zu erwartende Geschehen schon vor dem erst später zu hörenden Text erzählt.

Am Ende gab es, wie schon vom Premierenabend berichtet, auch beim zweiten Durchlauf dieser beeindruckenden und fesselnden Stuttgarter Neuproduktion begeisterten Beifall für alle Mitwirkenden, und man müsste sich als Besucher dieser Aufführung schon sehr täuschen, sollte dieser Stuttgarter Ariodante nicht in Kürze Kultstatus erlangen und zum Publikumsmagneten werden.

Ariodante an der Oper Stuttgart; Weitere Vorstellungen am 21. und 25. März sowie am 03., 11., 15., 18. und 21. April 2017.

 

Stuttgart, Oper Stuttgart, Ariodante von Georg Friedrich Händel, 05.03.2017

Februar 21, 2017  
Veröffentlicht unter Oper, Premieren, Pressemeldung, Staatsoper Stuttgart

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Oper Stuttgart

Staatsoper Stuttgart / Ariodante © Foto : Martin Sigmund, © Gestaltung: Discodoener.

Staatsoper Stuttgart / Ariodante © Foto : Martin Sigmund, © Gestaltung: Discodoener.

Ariodante  von Georg Friedrich Händel

Premiere Sonntag, 05. März 2017, 18 Uhr,  weitere Vorstellungen: 12.| 15. | 21. | 25. März 2017 03. | 11. | 15. | 18. | 21. April 2017

Am Sonntag, 5. März 2017, um 18 Uhr feiert Ariodante, eine der späten Opern Georg Friedrich Händels, an der Oper Stuttgart Premiere. Es inszenieren Jossi Wieler und Sergio Morabito. Am Pult des Staatsorchesters ist Giuliano Carella zu Gast, der als künstlerischer Partner des Regieduos in Stuttgart jüngst große Erfolge mit Verdis Rigoletto und Bellinis Die Puritaner feierte. Bühne und Kostüme entwirft Nina von Mechow. Nachdem sie für das Kostümbild von La Juive, Katja Kabanova, Die glückliche Hand / Schicksal, Tristan und Isolde, Rigoletto und zuletzt Fidelio verantwortlich zeichnete, wird Ariodante die erste gemeinsame Arbeit der Künstlerin mit Jossi Wieler und Sergio Morabito sein, bei der sie auch die Bühne entwirft. Der Lichtdesigner und Videokünstler Voxi Bärenklau entwickelt das Beleuchtungs- und Videokonzept.

Staatsoper Stuttgart / Diana Halle - Ariodante © Martin Sigmund

Staatsoper Stuttgart / Diana Halle – Ariodante © Martin Sigmund

In der Neuproduktion von Händels Oper wird es gleich mehrere wichtige Rollendebüts geben: In der Titelrolle debütiert Ensemblemitglied Diana Haller, die in den vergangenen Jahren als gefragte Händel-Interpretin europaweit große Erfolge feierte. An ihrer Seite singt Ensemblemitglied Ana Durlovski erstmals die Partie der Ginevra. Josefin Feiler, ebenfalls Stuttgarter Ensemblemitglied, gibt ihr Debüt als Dalinda. Countertenor Christophe Dumaux, regelmäßiger Gast an den großen Opernhäusern weltweit, wird als Polinesso sein Haus- und Rollendebüt geben. In der Partie des Königs ist der gefragte Barockinterpret Matthew Brook an der Oper Stuttgart zu Gast. Ensemblemitglied Sebastian Kohlhepp, dem Stuttgarter Publikum bereits seit seinen gefeierten Debüts in Niccolò Jommellis Berenike, Königin von Armenien und in Händels Alcina als Barock-Interpret bekannt, ist Ariodantes Bruder Lurcanio.

Staatsoper Stuttgart /Ana Durlovski - Ginevra © Martin Sigmund

Staatsoper Stuttgart /Ana Durlovski – Ginevra © Martin Sigmund

Ariodante, ein junger italienischer Ritter, hat im schottischen Heer Karriere gemacht. Dem Aufsteiger wird die Hand von Prinzessin Ginevra versprochen, was ihn zugleich in den Rang des Thronfolgers katapultiert: Doch Polinesso, der von Ginevra abgewiesene Herzog von Albany, setzt die Identitäts- und Glückssuche der Liebenden einer grausamen Bewährungsprobe aus. Am Morgen des Hochzeitsstages kommt es zum Eklat. Die Lebensentwürfe der gegen alle Konvention vereinten Liebenden Ariodante und Ginevra zerbrechen.

Musikalische Leitung Giuliano Carella,  Regie und Dramaturgie Jossi Wieler, Sergio Morabito, Bühne und Kostüme Nina von Mechow, Beleuchtungs- und Videokonzept Voxi Bärenklau

Besetzung:  König Matthew Brook, Ariodante Diana Haller, Ginevra Ana Durlovski
Lurcanio Sebastian Kohlhepp, Polinesso Christophe Dumaux / Gerald Thompson (11. | 15. | 18. | 21. April 2017), Dalinda Josefin Feiler, Odoardo Philipp Nicklaus
Staatsorchester Stuttgart


Die Regisseure Jossi Wieler und Sergio Morabito über Händels Ariodante:

Sergio Morabito:
„Händels Oper – die wider jede Konvention mit dem unbeschwerten ,Happy End‘ einer Hochzeit beginnt – feiert eine Kultur der Verwandlung, Verkleidung und Verführung. Doch zugleich wird das Versagen ihres Theater- und Gesellschaftsmodells vorgeführt: Polinesso, Saboteur und Ideologe einer neuen Zeit, verwandelt die Illusionsmaschine in einen Mordmechanismus. Das ,alte Theater‘ bricht zusammen.“

Jossi Wieler:
„Die Inszenierung ist auch eine Hommage an unsere Theater als unverzichtbare Orte, an denen wir mit Gesellschaft, Identität, Gedanken, Erfahrungen und Träumen spielerisch und kreativ experimentieren können.“
Begleitveranstaltungen zu Ariodante
Öffentliche Probe   Samstag, 11. Februar 2017, 9.45 – 11.30 Uhr, Opernhaus
Die Regisseure geben Einblicke in die Probenarbeit.

Einführungsmatinee
Sonntag, 26. Februar 2017, 11 Uhr im Opernhaus, Foyer I. Rang Das Produktionsteam gibt interessierten Opernbesuchern einen Einblick in die Konzeption der Neuinszenierung.

Nach(t)gespräche   Sonntag, 12. März 2017,  Samstag, 25. März 2017
Das Produktionsteam beantwortet im Anschluss an die Vorstellung Fragen der Zuschauer. PMOSt

Premiere Ariodante an der Oper Stuttgart: Sonntag, 05. März 2017, 18 Uhr,  weitere Vorstellungen: 12.| 15. | 21. | 25. März 2017 03. | 11. | 15. | 18. | 21. April 2017

 

 

Stuttgart, Oper Stuttgart, WA Nabucco von Giuseppe Verdi, 18.02.2017

Februar 10, 2017  
Veröffentlicht unter Oper, Pressemeldung, Staatsoper Stuttgart

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Oper Stuttgart

Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG "OPER OHNE GRENZEN" © Martin Sigmund

Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG „OPER OHNE GRENZEN“ © Martin Sigmund

Nabucco von Giuseppe Verdi

 Verdis große Choroper zurück in Stuttgart 

Nabucco in Stuttgart: 18.2.2017, 18. und  25. Februar 2017, 03. | 14. | 20. | 24. März 2017, 01. | 14. | 16. April 2017

Am Samstag, 18. Februar 2017, hebt sich um 19 Uhr wieder der Vorhang für Giuseppe Verdis frühes Meisterwerk Nabucco in der Inszenierung von Rudolf Frey. Die Produktion feierte im „Verdi-Jahr“ 2013 Premiere und stand zuletzt vor zwei Jahren auf dem Spielplan der Oper Stuttgart. Marco Comin, Chefdirigent des Staatstheaters am Gärtnerplatz in München, übernimmt die Musikalische Leitung. In Stuttgart dirigierte er zuletzt die Wiederaufnahme von Verdis Luisa Miller.

 Stuttgart / Nabucco_Liang Li als Zaccaria_ Staatsopernchor  © A.T. Schaefer

Stuttgart / Nabucco_Liang Li als Zaccaria_ Staatsopernchor © A.T. Schaefer

Im Rahmen dieser Vorstellungsserie werden etliche international renommierte Solisten in Stuttgart zu Gast sein: Die Titelpartie singen Marco Vratogna (Vorstellungen im Februar), der in Stuttgart bereits als Graf Luna in Verdis Il Trovatore begeisterte, Markus Marquardt (Vorstellungen im März), der hier zuletzt als Rigoletto bejubelt wurde und Kiril Manolov (Vorstellungen im April), der ebenfalls mit den großen Partien seines Fachs an führenden Opernhäusern Europas zu Gast ist. Die Sopranistinnen Ekaterina Metlova und Anna Smirnova (alternierend als Abigaille) geben jeweils ihr Stuttgart-Debüt. Beide Künstlerinnen sangen diese Partie bereits mit großem Erfolg unter anderem an der Deutschen Oper Berlin. Anna Smirnovas jüngste Engagements beinhalten zudem die Partie der Eboli (Don Carlos) an der Metropolitan Opera, Amneris (Aida) an der Bayerischen Staatsoper und in der Arena di Verona sowie Abigaille an der Wiener Staatsoper.

Weitere wichtige Partien singen Riccardo Zanellato (Zaccaria, alternierend mit Ensemblemitglied Liang Li), Gergely Németi (Ismaele, alternierend mit Atalla Ayan) und Ezgi Kutlu (Fenena). Der Staatsopernchor Stuttgart wird wie bereits in der Premierenspielzeit von Studierenden der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart verstärkt.

Das hebräische Volk, preisgegeben der Invasion der Babylonier; die Zerstörung des Tempels und die Verschleppung ins babylonische Exil; ein König, der sich selbst zum Gott erklärt, entmachtet wird und aus Angst um seine Tochter zum Gott Israels findet: Im Kontext dieser expressiven Partitur entfaltet der berühmte „Gefangenenchor“ Va, pensiero seinen vollen Zauber als entrückter Augenblick des Innehaltens. Nabucco wurde 1842 an der Mailänder Scala mit überwältigendem Erfolg uraufgeführt und begründete Verdis Ruf, das Zeug zum führenden Opernkomponisten seiner Generation zu besitzen. PMOSt

Nabucco in Stuttgart: 18.2.2017, 18. und  25. Februar 2017, 03. | 14. | 20. | 24. März 2017, 01. | 14. | 16. April 2017

 

 

 

Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Verführung! Bolero, Dark Glow, Faun, Le Spectre, IOCO Kritik, 9.2.2017

Februar 10, 2017  
Veröffentlicht unter Ballett, Hervorheben, Kritiken, Staatsoper Stuttgart

Stuttgarter Ballett

Stuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Stuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

„Von der Lust des Begehrens und der Qual der Verführten“
 Verführung! – Stuttgarter Ballett mit grandioser Produktion 

Von Peter Schlang

Das Thema Verführung! ist so alt wie die Menschheit und damit stets präsent, sei es im gelebten und erlebten Alltag oder in den Darstellungen unterschiedlicher Kunstformen, in denen es diese Seite menschlichen Handelns zu vielfacher, wenn auch teilweise zweifelhafter Berühmtheit gebracht hat. Und so überrascht es nicht weiter, dass das Stuttgarter Ballett am 3. Februar einen Abend mit vier Werken herausgebracht hat, die sich dieser alten und bewährten Form menschlicher Kommunikation über das Medium des Tanzes annähern.

Stuttgarter Ballett / Bolero © Carlos Quezada

Stuttgarter Ballett / Bolero © Carlos Quezada

Dabei setzen die Leitung des Hauses und seine Dramaturgie mit Maurice Béjarts Bolero von 1961 bzw. 1984 auf den Ballett-Klassiker zu diesem Thema schlechthin und damit auch einen nach wie vor grandiosen Schlusspunkt eines Abends, der mit einer beachtenswerten Uraufführung der zum Haus gehörenden Choreographin Katarzyna Kozielska begonnen hatte. Im Mittelteil buhlten mit den Stuttgarter Erstaufführungen von Sidi Larbi Cherkaouis Faun und Marco Goeckes Le Spectre de la Rose zwei in jeder Hinsicht extrem unterschiedliche Versionen des Themas um Aufmerksamkeit und Zustimmung des Premierenpublikums.

Katarzyna Kozielskas Dark Glow, das man mit „Dunkles Glühen“ übersetzen kann, stellt nicht nur im Wortsinn die eher dunklen Aspekte der Verführung in den Vordergrund, sondern gerät vor dem Hintergrund aktueller politischer Entwicklungen in vielen Ländern der Welt über weite Strecken zu einer beklemmenden Parabel über die Verführungsgewalt der Politik wie der (modernen) Medien. Die im Jahr 2012 zur bemerkenswertesten Nachwuchs-Choreographin gekürte Polin, die als Halbsolistin auch aktives Mitglied der Stuttgarter Compagnie ist, setzt in ihrer dritten Arbeit für das Stuttgarter Ballett – ihrer ersten für die große Bühne des Stuttgarter Opernhauses – dabei auf eine moderne, aber stets elegante Bewegungssprache, die durchaus klassisch fundiert ist und so beispielsweise auch häufig auf den Spitzentanz zurückgreift.

Stuttgarter Ballett / Dark Glow © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Dark Glow © Stuttgarter Ballett

In einem schwarzen Bühnenraum, dessen beklemmende Wirkung durch eine düstere Lichtregie verstärkt wird, bewegen sich bis zu vier Paare, eine einzelne Tänzerin und ein aus zehn Tänzerinnen bestehendes Kollektiv zur Musik des 1975 geborenen, in England lebenden Gabriel Prokofiev, einem Enkel des berühmten russischen Komponisten Sergej Prokofiev. Dieses Auftragswerk des Stuttgarter Balletts, das in enger Abstimmung mit der Choreografin als „work in progress“ entstanden ist, liefert eine packende und stimmige musikalische Kulisse für die tänzerische Erzählung, in deren Fokus die bösartige, zerstörerische Form der Verführung und ihre möglichen Folgen für eine Gruppe stehen. Als optisches Verführungssymbol fungiert dabei ein Lichtstrahl, der Individuen in seinen Bann zieht, aber seine Versprechungen von Hoffnung, Glück und lockenden Perspektiven nicht einhalten kann.

Prokofievs Musik, die von klassischen Zitaten über Jazz-Elemente bis zu modernen Anleihen viele Aspekte berührt und unterschiedlichste Techniken einsetzt und auch die Grenzüberschreitung zur elektronischen Musik nicht scheut, zeichnet aus dem Orchestergraben zutreffend und packend die gleiche dynamische, in die Katastrophe führende Entwicklung nach, wie sie die Protagonisten auf der Bühne durchleben.
Großen Anteil an diesem fulminanten Auftakt hatten neben der kongenialen Leistung von Choreografin und Komponist und der stets packenden, äußerst präzisen wie präsenten Realisation der Partitur durch das Staatsorchester Stuttgart unter der bewährten, aber nie routiniert klingenden Leitung seines erfahrenen Ballett-Kapellmeisters James Tuggle die raffinierten Kostüme von Thomas Lempertz, die auf ihre Weise die Macht und Folgen der Verführung demonstrieren, wenn sie gegen Ende ihren in den pastellfarbenen Blusen verborgenen dunklen Kern zeigen.
Vor allem aber galt den Solo-Tänzern Elisa Badenes, Constantine Allen, Alicia Amatriain, Agnes Su, Fernanda De Souza Lopes, Elena Bushuyeva, Adhonay Soares da Silva, Matteo Miccini und Fabio Adorisio der begeisterte Beifall des Premierenpublikums, der natürlich auch die schon erwähnten Tänzerinnen des Corps de Ballett mit einschloss.

 Stuttgarter Ballett / Faun © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Faun © Stuttgarter Ballett

Im Mittelteil des Abends folgten mit Sidi Larbi Cherkaouis Faun eine Stuttgarter und mit Marco Goeckes Le Spectre de la Rose gar eine deutsche Erstaufführung. Der belgisch-marokkanische Choreograph Sidi Larbi Cherkaoui, der bereits 2015 für das Stuttgarter Ballett Strawinskys Feuervogel eingerichtet hatte, beruft sich in Faun, seiner Adaption von Vaslav Nijinskys Skandal-Erfolg L’après-midi d’un faune, nicht nur direkt auf Stephane Mallarmés Gedicht, sondern setzt auch zu großen Teilen auf Claude Debussys 1882 uraufgeführtes impressionistisches Werk Prélude à l’après-midi d’un faune. Dessen schwebenden, oszillierenden Klängen stellt er Musik des 1964 in England geborenen Nitin Sawhney zur Seite, die mit ihrem indisch-orientalischen Duktus dem Geschehen gleichsam eine zweite Ebene unterlegt und immer dann einsetzt, wenn der weibliche Teil des „Faun-Duos“ auftritt bzw. die Initiative ergreift. Dies wirkt durchweg schlüssig und erhellend, merkt man doch auch der Tanzsprache dieses Ausnahme-Choreographen den Einfluss unterschiedlicher Kulturen und Stilrichtungen an.

In seinem Faun lässt er eine Tänzerin und einen Tänzer, in Stuttgart sind dies die fabelhafte erste Solistin Hyo-Jung Kang und der ihr absolut ebenbürtige Solist Pablo von Sternenfels, alle Register der tänzerischen Verführungskunst ziehen, wobei die Ausdrucksmittel nicht selten fließend in jene des Bodenturnens und sogar der Akrobatik übergehen. Unterstützt durch die sensible Lichtregie Adam Carrées entstehen Körper-Konstellationen, die dem Zuschauer suggerieren, auf der Bühne bewege sich ein einziges Wesen, wobei die Anzahl und vor allem die Positionen einzelner Körperteile häufig im Unklaren bleiben bzw. sich so schnell verändern, dass dem Betrachter genauso schwindelig wird, wie er es für die beiden Tänzer fürchtet. Dazu besteht aber absolut kein Grund, denn die Bewegungen Kangs und Sternenfels‘ sind so organisch fließend und trotz ihres gelegentlich hohen Tempos von einer Reinheit und kreatürlichen Schönheit, dass man die im ersten Teil des Abend dargestellte zerstörerische Kraft der Verführung längst vergessen hat und nur noch gebannt dem hohen Reiz dieser Verführungslust folgt.

 Grabstätte des Tanzdenkmals V Nijinsky in Paris © IOCO

Grabstätte des Tanzdenkmals V Nijinsky in Paris © IOCO

Dieses hohe Niveau kann Marco Goeckes Le spectre de la Rose, ebenfalls eine Verneigung vor dem Tanzdenkmal Nijinski und den „Balets Russes“ und 2009 zu deren 100. Geburtstag in Monte Carlo uraufgeführt, leider nicht durchgehend halten.  Zu einseitig und ideenarm ist seine Körpersprache, die sich überwiegend in stark überzeichneten, abgehackten Bewegungen der Hände und des Kopfes erschöpft und deren Wirkung nach wenigen Minuten verblasst. Auch wenn bzw. gerade weil man den modernen Stil dieses jungen Stuttgarter Haus-Choreographen kennt und von anderen, deutlich besseren Arbeiten schätzt, kommt an diesem Abend schnell ein Gefühl der Ermüdung und der Langeweile auf, und man lässt seinen Blick unweigerlich von den ständig flatternden Händen hinunter zu den Beinen und Füßen der Tänzerinnen gleiten, wo sich einem aber ebenfalls trotz einiger netter Einfälle keine wirkliche Abwechslung und Anregung bietet.

An den fabelhaften Agnes Su und Adam Russell-Jones und ihren nicht minder jederzeit präsenten sechs Kollegen liegt die begrenzte Wirkung dieses Balletts auf keinen Fall, denn sie setzen die Vorgaben des Ballett-Rebellen Goecke kompromisslos und mit großer Hingabe um. Auch ist die vom Choreographen selbst und Michaela Springer gestaltete Bühne ein durchaus anregender Ort für den Traum des Mädchens von der Rose, die sich hier in unzähligen auf den Bühnenboden regnenden und an den Beinen und Armen des Solotänzers befestigten Blütenblättern multipliziert. Und schließlich tragen auch die Lichtregie Udo Haberlands und die musikalische Umsetzung von Carl Maria von Webers berühmter Aufforderung zum Tanz, der als zweites Stück Webers Der Beherrscher der Geister zur Seite gestellt wurde, durch das Stuttgarter Staatsorchester dazu bei, dass dann doch auch dieser dritte Teil des neuen Stuttgarter Ballettabends sein das durch dessen Titel verheißene Versprechen einhalten kann.

Stuttgarter Ballett / Le Spectre de la Rose © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Le Spectre de la Rose © Stuttgarter Ballett

Dass dies ohne jeden Abstrich für das letzte, nach der zweiten Pause zu sehende Stück gilt, den seit Juli 1984 zum Repertoire des Stuttgarter Balletts gehörenden Bolero, bedurfte keines Beweises mehr. Drei Generationen „Stuttgarter Tänzerinnen und Tänzer“ begeisterten schon viele Tausende von Ballettfreunden und überzeugten diese von der noch immer ungeheuren Spannung, Faszination, und eben auch Verführungskraft, die Maurice Béjarts 1961 beim Balet du XXe Siècle in Brüssel uraufgeführte geniale Choreografie ausstrahlt. Es ist immer wieder erstaunlich, wie originell, modern, verführerisch und mitreißend dieses Meisterwerk des französischen Großmeisters der Ballettkunst damals schon war und noch immer ist. Friedemann Vogels Interpretation fügt sich hier ohne Bruch und Makel in die beachtliche Reihe seiner Vorgängerinnen und Vorgänger ein, wobei sich beim Betrachter durchaus die Frage einstellen kann, ob der Protagonist, der Ravels Musikvorlage, diese in Musik gegossene Ektase, dieses zwanzigminütige atemberaubende Crescendo, so hinreißend auf den roten Tisch bringt, nun Verführer oder selbst Verführter ist.

Am Ende des 150minütigen Programms gab es langanhaltenden Applaus, ja großen Jubel vom Premierenpublikum, unter das sich viel Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kultur gemischt hatte. Er galt einem Ballettabend, der von höchster künstlerischer und ästhetischer Qualität ist und ein eindrucksvolles Zeugnis von der Verführungskraft des Tanzes, der Musik, ja der Kunst im Allgemeinen ablegt – und der auch eine unwiderstehliche Verführung zum Zuschauen darstellt.    Von Peter Schlang

Verführung! – Stuttgarter Ballett: Weitere Aufführungen am 11., 14., 23., 27. und 28. Februar sowie am 4. und am 7. März 2017

 

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