Stuttgart, Oper Stuttgart, Neujahrskonzert-Dennis Russell Davies dirigiert, 01.01.2017

Dezember 27, 2016  
Veröffentlicht unter Konzert, Pressemeldung, Staatsoper Stuttgart

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Oper Stuttgart

Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG "OPER OHNE GRENZEN" © Martin Sigmund

Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG „OPER OHNE GRENZEN“ © Martin Sigmund

Mit Witz und Walzern

Neujahrskonzert des Staatsorchesters Stuttgart

Für das festliche Neujahrskonzert am Sonntag, 1. Januar 2017, um 17 Uhr im Opernhaus kehrt zum Jahresauftakt 2017 der ehemalige Generalmusikdirektor Dennis Russell Davies nach 30 Jahren ans Dirigentenpult des Staatsorchesters Stuttgart zurück. Der Amerikaner bringt schwungvolle und mit Witz gewürzte Musik aus seiner alten Wahl-Heimat Deutschland und seiner neuen Wahl-Heimat Österreich mit. Gemeinsam mit dem Posaunisten Mike Svoboda bringen die Musiker Werke von Richard Strauss, Kurt Schwertsik, Hans Werner Henze und Joseph Haydn zu Gehör.

Oper Stuttgart / Mike Svoboda © Michael Fritschi

Oper Stuttgart / Mike Svoboda © Michael Fritschi

„Stürmisch bewegt“ beginnt das Staatsorchester das neue Jahr mit der Rosenkavalier-Suite, in der Richard Strauss die populärsten Themen seiner gleichnamigen Oper zusammengefasst hat. Strauss‘ Wiener Walzerseligkeit hallt in Hans Werner Henzes schmissig-packender Ouverture zu einem Theater wider, während Posaunen-Virtuose Mike Svoboda in Kurt Schwertsiks Mixed Feelings hinterlistigen Humor beweist. Joseph Haydns Sinfonie Nr. 86 – für das einst größte und beste Orchester Europas geschrieben, die „Loge olympique“ in Paris – sorgt mit Pauken und Trompeten für festlichen Glanz und ist ein sprühende Laune verströmender Kehraus in den Neujahrsabend.

Einführung zum Neujahrskonzert mit Rafael Rennicke, Dramaturg der Oper Stuttgart, um 16.15 Uhr im Opernhaus, Foyer I. Rang.  PMOSt

Programm  
Richard Strauss: Rosenkavalier-Suite (1945)
Kurt Schwertsik: Mixed Feelings (Gemischte Gefühle). A concerto for trombone and orchestra op. 84 (2001) – Deutsche Erstaufführung
Hans Werner Henze: Ouverture zu einem Theater (2012)
Joseph Haydn: Sinfonie Nr. 86 D-Dur (1786)

 

Stuttgart, Oper Stuttgart, Orpheus in der Unterwelt – Olympischer Betriebsausflug, IOCO Kritik, 09.12.2016

Dezember 8, 2016  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Operette, Staatsoper Stuttgart

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Oper Stuttgart

Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG "OPER OHNE GRENZEN" © Martin Sigmund

Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG „OPER OHNE GRENZEN“ © Martin Sigmund

Orpheus in der Unterwelt von Jacques Offenbach

Olympischer „Betriebsausflug“ in neue Welten mit ungeahnten Folgen

Premiere von Orpheus in der Unterwelt am 4.12.2016, weitere Vorstellungen 09., 15.12., 17.12., 21.12, 29.12.2016; 02.01, 07.01., 20.01., 23.01. und 31.01 2017

Von  Peter Schlang

Der antike Mythos um Orpheus und Eurydike lieferte quasi den Ur-Stoff für die Entstehung der Gattung Oper, egal ob man Jacopo Peris um 1600 entstandene Euridice (Die erste „Oper“ überhaupt war Peris 1598 erstmals aufgeführte Dafne) oder Claudio Monteverdis 1607 uraufgeführten Orfeo als den Prototyp des Musiktheaters betrachtet. Mit diesem neun Jahre nach dem Gattungserstling vorgestellten Werk hatten sich Monteverdi und die noch junge Form erstmals einer gewissen musikdramatischen Vollkommenheit angenähert.

Grabmal Jacques Offenbach © IOCO

Grabmal Jacques Offenbach © IOCO

Seit diesen Anfängen um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert lieferte der Plot um den thrakischen Sänger und seine bei ihrer Hochzeit völlig unerwartet aus dem Leben gerissene junge Frau noch etliche Male die Vorlage für ein musikdramatisches Werk, sei es Oper, Operette oder Ballett. Auch Jacques Offenbach hat sich in seiner am 21. Oktober 1858 in Paris zur Uraufführung gelangten Opéra bouffé dieses Sujets angenommen und daraus eine seiner wildesten, vergnüglichsten und beliebtesten Operetten geschaffen, was seinerzeit sein in finanzielle Schieflage geratenes Musiktheater Les Bouffes Parisiens vor dem Ruin rettete. Er und seine Librettisten Ludovic Halévy und Hector Crémieux parodierten mit ihrer Fassung des griechischen Stoffes den Lebensstil und die Realitätsferne der gesellschaftlichen und kulturellen Eliten im 2. Kaiserreich und kritisierten deren Überheblichkeit und Bürgerferne im Paris der 1850er Jahre.

 Stuttgart / Oper_Orpheus und Eurydike © Martin Sigmund

Anders als in der antiken Vorlage steht weder Orpheus im Mittelpunkt der Handlung noch beginnt diese mit der Hochzeit der beiden Liebenden und dem jähen Tod der Braut. Vielmehr unterstellt Offenbach den beiden einen glücklichen Beginn ihrer Ehe, die allerdings bald ihre Reize einbüßt und in einen tristen, langweiligen Alltag mündet, in dem sich die beiden Partner überdrüssig werden und mit Seitensprüngen Abwechslung in ihr dröges Eheleben zu bringen versuchen. So überrascht es auch nicht, dass beide ein Ende ihrer Ehe herbeisehnen und die im Urstoff angebotene Möglichkeit der Fortsetzung bzw. des Wiederauflebens der Ehe weder für Eurydike noch für Orpheus eine reale Option darstellt. Eine dramaturgisch wie inhaltlich äußerst wichtige Funktion übernimmt die von Offenbach und seinen Autoren eingefügte Figur der Öffentlichen Meinung, die hier die Funktion des Chors im antiken Theater übernimmt. Sie bringt die Handlung an deren entscheidenden Stellen voran und bietet gewisse Möglichkeiten zur Zeit- und Gesellschaftskritik.

 Christoph Willibald Gluck © IOCO

Christoph Willibald Gluck © IOCO

Der als Regisseur für die Stuttgarter Neuproduktion gewonnene Intendant des nur einen Steinwurf entfernt liegenden Stuttgarter Schauspielhauses, Armin Petras, nimmt den skizzierten Handlungsfaden ohne Abstriche auf und zeigt von Anfang an sehr anschaulich, wie überdrüssig, ja lästig sich die beiden einstmals Liebenden geworden sind. Allerdings interessiert sich Petras weniger für die private Dimension dieses Ehedramas, sondern untersucht vielmehr dessen gesellschaftliche Aspekte. Konkret rückt bei ihm Eurydike in das Zentrum der Handlung und deren Entwicklung, wozu er Offenbachs Originalhandlung eine Art Prolog voranstellt, den  er in einem sehr gekonnt gemachten Schwarz-    Weiß-Film zu Beginn auf den Bühnenvorhang projizieren lässt. Zu den aus dem Orchestergraben erklingenden bekannten Zitaten aus Christoph Willibald Glucks Orpheus und Eurydike erfahren die Zuschauerinnen und Zuschauer, wie Eurydike zu Zeiten der Pariser Kommune um 1871 als Arbeiterin in einer Textilfabrik werkeln muss, sich dann aber in einem Akt der Emanzipation daran macht, dem Proletariat zu entkommen und gesellschaftlich aufzusteigen. Dabei ist ihr der Musikprofessor und Komponist Orpheus ein willkommener Unterstützer und Förderer, womit die Handlung wieder in die der Originalfassung von Offenbach / Halévy / Crémieux mündet.

Diese wird von Armin Petras und seinem Dramaturgen Malte Ubenauf als Versuch einiger in der erwähnten Pariser Kommune aktiven Frauen gedeutet, nicht nur ihr privates Glück zu finden, sondern auch die bisherige, in ihren Augen ungerechte Gesellschaft zu verändern und eine neue, sozialistisch geprägte zu schaffen. Damit war aber auch das Schicksal der bisher Herrschenden um Napoleon III. besiegelt, die ja laut zeitgenössischen Quellen Offenbach als Vorlage für sein 13 Jahre zuvor aus der Taufe gehobenes Werk, genauer für die dort dargestellte gelangweilte Götterkaste und ihren Anführer Jupiter, gedient hatten.

Dieser Regieansatz mag zunächst etwas befremden, entwickelt aber im Verlauf der gut zweistündigen Handlung eine ziemliche Stringenz. Überhaupt kann man ja, wenn man das Libretto von Orpheus in der Unterwelt genauer liest, darin eine ganze Palette von durchaus schlüssigen Denkansätzen und Deutungsmöglichkeiten entdecken, von denen die jetzt von Armin Petras für seine erste Stuttgarter Musiktheater- und erste Operettenregie überhaupt gewählte nicht die abwegigste ist. Die Konsequenz, mit der er sein Konzept durchzieht und die dadurch gewonnenen und dem Publikum vermittelten Erkenntnisse geben ihm in seiner Wahl Recht und trösten auch über ein gewisses Verlustempfinden hinweg, das den einen oder anderen Zuschauer am Premierenabend und in den folgenden Repertoire-Vorstellungen vielleicht befallen mag. Aber im aktuellen Regietheater gibt es ganz gewiss krampfhaftere und abgehobenere Konzepte, und Petras‘ Idee, das Schicksal Eurydikes vom Ende her zu denken und als die Emanzipationsgeschichte einer nach oben strebenden Arbeiterin zu lesen, entfaltet durchaus Charme und Überzeugungskraft. Außerdem dürfte sie, nicht zuletzt in ihrer Umsetzung, ganz auf der Linie Offenbachs und seiner humorvollen Parodiekunst liegen.

Die für die Stuttgarter Neu-Inszenierung Verantwortlichen hatten sich für die deutsche Textfassung von Ludwig Kalisch (1858) und Frank Harders-Wuthenow (Einlagen von 1874) entschieden. Dies ist dem musikalischen Fluss der Lieder und Arien vielleicht nicht immer so dienlich wie die französische Originalsprache, hat aber für das Publikum deutliche Vorteile, die auch bei dessen spontaner Reaktion auf manche Textstellen hörbar werden. Außerdem bietet diese Entscheidung dem Regisseur die Möglichkeit, die gesprochenen Dialoge in seinem Sinn tagesaktuell zu bearbeiten. Das schafft manch interessanten Gegenwartsbezug, so etwa im Schlussmonolog der Öffentlichen Meinung, und viele zum Schmunzeln anregende Anspielungen, auch wenn es hin und wieder etwas kalauern mag.

Grabmal Fromental Halevy © IOCO

Einen wichtigen Anteil an der Wirkung der Aufführung im Großen Haus am Stuttgarter Eckensee haben die Bühnenbildnerin Susanne Schuboth und ihre für die Kostüme zuständige Kollegin Dinah Ehm. Erstere hat eine funktional wie optisch überzeugende Lösung gefunden und für die irdische Umgebung des ersten Bildes wie für die Vorhölle des 3. Bildes in das vordere Bühnendrittel eine mehrfach gegliederte und mit Öffnungen versehene Wand gestellt. In deren rechter Hälfte deutet während des ersten Bildes ein Häuschen mit Satteldach die bürgerliche Szene an. Die von den Göttern beherrschten Szenen zwei und vier, also Himmel/ Olymp und Unterwelt/Hölle, spielen in einer vertieft angebrachten, kreisförmigen Arena, die, drehbar, der Götterversammlung vielfältige Aktionsmöglichkeiten bietet.

Die von Dinah Ehm entworfenen opulenten Gewänder im Stil unterschiedlicher Epochen bestechen durch ihre Farbigkeit wie durch ihren jeweiligen präzisen Charakterisierungsbeitrag. Beispielhaft sei hier das wunderbare Fliegenkostüm Jupiters erwähnt, in dem der in jeder Hinsicht überzeugend und mit samtig-klar geführter Bassstimme agierende Michael Ebbecke die von Josefin Feiler ebenso souverän verkörperte und in dieser Szene völlig überrumpelte Eurydike summend und tanzend umschwirrt.
Damit seien die musikalische Seite und deren Leitung gewürdigt. Diese lag am Premierenabend wie in den noch folgenden fünf Aufführungen im Dezember in den bewährten Händen des Stuttgarter Generalmusikdirektors Sylvain Cambreling. Dieser in der neuen wie in der älteren französischen Musik sehr kompetente und erfahrende Dirigent leitet das gut disponierte Staatsorchester und den wie immer äußerst präzise singenden und schauspielerisch alle Situationen und Lagen überzeugend bewältigenden Stuttgarter Opernchor sehr umsichtig und sängerdienlich. Basis dafür ist ein sehr schlanker, durchhörbarer, federnder und luzider Orchesterklang, in dem die einzelnen Stimmen und Klangfärbungen situations- bzw. stimmungsbezogen bestens wahrnehmbar sind. Statt großer, effektheischender dynamischer Sprünge setzt Cambreling auf eine feine Balance der Orchesterstimmen und Stimmungen und findet so für den Abend einen eher kammermusikalischen, sanglichen Duktus.

Neben den bereits erwähnten Darstellern der Eurydike und des Jupiter, die schauspielerisch wie stimmlich etwas aus dem Ensemble herausragen, überzeugen auch die anderen Akteure, allesamt hauseigene Kräfte. So kam an Stelle der aus familiären Gründen bei der Premiere verhinderten Iris Vermillion die ursprünglich erst für die Vorstellungen ab 17. Dezember als Öffentliche Meinung vorgesehene Stine Marie Fischer genauso zu ihrem stimmlich wie schauspielerisch absolut souverän gemeisterten Rollendebüt wie der junge, aus dem Knabenchor der Calwer Aurelius Sängerknaben hervorgegangene Daniel Kluge, der mit seiner hellen, aber niemals scharf klingenden Tenorstimme für sich einzunehmen wusste. Dies galt auch für den überaus präsenten Bariton André Morsch als Pluto, der in den beiden Eckbildern seine großen Auftritte hat, wie auch für den quicklebendigen und höchst komödiantischen Merkur des erneut sehr stark und sicher auftretenden Stuttgarter Kammersängers Heinz Göhrig. Auch die in der Rolle der Juno agierende Maria Theresa Ullrich, Catriona Smith als treffsichere Jagdgöttin Diana und die ungeheuer quirlige und stimmsichere Yuko Kakuta als (vergeblich) Liebe stiftender Cupido sowie die aus dem Stuttgarter Opernstudio kommende junge Sopranistin Esther Dierkes als Venus überzeugten das Premierenpublikum. Dies gilt auch für die beiden zum Stuttgarter Opernensemble gehörenden Schauspieler, von denen der hünenhafte Max Simonischek sowohl die Rolle des Mars als auch jene des zum intensiven Drogenkonsum neigenden Bacchus souverän und sehr komödiantisch ausfüllte. Den größten Applaus des Premierenpublikums aber erhielt sein Kollege André Jung als Höllen- und Hausmeister Hans Styx, was nicht nur an seinem mit viel Schmelz und Lässigkeit vorgetragenen Titel „Als ich noch Prinz war in Arkadien“ lag. Von Peter Schlang

Oper Stuttgart – Orpheus in der Unterwelt:  Premiere 4.12.2016, weitere Vorstellungen 09., 15.12., 17.12., 21.12, 29.12.2016; 02.01, 07.01., 20.01., 23.01. und 31.01 2017

 

Stuttgart, Oper Stuttgart, Premiere Orpheus in der Unterwelt, 04.12.2016

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Oper Stuttgart

Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG "OPER OHNE GRENZEN" © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG „OPER OHNE GRENZEN“ © Martin Siegmund

Orpheus in der Unterwelt von Jacques Offenbach

Armin Petras inszeniert erstmals an der Oper Stuttgart

Am Sonntag, 4. Dezember 2016, feiert eine der wildesten und vergnüglichsten Operetten Jacques Offenbachs an der Oper Stuttgart Premiere: Orpheus in der Unterwelt. Sie parodiert den antiken Mythos vom thrakischen Sänger und bringt an der Grenze zwischen Drama und Tragödie stets das Komische zum Vorschein. Nach seinem gefeierten Dirigat von Hoffmanns Erzählungen in der vergangenen Spielzeit dirigiert Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling nun erneut ein Werk Offenbachs. Armin Petras, Intendant des Schauspiels Stuttgart, wird bei dieser Neuproduktion erstmals an der Oper Stuttgart Regie führen. Susanne Schuboth (Bühne) und Dinah Ehm (Kostüme) zeichnen für die Ausstattung verantwortlich. Als Orpheus und Eurydike geben Daniel Kluge und Josefin Feiler aus dem Stuttgarter Solistenensemble ihre Rollendebüts. Zudem werden etliche weitere Ensemblemitglieder zu erleben sein, so etwa Michael Ebbecke als Jupiter, Maria Theresa Ullrich als Juno, Catriona Smith als Diana, André Morsch als Pluto und Heinz Göhrig als Merkur. Die Schauspieler André Jung und Max Simonischek gastieren als Styx beziehungsweise Bacchus.

 Paris / Jacques Offenbach © IOCO

Paris / Jacques Offenbach © IOCO

Anders als im antiken Mythos beginnt Offenbachs 1858 in Paris uraufgeführte „Opéra bouffon“ nicht mit dem jähen Tod von Orpheus‘ geliebter Braut Eurydike auf dem Hochzeitsfest, sondern mit den Streitereien des Ehepaares, dessen glückliche Tage längst vorüber sind: Man betrügt sich gegenseitig mit Schäfern und Nymphen, alles läuft auf eine baldige Scheidung hinaus. Und so ist Orpheus auch zunächst erleichtert, als Eurydikes Geliebter, der sich als Unterwelt-Gott Pluto entpuppt, sie zu sich in den Hades entführt. Erst als die Öffentliche Meinung mit der Drohung einschreitet, Orpheus‘ Ruf zu ruinieren, erklärt er sich zähneknirschend dazu bereit, Eurydike aus dem Hades zurückzuholen.

Das Produktionsteam um Armin Petras wird zur Premiere eine neue Fassung des Werkes mit Texten des Regisseurs zeigen. Regisseur Armin Petras über Orpheus in der Unterwelt:  So wie Jacques Offenbach sich in seinem Orpheus an die Potenziale der antiken Mensch-Götter-Beziehung erinnert und das im Hades beziehungsweise Olymp versammelte Personal für eine satirische Gesellschaftsstudie über das Paris des mittleren 19. Jahrhunderts wiederbelebt, bringt es Fernando Pessoa einige Jahre später in seinem Buch Die Rückkehr der Götter auf den Punkt: Die Götter sind nicht gestorben: Unsere Vision von ihnen ist gestorben. Wir sehen sie nicht mehr. Aber die Götter bestehen fort, sie leben, wie sie gelebt haben, mit derselben Göttlichkeit. Ihre Gegenwart vereinfacht und verschönert. Die Wiederauferstehung der vielgestaltigen antiken Götterwelt stellt, und davon berichten Offenbach wie Pessoa, die übermächtigen christlichen Moralstandards in Frage. Wenn richtig und falsch sich aber nicht mehr ohne weiteres auseinanderhalten lassen, entstehen erste Zweifel am Status quo.

Und auch die Öffentliche Meinung gerät in Konfusion. Lag zu diesem Zeitpunkt vielleicht schon etwas davon in der Luft, was sich nur wenig mehr als zehn Jahre nach der Uraufführung von Orpheus in der Unterwelt in Frankreich ereignen sollte und als ,La Commune‘ in die Geschichtsbücher eingegangen ist? Inmitten der von der Arbeiterschaft initiierten Kurzrevolution von 1871, die wie selten zuvor konkrete Ideen einer demokratisch-sozialen Gesellschaftsordnung mit sich führte, traten auch einige äußerst selbstbewusste Frauen hervor, die sich dem Bürgertum entgegenstellten. Als eine mit diesen Persönlichkeiten verwandte Figur stelle ich mir Eurydike vor. Aus dem Proletariat stammend, durchschreitet sie nach eigener Wahl die verschiedenen Möglichkeiten sozialer Positionierung. Und dies sehr radikal, weil ihr Weg immer aufs Neue der Weg einer Liebenden ist: Auf diese Weise verbindet Eurydike sich mit dem opportunistischen Bildungsbürger Orpheus, dem widersprüchlichen Untergrundchef Pluto und dem herrschenden Tyrannen Jupiter, um schließlich in der Unterwelt, die sie als ihre Heimat erkennt, erneut Wurzeln zu schlagen. Von dort aus ersinnt sie eine Revolution, die ganz andere Auswirkungen haben soll als jene, die kurze Zeit zuvor im Olymp von ein paar gelangweilten Göttern gegen Jupiter geführt wurde und innerhalb weniger Minuten ergebnislos verpuffte.“   PMOSt

Öffentliche Probe:  Samstag, 12.11.2016, 9.45 – 11.30 Uhr, Opernhaus, Regisseur Armin Petras gibt Einblicke in die Probenarbeit.

Einführungsmatinee Sonntag, 27. November 2016, 11 Uhr im Opernhaus, Foyer I. Rang
Das Produktionsteam gibt interessierten Opernbesuchern einen Einblick in die Konzeption der Neu-inszenierung., Nach(t)gespräche Freitag, 09. Dezember 2016 , Samstag, 07. Januar 2017. Das Produktionsteam beantwortet im Anschluss an die Vorstellung Fragen der Zuschauer.

Einführung vor jeder Vorstellung Eine Einführung findet jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Opernhaus, Foyer I. Rang, statt.

Karten Karten über www.oper-stuttgart.de, Kartentelefon: 0711. 20 20 90, und an der Abendkasse

 

 

 

Stuttgart, Oper Stuttgart, Oper Stuttgart ist Opernhaus des Jahres, September 2016

September 29, 2016  
Veröffentlicht unter Pressemeldung, Staatsoper Stuttgart

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Oper Stuttgart

Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG "OPER OHNE GRENZEN" © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG „OPER OHNE GRENZEN“ © Martin Siegmund

Die Oper Stuttgart:  Opernhaus des Jahres

Anna Viebrock erhält doppelte Auszeichnung als „Bühnen- und Kostümbildnerin des Jahres“

Die Oper Stuttgart ist Opernhaus des Jahres für die Fachzeitschrift „Opernwelt“. Der Auszeichnung liegt die Befragung von 50 Opernkritikerinnen und -kritikern aus dem In- und Ausland zugrunde, die mit deutlichem Abstand vor den nächstplatzierten Häusern für das Haus am Eckensee votierten. Die renommierte Auszeichnung erhielt die Oper Stuttgart u. a. „für ihre schier konkurrenzlose Premierenserie“ (Markus Thiel, Münchner Merkur/Opernwelt), für ihre „Intensität, Aufführungsdichte, Repertoirepflege“ (Eleonore Büning, FAZ) und schlicht: „eine sensationelle Spielzeit“ (Claus Ambrosius, Rhein-Zeitung), so die Begründung einiger Jury-Mitglieder.

Opernhaus Stuttgart / Sergio Morabito und Jossi Wieler © Martin Sigmund

Opernhaus Stuttgart / Sergio Morabito und Jossi Wieler © Martin Sigmund

Opernintendant Jossi Wieler: „Ich bin sehr glücklich über diese wunderbare Würdigung unserer Künstler und unserer Arbeit, insbesondere auch über die beiden Auszeichnungen für Anna Viebrock zur ,Bühnenbildnerin und Kostümbildnerin des Jahres‘. Seit über dreißig Jahren verbindet uns eine enge, inspirierende und vertrauensvolle künstlerische Zusammenarbeit. Die Ernennung zum ,Opernhaus des Jahres‘ hingegen gilt dem gesamten Haus. Ich bin sehr dankbar dafür und auch stolz darauf. Diesen Stolz möchte ich teilen mit den politisch Verantwortlichen und den Bürgerinnen und Bürgern in Stadt, Region und Land sowie mit unseren vielen institutionellen Partnern, Unterstützern, Förderern und Freunden. Der Geist, der damit ausgezeichnet und gewürdigt wird, entsteht über die Kunst und die vertrauensvolle Zusammenarbeit von Künstlerinnen und Künstlern und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aller Gewerke und Abteilungen. Er ist geprägt von dem Bewusstsein einer gemeinschaftlichen Verantwortung. Das Engagement jedes Einzelnen belebt diesen Geist. So gelingt es uns, die kollektive Kunstform Oper in höchster Qualität täglich immer wieder neu erlebbar zu machen. Unseren Zuschauerinnen und Zuschauern danke ich für ihre Offenheit und Wissbegier, mit der sie unserer Arbeit begegnen und diese begleiten. Dieser Geist, für den wir heute ausgezeichnet wurden, hat eine besondere Tradition hier am Haus und wird im offenen Dialog miteinander gelebt. Die Auszeichnung gibt uns Kraft, den eingeschlagenen künstlerischen Weg in den kommenden Spielzeiten mit Leidenschaft weiterzugehen.“

Operndirektorin Eva Kleinitz: „Mit dieser Auszeichnung wird die kontinuierliche Arbeit der vergangenen fünf Jahre gewürdigt. In dieser Zeit ist das sängerisch und darstellerisch außergewöhnliche Solisten-Ensemble mit dem Staatsopernchor und dem Staatsorchester in idealer Weise zusammengewachsen. Auch Gastsolisten und Gastdirigenten spüren dieses Engagement und diesen Geist und fühlen sich hier willkommen und künstlerisch zu Hause. Repertoire, Premieren und Wiederaufnahmen stehen gleichwertig nebeneinander.

Chefdramaturg Sergio Morabito: „Theater erleben wir in unserer Arbeit als Medium der Verwandlung. Deshalb gelingt es unserem Engagement für Entlegenes, Unterschätztes und Zeitgenössisches immer wieder, die Operngeschichte gegen den Strich zu bürsten und dabei selbst Repertoire-Klassiker dem kulturellen Konformismus zu entreißen. Beides hängt zusammen, das eine setzt das andere voraus: Unsere Ausgrabungen sind Teil der kreativen Infragestellung der ,handelsüblichen‘ Präsentationsformen des traditionellen Repertoires – und umgekehrt. Dem Musiktheater kann und muss es immer wieder gelingen, seine Geschichte neu zu erfinden und seine Geschichten neu zu erzählen.

Mit allen sechs Premieren der vergangenen Spielzeit konnte die Oper Stuttgart in diesem Jahr bei den Kritikern punkten. Insbesondere die Neuproduktionen von Richard Strauss‘ Oper Salome in der Inszenierung von Kirill Serebrennikov unter der Musikalischen Leitung von Roland Kluttig und von Vincenzo Bellinis Die Puritaner in der Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito unter der Musikalischen Leitung von Giuliano Carella stießen auf große Begeisterung bei der internationalen Jury.

Oper Stuttgart / Salome mit Matthias Klink (Herodes) und Claudia Mahnke (Herodias) © A.T. Schaefer

Oper Stuttgart / Salome mit Matthias Klink (Herodes) und Claudia Mahnke (Herodias) © A.T. Schaefer

Neben der Oper Stuttgart wurde auch eine dem Hause seit vielen Jahren aufs Engste verbundene Künstlerin gleich doppelt ausgezeichnet: Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock erhielt für ihre Ausstattung von Bellinis Die Puritaner an der Oper Stuttgart – sowie für die Ausstattung von Rossinis Viaggio a Reims am Opernhaus Zürich – sowohl den Titel „Bühnenbildnerin des Jahres“ als auch „Kostümbildnerin des Jahres“. Zahlreiche weitere Nominierungen in diesen beiden Kategorien gingen zudem an das Ausstattungsteam der Stuttgarter Salome für Kostüme (Kirill Serebrennikov), Bühne (Pierre Jorge Gonzalez), Video (Ilya Shagalov) und Licht (Reinhard Traub). Auch die Kostümbildnerinnen Anja Rabes und Nina von Mechow wurden für ihre Stuttgarter Arbeiten bei Purcells The Fairy Queen in der Inszenierung von Calixto Bieito bzw. bei Beethovens Fidelio in der Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito jeweils als „Kostümbildnerin des Jahres“ vorgeschlagen.

In der Kategorie „Aufführung des Jahres“ wurden neben den Stuttgarter Neuproduktionen von Salome und Die Puritaner auch Fidelio unter der Musikalischen Leitung von GMD Sylvain Cambreling genannt. Zahlreiche Jury-Mitglieder votierten zudem für Kirill Serebrennikov, Jossi Wieler und Sergio Morabito in der Kategorie „Regisseur(e) des Jahres“ für deren Inszenierungen von Strauss‘ Salome und Bellinis Die Puritaner an der Oper Stuttgart.

Opernhaus Stuttgart / Die Puritaner mit Solisten und Mitgliedern des Staatsopernchores Stuttgart © A.T. Schaefer

Opernhaus Stuttgart / Die Puritaner mit Solisten und Mitgliedern des Staatsopernchores Stuttgart © A.T. Schaefer

Höchst erfreulich fiel das Kritikervotum der Opernwelt-Umfrage auch für die Sängerinnen und Sänger des Stuttgarter Solistenensembles aus: In der Kategorie „Sänger/Sängerin des Jahres“ wurde Ensemblemitglied Matthias Klink vielfach sowohl für seine Interpretation des Herodes in Strauss‘ Salome als auch für die des Dichters in Boesmans‘ Reigen in der Inszenierung von Nicola Hümpel gewürdigt. In dieser Rubrik wurde auch Ensemblemitglied Simone Schneider für ihr Rollenportrait der Salome genannt. Darüber hinaus hatte Ensemblemitglied Ana Durlovski etliche Kritiker als Elvira in Die Puritaner sowie als Olympia in Hoffmanns Erzählungen in der Inszenierung von Christoph Marthaler begeistert. Auch sie erhielt mehrere Nominierungen als „Sängerin des Jahres“. Nicht zuletzt wurde Opernstudiomitglied Idunnu Münch für ihre Darstellung des Pagen in Salome in der Kategorie „Nachwuchskünstlerin des Jahres“ nominiert.

Auch das Staatsorchester Stuttgart und der Staatsopernchor Stuttgart wurden für ihre herausragenden Leistungen in der vergangenen Spielzeit von einigen Jury-Mitgliedern als „Orchester des Jahres“ bzw. „Chor des Jahres“ vorgeschlagen. PMStoSt

 

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