Stuttgart, Oper Stuttgart, 2. Kammerkonzert – Gefühl aus Ost, 29.11.2017

November 17, 2017  
Veröffentlicht unter Konzert, Pressemeldung, Staatsoper Stuttgart

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Oper Stuttgart

Staatsoper Stuttgart / Madeleine Przybyl, Johann Blanchard und Michael Gross © Sebastian Klein

Staatsoper Stuttgart / Madeleine Przybyl, Johann Blanchard und Michael Gross © Sebastian Klein

„Gefühl aus Ost“ – Chopin, Bartók, Dohnányi

Mitglieder des Staatsorchesters widmen sich im 2. Kammerkonzert am Mittwoch, 29. November 2017, um 19.30 Uhr im Mozartsaal der Liederhalle Werken von Chopin, Bartók und Dohnányi 

„Allegro con sentimento“ überschreibt Ernst von Dohnányi den dritten Satz seines in  Budapest entstandenen Sextetts – und mit viel Gefühl spannen sich sehnsuchtsvolle Melodielinien in die Weite… Béla Bartók war ein Landsmann Dohnányis, und wie dieser den Finalsatz seines Sextetts in der Art eines Ragtimes eröffnet, bezieht auch Bartók Jazz-Elemente in seine Musik mit ein. So steckt viel Westen in diesen Benny Goodman auf den Leib geschriebenen Contrasts – aber doch auch viel Gefühl aus Ost, von dem in schönster Fülle Frédéric Chopins Klaviertrio kündet. Dieses Frühwerk aus Warschauer Zeiten erscheint in diesem Kammerkonzert in einem so überraschenden wie faszinierenden Klanggewand: in einer Fassung mit Viola, wie sie Chopin als Ideal einst vorgeschwebt hatte.

Programm
Frédéric Chopin: Trio g-moll op. 8 für Viola, Violoncello und Klavier (1829)
Béla Bartók: Contrasts für Klarinette, Violine und Klavier (1938)
Ernst von Dohnanyi: Sextett C-Dur op. 37 für Klarinette, Horn, Violine, Viola, Violoncello und Klavier (1935)

Mitwirkende
Muriel Bardon (Violine), Alexander Jussow (Violine), Madeleine Przybyl (Viola), Michael Groß (Violoncello), Frank Bunselmeyer (Klarinette), Susanne Wichmann (Horn), Johann Blanchard (Klavier), Alan Hamilton (Klavier)

Einführung
mit Rafael Rennicke, Dramaturg der Oper Stuttgart, um 19:00 Uhr im Mozartsaal, PMStoSt

 

Stuttgart, Oper Stuttgart, Medea von Luigi Cherubini, 03.12.2017

November 6, 2017  
Veröffentlicht unter Oper, Premieren, Pressemeldung, Staatsoper Stuttgart

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Oper Stuttgart

 Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

 Medea von Luigi Cherubini

Peter Konwitschny inszeniert, Johannes Leiacker – Bühne und Kostüme

Am Sonntag, 03. Dezember 2017, um 18 Uhr, feiert Luigi Cherubinis Oper Medea Premiere an der Oper Stuttgart. Regie führt Peter Konwitschny. Seine Inszenierungen von Mozarts Zauberflöte (2004, Wiederaufnahme am 29.01.2018), Wagners Götterdämmerung (2000) und Strauss‘ Elektra (2005) zählen zu den bedeutendsten Stuttgarter Neuproduktionen der vergangenen Jahre. Alejo Pérez, der in der Spielzeit 2015/16 im 4. Sinfoniekonzert sein erfolgreiches Debüt am Pult des Staatsorchesters Stuttgart gab, wird erstmals eine Oper in Stuttgart dirigieren. Ebenfalls zum ersten Mal ist Bühnen- und Kostümbildner Johannes Leiacker an der Oper Stuttgart zu Gast. Ihn verbindet eine langjährige Zusammenarbeit mit Peter Konwitschny. 

Medea: Weitere Vorstellungen 8.12.; 27.12.2017; 08.01.; 15.1.; 31.1.; 3.02.2018

Grabstätte von Luigi Cherubini in Paris © IOCO

Grabstätte von Luigi Cherubini in Paris © IOCO

Die Titelpartie singt Cornelia Ptassek, die vom Stuttgarter Publikum bereits für ihr Rollenportrait der Ariadne in Richard Strauss‘ Ariadne auf Naxos und der Sängerin in Philippe Boesmans‘ Reigen gefeiert wurde. Ensemblemitglied Ks. Simone Schneider, die ursprünglich als Medea vorgesehen war, kann die Partie bedauerlicherweise aufgrund eines Bandscheibenvorfalls nicht übernehmen. In weiteren wichtigen Rollen debütieren aus dem Stuttgarter Sängerensemble Sebastian Kohlhepp als Iason, Ks. Shigeo Ishino als Kreon, Josefin Feiler als Kreusa sowie Ks. Helene Schneiderman als Neris. Aoife Gibney und Fiorella Hincapié aus dem Opernstudio singen die 1. bzw. 2. Brautjungfer.

Euripides gestaltet in seiner 431 v. Chr. uraufgeführten Tragödie Medea eine Episode aus dem Argonauten-Mythos: Medea, Tochter des Königs von Kolchis, hatte sich in den Griechen Iason verliebt. Um ihm zu helfen, das Goldene Vlies zu rauben, hinterging sie ihren Vater und zerstückelte ihren kleinen Bruder. Nach ihrer Flucht zogen Medea und Iason heimatlos mit ihren beiden Kindern durch Griechenland. Zu Beginn der Oper hat sich Iason von Medea getrennt, denn Kreon, König von Korinth, ist bereit, ihm und den Kindern Asyl zu gewähren – unter der Bedingung, dass Iason Kreons Tochter heiratet und ihm das Goldene Vlies übergibt. In die Hochzeitsfeier platzt ein ungebetener Gast: Medea will ihren Mann für seinen ungeheuren Verrat auf ungeheure Weise bestrafen, selbst wenn ihre Rache die eigenen Kinder trifft.

Die grausame Bluttat einer beleidigten Frau provozierte immer wieder neue Gestaltungen und Deutungsversuche. Auch Luigi Cherubini konnte sich der Faszinationskraft dieses Stoffes nicht entziehen. Seine 1797 uraufgeführte Medée betrachteten Beethoven und Brahms als sein Meisterwerk und den in Frankreich tätigen Tonschöpfer als einen der bedeutendsten dramatischen Komponisten seiner Zeit. Seitdem sich Maria Callas in den 1950er Jahren für das Werk erneut stark gemacht hatte, gehörte es in einer romantisierenden Rezitativfassung international zum Kernrepertoire. Inzwischen erfuhr dank der Kritischen Neuausgabe von Heiko Cullmann das französische Original eine Renaissance. In Stuttgart wird die Oper erstmals in der neuen deutschen Übersetzung von Bettina Bartz und Werner Hintze mit vom Regisseur selbst eingerichteten Dialogen präsentiert.

Peter Konwitschny über Cherubinis Medea: „Ein Stück wie Medea sensibilisiert uns für unsere eigene Vergewaltigung, damit das Gute in uns blüht und nicht das Destruktive, damit uns das Leben, die Freundlichkeit, die Liebe wertvoller werden als Besitz, Betrug und Tötungswahn.“

Begleitveranstaltungen zu Medea
Öffentliche Probe Samstag, 18. November 2017, 9.45 – 11.30 Uhr, Opernhaus.
Die Regisseure geben Einblicke in die Probenarbeit.

Einführungsmatinee:   Dienstag, 26. November 2017, 11 Uhr im Opernhaus, Foyer I. Rang,  Das Produktionsteam gibt Einblicke in die Konzeption der Neuinszenierung.

Nach(t)gespräch:  8. Dezember 2017,   27. Dezember 2017  –  Das Produktionsteam beantwortet im Anschluss an die Vorstellung Fragen der Zuschauer.

 

 

Pressemeldung Staatsoper Stuttgart

Stuttgart, Oper Stuttgart, Hänsel und Gretel – Kirill Serebrennikov, IOCO Kritik, 26.10.2017

Oktober 27, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatsoper Stuttgart

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Oper Stuttgart

 Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

 Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck

Ein  Märchen von Not und Hoffnung – In ungewöhnlicher, fragmentarischer Inszenierung an der Oper Stuttgart

Von Peter Schlang

Völlig anders als ursprünglich und  seit gut zwei Jahren geplant, verlief am Sonntag, 22. Oktober 2017 die erste Premiere der Staatsoper Stuttgart dieser Spielzeit, Engelbert Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel: Statt des geschlossenen Bühnen-vorhangs, hinter dem man eine opulent ausgestattete und passend beleuchtete Bühne mit entsprechend kostümierten Sänger-Darstellern vermuten darf, fanden die Zuschauer beim Betreten des Saals die bis zur Brandmauer geöffnete, kahle und in Schwarz gehaltene Bühne vor, auf deren hinterem Teil das ebenfalls in schwarz gekleidete Staatsorchester Stuttgart beim Stimmen zu sehen und zu hören war; davor einige Bürostühle und ganz  wenig entfernt an Requisiten erinnerndes Material.

Stuttgarts Premiere von Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel gerät zur eindrucksvollen Demonstration gegen die Einschränkung künstlerischer Freiheiten und der Missachtung von Menschenrechten

Oper Stuttgart / Hänsel und Gretel - hier Ensemble, Kinderchor, Staatsorchester, auf dem Bildschirm Kirill Serebrennikov © Thomas Aurin

Oper Stuttgart / Hänsel und Gretel – hier Ensemble, Kinderchor, Staatsorchester, auf dem Bildschirm Kirill Serebrennikov © Thomas Aurin

Dafür, dass diese nüchterne Situation für den allergrößten Teil des Stuttgarter Premierenpublikums  keine Überraschung und auch kein Schock war, hatte nicht nur das auffallend anders als gewohnt gestaltete Programmheft gesorgt, sondern auch die gesamte akribische und umfassende Öffentlichkeitsarbeit der Staatsoper der letzten Wochen einen beachtenswerten Beitrag geleistet. So hielten die Verantwortlichen seit der ersten Verhaftung des nicht erst seit  dieser geplanten Neuproduktion eng mit  der Stuttgarter Oper verbundenen und als Regisseur verpflichteten russischen Film- und Theatermannes Kirill Serebrennikov am  22. August die Öffentlichkeit über dessen Schicksal auf dem Laufenden. Zunächst hegte man die Hoffnung, dass der Achtundvierzigjährige doch noch seine Regiearbeit in Stuttgart würde weiterführen und bis zum Premierenabend abschließen können. Zusammen mit kulturellen und politischen Instanzen versuchte man alles, um doch noch die Freilassung des nicht nur in Deutschland  hoch geschätzten Regisseurs zu erreichen und seine Ausreise zur finalen Umsetzung seines Regiekonzepts zu ermöglichen. Als dann Mitte letzter Woche bekannt wurde, dass der Hausarrest Serebrennikovs bis mindestens Mitte Januar verlängert und so seine Isolation fortgesetzt würde, änderte die Opernleitung ihre Informationsarbeit wie ihre Planung. Innerhalb der ersten vertiefte man seit Donnerstag letzter Woche nicht nur nochmals die so schon intensive Berichterstattung über die Vorgehensweise der russischen Behörden gegen den hoch gelobten Regisseur und verschärfte auch den Ton der Kommentare und Forderungen, sondern setzte auch, und das noch am Tag der sonntäglichen Premiere, auf eine verstärkte Menschenrechtsarbeit, etwa  in Form von Diskussionen und Dokumentationen.

So kam man im Haus am Eckensee  lobens- und dankenswerterweise offenbar nie auf die Idee, die sonntägliche Premiere einfach ausfallen zu lassen und auf irgendeinen, vermutlich nicht selbst zu bestimmenden Tag in einer womöglich fernen Zukunft zu verschieben oder die von Kirill Serebrennikov begonnene Inszenierung von einem anderen Regisseur fortführen zu lassen. Vielmehr entschloss man sich in einem offenen, gleichberechtigt geführten Diskurs, dem beabsichtigten Druck eines autokratischen Regimes, das sich sowohl von der Gewaltenteilung wie vom Respekt vor den Menschenrechten verabschiedet zu haben scheint, nicht stattzugeben, sondern mit den Mitteln des Theaters und der Musik gegen diese Form der Freiheitsberaubung und der Beschneidung der Freiheit der Künste zu protestieren.

Oper Stuttgart / Hänsel und Gretel - hier Daniel Kluge als Knusperhexe © Thomas Aurin[

Oper Stuttgart / Hänsel und Gretel – hier Daniel Kluge als Knusperhexe © Thomas Aurin[

Zentraler Kern dabei ist nicht nur die eingangs geschilderte quasi konzertante Aufführung der Oper, bei der nur wenige und sehr dezent ausgefallene, eher der weiteren Verfremdung dienende szenische Mittel zum Einsatz kommen, sondern ein von Serebrennikov im letzten Jahr gedrehter und im April fertig gewordener Film mit einer zeit- und ortsgemäßen Adaption des Märchen- bzw. Opernstoffes.

In diesem im ostafrikanischen Ruanda mit einheimischen Darstellern produzierten „stummen Spielfilm“, der jedoch auch dokumentarische Elemente aufweist, wird die Handlung in eine Weltregion verlagert, in der die Armut, deren Auswirkungen und Bewältigung ja das zentrale Thema sowohl des Grimm‘schen Märchens als auch von Humperdincks „Märchenoper“ bildet, noch immer als elementar, ja existenzbestimmend und oft genug auch als existenzvernichtend erlebt wird.

Dieser sehr kunst- wie liebevoll und durch den Blick für feine Details gekennzeichnete Streifen läuft nun statt der normalen Opernhandlung bzw. ohne  deren Deutung durch Kirill Serebrennikov auf der Stuttgarter Opernbühne.

Er wird sehr einfühlsam wie energiegeladen begleitet und kommentiert von Humperdincks Musik. Diese wurde  vom Staatsorchester Stuttgart unter der souveränen Leitung des Kieler Generalmusikdirektors Georg Fritsch kräftig zupackend wie romantisch-expressiv interpretiert.

Oper Stuttgart / Hänsel und Gretel - hier Esther Dierkes als Gretel, Georg Fritsch im Hintergrund © Thomas Aurin

Oper Stuttgart / Hänsel und Gretel – hier Esther Dierkes als Gretel, Georg Fritsch im Hintergrund © Thomas Aurin

Die sechs Gesangssolisten Michael Ebbecke als Vater, Irmgard Vilsmeier als „sein Weib“ Gertrud, Diana Haller als Hänsel, Esther Dierkes als Gretel,  Daniel Kluge als Knusperhexe sowie  Aoife Gibney als Sand- und Taumännchen  holen aus der konzertanten, im weiteren Verlauf  sich ins „Leicht-Szenische“ entwickelnden Aufführung und angesichts der höchst  emotionalen Situation das gesanglich Mögliche  heraus und liefern einen ambitionierten Beitrag zu einer den Verhältnissen angemessenen, würdigen musikalischen Deutung.

Allerdings führten nicht nur die fehlende „normale Opernatmosphäre“ dazu, dass  nicht nur für den Rezensenten, sondern offenbar auch für den großen Teil des Publikums  die theatralische und musikalische Dimension dieses besonderen Premierenabends stark in den Hintergrund traten,  ja zur Nebensache wurde, deren qualitative Beurteilung sich einer seriösen Berichterstattung entziehen sollte.

Zu offensichtlich stand das jederzeit präsente Thema der Würde und Freiheit des Menschen im Vordergrund, nicht nur durch die vielen Hinweise des Filmes auf die Beschränkungen des Lebens durch Armut, sondern auch durch die zahlreichen Konnotationen zum Völkermord in Ruanda, der dort vor 23 Jahren  für eine schon apokalyptische Dimension an Verstößen gegen die Menschenwürde und Menschenrechte gesorgt hatte.

Auch die kollektive Regie des Abends durch alle Mitwirkenden, die im Programmheft durch einen Verzicht auf die Benennung des Regisseurs ihren beredten Ausdruck fand, setzte frappierende wie einfache Mittel ein, um stillen wie expliziten Protest gegen die Verhinderung von Kunstausübung und gegen die Beschränkung der Freiheit auszudrücken. So drehten die Sängerdarsteller etwa über weite Passagen des Films dem Publikum den Rücken zu und präsentierten sich so ebenfalls als Zuschauer oder schlüpften an zwei entscheidenden Stellen der Handlung in die verfremdende Rolle von Märchenerzählern, indem sie auf die durch die Verhaftung des Regisseurs notwendig gewordenen Veränderungen und Einschnitte sowie sichtbaren historischen Parallelen hinwiesen. Auch die von einzelnen Mitwirkenden und weiteren Mitgliedern des Hauses getragenen T-Shirts mit dem Bild des weggesperrten Regisseurs und der Unterschrift „Free Kirill“ bezogen eine eindeutige politische Position, die glaubwürdiger und konsequenter Theaterarbeit unbestritten zusteht, ja zu deren wesentlichen Aufgaben gehört.

So wurde an diesem denkwürdigen Stuttgarter Opernabend weniger das Märchen von Hänsel und Gretel erzählt, sondern eher ganz neu interpretiert, vor allem aber die Geschichte einer verhinderten, zumindest aber stark behinderten Opernproduktion illustriert. Damit erfuhr zum einen der Widerstand gegen Unterdrückung und Freiheitsbeschränkung eine bisher zumindest in einer Demokratie eher weniger bekannte oder selten gezeigte Dimension, zum anderen gewann der von ihrem vorgesehenen Regisseur Kirill Serebrennikov seiner  Stuttgarter Produktion mitgegebene Titel „Ein Märchen von Hoffnung und Not“ eine  zusätzliche Bedeutung, frei nach Hölderlins Hoffnung und Erkenntnis: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“.

Oper Stuttgart / Hänsel und Gretel_ hier Standbild Film_ in diesem Film mit Ariane Gatesi als Gretel und David Niyomugabo als Hänsel © Thomas Aurin

Oper Stuttgart / Hänsel und Gretel_ hier Standbild Film_ in diesem Film mit Ariane Gatesi als Gretel und David Niyomugabo als Hänsel © Thomas Aurin

Nach der aufmerksamen Beobachtung des  Berichtenden brachte die überwiegende Mehrheit der Zuschauerinnen und Zuschauer  für den von der Stuttgarter Oper eingeschlagenen Weg größtes Verständnis auf, so subtil wie entschieden gegen eine solche Bevormundung und Einschränkung menschlicher wie künstlerischer Freiheiten zu protestieren. Dafür gebührt der Opernleitung und allen Mitentscheidern wie Mitwirkenden höchster Respekt,  große Anerkennung und aufrichtiger Dank.

Zum Schluss bleibt die, wenn auch angesichts der politischen Verhältnisse in Russland vage Hoffnung, dass die im Depot der Stuttgarter Oper gelagerten Bühnenbilder und Kostüme zur neuen Hänsel und Gretel -Produktion, welche vom  für deren Gestaltung zuständigen Regisseur bereits fertiggestellt wurden, nicht allzu lange werden dort lagern müssen. Nicht nur im Interesse des aufmerksamen und empathisch mitgehenden Premierenpublikums wäre es wünschenswert und aufschlussreich, wenn Kirill Serebrennikov seine Regierarbeit bald würde beenden können und so seine beeindruckende  filmische Arbeit mit dem szenischen Geschehen auf der Stuttgarter Opernbühne zusammenkäme.

Hänsel und Gretel an der Oper Stuttgart: Weitere Vorstellungen am 26. 10., 04.11., 02.12., 13.12., 16.12., 26.12.2017,  07.01. und 14.01.2018

 

 

Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Cranko Pur – Hommage auf John Cranko, IOCO Kritik, 10.10.2017

Oktober 10, 2017  
Veröffentlicht unter Ballett, Hervorheben, Kritiken, Staatsoper Stuttgart

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Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. SchaeferStuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

  Cranko Pur  –  Ballett zum 90. Geburtstag von John Cranko

In jeder Geste, jedem Schritt – Scharfer Bobachter, großer Menschenfreund

Von Peter Schlang

Am 5. August wäre der Gründer des Stuttgarter Balletts und Vater des gleichnamigen Ballettwunders, John Cranko,  90 Jahre alt geworden. Dies nahm der in seiner 23. und letzten  Spielzeit amtierende Ballettintendant Reid Anderson zum Anlass, den großen Choreografen und Tanzpädagogen mit einem Ballettabend zu ehren, der am 3. Oktober im Stuttgarter Opernhaus seine Premiere erlebte. Anderson griff für  die Geburtstagsfeier also nicht auf eines der beliebten, abendfüllenden Handlungsballette Crankos zurück, sondern stellte dazu drei eher selten aufgeführte und in dieser Kombination noch nie gezeigte kleinere Werke zusammen, allesamt Pretiosen moderner Tanzkunst. Damit schafft er in seiner Abschiedssaison auch den Bezug zu seiner Anfangszeit als Tänzer in Crankos  Stuttgarter Compagnie, der er seit nunmehr 37 Jahren in verschiedenen Rollen angehört. Und wie andere damalige Mitglieder der jungen Truppe wurde auch Reid Anderson wesentlich durch Crankos Ballettschöpfungen geprägt und hob dabei auch  Rollen aus der Taufe, die der große Choreograf eigens für ihn geschaffen hatte.

Oper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Cranko Pur © Stuttgarter Ballett

Oper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Cranko Pur © Stuttgarter Ballett

Den Anfang der Feiertagspremiere machte das älteste der an diesem denkwürdigen Abend zu sehenden drei Stücke, das 1963 uraufgeführte L’Estro Armonico, das Cranko zu drei der zwölf gleichnamigen Solokonzerte Antonio Vivaldis geschaffen hatte. Dieses gut halbstündige Stück kommt ganz ohne Handlung aus, ist also ein abstraktes, nur an der musikalischen Vorlage orientiertes Werk, sozusagen „Ballett pur“, in dem man quasi „den Tanz hört und die Musik sieht“. L’Estro Armonico zeigt nicht nur die „musikalische Eingebung“ –  so die deutsche Übersetzung des Titels – Vivaldis, sondern auch die große choreografische Kreativität und  phänomenale musikalische Sensibilität John Crankos, der jeden Schritt seiner sieben Tänzerinnen und acht Tänzer auf die Partitur abgestimmt hat, ohne diese bloß zu illustrieren. Dieses geniale Vorgehen zeigt sich in allen Abläufen und Bewegungen, die für ihre Entstehungszeit ungemein modern gewesen sein müssen und schon alles an Figuren, Sprüngen und Hebungen zeigt, was dem heutigen Ballettpublikum von späteren Balletten vertraut ist. Dennoch hat dieses höchst theatralische Stück nichts von seiner Frische und Radikalität verloren und führt zudem meisterhaft Crankos Humor, insbesondere in Form der von ihm gerne angewandten Umkehr der Traditionen und dem Spiel mit den Konventionen vor, so etwa wenn er mehrfach die traditionellen Trikotfarben parodiert und die männlichen Solisten in Weiß, die Tänzerinnen aber in Schwarz auftreten lässt oder einzelne Schritte und Gesten stark ironisch überhöht.

Die drei Solisten dieses mitreißenden Eingangswerks, Elisa Badenes, David Moore und Martí Fernández Paixà, werden dieser mit höchsten Schwierigkeiten ausgestatteten Herausforderung genauso ohne jeden Abstrich gerecht, wie die je sechs Tänzerinnen und Tänzer der Ensembleszenen ihre ebenso höchst anspruchsvollen Parts souverän bewältigen. Alle zusammen führen sie auf bewundernswerte Weise vor, wie sich Einzelne und Teilgruppen – genau wie im richtigen Leben – zu einem harmonischen Ganzen vereinigen, um sich bald darauf wieder voneinander zu lösen oder auseinander dividieren lassen.

Großen Anteil an der Wirkmächtigkeit dieses Auftaktstücks hatte das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung seines Gastdirigenten Aivo Välja, der den drei aus dem Orchester entliehenen Solisten Elena Graf, Violine, Andreas Noack, Flöte und Ivan Danko, Oboe, jeglichen Raum zur prachtvollen Entfaltung ließ.

Oper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Cranko Pur © Stuttgarter Ballett

Oper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Cranko Pur © Stuttgarter Ballett

Nach der ersten Pause bekam das Premierenpublikum die 1970 entstandenen Brouillards zu sehen, die jüngste der jetzt gezeigten Arbeiten, die Cranko zu den stimmungsvollen ersten Klaviervorspielen der zweiten Sammlung von Préludes Claudes Debussys geschaffen hat. Diese zehn Bilder bilden nicht nur aufgrund ihrer Mittelposition das Herzstück dieses Cranko-Abends, zeigen sie doch in ihrer maximalen Verdichtung und der ihnen innewohnenden Mystik die große Kunst des ersten Stuttgarter Ballettchefs der Neuzeit. Zur kongenialen Musik des französischen Impressionisten findet er hoch poetische Menschen- und Naturbilder, welche die Abwechslung und Vielfalt  des Lebens wie dessen Vergänglichkeit auf zart-einfühlsame wie erneut humorvoll-ironische Weise vorführen.

 Oper Stuttgart / Stuttgarter Ballett und Cranko Pur © Stuttgarter Ballett

Oper Stuttgart / Stuttgarter Ballett und Cranko Pur © Stuttgarter Ballett

Zur Darstellung dieser so unterschiedlichen wie vielseitigen Empfindungen und Stimmungen greift Cranko auf altbekannte Ballettfiguren und Bewegungsabläufe wie auf modernste, slapstickhafte  Einfälle zurück. Äußerst beeindruckend etwa, wie er ein Corps mit überkreuzten Armen und Hand in Hand verbunden den titelgebenden Nebel  (Brouillards) darstellen lässt, was gleichzeitig ein schönes Bild für Gemeinschaft und Freundschaft abgibt. Dieses kontrastiert mit dem witzig-vergnügten vierten Bild Général Lavine Eccentric, in dem sich das Trio Alessandro Giaquinto, Matteo Miccini und Cédric Rupp wie in einer Charly Chaplin-Parodie zeigen und ihre Betrachter zum wiederholten Lachen reizen. Aber auch die anderen der vom Rezensenten nicht einzeln erwähnten Szenen bieten unvergessliche, meisterhaft vorgeführte Einblicke in menschliche Höhen wie Abgründe und zeigen eine Compagnie in Höchstform, die alle tänzerischen wie schauspielerischen Herausforderungen jederzeit mühelos bewältigt.

Auch hier zeigte sich die musikalische Begleitung wieder als kongenialer Partner des Tanzes, und man staunte mehr als einmal, wie  einerseits expressiv und andererseits einfühlend Alexander Reitenbach am Flügel den Klavierpart gestaltet – mal Interpret des auf der Bühne zu sehenden Tanzes, mal eigenständiger Schöpfer und Gestalter eines Klangteppichs, auf dem die insgesamt sechs Tänzerinnen und  zwölf Tänzer dankbar ihre Kunst zeigen durften. Auf  jeden Fall ist der Pianist hier jederzeit viel mehr als ein Klavierbegleiter und man kann wieder einmal der Stuttgarter Ballettintendanz und dem gesamten Stuttgarter Staatstheater nicht genug dafür danken, dass sie dem Publikum die woanders als verzichtbaren Luxus angesehene Live-Begleitung gönnen und konsequent auf Konservenmusik als Tanzbegleitung verzichtet.

 Oper Stuttgart / Stuttgarter Ballett und Cranko Pur © Stuttgarter Ballett

Oper Stuttgart / Stuttgarter Ballett und Cranko Pur © Stuttgarter Ballett

So euphorisch gestimmt, erwartete das Premierenpublikum gespannt Crankos großen Klassiker Jeu de Cartes, den er 1965 zur gleichnamigen Musik des berühmten Ballettkomponisten Igor Strawinsky choreografiert hatte. Der Komponist wiederum schuf seine Musik ursprünglich 1936 für den ebenso genialen Choreografen George Balanchine, dessen Version es jedoch in Sachen Witz, Lebendigkeit und Unterhaltungswert nach Meinung vieler Experten in keinem Moment mit der in Stuttgart zu sehenden aufnehmen kann.

Auch hier und zum Abschluss eines insgesamt fast dreistündigen Ballettabends zeigte sich die Stuttgarter  Compagnie mit ihren hier agierenden 16 Tänzerinnen und Tänzern von ihrer allerbesten Seite und riss die Zuschauer in den drei Szenen eines Pokerspiels  immer wieder zu Begeisterungsstürmen hin. Diese galten nicht nur dem in allen drei Teilen als Joker restlos überzeugenden Adhonay Soares da Silva, sondern auch den übrigen, verschiedene Kartenwerte verkörpernden Tänzerinnen und Tänzern. Herzerfrischend, mit welchem Humor, ja Komik, Spielfreude und Ausdruckskraft hier die jeweilige Spielsituation beschrieben, untersucht und schließlich vom Joker, der eigentlich in einem Pokerspiel gar nichts zu suchen hat, durcheinander gewirbelt und von den Füßen auf den Kopf gestellt wird. Vermutlich stand der hier zu sehende Tänzer dieser dankbaren wie heiklen Paraderolle deren ursprünglichem Interpreten, dem zur „Ur-Compagnie“ gehörenden Egon Madsen, in nichts nach. Denn der, wie die Schöpferin des Bühnenbildes und der noch immer wundervollen Kostüme  Dorothee Zippel zum Schlussapplaus auf die Bühne gerufene Madsen konnte gar nicht genug davon bekommen, seinen jugendlich-frechen Nachfolger immer wieder zu umarmen und hochleben zu lassen.

Dieses schöne Bild vom reibungslosen Generationen-Übergang stimmte nicht nur hoffnungsvoll auf die weiteren Höhepunkte und kommenden Repertoire-Abende von Reid Andersons letzter Spielzeit als Ballettdirektor ein, sondern bildete auch den stimmigen Abschluss eines Abends, der zu keiner Zeit museal wirkte noch den geringsten Anschein von Reliquien-Verehrung aufkommen ließ. Vielmehr führte er überzeugend vor Augen, dass auch die momentan agierende Stuttgarter Compagnie ihre Liebe zum Vater des Stuttgarter Ballettwunders und ihre Begeisterung für dessen Schöpfungen auf allerhöchstem Niveau zu demonstrieren vermag und John Crankos überaus wichtige Funktion als Wegbereiter und Anreger  noch immer aktuell und gefragt ist.

Cranko Pur – Stuttgarter Ballett: Weitere Vorstellungen am 07. 10., 13.11., 15.11. und 18.11. und 26.11.2017

 

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