Stuttgart, Oper Stuttgart, Die Puritaner von Vincenzo Bellini, IOCO Kritik, 29.05.2017

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Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. SchaeferStuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

„Angst vor der Freiheit und dem Einsatz des eigenen Verstandes“

Die Puritaner von Vincenco Bellini

An der Staatsoper sind wieder Jossi Wielers und Sergio Morabitos phänomenale  Puritaner zu erleben

Von Peter Schlang

Vincenzo Bellini Grabmal © IOCO

Vincenzo Bellini Grabmal © IOCO

Nach fast einjähriger Pause kehrten am 21. Mai Vincenzo Bellinis Puritaner in der hoch gepriesenen Inszenierung des Hausherrn, Jossi Wieler, und seines Regiepartners, dem Chefdramaturgen der Stuttgarter Oper, Sergio Morabito, wieder auf die Bühne des Stuttgarter Opernhauses zurück. Von dort waren sie zum Ende der letzten Spielzeit nach nur sechs Aufführungen verschwunden, was nichts über die Qualität dieser Produktion, aber viel über den abwechslungsreichen und voll gepackten Spielplan der Staatsoper Stuttgart aussagt, auf deren Bühne in der laufenden Saison sage und schreibe  21 verschiedene Opern zu sehen sind bzw. waren.

So musste sich das Stuttgarter Publikum bis zu diesem zweitletzten Maisonntag gedulden, bis es Bellinis letzte Oper wieder zu sehen und zu hören bekam, die am 25. Januar 1835 am Théâtre Italien in Paris ihre umjubelte Uraufführung  erlebt hatte.

Das bewährte Leitungs-Trio – zu den bereits genannten Herren gesellte sich erneut die geniale Ausstatterin Anna Viebrock – arbeitet auch in seiner dritten Stuttgarter Bellini-Oper die psychologisch und soziologischen Verwerfungen und Tiefen mit scharfen Kontrasten, beeindruckenden, vielschichtigen Bildern und einer faszinierenden Personenzeichnung und –führung heraus. Wieler-Morabito, die gerade ihre „Silberhochzeit“ als Regiegespann begingen, sind begnadete Geschichtenerzähler, wobei sie wiederum deutlich auch Aspekte des Theaters und dessen Realitätsbrechung betonen. Ihre Opernfiguren sind nicht bloß Träger ihrer Stimme und deren Ausdruckskraft, sondern schillernde Lebewesen mit tiefen Gefühlen und bedrückender, charaktervoller  Ausdruckskraft. Unterstützt und betont wird dieses Seelenvolle der Figuren durch gekonnt eingesetzte Ausstattungsstücke wie eine Marionette, marod-verklebte Stühle oder das Spiel mit Totenschädeln.

Oper Stuttgart / Die Puritaner © A. T. Schaefer

Oper Stuttgart / Die Puritaner © A. T. Schaefer

Mit ihrem eigentlichen Bühnenbild, einem aus hohen Mauern bestehenden Raum mit Nischen, Fenstern und Balkonen, der gleichzeitig Burg, Kirche und Stadt darstellen kann, schafft  Anna Viebrock einen kongenial-düsteren äußeren Rahmen, der mit dazu beiträgt, die Seelen- und Gefühlswelt der Figuren spürbar und verstehbar zu machen. Dazu tragen auch die abgehängten, an die Wand gelehnten historischen Gemälde, die enthaupteten Heiligen- und Königsfiguren und eine rostende Eisenbrücke bei, welche die linken und die rechten Gebäudeteile, die sich im Übrigen häufig verschieben, wie eine brüchige Korsettstange  verbindet. Diese Installation setzt genauso pausenlos Assoziationen frei, wie sie auch die Beziehungen und – vor allem – die Kontraste von Musik und Handlung schonungslos offenlegt.

Gegenüber der Aufführungsserie nach der Premiere gab es einen Wechsel in der musikalischen Leitung, die nun  dem italienischen Dirigenten Manlio Benzi übertragen worden war. Er steuerte das Staatsorchester Stuttgart, das hier bei Bellini erstmals in einer italienischen Oper wie in deren französischem Pendant ganz im Vordergrund steht,  weitgehend souverän, mit feiner Agogik, gutem Gespür für Spannung und Gehalt der Partitur und durchweg brillanter musikalischer Italianità durch den Abend. Allerdings schien im stellenweise doch sein Temperament durchzugehen, so dass ihm der Orchesterklang vor der Pause an einigen Stellen zu massig geriet. Dies führte dazu, dass die, wie gleich zu beschreiben sein wird, tadellosen Sänger-Darsteller punktuell eher klanglich zugedeckt als begleitet wurden.

Oper Stuttgart / Die Puritaner © A. T. Schaefer

Oper Stuttgart / Die Puritaner © A. T. Schaefer

Die einzige beim siebenköpfigen Solistenensemble geplante  Besetzungsänderung konnte nur schauspielerisch realisiert werden, denn die für die  Rolle der Elvira vorgesehene Mirella Bunoaica hatte am Tag vor der Aufführung ein ärztliches Singe-Verbot erhalten. So spielte sie ihre Elvira stumm bzw. nur die Lippen bewegend, dafür  mit ungebremster darstellerischer Überzeugungskraft und erschütternder Intensität. Als an der Seite am Notenpult stehende Sängerin lieh die bereits bei der Premiere begeistert gefeierte und nun spontan aus dem Ausland nach Stuttgart beorderte Ana Durlovski der Rolle der Elvira und damit auch ihrer erkrankten Kollegin ihre Stimme. Wegen der langen Pause zwischen dem Premierenzyklus und der Wiederaufnahme hatte die umsichtig und verantwortungsvoll agierende Opernleitung davon abgesehen, Ana Durlovski auch schauspielerisch in die für eine Belcanto-Oper sehr anspruchsvolle Regie einzubinden. Beide Akteurinnen bewältigten ihre für sie neuen Aufgaben bravourös und ohne jeden Makel und erhielten dafür vom begeisterten Publikum sowohl Szenen- als auch stürmischen Schluss-Applaus. Dieser wurde auch den schon in der letzten Spielzeit bewährten und gelobten Stuttgarter Ensemblemitgliedern völlig zurecht  zu Teil: Die nur im ersten Akt auftretende, wie immer ohne jeden Tadel agierende Diana Haller als Enrichetta von Frankreich, Roland Bracht,  ältestes aktives Stuttgarter Ensemblemitglied, in der Rolle Lord Valtons, Elviras Vater; der albanische Bariton Gezim Myshketa als Riccardo; der polnische Bassist Adam Palka als etwas zu juvenil wirkender,  omnipräsenter Strippenzieher Giorgio, Elviras Onkel und  Vertrauter und eigentlicher Erzieher, sowie Heinz  Görig in der Rolle des Puritaner-Offiziers Bruno. Einziger Gast inmitten des Stuttgarter Ensembles ist  wieder der uruguayische Tenor Edgardo Rocha, der erneut als Arturo brillierte, und alle stimmlichen Herausforderungen bis hin zum zweigestrichenen D im Duett mit Elvira im dritten Akt unerschrocken und ungetrübt meisterte

Oper Stuttgart / Die Puritaner © A. T. Schaefer

Oper Stuttgart / Die Puritaner © A. T. Schaefer

Bleibt zum Schluss noch, das auch in dieser Aufführung phänomenale, jederzeit stimmlich wie darstellerisch ohne jeden Makel präsente zweite Kollektiv  des Abends zu würdigen, den Staatsopernchor Stuttgart, der von Johannes Knecht in genial-perfekter Weise auf seine Auftritte eingestellt worden war. Ihm werden von Bellini unzählige Chöre und turbae-förmige Einwürfe übertragen, so dass er zu den in dieser Oper meistbeschäftigten Akteuren gehört. Dabei wurden die knapp sechzig Sängerinnen und Sänger nicht nur gesangstechnisch, sondern erst recht darstellerisch bis aufs Äußerste gefordert, etwa wenn sie durch pantomimisch-artistische Verdrehungen und konvulsivische Zuckungen den Zustand der Erstarrung  und Seelen-Kälte der puritanischen Gesellschaft unterstreichen oder deren Uniformität durch balletthafte Bewegungen verdeutlichen. Sie meisterten diese und andere Aufgaben aber mit einer Überzeugungskraft und Realitätstreue, dass dem Berichterstatter angesichts dieser puritanischen Freudlosigkeit, Borniertheit und des dahinter zum Ausdruck gekommenen Fundamentalismus das Blut in den Adern gefror.

Im Jahr 1834 forderte Vincenzo Bellini in einem Brief an seinen Librettisten  Carlo Pepoli, dass  „Eine Oper …uns durch Gesang zum Weinen, Schaudern und zum Sterben bringen“ müsse. Bis auf das letzte Element setzen die „Stuttgarter Puritaner“ diese Ansprüche ohne Wenn und  Aber um, und  es wird im Nachhinein völlig klar,  warum diese Produktion entscheidend mit dazu beigetragen hat, dass die Staatsoper Stuttgart im vergangenen Jahr zum wiederholten Male zum Opernhaus des Jahres gekürt wurde.

Die Puritaner an der Oper Stuttgart: weitere Vorstellungen  27. und 29. Mai, am 2., 6., 16., 23. und 26. Juni sowie 12., 15., 17. und 24. Juli2017

Stuttgart, Oper Stuttgart, Tod in Venedig von B. Britten, IOCO Kritik, 12.05.2017

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Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. SchaeferStuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Der Tod in Venedig von Benjamin Britten

„Der Künstler und seine Beziehung zum Schönen“

Demis Volpi choreografiert und inszeniert Benjamin Brittens  Tod in Venedig            Matthias Klink begeistert als Gustav von Aschenbach

Tod in Venedig an der Oper Stuttgart: Weitere Aufführungen: 11.05., 14.05., 18.05., 25.05., 05.06., 18.06., 07.07. und 19.07.2017

Von Peter Schlang

Thomas Manns weltberühmte, 1913 erschienene Novelle Der Tod in Venedig hat zahlreiche Vertreter ganz unterschiedlicher Kunstgattungen zu Bearbeitungen und Adaptionen inspiriert, von denen Luchino Viscontis Film aus dem Jahr 1971 wohl die bekannteste und populärste ist. Oder sollte man sagen war? Denn zwei Jahre später, am 16. Juni 1973, wurde beim Aldeburgh Festival im englischen Snape Benjamin Brittens letzte Oper Death in Venice uraufgeführt, zu der Myfanwy Piper in enger Abstimmung mit dem Komponisten – sozusagen im Gleichschritt mit dessen Komposition – aus Manns Vorlage das Libretto entwickelt hatte. Die beiden kannten sich von mehreren gemeinsamen Opernprojekten, so dass Pipers Aussage großen Wahrheitsgehalt besitzt, dass sich der Komponist schon viele Jahre mit Thomas Manns Stoff und dem Gedanken beschäftigt hatte, daraus eine abendfüllende Oper zu schaffen.

Oper Stuttgart / Tod in Venedig - Matthias Klink als Gustav von Aschenbach © Oper Stuttgart

Oper Stuttgart / Tod in Venedig – Matthias Klink als Gustav von Aschenbach © Oper Stuttgart

Ursprünglich war die Stuttgarter Staatsoper im Jahr 1976 als Ort der deutschen Erstaufführung von Der Tod in Venedig vorgesehen, doch wegen des Todes des Komponisten im gleichen Jahr und anderer Gründe konnte dieser Plan nicht realisiert werden. So gelangte die letzte Oper Brittens sage und schreibe erst gut 40 Jahre später, am 7. Mai dieses Jahres, zum ersten Mal auf die Stuttgarter Opernbühne. Fast zwei Jahre nahmen Konzeption, Erarbeitung, Umsetzung und Vorbereitung dieser mit Spannung erwarteten Inszenierung in Anspruch, eine lange, für eine Neuproduktion nicht selbstverständlich zur Verfügung stehende Zeit. Diese wurde, das sei vorweg bemerkt, bestens und effizient genutzt, so dass sich das Warten in jeder Hinsicht gelohnt hat.

Die Realisierung dieses ambitionierten Vorhabens erfolgte nach Glucks Orpheus und Eurydike vor acht Jahren zum zweiten Mal als Koproduktion von Oper und Ballett. Was an anderen Häusern möglicherweise ohne großen Kommentar geschieht, ist im Stuttgarter Kontext besonderer Erwähnung wert, sind doch beide Sparten als Stuttgarter Oper und Stuttgarter Ballett gleichermaßen selbstständig wie auf ihre je eigene Tradition bedacht wie stolz.

Oper Stuttgart / Tod in Venedig_ David Moore als Apollon © Oper Stuttgart

Oper Stuttgart / Tod in Venedig_ David Moore als Apollon © Oper Stuttgart

Nach außen besonders sichtbar wird diese Zusammenarbeit in der Person des Regisseurs, als der Demis Volpi, seit 2013 Haus-Choreograph des Stuttgarter Balletts, erstmals an seinem Stammhaus bei einer Opernproduktion Regie führte. Diese Personalentscheidung drängte sich nicht nur deshalb auf, weil Volpi bereits bei den Winterfestspielen 2014 in Schwetzingen mit Niccolò Jommelis Oper Fetonte sein Regietalent gezeigt und bei mehreren eigenen Handlungsballetten sein dramaturgisch-theatralisches Gespür und seine hohe Begabung für Personenführung und -Profilierung eindrucksvoll unter Beweis gestellt hatte. Sie erweist sich vor allem auch vor der Tatsache als logisch oder gar zwingend, dass Britten und seine Librettistin die Rollen des polnischen Jungen Tadzio und seiner Familie mit Tänzern besetzt und dem Tanz großen Raum eingeräumt haben. Die beiden Schöpfer dieses späten Meisterwerks wollten damit unterstreichen, dass diese Figuren aus einer völlig anderen Welt als der Protagonist Gustav von Aschenbach stammen und eine Kommunikation zwischen diesen beiden Polen in jeder Hinsicht „unmöglich“ ist.

Der Regie-Choreograf Volpi durfte seine Herkunft und frühe Meisterschaft auch dadurch beweisen, dass der bei Britten/Piper nur als körperlose Stimme zu hörende Apollon in der Stuttgarter Aufführung doppelt besetzt ist: Der aus dem Orchestergraben zu hörende wunderbar geführten Stimme des fabelhaften Countertenors Jake Arditti verleiht der nicht minder famose und präsente erste Solist des Stuttgarter Balletts, David Moore, auf der Bühne beeindruckende und Sinn stiftende körperliche Präsenz.
Auch in der szenischen Umsetzung des Opernstoffes zeigt sich Volpis am Ballett geschulte, nach innen weisende, eher leise daherkommende sublime Ästhetik, die bei der Darstellung von Äußerlichkeiten sehr behutsam vorgeht und bis auf einige Chorszenen und den Dionysos-Traum Aschenbachs auf Überzeichnung verzichtet.

Oper Stuttgart / Tod in Venedig - Matthias Klink und Staatsopernchor © Oper Stuttgart

Oper Stuttgart / Tod in Venedig – Matthias Klink und Staatsopernchor © Oper Stuttgart

So werden in Stuttgart die Opernfreunde enttäuscht, die ein reales Venedig mit dazu passenden Klischeebildern erwartet hatten. Denn auf der Bühne zeigt sich weder das Schiff, welches den Dichter Aschenbach in die Serenissima bringt, noch wird etwas von der Silhouette der Stadt oder ihres Strandes sichtbar. Demis Volpi und seine mit ihm in jahrelanger künstlerischer Partnerschaft verbundene bewährte Ausstatterin Katharina Schlipf führen die Zuschauerinnen und Zuschauer vielmehr in eine eher statisch-neutrale Situation, die alle Merkmale einer intimen, in sich ruhenden Innenwelt aufweist. Sie bietet der Handlung einen kammerspielhaften Rahmen, von dem nicht präzise zu sagen ist, ob damit Aschenbachs Seele oder Gefühlswelt gemeint ist oder doch die Möglichkeit einer realen Reise angedeutet werden soll. Auf jeden Fall lässt der von Schlipf entworfene Bühnenraum mit seinen beweglichen Spiegeln, Vorhängen, Glaswänden und Türen breiten Raum für die Phantasie des Betrachters, vor dessen innerem Auge sich durchaus Spuren der venezianischen Kanäle und Gassen oder des lebhaften Treibens auf Plätzen und Stränden zeigen mögen. Viel naheliegender ist allerdings die Vermutung einer Reise ins Innenleben des alternden, in einer tiefen Krise steckenden Dichters Aschenbach, so dass man die Stuttgarter Inszenierung, wie schon Thomas Manns geniale Urfassung, als großartiges und fesselndes Kopfkino bezeichnen kann.
Daran, dass dies ohne jeden Abstrich gelingt und die stellenweise durchaus langatmigen Monologe Aschenbachs nicht in Langeweile münden, hat neben der schlüssigen Regie und Choreografie und der diese sehr sensibel unterstützenden Lichtregie Reinhard Traubs der in jeder Hinsicht phänomenale Tenor Matthias Klink überragenden Anteil. Was dieser begnadete Sängerdarsteller über 150 Minuten an stimmlicher wie schauspielerischer Präsenz zeigt – sein Aschenbach ist fast immer am Bühnengeschehen beteiligt – ist schlicht sensationell.

Oper Stuttgart / Tod in Venedig - Georg Nigl als ältlicher Geck, Matthias Klink und Staatsopernchor © Oper Stuttgart

Oper Stuttgart / Tod in Venedig – Georg Nigl als ältlicher Geck, Matthias Klink und Staatsopernchor © Oper Stuttgart

So ist seine stimmliche Ausdrucks- und Gestaltungskraft genauso bewundernswert wie der Facettenreichtum seiner Stimme, und die Art und Weise, wie er dem Gesungenen durch sein überragendes schauspielerisches Können Glaubwürdigkeit verleiht, lässt einen eher an einen Film als an eine live erlebte Oper denken.
Kaum weniger beeindruckend ist an diesem Premierenabend der Bariton Georg Nigl in den Aschenbach von Britten teils zur Seite teils gegenübergestellten sieben Hermes- und Todesfiguren. Auch er verleiht durch seine Stimmführung und seine ganz unterschiedlichen Stimmregister sowie durch sein darstellerisches Können den jeweiligen Charakteren spezielle Prägung und Glaubwürdigkeit. So besitzen sowohl sein eher teilnahmslos wirkender Gondoliere wie sein unterwürfig-schleimiger Hotelmanager als auch die anderen von ihm verkörperten Rollen jene Aura, der man sich im richtigen Leben eher nicht ausgesetzt sehen möchte.
Auch alle anderen Sängerinnen und Sänger, die von Britten ja eher mit kleineren Rollen bedacht wurden, tragen an diesem denkwürdigen Maienabend ihren Teil zum überragenden Erfolg des ersten Stuttgarter Todes in Venedig bei. Und wie eigentlich immer am Stuttgarter Opernhaus gilt dieses eher untertriebene Urteil auch für den Opernchor, der, von Christoph Heil fabelhaft vorbereitet, in all seinen Rollen und Szenen stimmlich wie optisch überzeugt, ja begeistert.

Oper Stuttgart / Tod in Venedig - Georg Nigl, Matthias Klink, Gabriel Figueredo als Tadzio und Staatsopernchor © Oper Stuttgart

Oper Stuttgart / Tod in Venedig – Georg Nigl, Matthias Klink, Gabriel Figueredo als Tadzio und Staatsopernchor © Oper Stuttgart

Bevor zur Vervollständigung der Würdigung der musikalischen Seite das Staatsorchester Stuttgart sein verdientes Lob erhält, soll zuerst und endlich die eingangs nur kurz erwähnte Sparte gewürdigt werden, die von Britten mit einem wichtigen wie eigenständigen Beitrag versehen wurde und von offizieller Seite als Ko-Produzent genannt wird: Das Stuttgarter Ballett und seine hier zu erlebenden Tänzerinnen und Tänzer.
Neben dem schon gepriesenen Apollon David Moores ist an diesem Abend aus der Stuttgarter „Erwachsenen-Compagnie“ Joana Romaneiro als distinguierte, etwas unnahbar wirkende polnische Mutter zu erleben. Die herausragenden tänzerischen Akteure sind aber ohne jeden Zweifel die Nachwuchstänzer der hauseigenen John-Cranko-Schule, welche die Schwestern in Tadzios polnischer Familie und seine Spielkameraden am Strand verkörpern. Gerade diese sieben Knaben unterschiedlichen Alters gehen mit jugendlicher Unbekümmertheit wie professioneller Ernsthaftigkeit an ihre Aufgaben heran, dass man sich um die Zukunft der Stuttgarter Compagnie keinerlei Sorgen machen muss. Und dass aus dieser weltberühmten Nachwuchsschmiede ständig Spitzenkräfte hervorgehen, die alsbald als Solistinnen und Solisten ganz im Rampenlicht stehen, zeigt auf eindrucksvolle Weise der 15jährige Darsteller von Aschenbachs Sehnsuchts-Subjekt Tadzio, der aus Brasilien stammende Gabriel Figueredo. Im gebührt an diesem Abend die Tänzerkrone, und er wurde für seine tänzerische wie psychische Ausdruckskraft vom Publikum begeistert gefeiert.

Oper Stuttgart / Tod in Venedig - Mattias Klink, Georg Nigl und Georg Moore © Oper Stuttgart

Oper Stuttgart / Tod in Venedig – Mattias Klink, Georg Nigl und Georg Moore © Oper Stuttgart

Uneingeschränkten Beifall verdienten und erhielten schließlich die Musiker des Staatsorchesters, welches Sängern wie Tänzern ein äußerst verlässlicher Partner war und Brittens anspruchsvolle Partitur höchst sensibel wie sicher zum Klingen brachte. Stellvertretend für seine verdienstvolle Truppe nahm der mit der musikalischen Leitung betraute, aus der Ukraine stammende Dirigent Kirill Karabits den Applaus des Premierenpublikums entgegen, der beim Erscheinen der beiden „Hauptrollen-Sänger“ und der Mitglieder des Balletts orkanartige Ausmaße annahm.
Ovationen und kaum enden wollenden Jubel erhielten aber auch der Chor und das gesamte Produktionsteam dieser beeindruckenden Stuttgarter Neu-Inszenierung, die ohne Zweifel ein weiterer Publikumsmagnet der Stuttgarter Oper werden wird.

Tod in Venedig an der Oper Stuttgart: Weitere Aufführungen: 11.05., 14.05., 18.05., 25.05., 05.06., 18.06., 07.07. und 19.07.2017

Stuttgart, Oper Stuttgart, Sitzkissenkonzert – Das kleine Ich-bin-ich, 06.05.2017

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Oper Stuttgart

Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG "OPER OHNE GRENZEN" © Martin Sigmund

Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG „OPER OHNE GRENZEN“ © Martin Sigmund

Sitzkissenkonzert –  Das kleine Ich-bin-ich

Musiktheater für Kinder von 2 bis 5 Jahren erstmals auch im Mercedes-Benz Museum

Sitzkissenkonzert –  Das kleine Ich-bin-ich:   Termine: Mercedes-Benz Museum  06. Mai 2017  14:00 Uhr und 15:30 Uhr; Montag, 08. Mai 201  09:30 Uhr und 11:00 Uhr, Mittwoch, 10. Mai 2017 09:30 Uhr und 11:00 Uhr, Dienstag, 23. Mai 2017,  09:30 Uhr und 11:00 Uhr, Samstag, 27. Mai 2017 14:00 Uhr und 15:30 Uhr, Dienstag, 30. Mai 2017  09:30 Uhr und 11:00 Uhr;, Opernhaus, Foyer III. Rang, Sonntag, 25. Juni 2017  13:00 Uhr und 14:00 Uhr; Kammertheater,

Bühne frei für Musiktheater, bei dem kleine Kinder ganz nah dabei sind: Im Casino auf Ebene 8 des Mercedes-Benz Museums feiert am Samstag, 06. Mai 2017, das neue Sitzkissenkonzert der Jungen Oper Stuttgart mit Musikern des Staatsorchesters Stuttgart Premiere. Es ist die erste Kooperation der Oper Stuttgart mit dem Mercedes-Benz Museum. Auf dem Programm stehen um 14:00 Uhr und 15:30 Uhr Aufführungen von Das kleine Ich-bin-ich nach dem berühmten Kinderbuch von Mira Lobe. Elena Tzavara, die neue Leiterin der Jungen Oper Stuttgart, realisiert das fantasievolle musikalische Erzähltheater von Elisabeth Naske über Identität und Selbstbewusstsein szenisch. Die Sitzkissenkonzerte sind erstmals schon für Kinder ab zwei Jahren und außerhalb des Stuttgarter Opernhauses erlebbar. Im Museum sind die Konzerte bereits ausverkauft; für die Termine in der Oper Stuttgart gibt es noch Tickets.

Schön ist das Leben in dieser farbenfrohen Welt – so schön wie die Musik. Darüber freut sich auch ein kleines buntes Tier bei seinem Spaziergang über eine Blumenwiese. Wäre da nicht die Frage „Wer bist denn du?“ der anderen Tiere. Darauf nämlich weiß der kleine Held des Musiktheaterstücks von Elisabeth Naske (Text von Mira Lobe, Buchidee und Zeichnung von Susi Weigel) zunächst keine Antwort: Er hat wehende Haare, ist aber kein Pferd. Trotz seiner kurzen, kräftigen Beine ist er kein Nilpferd. Und auch seine langen Ohren machen ihn noch nicht zum Dackel. Ist das bunte Tier (Severin Gmünder) also nur ein „kleiner Irgendeiner“? Die richtige Antwort auf diese Frage ist jedoch eine ganz andere. Sie stärkt nicht nur das Selbstbewusstsein des kleinen Tieres, sondern steht auch für die Freude am Leben und an der Vielfalt der Natur.

Bei den Sitzkissenkonzerten der Jungen Oper Stuttgart wird diese liebenswerte Geschichte lebendig. Die Aufführungen dauern jeweils 30 Minuten. Jeweils eine halbe Stunde vor dem Konzert gibt es eine Bastelaktion zum Thema des Sitzkissenkonzertes. Nach dem Konzert stehen dann die Instrumente im Vordergrund, welche die kleinen Zuhörerinnen und Zuhörer gerade erlebt haben: Klarinettistin Stefanie Faber, Cellistin Edwina Ionescu und Akkordeonist Viktor Janzer laden die Kinder ein, die Instrumente zu entdecken und selbst auszuprobieren.

Mit:  Severin Gmünder (Das kleine Ich-bin-Ich), Stefanie Faber (Klarinette), Edwina Ionescu (Cello), Viktor Janzer (Akkordeon)

Sitzkissenkonzert –  Das kleine Ich-bin-ich:   Termine: 06. Mai 2017  14:00 Uhr und 15:30 Uhr; Montag, 08. Mai 201  09:30 Uhr und 11:00 Uhr, Mittwoch, 10. Mai 2017 09:30 Uhr und 11:00 Uhr, Dienstag, 23. Mai 2017,  09:30 Uhr und 11:00 Uhr, Samstag, 27. Mai 2017 14:00 Uhr und 15:30 Uhr, Dienstag, 30. Mai 2017  09:30 Uhr und 11:00 Uhr;, Opernhaus, Foyer III. Rang, Sonntag, 25. Juni 2017  13:00 Uhr und 14:00 Uhr; Kammertheater, PMStOSt

Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Noverre – Exponate Junger Choreographen, IOCO Kritik, 28.04.2017

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Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. SchaeferStuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Stuttgarter Ballett

Angstfrei und selbstbewusst ins Ballett von Morgen
„Junge Choreografen“ begeistern im Stuttgarter Schauspielhaus

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Von Peter Schlang

Der in den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts am Hofe des kunstsinnigen Herzogs Carl Eugen von Württemberg wirkende französische Ballett-Pionier Jean Georges Noverre (Die Ballettwelt gedenkt am 29. April 2017 seines 290. Geburtstags.) wurde 1958 in Stuttgart zum Namensgeber einer Einrichtung, die in den nunmehr 59 Jahren ihres Bestehens unschätzbare Beiträge zur Förderung des modernen Tanzes und des Balletts geleistet hat und aus dem Kulturleben in Baden-Württemberg, ja Deutschlands, nicht mehr wegzudenken ist.

Ursprünglich mit dem Ziel gegründet, Wissen um den Tanz zu vermitteln und dieses zu erweitern, ist die Noverre-Gesellschaft, die sich selbst mit dem eher schwäbisch-bescheidenen Untertitel „Freunde des Balletts“ erklärt, spätestens seit 1961 einer der innovativsten Akteure und Förderer auf dem Gebiet der Choreografie und moderner Tanzideen. In jenem Jahr riefen nämlich ihr Gründer und langjährige Vorsitzende Fritz Höver und der Vater des Stuttgarter Ballettwunders, John Cranko, die seitdem jährlich im Frühjahr präsentierte Reihe „Junge Choreografen“ ins Leben.

Sie beglückt nicht nur an nur zwei Abenden ein immer größer werdendes und ungeduldiger auf die Neuausgabe wartendes tanzbegeistertes Publikum, sondern zieht auch Tanzexperten und Ballett-Verantwortliche aus allen Ecken Deutschlands, ja Europas an. Längst hat sich nämlich herumgesprochen, dass bei diesem Ereignis etliche der kommenden Choreografie-Stars ihre Erstlings-Entwürfe vorstellen oder zum zweiten oder wiederholten Mal eine Arbeit vor einem fachkundigen Publikum präsentieren. Entsprechend lang und illuster ist die Liste der Choreografinnen und Choreografen, für welche die Stuttgarter Reihe „Junge Choreografen“ zum Sprungbrett in eine internationale Karriere als Choreograf und Ballettleiter wurde: Pina Bausch, Bridget Breiner, William Forsythe, Marco Goecke, Jirí Kylián, John Neumeier, Uwe Scholz, Christian Spuk und Demis Volpi starteten einst als Noverre-Novizen und wurden für unzählige Tänzer und Nachwuchs-Choreografen Vorbild und Ansporn.

In diesem Jahr wurden aus der langen Liste junger und teilweise bisher unentdeckter Choreografie-Talente neun Mitglieder der Stuttgarter Compagnie und drei auswärtige Gäste – Guilherme Carola von der Akademie des Tanzes in Mannheim, Dustin Klein vom Bayerischen Staatsballett in München und Tadayoshi Kokeguchi vom Ballet de  l´Opéra de Lyon – für würdig befunden, an diesem Schaulaufen des Choreografie-Nachwuchses teilzunehmen. Sie hatten für die zwei Aufführungen am 20. und 21. April neun Uraufführungen und eine Stuttgarter Erstaufführung vorbereitet und erhielten somit die absolut realitätsnahe Chance, ihr Arbeiten unter „Echt-Bedingungen“ vorzustellen – ganz nach der Maxime John Crankos: „Choreographen brauchen Licht, Bühne, Tänzer, Kostüme, Probenzeit und nicht zuletzt: ein Publikum, das sich die Stücke ansieht.“

Stuttgarter Ballett / Noverre - Venus Choreograf Noan Alves © Roman Novitzky

Stuttgarter Ballett / Noverre – Venus Choreograf Noan Alves © Roman Novitzky

Einzige Bedingung für alle Teilnehmenden ist die Länge ihres Balletts, welche 12 Minuten nicht überschreiten darf. Weitere Besonderheiten dieses Tanz-Ereignisses sind, dass sich die jungen Autorinnen und Autoren selbst um alles Details der Aus- und Aufführung kümmern müssen, also sowohl für die Bühne und die Kostüme verantwortlich zeichnen als auch z. B. die Lichtregie selbst entwerfen müssen.
Aber nicht nur an die Schöpfer der Tanzvorlagen stellen diese Abende der Noverre-Gesellschaft allerhöchste Anforderungen. Auch die ausführenden Tänzerinnen und Tänzer, von denen einige Mitglieder der Stuttgarter Compagnie mehrmals auftreten, stehen vor einer besonderen Aufgabe, und selbst für das Publikum stellt die Fülle von Entwürfen und Ideen, die in zwei Fünferblocks mit einer jeweils höchstens zweiminütigen Umbaupause im zweimal total ausverkauften Stuttgarter Schauspielhaus vorgestellt wurden, eine gewisse Herausforderung dar.

Die erste Arbeit stammte in diesem Jahr von Noan Alves, der mit seinem Noverre-Erstling Venus eine Verbeugung vor der Rolle der Frau, ja dem Weiblichen überhaupt macht. Er schickt dabei vier wie Schwestern wirkende Tänzerinnen durch eine kleine Reise durch die Tanzgeschichte und verknüpft dabei klassische Zitate mit modernen, teilweise leicht akrobatisch anmutenden Elementen.

 Stuttgarter Ballett / Noverre - Fraternal / Stories Choreograf Alexander McGowan, Enes Comak © Roman Novitzky

Stuttgarter Ballett / Noverre – Fraternal / Stories Choreograf Alexander McGowan, Enes Comak © Roman Novitzky

Seine Stuttgarter Compagnie-Kollegen Alexander Mc Gowan, der bereits zum zweiten Mal bei den „Jungen Choreografen“ gastierte, und Enes Comak wagten sich mit ihrem zweiteiligen Entwurf Fraternal/Stories schon etwas mehr in die Moderne vor. Ihre an Breakdance und an Marco Goecke erinnernden Bewegungen und Figuren, denen sie als Tänzer höchstpersönlich Leben einhauchten, gewannen durch eine beeindruckende Lichtregie weiter an Wirkung.

Auch Alisa Scetinina gehört seit der vergangenen Spielzeit dem Stuttgarter Corps de Ballett an und setzte ihre Choreografie Intact zusammen mit ihrem Kollegen Shaked Heller selbst in Tanz um. Dabei verdienen nicht nur die zahlreichen höchst fesselnden Studien zum pas de deux Erwähnung, sondern vor allem auch der Umstand, dass die Choreografin laut Programmheft selbst die Musik zu ihrem Ballett komponiert hatte.
Alessandro Giaquinto, ebenfalls Stuttgarter Noverre-Debütant, sorgte bei seiner von drei Tänzerinnen vorgetragenen Elegia nicht nur durch das darin angesprochene Thema Abschied und Sterben für Aufmerksamkeit, sondern ließ auch durch seine „Musikauswahl“, die Verbindung von Strawinskys Elegy for a solo viola mit dem von Giuseppe Ungaretti hinreißend vorgetragenen Gedicht Sono una creatura, regelrecht aufhorchen.

Für einen weiteren Höhepunkt vor der Pause sorgte der erste Gast der diesjährigen Aufführungen, der an der Oper in Lyon tanzende Tadayoshi Kokeguchi, der dort bereits mehrfach als Choreograf auf sich aufmerksam gemacht hat. Mit seinen zu Johannes Brahms erster Cello-Sonate geschaffenen Fences stellte er das längste Stück des Abends vor, in dem er die zwei Tänzerinnen und Tänzer – darunter er selbst – zu ganz unterschiedlichen Tableaus und bildhaften Formationen gruppierte. Für diesen faszinierenden Entwurf mit seinen überzeugenden psychologischen Studien und häufigen filmischen Adaptionen und Anspielungen wurde sein Schöpfer vom vollen Haus mit begeistertem, lang anhaltendem rhythmischem Applaus bedacht.

 Stuttgarter Ballett / Noverre - A drop of ocean Choreograf Pablo von Sternenfels © Roman Novitzky

Stuttgarter Ballett / Noverre – A drop of ocean Choreograf Pablo von Sternenfels © Roman Novitzky

Eine Besonderheit an Pablo von Sternenfels‘ A drop of ocean, mit dem der Stuttgarter Halbsolist den zweiten Teil des Abends eröffnete, war nicht nur die Tatsache, dass der Schöpfer dieses Werks auch die Rolle des ausführenden Tänzers übernommen hatte. In jeder Hinsicht Augenweide wie Ohrenschmaus war vielmehr die musikalische Seite dieses Beitrags, für welche der Choreograf seinen Bruder Santiago an Saxophon und Wasserschlauch und die singende Kontrabassistin Fuensanta Mendez zu sich auf die Bühne geholt hatte. Großartig zu verfolgen, wie die fulminant dargebotenen Tanzbewegungen dieses Ausnahmetalents, zu denen er seinen Oberkörper häufig in Bodennähe oder knapp darüber bewegte, mit dem jazzigen und groovenden Sound der beiden Musiker amalgamierten. Nicht selten stellte sich dabei dem faszinierten Beobachter die Frage, wer bei diesem Trio nun Maß und Takt vorgab, der Tänzer oder seine Partnerin am Kontrabass.

Der nächste Beitrag stammte von der zweiten zu diesem Abend eingeladenen jungen Choreografin, der sich noch im Stadium einer Elevin befindlichen gebürtigen Italienerin Aurora de Mori. In ihrem Devenire anima zu Musik von Arvo Pärt schöpft sie alle Möglichkeiten aus, die sich zwei Tänzerinnen und drei Tänzern bieten und bietet flüssiges und sehr empathisches Tanztheater, das sehr stark auf klassische Elemente baut.
Kaum krasser konnte der Gegensatz zum folgenden Stück sein, das wiederum von einem Gast kreiert worden war, von Dustin Klein aus München Zu typisch bayrischer Volksmusik lässt der seine beiden Tänzerkollegen Nikita Kotkov und Ilia Sarkisov alle Register der Tanzkunst ziehen, wobei es der Fantasie der Zuschauer überlassen bleibt, was diese in diesen turbulenten, abwechslungsreichen zehn Kraftminuten am ehesten sehen, eine Parodie auf bayrisches Brauchtum oder eine Verballhornung des klassischen Ballettbetriebs. Jedenfalls tobte das Stuttgarter Schauspielhaus nach dieser Vorführung sicherlich nicht weniger als ein Münchner Oktoberfestzelt.

Nach dieser furiosen Präsentation ließen die beiden auch als Tänzer agierenden Stuttgarter Compagnie-Mitglieder Robert Robinson und Adam Russell-John das Publikum und dessen aufgeheizte Sinne mit ihrem vom gleichnamigen Song von Jarvis Cocker und Chilly Gonzales begleiteten Room 29 wieder etwas zur Ruhe kommen.

Stuttgarter Ballett / Noverre2017 - E=mc² - Tänzer des Ballettstudio Karlsruhe - Choreograf Guilherme Carola © Roman Novitzky

Stuttgarter Ballett / Noverre2017 – E=mc² – Tänzer des Ballettstudio Karlsruhe – Choreograf Guilherme Carola © Roman Novitzky

Den Schlusspunkt dieses begeisternden Abends mit dem Schaulaufen großer Choreografie-Talente setzte der an der Mannheimer Akademie des Tanzes studierende Guilherme Carola, der mit diesem letzten Stück sicherlich den schwierigsten Part des Abends zu bewältigen hatte. Sein nach Einsteins Formel E=mc² benanntes Stück für einen Tänzer und vier Tänzerinnen versucht mit den Mitteln des Tanzes, hinter die Geheimnisse von Mathematik und Physik zu kommen. Dabei spürt er genauso der Faszination eines Stoffes und Themas nach, wie er untersucht, weshalb andere Menschen davon abgestoßen oder zumindest kalt gelassen werden.

Das Schluss-Defilee führte noch einmal alle anwesenden elf zukünftigen Choreografie-Stars auf der Bühne zusammen, wo sie sichtlich und verdient den tosenden Applaus des zwar ermüdeten, aber noch immer begeisterten Stuttgarter Ballett-Publikums genossen.

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