Stuttgart, Oper Stuttgart, Tod in Venedig von B. Britten, IOCO Kritik, 12.05.2017

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Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. SchaeferStuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Der Tod in Venedig von Benjamin Britten

„Der Künstler und seine Beziehung zum Schönen“

Demis Volpi choreografiert und inszeniert Benjamin Brittens  Tod in Venedig            Matthias Klink begeistert als Gustav von Aschenbach

Tod in Venedig an der Oper Stuttgart: Weitere Aufführungen: 11.05., 14.05., 18.05., 25.05., 05.06., 18.06., 07.07. und 19.07.2017

Von Peter Schlang

Thomas Manns weltberühmte, 1913 erschienene Novelle Der Tod in Venedig hat zahlreiche Vertreter ganz unterschiedlicher Kunstgattungen zu Bearbeitungen und Adaptionen inspiriert, von denen Luchino Viscontis Film aus dem Jahr 1971 wohl die bekannteste und populärste ist. Oder sollte man sagen war? Denn zwei Jahre später, am 16. Juni 1973, wurde beim Aldeburgh Festival im englischen Snape Benjamin Brittens letzte Oper Death in Venice uraufgeführt, zu der Myfanwy Piper in enger Abstimmung mit dem Komponisten – sozusagen im Gleichschritt mit dessen Komposition – aus Manns Vorlage das Libretto entwickelt hatte. Die beiden kannten sich von mehreren gemeinsamen Opernprojekten, so dass Pipers Aussage großen Wahrheitsgehalt besitzt, dass sich der Komponist schon viele Jahre mit Thomas Manns Stoff und dem Gedanken beschäftigt hatte, daraus eine abendfüllende Oper zu schaffen.

Oper Stuttgart / Tod in Venedig - Matthias Klink als Gustav von Aschenbach © Oper Stuttgart

Oper Stuttgart / Tod in Venedig – Matthias Klink als Gustav von Aschenbach © Oper Stuttgart

Ursprünglich war die Stuttgarter Staatsoper im Jahr 1976 als Ort der deutschen Erstaufführung von Der Tod in Venedig vorgesehen, doch wegen des Todes des Komponisten im gleichen Jahr und anderer Gründe konnte dieser Plan nicht realisiert werden. So gelangte die letzte Oper Brittens sage und schreibe erst gut 40 Jahre später, am 7. Mai dieses Jahres, zum ersten Mal auf die Stuttgarter Opernbühne. Fast zwei Jahre nahmen Konzeption, Erarbeitung, Umsetzung und Vorbereitung dieser mit Spannung erwarteten Inszenierung in Anspruch, eine lange, für eine Neuproduktion nicht selbstverständlich zur Verfügung stehende Zeit. Diese wurde, das sei vorweg bemerkt, bestens und effizient genutzt, so dass sich das Warten in jeder Hinsicht gelohnt hat.

Die Realisierung dieses ambitionierten Vorhabens erfolgte nach Glucks Orpheus und Eurydike vor acht Jahren zum zweiten Mal als Koproduktion von Oper und Ballett. Was an anderen Häusern möglicherweise ohne großen Kommentar geschieht, ist im Stuttgarter Kontext besonderer Erwähnung wert, sind doch beide Sparten als Stuttgarter Oper und Stuttgarter Ballett gleichermaßen selbstständig wie auf ihre je eigene Tradition bedacht wie stolz.

Oper Stuttgart / Tod in Venedig_ David Moore als Apollon © Oper Stuttgart

Oper Stuttgart / Tod in Venedig_ David Moore als Apollon © Oper Stuttgart

Nach außen besonders sichtbar wird diese Zusammenarbeit in der Person des Regisseurs, als der Demis Volpi, seit 2013 Haus-Choreograph des Stuttgarter Balletts, erstmals an seinem Stammhaus bei einer Opernproduktion Regie führte. Diese Personalentscheidung drängte sich nicht nur deshalb auf, weil Volpi bereits bei den Winterfestspielen 2014 in Schwetzingen mit Niccolò Jommelis Oper Fetonte sein Regietalent gezeigt und bei mehreren eigenen Handlungsballetten sein dramaturgisch-theatralisches Gespür und seine hohe Begabung für Personenführung und -Profilierung eindrucksvoll unter Beweis gestellt hatte. Sie erweist sich vor allem auch vor der Tatsache als logisch oder gar zwingend, dass Britten und seine Librettistin die Rollen des polnischen Jungen Tadzio und seiner Familie mit Tänzern besetzt und dem Tanz großen Raum eingeräumt haben. Die beiden Schöpfer dieses späten Meisterwerks wollten damit unterstreichen, dass diese Figuren aus einer völlig anderen Welt als der Protagonist Gustav von Aschenbach stammen und eine Kommunikation zwischen diesen beiden Polen in jeder Hinsicht „unmöglich“ ist.

Der Regie-Choreograf Volpi durfte seine Herkunft und frühe Meisterschaft auch dadurch beweisen, dass der bei Britten/Piper nur als körperlose Stimme zu hörende Apollon in der Stuttgarter Aufführung doppelt besetzt ist: Der aus dem Orchestergraben zu hörende wunderbar geführten Stimme des fabelhaften Countertenors Jake Arditti verleiht der nicht minder famose und präsente erste Solist des Stuttgarter Balletts, David Moore, auf der Bühne beeindruckende und Sinn stiftende körperliche Präsenz.
Auch in der szenischen Umsetzung des Opernstoffes zeigt sich Volpis am Ballett geschulte, nach innen weisende, eher leise daherkommende sublime Ästhetik, die bei der Darstellung von Äußerlichkeiten sehr behutsam vorgeht und bis auf einige Chorszenen und den Dionysos-Traum Aschenbachs auf Überzeichnung verzichtet.

Oper Stuttgart / Tod in Venedig - Matthias Klink und Staatsopernchor © Oper Stuttgart

Oper Stuttgart / Tod in Venedig – Matthias Klink und Staatsopernchor © Oper Stuttgart

So werden in Stuttgart die Opernfreunde enttäuscht, die ein reales Venedig mit dazu passenden Klischeebildern erwartet hatten. Denn auf der Bühne zeigt sich weder das Schiff, welches den Dichter Aschenbach in die Serenissima bringt, noch wird etwas von der Silhouette der Stadt oder ihres Strandes sichtbar. Demis Volpi und seine mit ihm in jahrelanger künstlerischer Partnerschaft verbundene bewährte Ausstatterin Katharina Schlipf führen die Zuschauerinnen und Zuschauer vielmehr in eine eher statisch-neutrale Situation, die alle Merkmale einer intimen, in sich ruhenden Innenwelt aufweist. Sie bietet der Handlung einen kammerspielhaften Rahmen, von dem nicht präzise zu sagen ist, ob damit Aschenbachs Seele oder Gefühlswelt gemeint ist oder doch die Möglichkeit einer realen Reise angedeutet werden soll. Auf jeden Fall lässt der von Schlipf entworfene Bühnenraum mit seinen beweglichen Spiegeln, Vorhängen, Glaswänden und Türen breiten Raum für die Phantasie des Betrachters, vor dessen innerem Auge sich durchaus Spuren der venezianischen Kanäle und Gassen oder des lebhaften Treibens auf Plätzen und Stränden zeigen mögen. Viel naheliegender ist allerdings die Vermutung einer Reise ins Innenleben des alternden, in einer tiefen Krise steckenden Dichters Aschenbach, so dass man die Stuttgarter Inszenierung, wie schon Thomas Manns geniale Urfassung, als großartiges und fesselndes Kopfkino bezeichnen kann.
Daran, dass dies ohne jeden Abstrich gelingt und die stellenweise durchaus langatmigen Monologe Aschenbachs nicht in Langeweile münden, hat neben der schlüssigen Regie und Choreografie und der diese sehr sensibel unterstützenden Lichtregie Reinhard Traubs der in jeder Hinsicht phänomenale Tenor Matthias Klink überragenden Anteil. Was dieser begnadete Sängerdarsteller über 150 Minuten an stimmlicher wie schauspielerischer Präsenz zeigt – sein Aschenbach ist fast immer am Bühnengeschehen beteiligt – ist schlicht sensationell.

Oper Stuttgart / Tod in Venedig - Georg Nigl als ältlicher Geck, Matthias Klink und Staatsopernchor © Oper Stuttgart

Oper Stuttgart / Tod in Venedig – Georg Nigl als ältlicher Geck, Matthias Klink und Staatsopernchor © Oper Stuttgart

So ist seine stimmliche Ausdrucks- und Gestaltungskraft genauso bewundernswert wie der Facettenreichtum seiner Stimme, und die Art und Weise, wie er dem Gesungenen durch sein überragendes schauspielerisches Können Glaubwürdigkeit verleiht, lässt einen eher an einen Film als an eine live erlebte Oper denken.
Kaum weniger beeindruckend ist an diesem Premierenabend der Bariton Georg Nigl in den Aschenbach von Britten teils zur Seite teils gegenübergestellten sieben Hermes- und Todesfiguren. Auch er verleiht durch seine Stimmführung und seine ganz unterschiedlichen Stimmregister sowie durch sein darstellerisches Können den jeweiligen Charakteren spezielle Prägung und Glaubwürdigkeit. So besitzen sowohl sein eher teilnahmslos wirkender Gondoliere wie sein unterwürfig-schleimiger Hotelmanager als auch die anderen von ihm verkörperten Rollen jene Aura, der man sich im richtigen Leben eher nicht ausgesetzt sehen möchte.
Auch alle anderen Sängerinnen und Sänger, die von Britten ja eher mit kleineren Rollen bedacht wurden, tragen an diesem denkwürdigen Maienabend ihren Teil zum überragenden Erfolg des ersten Stuttgarter Todes in Venedig bei. Und wie eigentlich immer am Stuttgarter Opernhaus gilt dieses eher untertriebene Urteil auch für den Opernchor, der, von Christoph Heil fabelhaft vorbereitet, in all seinen Rollen und Szenen stimmlich wie optisch überzeugt, ja begeistert.

Oper Stuttgart / Tod in Venedig - Georg Nigl, Matthias Klink, Gabriel Figueredo als Tadzio und Staatsopernchor © Oper Stuttgart

Oper Stuttgart / Tod in Venedig – Georg Nigl, Matthias Klink, Gabriel Figueredo als Tadzio und Staatsopernchor © Oper Stuttgart

Bevor zur Vervollständigung der Würdigung der musikalischen Seite das Staatsorchester Stuttgart sein verdientes Lob erhält, soll zuerst und endlich die eingangs nur kurz erwähnte Sparte gewürdigt werden, die von Britten mit einem wichtigen wie eigenständigen Beitrag versehen wurde und von offizieller Seite als Ko-Produzent genannt wird: Das Stuttgarter Ballett und seine hier zu erlebenden Tänzerinnen und Tänzer.
Neben dem schon gepriesenen Apollon David Moores ist an diesem Abend aus der Stuttgarter „Erwachsenen-Compagnie“ Joana Romaneiro als distinguierte, etwas unnahbar wirkende polnische Mutter zu erleben. Die herausragenden tänzerischen Akteure sind aber ohne jeden Zweifel die Nachwuchstänzer der hauseigenen John-Cranko-Schule, welche die Schwestern in Tadzios polnischer Familie und seine Spielkameraden am Strand verkörpern. Gerade diese sieben Knaben unterschiedlichen Alters gehen mit jugendlicher Unbekümmertheit wie professioneller Ernsthaftigkeit an ihre Aufgaben heran, dass man sich um die Zukunft der Stuttgarter Compagnie keinerlei Sorgen machen muss. Und dass aus dieser weltberühmten Nachwuchsschmiede ständig Spitzenkräfte hervorgehen, die alsbald als Solistinnen und Solisten ganz im Rampenlicht stehen, zeigt auf eindrucksvolle Weise der 15jährige Darsteller von Aschenbachs Sehnsuchts-Subjekt Tadzio, der aus Brasilien stammende Gabriel Figueredo. Im gebührt an diesem Abend die Tänzerkrone, und er wurde für seine tänzerische wie psychische Ausdruckskraft vom Publikum begeistert gefeiert.

Oper Stuttgart / Tod in Venedig - Mattias Klink, Georg Nigl und Georg Moore © Oper Stuttgart

Oper Stuttgart / Tod in Venedig – Mattias Klink, Georg Nigl und Georg Moore © Oper Stuttgart

Uneingeschränkten Beifall verdienten und erhielten schließlich die Musiker des Staatsorchesters, welches Sängern wie Tänzern ein äußerst verlässlicher Partner war und Brittens anspruchsvolle Partitur höchst sensibel wie sicher zum Klingen brachte. Stellvertretend für seine verdienstvolle Truppe nahm der mit der musikalischen Leitung betraute, aus der Ukraine stammende Dirigent Kirill Karabits den Applaus des Premierenpublikums entgegen, der beim Erscheinen der beiden „Hauptrollen-Sänger“ und der Mitglieder des Balletts orkanartige Ausmaße annahm.
Ovationen und kaum enden wollenden Jubel erhielten aber auch der Chor und das gesamte Produktionsteam dieser beeindruckenden Stuttgarter Neu-Inszenierung, die ohne Zweifel ein weiterer Publikumsmagnet der Stuttgarter Oper werden wird.

Tod in Venedig an der Oper Stuttgart: Weitere Aufführungen: 11.05., 14.05., 18.05., 25.05., 05.06., 18.06., 07.07. und 19.07.2017

Stuttgart, Oper Stuttgart, Sitzkissenkonzert – Das kleine Ich-bin-ich, 06.05.2017

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Oper Stuttgart

Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG "OPER OHNE GRENZEN" © Martin Sigmund

Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG „OPER OHNE GRENZEN“ © Martin Sigmund

Sitzkissenkonzert –  Das kleine Ich-bin-ich

Musiktheater für Kinder von 2 bis 5 Jahren erstmals auch im Mercedes-Benz Museum

Sitzkissenkonzert –  Das kleine Ich-bin-ich:   Termine: Mercedes-Benz Museum  06. Mai 2017  14:00 Uhr und 15:30 Uhr; Montag, 08. Mai 201  09:30 Uhr und 11:00 Uhr, Mittwoch, 10. Mai 2017 09:30 Uhr und 11:00 Uhr, Dienstag, 23. Mai 2017,  09:30 Uhr und 11:00 Uhr, Samstag, 27. Mai 2017 14:00 Uhr und 15:30 Uhr, Dienstag, 30. Mai 2017  09:30 Uhr und 11:00 Uhr;, Opernhaus, Foyer III. Rang, Sonntag, 25. Juni 2017  13:00 Uhr und 14:00 Uhr; Kammertheater,

Bühne frei für Musiktheater, bei dem kleine Kinder ganz nah dabei sind: Im Casino auf Ebene 8 des Mercedes-Benz Museums feiert am Samstag, 06. Mai 2017, das neue Sitzkissenkonzert der Jungen Oper Stuttgart mit Musikern des Staatsorchesters Stuttgart Premiere. Es ist die erste Kooperation der Oper Stuttgart mit dem Mercedes-Benz Museum. Auf dem Programm stehen um 14:00 Uhr und 15:30 Uhr Aufführungen von Das kleine Ich-bin-ich nach dem berühmten Kinderbuch von Mira Lobe. Elena Tzavara, die neue Leiterin der Jungen Oper Stuttgart, realisiert das fantasievolle musikalische Erzähltheater von Elisabeth Naske über Identität und Selbstbewusstsein szenisch. Die Sitzkissenkonzerte sind erstmals schon für Kinder ab zwei Jahren und außerhalb des Stuttgarter Opernhauses erlebbar. Im Museum sind die Konzerte bereits ausverkauft; für die Termine in der Oper Stuttgart gibt es noch Tickets.

Schön ist das Leben in dieser farbenfrohen Welt – so schön wie die Musik. Darüber freut sich auch ein kleines buntes Tier bei seinem Spaziergang über eine Blumenwiese. Wäre da nicht die Frage „Wer bist denn du?“ der anderen Tiere. Darauf nämlich weiß der kleine Held des Musiktheaterstücks von Elisabeth Naske (Text von Mira Lobe, Buchidee und Zeichnung von Susi Weigel) zunächst keine Antwort: Er hat wehende Haare, ist aber kein Pferd. Trotz seiner kurzen, kräftigen Beine ist er kein Nilpferd. Und auch seine langen Ohren machen ihn noch nicht zum Dackel. Ist das bunte Tier (Severin Gmünder) also nur ein „kleiner Irgendeiner“? Die richtige Antwort auf diese Frage ist jedoch eine ganz andere. Sie stärkt nicht nur das Selbstbewusstsein des kleinen Tieres, sondern steht auch für die Freude am Leben und an der Vielfalt der Natur.

Bei den Sitzkissenkonzerten der Jungen Oper Stuttgart wird diese liebenswerte Geschichte lebendig. Die Aufführungen dauern jeweils 30 Minuten. Jeweils eine halbe Stunde vor dem Konzert gibt es eine Bastelaktion zum Thema des Sitzkissenkonzertes. Nach dem Konzert stehen dann die Instrumente im Vordergrund, welche die kleinen Zuhörerinnen und Zuhörer gerade erlebt haben: Klarinettistin Stefanie Faber, Cellistin Edwina Ionescu und Akkordeonist Viktor Janzer laden die Kinder ein, die Instrumente zu entdecken und selbst auszuprobieren.

Mit:  Severin Gmünder (Das kleine Ich-bin-Ich), Stefanie Faber (Klarinette), Edwina Ionescu (Cello), Viktor Janzer (Akkordeon)

Sitzkissenkonzert –  Das kleine Ich-bin-ich:   Termine: 06. Mai 2017  14:00 Uhr und 15:30 Uhr; Montag, 08. Mai 201  09:30 Uhr und 11:00 Uhr, Mittwoch, 10. Mai 2017 09:30 Uhr und 11:00 Uhr, Dienstag, 23. Mai 2017,  09:30 Uhr und 11:00 Uhr, Samstag, 27. Mai 2017 14:00 Uhr und 15:30 Uhr, Dienstag, 30. Mai 2017  09:30 Uhr und 11:00 Uhr;, Opernhaus, Foyer III. Rang, Sonntag, 25. Juni 2017  13:00 Uhr und 14:00 Uhr; Kammertheater, PMStOSt

Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Noverre – Exponate Junger Choreographen, IOCO Kritik, 28.04.2017

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Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. SchaeferStuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Stuttgarter Ballett

Angstfrei und selbstbewusst ins Ballett von Morgen
„Junge Choreografen“ begeistern im Stuttgarter Schauspielhaus

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Von Peter Schlang

Der in den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts am Hofe des kunstsinnigen Herzogs Carl Eugen von Württemberg wirkende französische Ballett-Pionier Jean Georges Noverre (Die Ballettwelt gedenkt am 29. April 2017 seines 290. Geburtstags.) wurde 1958 in Stuttgart zum Namensgeber einer Einrichtung, die in den nunmehr 59 Jahren ihres Bestehens unschätzbare Beiträge zur Förderung des modernen Tanzes und des Balletts geleistet hat und aus dem Kulturleben in Baden-Württemberg, ja Deutschlands, nicht mehr wegzudenken ist.

Ursprünglich mit dem Ziel gegründet, Wissen um den Tanz zu vermitteln und dieses zu erweitern, ist die Noverre-Gesellschaft, die sich selbst mit dem eher schwäbisch-bescheidenen Untertitel „Freunde des Balletts“ erklärt, spätestens seit 1961 einer der innovativsten Akteure und Förderer auf dem Gebiet der Choreografie und moderner Tanzideen. In jenem Jahr riefen nämlich ihr Gründer und langjährige Vorsitzende Fritz Höver und der Vater des Stuttgarter Ballettwunders, John Cranko, die seitdem jährlich im Frühjahr präsentierte Reihe „Junge Choreografen“ ins Leben.

Sie beglückt nicht nur an nur zwei Abenden ein immer größer werdendes und ungeduldiger auf die Neuausgabe wartendes tanzbegeistertes Publikum, sondern zieht auch Tanzexperten und Ballett-Verantwortliche aus allen Ecken Deutschlands, ja Europas an. Längst hat sich nämlich herumgesprochen, dass bei diesem Ereignis etliche der kommenden Choreografie-Stars ihre Erstlings-Entwürfe vorstellen oder zum zweiten oder wiederholten Mal eine Arbeit vor einem fachkundigen Publikum präsentieren. Entsprechend lang und illuster ist die Liste der Choreografinnen und Choreografen, für welche die Stuttgarter Reihe „Junge Choreografen“ zum Sprungbrett in eine internationale Karriere als Choreograf und Ballettleiter wurde: Pina Bausch, Bridget Breiner, William Forsythe, Marco Goecke, Jirí Kylián, John Neumeier, Uwe Scholz, Christian Spuk und Demis Volpi starteten einst als Noverre-Novizen und wurden für unzählige Tänzer und Nachwuchs-Choreografen Vorbild und Ansporn.

In diesem Jahr wurden aus der langen Liste junger und teilweise bisher unentdeckter Choreografie-Talente neun Mitglieder der Stuttgarter Compagnie und drei auswärtige Gäste – Guilherme Carola von der Akademie des Tanzes in Mannheim, Dustin Klein vom Bayerischen Staatsballett in München und Tadayoshi Kokeguchi vom Ballet de  l´Opéra de Lyon – für würdig befunden, an diesem Schaulaufen des Choreografie-Nachwuchses teilzunehmen. Sie hatten für die zwei Aufführungen am 20. und 21. April neun Uraufführungen und eine Stuttgarter Erstaufführung vorbereitet und erhielten somit die absolut realitätsnahe Chance, ihr Arbeiten unter „Echt-Bedingungen“ vorzustellen – ganz nach der Maxime John Crankos: „Choreographen brauchen Licht, Bühne, Tänzer, Kostüme, Probenzeit und nicht zuletzt: ein Publikum, das sich die Stücke ansieht.“

Stuttgarter Ballett / Noverre - Venus Choreograf Noan Alves © Roman Novitzky

Stuttgarter Ballett / Noverre – Venus Choreograf Noan Alves © Roman Novitzky

Einzige Bedingung für alle Teilnehmenden ist die Länge ihres Balletts, welche 12 Minuten nicht überschreiten darf. Weitere Besonderheiten dieses Tanz-Ereignisses sind, dass sich die jungen Autorinnen und Autoren selbst um alles Details der Aus- und Aufführung kümmern müssen, also sowohl für die Bühne und die Kostüme verantwortlich zeichnen als auch z. B. die Lichtregie selbst entwerfen müssen.
Aber nicht nur an die Schöpfer der Tanzvorlagen stellen diese Abende der Noverre-Gesellschaft allerhöchste Anforderungen. Auch die ausführenden Tänzerinnen und Tänzer, von denen einige Mitglieder der Stuttgarter Compagnie mehrmals auftreten, stehen vor einer besonderen Aufgabe, und selbst für das Publikum stellt die Fülle von Entwürfen und Ideen, die in zwei Fünferblocks mit einer jeweils höchstens zweiminütigen Umbaupause im zweimal total ausverkauften Stuttgarter Schauspielhaus vorgestellt wurden, eine gewisse Herausforderung dar.

Die erste Arbeit stammte in diesem Jahr von Noan Alves, der mit seinem Noverre-Erstling Venus eine Verbeugung vor der Rolle der Frau, ja dem Weiblichen überhaupt macht. Er schickt dabei vier wie Schwestern wirkende Tänzerinnen durch eine kleine Reise durch die Tanzgeschichte und verknüpft dabei klassische Zitate mit modernen, teilweise leicht akrobatisch anmutenden Elementen.

 Stuttgarter Ballett / Noverre - Fraternal / Stories Choreograf Alexander McGowan, Enes Comak © Roman Novitzky

Stuttgarter Ballett / Noverre – Fraternal / Stories Choreograf Alexander McGowan, Enes Comak © Roman Novitzky

Seine Stuttgarter Compagnie-Kollegen Alexander Mc Gowan, der bereits zum zweiten Mal bei den „Jungen Choreografen“ gastierte, und Enes Comak wagten sich mit ihrem zweiteiligen Entwurf Fraternal/Stories schon etwas mehr in die Moderne vor. Ihre an Breakdance und an Marco Goecke erinnernden Bewegungen und Figuren, denen sie als Tänzer höchstpersönlich Leben einhauchten, gewannen durch eine beeindruckende Lichtregie weiter an Wirkung.

Auch Alisa Scetinina gehört seit der vergangenen Spielzeit dem Stuttgarter Corps de Ballett an und setzte ihre Choreografie Intact zusammen mit ihrem Kollegen Shaked Heller selbst in Tanz um. Dabei verdienen nicht nur die zahlreichen höchst fesselnden Studien zum pas de deux Erwähnung, sondern vor allem auch der Umstand, dass die Choreografin laut Programmheft selbst die Musik zu ihrem Ballett komponiert hatte.
Alessandro Giaquinto, ebenfalls Stuttgarter Noverre-Debütant, sorgte bei seiner von drei Tänzerinnen vorgetragenen Elegia nicht nur durch das darin angesprochene Thema Abschied und Sterben für Aufmerksamkeit, sondern ließ auch durch seine „Musikauswahl“, die Verbindung von Strawinskys Elegy for a solo viola mit dem von Giuseppe Ungaretti hinreißend vorgetragenen Gedicht Sono una creatura, regelrecht aufhorchen.

Für einen weiteren Höhepunkt vor der Pause sorgte der erste Gast der diesjährigen Aufführungen, der an der Oper in Lyon tanzende Tadayoshi Kokeguchi, der dort bereits mehrfach als Choreograf auf sich aufmerksam gemacht hat. Mit seinen zu Johannes Brahms erster Cello-Sonate geschaffenen Fences stellte er das längste Stück des Abends vor, in dem er die zwei Tänzerinnen und Tänzer – darunter er selbst – zu ganz unterschiedlichen Tableaus und bildhaften Formationen gruppierte. Für diesen faszinierenden Entwurf mit seinen überzeugenden psychologischen Studien und häufigen filmischen Adaptionen und Anspielungen wurde sein Schöpfer vom vollen Haus mit begeistertem, lang anhaltendem rhythmischem Applaus bedacht.

 Stuttgarter Ballett / Noverre - A drop of ocean Choreograf Pablo von Sternenfels © Roman Novitzky

Stuttgarter Ballett / Noverre – A drop of ocean Choreograf Pablo von Sternenfels © Roman Novitzky

Eine Besonderheit an Pablo von Sternenfels‘ A drop of ocean, mit dem der Stuttgarter Halbsolist den zweiten Teil des Abends eröffnete, war nicht nur die Tatsache, dass der Schöpfer dieses Werks auch die Rolle des ausführenden Tänzers übernommen hatte. In jeder Hinsicht Augenweide wie Ohrenschmaus war vielmehr die musikalische Seite dieses Beitrags, für welche der Choreograf seinen Bruder Santiago an Saxophon und Wasserschlauch und die singende Kontrabassistin Fuensanta Mendez zu sich auf die Bühne geholt hatte. Großartig zu verfolgen, wie die fulminant dargebotenen Tanzbewegungen dieses Ausnahmetalents, zu denen er seinen Oberkörper häufig in Bodennähe oder knapp darüber bewegte, mit dem jazzigen und groovenden Sound der beiden Musiker amalgamierten. Nicht selten stellte sich dabei dem faszinierten Beobachter die Frage, wer bei diesem Trio nun Maß und Takt vorgab, der Tänzer oder seine Partnerin am Kontrabass.

Der nächste Beitrag stammte von der zweiten zu diesem Abend eingeladenen jungen Choreografin, der sich noch im Stadium einer Elevin befindlichen gebürtigen Italienerin Aurora de Mori. In ihrem Devenire anima zu Musik von Arvo Pärt schöpft sie alle Möglichkeiten aus, die sich zwei Tänzerinnen und drei Tänzern bieten und bietet flüssiges und sehr empathisches Tanztheater, das sehr stark auf klassische Elemente baut.
Kaum krasser konnte der Gegensatz zum folgenden Stück sein, das wiederum von einem Gast kreiert worden war, von Dustin Klein aus München Zu typisch bayrischer Volksmusik lässt der seine beiden Tänzerkollegen Nikita Kotkov und Ilia Sarkisov alle Register der Tanzkunst ziehen, wobei es der Fantasie der Zuschauer überlassen bleibt, was diese in diesen turbulenten, abwechslungsreichen zehn Kraftminuten am ehesten sehen, eine Parodie auf bayrisches Brauchtum oder eine Verballhornung des klassischen Ballettbetriebs. Jedenfalls tobte das Stuttgarter Schauspielhaus nach dieser Vorführung sicherlich nicht weniger als ein Münchner Oktoberfestzelt.

Nach dieser furiosen Präsentation ließen die beiden auch als Tänzer agierenden Stuttgarter Compagnie-Mitglieder Robert Robinson und Adam Russell-John das Publikum und dessen aufgeheizte Sinne mit ihrem vom gleichnamigen Song von Jarvis Cocker und Chilly Gonzales begleiteten Room 29 wieder etwas zur Ruhe kommen.

Stuttgarter Ballett / Noverre2017 - E=mc² - Tänzer des Ballettstudio Karlsruhe - Choreograf Guilherme Carola © Roman Novitzky

Stuttgarter Ballett / Noverre2017 – E=mc² – Tänzer des Ballettstudio Karlsruhe – Choreograf Guilherme Carola © Roman Novitzky

Den Schlusspunkt dieses begeisternden Abends mit dem Schaulaufen großer Choreografie-Talente setzte der an der Mannheimer Akademie des Tanzes studierende Guilherme Carola, der mit diesem letzten Stück sicherlich den schwierigsten Part des Abends zu bewältigen hatte. Sein nach Einsteins Formel E=mc² benanntes Stück für einen Tänzer und vier Tänzerinnen versucht mit den Mitteln des Tanzes, hinter die Geheimnisse von Mathematik und Physik zu kommen. Dabei spürt er genauso der Faszination eines Stoffes und Themas nach, wie er untersucht, weshalb andere Menschen davon abgestoßen oder zumindest kalt gelassen werden.

Das Schluss-Defilee führte noch einmal alle anwesenden elf zukünftigen Choreografie-Stars auf der Bühne zusammen, wo sie sichtlich und verdient den tosenden Applaus des zwar ermüdeten, aber noch immer begeisterten Stuttgarter Ballett-Publikums genossen.

Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Premiere Ballett Tod in Venedig, 07.05.2017

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Stuttgarter Ballett      |       Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. SchaeferStuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Der Tod in Venedig  von Benjamin Britten

Der Tod in Venedig:  Premiere 7.5.2017 (ausverkauft), weitere Vorstellungen 11.5., 14.5., 18.5., 25.5.2017 und mehr

Acht Jahre ist es her, dass in Glucks Orpheus und Eurydike die erste und bislang einzige gemeinsame Produktion der Oper Stuttgart und des Stuttgarter Balletts auf der Bühne des Opernhauses realisiert wurde. Für Benjamin Brittens Der Tod in Venedig nach Thomas Manns weltberühmter Novelle hebt sich am Sonntag, 7. Mai 2017, um 18 Uhr nun erneut der Vorhang für eine Koproduktion der beiden Sparten. Damit wird erstmals nach über 40 Jahren wieder ein Werk des britischen Komponisten auf der Stuttgarter Opernbühne zu erleben sein.

Demis Volpi, der nach seinem durchschlagenden Erfolg Krabat 2013 zum Hauschoreografen des Stuttgarter Balletts ernannt wurde, inszeniert und choreografiert Brittens spätes Meisterwerk. Die Musikalische Leitung liegt in den Händen von Kirill Karabits. Der ukrainische Dirigent feierte bereits 2014 im 3. Sinfoniekonzert mit Werken von Brahms und Britten sein erfolgreiches Debüt am Pult des Staatsorchesters Stuttgart. Die Ausstattung entwirft Katharina Schlipf. Sie verbindet eine langjährige künstlerische Partnerschaft mit Demis Volpi. Zuletzt entwickelte Schlipf die Ausstattung für Demis Volpis erste Opernregie, Jommellis Fetonte bei den Winterfestspielen in Schwetzingen im Jahr 2014 und für sein Handlungsballett Der Nussknacker (2016) am Königlichen Ballett Flandern.

An der Spitze des Sängerensembles werden zwei Stuttgarter Publikumslieblinge ihre Rollendebüts geben: Tenor Matthias Klink aus dem Ensemble der Oper Stuttgart interpretiert erstmals Gustav von Aschenbach. An seiner Seite debütiert der österreichische Bariton Georg Nigl in der Partie seines zahlreiche Rollen verkörpernden „Gegenspielers“ (Reisender, Ältlicher Geck, Alter Gondoliere, Hotelmanager, Coiffeur des Hauses, Führer der Straßensänger, Dionysos). Vor zwei Jahren wurde Nigl für sein schonungsloses Portrait des Jakob Lenz in Wolfgang Rihms gleichnamiger Oper in Stuttgart zum „Sänger des Jahres“ gekürt. In den Rollen des Apollon und der Polnischen Mutter werden mit dem Ersten Solisten David Moore und mit Joana Romaneiro bzw. Martí Fernandez Paixa und Alicia Garcia Torronteras Tänzerinnen und Tänzer des Stuttgarter Balletts zu sehen sein, während weitere tänzerische Rollen von Schülern der John Cranko Schule übernommen werden. Es ist das erste Mal, dass die John Cranko Schule an einer Koproduktion beteiligt ist.

In seiner letzten Oper kondensiert Britten den künstlerischen und menschlichen Ertrag seiner gesamten Komponistenlaufbahn. Demis Volpi lässt sich von Brittens vielschichtiger Musik und dem episodenhaften Libretto von Myfanwy Piper gleichermaßen inspirieren: „Mehr als nur eine Reise in die geschichtsträchtige Lagunenstadt Venedig, sehe ich Brittens Tod in Venedig als eine Reise in die Psyche der Hauptfigur Aschenbach, eine Erkundung seines emotionalen, geistigen und letztlich körperlichen Zustandes. Brittens Musik hat viele ,Sprachen‘ und dies erlaubt uns, die Geschichte in surrealen Bildern zu erzählen. Sehr spannend ist auch die Konfrontation zwischen Aschenbach und der Figur – den eigentlich sieben verschieden Figuren – des erstmals als Reisenden erscheinenden Gegenspielers. Wir gehen der Frage nach, wer eigentlich hinter diesen vielen Rollen steckt, die von Britten so konzipiert wurden, dass sie alle vom selben Sänger verkörpert werden.

Bühnen- und Kostümbildnerin Katharina Schlipf: „Auch die Bühne wird von Aschenbachs geistigem Zustand geprägt. Er kann Wirklichkeit und Traum immer weniger auseinanderhalten: Figuren treten aus dem Nebel, aus den labyrinthartigen Gassen der Stadt, auf und ab. Die apollinischen und dionysischen Traumsequenzen spiegeln das Exotische in Brittens Musik wider. Sie stellen den Verfall sowohl der klassischen Kunst als auch Aschenbachs Zustand dar und bieten gleichzeitig eine ironische Ebene, mit der wir auch spielen.“


Begleitveranstaltungen –  Der Tod in Venedig

Öffentliche Probe:  Samstag, 22. April 2017, 9.45 – 11.30 Uhr, Opernhaus
Das Produktionsteam gibt Einblicke in die Probenarbeit.

Einführungsmatinee:  Sonntag, 23. April 2017, 11 Uhr im Opernhaus, Foyer I. Rang
Das Produktionsteam gibt interessierten Opernbesuchern einen Einblick in die Konzeption der Neuinszenierung.

Nach(t)gespräche:  Sonntag, 25. Mai 2017, Samstag, 18. Juni 2017
Das Produktionsteam beantwortet im Anschluss an die Vorstellung Fragen

Einführung vor jeder Vorstellung:  Eine Einführung findet jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Opernhaus, Foyer I. Rang, statt.

Karten über:  www.oper-stuttgart.de und www.stuttgarter-ballett.de, Kartentelefon: 0711. 20 20 90 undan der Abendkasse. PMOSt

 

 

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