Stuttgart, Oper Stuttgart, Pique Dame von Peter Tschaikowsky, IOCO Kritik, 14.06.2017

Juni 15, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatsoper Stuttgart

Oper_Stuttgart_1zeilig_rotNEU

Oper Stuttgart

 Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Pique Dame von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky

Auf den Hintertreppen der Wohlstandsgesellschaft 

 Tschaikowskys Glücksucher-Phantasie als Flucht- und Such-Geschichte einer vergessenen Klasse

Von Peter Schlang

Die Handlung von Tschaikowskys 1890 uraufgeführter Oper Pique Dame stellt Regisseure wie aufmerksamen Zuschauer vor erhebliche, nur schwer zu lösende Probleme. Die Gründe dafür liegen in erster Linie in dem von Tschaikowsky Bruder Modeste nach der gleichnamigen Erzählung Alexander Puschkins verfassten Libretto, das so viele zeitliche und inhaltliche Brüche und Widersprüche aufweist, dass es nahezu unmöglich erscheint, daraus einen an die Handlung gebundenen schlüssigen Interpretationsansatz zu entwickeln.

Oper Stuttgart / Pique Dame - Ensemble © A.T. Schaefer

Oper Stuttgart / Pique Dame – Ensemble © A.T. Schaefer

Das erfahrene Regie-Duo Jossi Wieler und Sergio Morabito, dem noch eine Spielzeit lang die Leitung der Stuttgarter Staatsoper obliegt, versucht es in seiner ersten Auseinandersetzung mit einer Oper des wohl bekanntesten russischen Komponisten klugerweise erst gar nicht, diesen Widersprüchen auf rationale Weise beizukommen, sondern packt, wie man im Schwäbischen sagt, „den Stier an seinen Hörnern“. Dies will heißen, dass die beiden Regiefüchse, zusammen mit ihrer kongenialen, ihnen in vielen Regiearbeiten verbundenen Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock, die in der Handlung und auch in der Musik aufscheinenden verschiedenen Zeitebenen und –brüche ganz einfach zum Schlüsselthema ihrer Deutung machen. So führen sie das von Anfang an gebannt folgende Stuttgarter Premierenpublikum auf eine Reise durch verschiedene Epochen der Kultur- und Zeitgeschichte. Das bestens aufeinander eingespielte Trio nimmt also das Spiel mit den Zeiten und ihren Verschiebungen bewusst auf und ziemlich wörtlich, wobei dem Symbol der (Hinter-) Treppe eine herausragende Bedeutung zukommt. Damit fügen die drei ihrer in vielen Regiearbeiten demonstrierten Auseinandersetzung mit dem Theater und seinen Rollen und Möglichkeiten sowie dem „Spiel mit dem Spiel“ einen weiteren interessanten Aspekt hinzu, das Spiel mit verschiedenen Zeitebenen. Im wie immer opulent gestalteten und bestens informierenden Programmheft findet sich dafür das passende Bild der „Zeitkapsel“. Und dort schreibt Sergio Morabito zum Thema „Spiel“ auch die folgenden Zeilen: „Spielen, um der Kontrolle zu entkommen, spielen, um sich selbst zu überlisten, verrücktspielen – auf dem Theater, mit dem Theater, da man sonst verstummt; planen und berechnen, damit alles ganz anders kommt, um im entscheidenden Moment auf die Pique Dame statt auf das As zu setzen, verlieren, um zu gewinnen – in gewisser Weise ist das existentielle Thema der Pique Dame auch unser Thema als ‚Theater-Spieler‘“. –

Und, erlaubt sich der Berichterstatter hinzuzufügen, auch das eines jeden Menschen.
Anna Viebrock steuert ihren Teil zu diesem Spiel mit dem Spiel und der Zeit in Form eines genialen, t-förmigen Gebäudes mit vielen, für sie charakteristische Türen, Treppen, Leitern und Balkonen bei, das stark an die surrealen Visionen M. C. Eschers erinnert. Dieses an Häuserblocks in sozialen Schwerpunkten orientierte Mehrfamilienhaus mit seinen heruntergekommenen Fassaden und verrosteten Geländern und Steighilfen bietet drei verschiedene Blickwinkel und noch mehr Spielflächen, die raffinierter Weise alle im Außenbereich liegen und keinerlei Innenräume abbilden. Das dadurch bedingte Ausgeschlossen-Sein und Draußen-bleiben-müssen ist ein treffendes Bild der in dieser Aufführung zu erlebenden Figuren, die in ihrer Mehrzahl zu den Ausgegrenzten und Vergessenen der Gesellschaft gehören. Vor allem die Freunde Germans um deren Sprecher Tomski machen durch ihr Verhalten und Auftreten auf bedrückende Weise deutlich, wozu eine verlorene, erniedrigte Generation von Losern in der Lage ist.

Oper Stuttgart / Pique Dam - Yuko Kakuta als Mascha und Staatsopernchor © A.T. Schaefer

Oper Stuttgart / Pique Dam – Yuko Kakuta als Mascha und Staatsopernchor © A.T. Schaefer

An deren Situation ändert sich auch durch das noch so häufige Drehen der Kulisse nichts, obwohl dies ja auch Sinnbild für ständige Verwandlungen und Veränderungen sein könnte. Hier ist die dauernde Bewegung aber eher Ausdruck der Unruhe und des Getriebenseins, denen die auf der Stuttgarter Opernbühne zu erlebenden Figuren permanent unterworfen sind. Sie, und das gilt vor allem für den „ewigen Herumtreiber“ German, scheinen ständig auf der Flucht zu sein, vor sich selbst und vor allem, sie jagen dem Glück nach, ohne es jemals wirklich zu fassen zu bekommen und sind somit jeder Zeit fremd. Insofern mündet die Stuttgarter Deutung von Tschaikowskys Drama um den Spieler German, der eine intensive Beschäftigung mit den aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen in Russland und sogar eine Studienreise des Regietrios in die Stadt Peters des Großen vorausging, in einen äußerst skeptischen und resignativen Ausblick, dem nichts mehr von russisch-französischer Folklore und idyllischem Landleben anhaftet. Und es ist in Zeiten wirtschaftlicher und sozialer Verwerfungen und Unsicherheiten bestimmt nicht zu weit hergeholt, den Blick dabei auch auf die Länder der EU einschließlich Deutschlands zu richten.

Dass diese fast drei Stunden dauernde Inszenierung dennoch die Zuschauer nicht in depressive Stimmung versetzt, sondern quicklebendig und in Spannung hält, liegt an der zu jeder Sekunde durchdachten und fesselnden Personenführung und einer äußerst präzisen Ausdeutung der Charaktere. Dabei schreckt die Regie auch nicht vor vielleicht etwas platten, noch die kleinsten Rollen betreffenden kolportagehaften Stilmitteln zurück. Diese weisen aber etwa die Freundinnen Lisas bei deren Junggesellinnen-Abschied, den Kinderchor bei der Eingangsszene in an die Dreißigerjahre erinnernden Kleidern oder den Chor in seinen zahlreichen Auftritten und verschiedenen Rollen und Funktionen einer bestimmten Gesellschaftsschicht und damit auch Zeitebene zu. Auch der ständige Einsatz zeit-affiner Symbole wie einer echten „Taschen-Uhr“, durch Licht und Dunkelheit erzeugte Vorausdeutungen und einem zunächst als Spielgerät dienenden, dann platten Fußball unterstreichen den spielfreudigen und symbolhaltigen Charakter der neuen Stuttgarter Pique Dame.

Oper Stuttgart / Pique Dame - Marie Fischer, Rebecca von Lipinski und Staatsopernchor © A.T. Schaefer

Oper Stuttgart / Pique Dame – Marie Fischer, Rebecca von Lipinski und Staatsopernchor © A.T. Schaefer

Da erscheint es dann auch verzeihlich, wenn die im Stück eigentlich nicht vorkommende russische Kaiserin Katharina die Große mehrfach als leicht begleitetes, fast magersüchtiges Nummerngirl über die Bühne des Stuttgarter Opernhauses tänzeln darf. Dieses und viele weitere Momente und Motive, etwa die an eine höfische Kutsche oder an einen aus einer Barockkirche stammenden Beichtstuhl erinnernde Behausung und Transporthilfe der von Helene Schneiderman ausdrucksstark und berührend verkörperten alten Gräfin, zeugen nicht nur von der Phantasie des Regie- und Ausstattungsteams, sondern auch von der hohen Qualität der verschiedenen Werkstätten und Ateliers der Stuttgarter Staatsoper, denen bei dieser Gelegenheit einmal ausdrücklicher und besonderer Beifall gezollt werden soll.

Auch musikalisch bewegt sich die letzte Stuttgarter Premiere dieser zu Ende gehenden Spielzeit auf höchstem Niveau. Das gilt zunächst für das von Silvain Cambreling bei dessen erstem Dirigat einer Tschaikowsky-Oper souverän wie umsichtig geleitete Staatsorchester. Er versteht es zu jeder Zeit, die der Musik innewohnende ganz und gar russische Atmosphäre lebendig und gleichzeitig die vom Komponisten gewählte Instrumentierung nach bester Pariser Schule hörbar werden zu lassen. So zeigen sich die Stuttgarter Musikerinnen und Musiker der äußerst farbigen und kontrastreichen Partitur bestens gewachsen und erzielen mit deren lyrischen Stimmungskontrasten höchst dramatische Wirkungen, die sich mal in einem präsenten, kraftvollen, wenn nötig aber auch in einem sehr transparenten, luziden und kammermusikalischen Ton verdichten. Mit diesem abgestuften, dynamischen und detailgenauen Musizieren bietet das Stuttgarter Staatsorchester an diesem Abend eine grandiose musikalische Leistung, die auch die Ausführenden auf der Bühne inspiriert und beflügelt.
Zu denen gehört, um bei den Kollektiven zu bleiben, erneut und wie eigentlich immer der von Johannes Knecht in jeder Hinsicht phänomenal vorbereitete Staatsopernchor. Wie dieses aus 70 Agierenden zusammengefügte Ensemble spielt und singt – und das wohlgemerkt in russischer Sprache – und dazu auch während eigentlich chorfreier Stellen höchste Bühnenpräsenz zeigt, dürfte so schnell nicht zu überbieten sein. So bieten die Sängerinnen und Sänger ein bunt schillerndes Panoptikum an Charakteren unterschiedlicher Epochen und Schichten und bringen sich mit ihrem Auftritt an diesem Abend erneut als ganz heißen Anwärter auf den Titel „Chor des Jahres“ ins Gespräch.
Auch die Solisten, bis auf die als Gäste nach Stuttgart zurückgekehrten Erin Caves in der männlichen Hauptfigur des German und der dessen Kumpel Tomski verkörpernden Vladislav Sulimsky allesamt Mitglieder des Stuttgarter Ensembles, überzeugen ohne große Abstriche und weisen sich wieder einmal nicht nur als bewährte Sängerinnen und Sänger aus, sondern – und anders geht dies in Stuttgart sowieso nicht – auch als phänomenale Darstellerinnen und Darsteller.

Als solche verdienen schon wegen ihres Rollenumfangs der bereits genannte Erin Caves und die ihm als Subjekt seiner Begierde Lisa quasi zur Seite gestellte Rebecca von Lipinsky besondere Hervorhebung. Beide füllen ihre Rollen mit inniger Hingabe und großem Melos aus und nehmen mit klarer und feiner Stimmführung für sich ein, wobei sie trotz rollenbedingter dramatischer Spitzen und Höhen nie in bei manch anderen Darstellern zu befürchtende Übertreibungen abgleiten.
Bei den Nebenrollen verdient sich neben der bereits hervorgehobenen Helene Schneiderman vor allem die Polina der Stine Marie Fischer höchstes Lob, und das weiß Gott nicht nur, weil sie als „große Blonde“ eine der optisch auffälligsten und schauspielerisch präsentesten Akteurinnen des Abends ist. Aber auch Maria Theresa Ullrich als Gouvernante und Yuko Kakuta als Lisas Freundin Mascha glänzen in ihren jeweiligen Rollendebüts – was übrigens bis auf Vladislav Sulimsky für alle an diesem Abend auf der Bühne Stehenden gilt – mit einer äußerst passablen und rollengerechte Leistung.
Bei den männlichen Darstellern sind neben dem bereits erwähnten, mit einer angenehm sonoren Baritonstimme ausgestatteten Vladislav Sulimsky vor allem Shigeo Ishino zu nennen, der den Grafen Jeletzki, Lisas auserwählten Ehemann, äußerst glaubhaft als soignierten und aus dem sonst vorherrschenden Milieu herausfallenden Charakter gibt. Torsten Hofmann als Tschekalinski, David Steffens als Surin, Gergely Németi als Tschapilitzki sowie Michael Nagl, noch dem Opernstudio angehöriger „Sänger-Azubi“, als Narumov vervollständigen stimmlich wie darstellerisch makellos die Clique um Tomski-Sulimsky, die zu jeder Zeit erfolgreich versucht, German-Caves zu nerven und bloßzustellen.

Oper Stuttgart / Pique Dame - Gräfin, Lisa und German © A.T. Schaefer

Oper Stuttgart / Pique Dame – Gräfin, Lisa und German © A.T. Schaefer

Das Premierenpublikum, unter das sich zahlreiche Prominenz aus der lokalen wie regionalen Kulturszene, Politik und Wirtschaft gemischt hatte, dankte mit Bayreuth-artigem, zwanzigminütigem frenetischer Beifall allen Beteiligten. Die Mitglieder des Regieteams waren also genauso wie der bereits erwähnte Stuttgarter GMD Sylvain Cambreling und sein Staatsorchester, der Leiter des Opernchores Johannes Knecht und seine an diesem Abend aus zwei Teilen bestehender Gefolgschaft, der Staatsopernchor und der Kinderchor, sowie alle Solistinnen und Solisten dieser mitreißenden Opernproduktion gleichberechtigte und verdiente Adressaten dieses kaum enden wollenden Beifalls.
Dieser denkwürdige Opernabend hatte kurz vorher – genauso wie Germans Leben nach einer von dessen letzten Fragen – sein Ende gefunden. Es war dies das an das Existenzielle rührende:

„Was ist unser Leben? Ein Spiel!
Gut und Böse? Hirngespinste!
Arbeit und Ehrlichkeit? Weibermärchen!“

Auf dem Heimweg durch den inzwischen fast dunklen Stuttgarter Schlossgarten leuchtete dem Rezensenten ein Plakat des Stuttgarter Einkaufszentrums Gerber mit der Botschaft entgegen: “Gerber ist Shopping.“ Angesichts der momentan nicht nur in Stuttgart zu beobachteten Aufrüstung mit weiteren Shopping-Malls und dem Konsumrausch vieler Zeitgenossen ist der kritische Beobachter versucht, diesen Slogan in „Das Leben ist Shopping“ abzuwandeln. Vor dem Hintergrund der zurückliegenden drei aufrüttelnden Theaterstunden entpuppt sich eine solche Sicht zwar als zu einfach, sie scheint aber zeitgemäß zu sein und ist damit durchaus ein passender Beitrag zum großen Thema dieses Opernabends, dem Spiel mit Zeiten, Rollen und Ansichten.

Pique Dame an der Oper Stuttgart:  Weitere Vorstellungen am 14., 24. und 27. Juni sowie am 01., 06. und 24. Juli 2017

 

Stuttgart, Oper Stuttgart, Tosca von Giacomo Puccini – WA, 15.06.2017

Juni 9, 2017  
Veröffentlicht unter Oper, Pressemeldung, Staatsoper Stuttgart

Oper_Stuttgart_1zeilig_rotNEU

Oper Stuttgart

Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG "OPER OHNE GRENZEN" © Martin Sigmund

Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG „OPER OHNE GRENZEN“ © Martin Sigmund

 Tosca  von Giacomo Puccini

Ab 15. Juni 2017 wieder im Repertoire der Oper Stuttgart

Giacomo Puccinis Tosca kehrt am Donnerstag, 15. Juni 2017, um 19 Uhr ins Repertoire der Stuttgarter Oper zurück. In der Inszenierung von Willy Decker und der Ausstattung von Wolfgang Gussmann feierte der Klassiker des italienischen Opernrepertoires im Juli 1998 an der Oper Stuttgart Premiere. Auch nach seiner bereits 100. Aufführung im Haus am Eckensee hat dieser Krimi des Opernrepertoires um die Sängerin Floria Tosca, ihren Geliebten, den republikanisch gesinnten Maler Mario Cavaradossi und den reaktionären Polizeichef Baron Scarpia bis heute nichts an seiner Spannung eingebüßt.

Staatsoper Stuttgart / Tosca © A.T. Schaefer

Staatsoper Stuttgart / Tosca © A.T. Schaefer

Unter der Musikalischen Leitung von Gregor Bühl geben die niederländische Sopranistin Barbara Haveman (Floria Tosca) und der amerikanische Tenor Brian Jagde (Mario Cavaradossi) jeweils ihre Hausdebüts. Ks. Michael Ebbecke aus dem Solistenensemble der Oper Stuttgart singt erneut Scarpia. Die Ensemblemitglieder Ashley David Prewett (Cesare Angelotti) und Ks. Heinz Göhrig (Spoletta) sind ebenfalls wieder zu erleben. Als Mesner wird Ks. Karl-Friedrich Dürr an sein ehemaliges Stammhaus zurückkehren.

Tosca an der Oper Stuttgart Vorstellungen:  15. | 19. | 25. Juni 2017,  02. | 13. | 21. Juli 2017, 25. | 29. September 2017, 14. | 17. | 21. Oktober 2017, 10. | 29. Dezember 2017, 09. Januar 2018

Karten über www.oper-stuttgart.de, Kartentelefon: 0711. 20 20 90, und an der Abendkasse. PMOSt

 

 

 

Stuttgart, Oper Stuttgart, Erstaufführung Gion Antoni Derungs‘ Oper Benjamin, 23.06.2017

Oper_Stuttgart_1zeilig_rotNEU

Oper Stuttgart

Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG "OPER OHNE GRENZEN" © Martin Sigmund

Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG „OPER OHNE GRENZEN“ © Martin Sigmund

 Benjamin  von  Gion Antoni Derungs

Junge Oper Stuttgart

Premiere Freitag, 23. Juni 2017 im Kammertheater, weitere Termine 28.6.2017, 2.7.2017, 6.7.2017, 13.7.2017, 9.11.2017

Als zweite Neuproduktion der Spielzeit präsentiert die Junge Oper Stuttgart am Freitag, 23. Juni 2017, um 19 Uhr im Kammertheater die Deutsche Erstaufführung von Gion Antoni Derungs‚ Oper Benjamin für alle ab 14 Jahren. Basierend auf der Geschichte von Josef, die sowohl im Alten Testament als auch im Koran von einer historischen Begegnung umherziehender Nomadenstämme mit der hochentwickelten Kultur Ägyptens erzählt, schuf der Schweizer Komponist eine Oper für acht Solisten, einen Tänzer und Chor zu einem Text von Giovanni Netzer in rätoromanischer, lateinischer, italienischer und deutscher Sprache. Als Regisseur kehrt Neco Çelik an die Junge Oper Stuttgart zurück. 2011 wurde seine erste Opern-Regiearbeit für Ludger Vollmers Gegen die Wand nach dem gleichnamigen Film von Fatih Akin an der Jungen Oper mit dem Deutschen Theaterpreis „DER FAUST“ in der Kategorie „Regie Kinder- und Jugendtheater“ ausgezeichnet. Den Bühnenraum gestaltet Stephan von Wedel, die Kostüme entwirft Valentin Köhler. Die Musikalische Leitung liegt in den Händen von Jan Croonenbroeck, der gemeinsam mit der Dramaturgin Johanna Danhauser die Stuttgarter Fassung der Oper eingerichtet hat.

Benjamin, der Jüngste in Jakobs Sippe, ist stummer Beobachter eines Familiendramas. Der Verlust seiner Mutter führt zu brutalen Brüderkämpfen, Isolation und anschließendem Aufstieg eines Familienmitglieds in der Fremde. Neid, Lust, Überlebenskampf, Trauer und Ortlosigkeit bewegen die Figuren in ihrer Auseinandersetzung mit Gott und der Gemeinschaft.

Gion Antoni Derungs hat die archaische Migrationsgeschichte zu einer Oper über Glaube und Schicksal verarbeitet und lässt durch die Konzentration auf die menschliche Stimme spirituelle Intimität und theatrale Energie entstehen.

Karten über www.oper-stuttgart.de, Kartentelefon: 0711. 20 20 90, und an der Abendkasse

Pressemeldung Staatsoper Stuttgart

Stuttgart, Oper Stuttgart, Die Puritaner von Vincenzo Bellini, IOCO Kritik, 27.05.2017

Oper_Stuttgart_1zeilig_rotNEU

Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. SchaeferStuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

„Angst vor der Freiheit und dem Einsatz des eigenen Verstandes“

Die Puritaner von Vincenco Bellini

An der Staatsoper sind wieder Jossi Wielers und Sergio Morabitos phänomenale  Puritaner zu erleben

Von Peter Schlang

Vincenzo Bellini Grabmal © IOCO

Vincenzo Bellini Grabmal © IOCO

Nach fast einjähriger Pause kehrten am 21. Mai Vincenzo Bellinis Puritaner in der hoch gepriesenen Inszenierung des Hausherrn, Jossi Wieler, und seines Regiepartners, dem Chefdramaturgen der Stuttgarter Oper, Sergio Morabito, wieder auf die Bühne des Stuttgarter Opernhauses zurück. Von dort waren sie zum Ende der letzten Spielzeit nach nur sechs Aufführungen verschwunden, was nichts über die Qualität dieser Produktion, aber viel über den abwechslungsreichen und voll gepackten Spielplan der Staatsoper Stuttgart aussagt, auf deren Bühne in der laufenden Saison sage und schreibe  21 verschiedene Opern zu sehen sind bzw. waren.

So musste sich das Stuttgarter Publikum bis zu diesem zweitletzten Maisonntag gedulden, bis es Bellinis letzte Oper wieder zu sehen und zu hören bekam, die am 25. Januar 1835 am Théâtre Italien in Paris ihre umjubelte Uraufführung  erlebt hatte.

Das bewährte Leitungs-Trio – zu den bereits genannten Herren gesellte sich erneut die geniale Ausstatterin Anna Viebrock – arbeitet auch in seiner dritten Stuttgarter Bellini-Oper die psychologisch und soziologischen Verwerfungen und Tiefen mit scharfen Kontrasten, beeindruckenden, vielschichtigen Bildern und einer faszinierenden Personenzeichnung und –führung heraus. Wieler-Morabito, die gerade ihre „Silberhochzeit“ als Regiegespann begingen, sind begnadete Geschichtenerzähler, wobei sie wiederum deutlich auch Aspekte des Theaters und dessen Realitätsbrechung betonen. Ihre Opernfiguren sind nicht bloß Träger ihrer Stimme und deren Ausdruckskraft, sondern schillernde Lebewesen mit tiefen Gefühlen und bedrückender, charaktervoller  Ausdruckskraft. Unterstützt und betont wird dieses Seelenvolle der Figuren durch gekonnt eingesetzte Ausstattungsstücke wie eine Marionette, marod-verklebte Stühle oder das Spiel mit Totenschädeln.

Oper Stuttgart / Die Puritaner © A. T. Schaefer

Oper Stuttgart / Die Puritaner © A. T. Schaefer

Mit ihrem eigentlichen Bühnenbild, einem aus hohen Mauern bestehenden Raum mit Nischen, Fenstern und Balkonen, der gleichzeitig Burg, Kirche und Stadt darstellen kann, schafft  Anna Viebrock einen kongenial-düsteren äußeren Rahmen, der mit dazu beiträgt, die Seelen- und Gefühlswelt der Figuren spürbar und verstehbar zu machen. Dazu tragen auch die abgehängten, an die Wand gelehnten historischen Gemälde, die enthaupteten Heiligen- und Königsfiguren und eine rostende Eisenbrücke bei, welche die linken und die rechten Gebäudeteile, die sich im Übrigen häufig verschieben, wie eine brüchige Korsettstange  verbindet. Diese Installation setzt genauso pausenlos Assoziationen frei, wie sie auch die Beziehungen und – vor allem – die Kontraste von Musik und Handlung schonungslos offenlegt.

Gegenüber der Aufführungsserie nach der Premiere gab es einen Wechsel in der musikalischen Leitung, die nun  dem italienischen Dirigenten Manlio Benzi übertragen worden war. Er steuerte das Staatsorchester Stuttgart, das hier bei Bellini erstmals in einer italienischen Oper wie in deren französischem Pendant ganz im Vordergrund steht,  weitgehend souverän, mit feiner Agogik, gutem Gespür für Spannung und Gehalt der Partitur und durchweg brillanter musikalischer Italianità durch den Abend. Allerdings schien im stellenweise doch sein Temperament durchzugehen, so dass ihm der Orchesterklang vor der Pause an einigen Stellen zu massig geriet. Dies führte dazu, dass die, wie gleich zu beschreiben sein wird, tadellosen Sänger-Darsteller punktuell eher klanglich zugedeckt als begleitet wurden.

Oper Stuttgart / Die Puritaner © A. T. Schaefer

Oper Stuttgart / Die Puritaner © A. T. Schaefer

Die einzige beim siebenköpfigen Solistenensemble geplante  Besetzungsänderung konnte nur schauspielerisch realisiert werden, denn die für die  Rolle der Elvira vorgesehene Mirella Bunoaica hatte am Tag vor der Aufführung ein ärztliches Singe-Verbot erhalten. So spielte sie ihre Elvira stumm bzw. nur die Lippen bewegend, dafür  mit ungebremster darstellerischer Überzeugungskraft und erschütternder Intensität. Als an der Seite am Notenpult stehende Sängerin lieh die bereits bei der Premiere begeistert gefeierte und nun spontan aus dem Ausland nach Stuttgart beorderte Ana Durlovski der Rolle der Elvira und damit auch ihrer erkrankten Kollegin ihre Stimme. Wegen der langen Pause zwischen dem Premierenzyklus und der Wiederaufnahme hatte die umsichtig und verantwortungsvoll agierende Opernleitung davon abgesehen, Ana Durlovski auch schauspielerisch in die für eine Belcanto-Oper sehr anspruchsvolle Regie einzubinden. Beide Akteurinnen bewältigten ihre für sie neuen Aufgaben bravourös und ohne jeden Makel und erhielten dafür vom begeisterten Publikum sowohl Szenen- als auch stürmischen Schluss-Applaus. Dieser wurde auch den schon in der letzten Spielzeit bewährten und gelobten Stuttgarter Ensemblemitgliedern völlig zurecht  zu Teil: Die nur im ersten Akt auftretende, wie immer ohne jeden Tadel agierende Diana Haller als Enrichetta von Frankreich, Roland Bracht,  ältestes aktives Stuttgarter Ensemblemitglied, in der Rolle Lord Valtons, Elviras Vater; der albanische Bariton Gezim Myshketa als Riccardo; der polnische Bassist Adam Palka als etwas zu juvenil wirkender,  omnipräsenter Strippenzieher Giorgio, Elviras Onkel und  Vertrauter und eigentlicher Erzieher, sowie Heinz  Görig in der Rolle des Puritaner-Offiziers Bruno. Einziger Gast inmitten des Stuttgarter Ensembles ist  wieder der uruguayische Tenor Edgardo Rocha, der erneut als Arturo brillierte, und alle stimmlichen Herausforderungen bis hin zum zweigestrichenen D im Duett mit Elvira im dritten Akt unerschrocken und ungetrübt meisterte

Oper Stuttgart / Die Puritaner © A. T. Schaefer

Oper Stuttgart / Die Puritaner © A. T. Schaefer

Bleibt zum Schluss noch, das auch in dieser Aufführung phänomenale, jederzeit stimmlich wie darstellerisch ohne jeden Makel präsente zweite Kollektiv  des Abends zu würdigen, den Staatsopernchor Stuttgart, der von Johannes Knecht in genial-perfekter Weise auf seine Auftritte eingestellt worden war. Ihm werden von Bellini unzählige Chöre und turbae-förmige Einwürfe übertragen, so dass er zu den in dieser Oper meistbeschäftigten Akteuren gehört. Dabei wurden die knapp sechzig Sängerinnen und Sänger nicht nur gesangstechnisch, sondern erst recht darstellerisch bis aufs Äußerste gefordert, etwa wenn sie durch pantomimisch-artistische Verdrehungen und konvulsivische Zuckungen den Zustand der Erstarrung  und Seelen-Kälte der puritanischen Gesellschaft unterstreichen oder deren Uniformität durch balletthafte Bewegungen verdeutlichen. Sie meisterten diese und andere Aufgaben aber mit einer Überzeugungskraft und Realitätstreue, dass dem Berichterstatter angesichts dieser puritanischen Freudlosigkeit, Borniertheit und des dahinter zum Ausdruck gekommenen Fundamentalismus das Blut in den Adern gefror.

Im Jahr 1834 forderte Vincenzo Bellini in einem Brief an seinen Librettisten  Carlo Pepoli, dass  „Eine Oper …uns durch Gesang zum Weinen, Schaudern und zum Sterben bringen“ müsse. Bis auf das letzte Element setzen die „Stuttgarter Puritaner“ diese Ansprüche ohne Wenn und  Aber um, und  es wird im Nachhinein völlig klar,  warum diese Produktion entscheidend mit dazu beigetragen hat, dass die Staatsoper Stuttgart im vergangenen Jahr zum wiederholten Male zum Opernhaus des Jahres gekürt wurde.

Die Puritaner an der Oper Stuttgart: weitere Vorstellungen  27. und 29. Mai, am 2., 6., 16., 23. und 26. Juni sowie 12., 15., 17. und 24. Juli2017

Nächste Seite »