Stuttgart, Oper Stuttgart, WA Nabucco von Giuseppe Verdi, 18.02.2017

Februar 10, 2017  
Veröffentlicht unter Oper, Pressemeldung, Staatsoper Stuttgart

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Oper Stuttgart

Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG "OPER OHNE GRENZEN" © Martin Sigmund

Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG „OPER OHNE GRENZEN“ © Martin Sigmund

Nabucco von Giuseppe Verdi

 Verdis große Choroper zurück in Stuttgart 

Nabucco in Stuttgart: 18.2.2017, 18. und  25. Februar 2017, 03. | 14. | 20. | 24. März 2017, 01. | 14. | 16. April 2017

Am Samstag, 18. Februar 2017, hebt sich um 19 Uhr wieder der Vorhang für Giuseppe Verdis frühes Meisterwerk Nabucco in der Inszenierung von Rudolf Frey. Die Produktion feierte im „Verdi-Jahr“ 2013 Premiere und stand zuletzt vor zwei Jahren auf dem Spielplan der Oper Stuttgart. Marco Comin, Chefdirigent des Staatstheaters am Gärtnerplatz in München, übernimmt die Musikalische Leitung. In Stuttgart dirigierte er zuletzt die Wiederaufnahme von Verdis Luisa Miller.

 Stuttgart / Nabucco_Liang Li als Zaccaria_ Staatsopernchor  © A.T. Schaefer

Stuttgart / Nabucco_Liang Li als Zaccaria_ Staatsopernchor © A.T. Schaefer

Im Rahmen dieser Vorstellungsserie werden etliche international renommierte Solisten in Stuttgart zu Gast sein: Die Titelpartie singen Marco Vratogna (Vorstellungen im Februar), der in Stuttgart bereits als Graf Luna in Verdis Il Trovatore begeisterte, Markus Marquardt (Vorstellungen im März), der hier zuletzt als Rigoletto bejubelt wurde und Kiril Manolov (Vorstellungen im April), der ebenfalls mit den großen Partien seines Fachs an führenden Opernhäusern Europas zu Gast ist. Die Sopranistinnen Ekaterina Metlova und Anna Smirnova (alternierend als Abigaille) geben jeweils ihr Stuttgart-Debüt. Beide Künstlerinnen sangen diese Partie bereits mit großem Erfolg unter anderem an der Deutschen Oper Berlin. Anna Smirnovas jüngste Engagements beinhalten zudem die Partie der Eboli (Don Carlos) an der Metropolitan Opera, Amneris (Aida) an der Bayerischen Staatsoper und in der Arena di Verona sowie Abigaille an der Wiener Staatsoper.

Weitere wichtige Partien singen Riccardo Zanellato (Zaccaria, alternierend mit Ensemblemitglied Liang Li), Gergely Németi (Ismaele, alternierend mit Atalla Ayan) und Ezgi Kutlu (Fenena). Der Staatsopernchor Stuttgart wird wie bereits in der Premierenspielzeit von Studierenden der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart verstärkt.

Das hebräische Volk, preisgegeben der Invasion der Babylonier; die Zerstörung des Tempels und die Verschleppung ins babylonische Exil; ein König, der sich selbst zum Gott erklärt, entmachtet wird und aus Angst um seine Tochter zum Gott Israels findet: Im Kontext dieser expressiven Partitur entfaltet der berühmte „Gefangenenchor“ Va, pensiero seinen vollen Zauber als entrückter Augenblick des Innehaltens. Nabucco wurde 1842 an der Mailänder Scala mit überwältigendem Erfolg uraufgeführt und begründete Verdis Ruf, das Zeug zum führenden Opernkomponisten seiner Generation zu besitzen. PMOSt

Nabucco in Stuttgart: 18.2.2017, 18. und  25. Februar 2017, 03. | 14. | 20. | 24. März 2017, 01. | 14. | 16. April 2017

 

 

 

Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Verführung! Bolero, Dark Glow, Faun, Le Spectre, IOCO Kritik, 9.2.2017

Februar 10, 2017  
Veröffentlicht unter Ballett, Hervorheben, Kritiken, Staatsoper Stuttgart

Stuttgarter Ballett

Stuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Stuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

„Von der Lust des Begehrens und der Qual der Verführten“
 Verführung! – Stuttgarter Ballett mit grandioser Produktion 

Von Peter Schlang

Das Thema Verführung! ist so alt wie die Menschheit und damit stets präsent, sei es im gelebten und erlebten Alltag oder in den Darstellungen unterschiedlicher Kunstformen, in denen es diese Seite menschlichen Handelns zu vielfacher, wenn auch teilweise zweifelhafter Berühmtheit gebracht hat. Und so überrascht es nicht weiter, dass das Stuttgarter Ballett am 3. Februar einen Abend mit vier Werken herausgebracht hat, die sich dieser alten und bewährten Form menschlicher Kommunikation über das Medium des Tanzes annähern.

Stuttgarter Ballett / Bolero © Carlos Quezada

Stuttgarter Ballett / Bolero © Carlos Quezada

Dabei setzen die Leitung des Hauses und seine Dramaturgie mit Maurice Béjarts Bolero von 1961 bzw. 1984 auf den Ballett-Klassiker zu diesem Thema schlechthin und damit auch einen nach wie vor grandiosen Schlusspunkt eines Abends, der mit einer beachtenswerten Uraufführung der zum Haus gehörenden Choreographin Katarzyna Kozielska begonnen hatte. Im Mittelteil buhlten mit den Stuttgarter Erstaufführungen von Sidi Larbi Cherkaouis Faun und Marco Goeckes Le Spectre de la Rose zwei in jeder Hinsicht extrem unterschiedliche Versionen des Themas um Aufmerksamkeit und Zustimmung des Premierenpublikums.

Katarzyna Kozielskas Dark Glow, das man mit „Dunkles Glühen“ übersetzen kann, stellt nicht nur im Wortsinn die eher dunklen Aspekte der Verführung in den Vordergrund, sondern gerät vor dem Hintergrund aktueller politischer Entwicklungen in vielen Ländern der Welt über weite Strecken zu einer beklemmenden Parabel über die Verführungsgewalt der Politik wie der (modernen) Medien. Die im Jahr 2012 zur bemerkenswertesten Nachwuchs-Choreographin gekürte Polin, die als Halbsolistin auch aktives Mitglied der Stuttgarter Compagnie ist, setzt in ihrer dritten Arbeit für das Stuttgarter Ballett – ihrer ersten für die große Bühne des Stuttgarter Opernhauses – dabei auf eine moderne, aber stets elegante Bewegungssprache, die durchaus klassisch fundiert ist und so beispielsweise auch häufig auf den Spitzentanz zurückgreift.

Stuttgarter Ballett / Dark Glow © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Dark Glow © Stuttgarter Ballett

In einem schwarzen Bühnenraum, dessen beklemmende Wirkung durch eine düstere Lichtregie verstärkt wird, bewegen sich bis zu vier Paare, eine einzelne Tänzerin und ein aus zehn Tänzerinnen bestehendes Kollektiv zur Musik des 1975 geborenen, in England lebenden Gabriel Prokofiev, einem Enkel des berühmten russischen Komponisten Sergej Prokofiev. Dieses Auftragswerk des Stuttgarter Balletts, das in enger Abstimmung mit der Choreografin als „work in progress“ entstanden ist, liefert eine packende und stimmige musikalische Kulisse für die tänzerische Erzählung, in deren Fokus die bösartige, zerstörerische Form der Verführung und ihre möglichen Folgen für eine Gruppe stehen. Als optisches Verführungssymbol fungiert dabei ein Lichtstrahl, der Individuen in seinen Bann zieht, aber seine Versprechungen von Hoffnung, Glück und lockenden Perspektiven nicht einhalten kann.

Prokofievs Musik, die von klassischen Zitaten über Jazz-Elemente bis zu modernen Anleihen viele Aspekte berührt und unterschiedlichste Techniken einsetzt und auch die Grenzüberschreitung zur elektronischen Musik nicht scheut, zeichnet aus dem Orchestergraben zutreffend und packend die gleiche dynamische, in die Katastrophe führende Entwicklung nach, wie sie die Protagonisten auf der Bühne durchleben.
Großen Anteil an diesem fulminanten Auftakt hatten neben der kongenialen Leistung von Choreografin und Komponist und der stets packenden, äußerst präzisen wie präsenten Realisation der Partitur durch das Staatsorchester Stuttgart unter der bewährten, aber nie routiniert klingenden Leitung seines erfahrenen Ballett-Kapellmeisters James Tuggle die raffinierten Kostüme von Thomas Lempertz, die auf ihre Weise die Macht und Folgen der Verführung demonstrieren, wenn sie gegen Ende ihren in den pastellfarbenen Blusen verborgenen dunklen Kern zeigen.
Vor allem aber galt den Solo-Tänzern Elisa Badenes, Constantine Allen, Alicia Amatriain, Agnes Su, Fernanda De Souza Lopes, Elena Bushuyeva, Adhonay Soares da Silva, Matteo Miccini und Fabio Adorisio der begeisterte Beifall des Premierenpublikums, der natürlich auch die schon erwähnten Tänzerinnen des Corps de Ballett mit einschloss.

 Stuttgarter Ballett / Faun © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Faun © Stuttgarter Ballett

Im Mittelteil des Abends folgten mit Sidi Larbi Cherkaouis Faun eine Stuttgarter und mit Marco Goeckes Le Spectre de la Rose gar eine deutsche Erstaufführung. Der belgisch-marokkanische Choreograph Sidi Larbi Cherkaoui, der bereits 2015 für das Stuttgarter Ballett Strawinskys Feuervogel eingerichtet hatte, beruft sich in Faun, seiner Adaption von Vaslav Nijinskys Skandal-Erfolg L’après-midi d’un faune, nicht nur direkt auf Stephane Mallarmés Gedicht, sondern setzt auch zu großen Teilen auf Claude Debussys 1882 uraufgeführtes impressionistisches Werk Prélude à l’après-midi d’un faune. Dessen schwebenden, oszillierenden Klängen stellt er Musik des 1964 in England geborenen Nitin Sawhney zur Seite, die mit ihrem indisch-orientalischen Duktus dem Geschehen gleichsam eine zweite Ebene unterlegt und immer dann einsetzt, wenn der weibliche Teil des „Faun-Duos“ auftritt bzw. die Initiative ergreift. Dies wirkt durchweg schlüssig und erhellend, merkt man doch auch der Tanzsprache dieses Ausnahme-Choreographen den Einfluss unterschiedlicher Kulturen und Stilrichtungen an.

In seinem Faun lässt er eine Tänzerin und einen Tänzer, in Stuttgart sind dies die fabelhafte erste Solistin Hyo-Jung Kang und der ihr absolut ebenbürtige Solist Pablo von Sternenfels, alle Register der tänzerischen Verführungskunst ziehen, wobei die Ausdrucksmittel nicht selten fließend in jene des Bodenturnens und sogar der Akrobatik übergehen. Unterstützt durch die sensible Lichtregie Adam Carrées entstehen Körper-Konstellationen, die dem Zuschauer suggerieren, auf der Bühne bewege sich ein einziges Wesen, wobei die Anzahl und vor allem die Positionen einzelner Körperteile häufig im Unklaren bleiben bzw. sich so schnell verändern, dass dem Betrachter genauso schwindelig wird, wie er es für die beiden Tänzer fürchtet. Dazu besteht aber absolut kein Grund, denn die Bewegungen Kangs und Sternenfels‘ sind so organisch fließend und trotz ihres gelegentlich hohen Tempos von einer Reinheit und kreatürlichen Schönheit, dass man die im ersten Teil des Abend dargestellte zerstörerische Kraft der Verführung längst vergessen hat und nur noch gebannt dem hohen Reiz dieser Verführungslust folgt.

 Grabstätte des Tanzdenkmals V Nijinsky in Paris © IOCO

Grabstätte des Tanzdenkmals V Nijinsky in Paris © IOCO

Dieses hohe Niveau kann Marco Goeckes Le spectre de la Rose, ebenfalls eine Verneigung vor dem Tanzdenkmal Nijinski und den „Balets Russes“ und 2009 zu deren 100. Geburtstag in Monte Carlo uraufgeführt, leider nicht durchgehend halten.  Zu einseitig und ideenarm ist seine Körpersprache, die sich überwiegend in stark überzeichneten, abgehackten Bewegungen der Hände und des Kopfes erschöpft und deren Wirkung nach wenigen Minuten verblasst. Auch wenn bzw. gerade weil man den modernen Stil dieses jungen Stuttgarter Haus-Choreographen kennt und von anderen, deutlich besseren Arbeiten schätzt, kommt an diesem Abend schnell ein Gefühl der Ermüdung und der Langeweile auf, und man lässt seinen Blick unweigerlich von den ständig flatternden Händen hinunter zu den Beinen und Füßen der Tänzerinnen gleiten, wo sich einem aber ebenfalls trotz einiger netter Einfälle keine wirkliche Abwechslung und Anregung bietet.

An den fabelhaften Agnes Su und Adam Russell-Jones und ihren nicht minder jederzeit präsenten sechs Kollegen liegt die begrenzte Wirkung dieses Balletts auf keinen Fall, denn sie setzen die Vorgaben des Ballett-Rebellen Goecke kompromisslos und mit großer Hingabe um. Auch ist die vom Choreographen selbst und Michaela Springer gestaltete Bühne ein durchaus anregender Ort für den Traum des Mädchens von der Rose, die sich hier in unzähligen auf den Bühnenboden regnenden und an den Beinen und Armen des Solotänzers befestigten Blütenblättern multipliziert. Und schließlich tragen auch die Lichtregie Udo Haberlands und die musikalische Umsetzung von Carl Maria von Webers berühmter Aufforderung zum Tanz, der als zweites Stück Webers Der Beherrscher der Geister zur Seite gestellt wurde, durch das Stuttgarter Staatsorchester dazu bei, dass dann doch auch dieser dritte Teil des neuen Stuttgarter Ballettabends sein das durch dessen Titel verheißene Versprechen einhalten kann.

Stuttgarter Ballett / Le Spectre de la Rose © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Le Spectre de la Rose © Stuttgarter Ballett

Dass dies ohne jeden Abstrich für das letzte, nach der zweiten Pause zu sehende Stück gilt, den seit Juli 1984 zum Repertoire des Stuttgarter Balletts gehörenden Bolero, bedurfte keines Beweises mehr. Drei Generationen „Stuttgarter Tänzerinnen und Tänzer“ begeisterten schon viele Tausende von Ballettfreunden und überzeugten diese von der noch immer ungeheuren Spannung, Faszination, und eben auch Verführungskraft, die Maurice Béjarts 1961 beim Balet du XXe Siècle in Brüssel uraufgeführte geniale Choreografie ausstrahlt. Es ist immer wieder erstaunlich, wie originell, modern, verführerisch und mitreißend dieses Meisterwerk des französischen Großmeisters der Ballettkunst damals schon war und noch immer ist. Friedemann Vogels Interpretation fügt sich hier ohne Bruch und Makel in die beachtliche Reihe seiner Vorgängerinnen und Vorgänger ein, wobei sich beim Betrachter durchaus die Frage einstellen kann, ob der Protagonist, der Ravels Musikvorlage, diese in Musik gegossene Ektase, dieses zwanzigminütige atemberaubende Crescendo, so hinreißend auf den roten Tisch bringt, nun Verführer oder selbst Verführter ist.

Am Ende des 150minütigen Programms gab es langanhaltenden Applaus, ja großen Jubel vom Premierenpublikum, unter das sich viel Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kultur gemischt hatte. Er galt einem Ballettabend, der von höchster künstlerischer und ästhetischer Qualität ist und ein eindrucksvolles Zeugnis von der Verführungskraft des Tanzes, der Musik, ja der Kunst im Allgemeinen ablegt – und der auch eine unwiderstehliche Verführung zum Zuschauen darstellt.    Von Peter Schlang

Verführung! – Stuttgarter Ballett: Weitere Aufführungen am 11., 14., 23., 27. und 28. Februar sowie am 4. und am 7. März 2017

 

Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Krabat – Plädoyer für Zivilcourage, IOCO Kritik, 21.1.2017

Januar 23, 2017  
Veröffentlicht unter Ballett, Hervorheben, Kritiken, Staatsoper Stuttgart

Stuttgarter Ballett

Stuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Stuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Stuttgarter Ballett fesselt: Krabat von Demis Volpis

 „Plädoyer für Zivilcourage, Empathie und Achtsamkeit“ 

Von Peter Schlang

„Es steht eine Mühle im Schwarzwälder Tal, die klappert so leis vor sich hin…“   ist eines jener Volkslieder, die neben weiteren Liedern und zahlreichen anderen Äußerungen bzw. Darstellungen in allen Kunstformen bis heute das Leben von Müllerin und Müller verklären und vom Leben und von der Arbeit in einer Mühle ein eher romantisches Bild zeichnen.

Stuttgarter Ballett / Krabat - Elisa Badenes als Kantorka - Alicia Amatriain als Worschula - Ensemble © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Krabat – Elisa Badenes als Kantorka – Alicia Amatriain als Worschula – Ensemble © Stuttgarter Ballett

Ganz anders stellt der 2013 verstorbene Otfried Preußler den Alltag in einer Mühle in seinem autobiografisch gefärbten Roman Krabat  dar, der Demis Volpi als Vorlage für sein gleichnamiges erstes Handlungsballett diente, das im März 2013 am Stuttgarter Ballett uraufgeführt wurde. Nachdem sich Krabat seinerzeit sehr schnell zum absoluten Publikumsmagneten entwickelt hatte, stand er zwei Jahre nicht mehr auf dem Spielplan des Stuttgarter Balletts, zu dessen Haus-Choreograf Demis Volpi inzwischen aufgestiegen ist. Am vergangenen Wochenende erlebte dieses in Tanz übersetzte Plädoyer für Menschlichkeit und ein mutiges Eingreifen in Missstände im Stuttgarter Opernhaus seine Wiederaufnahme und erwies sich dabei angesichts der neueren gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen als noch be(d)rückender und aktueller, als es das Ballett zum Zeitpunkt seiner Entstehung schon war. Es bedarf keiner großen Prophetengabe, um vorauszusagen, dass die Geschichte um den Müllerburschen Krabat auch dieses Mal die Besucher in Scharen anziehen und vielleicht sogar neue Besucherrekorde aufstellen wird.

Stuttgarter Ballett / Krabat - Elisa Badenes als Kantorka - David Moore als Krabat © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Krabat – Elisa Badenes als Kantorka – David Moore als Krabat © Stuttgarter Ballett

Einen großen Anteil daran kann neben der eigentlichen Ballett-Vorstellung und der dem Erfolg dieses Abends eine weitere Grundlage schenkenden Musik dem von Katharina Schlipf geschaffenen Bühnenbild zugeschriebenen werden. Die in Rottweil geborene Bühnen- und Kostümbildnerin, die schon mehrere Male mit Demis Volpi zusammengearbeitet hat, baute für alle drei Akte den aus mehreren hundert Mehlsäcken bestehenden fensterlosen Innenraum der Mühle nach. Dieser wirkt wie eine dunkle, gewaltige Mauer und wird in Wahrheit für die je zwölf Müllergesellen und ihre Seelen auch zu einem bedrohlichen, unüberwindbaren Gefängnis. Die ungeheure Wirkung dieses lebensfeindlichen, hermetischen Gevierts wird durch die fabelhafte Lichtregie der in Kanada lebenden Licht-Designerin Bonnie Beecher meisterhaft ergänzt und verstärkt. Sie taucht das riesige Sackgebirge in fahle, düstere Schattierungen, die, selten durch hellere Einsprengsel lebenswerter erscheinend, nicht nur das Dunkle und Gefährliche der Mühle betonen, sondern auch den Seelenzustand der dort zur Arbeit gezwungenen jungen Burschen widerspiegeln.

In dieser düsteren, an ein Arbeitslager erinnernden Umgebung erzählt der 1985 in Argentinien geborene Choreograf und Tänzer einfühlsam und spannend die Geschichte des Waisenjungen Krabat, der wie andere Jungen seines Alters und in ähnlicher Situation den Verführungskräften des (Müller-)Meisters erliegen und in jene geheimnisvolle Mühle eintreten, in der sie nicht nur das Müllerhandwerk erlernen sollen. Vielmehr werden sie dort auch in der „Kunst der Künste“, der Schwarzen Magie, unterrichtet und ketten sich dafür in Wahrheit unentrinnbar an ihren Lehrmeister. Erst nach und nach erkennen die Müller- und Zauberer-Gesellen, welche Auswirkungen dies für sie hat und dass die sich jährlich wiederholende Opferzeremonie nur den schrecklichsten Teil des Preises darstellt, den sie dafür zahlen müssen, dass sie sich dem Müller und seinen dunklen Machenschaften ausgeliefert haben. Indem sie sich aber als unfähig zeigen, die wahren Hintergründe zu erkennen und erst recht keinen Willen entwickeln, selbst dagegen vorzugehen, werden der Roman Preußlers und das Ballett Volpis zur Parabel von den verhängnisvollen Folgen des Wegsehens und der Weigerung, sich der Wirklichkeit zu stellen und diese zu verändern. Stattdessen verschließen die so Gebeutelten die Augen vor der unbequemen Realität und richten sich mehr oder weniger bequem im Status Quo ein, in fatalem Irrtum darauf hoffend, dass es für einen selbst schon gut ausgehen wird. Erst Krabat, unterstützt von einigen wenigen Leidensgenossen, durchschaut das schreckliche Spiel und weigert sich, die scheinbar unausweichlichen Grausamkeiten in der Mühle zu ignorieren und damit zu tolerieren. Dabei gibt ihm die Liebe eines Mädchens, der nach ihrer Rolle als Vorsängerin eines Chores genannten Kantorka, die Kraft, den Bann und den menschenverachtenden Rigorismus des Meisters zu besiegen und für sich und die anderen noch lebenden Müllergesellen die Freiheit und Selbstbestimmung zurückzugewinnen.

Damit stellt die Handlung die gerade auch heute sehr aktuelle und anspruchsvolle These auf, dass es zu allen Zeiten mutiger Menschen bedarf, die nicht weg-, sondern genau hinschauen und gemeinsam den Mut aufbringen, erkanntes Unrecht klar zu benennen und die dafür Verantwortlichen mindestens an den Pranger zu stellen, besser noch, ihnen das Handwerk zu legen. Damit wandelt sich die getanzte, in beeindruckende Bilder übersetzte Erzählung zur Hoffnung gebärenden Aufforderung, eine Situation mutig zu verändern und damit die darin verstrickte Gruppe oder Gesellschaft zu befreien.

Zur tänzerischen Umsetzung dieses Appells schuf Demis Volpi eine vielschichtige Choreografie mit modernen, Kraft und Körpereinsatz betonenden Elementen, welche ausgesprochen gut zur dargestellten Arbeitswelt in der Mühle passt und die körperlichen und seelischen Befindlichkeiten der dort geknechteten zwölf Müllergesellen sehr drastisch und äußerst glaubhaft veranschaulicht. Dabei setzt er auf eine für das klassische Ballett nicht selbstverständliche starke und plastische Gestik, die abschnitts- und situationsweise auch typisch pantomimische Elemente einsetzt. Diese verbindet er jedoch gekonnt, ohne Brüche und mit sicherem Instinkt mit alten und bekannten Stilmitteln des klassischen Balletts.

Stuttgarter Ballett / Krabat - Myriam Simon als Herr Gevatter - Roman Novitzky als Der Meister © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Krabat – Myriam Simon als Herr Gevatter – Roman Novitzky als Der Meister © Stuttgarter Ballett

Dass Volpi und dem Stuttgarter Ballett zur Umsetzung seines Konzepts nicht nur die nötigen technischen Mittel, sondern vor allem die dazu unerlässlichen Tänzerinnen und Tänzer von höchster Qualität und damit auf international allerhöchstem Niveau zur Verfügung stehen, dürfte kein großes Geheimnis sein. Allerdings ist es beglückend und faszinierend zu sehen, wie die an diesem Abend zu erlebenden Tänzerinnen und Tänzer dieses hohe Versprechen eines ungetrübten Tanz-Theater-Vergnügens einlösen. Da sind auf der dunklen Seite zunächst Myriam Simon, die in der nicht einfach auszufüllenden Rolle des Herrn Gevatter ein beeindruckendes Rollendebüt gibt, sowie Roman Novitzky als Meister zu nennen, der fast omnipräsent die Fäden in der Hand hält und in einer Mischung aus rigoroser, süffisanter und zynischer Haltung zum Prototyp des Lenkers, Strippenziehers und Ausbeuters wird. Unnachahmlich etwa, wie er zu Beginn der drei Akte den jeweils neu angelockten Jung-Gesellen verführt, für seine Zwecke abrichtet und auf die nur ihm dienenden Verhältnisse in der Mühle vorbereitet, die immer mehr als Ort der Vernichtung entlarvt wird, an dem Menschen und jegliche Menschlichkeit buchstäblich zermahlen werden. Wie schon bei der Premiere vor fast vier Jahren bilden der Krabat David Moores und die Kantorka von Elisa Badenes, beides erste Solisten der Stuttgarter Compagnie, ein helles, das Leben betonende Gegengewicht zur bedrohlichen Figur des Meisters und überzeugen in jeder Szene durch ihre mentale wie körperliche Präsenz und die teilweise atemberaubende Umsetzung von Volpis Konzept. David Moore besticht dabei durch seine jugendliche Kraft, Lebensfreude und Unerschrockenheit, während Elisa Badenes durch ihre zarte, sehr mädchenhafte Darstellung betört, die zwischen wohltuender Naivität und bezwingender Entschlusskraft changiert und glaubhaft macht, warum sie in jeder Hinsicht die ideale Partnerin Krabats ist.

Stuttgarter Ballett / Krabat - David Moore als Krabat - Roman Novitzky als Der Meister © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Krabat – David Moore als Krabat – Roman Novitzky als Der Meister © Stuttgarter Ballett

Auch Marti Fernadenz Paixa, der erstmals Krabats Freund Tonda verkörpert, und die bereits als dessen Geliebte Worschula erfahrene Alicia Amatrian begeistern durch ihre starke Präsenz und Vielseitigkeit ihrer tänzerischen Ausdrucksmöglichkeiten und drücken so über weite Strecken dem ersten Akt ihren Stempel auf. Einen äußerst starken Auftritt darf man auch Ami Morita als Pumphutt bescheinigen, die/der sich im 2. Akt einen spektakulären und alle fesselnden Kampf mit dem Meister liefert.
Mit die stärksten und wirkungsvollsten Momente des Abends dürften jedoch die Arbeitsszenen in der Mühle sein, bei denen elf männliche Mitglieder des Corps de Ballett bzw. Eleven nach allen Regeln der Tanzkunst deutlich machen, welche Mühe, ja Drangsal der Arbeitsalltag unter dem Meister für die jungen Männer bereithält.

Zur Vervollkommnung dieses Ballettereignisses und zur Komplettierung seiner Beschreibung fehlt nun noch als wesentliche Komponente die Musik. Diese kommt, wie in allen Stuttgarter Ballettproduktionen, live aus dem Orchestergraben, wo der langjährige Musikdirektor des Stuttgarter Balletts, James Tuggle, das Staatsorchester nicht nur als meisterhaften Begleiter der Tänzerinnen und Tänzer sicher durch den Abend führt. Er entlockt dem Orchester vielmehr auch eine hohe musikalische Gestaltungskraft, welche die eigenständige Wirkung der ausgewählten Musikstücke eindrucksvoll hervorhebt. Die für den Krabat getroffene Musikauswahl, allesamt Werke des 20. und 21. Jahrhunderts, erweist sich dabei erneut als packend wie stimmig, egal, ob es sich um die kammermusikalischen Werke des lettischen Komponisten Peteris Vasks, die sinfonischen Sentenzen Krzysztof Pendereckis oder die drei Auszüge aus Instrumentalkonzerten des amerikanischen Minimalisten Philip Glass handelt. Ihre ganz eigene Wirkung entfaltet zu den Arbeitsszenen in der Mühle die in einer echten und noch aktiven Mühle in der Nähe Stuttgarts aufgenommene „Mühlenmusik“. Dieses „Mühlenklappern“, das Klackern des Mahlwerks und andere typische Arbeitsgeräusche einer Mühle illustrieren in beklemmender Weise die Perversion der Arbeit, der sich die Müllergesellen ausgesetzt sehen.

Zusammenfassend darf man den Krabat des Stuttgarter Balletts getrost als begeisterndes Gesamtkunstwerk preisen, welches auf eindrucksvolle Weise und äußerst aktuell den hohen Wert der Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen, aber auch deren leichte Verletzlichkeit demonstriert. Von Peter Schlang, 20.1.2017

Karbat an der Staatsoper Stuttgart: Weitere Vorstellungen 16. und 19. Februar sowie am 11., 17., 18., 27. und 29. März 2017

Stuttgart, Oper Stuttgart, Neujahrskonzert-Dennis Russell Davies dirigiert, 01.01.2017

Dezember 27, 2016  
Veröffentlicht unter Konzert, Pressemeldung, Staatsoper Stuttgart

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Oper Stuttgart

Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG "OPER OHNE GRENZEN" © Martin Sigmund

Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG „OPER OHNE GRENZEN“ © Martin Sigmund

Mit Witz und Walzern

Neujahrskonzert des Staatsorchesters Stuttgart

Für das festliche Neujahrskonzert am Sonntag, 1. Januar 2017, um 17 Uhr im Opernhaus kehrt zum Jahresauftakt 2017 der ehemalige Generalmusikdirektor Dennis Russell Davies nach 30 Jahren ans Dirigentenpult des Staatsorchesters Stuttgart zurück. Der Amerikaner bringt schwungvolle und mit Witz gewürzte Musik aus seiner alten Wahl-Heimat Deutschland und seiner neuen Wahl-Heimat Österreich mit. Gemeinsam mit dem Posaunisten Mike Svoboda bringen die Musiker Werke von Richard Strauss, Kurt Schwertsik, Hans Werner Henze und Joseph Haydn zu Gehör.

Oper Stuttgart / Mike Svoboda © Michael Fritschi

Oper Stuttgart / Mike Svoboda © Michael Fritschi

„Stürmisch bewegt“ beginnt das Staatsorchester das neue Jahr mit der Rosenkavalier-Suite, in der Richard Strauss die populärsten Themen seiner gleichnamigen Oper zusammengefasst hat. Strauss‘ Wiener Walzerseligkeit hallt in Hans Werner Henzes schmissig-packender Ouverture zu einem Theater wider, während Posaunen-Virtuose Mike Svoboda in Kurt Schwertsiks Mixed Feelings hinterlistigen Humor beweist. Joseph Haydns Sinfonie Nr. 86 – für das einst größte und beste Orchester Europas geschrieben, die „Loge olympique“ in Paris – sorgt mit Pauken und Trompeten für festlichen Glanz und ist ein sprühende Laune verströmender Kehraus in den Neujahrsabend.

Einführung zum Neujahrskonzert mit Rafael Rennicke, Dramaturg der Oper Stuttgart, um 16.15 Uhr im Opernhaus, Foyer I. Rang.  PMOSt

Programm  
Richard Strauss: Rosenkavalier-Suite (1945)
Kurt Schwertsik: Mixed Feelings (Gemischte Gefühle). A concerto for trombone and orchestra op. 84 (2001) – Deutsche Erstaufführung
Hans Werner Henze: Ouverture zu einem Theater (2012)
Joseph Haydn: Sinfonie Nr. 86 D-Dur (1786)

 

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