Osnabrück, Theater am Domhof, Die Zirkusprinzessin – Operette mit Trauerrand, IOCO Kritik, 13.12.2017

Dezember 13, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Operette, Theater Osnabrück

theater_osnabrueck_logo

Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

.

Die Zirkusprinzessin von Emmerich Kálmán

„Mit schlimmen Schicksalsschlägen fertig werden“

 Von Hanns Butterhof

Emmerich Kálmán muss den Ersten Weltkrieg übersehen haben. Diesem Eindruck kann man sich nicht entziehen, wenn man zur Zeit seine Operetten Die Zirkusprinzessin in Osnabrück wie Die Csárdásfürstin von 1915 im benachbarten Münster besucht. In beiden Aufführungen wird Kálmán entschieden korrigiert, der Krieg auf die Bühne gebracht und ein happy end verweigert; beide Inszenierungen tragen „einen Trauerrand“.

Als Die Zirkusprinzessin 1926 in Wien uraufgeführt wurde, war der Erste Weltkrieg gerade ein paar Jahre vorbei. So ist das große Thema der Zirkusprinzessin das Fertigwerden mit schlimmen Schlägen des Schicksals und fürs Herz die Hoffnung, dass schon alles wieder gut wird. Im Theater am Domhof traut die Regie Sonja Trebes‘ dem Operettenoptimismus nicht.

Theater Osnabrück / Die Zirkusprinzessin - hier: Sie lieben sich, Susann Vent-Wunderlich und Ralph Ertel als Fürstin Fedora und Mr. X. © Jörg Lewandowski

Theater Osnabrück / Die Zirkusprinzessin – hier: Sie lieben sich, Susann Vent-Wunderlich und Ralph Ertel als Fürstin Fedora und Mr. X. © Jörg Lewandowski

Vom Schicksal geschlagen ist Fedja Palinski (Ralph Ertel). Er hatte es gewagt, sich in die künftige Frau seines mächtigen Onkels zu verlieben. Der enterbte Palinski und zerstörte dessen militärische Laufbahn; sozial abgestürzt tritt er nun als Mr.X beim Zirkus auf. Diese Frau, Fürstin Fedora Palinska (Susann Vent-Wunderlich), ist nun Witwe und wegen ihres ungeheuren Reichtums heiß begehrt. Unter etwas schwer nachvollziehbaren Umständen verlieben sich die beiden, und es liegt ein happy end mit echter Liebesheirat statt Vernunftehe in der Luft.

Dass das nicht klappt, liegt an einer fiesen Intrige des Prinzen Sergius Wladimir (Jan Friedrich Eggers), der es selber auf das Vermögen Fedoras abgesehen hat. Er hat Mr.X völlig unnötig dazu bewogen, sich bei der Fürstin als Prinz Korrossoff einzuführen. Als er nach der Heirat seine Zirkusidentität offenbart, weist ihn Fedora zurück.

Das war von der Fürstin nicht zu erwarten, die Susann Vent-Wunderlich als sehr sympathische Figur stimm- und ausdrucksstark spielt. Bei ihr war Standesdünkel eigentlich kein Thema. Auch dass sie sofort von Wladimir als „Zirkusprinzessin“ geschmäht, von Husaren respektlos begrapscht wird und offenbar sofort ihr Vermögen verliert, erschließt sich nicht wirklich.

Theater Osnabrück / Die Zirkusprinzessin - hier Susann Vent-Wunderlich ist die Zirkusprinzessin © Jörg Landsberg

Theater Osnabrück / Die Zirkusprinzessin – hier Susann Vent-Wunderlich ist die Zirkusprinzessin © Jörg Landsberg

Zu deutlich und sichtlich nicht stimmig will die Regisseurin weg von der märchenhaften Operettenseligkeit. Schon Prinz Wladimir ist mafiös mit einer schwerbewaffneten Privatarmee, die sich, weniger lustig, reihenweise an den Frauen vergeht. Im dritten Akt ist Fedora auch noch auf der Straße gelandet, wo sie zudem beraubt wird. Mit Explosionen bricht gar der Krieg ein, und wenn es doch zu überraschenden Heiraten von Nebenfiguren kommt, so bleibt das Ende für das Liebespaar doch offen; nichts da fürs Herz.
Bis dahin gibt es jedoch auf der erst zirkusbunten, dann dunkleren Bühne (von Nanette Zimmermann) phantasievolle Kostüme (von Linda Schnabel) und eine turbulente Haupt- und Nebenhandlung mit abwechslungsreicher, eingängiger Musik. Neben Susann Vent-Wunderlich gefalllen vor allem der elegante, warme Tenor Ralph Ertel, die lebensfrohen Soubrette Gabriella Guilfoiol und ihr Buffo-Partner Mark Hamman, während der von Markus Lafleur einstudierte Chor sich spielfreudig durch den Abend schmettert.
Daniel Inbal und das Osnabrücker Symphonieorchester retteten schwungvoll die Operettenseligkeit und erhielten mit allen Beteiligten den langen Beifall des Premierenpublikums.

Theater Osnabrück – Die Zirkusprinzessin:  Weitere Vorstellungen  15.12.2017 um19.30 Uhr. Silvester 15.00 und 19.00 Uhr und am 5.1 und 10.1.2018 um19.30 Uhr.

 Theater im Domhof – Karten Hier
Karten Kaufen

Osnabrück, Theater am Domhof, Tanzstück „Home sweet home“ von Mauro de Candia, IOCO Kritik, 22.11.2017

November 22, 2017  
Veröffentlicht unter Ballett, Hervorheben, Kritiken, Theater Osnabrück

theater_osnabrueck_logo

Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Mauro de Candia vertanzt Kafkas Brief an den Vater

Albtraum vom trauten Heim

Von Hanns Butterhof

Sicher nicht zufällig in dieser Zeit der Unsicherheit mit ihrer Sehnsucht nach Geborgenheit, Heimat und einer starken Führung durch die Unübersichtlichkeit hat Osnabrücks Tanzchef Mauro de Candia Franz Kafkas düsteren „Brief an den Vater“ zum Anlass für sein neues Tanz-Stück „Home Sweet Home“ genommen. Es zeigt einen Albtraum.

Der Titel „Home Sweet Home“ ist reine Ironie. Der eineinhalbstündige Tanzabend zeigt statt einer wohligen Heimstatt das quälend enge Beziehungsgefüge einer Familie, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Zu Beginn steht Marine Sanchez Egasse im dunkelroten Kleid am Fenster und schaut lange hinaus. Sie ist die Mutter, und schon sie deutet eine verhohlene Sehnsucht an, hinauszukommen aus dem noch im Dunkel liegenden Raum, dessen immer wieder verführerisch glänzende Tür nach draußen weit hinten liegt (Bühne, Kostüme, Licht: Mauro de Candia).

Theater Osnabrück / Dramaturgin Patricia Stoeckemann und Tanzchef Mauro de Candia © Hanns Butterhof

Theater Osnabrück / Dramaturgin Patricia Stoeckemann und Tanzchef Mauro de Candia © Hanns Butterhof

Dort sitzt der Vater im grauen Anzug am Kopfende eines Tischs, der stocksteife Oleksandr Khudimov, der mit militärisch ruckartigen Bewegungen die Familie dirigiert, ab und zu mild gebremst von seiner Frau. Links von ihm, an der Längsseite, sitzt seine Tochter, die ängstlich verdruckste Cristina Commisso. Lennart Huysentruyt ist der Sohn, das Ich des Stücks, dessen Perspektive erzählt wird. Er liegt in Jeans und einem gelben Rollpullover abseits des Tisches auf dem Boden, während von überall her Stimmen auf ihn eindringen. Wenn er sich geduckt an den Tisch setzt, erscheint ihm der gegenüber sitzende Vater wie ein Raubtier, das zum Sprung auf ihn gespannt ist.

Theater Osnabrück / Tanzstück Home sweet home - hier vlnr Oleksandr Khudimov, Marine Sanchez Egasse, Cristina Commisso, Lennart Huysentruyt © Jörg Landsberg

Theater Osnabrück / Tanzstück Home sweet home – hier vlnr Oleksandr Khudimov, Marine Sanchez Egasse, Cristina Commisso, Lennart Huysentruyt © Jörg Landsberg

Es wird für den unter der Dominanz des Vaters leidenden Sohn keinen Ausweg geben, so sehr er sich quält. Auch wenn der Vater Gesten, Ansätze der Beziehungsaufnahme zeigt, zieht er die krampfenden Hände doch wieder zurück. Er demonstriert stattdessen mit kraftvollem Ausschreiten des Raums im Marschtakt seinen Anspruch auf die Herrschaft und verdrängt den Sohn sogar von der Türe, bis der sich Schutz suchend unter dem Tisch verbirgt.
Eifersüchtig und gedemütigt beobachtet er, wie der Vater mit der Mutter tanzt und dabei seine männliche Überlegenheit herauskehrt.
Nur in einer Szene nähert sich die Schwester zaghaft, auf Umwegen, dem verloren dasitzenden Bruder. Sie lockt ihn aus seiner Apathie, indem sie den Platz des Vaters und so dessen Bild verdeckt. Erst da lässt er ihre Nähe zu, und sie kommen für einen Moment zu einem wunderbar ruhigen Duett zusammen.

Theater Osnabrück / Tanzstück Home sweet home - hier Drückende Dominanz des Vaters Lennart Huysetruyt und Oleksandr Khudimov © Jörg Landsberg

Theater Osnabrück / Tanzstück Home sweet home – hier Drückende Dominanz des Vaters Lennart Huysetruyt und Oleksandr Khudimov © Jörg Landsberg

Zu meist quälend atonaler Musik von Alfred Schnittke bis zu György Ligeti wiederholt sich mit wechselndem tänzerischen Ausdruck das Ertragen dieser unerträglichen Beziehungen, denen der Tanz in seiner Wortlosigkeit genau entspricht.

Da ist nur zu verständlich, dass sich das Bewusstsein des Sohns aus der Wirklichkeit in eine Phantasiewelt verabschiedet. Zu Vogelgezwitscher tauchen ganz in Schwarz gekleidete, gesichtslose Gestalten (Dance Company) auf, die sich bewegen wie er, die ihn schützend umringen, ihn tragen, auf den Kopf stellen und schließlich seine Welt mit Wänden von seinem untrauten Heim abtrennen, aus dem es für ihn kein Entkommen gibt.
Vielleicht hätte de Candia nicht auf Kafkas „Brief an den Vater“ als Anlass für seinen Tanzabend hinweisen sollen. Dieser Hinweis verengt leicht den Blick auf das Stück und lenkt ihn auf die mehr oder weniger genaue Umsetzung der persönlichen Umstände Kafkas. Andernfalls käme die allgemeine Aussage des Stücks deutlicher in den Blick, dass die Sehnsucht nach Geborgenheit im trauten Heim, nach fester Führung durch den guten Führer zumeist nicht in eine Phantasiewelt, sondern in den Albtraum führt.

Nach anderthalb Stunden pausenlosen Tanzes gab es anhaltenden Beifall des Premierenpublikums für die ausdrucksstarken Tänzerinnen und Tänzer wie auch Mauro de Candia und seine Dramaturgin Patricia Stöckelmann.

Tanzstück Home sweet home im emma-Theater des Theater Osnabrück: Die nächsten Termine:22., 24., 26. und 30.11.2017, jeweils 19.30 Uhr

 Theater im Domhof – Karten Hier
Karten Kaufen

Osnabrück, Theater Osnabrück, Medea – Projekt mit Theatro Avenida Maputo, IOCO Bericht, 05.11.2017

November 4, 2017  
Veröffentlicht unter Kritiken, Schauspiel, Theater Osnabrück

theater_osnabrueck_logo

Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

   Projekt „Medea“ – Theater Osnabrück auf Lesereise

Barbarische Vergeltung für barbarischen Umgang

Von Hanns Butterhof

Das Theater Osnabrück traut sich was. Seine Wiederentdeckungen im Musiktheater wie Walter Braunfels’ „Die Vögel“ (1918) oder Manfred Gurlitts „Soldaten“ (1930) schlugen ein, Hans Gáls Oper „Das Lied der Nacht“ (1926) aus der Spielzeit 2016/17 ist im aktuellen Jahrbuch der Zeitschrift Opernwelt als „Wiederentdeckung des Jahres“ nominiert. Jetzt wagt sich das Osnabrücker Schauspiel an ein Kooperationsprojekt mit dem Teatro Avenida aus Mozambiques Hauptstadt Maputo. Ein gemischtes Ensemble aus beiden Häusern soll den „Mythos Medea“ erkunden.

 Theater Münster / Medea - hier Maike Jüttendonk 2014 als Medea im Theater Münster © Oliver Berg

Theater Münster / Medea – hier Maike Jüttendonk 2014 als Medea im Theater Münster © Oliver Berg

Medea ist ohne Frage eine Figur von heute, obwohl ihre tragisch gescheiterte Integrationsgeschichte schon 431 vor unserer Zeitrechnung von dem griechischen Dramatiker Euripides auf die Bühne gebracht wurde. Die Frau aus Kolchis am Schwarzen Meer, für die damalige zivilisierte Welt ein Ort tiefster Barbarei, hatte dem griechischen Abenteurer Jason geholfen, das Goldene Vlies, ein kolchisches Heiligtum, zu stehlen. Sie war dann mit ihm nach Griechenland geflohen, hatte ihm zwei Kinder geboren und wurde schließlich von ihm zugunsten einer jungen, äußerst zivilisierten Königstochter verlassen; sie selber sollte ausgewiesen werden. Bei ihrer Rache lässt sie zwar Jason am Leben, tötet aber die Prinzessin und deren für die Ausweisung verantwortlichen Vater sowie die gemeinsamen Kinder, eine Barbarei, die sich als Vergeltung für das barbarische Unwesen der Zivilisation an der Fremden verstehen lässt.

Auf das Ergebnis der Kooperation der beiden Theater, das am 18. Februar unter dem Titel „Medea2“ Premiere feiert, darf man gespannt sein. Zur Einstimmung bietet das Theater Osnabrück an ungewöhnlichen Orten eine Lesereise mit dem Roman „Schande“ des südafrikanischen Autors J.M. Coetzee an. Die vierteilige Lesereise startet am 16. November um 20.00 Uhr im Vorlesungssaal der Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität, geht am 18. Januar 2018 im Bischofshaus und am 1. März im Lortzinghaus weiter und endet am 5. April im Atelier m82.

Die Termine im Überblick:
1.Station: Tiefer Fall. 16.11.2017, 20.00 Uhr, Universität Osnabrück, Neuer Graben 40.
2. Station: Hunde. 18.1.2018, 20.00 Uhr, Bischofshaus, Große Domsfreiheit 8.
3. Station: Verbrannt. 1.3.2018, 20.00 Uhr, Lortzinghaus, An der Katharinenkirche 3.
4. Station: Ein guter Mensch. 5.4.2018, 20.00 Uhr, Atelier m82, Martinistr. 82.

Karten zu 5 Euro an der Theaterkasse, Tel. 0541-7600076 oder karten@theater-osnabrueck.de und an der Abendkasse.

 Theater im Domhof – Karten Hier
Karten Kaufen

Osnabrück, Theater am Domhof, Theaterfestival „Spieltriebe“ – Valerie Solanas, IOCO Kritik, 05.09.2017

theater_osnabrueck_logo

Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

 

Mit dem Geschlechter-Sujet in die Spielzeit 2017/18

Osnabrücker Theaterfestival  „Spieltriebe“

Von Hanns Butterhof

Kurz bevor ernstere Entzugserscheinungen einsetzen, legt das Theater Osnabrück wieder los und eröffnet die Spielzeit 2017/18 mit dem bewährten Theaterfestival „Spieltriebe“. Seine Leitgedanken sind Macht*Spiel*Geschlecht und drehen sich um die Frage nach der Konstruktion von Geschlecht.

Die „Spieltriebe“ präsentieren 12 neue Stücke. Wie schon die sechs vorherigen Male hat das Publikum die Auswahl aus fünf verschiedenen Routen, die teils an ungewöhnlichen Spielorten stattfinden, an denen jeweils zwei bis drei Stücke gezeigt werden. Alle Routen beginnen im Theater am Domhof mit dem Stück „Valerie Solanas – Präsidentin von Amerika!“  von Sara Stridsberg.

Es ist zu hoffen, dass die Produktionen der „Spieltriebe“ es schaffen, das nun auch nicht mehr so ganz frische Geschlechter-Thema von originellen Seiten zu beleuchten und das Publikum mit Theater statt mit Thesen zu bewegen. Zumindest was die Originalität betrifft, ist Sara Stridsbergs „Valerie Solanas – Präsidentin von Amerika!“ eine passendes Eröffnungsstück.

Theater Osnabrück / Valerie Solanas - Valerie Solanas wird von ihrer Mutter nicht beschützt - Maria Goldmann und Cornelia Kempers © Marek Kruzewski

Theater Osnabrück / Valerie Solanas – Valerie Solanas wird von ihrer Mutter nicht beschützt – Maria Goldmann und Cornelia Kempers © Marek Kruzewski

Alptraum der Präsidentschaft der Frau, die auf Andy Warhol schoss

Sara Stridsbergs Stück „Valerie Solanas- Präsidentin von Amerika!“ versucht, die flirrenden Erinnerungen der sterbenden radikalen Feministin einzufangen, die 1968 auf Andy Warhol geschossen hat. Die so grundsätzlich subjektiv verzerrten Szenen irritieren und hinterlassen einige Ratlosigkeit.
In einen weißen Hausanzug gekleidet liegt Valerie Solanas (Maria Goldmann) zusammengekrümmt und sterbend allein auf der Bühne, die nur mit einer hohen, verwinkelten Eisentreppe möbliert ist (Ausstattung: Marina Stefan). Eine Projektion der einleitenden Sätze ihres „Manifests der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer“ stellt sie politisch und feministisch als Radikale vor, die über die Abschaffung der Männer hinaus die des Geldes und den Sturz der Regierung gefordert hat.

Der Sterbenden scheinen zentrale Szenen ihres Lebens auf, in denen sie Personen begegnet, die für sie wichtig waren: ihrer Mutter Dorothy (Cornelia Kempers), die wegschaute, als sie von ihrem Vater sexuell missbraucht wurde, ihrer aufgedrehten Geliebten der Studienzeit Cosmo-Girl (Marie Bauer) und dem Pop-Künstler Andy Warhol (Andreas Möckel), den sie mit drei Schüssen lebensgefährlich verletzt hat.
Diese Figuren sind kaum mehr als angedeutete Stichwortgeber für Valerie Solanas und verschwimmen mit anderen Personen. Um da durchzublicken, ist schon eine genauere Kenntnis der Biographie Valerie Solanas notwendig.

Maria Goldmann spielt Valerie Solanas als selbstbewusste Frau, die unverblümt provokant ihre Thesen heraushaut. Ihrem Universitätsprofessor Robert Brush (Andreas Möckel) hält sie institutionalisierte geschlechtsspezifische Benachteiligung vor, der wohlmeinenden Psychologin Cooper (Niklas Bruhn) erläutert sie breit, dass man die kranke Gesellschaft, nicht sie heilen müsste, und direkt ins Publikum vertritt sie ihre irritierende These vom rein mechanischen Gebrauch der Geschlechtsteile.

Theater Osnabrück / Valerie Solanas - Andy Warhol (Andreas Möckel) putzt Valerie Solanas (Maria Goldmann) zum Star auf © Marek Kruzewski

Theater Osnabrück / Valerie Solanas – Andy Warhol (Andreas Möckel) putzt Valerie Solanas (Maria Goldmann) zum Star auf © Marek Kruzewski

Nur in der Schlüsselszene mit Andy Warhol, der sie anfangs zum Star im weißen Tutu aufputzt, bricht die theoretisch glatte Oberfläche auf. Als sie vor der Kamera von ihrer Missbrauchserfahrung berichtet, bekommt ihr Text Lücken, spricht sie in Bildern. Sie zeigt ihre Verletztheit und Verletzlichkeit ausgerechnet gegenüber Warhol, von dem sie sogleich wieder enttäuscht wird, als er das Interesse an ihr verliert.
So ist vielleicht psychologisch nachvollziehbar, dass Valerie Solanas auf Andy Warhol geschossen hat. Aber was sagt das über ihre feministisch-politische Position? Kann, sollte man sich Valerie Solanas als Präsidentin von Amerika vorstellen? Einige präsidiale Eigenheiten weist sie immerhin auf. Mit der gescheiterten Kandidatin Hillary Clinton teilt sie die Meinung, an ihrem Misserfolg seien die Anderen Schuld. Den gegenwärtigen Präsident übertrifft sie an Sexismus, und in ihrem demonstrierten Vernichtungswillen ist Valerie Solanas offen faschistisch. Ihre Präsidentschaft wäre ein Alptraum.

 Theater am Domhof – Alle Karten Hier :
Karten Kaufen

Nächste Seite »