Münster, Kabarett RADIKALKU(ltu)R, Schnee von gestern? Reutter – Kreisler, IOCO Kritik, 28.11.20

November 29, 2017  
Veröffentlicht unter Kritiken, Schauspiel, Schlossplatz Münster

 Münster / Kabarett Radikalkultur hier Schnee von gestern ? © Hanns Butterhof

Münster / Kabarett Radikalkultur hier Schnee von gestern ? © Hanns Butterhof

RADIKALK(ult)UR gefällt mit neuem „Schnee von gestern?“

Aus der Kabarett-Nische „anspruchsvoll“

Von  HANNS BUTTERHOF

Das literarisch-musikalische Kabarett RADIKALK(ult)UR hat im Kulturforum Münster-Nienberge sein neues, das 5. Programm „Schnee von gestern?“ vorgestellt.

Im Rahmen einer Redaktionskonferenz um einen 52-teiligen Rückblick auf die Höhepunkte des literarischen Kabaretts des 20. Jahrhunderts erweist sich dieses als noch sehr lebendig und hochaktuell. Die hinreißenden Chansons und scharfzüngigen Texte von Kurt Tucholsky, Georg Kreisler und vielen anderen werfen ein spöttisches, manchmal gruselig aktuelles Licht auf die Frauenfrage, auf politische und soziale Brennpunkte, Antisemitismus und, klassischerweise als letztem Punkt, den Tier- und Naturschutz. Kurz, es geht auch in diesem Programm der anspruchsvollen Kabarettisten wieder um den ganzen Sinn des Lebens, und der ist nicht Schnee von gestern.

 Münster / Kabarett Radikalkultur hier Das Musikteam Tauland Haxhikadrija und Mechthild von Schoenebeck © Hanns Butterhof

Münster / Kabarett Radikalkultur hier Das Musikteam Tauland Haxhikadrija und Mechthild von Schoenebeck © Hanns Butterhof

Die acht Frauen, eingeschlossen Regisseurin Christa Romberg und Mechthild von Schoenebeck, die den Text zwischen den Liedern verfasst hat und sie auch beflügelt am Klavier begleitet, übererfüllen leicht jede Frauenquote; neben dem Klarinettisten Tauland Haxhikadrija ist nur noch ein weiterer Mann an Bord. Ihre Mischung aus Musik und Literatur findet in der Nische „anspruchsvoll“ ihren Platz, die von der gängigen Comedy nicht bespielt wird.

 „Schnee von gestern?“ zeigt nicht nur beeindruckend, dass die Menschheit in den letzten hundert Jahren nicht sehr viel weiter gekommen ist. Vielmehr sind unsere heutigen Diskussionen damals schon wesentlich intelligenter, unverkrampfter und nachgerade weise geführt worden. Kabarett heute braucht sich daran nur zu erinnern, und RADIKALK(ult)UR tut dies ausgiebig und erhellend.

Der dankbare Beifall des aufmerksamen Premierenpublikums erzwang mehrere Zugaben.

Radikalkultur:  Die nächsten Termine: 28.11.2017 um 19.30 Uhr in Dortmund-Huckarde, Rahmer Str. 124, und am 1.12.2017 um 20.00 Uhr in Senden, Friedenskapelle.

Münster, Kabarett RADIKALKU(ltu)R, Schnee von gestern? Reutter – Kreisler, IOCO Aktuell, 21.11.20

November 23, 2017  
Veröffentlicht unter Pressemeldung, Schauspiel, Schlossplatz Münster

 „Schnee von gestern? Ein literarisches Kabarett von Otto Reutter bis Georg Kreisler“

Kabarett RADIKALKU[ltu]R  präsentiert das 5. Kabarettprogramm

Im Rahmen einer Redaktionskonferenz um einen 52-teiligen Jahrhundertrückblick fürs Fernsehen über Highlights des literarischen Kabaretts des 20. Jahrhunderts zeigt sich dieses als noch sehr lebendig und aktuell. Hinreißende Lieder und scharfzüngige Texte von Kurt Tucholsky, Georg Kreisler und vielen anderen werfen ein spöttisches, manchmal gruselig aktuelles Licht auf die Frauenfage, auf politische und soziale Brennpunkte, den Antisemitismus und, klassischerweise als letztem Punkt, den Tier- und Naturschutz. Kurz, es geht auch in diesem Programm wieder um den ganzen Sinn des Lebens, und der ist kein Schnee von gestern.

Aufführungen: Am 24 und 25.11.2017, 20.00 Uhr, in Münster-Nienberge, Kulturforum, Kirmstr.1; am 28.11.2017, 19.30 Uhr, in Dortmund-Huckarde, Rahmer Str. 124 (Evangelische freikirchliche Gemeinde), und am 1.12.2017 in Senden, Friedenskapelle, Grüner Grund 5.

Der Eintritt ist frei, Spenden kommen der Welthungerhilfe zugute

Texte aus früheren Programmen von RADIKALKU[ltu]R und weitere Satiren von Mechthild von Schoenebeck bietet ihr neuestes Buch: Berichte von der Vollpfostenfront. Satirische Texte zur aktuellen Lage. Verlag DeBehr, Radeberg 2017, 10,95 €

Pressemeldung RADIKALKU[ltu]R

 

Münster, „Skulptur Projekte 2017“ – Kunst-Hochsommer in Westfalen, IOCO Aktuell, 13.06.2017

Juni 14, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, ioco-art, Schlossplatz Münster

Münster / Skulptur Projekte 2017 - Künftige Ikone: „On Water“ von Ayse Erkmen © Hanns Butterhof

Münster / Skulptur Projekte 2017 – Künftige Ikone: „On Water“ von Ayse Erkmen © Hanns Butterhof

Skulptur Projekte 2017

Der Kunst-Hochsommer in Westfalen

 „Skulptur Projekte 2017“ in Münster –  Eine entspannte Schau

Von Hanns Butterhof

Am Turm der Stadtkirche St. Ludgeri in Münster hängen in luftiger Höhe drei Eisenkäfige. In ihnen wurden 1535 die Leichen der Anführer der Wiedertäufer ausgestellt, die in der westfälischen Stadt ihr neues, am Ende terroristisches Jerusalem errichten wollten. Seitdem, heißt es, ducken sich die Münsteraner im Schatten der Käfige unter dem restaurierten Katholizismus. Doch wenn man von der Kasseler documenta 14 zu den Münsteraner Skulptur Projekten 2017 kommt, atmet man frei durch, geht in eine liberale, für Auseinandersetzung eher als für Bekundungen der richtigen Gesinnung offene Welt über.

Münster / Skulptur Projekte 2017 - Kaspar Koenig © Hanns Butterhof

Münster / Skulptur Projekte 2017 – Kaspar Koenig © Hanns Butterhof

Seit 1977 gibt es die Skulptur Projekte in Münster, die sich zu einer festen Größe im Kultur-Tourismus entwickelt haben: Für 2017 werden 600.000 Besucher erwartet. Sie sind, wie ihr Kurator Kaspar König bei der Eröffnungs-Konferenz betont, eine Idee Klaus Bussmanns, der damals das Westfälische Landesmuseum leitete und die Skulptur Projekte bis 1997 mit König zusammen verantwortete. Seit ihrem Beginn geht es im westfälischen Zehnjahres-Rhythmus um ein kritisches Verhältnis von zeitgenössischer Kunst und Öffentlichkeit, gebunden an die Auseinandersetzung mit dem konkret umgebenden Raum. Wie König betont, ist es dieses Konzept und seine absolute Autonomie, um deren Verteidigung willen er als 73-Jähriger die Skulptur Projekte 2017 noch einmal kuratiert, diesmal mit Britta Peters und Marianne Wagner. Es ist dieses Konzept, das die Ausstellung so entspannt wirken lässt, weil alle, auch die politische Kritik der Künstler*innen immer über die Bande des öffentlichen Raums gespielt werden muss. Das bremst plakativen Dogmatismus ebenso wie hohle Beliebigkeit weitgehend aus.

Die Skulptur Projekte 2017 sind recht überschaubar. 35 Künstler*innen positionieren an verschiedenen Orten im engeren oder weiteren Stadtgebiet ihre Werke oder Performances; etwa ein Drittel der Arbeiten sind dem eher performativen Bereich zuzurechnen.

Münster / Skulptur Projekte 2017 - _Leaking Territories © Hanns Butterhof

Münster / Skulptur Projekte 2017 – _Leaking Territories © Hanns Butterhof

Ein prägnantes Beispiel ist die zweistündige Performance „Leaking Territories“ von Alexandra Pirici. Sie findet im Friedenssaal im Rathaus statt, Münsters historisch und politisch am stärksten aufgeladenem Raum; hier wurde 1648 der Westfälische Frieden geschlossen, der den Dreißigjährigen Krieg beendete. Sechs Performer*innen vergewissern sich singend und tanzend immer ihres Hierseins, ehe sie meist katastrophale Stationen der Geschichte in nahe oder distanzierte Beziehung zu den Betrachtern setzen. Für manche historische Szene posieren sie stumm oder formen sie nach wie den Zeitlupengang Armstrongs beim ersten Gang eines Menschen auf dem Mond. Der getäfelte Saal mit seinen würdigen Patrizierbildern, der Friedensaura und dem Kreuz ist der beständig irritierende Bezugspunkt.

Dem klassischen Skulpturbegriff näher sind Arbeiten wie die von Peles Empire. Das Werkstück der beiden Künstlerinnen Barbara Wolf und Kathrina Stöver steht in direkter Nähe zur Altstadt, die im Zweiten Weltkrieg nahezu völlig zerstört und dann mit historisierenden Fassaden wieder aufgebaut wurde. Es besteht aus einem hohen Giebel, der die Durchschnittslinie der Altstadt-Giebel aufnimmt. Auf der Fassade ist wie mit Schwarz-Weiß-Kopien die marode Terrasse des Münsterschen Schlosses mit den Stützen zu sehen, die verhindern, dass diese Terrasse einstürzt. Zudem ist die Skulptur hohl, innen begehbar, und stellt mit ihren Verweisen sehr pointiert eine steile These zu Münsters vielleicht zu betulichem Umgang mit seinem architektonischen Erbe auf.

Ein weiterer Schwerpunkt der Skulptur Projekte 2017 sind Fragen an die zunehmende Digitalisierung, Globalisierung und die Rolle der Ökonomie. So zeigt Hito Steyerl in der ehemaligen Westdeutschen Landesbank, für deren Bau 1970 der Zoo weichen musste, die Arbeit „HellYeahWeFuckDie“. Der Titel ist aus den Wörtern gebildet, die in den englischen Musikcharts der letzten Dekade am häufigsten vorkamen und unsere Zeit treffend charakterisieren sollen. Sie leiten ihre Video-Sequenzen auf mehreren Monitoren ein, in denen getestet wird, wie viel Gewalt menschenähnliche Roboter und computergenerierte, Dinosauriern ähnelnden Wesen aushalten. Ein weiteres Video über die Zerstörung der kurdischen Stadt Dyarbakir fragt nach der Rolle von Ökonomie und Computer-Technologien im Krieg, punktgenau, aber kaum erschütternd, in den Räumen einer Bank.

Die Kuratoren wehren sich zwar dagegen, die Arbeiten ihrer Künstler*innen als Stadtmöblierung und die Skulptur Projekte als unterhaltsames Festival zu sehen. Aber sie können nichts gegen eine Rezeption unternehmen, die auf Freizeitgestaltung ausgerichtet ist. Der öffnet sich sperrangelweit die Arbeit On Water von Ayse Erkmen, die wohl auch den bleibendsten Eindruck dieser Skulptur Projekte hinterlassen und zur Ikone der Schau werden wird. Sie verbindet die beiden Ufer des stillgelegten Binnenhafens knapp unter der Wasseroberfläche mit einem Steg. Auf der einen Seite befindet sich ein bunt umtriebiges Szeneviertel, auf der anderen lasten graue Industrieanlagen. Wer sich auf den an Strandgang im Sommerurlaub erinnernden Weg eher durch als über das Wasser gemacht hat, dürfte sich über die Rückkehr auf die Seite der Vergnügungen freuen.

 Marl / Hot Wire _ Skulptur Projekte 2017 - Fahrradständer © Hanns Butterhof

Marl / Hot Wire _ Skulptur Projekte 2017 – Fahrradständer © Hanns Butterhof

Die Skulptur Projekte Münster verbindet ein Heißer Draht mit der Stadt Marl

Ähnlich wie sich die beiden Seiten des Münsteraner Binnenhafens widersprüchlich aufeinander beziehen, bezieht sich das saturierte Münster auf Marl, eine vom Strukturwandel arg gebeutelte Stadt im Norden des Ruhrgebiets. Das war für Kaspar König ein guter Anlass, eine Kooperation der Skulptur Projekte und des Marler Museums Glaskasten unter dem Titel „Hot Wire“ anzubahnen. Dabei versteht Georg Elben, Direktor des Glaskastens,Hot Wire“ selbstbewusst nicht als Dependance von Münster; man hat selbst einiges zu bieten und hat etwa Ludger Gerdes‘ Neon-Schriftzug „Angst“ nach Münster ausgeliehen. Im Gegenzug hat man Richard Artschwangers „Fahrradständer“- Monument aus den 1987er Skulptur Projekten erhalten und am Rathaus plaziert; dort wirkt es wie hingehörend, bestehen beide doch aus dem gleichen grauen Beton. Extra für Marl hat Thomas Schütte eine monumentale „Melonensäule“ hergestellt. Sie prunkt auf hoher Säule mit drei bunten Melonenscheiben, stellt eine geistige Verbindung zu Schüttes „Kirschensäule“ in Münster her und wird, auch das kann prognostiziert werden, die Ikone der durchaus interessanten Marler Ausstellung werden.

 Marl / Hot Wire _ Skulptur Projekte 2017 - Melonensäule © Hanns Butterhof

Marl / Hot Wire _ Skulptur Projekte 2017 – Melonensäule © Hanns Butterhof

Die Skulptur Projekte 2017, Münster, dauern noch bis 1.10.2017,  Geöffnet Montag bis Sonntag 10 bis 20 Uhr, Freitag 10 bis 22 Uhr; freier Eintritt. Für manche Projekte ist die Besucherzahl beschränkt.

Viele Objekte der skulptur projekte 2017 sind gut zu Fuß zu erreichen. Für die am Stadtrand gelegenen empfiehlt es sich, die Tour mit dem Fahrrad zu unternehmen.

Touren und workshops: +49 (0)251 203 182 00,  service@skulptur-projeke.de,  Online-Buchung unter www.skulptur-projekte.de,  Fahrradverleih: Online-Buchung unter: skulptur-projekte-bybike.de,  Eine Navigations-App (kostenlos für IOS und Android) zu den Werken: apps.skulptur-projekte.de.

Die Ausstellung Hot Wire im Skulpturenmuseum Glaskasten Marl dauert bis 1.10.2017, Geöffnet Dienstag bis Freitag von 11 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Freier Eintritt.

Ein kostenloser Bus-Shuttle von Münster nach Marl besteht jeden Sonntag während der gesamten Laufzeit der Ausstellungen. Abfahrt ist in Münster um 10 Uhr am LWL-Museum für Kunst und Kultur, Rückfahrt von Marl um 14 Uhr vom Skulpturenmuseum Glaskasten, Creiler Platz 1.

 

Münster, Schlossplatz, Anna Netrebko – Ramón Vargas – Erwin Schrott- Gipfeltreffen der Stars auf dem Schlossplatz von Münster, IOCO Kritik, 02.06.2012

Juni 5, 2012  
Veröffentlicht unter Kritiken, Schlossplatz Münster


Kritik

DEAG in Zusammenarbeit mit  Handwerker Promotion &  Stratmann Konzerte

Gipfeltreffen der Stars auf dem Schlossplatz in Münster

Handwerker Promotion / Erwin Schrott © ANDREAS H. BITESNICH

Handwerker Promotion / Erwin Schrott © ANDREAS H. BITESNICH

Handwerker Promotion / ANNA NETREBKO © DARIO ACOSTA

Handwerker Promotion / ANNA NETREBKO © DARIO ACOSTA

Anna Netrebko, Erwin Schrott & Ramón Vargas
Mit dem Orchester Neue Philharmonie Westfalen
Unter der Leitung von Marco Armiliato
Und dem Norddeutschen Figuralchor

Seit gut acht Jahren veranstaltet die DEAG diese außergewöhnlich gut organisierten Klassik Events auf hohem Niveau, zu dem auch hier in Münster wieder Schaaren von begeisterten Fans pilgerten.

An diesem kühlen Juniabend bildete das Fürstbischöfliche Schloss in Münster die malerische Kulisse für einen wunderbaren Abend. Das schöne Barockschloss aus dem 18. Jahrhundert umrahmt den Schlossplatz, der über 10 000 Personen Platz bot.

Die Solisten Anna Netrebko, Erwin Schrott und Ramón Vargas, der für den erkrankten Jonas Kaufmann eingesprungen ist, versprachen einen hochkarätigen Abend. Die neue Philharmonie Westfalen unter der Leitung von Marco Armiliato spielte zum Auftakt die Ouvertüre aus L‘Italiana in Algeri von Gioacchino Rossini mit außerordentlicher Präzision und hoher rhythmischer Vitalität.

Erwin Schrott präsentierte sich in einem modernen, aber für seine Verhältnisse ungewöhnlich dezenten Smoking. Mit seiner echten Haarfarbe wirkte er geradezu jungenhaft. Er betrat die Bühne gewohnt lässig, die Hände in den Hosentaschen und schmetterte das Rondo des Méphistophélès  “Le veau d‘or“ aus Faust von Charles Gounod.

Die russische Sopranistin Anna Netrebko erschien in einem atemberaubenden mintgrünen schulterfreien Kleid, rieb sich fröstelnd die Arme und nahm schon vor dem ersten Ton das Publikum für sich ein. Sie sang die Arie “Io son L’umile ancella“ aus Adriana Lecouvreur von Francesco Cilea mit wunderschönen warmen Tönen und lies das kühle Wetter an diesem Abend schnell vergessen.

Obwohl in Luisa Millers “O fede negar potessi .. Quando le sere al placido“ das Orchester etwas schwerfällig spielte, präsentierte der mexikanische Tenor Ramón Vargas diese Arie mit langem Atem und stabiler Höhe. Die Neue Philharmonie Westfalen interpretierte das Intermedio der Zarzuela La Boda de Luis Alonso von Gerónimo Giménez mit enthusiastischem Schwung.

Beim Tango Oblivion von Astor Piazzolla stahl der Bandoneon Spieler Mario Stefano Pietrodarchi mit seinen leidenschaftlich wiegenden fast übertriebenen Gesten dem Bariton E.Schrott in dieser Nummer klar die Show. Das amüsierte Publikum konnte die Augen kaum von dieser “schauspielerischen Darbietung“ lassen, zumal diese auch in Nahaufnahme über die Großbildschirme übertragen wurde.

Das Duett Vargas / NetrebkoO soave fanciulla“ aus La Bohème von Giacomo Puccini sangen beide Künstler auf hohem Niveau. Für das finale Interno begaben sich die Sänger an den äußeren Bühnenrand, wo Vargas den Schlusston nicht besonders optimal ansetzte und ihn mit einer sympathisch resignierenden Geste abbrechen musste. Netrebko hielt das “C“ sicher und perfekt bis zum Ende. Mit dem dramatischen Terzett “Qual voluttà!“ aus I Lombardi alla prima crociata von Giuseppe Verdi endete der erste Teil des Programms.

Der Anfang des zweiten Teils des Konzertes war ganz dem Komponisten Giuseppe Verdi gewidmet. Die Neue Philharmonie Westphalen spielte die Ouvertüre aus La forza del destino. E.Schrott sang die Arie “Come dal ciel precipita“ aus Macbeth, kraftvoll, mit hervorragender Diktion und sonorem Timbre. In der komplizierten Arie “Merce dilette amiche“ aus I Vespri Siciliani, in welcher der Sopranistin eine gute Höhe, wie auch voluminöse Tiefe abverlangt wird, brillierte Netrebko mit technisch hervorragend ausgeführten Koloraturen und herrlichen Akuti.

Es folgte Pietro Mascagnis Intermezzo aus Cavalleria Rusticana. Marco Armiliato und die Neue Philharmonie Westfalen bewies Sinn für die Klangbalance sowie Leidenschaft und Emotion. In der  Arie des Nemorino “Una furtiva lagrima“ aus L’elisir d’amore von Gaetano Donizetti entfaltete Vargas große Expressivität und lies das Publikum das Leid dieser tragisch-komischen Figur mitempfinden. Das Orchester begleitete den Tenor hier hervorragend. Es “atmete“ förmlich mit ihm.

In einem pastellfarben gemustertes Frühlingskleid begeisterte Netrebko mit  “Heia, in den Bergen“ aus der Operette Die Csardasfürstin von Emmerich Kálmán tanzend und  mitreißend temperamentvoll das Publikum.

Der Komponist und Sänger Carlos Gardel, dessen Herkunft zwischen Uruguay und Argentinien oft zu Kontroversen führte, ist der Autor des Boleros “El día que me quieras“, den, der ebenfalls aus Uruguay stammenden Bariton, Erwin Schrott begleitet von Bandeon, Klavier und dezentem Orchester mit hervorragender Diktion darbrachte.

Das neapolitanische Lied “Core ‘ngrato“ das von Salvatore Cardillo 1911 für Caruso geschrieben wurde, präsentierte  Vargas mit schönem Farbenreichtum und tiefem Sentiment.

Der Bariton Erwin Schrott ließ es sich natürlich nicht entgehen in dem Duett “Lippen schweigen“ aus der lustigen Witwe von Franz Lehár an der Seite seiner Frau die Partie des Danilo zu singen. Das Paar begann erst verschämt flirtend, tanzte dann bald verliebt beim abendlichen Vollmond und beendete dieses Stück mit einem innigen Kuss. Das Publikum applaudierte begeistert.

Die Neue Philharmonie Westfalen entwickelte geradezu spanische Leidenschaft in der “Aragonese“ aus Carmen von Georges Bizet. Das Schlußterzett “Alerte, Alerte, ou vous etes perdus“ aus Faust von Charles Gounod bildete ein wunderbares Finale mit dem sich die drei Solisten, der Chor und das Orchester verabschiedeten.

Das Publikum hielt es nicht mehr auf den Sitzen und honorierte die Leistung der Künstler mit Standing Ovations. Unter andauerndem Beifall wurden den Sängern Blumen überreicht. Vargas bedankte sich mit einer Rose, die er ins Publikum warf. Schrott konterte natürlich mit einem ganzen Blumenstrauß, den er einer Dame in der ersten Reihe zuwarf.

Anna Netrebko begann die Zugaben mit “O mio Babbino caro“ aus Gianni Schicchi von Giacomo Puccini und nutzte den, von einem kleinen Mädchen auf die Bühne geworfenen Blumenstrauß als Requisite für ihre exquisite Interpretation. Es folgte Ramón Vargas, der ein fulminantes “Granada“ in die Menge feuerte. Er sang dieses bekannte Lied, dass der Komponist Agustin Lara für den Tenor und Namensvetter Pedro Vargas geschrieben hat, mit  langanhaltenden Spitzentönen. Der “Rojo Tango“ von Pablo Ziegler beendete den Zugabenreigen und wurde von Erwin Schrott mit großer Leidenschaft gesungen.

Trotz eindringlicher Forderung nach weiteren Darbietungen, verabschiedeten sich die Künstler winkend unter langanhaltendem Jubel vom angeheizten Publikum.

Kommende Konzerte:
04.06.2012    Mannheim    –           Rosengarten
09.06.2012    Wiesbaden   –           Bowling Green
16.07.2012    Hannover      –           Kuppelsaal
15.01.2013    Hamburg       –           Laeiszhalle

IOCO / BK & MJ / 02.06.2012

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