Münster, Schlossplatz, Anna Netrebko – Ramón Vargas – Erwin Schrott- Gipfeltreffen der Stars auf dem Schlossplatz von Münster, IOCO Kritik, 02.06.2012

Juni 5, 2012  
Veröffentlicht unter Kritiken, Schlossplatz


Kritik

DEAG in Zusammenarbeit mit  Handwerker Promotion &  Stratmann Konzerte

Gipfeltreffen der Stars auf dem Schlossplatz in Münster

Handwerker Promotion / Erwin Schrott © ANDREAS H. BITESNICH

Handwerker Promotion / Erwin Schrott © ANDREAS H. BITESNICH

Handwerker Promotion / ANNA NETREBKO © DARIO ACOSTA

Handwerker Promotion / ANNA NETREBKO © DARIO ACOSTA

Anna Netrebko, Erwin Schrott & Ramón Vargas
Mit dem Orchester Neue Philharmonie Westfalen
Unter der Leitung von Marco Armiliato
Und dem Norddeutschen Figuralchor

Seit gut acht Jahren veranstaltet die DEAG diese außergewöhnlich gut organisierten Klassik Events auf hohem Niveau, zu dem auch hier in Münster wieder Schaaren von begeisterten Fans pilgerten.

An diesem kühlen Juniabend bildete das Fürstbischöfliche Schloss in Münster die malerische Kulisse für einen wunderbaren Abend. Das schöne Barockschloss aus dem 18. Jahrhundert umrahmt den Schlossplatz, der über 10 000 Personen Platz bot.

Die Solisten Anna Netrebko, Erwin Schrott und Ramón Vargas, der für den erkrankten Jonas Kaufmann eingesprungen ist, versprachen einen hochkarätigen Abend. Die neue Philharmonie Westfalen unter der Leitung von Marco Armiliato spielte zum Auftakt die Ouvertüre aus L‘Italiana in Algeri von Gioacchino Rossini mit außerordentlicher Präzision und hoher rhythmischer Vitalität.

Erwin Schrott präsentierte sich in einem modernen, aber für seine Verhältnisse ungewöhnlich dezenten Smoking. Mit seiner echten Haarfarbe wirkte er geradezu jungenhaft. Er betrat die Bühne gewohnt lässig, die Hände in den Hosentaschen und schmetterte das Rondo des Méphistophélès  “Le veau d‘or“ aus Faust von Charles Gounod.

Die russische Sopranistin Anna Netrebko erschien in einem atemberaubenden mintgrünen schulterfreien Kleid, rieb sich fröstelnd die Arme und nahm schon vor dem ersten Ton das Publikum für sich ein. Sie sang die Arie “Io son L’umile ancella“ aus Adriana Lecouvreur von Francesco Cilea mit wunderschönen warmen Tönen und lies das kühle Wetter an diesem Abend schnell vergessen.

Obwohl in Luisa Millers “O fede negar potessi .. Quando le sere al placido“ das Orchester etwas schwerfällig spielte, präsentierte der mexikanische Tenor Ramón Vargas diese Arie mit langem Atem und stabiler Höhe. Die Neue Philharmonie Westfalen interpretierte das Intermedio der Zarzuela La Boda de Luis Alonso von Gerónimo Giménez mit enthusiastischem Schwung.

Beim Tango Oblivion von Astor Piazzolla stahl der Bandoneon Spieler Mario Stefano Pietrodarchi mit seinen leidenschaftlich wiegenden fast übertriebenen Gesten dem Bariton E.Schrott in dieser Nummer klar die Show. Das amüsierte Publikum konnte die Augen kaum von dieser “schauspielerischen Darbietung“ lassen, zumal diese auch in Nahaufnahme über die Großbildschirme übertragen wurde.

Das Duett Vargas / NetrebkoO soave fanciulla“ aus La Bohème von Giacomo Puccini sangen beide Künstler auf hohem Niveau. Für das finale Interno begaben sich die Sänger an den äußeren Bühnenrand, wo Vargas den Schlusston nicht besonders optimal ansetzte und ihn mit einer sympathisch resignierenden Geste abbrechen musste. Netrebko hielt das “C“ sicher und perfekt bis zum Ende. Mit dem dramatischen Terzett “Qual voluttà!“ aus I Lombardi alla prima crociata von Giuseppe Verdi endete der erste Teil des Programms.

Der Anfang des zweiten Teils des Konzertes war ganz dem Komponisten Giuseppe Verdi gewidmet. Die Neue Philharmonie Westphalen spielte die Ouvertüre aus La forza del destino. E.Schrott sang die Arie “Come dal ciel precipita“ aus Macbeth, kraftvoll, mit hervorragender Diktion und sonorem Timbre. In der komplizierten Arie “Merce dilette amiche“ aus I Vespri Siciliani, in welcher der Sopranistin eine gute Höhe, wie auch voluminöse Tiefe abverlangt wird, brillierte Netrebko mit technisch hervorragend ausgeführten Koloraturen und herrlichen Akuti.

Es folgte Pietro Mascagnis Intermezzo aus Cavalleria Rusticana. Marco Armiliato und die Neue Philharmonie Westfalen bewies Sinn für die Klangbalance sowie Leidenschaft und Emotion. In der  Arie des Nemorino “Una furtiva lagrima“ aus L’elisir d’amore von Gaetano Donizetti entfaltete Vargas große Expressivität und lies das Publikum das Leid dieser tragisch-komischen Figur mitempfinden. Das Orchester begleitete den Tenor hier hervorragend. Es “atmete“ förmlich mit ihm.

In einem pastellfarben gemustertes Frühlingskleid begeisterte Netrebko mit  “Heia, in den Bergen“ aus der Operette Die Csardasfürstin von Emmerich Kálmán tanzend und  mitreißend temperamentvoll das Publikum.

Der Komponist und Sänger Carlos Gardel, dessen Herkunft zwischen Uruguay und Argentinien oft zu Kontroversen führte, ist der Autor des Boleros “El día que me quieras“, den, der ebenfalls aus Uruguay stammenden Bariton, Erwin Schrott begleitet von Bandeon, Klavier und dezentem Orchester mit hervorragender Diktion darbrachte.

Das neapolitanische Lied “Core ‘ngrato“ das von Salvatore Cardillo 1911 für Caruso geschrieben wurde, präsentierte  Vargas mit schönem Farbenreichtum und tiefem Sentiment.

Der Bariton Erwin Schrott ließ es sich natürlich nicht entgehen in dem Duett “Lippen schweigen“ aus der lustigen Witwe von Franz Lehár an der Seite seiner Frau die Partie des Danilo zu singen. Das Paar begann erst verschämt flirtend, tanzte dann bald verliebt beim abendlichen Vollmond und beendete dieses Stück mit einem innigen Kuss. Das Publikum applaudierte begeistert.

Die Neue Philharmonie Westfalen entwickelte geradezu spanische Leidenschaft in der “Aragonese“ aus Carmen von Georges Bizet. Das Schlußterzett “Alerte, Alerte, ou vous etes perdus“ aus Faust von Charles Gounod bildete ein wunderbares Finale mit dem sich die drei Solisten, der Chor und das Orchester verabschiedeten.

Das Publikum hielt es nicht mehr auf den Sitzen und honorierte die Leistung der Künstler mit Standing Ovations. Unter andauerndem Beifall wurden den Sängern Blumen überreicht. Vargas bedankte sich mit einer Rose, die er ins Publikum warf. Schrott konterte natürlich mit einem ganzen Blumenstrauß, den er einer Dame in der ersten Reihe zuwarf.

Anna Netrebko begann die Zugaben mit “O mio Babbino caro“ aus Gianni Schicchi von Giacomo Puccini und nutzte den, von einem kleinen Mädchen auf die Bühne geworfenen Blumenstrauß als Requisite für ihre exquisite Interpretation. Es folgte Ramón Vargas, der ein fulminantes “Granada“ in die Menge feuerte. Er sang dieses bekannte Lied, dass der Komponist Agustin Lara für den Tenor und Namensvetter Pedro Vargas geschrieben hat, mit  langanhaltenden Spitzentönen. Der “Rojo Tango“ von Pablo Ziegler beendete den Zugabenreigen und wurde von Erwin Schrott mit großer Leidenschaft gesungen.

Trotz eindringlicher Forderung nach weiteren Darbietungen, verabschiedeten sich die Künstler winkend unter langanhaltendem Jubel vom angeheizten Publikum.

Kommende Konzerte:
04.06.2012    Mannheim    –           Rosengarten
09.06.2012    Wiesbaden   –           Bowling Green
16.07.2012    Hannover      –           Kuppelsaal
15.01.2013    Hamburg       –           Laeiszhalle

IOCO / BK & MJ / 02.06.2012