Münster, GOP Varieté-Theater: „SIMPLY the BEST“ mit Thomas Philipzen, IOCO Kritik, 25.07.2017

Juli 25, 2017  
Veröffentlicht unter GOP Variete Theater, Hervorheben, Kritiken

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GOP Variete Theater Münster

GOP Varieté-Theater Münster © GOP Münster

GOP Varieté-Theater Münster © GOP Münster

 „Simply The Best“

Unterhaltendes Sommerprogramm mit Thomas Philipzen

Von Hanns Butterhof

Einfach ist am besten, mag sich Ulrich Thon gedacht haben, der Regisseur der neuen Show Simply The Best am GOP-Varieté-Theater Münster. Er verzichtet auf großen Bühnenaufwand und vertraut dem bewährten Kabarettisten Thomas Philipzen an, die einzelnen artistischen Nummern wortwitzig und humorvoll miteinander zu verbinden.

GOP Münster / Thomas Philipzen © Frank Wilde

GOP Münster / Thomas Philipzen © Frank Wilde

Philipzen bestreitet mit seiner Moderation weite Teile des Programms, und seine scheints unzerstörbar gute Laune – „uns geht es doch gut!“ – teilt sich dem Publikum ungebrochen mit. Seine ausgefeilten kabarettistischen Sketche über Helikopter-Eltern, Donald Trump oder gedopte chinesische Gewichtheberinnen sind auch wirklich hinreißend.

Moderierend erweist sich Philipzen als Meister des kleinsten Übergangs. In die Ankündigungen der nächsten Künstler und ihrer besonderen Leistungen gleitet er so bruchlos hinüber, als wäre es ihm bei seinen eigenen Nummern um nichts anderes als eine längere Einleitung der kommenden Acts gegangen.

Wie ein liebes Familienmitglied stellt er die bodenständige Aerial Emery vor, die eine schnelle, etwas atemlose Hula-Hoop- und Cyr-Nummer zeigt. Und gern gesehene Gäste sind ihm das Musik-Clown-Duo Johnny Filion & Mr. P. P., wobei Mr. P.P. in immer wieder aufflammender anarchistischer Lust an der Zerstörung die Musik Filions durchkreuzt, wenn sie am schönsten ist.

GOP Münster / Cie Hay Que © Frank Wilde

GOP Münster / Cie Hay Que © Frank Wilde

An der Grenze des Schönen bewegt sich im Hip-Hop-Stil P. Fly mit seiner Kunst des Klischnigg. Er scheint keine Sehnen und Knorpel, dafür aber mehr Gelenke zu haben als andere Menschen. Wie ein zusammenfaltbarer Metermaß-Stab knickt und dreht er seine Extremitäten, dass es schon etwas Grausiges hat, ein Eindruck, den die Kontorsionistin Anastasia Mazur beim Verbiegen ihres Körpers durch Eleganz vermeidet.

Mit der Que begrüßt Philipzen etwas ganz Neues im Varieté. Mit der Performance von Cie Hay Que begrüßt Philipzen etwas ganz Neues im Varieté. Elodie Doñaque und Foucauld Falguerolles  zeigen eine Beziehungsgeschichte ganz eigener Art. An einem in der Luft schwingenden und kreiselnden Mast zeigt Foucauld frei seine akrobatischen Künste. Das kann er aber nur, weil ihn seine Partnerin Elodie an einem zweiten, fest stehenden Mast als Gegengewicht in der Balance hält und gegen das Abstürzen sichert; ein bewegtes, bewegendes Beziehungsbild.

GOP Münster / Duo Dmitriy und Kateryna © Frank Wilde

GOP Münster / Duo Dmitriy und Kateryna © Frank Wilde

Eleganz und Kraft verbinden die Partnerakrobaten Kateryna Kalyta und Dmytro Bodogist. Sie reihen in ununterbrochen präzisem Fluss Wunder an Wunder, und die mit ihren Kunststücken verbundene Anstrengung ist nicht einmal dann zu bemerken, wenn Kateryna Handstand mit nur einer Hand auf der ausgestreckten Hand Dmytros macht; sensationell!

Mit der Performance von Cie Hay Que begrüßt Philipzen etwas ganz Neues im Varieté. Elodie Doñaque und Foucauld Falguerolles zeigen

Das leichte Sommerprogramm bietet so gute Unterhaltung für alle Ansprüche. Die Moderation übernimmt ab dem 2. August Bert Rex von Thomas Philipzen, und vom 28. August an bis zum Ende der Show ersetzt das Duo Vladimir die Partnerakrobaten Dmitriy & Kateryna.

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Münster, „Skulptur Projekte 2017“ – Kunst-Hochsommer in Westfalen, IOCO Aktuell, 13.06.2017

Juni 14, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, ioco-art, Schlossplatz Münster

Münster / Skulptur Projekte 2017 - Künftige Ikone: „On Water“ von Ayse Erkmen © Hanns Butterhof

Münster / Skulptur Projekte 2017 – Künftige Ikone: „On Water“ von Ayse Erkmen © Hanns Butterhof

Skulptur Projekte 2017

Der Kunst-Hochsommer in Westfalen

 „Skulptur Projekte 2017“ in Münster –  Eine entspannte Schau

Von Hanns Butterhof

Am Turm der Stadtkirche St. Ludgeri in Münster hängen in luftiger Höhe drei Eisenkäfige. In ihnen wurden 1535 die Leichen der Anführer der Wiedertäufer ausgestellt, die in der westfälischen Stadt ihr neues, am Ende terroristisches Jerusalem errichten wollten. Seitdem, heißt es, ducken sich die Münsteraner im Schatten der Käfige unter dem restaurierten Katholizismus. Doch wenn man von der Kasseler documenta 14 zu den Münsteraner Skulptur Projekten 2017 kommt, atmet man frei durch, geht in eine liberale, für Auseinandersetzung eher als für Bekundungen der richtigen Gesinnung offene Welt über.

Münster / Skulptur Projekte 2017 - Kaspar Koenig © Hanns Butterhof

Münster / Skulptur Projekte 2017 – Kaspar Koenig © Hanns Butterhof

Seit 1977 gibt es die Skulptur Projekte in Münster, die sich zu einer festen Größe im Kultur-Tourismus entwickelt haben: Für 2017 werden 600.000 Besucher erwartet. Sie sind, wie ihr Kurator Kaspar König bei der Eröffnungs-Konferenz betont, eine Idee Klaus Bussmanns, der damals das Westfälische Landesmuseum leitete und die Skulptur Projekte bis 1997 mit König zusammen verantwortete. Seit ihrem Beginn geht es im westfälischen Zehnjahres-Rhythmus um ein kritisches Verhältnis von zeitgenössischer Kunst und Öffentlichkeit, gebunden an die Auseinandersetzung mit dem konkret umgebenden Raum. Wie König betont, ist es dieses Konzept und seine absolute Autonomie, um deren Verteidigung willen er als 73-Jähriger die Skulptur Projekte 2017 noch einmal kuratiert, diesmal mit Britta Peters und Marianne Wagner. Es ist dieses Konzept, das die Ausstellung so entspannt wirken lässt, weil alle, auch die politische Kritik der Künstler*innen immer über die Bande des öffentlichen Raums gespielt werden muss. Das bremst plakativen Dogmatismus ebenso wie hohle Beliebigkeit weitgehend aus.

Die Skulptur Projekte 2017 sind recht überschaubar. 35 Künstler*innen positionieren an verschiedenen Orten im engeren oder weiteren Stadtgebiet ihre Werke oder Performances; etwa ein Drittel der Arbeiten sind dem eher performativen Bereich zuzurechnen.

Münster / Skulptur Projekte 2017 - _Leaking Territories © Hanns Butterhof

Münster / Skulptur Projekte 2017 – _Leaking Territories © Hanns Butterhof

Ein prägnantes Beispiel ist die zweistündige Performance „Leaking Territories“ von Alexandra Pirici. Sie findet im Friedenssaal im Rathaus statt, Münsters historisch und politisch am stärksten aufgeladenem Raum; hier wurde 1648 der Westfälische Frieden geschlossen, der den Dreißigjährigen Krieg beendete. Sechs Performer*innen vergewissern sich singend und tanzend immer ihres Hierseins, ehe sie meist katastrophale Stationen der Geschichte in nahe oder distanzierte Beziehung zu den Betrachtern setzen. Für manche historische Szene posieren sie stumm oder formen sie nach wie den Zeitlupengang Armstrongs beim ersten Gang eines Menschen auf dem Mond. Der getäfelte Saal mit seinen würdigen Patrizierbildern, der Friedensaura und dem Kreuz ist der beständig irritierende Bezugspunkt.

Dem klassischen Skulpturbegriff näher sind Arbeiten wie die von Peles Empire. Das Werkstück der beiden Künstlerinnen Barbara Wolf und Kathrina Stöver steht in direkter Nähe zur Altstadt, die im Zweiten Weltkrieg nahezu völlig zerstört und dann mit historisierenden Fassaden wieder aufgebaut wurde. Es besteht aus einem hohen Giebel, der die Durchschnittslinie der Altstadt-Giebel aufnimmt. Auf der Fassade ist wie mit Schwarz-Weiß-Kopien die marode Terrasse des Münsterschen Schlosses mit den Stützen zu sehen, die verhindern, dass diese Terrasse einstürzt. Zudem ist die Skulptur hohl, innen begehbar, und stellt mit ihren Verweisen sehr pointiert eine steile These zu Münsters vielleicht zu betulichem Umgang mit seinem architektonischen Erbe auf.

Ein weiterer Schwerpunkt der Skulptur Projekte 2017 sind Fragen an die zunehmende Digitalisierung, Globalisierung und die Rolle der Ökonomie. So zeigt Hito Steyerl in der ehemaligen Westdeutschen Landesbank, für deren Bau 1970 der Zoo weichen musste, die Arbeit „HellYeahWeFuckDie“. Der Titel ist aus den Wörtern gebildet, die in den englischen Musikcharts der letzten Dekade am häufigsten vorkamen und unsere Zeit treffend charakterisieren sollen. Sie leiten ihre Video-Sequenzen auf mehreren Monitoren ein, in denen getestet wird, wie viel Gewalt menschenähnliche Roboter und computergenerierte, Dinosauriern ähnelnden Wesen aushalten. Ein weiteres Video über die Zerstörung der kurdischen Stadt Dyarbakir fragt nach der Rolle von Ökonomie und Computer-Technologien im Krieg, punktgenau, aber kaum erschütternd, in den Räumen einer Bank.

Die Kuratoren wehren sich zwar dagegen, die Arbeiten ihrer Künstler*innen als Stadtmöblierung und die Skulptur Projekte als unterhaltsames Festival zu sehen. Aber sie können nichts gegen eine Rezeption unternehmen, die auf Freizeitgestaltung ausgerichtet ist. Der öffnet sich sperrangelweit die Arbeit On Water von Ayse Erkmen, die wohl auch den bleibendsten Eindruck dieser Skulptur Projekte hinterlassen und zur Ikone der Schau werden wird. Sie verbindet die beiden Ufer des stillgelegten Binnenhafens knapp unter der Wasseroberfläche mit einem Steg. Auf der einen Seite befindet sich ein bunt umtriebiges Szeneviertel, auf der anderen lasten graue Industrieanlagen. Wer sich auf den an Strandgang im Sommerurlaub erinnernden Weg eher durch als über das Wasser gemacht hat, dürfte sich über die Rückkehr auf die Seite der Vergnügungen freuen.

 Marl / Hot Wire _ Skulptur Projekte 2017 - Fahrradständer © Hanns Butterhof

Marl / Hot Wire _ Skulptur Projekte 2017 – Fahrradständer © Hanns Butterhof

Die Skulptur Projekte Münster verbindet ein Heißer Draht mit der Stadt Marl

Ähnlich wie sich die beiden Seiten des Münsteraner Binnenhafens widersprüchlich aufeinander beziehen, bezieht sich das saturierte Münster auf Marl, eine vom Strukturwandel arg gebeutelte Stadt im Norden des Ruhrgebiets. Das war für Kaspar König ein guter Anlass, eine Kooperation der Skulptur Projekte und des Marler Museums Glaskasten unter dem Titel „Hot Wire“ anzubahnen. Dabei versteht Georg Elben, Direktor des Glaskastens,Hot Wire“ selbstbewusst nicht als Dependance von Münster; man hat selbst einiges zu bieten und hat etwa Ludger Gerdes‘ Neon-Schriftzug „Angst“ nach Münster ausgeliehen. Im Gegenzug hat man Richard Artschwangers „Fahrradständer“- Monument aus den 1987er Skulptur Projekten erhalten und am Rathaus plaziert; dort wirkt es wie hingehörend, bestehen beide doch aus dem gleichen grauen Beton. Extra für Marl hat Thomas Schütte eine monumentale „Melonensäule“ hergestellt. Sie prunkt auf hoher Säule mit drei bunten Melonenscheiben, stellt eine geistige Verbindung zu Schüttes „Kirschensäule“ in Münster her und wird, auch das kann prognostiziert werden, die Ikone der durchaus interessanten Marler Ausstellung werden.

 Marl / Hot Wire _ Skulptur Projekte 2017 - Melonensäule © Hanns Butterhof

Marl / Hot Wire _ Skulptur Projekte 2017 – Melonensäule © Hanns Butterhof

Die Skulptur Projekte 2017, Münster, dauern noch bis 1.10.2017,  Geöffnet Montag bis Sonntag 10 bis 20 Uhr, Freitag 10 bis 22 Uhr; freier Eintritt. Für manche Projekte ist die Besucherzahl beschränkt.

Viele Objekte der skulptur projekte 2017 sind gut zu Fuß zu erreichen. Für die am Stadtrand gelegenen empfiehlt es sich, die Tour mit dem Fahrrad zu unternehmen.

Touren und workshops: +49 (0)251 203 182 00,  service@skulptur-projeke.de,  Online-Buchung unter www.skulptur-projekte.de,  Fahrradverleih: Online-Buchung unter: skulptur-projekte-bybike.de,  Eine Navigations-App (kostenlos für IOS und Android) zu den Werken: apps.skulptur-projekte.de.

Die Ausstellung Hot Wire im Skulpturenmuseum Glaskasten Marl dauert bis 1.10.2017, Geöffnet Dienstag bis Freitag von 11 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Freier Eintritt.

Ein kostenloser Bus-Shuttle von Münster nach Marl besteht jeden Sonntag während der gesamten Laufzeit der Ausstellungen. Abfahrt ist in Münster um 10 Uhr am LWL-Museum für Kunst und Kultur, Rückfahrt von Marl um 14 Uhr vom Skulpturenmuseum Glaskasten, Creiler Platz 1.

 

Münster, Theater Münster, Nike Wagner – Bayreuth und Bonn 2017, IOCO Aktuell, 30.05.2017

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Nike Wagner: Pläne für Bayreuth und Bonn 2017

Den Bonnern ihre „Neunte“

VON HANNS BUTTERHOF

Nike Wagner © Hanns Butterhof

Nike Wagner © Hanns Butterhof

Bei einem Diskussionsabend des Theaters Münster in seiner kenntnisreich von Dramaturg Wolfgang Türk kuratierten Reihe „Gelehrte im Theater“ sprach Nike Wagner über „Das schwierige Erbe. Bayreuth nach 1945“. Dabei gab die Urenkelin des Dynastiegründers Richard Wagner auch Einblick in das Programm des Gedenkkonzerts zum 100. Geburtstag ihres Vaters, Wieland Wagner (1917-1966). Am 24.7.2017, unmittelbar vor Beginn der Bayreuther Festspiele, wird demnach Hartmut Haenchen das Bayreuther Festspielorchester dirigieren, das die Festspielleitung zur Verfügung stellt, wofür sich Nike Wagner durchaus dankbar zeigt – und in diesem Zusammenhang die unausweichliche Frage nach den Familienkonflikten zu „nicht viel anders als in jeder Familie“ und durch das „allen eigene Interesse am Werk des Urgroßvaters“ relativiert. Beim Gedenkkonzert wird Richard Wagner mit den Ouvertüren zu „Rienzi“ und „Parsifal“ vertreten sein und Stücke der in Bayreuth eher verpönten Komponisten Verdi und Berg umrahmen, die ihr Vater gern inszeniert hatte.

Ludwig van Beethoven_Bonn © IOCO

Ludwig van Beethoven_Bonn © IOCO

Zum Bonner „Beethovenfest“, das Nike Wagner seit 2014 leitet, führte sie aus, dass es sich in diesem Jahr vom 8.9. bis 1.10. speziell mit den kleineren Formen befassen wird. Beethovens Erfolg beruhe zwar hauptsächlich auf seinem titanenhaft Männlichen, aber seine späten Streichquartette und Lieder seien noch immer zu entdecken. So sei es Beethoven gewesen, der mit dem Liederzyklus „An die ferne Geliebte“ stilbildend geworden ist – der Titel des diesjährigen Beethovenfestes „Ferne Geliebte“ leitet sich von dem Zyklus ab. Aber die Bonner, erläutert die durchaus humorfähige Dame, sollen auf „ihre Neunte“ nicht verzichten müssen; die Symphonie gibt es zur Eröffnung des Festivals als Aufzeichnung von 1977 der Berliner Philharmoniker unter Herbert von Karajan am 9.9. beim public viewing auf einer Großleinwand vor dem Bonner Rathaus.

Die Wege zu Beethoven führen aber auch beim diesjährigen Beethovenfest über die Symphonien 2, 4, 7 und 8 und die Klavierkonzerte 3 und 4, und in der Menge der Hochkaräter wird es auch an Stars wie dem Dirigenten Ingo Metzmacher oder den Bamberger Symphonikern nicht mangeln.

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Münster, Theater Münster, Orchesterprobe von Giorgio Battistelli, IOCO Kritik, 27.05.2017

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Die Rebellion gebiert den Diktator

„Orchesterprobe“ von Giorgio Battistelli 

Zeitkritik voll musikalischen Raffinements

Von Hanns Butterhof

Aus dem Orchestergraben klingt es chaotisch. Einzelne Instrumente werden scheints noch gestimmt, eine Chorpartie wird von Läufen auf einer Trompete zerrissen. Was in der Regel vor einer Opernaufführung geschieht, ist im Großen Haus des Theaters Münster schon der Beginn von Giorgio Battistellis Oper „Orchesterprobe“ und das erste Zeichen ihres Raffinements: Sie unterläuft avantgardistisch jeden Widerstand gegen avantgardistische Musik, indem sie unmittelbar verständlich bleibt.

Theater Münster / Orchesterprobe - Das Orchester rebelliert - Ensemble © Oliver Berg

Theater Münster / Orchesterprobe – Das Orchester rebelliert – Ensemble © Oliver Berg

Die selbstreflexive Auseinandersetzung mit der Avantgarde ist eine wesentliche Ebene des vielschichtigen Werks nach dem gleichnamigen Film Federico Fellinis. Es zeigt ein Orchester in seinem Proben-Alltag, in dem jeder respektlos gegenüber allen anderen ist; gemeinsam ist allen nur ihr jeweiliges Eigeninteresse und der Widerstand gegen die Autorität des Dirigenten.

Mit intimer Kennerschaft und nicht ohne Bosheit werden die persönlichen Eitelkeiten und Animositäten entfaltet. Der Konzertmeister (Boris Leisenheimer) wirft der Zweiten Violine (Henrike Jacob) Trunksucht vor, und sie beschimpft ihn als Päderasten, wohl weil er ein Verhältnis mit der zarten Harfe (Eva Bauchmüller) hat.

Bei Interviews, die ein bei der Probe anwesendes Fernseh-Team macht, zeigt sich, dass die Orchester-Musiker alles nur gegen Bezahlung zu tun bereit sind; das Verhältnis zu ihrer Arbeit ist gewerkschaftlich bis ins Kleinste und teilweise Absurde geregelt, sie selber sind zu Instrumenten – Zweite Geige, Trompete, Pauke etc. – versachlicht. Doch vor allem sind sie ihrer Arbeit noch tiefer, nämlich musikalisch entfremdet. Die Klarinette (Christian-Kai Sander) bezeichnet die Musik, die sie spielen müssen, als „sinnlos“, und der Konzertmeister präzisiert, dass die avantgardistischen Komponisten sich in der Philosophie von Marx bis Adorno auskennten, aber nichts von der Technik der Instrumente wüssten.

Am arroganten Dirigenten (Filippo Bettoschi), der offenbar ein Werk der Avantgarde – faktisch Battistellis – proben lässt, entlädt sich der ganze Unmut des Orchesters. Die Trompete, ein buntes Hippie-Fossil (Suzanne McLeod), und die Pauke von der Gewerkschaft (Youn-Seong Shim) rufen zum Widerstand gegen den Pult-Diktator auf und ersetzen ihn schließlich durch ein großes Metronom. Der musikalische Ertrag ist ernüchternd. Statt der Avantgarde oder gar der Klassik erklingt banale Volksmusik, wohl auch keine Lösung.

Was der Dirigent derweil im Interview vor idyllischer Landschaft (Bühne und Kostüme: Kristopher Kempf) zum Besten gibt, ist erheblich rückwärtsgewandte Utopie. In ihr gibt es keine Musiker mit Beamtenmentalität und gewerkschaftlich gesichertem Broterwerbs-Verhältnis zu ihrer Arbeit und kein Publikum, das nichts von Musik versteht. Stattdessen schwebt ihm Musik als Kirche vor, deren Priester die Dirigenten sind, an die alle glauben.

Theater Münster / Orchesterprobe - Es herrscht wieder der Dirigent © Oliver Berg

Theater Münster / Orchesterprobe – Es herrscht wieder der Dirigent © Oliver Berg

Zu der persönlichen und musikalischen Ebene kommt als dritte die politische Ebene dazu. Das Orchester erweist sich, etwas plakativ, als Spiegel der Gesellschaft. Seine Rebellion nimmt deutlich reaktionäre Züge an. Spruchbänder fordern nicht nur harmlos „Operette für alle“, sondern greifen à là Pegida Merkel an und monieren zu viele Ausländer; das Fernsehteam wird als „Lügenpresse“ in Eimern ertränkt. Als das Bühnenbild unter Donner und Blitz schwer symbolträchtig auseinanderbricht, der Probenraum einstürzt und die arme Harfe erschlägt, ruft die verunsicherte Masse der Orchestermitglieder den Dirigenten zurück. Der schafft mit einem herrischen „Ich will den totalen Klang“ wieder Ordnung.

So endet die „Orchesterprobe“ pessimistisch. Der anfangs sympathische und gewiss auch notwendige Widerstand der Musiker gegen ihre Versachlichung zu Instrumenten und ihr Ausgeliefertsein an alle Launen selbstherrlicher Dirigenten führt erst ins selbstbezogen unsoziale Chaos, dann zum Ruf nach dem starken Mann, der sie aus der selbstverschuldeten Malaise wieder herausführen soll.

Das ist sehr aktuell, und auch das Gegeneinander unvereinbarer, aber für sich nachvollziehbarer Positionen ist stimmig. Allerdings ist die musikalische Lösung Battistellis optimistischer als die der Regie von Ansgar Weigner. Nicht nur darf die feine Harfe auch nach ihrem Tod vom Rang aus weitersingen. Die wunderbar paradoxe Leistung der „Orchesterprobe“ ist es, alle Vorurteile gegen die moderne Musik aufzurufen und gleichzeitig ergötzlich eben diese moderne Musik zu sein. Ist das Bühnengeschehen eine schrille, aber treffende Karikatur der heutigen Gesellschaft, so ist die wesentlich atonale Musik aus dem Orchestergraben ihr genauer Spiegel. So unterläuft sie avantgardistisch die Kritik an der Abstraktheit der musikalischen Avantgarde und versöhnt so mit dieser; phantastisch!

Die über weite Teile absolut erheiternde Oper ist in der Regie von Ansgar Weigner in allen Teilen gelungen. Das mit Microport verstärkte Sängerensemble ist durchweg überzeugend, und was es und der von Inna Batyuk einstudierte Chor mit den Instrumenten, die sie ja nicht professionell beherrschen, zum Gesamtklang beitragen, ist eine Leistung für sich.

Theater Münster / Orchesterprobe - Fabrizio Ventura © Hanns Butterhof

Theater Münster / Orchesterprobe – Fabrizio Ventura © Hanns Butterhof

Fabrizio Ventura am Pult des Sinfonieorchesters Münster ist ein Battistelli-Experte; schon 2014 hat er dessen „Pacha mama“ und 2016 „experimentum mundi“ mit Orchestermusik uraufgeführt. In der „Orchesterprobe“ lässt er nie den Gedanken aufkommen, seine Sänger oder Instrumentalisten würden sich gegen ihn erheben, sondern ihm und allen Beteiligten bereitet die Bändigung des musikalischen Chaos‘ auf der Bühne und im Orchestergraben hörbar Vergnügen.

Das ging auch einem großen Teil des musikverständigen Publikums so, das nach kurzen achtzig Minuten allen Beteiligten langen Beifall spendete, der für Fabrizio Ventura und das Sinfonieorchester besonders kräftig ausfiel.

Theater Münster: Orchesterprobe, weitere Termine 2, 8.,10. und 28.6.2017, jeweils 19.30 Uhr.

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