München, Bayerische Staatsoper, 2017/18 – Zeig mir Deine Wunde, IOCO Aktuell, 24.04.2017

April 22, 2017  
Veröffentlicht unter Ballett, Bayerische Staatsoper, IOCO Aktuell, Oper

Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper – Spielzeit 2017/18  – Überblick

„Zeig mir deine Wunde“

 

 

 Bayerische Staatsoper / Intendant Bachler - GMD Petrenko © Joachim Baldauf

Bayerische Staatsoper / Intendant Bachler – GMD Petrenko © Joachim Baldauf

Nikolaus Bachler:  Die Aufforderung „Zeig mir deine Wunde“ ist in mancherlei Sinne eine Zumutung. Sie überschreitet die Grenzen der Privatheit und Intimität. Sie fordert heraus, noch ohne nach den Folgen zu fragen, ohne Verantwortlichkeit.

Genau das macht die Kunst, wenn sie Bedeutung erlangt. Kunst kennt weder Tabus noch Grenzen. Sie trifft ins Innere der Menschen, mit Wohl oder Weh, mit Lust oder Schmerz! Wer sich in die Kunst begibt, übernimmt selbst die Verantwortung für die Folgen an Geist und Seele.

Wer nicht verwundbar ist, ist nicht am und nicht im Leben, denn Schmerzvermeidung bedeutet Glücksverhinderung. Die offene Wunde ist ein Zeichen des Mutes zur Welt und zu den Mitmenschen, weil sie das Gegenüber zur empathischen Auseinandersetzung herausfordert. Doch unsere Welt ist nicht gnädig im Umgang mit Wunden. Wer sie offen zugibt, der zeigt Schwäche, begibt sich in Gefahr, noch stärker verletzt zu werden. Daher steckt der Mensch viel Kraft und Energie in die Verheimlichung oder Verdeckung der eigenen Wunden. Jeder hat Wunden, um die er weiß, die zu zeigen ihm aber schwerfällt.

„Zeig mir deine Wunde“ heißt auch „Vertrau mir, ich möchte mich mit dir beschäftigen, ich möchte dir nahe kommen“. Es ist eine Einladung zu einem Stück gemeinsamen Weges. Auch das tut die Kunst.

Parsifal kann sich der Wunde des Amfortas nicht entziehen. Er muss erkennen, dass die Wunde des Gralskönigs zugleich die Wunden der gesamten Menschheit bedeutet oder schlichtweg eine Metapher für eine verwundete Welt an sich ist. Die Verletzungen der Gräfin in Le nozze di Figaro betreffen alle Beteiligten. Giorgetta und Michele können in Il tabarro in ihrer Beziehung den Verlust des früh verstorbenen Kindes nicht verwinden, weil sie den Schmerz darüber verdrängen. Suor Angelica sucht die Verwundungen ihrer Vergangenheit im Freitod zu lösen. Und Janáceks Aus einem Totenhaus ist ein Hort verletzter Seelen in ihrer inneren und äußeren Gefangenschaft, ebenso wie sie die unterdrückten Sizilianer in Les Vêpres siciliennes erfahren. Und Orlandos Liebeswerben zeigt ihn in aller belächelten Verletzlichkeit.

Das Theater ist ein Ort, an dem die Wunden der Welt gezeigt und erlebt werden können. Das ganze Metier Oper handelt von Wunden – und letzten Endes ist „Zeig mir deine Wunde“ auch eine grundlegende Beschreibung von Kunst an sich.

Parsifal hat eine Erkenntnis: „Die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug.“ Erst als er um die Ursache der Wunde weiß, kann er das nötige Mitleid aufbringen, ohne das keine Heilung werden kann – weder uns noch unseren Mitmenschen.

PREMIEREN

  1. Premiere Il trittico (17. Dezember 2017)

Stückdebüt für K. Petrenko, Hausdebüt für Regisseurin Lotte de Beer, Mit Wolfgang Koch, Eva-Maria Westbroek, Ermonela Jaho, Ambrogio Maestri

  1. Premiere Parsifal (28. Juni 2018 – Münchner Opernfestspiele)

Stückdebüt für K. Petrenko, Pierre Audi inszeniert im Bühnenbild von Georg Baselitz, Mit Christian Gerhaher, René Pape, Jonas Kaufmann, Wolfgang Koch, Nina Stemme

  1. Premiere Le nozze di Figaro (26. Oktober 2017)

Musikalische Leitung: Constantinos Carydis, Inszenierung: Christof Loy, Mit Christian Gerhaher, Federica Lombardi, Anett Fritsch, Alex Esposito, Olga Kulchynska

  1. Premiere Les Vêpres siciliennes (11. März 2018)

Musikalische Leitung: Omer Meir Wellber, Inszenierung: Antù Romero Nunes, Mit Carmen Giannattasio, Bryan Hymel, George Petean, Erwin Schrott

  1. Premiere Der Diktator / Der zerbrochene Krug, Opernstudio (13. April 2018)

Opernstudio-Neuzugänge 17/18: Long Long (Tenor, China), Boris Prýgl (Bariton, Tschechien) Oleg Davydov (Bass, Russland)

  1. Premiere Aus einem Totenhaus (21. Mai 2018)

Musikalische Leitung: Simone Young, Inszenierung: Frank Castorf, Mit Peter Rose, Aleš Briscein, Charles Workman, Bo Skovhus

  1. Premiere Orlando Paladino (23. Juli 2018 – Münchner Opernfestspiele)

Musikalische Leitung: Ivor Bolton, Inszenierung: Axel Ranisch, Mit Sofia Fomina, Edwin Crossley-Mercer, Mathias Vidal, Guy de Mey, Tara Erraught

DER RING DES NIBELUNGEN

Drei Zyklen unter der musikalischen Leitung von Kirill PetrenkoJanuar / Februar und Münchner Opernfestspiele 2018

Inszenierung: Andreas Kriegenburg, Mit Wolfgang Koch, Markus Eiche, John Lundgren, Ain Anger, Ekaterina Gubanova, Okka von der Damerau, Simon O`Neill/Jonas Kaufmann, Anja Kampe, Nina Stemme, Stefan Vinke, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, Hans-Peter König, Anna Gabler

REPERTOIRE

 Bayerische Staatsoper / Andrea Chenier - Jonas Kaufmann - Nai Bridges © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Andrea Chenier – Jonas Kaufmann – JNai Bridges © Wilfried Hösl

Der Ring des Nibelungen: Das Rheingold, Die Walküre, Siegfried, Götterdämmerung,  Der Rosenkavalier

Insgesamt 43 Werke in der Saison 2017/18, Wiederaufnahmen von unter ander Andrea Chénier, Arabella, Un ballo in maschera, La Calisto, La Favorite, Der fliegende Holländer, Die Gezeichneten, Lady Macbeth von Mzensk, Mefistofele, Die schweigsame Frau, Semiramide, Simon Boccanegra, Il turco in Italia

Sechs Akademiekonzerte Musikalische Leitung: Kirill Petrenko (1., 4. & 6. Akademie-konzert), Cristian Macelaru (Hausdebüt), Lahav Shani (Hausdebüt), Daniele Rustioni

BAYERISCHES STAATSBALLETT

  1. Premiere Anna Karenina  (19. November 2017)

Ballett von Christian Spuck, Musik von Sergej W. Rachmaninow & Witold Lutos?awski, Musikalische Leitung: Robertas Šervenikas

  • Premiere Portrait Wayne McGregor (14. April 2018)

Dreiteiliger Abend: zwei Münchner Erstaufführungen (Borderlands und Kairos) und eine Uraufführung von Wayne McGregor; Eröffnung der Ballett Festwoche 2018

Bayerisches Staatsballett / Romeo und Julia © Wilfried Hösl

Bayerisches Staatsballett / Romeo und Julia © Wilfried Hösl

Premiere Ballettabend Junge Choreographen (4. Juli 2018), Cranko-Fest im Februar 2018 Anlässlich des 90. Jubiläums von John Cranko auf dem Spielplan: Romeo und Julia, Onegin und  Der Widerspenstigen Zähmung

Repertoire 2017/18

Wiederaufnahmen: Raymonda, Don Quijote, Außerdem zu sehen: Alice im Wunderland, La Bayadère, La Fille mal gardée, Giselle, Ein Sommernachtstraum, Spartacus

München, Staatstheater am Gärtnerplatz, Orchester des Staatsttheaters Spanien-Tournee 24.-30.04.2017

Staatstheater am Gärtnerplatz München

Staatstheater am Gärtnerplatz / Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz 2017 © Christian POGO Zach

Staatstheater am Gärtnerplatz / Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz 2017
© Christian POGO Zach

¡HOLA! ESPAÑA!

Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz | Spanien-Tournee 24.-30.04.2017

Nach Tourneen durch die renommiertesten Konzertsäle Mexikos und Chinas in den letzten beiden Spielzeiten gastiert das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz im April 2017 zusammen mit dem Pianisten Ivo Pogorelich und unter der Stabführung von Dirigent Michael Guttman in Spanien und bringt dort in wechselnder Programmzusammenstellung Werke von Johannes Brahms, Felix Mendelssohn Bartholdy und Robert Schumann zu Gehör. Die Reise der insgesamt 60 Musikerinnen und Musiker führt nach Oviedo, Madrid, Murcia, Tudela, Logroño und Bilbao.

Robert Schumann Klavierkonzert a-Moll, op. 54 (35‘)
Felix Mendelssohn Bartholdy Sinfonie Nr. 3 a-Moll, op. 56, „Die Schottische“ (38‘)
Robert Schumann Klavierkonzert a-Moll, op 54 (35‘)
Johannes Brahms Sinfonie Nr. 1 c-Moll, op. 68 (42‘)

Vorstellungstermine: Mo. 24. April 2017 20.00 Uhr **, Di. 25. April 2017 19.30 Uhr **, Mi. 26. April 2017 20.30 Uhr **, Fr. 28. April 2017 20.30 Uhr **, Sa. 29. April 2017 20.30 Uhr **, So. 30. April 2017 19.00 Uhr **, ** Gastspiel, PMTHGä

 

 

München, Staatstheater am Gärtnerplatz, Spielplan Juni 2017

Staatstheater am Gärtnerplatz München

 Staatstheater am Gärtnerplatz - Zur Zeit in der Sanierung© Bernd Eberle

Staatstheater am Gärtnerplatz – Zur Zeit in der Sanierung © Bernd Eberle

Premiere   DON GIOVANNI  24. Juni 2017 Cuvilliéstheater

Musik von Wolfgang Amadeus Mozart, Libretto von Lorenzo Da Ponte
ML: Marco Comin, R: Herbert Föttinger, B: Walter Vogelweider, K: Alfred Mayerhofer
Mit: Mathias Hausmann / Günter Papendell, Sophia Brommer / Jennifer O’Loughlin, Lucian Krasznec / Tamás Tarjányi, Sergii Magera / Christoph Seidl, Camille Schnoor / Nadja Stefanoff, Matija Meic / Levente Páll, Christoph Filler, Mária Celeng / Sophie Mitterhuber
Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Einführungsmatinee DON GIOVANNI, 11. Juni 2017 Akademietheater


KONZERT  DIE JAHRESZEITEN  07. Juni 2017 Prinzregententheater
Oratorium in vier Teilen, Hob. XXI:3
Musik von Joseph Haydn, Libretto von Gottfried van Swieten
Mit filmischen München-Impressionen von Toni Schmid, Meike Ebert und Raphael Kurig
ML: Marco Comin, Mit: Sophie Mitterhuber, Tamás Tarjányi, Levente Páll,
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz


Wiederaufnahme  TSCHITTI TSCHITTI BÄNG BÄNG – 11. Juni 2017 Prinzregententheater

Musik und Gesangstexte von Richard M. Sherman und Robert B. Sherman
Für die Bühne bearbeitet von Jeremy Sams und Ray Roderick
Basierend auf dem gleichnamigen MGM-Film, Deutsch von Frank Thannhäuser
ML: Michael Brandstätter, R: Josef E. Köpplinger, Ch: Ricarda Regina Ludigkeit, B: Karl Fehringer, Judith Leikauf, K: Alfred Mayerhofer
Mit: Peter Lesiak, Katja Reichert, Frank Berg, Erwin Windegger, Sigrid Hauser, Markus Meyer, Marinus Hohmann / Clemens von Bechtolsheim, Oona Bantel / Amelie Spielmann, David Jakobs, Patrick A. Stamme, Hannes Muik, Alexander Franzen, Andreas Goebel, Christian Schleinzer, Lars Schmidt, Evita Komp, Nicola Gravante, Susanne Seimel, Thomas Hohenberger, Alexander Moitzi, Peter Neustifter, Carl van Wegberg, Corinna Ellwanger, Katharina Lochmann, Leoni Kristin Oeffinger,
Chor, Kinderchor, Ballett und Statisterie des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz


Extras



MUT – Wettbewerb für musikalisches Unterhaltungstheater – Mit Live-Band
08. Juni Semi-Finale Reithalle, 10. Juni Finalkonzert Reithalle

OPERN AUF BAYRISCH
ML: Andreas Kowalewitz, Percussionist: Werner Hofmeister, Mit: Conny Glogger, Gerd Anthoff, Michael Lerchenberg

05. Juni Der Ring in einem Aufwasch,  Prinzregententheater
16. Juni Carmen, Don Giovanni, Der Barbier von Sevilla –  Prinzregententheater
Junges Gärtnerplatztheater


DE AMORE – 23. und 25. Juni 2017 Reithalle

Eine Produktion der Gärtnerplatz Jugend, Frei nach Platons Gastmahl
ML: Andreas Partilla, R: Susanne Schemschies, Ch: Roberta Pisu, B/K: Stephanie Thurmair,  Mit der Gärtnerplatz Jugend



Spielplan

Mai 2017


Do 01.06.  19.30 – In der Reithalle
Tel. 089 2185-1960 www.gaertnerplatztheater.de

JESUS CHRIST SUPERSTAR,  Rockoper


Fr 02.06.  19.30 –  In der Reithalle
Tel. 089 2185-1960 www.gaertnerplatztheater.de
JESUS CHRIST SUPERSTAR, Rockoper


Sa 03.06.  19.30  In der Reithalle
Tel. 089 2185-1960 www.gaertnerplatztheater.de
JESUS CHRIST SUPERSTARRockoper


Mo 05.06. 18.00 – Im Prinzregententheater
Tel. 089 2185-1960 www.gaertnerplatztheater.de
OPERN AUF BAYRISCH  –  Der Ring in einem Aufwasch
Mi 07.06. 19.30 – Im Prinzregententheater
Tel. 089 2185-1960 www.gaertnerplatztheater.de
DIE JAHRESZEITEN – Oratorium von Joseph Haydn


Do 08.06. 19.30 – In der Reithalle
Tel. 089 2185-1960 www.gaertnerplatztheater.de
MUT – Semi-Finale
Wettbewerb für musikalisches Unterhaltungstheater


Sa 10.06. 19.30 – In der Reithalle
Tel. 089 2185-1960 www.gaertnerplatztheater.de
 MUT   Finalkonzert
Wettbewerb für musikalisches Unterhaltungstheater


So 11.06.2017  11.00 – Im Akademietheater
Tel. 089 2185-1960 www.gaertnerplatztheater.de

Einführungsmatinee DON GIOVANNI

18.00 – Im Prinzregententheater
TSCHITTI TSCHITTI BÄNG BÄNG – Musical
Di 13.06.  19.30 – Im Prinzregententheater
Tel. 089 2185-1960 www.gaertnerplatztheater.de
TSCHITTI TSCHITTI BÄNG BÄNG,  Musical


Do 15.06.  18.00 – Im Prinzregententheater
Tel. 089 2185-1960 www.gaertnerplatztheater.de
TSCHITTI TSCHITTI BÄNG BÄNG,  Musical


Fr 16.06.  19.30 – Im Prinzregententheater
Tel. 089 2185-1960 www.gaertnerplatztheater.de
OPERN AUF BAYRISCH
Carmen, Don Giovanni, Der Barbier von Sevilla


Sa 17.06.  19.30 – Im Prinzregententheater
Tel. 089 2185-1960 www.gaertnerplatztheater.de
TSCHITTI TSCHITTI BÄNG BÄNG, Musical


So 18.06. 18.00 – Im Prinzregententheater
Tel. 089 2185-1960 www.gaertnerplatztheater.de
TSCHITTI TSCHITTI BÄNG BÄNG, Musical


Fr 23.06. 19.30 – In der Reithalle
Junges Gärtnerplatztheater GÄRTNERPLATZTHEATER
Tel. 089 2185-1960 www.gaertnerplatztheater.de
DE AMORE,  Eine Produktion der Gärtnerplatz Jugend


Sa 24.06. 19.00 – Im Cuvilliéstheater
Premiere  DON GIOVANNI
GÄRTNERPLATZTHEATER
Tel. 089 2185-1960 www.gaertnerplatztheater.de


So 25.06. 18.00 – In der Reithalle
Junges Gärtnerplatztheater
Tel. 089 2185-1960 www.gaertnerplatztheater.de
DE AMORE – Eine Produktion der Gärtnerplatz Jugend


Mo 26.06. 19.00 – Im Cuvilliéstheater
Tel. 089 2185-1960 www.gaertnerplatztheater.de
DON GIOVANNI von Wolfgang Amadeus Mozart


Di 27.06. 19.00 – Im Cuvilliéstheater
Tel. 089 2185-1960 www.gaertnerplatztheater.de
DON GIOVANNI, Oper von Wolfgang Amadeus Mozart; PMStthaG

München, Staatstheater am Gärtnerplatz, Sinfonisches Ballett Jean und Antonin, IOCO Kritik, 09.04.2017

Staatstheater am Gärtnerplatz München

 Staatstheater am Gärtnerplatz - Zur Zeit in der Sanierung© Bernd Eberle

Staatstheater am Gärtnerplatz – Zur Zeit in der Sanierung © Bernd Eberle

 Sinfonisches Ballett  – Jean und Antonin 

 Antonin Dvorák und Jean Sibelius

Von Daniela Zimmermann

Zwei große Klassiker der Sinfoniegeschichte legen das musikalische Fundament des sinfonischen Balletts Jean und Antonín von Michael Keegan-Dolan und Karl Alfred Schreiner für das Gärtnerplatztheater choreographiert. Die Vornamen der Komponisten sind Namensgeber des Ballett: Die Sinfonie Nr. 8 des Tschechen Antonín Dvorák von 1889/99 legt im 1. Teil den musikalischen Rahmen für das Ballett  Antonin; den Rahmen für Jean bereitet im 2. Teil die Sinfonie Nr. 7 des finnischen Komponisten Jean Sibelius, entstanden 1918–1924. Beide Sinfonien beschreiben die  Verbundenheit von Natur und Seele inmitten der langen Schöpfungsgeschichte.

Als Besucher von Jean und Antonín ergriff mich dessen Nähe zu gerade erlebten Schicksalsschlägen. Zwei Freundinnen und eine alte Tante hatte ich in den letzten Wochen beerdigt. Nun erlebte ich die Uraufführung des Ballett Antonin in der Reithalle, die Trauerfeier zu einer Beerdigung. Ein Sarg mit Blumen, mitten auf der Bühne platziert, war Mittelpunkt der Trauerfeier. Zwei Stuhlreihen rechts und links des Sarges füllten Trauergäste.

Antonin Dvoraks  8. Sinfonie gehört zu seinen erfolgreichsten Kompositionen, voll des heiteren Melodienreichtums. Sie entstand in seiner böhmischen Heimat, inmitten ländlich idyllischer  Ruhe. Die Sinfonie spiegelt die ihn umgebene Natur wieder, ist voller Lebensfreude,  trägt  melancholischen Momenten; tiefe Religiosität ist allzeit spürbar.  Doch ist diese so ergreifende Musik nicht allein zum Trauern, auch zum Feiern soll sie anregen. In einer der Todesanzeigen, die ich erhielt, stand „seid nicht traurig, wenn ihr an mich denkt, und traut euch ruhig zu lachen. Lasst mir einen Platz zwischen euch, so wie ich ihn im Leben hatte“.

Gärtnerplatz Theater Muenchen / Ballett Antonin © Marie-Laure Briane

Gärtnerplatz Theater Muenchen / Ballett Antonin © Marie-Laure Briane

Die lebensbejahende Aufforderung meiner verstorbenen Freundinnen fand ich in der Antonin – Choreographie von  Michael Keegan-Dolan wieder: Der Sargdeckel auf der Bühne wird geöffnet und der Tote erlebt, zu den fast derben böhmischen Klängen Dvoraks, inmitten seiner trauernden Freunde, alle in eisig dunklen Farben, zunächst auf ihren Stühlen in tief empfundene Traurigkeit. Doch bald die Lebensfreude zurück: Rhythmisches Händeklatschen, auf den Boden knallende Schuhe, es wird geraucht, gegessen und gemeinsam geweint: „Wir brauchen alle einander“, so die emotionale Botschaft der Tanzenden. Zum Ende, fast unbemerkt von den Freunden, erhebt sich der Tote, raucht eine „eine letzte Zigarette“ und gibt diese seiner Lieblingsfrau weiter und entschwindet. Symbolisch zu seinem wie unserem Leben wird die Zigarette zum Symbol der Kürze unserer Lebenszeit als unser aller Vergänglichkeit. Bunte Luftballons am Sarg signalisieren, dass auch diese Seele in den Himmel fliegen möge. Die Trauernden sammeln sich um den Sarg mit der offenen Botschaft: Ist der Tod auch traurig, liebt das Leben, denn es ist so schön!  Das Gärtnerplatz-Orchester unter Michael Brandstätter spielte Dvoraks einfallsreichen Melodienreigen dem Tanzverlauf angepasst mit großem Gefühl und Intensität.

Auch das Ballett Jean, Karl Alfred Schreiner choreographiert darin Jean Sibelius Sinfonie Nr. 7, beschreibt Tod und Vergänglichkeit. Es ist Sibelius´ letzte Sinfonie, er stellte sie 1924 mit Mühen und größeren Mengen Alkohols fertig. Das schwedische Publikum war bei der Uraufführung  begeistert, vom Klang und der schöpferischen Vielseitigkeit des Werkes. Eine Musik über weite Landschaften, ohne Anfang und ohne Ende. Landschaften, in die der Mensch eingebettet, seinem eigenen Verfall ausgeliefert ist.

Gärtnerplatz Theater Muenchen / Ballett Jean © Marie-Laure Briane

Gärtnerplatz Theater Muenchen / Ballett Jean © Marie-Laure Briane

Eine leere Bühne auf der eine überdimensional große Kerze in einer Ecke Endlichkeit bezeugt. 18 Tänzer bewegen sich auf weißem Boden, allein oder in kleinen Gruppen, wie in einer eingefrorenen Seelenlandschaft.  Alle sind gleich gekleidet in eisigem hellblau. Die Choreographie zeichnet  den menschlichen Verfall durch ein Ensemble mit  eingefrorener oder überzeichneter Motorik. Manche  Tänzer kriechen matt und schlaff über den Boden, andere zeigen, der Sibelius´ Komposition folgend, menschliches Leben voll lodernder Energie. Sandra Salietti tanzt ein kämpferisches Solo der Lebensdynamik, aber auch sie verliert diesen Kampf.  Zum  Ende verlöscht alle Motorik, alles Leben bricht zusammen.

Begeisterter Applaus für Jean und Antonin: Er galt der ergreifenden Choreographie dieser Uraufführung wie den Tänzern des Ballett des Gärtnerplatztheaters.

 

Nächste Seite »