München, Staatstheater am Gärtnerplatz, Spielzeitpremiere LA CENERENTOLA .28..10.2017

Staatstheater am Gärtnerplatz München

Gaertnerplatztheater München © Christian Pogo Zach

Gaertnerplatztheater München © Christian Pogo Zach

 

Spielzeitpremiere LA CENERENTOLA am 28. Oktober 2017

Die Komische Oper LA CENERENTOLA in der umjubelten Inszenierung von Brigitte Fassbaender und unter der Musikalischen Leitung von Michael Brandstätter feiert am 28. Oktober Spielzeitpremiere. Die Geschichte vom Aschenputtel ist hinreichend bekannt. In Gioachino Rossinis Meisterwerk muss sich die arme Angelina von ihren Stiefschwestern Tisbe und Clorinda wie auch von ihrem Stiefvater Don Magnifico schikanieren lassen. Doch als der Prinz Don Ramiro, der mit seinem Kammerdiener Dandini die Rollen getauscht hat, auf Brautschau geht, beginnt sich das traurige Schicksal Angelinas zu wenden.

Mit »La Cenerentola« stellten sich Rossini und sein Librettist Jacopo Ferretti dem Wagnis, einen kindlichen Stoff für ein weitgehend erwachsenes Publikum aufzubereiten und die Geschichte aus der Welt der Märchen in die Realität des täglichen Lebens zu transferieren. In der Inszenierung von Brigitte Fassbaender wird eine der intelligentesten Partituren Rossinis zu einem Opernereignis für Jung und Alt.

Staatstheater am Gärtnerplatz / LA CENERENTOLA Mercedes Arcuri als Clorinda, Dorothea Spilger als Tisbe, Marco Filippo Romano als Don Magnifico, Arthur Espiritu als Don Ramiro © Christian POGO Zach

Staatstheater am Gärtnerplatz / LA CENERENTOLA Mercedes Arcuri als Clorinda, Dorothea Spilger als Tisbe, Marco Filippo Romano als Don Magnifico, Arthur Espiritu als Don Ramiro © Christian POGO Zach


LA CENERENTOLA
oder La bontà in trionfo
Komische Oper

Musik von Gioachino Rossini
Libretto von Jacopo Ferretti nach Francesco Fiorini

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Spielzeitpremiere 28. Oktober 2017
Weitere Vorstellungen
Oktober 31 November 2 / 4 / 12 / 17 / 22

Musikalische Leitung   Michael Brandstätter
Regie   Brigitte Fassbaender
Mária Celeng, Diana Haller, Frances Lucey, Dorothea Spilger, Anna-Katharina Tonauer I
Arthur Espiritu, Christoph Filler, Matija Mei?, Holger Ohlmann, Levente Páll, Christoph Seidl, Tamás Tarjányi

Herrenchor des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Pressemeldung Staatstheater am Gärtnerplatz

München; Gärtnerplatztheater – Wiedereröffnung nach fünf Jahren Sanierung, IOCO Aktuell, 20.10.2017

Staatstheater am Gärtnerplatz München

München / Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

München / Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

 

Sanierung – Die Reise ins Unbekannte, IOCO Aktuell, 17.07.2012

Das Gärtnerplatztheater feiert seine Wiedereröffnung

„Endlich wieder im Stammhaus“

Von Daniela Zimmermann

„Eine Reise ins Unbekannte“ schrieb IOCO im Juli 2012, als das Gärtnerplatztheater zur Sanierung seine Pforten schloss. Fünfeinhalb Jahre lang wurde seither an dem 1865 unter König Ludwig II. erbauten Staatstheater mit seinen 893 Zuschauerplätzen auf drei Rängen saniert. Zu seiner Gründungszeit war  das Theater berühmt für prachtvolle   Ausstattung, Dekoration und Bühnenbild. Es war seither nicht die erste Sanierung des Hauses, aber eine dringliche. Die Technik der Bühne  und die Beleuchtung waren für moderne Aufführungen nicht mehr geeignet. Dazu kamen neue Anforderungen an Brandschutz, Heizung, Probenräume, neue Bestuhlung und mehr. Mit der Sanierung wurde im Rückteil des Theatergebäudes ein neues Gebäude für Werkstätten, Proberäume und Probenbühne errichtet. €71 Millionen sollte 2012 die Sanierung kosten; auf etwa €125 Millionen belaufen sich die tatsächlichen Sanierungskosten 2017: Mehrkosten  +€54 Millionen, +76%.

Der Gärtnerplatz in München / Zur Eröffnung des Theaters geschmückt © D Zimmermann

Der Gärtnerplatz in München / Zur Eröffnung des Theaters geschmückt © D Zimmermann

Am 15. – 16.10.2017 wurde die Wiedereröffnung des traditionsreichen Gärtnerplatztheaters gefeiert: Schon vor dem Theater ging es festlich zu. Abendliche Wärme eines wunderschönen Herbsttages belebte die Stimmung. Figuren auf Stelzen zur Begrüßung, die Fassade des Theaters beleuchtet, dazu der wunderbare Gärtnerplatz. Festlich gekleidete Menschen mit Sektglas, fröhlich gestimmt und voller Erwartung. Alle wollen die Eröffnung feiern. Eine berührende Atmophäre.

Gefeiert wurde die Wiedereröffnung mit einer Galavorstellung. Die  Besucher bewegten sich voller Bewunderung durch die sanierten Räume des Theaters . Alles dort erstrahlte in einem eigenen, wiedererstandenen Glanz. Josef Köpplinger, seit 2013 Intendant des Hauses,  sprach über den Kulturauftrag des Theaters, über die Liebe und Schönheit der Kunst, deren Bestimmung verbindet. Fünf Jahre der Improvisation auf Ersatzspielstätten endeten an diesem Tag. Auch für Josef Köpplinger ein Tag der Rückkehr in die Theaternormalität.

Die Galavorstellung war so gestaltet, dass alle Sänger, Tänzer, Chorist/innen, Kinderchor und das siebeundsiebzig Musiker umfassende Orchester mit ihren drei Dirigenten Anthony Bramall, Andreas Kowalewitz und Michael Brandstätter auftreten.  Bevor aber die Künstler ihr Kunst präsentierten ging der neue  Vorhang auf: Nach oben und nicht, wie gewohnt, zur Seite. Das Publikum bestaunte sich zunächst selbst: In einem riesigen Spiegel auf der Bühne. Der Ansprache von Intendant Köpplinger folgte ein Film, der die jahrelange Sanierung  des Hauses in all seinen Einzelheiten beeindruckend beschrieb.

Gärtnerplatztheater München / Der neue Bühnenvorhang © D Zimmermann

Gärtnerplatztheater München / Der neue Bühnenvorhang © D Zimmermann

Sigrid Hauser übernahm die Moderation des Abends. Sie überraschte mit einem interessanten Zitatenfundus,wie einen Zeitungsbericht aus dem Jahr 1907, als es einen richtigen Kampf gab, um die hundertfünfzig Karten einer Vorstellung der Lustigen Witwe. Aber Shakespeare, Heinz Ehrhardt und selbst Goebbels trug Sigrid Hauser mitreißend  launisch vor.

Aus dem Musical The Frogs hielt dann das Ensemble die Ansprache an das Publikum. Mit der Suite aus Star Wars präsentierte sich das Orchester. Und so ging es weiter, einzeln, im Duett, mit dem Chor; alle sangen und tanzten wie immer erstklassig, brillant. Besonders anrührend der Vortrag von Gisela Ehrensperger und Franz Wyzner aus Anatevka  Ist es Liebe. Aus der Dreigroschenoper der Kanonensong. Die Bühne bewies hier die neue Technik, als eine Jazzband von unten nach oben gefahren wurde, um auf der Bühne ihre Instrumente auszuleben. Elaine Ortiz spielte überraschend auf der Gitarre und sang ein Lied aus ihrer Heimat. Mozart mit Figaros Hochzeit durfte natürlich auch nicht fehlen und selbstverständlich auch nicht Verdi, Donizetti, Rossini, Lehar und Johann Strauß.

Donner und Blitz, die beliebte Polka von Strauß war geschaffen für das starke Ballett des Gärtnerplatztheaters. Den Schluss von Carmina Burana brachte der Chor wunderbar und kraftvoll vor. Daniel Prohaska und Camille Schnoor sangen „Lippen Schweigen“  aus der Lustigen Witwe, ein Vorgeschmack auf die erste reguläre Aufführung im neuen Haus, um sodann mit dem gesamten Ensemble und Brüderlein und Schwesterlein aus der Fledermaus auszuklingen. Die Champagnerlaune auf der Bühne passte zu diesem beschwingten Abend. Irving Berlin mit seinem „There’s No Business Like Show Business” beendete die Wiedereröffnungsfeier.

Gärtnerplatztheater München / Zum Abschied in goldene fließende Tropfen gehüllt © D Zimmermann

Gärtnerplatztheater München / Zum Abschied in goldene fließende Tropfen gehüllt © D Zimmermann

Draußen war es inzwischen dunkel geworden. Doch der prickelnde Galaabend wie die in fließenden Goldfarben angestrahlte Theaterfassade hatten hohe Erwartungen, Neugierde auf kommende Produktionen des Gärtnerpatztheaters geweckt.

München, Residenztheater, Kinder der Sonne – Maxim Gorki, IOCO Kritik, 19.10.2017

Oktober 20, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Residenztheater, Schauspiel

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

 Kinder der Sonne  von  Maxim Gorki 

„Ihr Hass ist blind…er wird euch vernichten“

Von Hans Günter Melchior

Werktreue oder postmoderne Beliebigkeit:   Im Zeitalter des Regietheaters, der Vielfalt und Beliebigkeit, der Postmoderne, Postdramatik, Performance, der Dramatik und der Dekonstruktion sowie der Mischformen von allem wird sich jeder Regisseur, bevor er sich an die Arbeit macht, fragen müssen: halte ich mich an den Text oder ist dieser mir im Grunde egal, allenfalls Projektionsfläche für Eigenes, für Assoziationen und Provokationen, „Hinzugedichtetes“ und dergleichen.

David Bösch hält sich in seiner Inszenierung der Kinder der Sonne von Maxim Gorki im Wesentlichen an den Text und das ist gut so. Hat man doch langsam genug von den neunmalklugen, eitlen und besserwisserischen Regisseuren, die sich für schlauer als der Autor halten und ihren schlaftrunkenen Fantasien freien Lauf lassen, solange, bis niemand (wahrscheinlich sie selbst nicht) mehr weiß, um was es eigentlich geht.

Maxim Gorkis Stück als Revolutionsstück, d.h. als ausdrücklichen Aufruf zur Revolution, zu bezeichnen, geht zu weit. Es ist mehr eine Warnung an ein sich in der Selbstreflexion erschöpfendes Bürgertum vor der Wut der Unterdrückten. Die Aufforderung, den Blick nach draußen auf die soziale Wirklichkeit zu richten, wo es gärt und ein revolutionärer Wille Kräfte sammelt.

Dass dabei wie in München eine Aufführung herauskommt, die letztlich ein wenig harmlos wirkt, ist nicht ausschließlich die Schuld des Regisseurs.

Residenztheater München / Kinder der Sonne - hier Norman Hacker als Chemiker Protassow © Thomas Dashuber

Residenztheater München / Kinder der Sonne – hier Norman Hacker als Chemiker Protassow © Thomas Dashuber

„Sie werden euch vernichten“

Anders als bei Tschechow, dessen somnabule Adelige der neuen Zeit hilflos entgegenträumen, nimmt sich Gorki den Mittelstand vor. Da ist der Chemiker Protassow (gelassen, skurril, glaubwürdig Norman Hacker), der mehr in die Chemie als in seine Frau Jelena (souverän, beeindruckend Hanna Scheibe) verliebt ist und es nicht einmal merkt. Der an die Allmacht des menschlichen Verstandes glaubt („Wir sind Kinder der Sonne“) und an einem Mittel für die Unsterblichkeit arbeitet.

In Protassows psychisch kranke Schwester (Mathilde Bundschuh, schillernd, für eine psychisch Kranke ziemlich rational) ist  der Tierarzt Tschepurnoj (Till Firit, jung, locker, modern) verliebt, er denkt an nichts als die Heirat, wird aber von der Angebeteten abgewiesen. Als diese gegen Ende des Stücks merkt, dass auch sie ihn liebt, ist es zu spät: Tschepurnoj hat sich aus Liebeskummer erhängt.

Ja, ach ja und dann: diese rührende Geschichte zwischen Melanija, Schwester des Tierarztes, eine mondäne und reiche Witwe (umwerfend, kabarettistisch  Katharina Pichler, glänzend aufgelegt), die an den Chemiker heranmacht, in der irrigen Meinung, zwischen ihm und seiner Ehefrau Jelena sei es so gut wie aus. Eine hippelige Frau, die sich in ihrer Liebestollheit demütigt, während der Wissenschaftler Protassow zuerst gar nichts merkt und dann, als er endlich kapiert, der guten Frau eine laue „Freundschaft“ anbietet.

Und schließlich ist da im Liebesreigen noch der Maler Wagin, der um Jelena herumschleicht wie ein läufiger Kater (Aurel Manthei, quirlig, flexibel, bald derb, bald intellektuell), letztlich aber bei allem sticheligen und aufreizenden Gehabe der Verehrten ebenfalls mit einem Freundschaftsangebot abgewiesen wird, jedoch weit entfernt ist von einem Verzweiflungsakt. Soweit die Liebesgeschichten, die sich aufspielen, als seien sie bereits die ganze Welt.

Residenztheater München / Kinder der Sonne - hier v.l. Till Firit als Boris Nikolajewitsch Tschepurnoj_ Norman Hacker als Protassow,   Thomas Huber als Jegor der Schlosser © Thomas Dashuber

Residenztheater München / Kinder der Sonne – hier v.l. Till Firit als Boris Nikolajewitsch Tschepurnoj_ Norman Hacker als Protassow,   Thomas Huber als Jegor der Schlosser © Thomas Dashuber

Ins versponnene Gewusel bricht zuweilen der Schlosser Jegor (wunderbar berserkerhaft, kernig Thomas Huber) wie ein Donner, ein echter Proletarier, der seine Frau prügelt, weil er es nicht anders kennt, ein in der Kindheit und Jugend Geprügelter, der einfach weiterprügelt, aus Gewohnheit und Ratlosigkeit und aus Mangel an anderen Mitteln.

Manchmal treten zwei Geschäftemacher ins – vermeintliche – Idyll wie ins Fettnäpfchen, der Vermieter Nasar (glatt, schlüpfrig  Joachim Nimtz) und sein Assistent (gewissenlos, gefühlskalt, zynisch Thomas Huber). Sie bemühen sich vergeblich, den Chemiker  dafür zu gewinnen, in eine Firma, deren Ziel es sein soll, seine, Protassows, wissenschaftliche Erkenntnisse kommerziell auszubeuten, als Geschäftsführer einzutreten. Aber Protassow versteht sie nicht einmal, er lebt ausschließlich in der Hingabe an seine Wissenschaft.

Gleichsam über allem schwebt das zwielichtige, fadenscheinige Dienstmädchen Fima (sehr glaubwürdig und gekonnt Pauline Fusban), die sich mit den Verhältnissen arrangierende Proletarierin, bestechlich und infam, locker und sexy –; diesen hermetischen Kosmos der Selbstbespiegelung persiflierend und sich schließlich davon verabschiedend, als ein günstigeres Angebot winkt.

Lange geht es hin und her im Werben und Abweisen, als gebe es nichts anderes als die eigene Befindlichkeit. Bis das Unheil aus der Welt von draußen hereinschrillt: die Cholera. Eine Metapher des Schreckens und der gesellschaftlichen Erschütterungen, des Aufruhrs und der Veränderung. Der Schlosser berichtet darüber; und der Bericht ist zugleich ein Vorwurf.

Einzig Jelena ist der Gefahr tatsächlich und moralisch gewachsen. Sie entschließt sich spontan und gegen den Rat ihres Ehemannes, die erkrankte Frau des Schlossers zu pflegen, als dieser um Hilfe bittet. Bezeichnenderweise kommt auch sie zu spät. Man nimmt aber den guten Willen für die Tat.

Residenztheater München / Kinder der Sonne - hier v.l. Mathilde Bundschuh als Lisa Protassows Schwester, Till Firit als Boris Nikolajewitsch Tschepurnoj © Thomas Dashuber

Residenztheater München / Kinder der Sonne – hier v.l. Mathilde Bundschuh als Lisa Protassows Schwester, Till Firit als Boris Nikolajewitsch Tschepurnoj © Thomas Dashuber

Der hellsichtigen, psychisch kranken Lisa bleibt es vorbehalten, die prekäre Situation der „gut angezogenen“ Narzissten schonungslos auf den Punkt zu bringen: „Ich habe den blanken Hass auf der Straße gesehen, Massen von rasenden Bestien… Sie hassen euch, weil ihr euch entfremdet habt und ihr hartes unmenschliches Dasein ignoriert. Ihr Hass ist blind, aber ihr provoziert ihn und er wird euch vernichten.

Da wird zum ersten Mal ausdrücklich die Revolution angekündigt – konkret und es ist mehr als ein Wetterleuchten. In dieser zentralen Frage hätte man der Inszenierung etwas mehr Nachdruck gewünscht. Am Ende geht – ein wenig allzu plötzlich und kaum wirklich vorbereitet – schockartig das Licht in dem nüchtern eingerichteten Wohn- und Arbeitsraum des Chemikers aus, Blitze zucken, der Schlosser rückt mit einer Axt gegen den Flügel vor, während zwei oder drei weitere Genossen den Rest der Wohnung zerlegen.

Zweieinhalb Stunden Gorki, die Veranlassung geben, sich mit seinem Werk zu befassen. Er hat das Stück 1903 in der Haft geschrieben, 1905 kam es zum „Petersburger Blutsonntag“.

Längst vorbei? Mitnichten. Auch gegen die offenbaren sozialen Krankheiten unserer Zeit, die beharrliche Blindheit der Herrschenden und die zynische Überheblichkeit der Profitgierigen beginnt sich der Widerstand zu formieren.

Kinder der Sonne im Residenztheater, München; weitere Vorstellungen 29.10.2017; 4.11.2017; 13.11.2017

München, Residenztheater, Insgeheim Lohengrin – Flucht in die Kunst, IOCO Kritik, 11.10.2017

Oktober 13, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Residenztheater, Schauspiel

 

 Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

Insgeheim Lohengrin 
Flucht in die Kunst –

Von Hans Günter Melchior

Natürlich kennen Sie Lohengrin. Das ist doch der Ritter mit dem Schwan in Richard Wagners 1850 uraufgeführter Oper. Der Edle, der in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts in Antwerpen Elsa von Brabant vom Vorwurf des Brudermordes durch ein Gottesgericht (er besiegt den Ankläger Telramund im Schwertkampf) reinigt und Elsas Ehemann wird. Der Gralsritter, der seine Herkunft verschweigt, weil er ein Schweigegelübde ablegte und weil er um seiner selbst willen geliebt werden will und eben nicht als Gralsritter und Königssohn aus dem „fernen Land, unnahbar euren Schritten“, wo die Burg Monsalvat liegt. Und der dann doch entgegen dem Schweigegebot der Gralsritter dem unnachgiebigen Wissensdrang seine Frau nachgibt/erliegt –, um den Preis, sie verlassen zu müssen.

Residenztheater München / Insgeheim Lohengrin - Paul Wolff-Plottegg als Otto © Andreas Pohlmann

Residenztheater München / Insgeheim Lohengrin – Paul Wolff-Plottegg als Otto © Andreas Pohlmann

Monsalvat: Assoziationen zu lat. salvare: heilen liegen nicht fern. Und nicht zuletzt deshalb, um der Heilung von einem nur halb gelungenen oder ganz misslungenen Leben willen nämlich, haben sich hier wohl fünf Leute zusammengetan, um Wagners Werk zu huldigen: Eskil (Wolfram Rupperti), Helga (Charlotte Schwab), Kathi (Ulrike Willenbacher), Otto (Paul Wolff-Plottegg) und Heiner (Manfred Zapatka). „Insgeheim“, als wären auch sie zum Schweigen über ihren Gott Wagner verpflichtet.

Sie treffen sich wöchentlich zwei- bis dreimal in einer eigens zum Zwecke der Wagnerhuldigung angemieteten (konspirativen?, wie es im Programmheft heißt) Wohnung, die vom eigentlichen Mieter kurzfristig verlassen wurde. Aber sie kennen sich, obwohl sie sich oft sehen, nicht einmal richtig, sie wollen sich auch gar nicht persönlich, also in einer über den Versammlungszweck hinausgehenden Weise, kennenlernen. Otto betont dies mit Nachdruck, wenn wir diese Wohnung verlassen, sagt er sinngemäß, sind wir uns vollkommen fremd, nur Wagners Werk eint uns. Das Persönliche hat draußen zu bleiben.

Bei der Wohnung handelt es sich um eine typische Kleinbürgerwohnung: eine Art Wohnküche, Kühlschrank, Herd, ein einfacher Tisch, Klappcouch, Stühle, ein Bücherregal. Man gelangt in den Raum durch einen Vorraum, in dem nur durch die Glastür ein Bücherregal zu sehen ist.

Der Kontrast zum Theaterraum, dem sich geradezu manisch in Verzierungen und Ausschmückungen gefallenden Cuvilliés-Theater, einem Rokoko-Bauwerk aus dem 18. Jahrhundert, könnte nicht größer sein.

Residenztheater München / Insgeheim Lohengrin - v.l. Manfred Zapatka als Heiner Wolfram, Rupperti als Eskil, Ulrike Willenbacher als Kathi, Paul Wolff-Plottegg als Otto, Charlotte Schwab als Helga © Andreas Pohlmann

Residenztheater München / Insgeheim Lohengrin – v.l. Manfred Zapatka als Heiner Wolfram, Rupperti als Eskil, Ulrike Willenbacher als Kathi, Paul Wolff-Plottegg als Otto, Charlotte Schwab als Helga © Andreas Pohlmann

Es geht um Wagners Oper Lohengrin, derer man sich in allen drei Aufzügen ausschnittsweise annimmt. Nicht etwa kritisch und musiktheoretisch, sondern allein im Gestus der Verehrung. Dass das Werk ein Geniestreich von einem zum Heiligen verklärten Genie ist, steht für alle Beteiligten außer Frage.

Einzeln und in geringen Zeitabständen betreten die Protagonisten, alle bereits betagte Herrschaften, die Wohnung wie einen sakralen Raum. Sie legen mit feierlicher Geste an einem Plattentisch eine mitgebrachte Schallplatte ab, setzen sich und dirigieren, ohne zunächst auch nur ein Wort aneinander zu richten, im Geiste, bevor die Musik erklingt.

Alles ist Ritual. Musikalischer Gottesdienst. Sobald alle Beteiligten anwesend sind, werden einzelne Platten aufgelegt, die Ouvertüre wird abgespielt, mit der man das Malen eines „blauen Himmels“ (Otto) assoziiert, von jedem Aufzug werden Ausschnitte gehört. Und manchmal taucht dazu die Phantasiegestalt eines Ritters in kriegerischer Wehr im Vorzimmer auf.

Es sind im Grunde einfache Leute, die sich da zusammengefunden haben. Bei aller Begeisterung keine Experten. In der Manier der „gewöhnlichen“ Opernbesucher steht für sie nicht eigentlich das Werk, seine musikalische Komplexität und musikhistorische Bedeutung im Vordergrund, sondern es sind die Stimmen der Stars, über die sie, schließlich doch ins Gespräch findend, diskutieren.

Residenztheater München / Insgeheim Lohengrin © Andreas Pohlmann

Residenztheater München / Insgeheim Lohengrin © Andreas Pohlmann

Langsam aber tauchen im voranschreitenden Text wie aus einem dunklen Bewusstseinssee heraus persönliche Offenbarungen auf und werden laut. Unabweisbar und wie gegen den Willen der Protagonisten treten sie in den Vordergrund, konnten selbst von der Musik nicht verdrängt werden. Wehmütig berichten die Anwesenden von ihren Enttäuschungen, gescheiterten Beziehungen, Verletzungen, nicht erfüllten Sehnsüchten und ein wenig abseitigen Neigungen, wie etwa der Vorliebe Helgas für Kissen, von denen ihre Wohnung übervoll ist, oder von Kathis Besessenheit von Gerüchen, die sie einst auf einen Mann übertrug. Als hätte es die „heilige Musik“ letztlich doch nicht vermocht, sie vom Persönlichen und Problematischen zu erlösen, nicht einmal für die kurze Zeit des Zusammenseins in diesem hermetischen Raum, in dem die Vorhänge und Jalousien wie zur Abwehr der Außenwelt zugezogen sind.

Das ist das Bemerkenswerte und Berührende an dieser Inszenierung von Alvis Hermanis, der das Stück zusammen mit seinen – glänzend spielenden und längst in ihrer Kunst angekommenen – Schauspielern zusammengestellt hat. Die Aufführung kommt aus dem wirklichen Leben, jenem Leben, dem die fünf Personen durch die Flucht ins Ideal, in die idealisierte und zum Heiligtum erhobene Musik entkommen wollten und es nicht schafften.

So endet die Flucht ins Absolute im Kerker des Persönlichen. Schließlich singt Eskil mit brüchiger Stimme die berühmte Gralserzählung Lohengrins selbst. Keine Musik, kein Star, nur die reale Unvollkommenheit des Laien. Still und gebeugt gehen die Fünf auseinander…

Insgeheim Lohengrin des Residenztheater, München; Spielstätte Cuvilliés-TheaterWeitere Vorstellungen 23.10.2017, 18.11.2017

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