Hamburg, Staatsoper Hamburg, Othello – Ballett von John Neumeier, IOCO Kritik, 26.4.2016

April 26, 2016  
Veröffentlicht unter Kritiken, Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Othello:  Zerbrochen am Bild vom Anderen
John Neumeiers erschütterndes Ballett an der Staatsoper Hamburg

„Du sollst Dir kein Bild machen!“  Wie schwer dieses Gebot einzuhalten ist und wie tödlich es sein kann, wenn man es verletzt, zeigen John Neumeier mit dem HAMBURG BALLETT auch in der 159. Vorstellung des Othello erschütternd an der Hamburgischen Staatsoper vor ausverkauftem Haus.  Von Hanns Butterhof

Sein Othello ist ein allgemein menschliches Seelenstück, das keiner realistischen Kulisse bedarf. Neumeier, der auch die Bühne und Kostüme entworfen hat, deutet den Ort der Handlung, Venedig, nur durch einige Gobelin-Fahnen an. Die Bahnen des Zeltes im Bühnenhintergrund blähen sich im 2. Akt für den Aufbruch ins kretische Irgendwo wie die Segel eines Schiffs, auf dessen Oberdeck die Hamburger Symphoniker unter dem  Dirigenten  Garrett Keast  das Geschehen musikalisch ausdeuten.

Staatsoper Hamburg

 Hamburg / HAMBURG BALLETT-Othello und Desdemona © Kiran West

Hamburg / HAMBURG BALLETT – Othello und Desdemona © Kiran West

Die Dramatik des Othello spielt sich wesentlich im Inneren und zwischen der venezianischen Senatorentochter Desdemona und ihrem aus Afrika stammenden Geliebten Othello ab, der Feldherr in venezianischen Diensten ist. Sie sind ein ideales Paar, das eigentlich an sich selber genug haben müsste: Hélène Bouchet ist die wunderschöne, ätherisch zarte Desdemona in ihrem langfließenden weißen Kleid, und Amilcar Moret Gonzales ist ihr elegant männliches Pendant Othello. Und doch tanzt schon beim Kennenlernen der beiden durch ihre Gedanken ein Bild des je anderen: Eine lüsterne Primavera (Emilie Mazon), aufreizend gekleidet wie Botticellis Ikone, geistert durch Othellos Unterbewusstes. Und der schwarz und rot bemalte Wilde Krieger (Marcelino Libao) im Lendenschurz irritiert nicht nur blitzartig Desdemonas Gefühle; in abgeschwächter Form zeigt sich dessen uneuropäisch atavistisches Bewegungsrepertoire auch bei Othello.

Hamburg / HAMBURG BALLETT - Ivan Urban als Jago © Kiran West

Hamburg / HAMBURG BALLETT – Ivan Urban als Jago © Kiran West

So hat der narzisstisch gekränkte, böse Jago leichtes Spiel, um in Othello Zweifel an Desdemonas Treue zu wecken. Ivan Urban lenkt als falscher Männerfreund Othellos Blick auf Desdemonas leichtfüßigen, fast leichtfertig erscheinenden Umgang mit dem naiven Cassio (Alexandr Trusch). Seine Frau Emilia (Carolina Agüero) dressiert er mit Tritten zur Komplizin seiner Intrige und zeigt sich mit raumgreifendem Stampfschritt von militarisierter, ins Brutale entgrenzter Männlichkeit.

Es sind großartige, so psychologisch überzeugende wie tänzerisch eindringliche Ensemble-, Paar- und Solo-Szenen, in denen sich die Tragödie entwickelt. Vor allem die liebende Begegnung Desdemonas und Othellos zu Arvo Pärts zärtlich schwebender „Mirror in a Mirror“ – Musik für Geige und Klavier ist ein eindringlich beglückender, zeitlupenartiger Paartanz, für den man sich kein Ende wünscht. Und man ahnt es doch schon voraus, wenn Desdemona den fast nackten Othello aus seinem weißen Hüfttuch wickelt und es dann, wie ein Unterpfand ihrer Liebe, um die eigenen Hüften schnürt.

Was am Anfang dieser Liebe so leicht, so in sich ruhend erscheint, verkehrt sich am Ende erschütternd in Gewalt. Othello schlägt Desdemona, hält sie fest, als sie sich ihm entziehen will, und erdrosselt sie mit dem Hüfttuch. In der Opfer-Position des Gekreuzigten sinkt sie leblos nieder.

Jagos höllisches Gelächter, nach dem sich Othello tötet, entspricht Othellos verzweifelter Erkenntnis, dass er seinem selber produzierten Primavera-Bild einer lüsternen Desdemona  mehr geglaubt hat als ihrer Wirklichkeit. Und dass er nun dem Bild vom wilden Mann entsprochen hat, das die anderen von ihm hatten. John Neumeiers Othello gewinnt seine erschütternde Kraft daraus, dass er an das schmerzliche und so oft zerstörerisch scheiternde Ringen zwischen der Realität und den Bildern rührt, die wir uns von ihr machen.  IOCO / Hanns Butterhof / 26.4.2016

Othello – Ballett von John Neumeier:  Die weiteren Termine dieser Spielzeit:  15.5.2016 um 14.30 und 19.30 Uhr; am 9.6.2016 um 19.30 Uhr.

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Hamburg, Staatsoper Hamburg, Letzte Vorstellung: PELLÉAS ET MÉLISANDE, 22.01.2016

Januar 20, 2016  
Veröffentlicht unter Pressemeldung, Staatsoper Hamburg

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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

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 PELLÉAS ET MÉLISANDE  von Claude Debussy

In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Letzte Vorstellung Freitag 22.01.2016, 19:00 Uhr

An einem Brunnen im Wald trifft Golaud auf Mélisande. Sie heiraten und kehren auf das Schloss seiner Familie zurück. Dort lernt Mélisande Pelléas, den Bruder Golauds kennen. Mélisande verliert den Ring, den ihr Golaud geschenkt hat, im Wasser. Sie fühlt sich zu Pelléas hingezogen. Er erwidert ihre Gefühle. Doch Pelléas will das düstere Schloss verlassen und sich von Mélisande verabschieden. Nachts im Park wollen sie sich ein letztes Mal sehen. Hinter ihnen schließen sich die Tore des Schlosses. Doch die beiden sind nicht allein.

Pelléas und Mélisande ist nicht nur Claude Debussys einzige Oper – das Stück nimmt auch sonst eine Sonderstellung ein: Debussy orientierte sich bei der Vertonung an der natürlichen Wortmelodie und schuf so eine neue, impressionistische »Klangsprache«. Vieles deutet sie nur an, ist voller Geheimnisse, Sinnbilder – und faszinierte 1902 schon das Publikum der Uraufführung in Paris. Bis heute öffnet Debussys Musik die Pforten zu einer mystischen, dämmrigen Welt, in der sich unsere gleichsam verschwommen spiegelt.

Musikalische Leitung: Kent Nagano, Inszenierung: Willy Decker
Bühnenbild und Kostüme: Wolfgang Gussmann, Licht: Hans Toelstede

BESETZUNG:
Arkel: Wolfgang Schöne
Geneviève: Renate Spingler
Pelléas: Phillip Addis
Golaud: Marc Barrard
Mélisande: Karen Vourc’h
Yniold: Solist des Knabenchores Chorakademie Dortmund
Un médecin / Le Berger: Stanislav Sergeev
Orchester: Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

Pressemeldung Staatsoper Hamburg

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Kyoto-Preis an John Neumeier, IOCO Aktuell, 12.11.2015

November 12, 2015  
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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Bedeutende Ehrung  für  John Neumeier 
Japanische Inamori-Stiftung ehrt Ballett-Intendant des Hamburg Ballett

Kyoto Preis für John Neumeier © Hamburg Ballett

Kyoto Preis für John Neumeier © Hamburg Ballett

John Neumeier (73), langjähriger Intendant des Hamburg Ballett, erhielt am 10.11.2015 in Japan den mit rund 360.000 Euro dotierten Kyoto-Preis der Inamori-Stiftung. Die von Kyocera-Gründer Dr. Kazuo Inamori ins Leben gerufene Auszeichnung gilt neben dem Nobelpreis als eine der weltweit wichtigsten Ehrungen in Kultur und Wissenschaft und ehrt jährlich drei Persönlichkeiten aus den Bereichen Kunst und Philosophie, Hochtechnologie und Grundlageforschung für ihr Lebenswerk. Neben John Neumeier wurden der japanische Chemiker Dr. Toyoki Kunitake und der Schweizer Astrophysiker Dr. Michel Mayor ausgezeichnet.

Kyoto Prize 2015 Laureaten © Inamori Foundation

Kyoto Prize 2015 Laureaten © Inamori Foundation

Bei einer feierlichen Zeremonie im Kyoto International Conference Center in der alten japanischen Kaiserstadt nahm John Neumeier die Kyoto-Preis-Medaille, ein Diplom und das Preisgeld entgegen: „Mit Demut, einem tiefen Ehrgefühl und großer Freude nehme ich den Kyoto-Preis 2015 in der Kategorie ‚Kunst und Philosophie‘ an“.

In seiner Dankesrede, die John Neumeier vor Prinzessin Takamado und mehr als tausend Gästen aus Wirtschaft, Kultur und Politik in englischer Sprache hielt, ging er auch auf seine Beziehung zu Japan ein: „Es ist von besonderer Bedeutung für mich, dass mir diese renommierte Ehrung in Japan zuteil wird, einem Land, das mich durch seine Poesie und das Geheimnis seiner erhabenen Kultur schon lange fasziniert.“

John Neumeier erinnerte auch an das erste Gastspiel des Hamburg Ballett 1986 in Japan. Nach einer der ersten Vorstellungen war er eingeladen, das Publikum zu begrüßen – und stand auf dem Podium zwischen der deutschen und der japanischen Flagge, den Flaggen der beiden größten Feinde seines Landes während seiner Kindheit. „Ich, ein Amerikaner, überbrachte nun durch meine Arbeit, meine Choreografie und meine Gruppe internationaler Künstler eine kulturelle Botschaft von Frieden und Versöhnung.“ John Neumeier empfand dies als künstlerisches Privileg und zugleich als einen Missionsauftrag, dessen emotionalste Realisierung die Aufführung seines Balletts „Matthäus-Passion“ am 16. Februar 1986 in Hiroshima darstellte, bei der er selbst die Rolle des Christus tanzte.

Auch auf die Aktualität der Kunstform Tanz und seine persönliche künstlerische Vision kam John Neumeier zu sprechen: „Ballett ist eine lebendige Kunst. Ich kann keines meiner vielen Ballette stolz in den Händen halten, um es Ihnen zu zeigen. Es lebt nur durch andere Menschen, durch Tänzer, die ihm mit ihrer Technik, ihrer Aufrichtigkeit und ihrer hingebungsvollen Darbietung emotionale Glaubwürdigkeit und eine äußere Form geben. Daher nehme ich diese prestigeträchtige Auszeichnung auch im Namen all jener Mentoren und Lehrer entgegen, die mich gelehrt, geführt und an mich geglaubt haben, im Namen des langen Stroms an Tänzern, mit denen ich im Laufe der Jahre das Privileg hatte zu arbeiten und die meiner Vision Leben und Licht gegeben haben – einer Vision, die sich durch die feinsinnigen und loyalen Künstler, die mit mir in Hamburg arbeiten, kontinuierlich bis auf den heutigen Tag erneuert.

Abschließend betonte John Neumeier:Ich nehme diesen Preis auch als einen Anreiz für die Schülerinnen und Schüler meiner Ballettschule, die ihre Zukunft als Künstler vorbereiten und bereit sind mit einer Vision von Harmonie einer zynischen Welt mit Stärke, Aufrichtigkeit, Menschlichkeit und Hingabe entgegenzuwirken.

IOCO – PMHB / 12.11.2015

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Hamburg, Staatsoper Hamburg, Wiederaufnahme DIALOGUES DES CARMÉLITES von Poulenc, 22.02.2015

Februar 19, 2015  
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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

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Simone Young dirigiert die Wiederaufnahme von Poulencs »Dialogues des Carmélites« mit Liana Aleksanyan, Ricarda Merbeth und Amanda Roocroft

Wolfgang Schöne feiert in dieser Vorstellungsserie sein 40-jähriges Hamburger Bühnenjubiläum

Simone Young dirigiert die Wiederaufnahme von Francis Poulencs Meisterwerk »Dialogues des Carmélites«. Die Inszenierung von Nikolaus Lehnhoff gehört zu den eindrucksvollsten Regiearbeiten im Repertoire der Staatsoper und kehrt am 22. Februar 2015 auf den Spielplan zurück. Für die Wiederaufnahme hat Simone Young mit Liana Aleksanyan als Blanche, Ricarda Merbeth als Madame Lidoine, Amanda Roocroft als Madame de Croissy, Katja Pieweck als Mère Marie und Mélissa Petit als Sœur Constance ein hochkarätiges Solistenensemble versammelt. In der Rolle des Marquis de la Force feiert zudem Wolfgang Schöne bei dieser Aufführungsserie sein 40-jähriges Hamburger Bühnenjubiläum.

Francis Poulencs Oper »Dialogues des Carmélites« handelt von Furcht und der inneren Kraft, sie zu überwinden: Die junge Blanche de la Force hofft, ihre tiefe Daseinsangst durch ihren Eintritt in das Karmeliterinnenkloster von Compiègne zu bezwingen. Als die Schrecken der Französischen Revolution auch auf den Orden übergreifen und die Nonnen hingerichtet werden, wächst Blanche über sich hinaus und folgt den Schwestern aus freien Stücken in den Tod. Poulencs Opernstoff beruht auf einer historischen Begebenheit: Am 17. Juli 1794 wurden die sechzehn Karmeliterinnen aus Compiègne hingerichtet. Sie gingen, das »Salve Regina« singend, zum Schafott, während auf dem Richtplatz die Menge in ehrfürchtiger Stille verharrte. Die Figur der Blanche allerdings ist fiktiv – erfunden von der Schriftstellerin Gertrud von le Fort, die diese Ereignisse in ihrer bewegenden Novelle »Die Letzte am Schafott« verarbeitete. Nach ihrem Text schuf der französische Romancier Georges Bernanos sein Theaterstück »Dialogues des Carmélites«, auf das Francis Poulencs 1957 in Mailand uraufgeführte Oper zurückgeht.

Staatsoper Hamburg / Dialogues des Carmélites © Brinkhoff Moegenburg

Staatsoper Hamburg / Dialogues des Carmélites © Brinkhoff Moegenburg

In Hamburg hatten die »Dialoge der Karmeliterinnen« am 26. Januar 2003 Premiere. Bei der Wiederaufnahme im Februar 2015 steht Simone Young am Pult, die die Produktion inzwischen auch auf DVD eingespielt hat (erschienen bei Arthaus). Liana Aleksanyan kehrt als Blanche an die Staatsoper zurück, die armenische Sopranistin debütierte 2009/10 als Gilda (»Rigoletto«) in Hamburg und machte hier auch als Lucia (»Lucia di Lammermoor«) und Violetta (»La Traviata«) auf sich aufmerksam. Ricarda Merbeth konnte an der Staatsoper zuletzt einen großen Erfolg als Irene in einer konzertanten Serie von »Rienzi« verbuchen sowie als Leonore (»Fidelio«).

Die britische Sopranistin Amanda Roocroft debütierte 2007 als Jenufa an der Staatsoper Hamburg und feierte 2013 als Queen Elizabeth I. einen großen Erfolg in Benjamin Brittens Krönungsoper »Gloriana«. Katja Pieweck, zuletzt als Ortrud (»Lohengrin«), Goneril (»Lear«) und Donna Elvira (»Don Giovanni«) in Hamburg zu erleben, übernimmt die Partie der Mère Marie, Mélissa Petit singt Sœur Constance. Außerdem singen Dovlet Nurgeldiyev (Le Chevalier), Jürgen Sacher (L’Aumônier), Renate Spingler (Mère Jeanne), Susanne Bohl (Sœur Mathilde), Vincenzo Neri (L’Officier), Benjamin Popson (Premier Commissaire), Stanislav Sergeev (Deuxième Commissaire), Rainer Böddeker/Peter Veit (Thierry), Mark Bruce/Doojong Kim (Javelinot) und Jan Buchwald (Le Geôlier).

Eine ganz besondere Vorstellungsserie wird es für Wolfgang Schöne: Der Bariton hatte am 26. Oktober 1974 seinen ersten Auftritt an der Hamburgischen Staatsoper als Graf von Eberbach im Albert Lortzings »Wildschütz«. Es folgten viele große Partien seines Fachs wie Peter I. (»Zar und Zimmermann«), Wolfram (»Tannhäuser«), Musiklehrer (»Ariadne auf Naxos«) und Holländer (»Der fliegende Holländer«). In den letzten Jahren war er in Hamburg als Hans Sachs (»Die Meistersinger von Nürnberg«), Barak (»Die Frau ohne Schatten«), Amfortas (»Parsifal«) und Peter Besenbinder (»Hänsel und Gretel«) sowie als Marquis de la Force zu hören. Aus Anlass seines 40-jährigen Hamburger Bühnenjubiläums gratuliert ihm Opernintendantin Simone Young im Anschluss an die Vorstellung von »Dialogues des Carmélites« am 22. Februar 2015.

Vorstellungen: 22., 25., 38. Februar und 3. März 2015

Pressemeldung Staatsoper Hamburg

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