Hamburg, Staatsoper Hamburg, La Cenerentola von Giocachino Rossini, 01.10.2016

September 28, 2016  
Veröffentlicht unter Pressemeldung, Staatsoper Hamburg

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Staatsoper Hamburg

Hamburgische Staatsoper © Kurt Michael Westermann

Hamburgische Staatsoper © Kurt Michael Westermann

La Cenerentola von Gioacchino Rossini

Musikalische Leitung: Gregor Bühl, Inszenierung und Choreografie: Renaud Doucet,
Bühnenbild: André Barbe, Licht: Guy Simard, Chor: Christian Günther

Vorstellungen am 1., 5., 8., 14. und 18. Oktober 2016, jeweils um 19.30 Uhr

Gioacchino Rossini  © IOCO

Gioacchino Rossini © IOCO

Staatsopern-Debut in La Cenerentola: Levy Sekgapane gibt in der Rolle des Don Ramiro in der Oper La Cenerentola sein Debut an der Staatsoper Hamburg. Der junge Tenor Levy Strauss Sekgapane wurde in Kroonstad in Südafrika geboren. In den letzten Jahren hat Levy verschiedene Preise gewonnen, darunter in 2015 den 1. Preis beim Internationalen Belvedere Gesangswettbewerb, sowie den 1. Preis beim Monserrat Caballé Wettbewerb in Spanien. Seit Beginn der Spielzeit 2015/2016 ist Levy Sekgapane Mitglied im Jungen Ensemble der Semperoper Dresden. Künftige Projekte bringen Levy als Albazar (Il Turco in Italia) zum Rossini Opera Festival in Pesaro. Außerdem singt er den Conte d’Almavia (Il Barbiere di Siviglia) am Aalto Theater Essen und an der Oper Oslo. An der Oper Kopenhagen und der Oper Rom wird er darüber hinaus den Liebenskof (Il Viaggio a Reims) singen.

Ferner wird in den La Cenerentola-Vorstellungen dieser Spielzeit Giorgio Caoduro an der Staatsoper Hamburg die Partie des Alidoro für Alin Anca übernehmen. Giorgio Caoduro studierte bei Cecilia Fusco. Er ist ebenfalls Gewinner zahlreicher Gesangswettbewerbe, dazu gehören der Francesco Maria Martini-Wettbewerb in Ligano Sabbiadoro und der internationale Gesangswettbewerb der Associazione Lirica Concertisticain in Mailand. Der junge Bariton gastierte außerdem bereits an vielen renommierten Opernhäusern weltweit, darunter das Teatro alla Scala in Mailand, das Royal Opera House Covent Garden in London, die San Francisco Opera, die Opéra National de Paris und die Berliner Staatsoper Unter den Linden. Sein Staatsoper Hamburg-Debüt gab er in der Spielzeit 2013/14 als Rolando in »La Battaglia di Legnano«.

Alle übrigen Rollen sind mit Ensemble-Mitgliedern der Staatsoper Hamburg besetzt: Kartal Karagedik (Dandini), Tigran Martirossian (Don Magnifico), Marta Cwiderska (Tisbe), Maria Chabounia (Clorinda) und Dorottya Láng (Angelina). Es singt weiterhin der Chor der Hamburgischen Staatsoper und im Graben spielt das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter der Leitung von Gregor Bühl.

Biographien 

Levy Sekgapane: Er sang schon als Kind in verschiedenen Chören und wurde 2006 in die Tirisano School Eisteddfod aufgenommen. Darüber hinaus war er Mitglied des Fidentia South African Youth Choir und erhielt 2007 ein Stipendium für die Stellenberg High School in Kapstadt. Er studierte am South African College of Music an der Universität von Kapstadt bei Kamal Khan und Hanna van Niekerk.

Während dieser Zeit wirkte Levy an verschiedenen Opernaufführungen in Südafrika mit, u.a. in „La Boheme“, „The Rake’s Progress“ und „Les Contes d’Hoffmann“. Er war darüber hinaus Mitglied des Chores des Schleswig-Holstein-Musikfestivals und absolvierte Meisterkurse bei Kobie van Rensburg.

 Im Opernbereich debütierte er als Conte d’Almaviva (Il Barbiere di Siviglia) und als Chevalier de la Force (Dialogues des Carmélites). Kürzlich sang er „Songs of Friendship“ an der Scottish Opera in Glasgow, den Grafen von Libenskof (Il Viaggio a Reims) an der Cape Town Opera, Don Ramiro (La Cenerentola) sowie den Vierten Knappen (Parsifal) am Opernhaus Chemnitz. Am Theater in Krefeld hat Levy erneut den Conte d’Almaviva (Il Barbiere di Siviglia) gesungen.

Seit Beginn der Spielzeit 2015/2016 ist Levy Sekgapane Mitglied im Jungen Ensemble der Semperoper Dresden. Künftige Projekte bringen Levy als Albazar (Il Turco in Italia) zum Rossini Opera Festival in Pesaro. Außerdem singt er den Conte d’Almavia (Il Barbiere di Siviglia) am Aalto Theater Essen und an der Oper Oslo. An der Oper Kopenhagen und der Oper Rom wird er darüber hinaus den Liebenskof (Il Viaggio a Reims) singen.

Giorgio Caoduro : Ferner wird in den La Cenerentola-Vorstellungen dieser Spielzeit Giorgio Caoduro an der Staatsoper Hamburg die Partie des Alidoro für Alin Anca übernehmen. Giorgio Caoduro studierte bei Cecilia Fusco. Er ist Gewinner zahlreicher Gesangswettbewerbe, dazu gehören der Francesco Maria Martini-Wettbewerb in Ligano Sabbiadoro und der internationale Gesangswettbewerb der Associazione Lirica Concertisticain in Mailand. Der junge Bariton gastierte außerdem bereits an vielen renommierten Opernhäusern weltweit, darunter das Teatro alla Scala in Mailand, das Royal Opera House Covent Garden in London, die San Francisco Opera, die Opéra National de Paris und die Berliner Staatsoper Unter den Linden. Zu seinem vielfältigen Repertoire gehören Partien wie Lescaut (»Manon Lescaut«), Germont (»La Traviata«), Enrico (»Lucia di Lammermoor«), Figaro (»Il Barbiere di Siviglia«) und Dulcamara (»L’Elisir d’Amore«). Sein Debüt am Royal Opera House in London gab er 2008 als Ping in Puccinis »Turandot«. 2010 war er an der Mailänder Scala in einer Neuproduktion von »Il Barbiere di Siviglia« zu erleben. Belcore in »L’Elisir d’Amore« sang er in der Spielzeit 2010/11 gemeinsam mit Rolando Villazón und Nino Machaidze in einer Neuproduktion, ebenfalls an der Scala. Sein Hamburg-Debüt gab er in der Spielzeit 2013/14 als Rolando in »La Battaglia di Legnano«.  PMStHH

 

Hamburg, Hamburgische Staatsoper, Elektra – Roter Teppich für den Mörder, IOCO Kritik, 11.07.2016

Juli 12, 2016  
Veröffentlicht unter Kritiken, Staatsoper Hamburg

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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Ein roter Teppich für den Mörder 

Elektra  zündet nicht an der Hamburger Staatsoper

Von Hanns Butterhof

1973 hat August Everding, von 1973 bis 1977 Intendant der Hamburger Staatsoper, dort Richard Strauss’ und Hugo von Hofmannsthals einaktige Oper „Elektra“ inszeniert. Jetzt, in der 72. Vorstellung, wirkt das Bühnengeschehen altbacken und das Ensemble spannungsarm. Das Orchester unter Kent Nagano drängt besonders bei der Partie der Titelfigur in den Vordergrund. Das beeinträchtigt mit Elektras Seelendrama die ganze Oper.

Hamburgische Staatsoper/ Elektra © Halina Ploetz

Hamburgische Staatsoper/ Elektra © Halina Ploetz

In Everdings Inszenierung ist alles durch die Augen der Titelfigur Elektra gesehen. Die Burg von Mykene, in der ihre Mutter Klytämnestra und deren Liebhaber Aegisth vor Jahren ihren aus dem Trojanischen Krieg heimkehrenden Vater Agamemnon getötet haben, hat nichts heiter Griechisches (Bühne und Kostüme: Andreas Majewski). In permanentem Dämmerlicht führt ein halb zerfressenes doppelflügliges Holztor  in die Burg, eine Art großer Waldameisenhaufen mit ausgefransten, schwach glimmenden Fenstern. Auf einer schmalen Balustrade schleichen manchmal Diener im Lendenschurz mit Fackeln herum, und davor versuchen Dienerinnen in vergeblicher Routine, am Brunnen das Blut des Agamemnon aus einem Tuch zu waschen.

Mag da drinnen eine dekadente Spaßgesellschaft am Werk sein, die mit wilder Lust über die Angst vor der Strafe für das begangene Verbrechen hinwegtanzt:  Elektra sieht nur Verfall, Düsternis, Verrat und Angst.

 Hamburg / Staatsoper Elektra2 © Halina Ploetz

Hamburg / Staatsoper Elektra © Halina Ploetz

Die starke Elektra Linda Watsons lebt unhöfisch zerlumpt und barfuß außerhalb dieser Welt und wartet auf den Augenblick der Rache, deren Vollzug sie von ihrem in der Fremde lebenden Bruder Orest ersehnt. Wenn sie anfangs mit kraftvollem Sopran Agamemnon beschwört, liegt darin ebenso abgrundtiefe Trauer wie finstere Drohung. Als sie später um die Mitwirkung ihrer Schwester Chrysothemis bei der Tötung Klytämnestras und Aegisths wirbt, klingt sie eher herrisch als zärtlich. Ihr Fluch, als sich Chrysothemis ihr verweigert, ist authentischer. Auch der böse Triumph, mit dem sie schließlich für Aegisth das blutgetränkte Tuch wie einen roten Teppich auslegt, liegt ihr näher als ihre schmerzliche Einsicht, ihr Leben der Rache aufgeopfert und damit zerstört zu haben.

Auch die beiden anderen tragenden Frauengestalten sind deutlich mit den Augen Elektras gesehen. Im eleganten weißen Kleid erscheint Ricarda Merbeths Chrysothemis  eher leichtfertig als lebensgierig.  Mit anfangs gewöhnungsbedürftig tremolierendem Sopran fliegt sie strahlend und klar artikuliert dem „Weiberschicksal“ Mutterschaft entgegen, eine Verkörperung des Lebens als prinzipienlose Anpassungsbereitschaft, wie Elektra es verachtet.

Die mit orientalischem Turban und Klunkern geschmückte Klytämnestra begibt sich auf Krücken zu Elektra herab, um mit ihr zu sprechen. Aber als sie die falsche Nachricht vom Tod Orests erfährt und so von ihrer Angst vor dessen Rache befreit wird, kann sie die Krücken triumphierend von sich werfen. Mit angenehm fließendem Mezzo stattet Mihoko Fujimura die Klytämnestra mit Würde aus. Nur bei der scheinbar erlösenden Nachricht ist etwas von dem Gemisch aus Reue und Angst zu spüren, das sie seit dem Gattenmord um den Schlaf gebracht hat.

Auch wenn Elektra ihn nicht sogleich erkennt: als solchen männlichen Rächer müsste sie sich ihren Bruder Orest vorgestellt haben. Wilhelm Schwinghammer gibt der schmalen Rolle mit jugendlich heldischem Tenor eine eindrucksvolle Statur. Von Skrupeln bei der Tötung immerhin der eigenen Mutter ist ihm nichts anzumerken, der angetrunken heimkehrende Aegisth ( Peter Galliard) hat keine Überlebenschance.

 Hamburg / Staatsoper Management_VLNR Neumeier, Kent Nagano, Delnon © IOCO

Hamburg / Staatsoper Management v.l.n.r. Neumeier, Kent Nagano, Delnon © IOCO

Kent Nagano arbeitet mit dem Hamburgischen Staatsorchester die überhitzte Seelenhandlung mit dramatisch schreienden Dissonanzen, aber auch lyrisch sinnlichem Wohlklang äußerst differenziert heraus. Aber er behandelt dabei „Elektra“ mehr wie eine Symphonie, zu der es auch eine Bühnenhandlung gibt. Entsprechend wirkt die davon besonders betroffene Linda Watson in ihrer kräftezehrenden Partie seltsam gehemmt, als hätte sie die emotionale Entfaltung ihrer Figur an das Orchester abgetreten; das überdeckt sie zeitweise, statt sie zu tragen. Das tut der Architektur der Oper nicht gut und schwächt ihre dramatische Wucht entscheidend. Trotzdem gab es viele Bravos vor allem für Linda Watson und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter Kent Nagano.

Bei aller Sinnigkeit des Everdingschen Regiekonzepts wirkt die Aufführung insgesamt traditionspflegerisch, die Inszenierung in nahezu allen Teilen überholt, und wird vor allem der Aktualität der Elektra-Figur als einer Fundamental-Oppositionellen in einer dekadenten Welt nicht gerecht .IOCO / Hanns Butterhof / 08.07.2016

 

Hamburg, Hamburgische Staatsoper, Tatjana – Ballett von John Neumeier, IOCO Aktuell, 07.06.2016

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Tatjana – Ballett von John Neumeier

Nach Eugen Onegin von Alexander Puschkin

  Vorstellungen 7.6.2016;  10.6.2016; 17.6.2016; 18.6.2016

In choreografischen Episoden, abwechselnd zwischen Traum, Erinnerung, Vorahnung und Wirklichkeit, schildert John Neumeiers Ballett Tatjana die erste große Liebe eines jungen Mädchens, das auf dem Land aufwächst. Vorbehaltlos öffnet es sich Eugen Onegin, einem beeindruckenden, exzentrischen Jüngling aus der Stadt, der es unmissverständlich abweist. Jahre später ist es umgekehrt: die inzwischen verheiratete Tatjana verschließt sich Onegins Werben. In seinem Ballett entwickelt John Neumeier die Geschichte frei nach Alexander Puschkins 1833 erschienenem Versroman Eugen Onegin.

Hamburg / Staatsoper, Tatjana, Ballett von John Neumeier © Holger Badekow

Hamburg / Staatsoper, Tatjana, Ballett von John Neumeier © Holger Badekow

John Neumeier führt aus:Tatjana ist eine Außenseiterin, fremd ihrer Familie und trotz ihrer Verträumtheit wild, ungebändigt und stark in ihrer Vorstellungskraft. Die meiste Zeit lebt sie in der Welt ihrer Träume und Fantasien, angeregt von Romanen, die sie liebt zu lesen. Puschkin beschreibt sie als ’scheu wie das Reh des Walde‘ – ein Mädchen nahe der Natur. Die andere Hauptfigur, der attraktive, weltlich gewandte Onegin, ist indes weder Held noch Scheusal. Beide tragen sie Züge vielschichtiger Figuren shakespeareschen Typs. Onegin versucht, seinen Weg als Mensch fern von jeglichem Klischee zu gehen, aber unverbindlich – ohne Verpflichtung, Hingabe oder Liebe.

Anders dagegen Tatjana. Ihr Lyrismus ist nicht Ausdruck einer naiven Gesinnung, sondern der Versuch, der prosaischen Welt einen poetischen Schimmer zu verleihen. Tatjanas unerfüllte Liebe zu Onegin ist ein Scheitern im Glanz versunkener Geschichten – Romanfiguren abgeschaut, denen sie sich in ihrer jugendlichen Entfaltung verzaubert anverwandelt hat. Doch erwächst aus ihrem Scheitern Größe. Am Ende lässt sie Onegin ziehen, obwohl sie ihn noch immer liebt und ihm ihre Liebe offen gesteht. „Ihre letzte Auseinandersetzung mit Onegin ist absolut beeindruckend. Tatjanas Reaktion auf sein Ansinnen ist mittendrin durchzogen von einem sehr klar reflektierten Blick auf ihr Leben. Sie denkt zum Beispiel in diesem Moment an die Beziehung zu ihrer Amme und entwirft in ihrer Fantasie einen ‚verwilderten Garten‘, der sie an ihre Kindheit erinnert. Und dann sagt sie, fast nebenbei: ‚Ich liebe Sie, warum es verhehlen?‘ Nachdem sie also über alles andere gesprochen hat, fällt dieser Satz, der Onegin nicht im Unklaren lässt. Diese Stärke besitzt Onegin in keiner einzigen Situation„, bemerkt John Neumeier.

Über allem schwebt das Verhängnis des Duells. Die Erfahrung, wie eine Freundschaft durch heftig auflodernde Eifersucht zerbricht, begleitet Onegins weiteres Leben. Die Figur des Zaretsky verkörpert dieses übersteigerte Ehrgefühl. Onegin tötet seinen Freund Lensky, den Bräutigam von Olga, Tatjanas Schwester. Er, der nach Leidenschaft und einer von Neugier entfachten Weltsicht sucht, erschießt Lensky, der jene Passion und gefühlstiefe Sehnsucht bereits in hohem Maße besitzt. Lenskys Tod wird ihn fortan verfolgen.

Für die Musik konnte die russisch-amerikanische Komponistin Lera Auerbach gewonnen werden, mit der John Neumeier wiederholt zusammengearbeitet hat, zuletzt 2007 in der Hamburger Fassung seines Balletts „Die kleine Meerjungfrau“.

Ein Auftragswerk des HAMBURG BALLETT, der Hamburgischen Staatsoper sowie des Stanislavsky und Nemirovich-Danchenko Musik-Theater Moskau,  Choreografie, Inszenierung, Bühnenbild und Kostüme: John Neumeier,  Eine Koproduktion mit dem Stanislavsky und Nemirovich-Danchenko Musik-Theater Moskau.

Besetzung: Tatjana  Hélène  Bouchet, Eugen Onegin Edvin Revazov, Olga Leslie Heylmann, Lensky Alexandr Trusch

Kartenservice telefonisch eMail ticket@staatsoper-hamburg.de.     PMHHStO

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Othello – Ballett von John Neumeier, IOCO Kritik, 26.4.2016

April 26, 2016  
Veröffentlicht unter Kritiken, Staatsoper Hamburg

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Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Othello:  Zerbrochen am Bild vom Anderen
John Neumeiers erschütterndes Ballett an der Staatsoper Hamburg

„Du sollst Dir kein Bild machen!“  Wie schwer dieses Gebot einzuhalten ist und wie tödlich es sein kann, wenn man es verletzt, zeigt John Neumeier mit dem HAMBURG BALLETT auch in der 159. Vorstellung des Othello erschütternd an der Hamburgischen Staatsoper vor ausverkauftem Haus.  Von Hanns Butterhof

Sein Othello ist ein allgemein menschliches Seelenstück, das keiner realistischen Kulisse bedarf. Neumeier, der auch die Bühne und Kostüme entworfen hat, deutet den Ort der Handlung, Venedig, nur durch einige Gobelin-Fahnen an. Die Bahnen des Zeltes im Bühnenhintergrund blähen sich im 2. Akt für den Aufbruch ins kretische Irgendwo wie die Segel eines Schiffs, auf dessen Oberdeck die Hamburger Symphoniker unter dem  Dirigenten  Garrett Keast  das Geschehen musikalisch ausdeuten.

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 Hamburg / HAMBURG BALLETT-Othello und Desdemona © Kiran West

Hamburg / HAMBURG BALLETT – Othello und Desdemona © Kiran West

Die Dramatik des Othello spielt sich wesentlich im Inneren und zwischen der venezianischen Senatorentochter Desdemona und ihrem aus Afrika stammenden Geliebten Othello ab, der Feldherr in venezianischen Diensten ist. Sie sind ein ideales Paar, das eigentlich an sich selber genug haben müsste: Hélène Bouchet ist die wunderschöne, ätherisch zarte Desdemona in ihrem langfließenden weißen Kleid, und Amilcar Moret Gonzales ist ihr elegant männliches Pendant Othello. Und doch tanzt schon beim Kennenlernen der beiden durch ihre Gedanken ein Bild des je anderen: Eine lüsterne Primavera (Emilie Mazon), aufreizend gekleidet wie Botticellis Ikone, geistert durch Othellos Unterbewusstes. Und der schwarz und rot bemalte Wilde Krieger (Marcelino Libao) im Lendenschurz irritiert nicht nur blitzartig Desdemonas Gefühle; in abgeschwächter Form zeigt sich dessen uneuropäisch atavistisches Bewegungsrepertoire auch bei Othello.

Hamburg / HAMBURG BALLETT - Ivan Urban als Jago © Kiran West

Hamburg / HAMBURG BALLETT – Ivan Urban als Jago © Kiran West

So hat der narzisstisch gekränkte, böse Jago leichtes Spiel, um in Othello Zweifel an Desdemonas Treue zu wecken. Ivan Urban lenkt als falscher Männerfreund Othellos Blick auf Desdemonas leichtfüßigen, fast leichtfertig erscheinenden Umgang mit dem naiven Cassio (Alexandr Trusch). Seine Frau Emilia (Carolina Agüero) dressiert er mit Tritten zur Komplizin seiner Intrige und zeigt sich mit raumgreifendem Stampfschritt von militarisierter, ins Brutale entgrenzter Männlichkeit.

Es sind großartige, so psychologisch überzeugende wie tänzerisch eindringliche Ensemble-, Paar- und Solo-Szenen, in denen sich die Tragödie entwickelt. Vor allem die liebende Begegnung Desdemonas und Othellos zu Arvo Pärts zärtlich schwebender „Mirror in a Mirror“ – Musik für Geige und Klavier ist ein eindringlich beglückender, zeitlupenartiger Paartanz, für den man sich kein Ende wünscht. Und man ahnt es doch schon voraus, wenn Desdemona den fast nackten Othello aus seinem weißen Hüfttuch wickelt und es dann, wie ein Unterpfand ihrer Liebe, um die eigenen Hüften schnürt.

Was am Anfang dieser Liebe so leicht, so in sich ruhend erscheint, verkehrt sich am Ende erschütternd in Gewalt. Othello schlägt Desdemona, hält sie fest, als sie sich ihm entziehen will, und erdrosselt sie mit dem Hüfttuch. In der Opfer-Position des Gekreuzigten sinkt sie leblos nieder.

Jagos höllisches Gelächter, nach dem sich Othello tötet, entspricht Othellos verzweifelter Erkenntnis, dass er seinem selber produzierten Primavera-Bild einer lüsternen Desdemona  mehr geglaubt hat als ihrer Wirklichkeit. Und dass er nun dem Bild vom wilden Mann entsprochen hat, das die anderen von ihm hatten. John Neumeiers Othello gewinnt seine erschütternde Kraft daraus, dass er an das schmerzliche und so oft zerstörerisch scheiternde Ringen zwischen der Realität und den Bildern rührt, die wir uns von ihr machen.  IOCO / Hanns Butterhof / 26.4.2016

Othello – Ballett von John Neumeier:  Die weiteren Termine dieser Spielzeit:  15.5.2016 um 14.30 und 19.30 Uhr; am 9.6.2016 um 19.30 Uhr.

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