Hamburg, Elbphilharmonie, Mariza – Die Welt des Fado, IOCO Kritik, 22.04.2017

April 22, 2017  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Mariza:   Fado – In der Elbphilharmonie

„Von 0 auf 100 in einer Silbe“

Von Sebastian Koik

Am Abend des 15.4.2017 ist Hamburg und nicht Lissabon Welthauptstadt des Fado. Mariza, die gegenwärtig berühmteste und erfolgreichste Vertreterin dieser portugiesischen Weltschmerz-Musik ist zu Gast in der Elbphilharmonie. Aufgewachsen ist sie im Mouraria-Viertel in Lissabon, der Wiege des Fado. Vor rund 200 Jahren entstand dort dieses Genre durch heimgekehrte Seeleute, die ihre mitgebrachten Einflüsse vor allem aus Brasilien, aber auch anderen Teilen der Welt mit der portugiesischen Gefühlslage vermischten. Fado-Lieder handeln meist von unglücklicher Liebe, sozialen Missständen, vergangenen Zeiten oder der Sehnsucht nach besseren Zeiten –  und vor allem von der saudade, der portugiesischen Form des Weltschmerzes. Das Konzept der Saudade lässt sich mit „Traurigkeit“, „Wehmut“, „Sehnsucht“, „Fernweh“ oder „sanfte Melancholie“ nur annähernd übersetzen. Das Wort steht für das nostalgische Gefühl, etwas Geliebtes verloren zu haben, und drückt oft das Unglück und das unterdrückte Wissen aus, die Sehnsucht nach dem Verlorenen niemals stillen zu können, da es wohl nicht wiederkehren wird.

Elbphilharmonie Hamburg / Mariza © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Mariza © Claudia Hoehne

Mariza hat diese Musik schon als Kleinkind aufgesogen. Sie sang schon als Kleinkind für die Gäste im Restaurant der Eltern. Als Teenagerin interessierte sie sich für andere Musikstile und erst mit Mitte 20 wendete sie sich wieder dem Fado zu und wurde in sehr kurzer Zeit sehr erfolgreich.

Das Konzert beginnt Mariza A capella mit einem sehr, sehr leidenschaftlich gesungenen Fado. Und schon nach Sekunden hat ihre Stimme das große Rund der Elbphilharmonie erobert. Dann kommen die Gitarren dazu, in der klassischen Besetzung des Genres: eine klassische Gitarre, eine portugiesische Gitarre und einem Bass. Besonders die beiden Gitarristen José Manuel Neto und Pedro Jóica begeistern den ganzen Abend über mit virtuosem und musikalischem Spiel. Die ersten Stücke des Abends sind alles traditionelle Fado-Stücke und Mariza trägt sie mit einer gewaltigen Gefühlsintensität in der Stimme vor. Für das Publikum ist es ein Bad in ganz großen Gefühlen.

Bei ihrem Lieblings-Fado „Primavera“ vermag die schöne Portugiesin mit ihrer ausdrucksstarken Stimme ganz besonders zu rühren und sogar zu erschüttern. Es ist ein Stück von Amália Rodrigues, Portugals 1999 verstorbenen größten Sängerin aller Zeiten und der Liedtext ist ein schönes Beispiel für die Inhalte der bewegenden Musik:

„Frühling“

„All die Liebe, die uns verband, als wäre sie aus Wachs, ward zerbrochen und zerstört.
Oh weh, verhängnisvoller Frühling, wär‘ ich nur, wär’n wir nur an diesem Tag verschieden.
Und so weit ward ich gestraft weinend nur mit mir zu leben, welch ein Leben, ohne dich.
Dabei jedoch nicht zu vergessen, was ich einst mit dir besessen und an jenem Tag verlor.
Hart ist das Brot der Einsamkeit, ist nur das, was wir bekommen, and’re Nahrung ist genommen.
Was zählt schon, ob das Herz ja sagt oder nein, wenn das Leben weiter geht.
Die ganze Liebe, die uns verband, ward zerbrochen und zerstört, in Entsetzen umgewandelt.
Keiner spreche mir vom Frühling, wär‘ doch nur an diesem Tag für uns des Lebens Schluss gewesen.“

Und dieser große Schmerz und die Sehnsucht kommen auch ohne den Text rüber, werden allein durch den gefühlsintensiven Gesang vermittelt.

Nach diesem intensiven Lied kommt ein Schlagzeuger dazu. Mariza bringt Stücke ihres neuen Albums Mundo, in dem sie sich vom Fado löst und von südamerikanischen Rhythmen geprägte Popmusik präsentiert. Die Musik hat nicht die Kraft, Gefühlstiefe, Intensität und Leidenschaft des Fado. Die Stücke sind schwächer, das Instrumentale wirkt oft recht beliebig, doch Mariza macht mit oft Fado-artigem Gesang auch diese Stücke zu etwas Nettem und manchmal dann doch auch Besonderem. Marizas Stimme kann jeder Musik Zauber verleihen und je mehr sie mit ihrer Fado-Intensität singt desto besser wird die Musik.

Elbphilharmonie Hamburg / Mariza © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Mariza © Claudia Hoehne

Dann singt sie mit Meu Fado Meu einen ihrer eigenen Fado-Klassiker. Und das wird dann wieder zu einem unvergesslichen Höhepunkt. Es ist fast unglaublich, mit welcher Dynamik Mariza Fado singt: Von einer Silbe auf die andere kann sie von hauchzart leise zu extrem gefühlsgeladen und sehr laut wechseln. Sie vollbringt mit scheinbar größter Selbstverständlichkeit gewaltigste Intervallsprünge in Tonhöhe, Lautstärke und Intensität. Dann kommt leider wieder das Schlagzeug dazu und aus Fado-Zauber wird wieder belangloserer Fado-Pop.

Als vorletztes Stück des Abends zeigt Mariza mit einem traditionellen Fado noch einmal ihre große Stärke: Sie kann innerhalb eines Momentes den Charakter und die Stimmung der Musik komplett ändern. Sie lässt innerhalb lange sehr langsamen Gesanges wie aus dem Nichts und ganz ohne Anlauf eine extrem gefühlsintensive Tsunami-Welle auf das Publikum los. Markerschütternd. In Momenten wie diesen kann man sich oft kaum beherrschen und fängt von Gefühlen übermannt fast an zu weinen.

Am Ende gibt es zwei Mal Standing Ovations von fast dem kompletten Saal und ohrenbetäubenden Applaus und Jubel für die Gefühls- und Charme-Offensive von Mariza.

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Hamburg, Elbphilharmonie, New York Philharmonic – Alan Gilbert, IOCO Kritik, 10.4.2017

April 11, 2017  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg © Oliver Heissner

Elbphilharmonie Hamburg © Oliver Heissner

Elbphilharmonie Hamburg © Oliver Heissner

New York Philharmonic mit repetetiven Strukturen zum Licht

„Die Kraft der Minimal Music“

Von Sebastian Koik

Mit dem New York Philharmonic kommt am 4.4.2017 nach dem Chicago Symphony Orchestra das zweite US-amerikanische Orchester zu Gast in die Elbphilharmonie nach Hamburg. Es gehört ebenfalls zu den so genannten Big Five ihres Landes, ist ein Orchester der Superlative: Das älteste amerikanische Sinfonieorchester und eines der ältesten Orchester überhaupt. In der aktuellen Saison feiert es seinen 175. Geburtstag. Seit 1917 hat das New York Philharmonic mehr als 2000 Einspielungen veröffentlicht. Außerdem ist es bereits in 432 Städten in 63 Ländern aufgetreten. In der aktuellen Spielzeit erreicht das Orchester durch seine Konzerte in New York und weltweit, Downloads, internationale Fernseh-, Radio- und Internetauftritte und seine zahlreichen Bildungsprogramme bis zu 50 Millionen Musikliebhaber.

Der aktuelle Dirigent des renommierten Orchesters ist Alan Gilbert und steht damit in der Tradition musikalischer Giganten des 20. Jahrhunderts wie Gustav Mahler, Arturo Toscanini, Leonard Bernstein, Pierre Boulez und Kurt Masur. Außerdem dirigiert er regelmäßig andere führende Orchester der Welt und hat einen Direktorenposten an der renommierten New Yorker Juillard School. Übrigens war er ehemals Erster Gastdirigent des jetzigen NDR Elbphilharmonie Orchesters und beweist in der Einführung zum Konzert, dass er immer noch hervorragend Deutsch spricht.

Ganz passabel Deutsch scheint übrigens auch der Komponist der beiden Stücke des Abends, John Adams, zu sprechen. Er tut es jedenfalls ein paar Sätze lang in der Einführung, bevor er dann allerdings doch ins Englische wechselt. John Adams gehört zu den erfolgreichsten US-amerikanischen Komponisten überhaupt. Er gewann diverse Grammy-Auszeichnungen und besitzt mehrere Ehrendoktorwürden. Adams komponiert für die unterschiedlichsten Besetzungen und Formate, am liebsten aber groß angelegte Orchesterwerke.

 Elbphilharmonie Hamburg / Alan Gilbert und New York Philharmonic © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Alan Gilbert und New York Philharmonic © Claudia Hoehne

Außergewöhnlich früh fühlte sich John Adams zum Komponieren berufen. Schon mit elf Jahren nimmt er seinen ersten Kompositionsunterricht. Nicht interessiert an der Kompositionsweise Arnold Schönbergs, die man ihm beim Kompositionsstudium in Harvard vermitteln will und deren Klangergebnisse ihm nicht zusagen begibt er sich nach seinem Abschluss auf die Suche nach etwas anderem. Er findet die Minimal Music, die kleinste Motive unendlich lange wiederholt und variiert und feiert in diesem neuen Stil große Erfolge.

Er will sich allerdings nicht durch stilistische Strenge beschränken. Er will Musik schreiben, die einen Bezug zur Lebenswirklichkeit der Menschen hat, die die Menschen berührt und trotzdem etwas Neues beinhaltet. Anders als Kollegen, die ausschließlich im Feld der Neuen Musik arbeiten und sich nur im Bereich der so genannten Avantgarde, der unerschlossenen Welt des Neuen bewegen, hat Adams keine Probleme damit, sich auf vergangene Formen und Harmonien zu beziehen.

Elbphilharmonie Hamburg / Das New York Philharmonic © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Das New York Philharmonic © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Das New York Philharmonic © Claudia Hoehne

Das erste Stück des Abends trägt den Titel Absolute Jest und basiert auf Fragmenten von diversen Stücken von Ludwig van Beethoven. Adams arbeitete und experimentierte für dieses Stück am Computer. Er wendete einen Algorithmus auf die Beethoven-Fragmente an und formte die Musik damit um. Er konnte sie spiegeln, in die Länge ziehen, neu anordnen oder sie übereinander schichten. Und mittels des Computers konnte er sofort überprüfen wie sich die Ergebnisse dieser Operationen anhörten.

Adams ergänzt das Orchester um ein Streichquartett, das in erster Linie die Fragmente aus den Beethoven-Quartetten spielt. Das Orchester wiederum ist im Wesentlichen für die am Computer neu entstandenen  Passagen verantwortlich. Das Streichquartett übernimmt in diesem Spiel immer mehr die Führung und treibt das Orchester vor sich her.  Im Ergebnis ist das schön und interessant. Die Komposition hat eine gute innere Spannung und ist lebendig pulsierend. Die Musiker setzen das Stück ganz hervorragend um. Sie spielen diese sehr energiereiche Musik spritzig, sehr präzise und musikalisch. Der erste Geiger der Solisten, Frank Huang, hat einige überzeugende, feurige Soli. Zwischendurch verliere ich ein wenig Interesse an der Komposition, bevor sie mich in dem letzten Minuten des Stückes wieder mitnimmt. Ganz zum Schluss entsteht durch die Überlagerung von verschiedenen übereinander geschichteten, sich wiederholenden Elementen ein sehr interessanter und angenehmer Eindruck von Chaos und Harmonie gleichzeitig.

Das zweite Stück des Abends Harmonielehre nennt sein Schöpfer den gelungenen „einmaligen Versuch die Chromatik des Fin de Siècle mit den rhythmischen und formalen Verfahren des Minimalismus zu verbinden.“ Es beginnt überzeugend und begeistert mit sehr luftig-leicht wirkenden Minimal Music-Wiederholungsschleifen und interessanten Schichtungen verschiedener Klang- und Rhythmus-Elemente. Es ist Spannung, Energie und ein großes Klangfarbenspektrum in der Musik. Danach wechseln sich sehr klassisch-sinfonische Passagen wiederholt mit minimalen Strukturen ab.

Nach dem sehr lauten und energiereichen Finale des ersten Satzes beginnt der 2. Satz mit warm wabernden Kontrabässen. Dann kommen die Celli dazu und lange Zeit wird das Orchester nur zu geringen Teilen verwendet, oft spielen nur ein oder zwei Sektionen gleichzeitig. Später wird das Orchester wieder etwas voluminöser eingesetzt, doch über weite Strecken vermag mich dieser zweite Satz nicht mitzunehmen.

Elbphilharmonie Hamburg / Alan Gilbert und John Adams rechts © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Alan Gilbert und John Adams rechts © Claudia Hoehne

Sehr spannend wird dann der dritte Satz! Er begeistert zunächst mit wunderbar feinen, luftigen Klängen enormer Leichtigkeit. Es klingt paradiesisch. Das Orchester spielt sehr feingeistig ätherisch wirkende repetetive Strukturen und elegante Modulationen. Es ist schöne, interessante, quirlige, sonnendurchflutete Musik! Danach legt sich wie ein Schatten eine gewisse Schwere und Düsterkeit auf die Musik. Sich unentwegt wiederholende Elemente brechen das dann wieder auf, bahnen sich neue Wege. Die Musik wird wieder fröhlicher, heller, lebendiger und energiereicher.

Das Spiel wiederholt sich noch einmal: Erst legen sich Schatten über die minimalen Strukturen, doch dann bahnt sich die Musik mit der Kraft der minimalen Wiederholung wieder Wege zum Licht. Nach einer weiteren Verdunklung existieren beide Seiten für eine Weile gleichwertig nebeneinander. Es wird lauter und mächtiger, unruhiger, nervöser. Viele verschiedene Klangflächen und Loops werden übereinander geschichtet. Die Pauken treiben voran. Die Musik zuckt und flimmert. Als es dann endet ist es als sei die Musik wie das Raumschiff Enterprise in Richtung irgendwelcher interessanten Orte des Universums entschwebt. Das klingt schön, bezaubernd, spannend und mitreißend. Und einzigartig. Es ist ein ganz besonderes musikalisches Erlebnis und eine wundervolle Minimal Music-Erfahrung.

Das New York Philharmonic unter Alan Gilbert hat sich als Weltklasse-Orchester präsentiert und einzigartige und spannende Musik aus ihrer Heimat mitgebracht. Herzlichen Dank!

 

Hamburg, Elbphilharmonie, Philharmonisches Staatsorchester – Strauss, Korngold, Dvorak, IOCO Kritik, 31.03.2017

März 31, 2017  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

 Don Juan  von Richard Strauss, Korngold…

Philharmonisches Staatsorchester  und Lorenzo Vietti begeistern

Von Sebastian Koik

 Richard Strauss rechts und Hugo von Hofmannsthal um 1915

Richard Strauss rechts und Hugo von Hofmannsthal um 1915

Das Konzert des Philharmonischen Staatsorchester Hamburg am 26.3.2017 in der Elbphilharmonie beginnt mit der Tondichtung Don Juan, dem Versdrama von Nikolaus Lenau symphonisch nachempfunden. Mit Don Juan gelang dem erst 25-jährigen Hofkapellmeister Richard Strauss (1864 – 1949) 1889 in Weimar der Durchbruch als Komponist; mit Don Juan hatte er zu seinem eigenen Stil gefunden.

Angeleitet wird das Orchester vom jungen Schweizer Dirigenten Lorenzo Vietti, der für den im Oktober 2016 im hohen Alter von 92 Jahren verstorbenen Sir Neville Marriner einsprang. Im Jahr 2016 leitete Vietti öfter als Vertretung renommierte Klangkörper wie beispielsweise das Royal Concertgebouw-Orchester so gut, dass er jetzt auch von vornherein für große Häuser wie die Staatskapelle Dresden engagiert wird.

Und dieser junge Vietti beginnt das Konzert furios! Extrem expressiv, überaus energisch gestikulierend und sich regelrecht in die Musik werfend treibt er das Orchester zu Höchstleistungen an. Einen solch wilden Tanz eines Dirigenten habe ich noch nicht erlebt. Und das sieht nicht nur spektakulär aus, sondern ist auch hoch wirksam: Vom ersten Ton an spielt das Orchester mit größtem Feuer und Leidenschaft. Spritzig, hochpräzise und mit großer musikalischer Spannung. Das Orchester bringt einerseits eine gewaltige Energie auf die Bühne und trifft trifft andererseits auch die zärtlich-sanften Töne ganz exzellent. Der erste Satz ist eine so gut wie perfekte Vorstellung, besser kann man diese großartige Musik kaum spielen! Das macht enormen Spaß und ist eine weitere Sternstunde im neuen Hamburger Musiktempel.

Elbphilharmonie Hamburg / Eröffnungskonzert © Michael Zapf

Elbphilharmonie Hamburg / Eröffnungskonzert © Michael Zapf

Nach diesem wilden Ritt spielt das Orchester als zweites Stück Antonín Dvoráks Konzert für Violoncello und Orchester h-Moll op. 104. Das Konzert schrieb Dvorák zwar in Amerika, doch es sollte keine „amerikanische“ Musik werden wie seine Symphonie aus der Neuen Welt, sondern ist geprägt von seiner übergroß gewordenen Sehnsucht nach seiner Heimat in Böhmen, in die er dann nach drei Jahren in Amerika im Jahre 1995 zurückkehren sollte. Auch dieses zweite Stück beginnt das Orchester mit viel Leidenschaft und großer musikalischer Spannung. Den Solo-Part spielt der vielfach ausgezeichnete Julian Steckel mit flinken Fingern und großer Präzision. Vietti dirigiert nicht mehr so unfassbar energisch wie beim Don Juan im vorigen Stück und die Musik könnte auch eine Winzigkeit schneidiger und spritziger gespielt werden.

Auch den langsam-leisen zweiten Satz spielen Orchester und Solist sehr, sehr gut, können aber nicht mehr das mitreißende Feuer vom ersten Stück des Abends entfachen. – Dass in der Elbphilharmonie regelmäßig das Gruppenhusten zelebriert wird, sehr oft zwischen den Sätzen geklatscht und während des Konzerts fotografiert wird ist man inzwischen gewohnt und hofft einerseits auf bessere allgemeine Gesundheit des Publikums und einen Lerneffekt bei den Besuchern, doch als mitten in diesem leisen Satz plötzlich ein Baby zu schreien anfängt, ist man dann doch überrascht. Glücklicherweise verlässt die Mutter mir ihrem Kind zügig den Saal.

Glänzender Höhepunkt des dritten Satzes ist das exzellente und begeisternde solistische Geigenspiel des Konzertmeisters Konradin Seitzer! Der ebenfalls sehr gute, aber über weite Strecken nicht wirklich packende Schlusssatz endet mit einem sehr schönen Finale. Als Zugabe vor der Pause spielt Julian Steckel den Marsch Musik für Kinder von Sergej Prokofjew.

Hamburg und die Elbphilharmonie © Michael Zapf

Hamburg und die Elbphilharmonie © Michael Zapf

Als drittes Stück des Programms gibt das Philharmonische Staatsorchester Erich Wolfgang Korngolds Sinfonietta H-Dur op. 5. Korngold war musikalisch frühreif, galt als Genie und Phänomen und versetzte schon als Kind Größen wie Gustav Mahler und Richard Strauss mit seinen Kompositionen in Erstaunen. Die Sinfonietta op. 5 verfasste er als Vierzehnjähriger. Sowohl mit diesem Stück als auch mit mehreren Uraufführungen feierte Korngold große Erfolge in Hamburg. Einen Teil der frühen Bewunderung verdankte Korngold allerdings sicher seinem jungen Alter. Vielleicht nicht ganz ohne Grund gab es bis zum heutigen Abend fast 100 Jahre lang keine symphonische Darbietung dieses Stückes in Hamburg. Auch werden keine Aufnahmen des Stückes angeboten. Die Komposition vermag mich über den Großteil der Spielzeit kaum zu berühren und mitzunehmen. Das Orchester spielt gut. Der Konzertmeister hat im 5. Satz ein paar sehr schöne Solo-Passagen, in denen er wieder zu begeistern weiß. Wirklich sehr gelungen finde ich dann aber das Finale, in welchem das Orchester das Publikum mit enorm viel Kraft und herrlich schönem Spiel berauscht.

 

Hamburg, Elbphilharmonie, Beethoven – 9 Sinfonien in 5 Tagen, IOCO Kritik, 25.03.2017

März 25, 2017  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Die neun Sinfonien Beethovens in 5 Tagen

 Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela – Leitung Gustavo Dudamel

„I VIVA Beethoven“

Von Patrik Klein

Die jüngste Revolution der klassischen Musik hat 1975 in Venezuela stattgefunden. Das Projekt nennt sich El Sistema und schafft tausenden von Kindern und Jugendlichen eine Zukunftsperspektive, indem sie kostenlos ein Instrument lernen können. Über 800.000 Kinder haben bislang an dem Projekt teilgenommen. Die Spitze dieser Bewegung ist in dem mittlerweile erstklassig gewordenen Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela zu sehen, dem Gustavo Dudamel seit 1999, damals 18-jährig, als Chefdirigent vorsteht.

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela © Patrik Klein

Der Elbphilharmonie Hamburg und seinem Intendanten Christoph Lieben-Seutter ist es gelungen, im Rahmen einer großen Tournee durch Europa, das Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela für die neun Sinfonien Ludwig van Beethovens in Hamburgs neuen Konzertsaal zu bringen. In chronologischer Reihenfolge wurden die Sinfonien an 5 Tagen, vom 19.3. bis 23.3.2017 zur Aufführung gebracht.
Am 19.3.2017, dem ersten Abend, gibt man die Sinfonien Nr. 1 und Nr. 2, die wegen der relativen Kürze von ca. 30 Minuten mit den Ouvertüren zu Egmont und Coriolan angereichert werden. In noch recht kleiner Besetzung erklingen die ersten Klassiktöne aus dem rhythmisch-feurigen Südamerika. Das wundervolle Orchester mit den jugendlichen, mittlerweile erwachsen gewordenen Musikern spielt elegant, supersympathisch und entfesselt. Die vom Komponisten angelegten schnellsten Menuettstrukturen, damals bei den Uraufführungen in Wien von der Konzertkritik geächtet und verrissen, werden mit südamerikanischem Temperament gespielt, so dass jeder Menuetttänzer unweigerlich aus der Kurve fliegen würde. Ein Auftakt nach Maß bereits nach dem ersten Konzert.

Elbphilharmonie Hamburg / Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Beethovens dritte und vierte Sinfonie dann am zweiten Abend mit deutlich größerer Besetzung, wie z.B. 6 Kontrabässen, 4 Hörnern, 4 Querflöten und entsprechender Streicherverstärkung. Die Eroica gilt als eine der komplexesten Werke Beethovens. Die danach gegebene vierte eher als so etwas wie eine kompositorische Verschnaufpause. Gespielt werden sie beide in jedem Falle meisterhaft vom Orchester, angeleitet von einem der derzeit energetischsten und gefragtesten Dirigentenstars auf unserem Globus, Gustavo Dudamel. Und nach dem Konzert hatte man den Eindruck „Was kann es schöneres geben, als glücklich und beseelt aus einem großartigen Konzert in der Elbphilharmonie zu kommen?“ Es macht grenzenlosen Spaß Dudamels Musikern beim Spielen zu lauschen…spielfreudig, feinsinnig, aufbrausend mit südamerikanischem Temperament, feinste Streicherflächen, sauberste Horn- und Trompetenklänge und eine Leichtigkeit, die man so noch nicht vernommen hat. Gustavo Dudamel braucht auch überhaupt keine „Showeffekte“. Im Gegenteil, er ist hier absolut nicht der „Stardirigent“ mit „Allüren“, sondern ein Primus inter pares. Kein einziges Mal nimmt er den Jubel der 2100 begeisterten Zuhörer auf dem Dirigentenpodium an, sondern er gesellt sich, immer fast ein wenig schüchtern wirkend, zu seinen Orchestermusikerinnen und -musikern.

Wien / Ludwig van Beethoven - Erinnerung an die Neunte Sinfonie © IOCO

Wien / Ludwig van Beethoven – Erinnerung an die Neunte Sinfonie © IOCO

Am dritten Abend dann die Schicksalssinfonie Nr. 5 und die Pastorale Nr. 6 in einem Konzert. Beethoven haderte hier mit seiner beginnenden Taubheit, und man wirft ihm vor, dass er dem „Schicksal in den Rachen greifen will“. Das Genie Beethoven hat hier aus dem recht einfachen Kern aus drei Achteln und einer Halben einen ganzen Satz aus diesem Motiv heraus entwickelt. In fast jedem der 500 Takte des Kopfsatzes ist es zu hören. Hier komponierte er, wie Kinder mit Legosteinen bauen. Und das Orchester aus Venezuela spielt es wunderbar klar, feinsinnig, manchmal wuchtig und temperamentvoll. Im Block S, gut 25 Meter vom Dirigenten entfernt in bester Position sitzend und hörend, mischt sich der überaus transparente Klang zu einer vollkommenen Einheit. Das Konzert wird live gestreamt auf Facebook und Youtube und kann jederzeit abgerufen werden. Bei der durchaus wunderschönen Pastoral-Sinfonie, die an das Landleben erinnern soll, dann doch die ersten etwas schwächeren Momente der Konzertserie. Die besonders stark besetzten Blechbläser fahren ihre Instrumente in den äußersten Grenzbereich und übertönen oft viel zu stark und manchmal nicht ganz im Takt die herrlichen Streicher. Diese Lautstärke ist in dem wunderbaren Konzertsaal gar nicht notwendig, aber so geht es auch einmal einem Top-Orchester, das hier zum ersten Mal die Tücken der Akustik kennenlernt.

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Der Abend vier der Konzertreihe besteht nun aus den beiden Sinfonien Nr. 7 und Nr. 8. Der Anfang der siebenten ist wie eine Orgie des Rhythmus in einem fröhlichen 6/8-tel Takt, wie ein Besuch in der Werkstatt des Komponisten. Sie stellt Beethovens pure Energie der Vortriebskraft dar. Lust an knackigen Rhythmen und treibende Schlägen werden bis ins Exzessive gesteigert. Hier zeigt sich wieder die fantastische Stärke des Orchesters mit einer Mischung aus Disziplin und lateinamerikanischem Musikgefühl angeheizt durch den Maestro am Pult, sich steigernd in einen wahren Spielrausch ganz im Sinne des Meisters. Manchen Besuchern ist es wohl doch zu viel des Guten und vielleicht etwas zu uneuropäisch. Die verhältnismäßig kurze achte Sinfonie folgt nach der Pause. Sie ist ihm ein wenig heiter geraten, wirkt ein wenig harmlos nach dem Energiefeuerwerk von vorhin. Doch der Eindruck täuscht: Beethoven sprüht hier vor Witz und geht munter zur Sache. Es entwickelt sich ein stattliches Thema, das wenig später völlig aus dem Takt fällt. Das ruhig fließende Seitenthema bringt den Satz denn doch voran, allerdings in einer untypischen Tonart. Am Ende scheint sich Beethoven selbst zu persiflieren, in dem er nicht auf den Punkt für einen Schlussakkord kommt. Bei der Uraufführung war das Publikum entsetzt und bezeichnete das Werk als „furorelos“. Dass es das nicht ist, konnte man durch das formschön aufspielende Orchester beeindruckt erleben.

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Und so unprätentiös wie sie spielen, kommen sie am letzten Abend wieder auf die Bühne. Nicht fein säuberlich nacheinander wie bei allen anderen Orchestern, sondern mal in Reihe, mal mit einer Minute Pause, beim Hereinkommen sich bekreuzigend wie manche Fußballer vor dem Elfmeterschuß. Der Konzertmeister erscheint erst nachdem das Orchester sitzt und empfängt den ersten höflichen Begrüßungsapplaus. Beethovens musikalisches Weltkulturerbe kann beginnen. Finale! Es ist so weit: Beethovens Opus magnum, seine neunte und letzte Sinfonie steht auf dem Programm und bildet den würdigen Abschluss einer außergewöhnlichen Konzertwoche in der Elbphilharmonie. „Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium“. Beethovens gewaltiges Spätwerk wurde 1824 in Wien uraufgeführt. Zehn Jahre Inkubationszeit mit Skizzen, Änderungen und seinen berühmten Wutausbrüchen hat es gebraucht, bis es fertig war. Beethoven war mittlerweile völlig taub und hat seine Komposition nie gehört. In Wien war man Haydn gewohnt und musste nun den „tauben Grobian“ aus Bonn ertragen. Der Komponist war sich seiner Sache absolut sicher und ohne Perücke, mit zerzausten Haaren, schlecht gelaunt und einer Sinfonie in absoluter Überlänge gelang es ihm dennoch, seine Genialität erfolgreich darzustellen. Genial, weil er es perfekt verstand, mit simplen Motiven durch Wiederholungen und Weiterentwicklungen Dynamik und Lage zu variieren, Tonarten und Rhythmen permanent zu ändern und immer wieder auf die simplen Ausgangsformen zurückzukommen.

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

 Der erste Satz beginnt mit einer „Ursuppe“ und der Idee eines Themas, welches sich zu einer explosiven Geste mit 16-Tonraumumfang entwickelt. Das Thema setzt sich aus verschiedenen Motiven zusammen und wird permanent variiert, immer wieder das „Freude-Thema“ andeutend. „Fratzenhafter“ der zweite Satz mit einem Schluss, der damals skandalös empfunden wurde. Ein Schnitt, als wenn der Stecker gezogen wird. Im dritten Satz wieder langsam, elegisch, pastoral, mit Pastellfarben das „Freude-Thema“ erneut andeutend. Im vierten Satz dann mit Chor und Solisten Schillers Ode an die Freude im Fokus. Die Insel der Seligen mit paradiesischen Zuständen als Zukunftswunsch und Appell an die Menschheit.

Bonn / Ludwig van Beethoven © IOCO

Bonn / Ludwig van Beethoven © IOCO

Dudamels Orchester aus Venezuela spielt in allergrößter Besetzung mit unglaublicher Dynamik und Spielfreude. Gänsehaut bekommt man, wenn man die 8 Kontrabässe im vierten Satz oft fast alleine hört und das gesamte Podium als Resonanzboden dient. So leise, dass es fast unhörbar klingt, baut Dudamel eine unerhörte Spannung auf, dass minutenlang kein Huster oder Papierraschler wahrzunehmen ist. Den Hörnern, der Posaune und dem Pauker gelingen dann doch manchmal die Temperamentausbrüche zu heftig und auch etwas zu schnell im Takt. Fantastisch die Streicher, die Flöten, Fagotte und Oboen. Der Chor der Europachorakademie aus Mainz mit seinem Leiter Joshard Daus liefert ein grandioses Ergebnis aus Klarheit, Textverständlichkeit und Musikalität ab. Die Solisten, allesamt aus Übersee (Julianna di Giacomo, Tamara Mumford, Joshua Guerrero und Soloman Howard) geben sich allergrößte Mühe mit leichten Problemen bei der Textverständlichkeit und Intonation. Insgesamt ein würdiger Abschluss einer grandiosen Konzertreihe durch die „Spitze des Eisberges“ der Bewegung El Sistema. Das Hamburger Publikum dankt es den Mitwirkenden mit minutenlangen Bravostürmen und Standing Ovations.

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