Hamburg, Elbphilharmonie, Rotterdam Philharmonic Orchestra, IOCO Kritik, 17.03.2017

März 19, 2017  
Veröffentlicht unter Elbphilharmonie, Hervorheben, Konzert, Kritiken

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Das Rotterdam Philharmonic Orchestra  

 Bernstein – Chopin – Rachmaninow

Von Sebastian Koik

Der erste Auftritt des Rotterdam Philharmonic Orchestra am 15.3.2017 in der Elbphilharmonie beginnt mit der Symphonischen Suite „On the Waterfront“ von Leonard Bernstein. Die Suite basiert auf der einzigen Filmmusik, die Bernstein schrieb und für den Oscar nominiert wurde. Auf Deutsch heißt der Film mit Marlon Brando „Die Faust im Nacken“. Film und Musik porträtieren das raue Milieu der New Yorker Hafenarbeiter. Es passiert musikalisch sehr viel und sehr Verschiedenartiges in den 20 Minuten der Suite. Es ist ein sehr lebendiges, vielfältiges, interessantes Stück, reich an Klangfarben, Stimmungen, Rhythmen, Tempi, Dynamik. Es ist teilweise sehr perkussiv, extrem rhythmisch. Teilweise sehr zärtlich, vor allem in den Geigen und der Querflöte. Teilweise sehr melancholisch-schwelgend. Es gibt wunderbar flirrende Streicher zu hören und Schlagwerke, die sich austoben können. All das großartig gespielt vom Orchester! Sie spielen Biss und knackiger Präzision, bauen große Spannung auf und spielen in den lauten und massiven Stellen mit größtem Selbstbewusstsein und Mut.

Das zweite Stück des Abends ist das Klavierkonzert Nr. 1 e-Moll von Frédéric Chopin. Das Orchester gefällt hier weniger als zuvor, spielt nicht kraftvoll, nicht lebendig, nicht knackig genug. Etwas blass. Es wirkt leicht träge, etwas zu langsam, etwas verschleppend. Auch der Pianist Jan Lisiecki, sicherlich ein Könner, den auch schon großartig in Hamburg gehört wurde, überzeugt heute nicht ganz. Der Klang des Flügels strahlt und funkelt nicht so schön, wie er könnte. Im Spiel von Lisiecki wird in diesem Konzert für mein Empfinden ein Teil vom Klangpotential und vom möglichen Farbreichtum verschluckt. Auch hat Jan Lisiecki schon präziser und sauberer gespielt. Natürlich ist das Kritik auf sehr hohem Niveau. Im zweiten Satz baut das Orchester von Beginn an gute Spannung auf und zieht das durch, kommt aber dennoch etwas bieder rüber, erst recht im Vergleich zum Bernstein-Stück zuvor. Im dritten Satz ist schon der Beginn nicht energisch und bissig genug. Das Orchester klingt hier nicht entschlossen genug. Das Publikum ist dennoch begeistert. Als Zugabe spielt Jan Lisiecki das c-Moll-Nocturne op. 48/1 von Chopin, ein lange sehr langsames und leises und am Ende lautes und massives Stück, das der junge Pianist mit viel Gefühl und Tiefe spielt. Nicht perfekt, aber sehr gut.

Elbphilharmonie Hamburg / Konzertsaal der Elbphilharmonie © Iwan Baan

Elbphilharmonie Hamburg / Konzertsaal der Elbphilharmonie © Iwan Baan

Nach der Pause als letztes Stück Sergej Rachmaninows letztes vollendetes Werk, die Sinfonischen Tänze op. 45. Das Orchester spielt energisch, präzise, selbstbewusst. Zu Beginn wird eine unschuldige, idyllisch-paradiesische Welt von den Holzbläsern hinaufbeschworen. Dann kommen himmlisch-weiche Streicher. Teilweise ist viel Licht in der Musik, das ist ein wunderschönes Hörerlebnis! Durchweg ist das Spiel des Orchesters packend und spannungsgeladen. Voller Überzeugung. Ob kraftvoller, vorwärtstreibender Rhythmus oder zartere und auch melancholische Klänge, über weite Strecken nahe an der Vollkommenheit. Der Dirigent Yannick Nézet-Séguin dirigiert das Konzert mit seinen Armen und seinem Körper, ohne Taktstock und begeistert das Hamburger Publikum mit seiner Leidenschaft.

 

Hamburg, Elbphilharmonie, Kammermusikfest – 6 Std. Ausnahmekünstler, IOCO Kritik, 12.03.2017

März 14, 2017  
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Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg

„Kammermusikfest!“
Hamburgische Vereinigung von Freunden der Kammermusik
6-stündiges Programm voller Ausnahmekünstler

Von Sebastian Koik

Sabine Meyer, Renaud Capuçon, Daniel Müller-Schott, Sergei Nakarjakow, Quatuor Modigliani, Cello Duello, Michael Riessler und viele Musiker mehr. Was im Vorfeld schon spannend klingt, wird in der Elbphilharmonie zu einem wahrlich großartigen Fest der Kammermusik voll von unvergesslichen Höhepunkten.

Elbphilharmonie Hamburg / Kammermusikfest © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Kammermusikfest © Claudia Hoehne

Das Konzert am 4.3.2017 beginnt ähnlich wie das Elbphilharmonie-Eröffnungskonzert ein paar Wochen zuvor. Die Suite für Violoncello solo Nr.3 von Bach wird Satz für Satz von jeweils einem anderen von insgesamt acht Cellisten gespielt, die im ganzen Saal der Elbphilharmonie verteilt sind. Das Schöne an diesem Arrangement ist, dass ein Gefühl für den besonderen Raum der Elbphilharmonie geschaffen wird. Der Zuschauer wird sich des Raumes stärker bewusst, nimmt ihn deutlicher wahr. Auch hört der Zuschauer, dass der Klang von den Cellos im obersten Rang genauso gut ist wie von der Bühne. Puristisch betrachtet lenkt der „Show-Effekt“ einer solchen Verteilung der Instrumente im Raum nicht gerade wenig von der Musik ab. Da das Spiel mit dem Raum nicht übertrieben wurde und es eine nette Geste ist, der Spielstätte beim ersten Besuch eine Referenz zu erweisen, kann man das aber durchaus so machen.
Im zweiten Stück des Abends spielt Sergei Nakarjakow mit wunderbar weichem und sehr edlem, warmen, angenehm tiefen Klang Flügelhorn. So elegant hat man dieses Instrument noch nie gehört! Er spielt zusammen mit seiner Schwester am Flügel ein Schumann-Stück, das ursprünglich für Klarinette geschrieben wurde, von dem auch Versionen für Cello oder Violine bekannt sind, aber so wie heute auf dem Flügelhorn nur sehr, sehr selten zu hören ist. – Es gibt wohl auch niemanden, der das auf diesem Instrument besser spielen kann als Sergei Nakarjakow. Sein Spiel ist das erste Highlight des Kammermusikfests.
Danach spielen Renaud Capuçon an der Violine und Daniel Müller-Schott am Cello ein sehr virtuoses Stück von Johann Halvorsen nach einem Thema von Georg Friedrich Händel. Besonders der Geigenpart ist halsbrecherisch und wird von Capuçon ganz bravourös gemeistert. Das zweite Highlight des Abends.

Hamburg / Elbphilharmonie_Renaud Capuçon und Daniel Müller-Schott © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Renaud Capuçon und Daniel Müller-Schott © Claudia Hoehne

Danach tritt das Quartett Quatuor Modigliani mit einem Streichquartett von Antonín Dvorák auf. Es ist ein sehr, sehr schönes Stück – ganz besonders der zweite Satz! Herrlich, wie vor allem die Geigen und die Bratsche hier singen! Zum Schluss singt dann das Cello solo und die beiden Violinen und die Viola machen den Rhythmus. Das Quartett spielt ganz wunderbar und sprüht geradezu vor Musikalität! Das macht enorm viel Spaß! Für mich bereits der dritte große Höhepunkt im erst vierten Auftritt.

Im fünften Stück singt die Sopranistin Christiane Karg die Bacchiana brasileira Nr. 5 von Heitor Villa-Lobos. Die Sängerin präsentiert sich hier mit sehr viel Atem und sehr schönen, wechselnden Stimmfarben – zunächst warm und später heller, metallischer, härter. Das ist klasse gesungen und sehr schön begleitet von den acht Cellisten aus dem ersten Stück. Der nächste Höhepunkt.

Der zweite Programmblock des Abends ist drei Stücken von Franz Schubert gewidmet. Der Moderator und Vereinsvorsitzende Ludwig Hartmann erzählt, dass ursprünglich Menahem Pressler Pianist des heutigen Abends sein sollte, dieser aber dann doch schweren Herzens absagen musste, weil er gerade in Übersee an einer neuen Aufnahme arbeite. Leider war es ihm nicht machbar für diesen Abend nach Hamburg zu kommen. Dafür hat Menahem Pressler bereits fest für ein Konzert am 3. April 2018 in der Laeiszhalle zugesagt. Vertreten wird Pressler heute Abend vom ebenfalls sehr renommierten Pianisten Ian Fountain. Christiane Karg und Ian Fountain präsentieren gemeinsam eine Liedgruppe aus fünf Schubert-Liedern und es ist der erste Auftritt des Tages, der für mich nicht überzeugend ist. Das ist irgendwie schon gut gesungen, doch werden die Figuren der Lieder von der Sängerin für mich nicht wirklich verkörpert, nicht wirklich eine Geschichte erzählt, wie das bei geglückten Interpretationen von Schubert-Liedern der Fall ist. Auch der Pianist überzeugt mich in diesen Liedern nicht. Sein Spiel erscheint mir zu zögerlich und seltsam gebremst. Es fehlt Frische und Spritzigkeit. Am besten gefällt „Gretchen am Spinnrade“, das Christiane Karg mit sehr viel Leidenschaft singt, aber auch hier ist sie für mich nicht in der Rolle drin.

Elbphilharmonie Hamburg / Christiane Karg und Ian Fountain © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Christiane Karg und Ian Fountain © Claudia Hoehne

Deutlich besser gefällt mir der Pianist im folgenden Stück, für das er gemeinsam mit Renaud Capuçon und Daniel Müller-Schott auf der Bühne steht. Ian Fountain spielt hier quirlig und spritziger als zuvor. Auch hat er in dem Stück vom Komponisten den meiner Meinung nach besten Part zugedacht bekommen – die beiden hervorragenden Streicher können in diesem Klaviertrio nicht wirklich glänzen.
Der ganz große Höhepunkt des Abends folgt mit Schuberts Oktett F-Dur D 803, das von Sabine Meyer an der Klarinette angeführt wird und neben den Quatuor Modigliani-Quartett noch aus dem Hornisten Bruno Schneider, Dag Jensen am Fagott und Knut Erik Sundquist am Kontrabass besteht. Das sind alles ganz wunderbare Musiker! Sie spielen so herrlich spritzig, quirlig-frisch und lebendig, dass es eine wahre Freude ist! Und auch sie genießen das Musizieren unter Gleichgesinnten, der Spaß am Musizieren ist diesen Ausnahme-Musikern deutlich anzusehen! Das ist ein absoluter kammermusikalischer Leckerbissen! Strahlend schön der Klang der Klarinette. Schöner kann eine Klarinette nicht klingen, als dieses Instrument in den Händen dieser Weltklasse-Künstlerin Sabine Meyer! Der Kontrabassist ist ebenfalls Weltklasse. Einen besseren Kontrabassisten habe ich noch nie zuvor gehört. Großartig auch die vier jungen Herren von Quatuor Modigliani. Herrlich anzuschauen, mit wie viel Spaß sie musizieren und herrlich, wie die Bläser und ganz besonders die Klarinette in diesem Stück oft mit den Streichern in einen wunderbaren Dialog treten. Es herrscht eine wunderbare Spannung im Musizieren dieser zusammengewürfelten Formation. Toll auch das Horn und das Fagott. Das wunderbare Schubert Oktett in dieser unübertrefflichen Besetzung ist für mich das Herzstück des Abends. Dieser achte von insgesamt vierzehn Auftritten des Abends ist für sich allein schon ein kammermusikalisches Fest par excellence!

Elbphilharmonie Hamburg / Quatuor Modigliani, Sabine Meyer, Bruno Schneider, Dag Jensen, Knut Erik Sundquist © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Quatuor Modigliani, Sabine Meyer, Bruno Schneider, Dag Jensen, Knut Erik Sundquist © Claudia Hoehne

Und es geht weiter mit musikalischen Höhepunkten. Im zehnten Auftritt des Abends ertönt unter anderem eine großartig klingende Drehorgel. Zusammen mit den Klarinettisten vom Trio Clarone und Michael Riessler klingt das ganz fantastisch. Sabine Meyer spielt zwei ganz wunderbare und hochvirtuose Klarinettensoli. Das ist das Beste und Schönste, was ich jemals auf der Klarinette gespielt gehört habe! Danach ein großartiges Solo auf der Bassklarinette von Michael Riesler. Ebenfalls ein Fest. Danach ein sehr spannender Teil, in dem mehrere Klarinetten wundervoll von der Drehorgel begleitet werden und schönste und sehr faszinierende, ungewöhnliche Klangwelten erschaffen werden. Auch hier haben all‘ die hervorragenden Musiker auf der Bühne sichtlich großen Spaß am gemeinsamen Musizieren.

Elbphilharmonie Hamburg / Trio Clarone und Michael Riessler, Pierre Charial an der Drehorgel © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Trio Clarone und Michael Riessler, Pierre Charial an der Drehorgel © Claudia Hoehne

Danach tritt das Cello Duello mit Jens-Peter Maintz und Wolfgang Emanuel Schmidt auf, das bereits 25-jähriges Bühnenjubiläum feierte. Sie spielen maximalvirtuose Stücke von Joseph Haydn und Niccoló Paganini und meistern diese wunderschöne Musik ganz großartig! Auch dieser Auftritt ist für sich allein schon ein großes kammermusikalisches Fest! Die technisch extrem anspruchsvolle Musik wird nicht nur spieltechnisch grandios gemeistert, sondern auch mit herrlicher Musikalität gespielt! Diese spielerische Klasse, diese enorme Meisterschaft des Instruments ist fast unwirklich gut, erscheint fast wie nicht von dieser Welt. Das ist atemberaubend und ein weiterer unvergesslicher Höhepunkt des Abends. Diese Musik könnte ich ewig hören! Es ist bereits 5 Stunden und 15 Minuten nach Konzertbeginn und von Müdigkeit ist keine Spur. Ich bin hellwach und begeistert.

Elbphilharmonie Hamburg / Cello Duo_Jens Peter Maintz und Wolfgang Emanuel Schmidt © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Cello Duo_Jens Peter Maintz und Wolfgang Emanuel Schmidt © Claudia Hoehne

Im folgenden Auftritt brilliert Renaud Capuçon mit Geigenspiel mit extrem viel Seele. Christiane Karg und Ian Fountain neben ihm musizieren nicht schlecht, überzeugen aber nicht so ganz.
Im dreizehnten und vorletzten Auftritt des Abends tritt wieder Sergei Nakarjakow auf. Er spielt das extreme Virtuosität forderndes Stück „Carneval in Venedig“ von Jean-Baptiste Arban, das er souverän meistert. Es ist das wohl technisch anspruchsvollste Trompetenspiel, das ich jemals gehört habe und es wirkt bei ihm so selbstverständlich, natürlich und leicht. Er kann so spielen, dass es wie von zwei Instrumenten gespielt erscheint. Er kann eine Stimme spielen und wie magisch spielt er parallel dazu mit unfassbarer Geschwindigkeit eine zweite Stimme. Es wirkt fast wie die Aufhebung physikalischer Gesetze. Das Trompetenspiel von Sergei Nakarjakow ist ein unvergessliches Erlebnis.

Elbphilharmonie Hamburg / Sergei Nakarjakow und Vera Okhotnikova © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Sergei Nakarjakow und Vera Okhotnikova © Claudia Hoehne

Zum Abschluss gibt es von den vier jungen Herren des SIGNUM Saxophone Quartet noch etwas andere, jazzigere Klänge ein wenig abseits vom klassischen Kammermusik-Repertoire. Das ist zwar technisch sehr, sehr gut gespielt, vermag mich aber anders als so gut wie alles andere am heutigen Abend gehörte nicht zu berühren.
Um 18 Uhr begann das Kammermusikfest in der Elbphilharmonie und um kurz nach Mitternacht endete es. Unterbrochen von zwei Pausen gab es in vierzehn Auftritten mehrere Stunden lang Kammermusik in hoher bis höchster Qualität. Keinen Moment war es langweilig. Auch nach Stunden kam keine Müdigkeit auf. Die Zeit verging im Fluge. Das Publikum war hellauf begeistert.

Das erste Kammermusikfest der wunderbaren Hamburgischen Vereinigung von Freunden der Kammermusik in der Elbphilharmonie war ein ganz wundervolles und unvergessliches Musikereignis, das voll von musikalischen Höhepunkten der absoluten Extraklasse war. Ein ganz, ganz großes Lob den Veranstaltern für die großartige Musikerauswahl und Programmgestaltung für das Kammermusikfest. Und ein riesengroßer Dank für 95 Jahre Bereicherung der Hamburger Kulturlandschaft mit weit mehr als 1000 auf die Beine gestellten Konzerten. Danke für diese Freude schenkende ehrenamtliche Arbeit, die das Leben vieler Musikfreunde in Hamburg schöner macht.

Hamburg, Elbphilharmonie, Strauss – Tschaikowski – Rachmaninow, IOCO Kritik, 13.03.2017

März 14, 2017  
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Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg

Manfred Honeck – Philharmonisches Staatsorchester 
Strauss – Elektra ohne Worte,Tschaikowski – Schicksalssinfonie, Rachmaninow –  Rhapsodie über ein Thema von Paganini 

Von Patrik Klein

Seit 188 Jahren prägt das Philharmonische Staatsorchester Hamburg den Klang der Hansestadt. Die Ursprünge des Orchesters liegen im Jahr 1828, als sich in Hamburg eine „Philharmonische Gesellschaft“ gründete und bald zu einem Treffpunkt bedeutender Künstler wie etwa Clara Schumann, Franz Liszt und Johannes Brahms wurde. Große Künstlerpersönlichkeiten standen am Pult des Orchesters: Peter Tschaikowsky, Richard Strauss, Gustav Mahler, Sergej Prokofjew oder Igor Strawinsky. Bereits im Jahr 1902 fand das 500. Konzert der Philharmonischen Gesellschaft statt, 1908 wurde die Laeiszhalle mit einem Festkonzert eingeweiht. Seit dem 20. Jahrhundert prägten Chefdirigenten wie Karl Muck, Eugen Jochum, Joseph Keilberth, Wolfgang Sawallisch, Gerd Albrecht, Aldo Ceccato, Ingo Metzmacher und Simone Young den Klang des Orchesters. Gäste wie Otto Klemperer, Wilhelm Furtwängler, Bruno Walter, Karl Böhm oder Horst Stein brillierten am Pult.

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester mit Manfred Honeck © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester mit Manfred Honeck © Patrik Klein

Mit der Spielzeit 2015/2016 übernahm Kent Nagano das Amt des Hamburgischen Generalmusikdirektors und Chefdirigenten des Philharmonischen Staatsorchesters und der Staatsoper Hamburg. Im Orchester entstand so etwas wie eine Aufbruchstimmung und die Qualität der Konzerte in der Laeiszhalle und nun auch in der Elbphilharmonie Hamburg erfuhren einen deutlichen Qualitätssprung. Ein besonders interessanter Gastdirigent steht heute Abend am Pult des Orchesters in der Elbphilharmonie Hamburg.

Elbphilharmonie Hamburg / Manfred Honeck © Felix Broede

Elbphilharmonie Hamburg / Manfred Honeck © Felix Broede

Der Österreicher Manfred Honeck, der als Gast bei den weltweit führenden Orchestern von Berlin bis Los Angeles gefragt ist, absolvierte seine musikalische Ausbildung in Wien und war mehrere Jahre Mitglied der Wiener Philharmoniker und des Wiener Staatsopernorchesters. Seit der Saison 2008/09 ist Manfred Honeck Music Director beim Pittsburgh Symphony Orchestra. Regelmäßig tritt er mit seinem Orchester auch in bedeutenden Konzerthäusern und bei renommierten Festivals in Europa auf. Er ist darüber hinaus Erster Gastdirigent der Tschechischen Philharmonie in Prag. Für den erkrankten Marc Minkowski sprang er vor einigen Monaten bereits beim NDR Elbphilharmonieorchester noch in der Laeiszhalle ein und dirigierte dort u.a. die sechste Sinfonie von Tschaikowsky. Das Hamburger Publikum dankte ihm dafür mit großem Jubel und Standing Ovations.

 Georg Li © Jon Chase

Georg Li © Jon Chase

Mit dem Pianisten George Li konnte für das heutige Konzert wieder einmal ein Künstler der jüngeren Generation verpflichtet werden. George Li spielte als sogenanntes Wunderkind sehr früh Konzerte in den USA – jetzt, im jungen Alter von 21 Jahren wurde er Preisträger eines der berühmtesten Klavierwettbewerbe der Welt, dem Tschaikowsky-Klavierwettbewerb in Moskau. Viele ehemalige Preisträger, zu denen beispielsweise auch Grigory Sokolov zählt, sind heute Stars der Klassikszene. Von der Washington Post wird George Li für seine „atemberaubenden technischen Fähigkeiten gepaart mit einem außerordentlichem musikalischen Ausdrucksvermögen“ gepriesen. Der junge Pianist hat schon für Barack Obama und Angela Merkel im Weißen Haus gespielt. Er gewann zahlreiche internationale Preise und spielte mit den namhaftesten Orchestern und Dirigenten unserer Zeit zusammen.

Manfred Honeck arrangierte zusammen mit dem tschechischen Komponisten Thomans Ille die rund dreißig minütige Rhapsodie aus Motiven von Richard Strauss Opernwerk Elektra. Nach Wagners Ring ohne Worte nun also Strauss Elektra ohne Worte, ein symphonisches Konzentrat der Oper ohne Singstimmen. Es geht darin um Tod, Vernichtung und Rache, das Böseste, was es unter Menschen geben kann. Honecks Motivation war dabei: „Man kann in diesem Werk ein Experiment sehen, in dem Drama und Musik zu einer theatralischen Sinfonie verschmelzen„. Mit Elektra von 1908 hatte Strauss ein Musikdrama geschaffen, das inhaltlich und musikalisch in äußerste Grenzbereiche vorstieß.

Und diese Grenzbereiche werden von den bestens aufgelegten Musikern des Philharmonischen Staatsorchesters feinfühlig ausgelotet. Das Orchester stößt vor bis an die Grenzen der Tonalität, ist virtuos aufgefächert mit maximaler Wirkung. Plastisch erklingt das zentrale Agamemnon-Motiv in einem gebrochenen Dreiklang in D-Moll. Daraus entfaltet sich die ganze musikalische Konzeption. Es folgt die erste Szene „Allein, endlich allein…“, die als Kontrast den lyrischeren Passagen der Chrysothemis-Szene eindrucksvoll gegenüber gestellt werden. Alle Instrumentengruppen sind plastisch zu hören in diesem großartigen Konzertsaal. Im Block L sitzend, staunend hörend, wie sich die kraftvollen Bläser, das aufs Äußerste geformte Schlagwerkgefüge und die feinsten Streicherflächen im Gehör auf angenehmste Weise mischen. Nach Elektras siegessicherem Tanz erklingt die Klage der Königin Klythämnestra über ihre Alpträume und der Dialog mit Elektra. Mit dem Auftritt Agamemnons tritt eine Beruhigung im Orchester ein. Der Mord an Ägisth leitet zum Schluß über mit dem Tanz der Elektra und dem fulminanten Finale dieses Werkes. Manfred Honeck dirigiert das Orchester furios, gestenreich und höchst präzise. Vor allem lotet er die leisesten Klänge minutiös aus. Das war mehr als nur ein „Warm Up“ des Orchesters, ein furioser Auftakt an diesem Sonntagmorgen. Die Konzertfreunde sind begeistert. Als Opernliebhaber fallen einem bei manchen Passagen die doch fehlenden Stimmen von Birgit Nilson, Leonie Rysanek und Cheryl Studer ein. Großer Beifall bereits nach einer halben Konzertstunde.
Die Rhapsodie über ein Thema von Paganini schrieb der russische Komponist Sergei Rachmaninow im Sommer des Jahres 1934 innerhalb weniger Wochen in seiner Villa Senar am Vierwaldstättersee. Sein Opus 43 wurde am 7. November 1934 in Baltimore mit Rachmaninow am Flügel und dem Philadelphia Orchestra unter Leopold Stokowski uraufgeführt.

Das Stück besteht aus 24 Variationen über ein Thema, das Niccolò Paganini im letzten seiner 24 Capricci für Solovioline selbst als Ausgangspunkt einer Variationenfolge verwendet hatte. Immer wieder diente diese Melodie verschiedenen Komponisten als Vorlage, darunter auch Johannes Brahms (Variationen über ein Thema von Paganini (Brahms) und Franz Liszt (Grandes études de Paganini). In einigen Variationen verwendet Rachmaninow eine weitere, viel ältere Melodie: die Sequenz Dies irae, einst fester Bestandteil der lateinischen Totenmesse. Das Dies irae-Motiv steht dabei für den Teufel.

Elbphilharmonie Hamburg / Georg Li und Manfred Honeck © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Georg Li und Manfred Honeck © Patrik Klein

Um es nicht in allen 24 Teilen zu zerfallen zu präsentieren, fasste Rachmaninow eine Gruppe von Variationen unter einem großen Bogen zusammen und suggerierte somit das gebräuchliche Solokonzert in drei Sätzen. Im ersten Teil (bis Variation 10) herrscht Rhythmus und Stimmung aus Paganinis „Capricci“ vor. George Li spielt gefühlvoll, rhythmisch, gelegentlich mit Blickkontakt zum Dirigenten. Der junge Pianist wirkt bei seinem nahezu perfekten Spiel etwas distanziert und scheint sich innerlich über sein Gehör und Gespür für die Abstimmung und die Wechselspiele mit dem Orchester zu fokussieren.

Nach einer kurzen Generalpause schließt sich der mittlere, langsamere Satz an. In einem gemächlichen 3/4-Takt stehen die nächsten drei Variationen an. Der erst 21 Jahre alte Pianist spielt wunderschön melodisch, dann wieder aufbrausend mit hoher Konzentration im Zusammenspiel mit dem Dirigenten und dem Orchester. Und ausgerechnet in der allerleisesten Passage zuckt man zusammen und hört den lautesten Nieser des Konzertes. Freude und Leid dieser heiklen, nichts verzeihenden Akustik liegen manchmal ganz dicht zusammen.

Und schließlich das rasante Finale, in dem Rachmaninow ein Feuerwerk an Esprit und Eleganz entfacht. Hier zeigt der junge Pianist sein meisterliches Können. Blitzschnell, furios, variantenreich und ganz in sein Spiel vertieft, erklingt der letzte Teil der Rhapsodie. Er nimmt seine Umgebung scheinbar gar nicht mehr wahr, nimmt kaum noch Blickkontakt auf, springt auf seinem Klavierstuhl auf und ab, in seiner eigenen Welt entschwunden. Großer Beifall des Publikums für den Youngstar aus Übersee.

Nach der Pause steht die Sinfonie Nr. 5 e-Moll op. 64 aus dem Jahr 1888 von Pjotr Iljitsch Tschaikowski auf dem Programm. Während die Uraufführung noch mäßig ausfiel, befanden Kritiker die Sinfonie für eine der „bedeutendsten musikalischen Erscheinungen unserer Zeit“. Tschaikowski bezeichnete seine fünfte Sinfonie als „misslungenes Werk“ (vor allem wegen des Finales), und schätzte gar die vorhergehende 4. Sinfonie höher ein. Heute jedoch gehört die fünfte zusammen mit der vierten und sechsten Sinfonie Tschaikowskis zu dessen beliebtesten Sinfonien. Bemerkenswert ist ein besonderer Zusammenhang mit der Stadt Hamburg, den man nicht unbedingt vermutet. Der Komponist hat sein Werk selbst dirigiert und wurde weltweit eingeladen. Es gab zwei Tourneen in Westeuropa. In Leipzig kam es zu einer Begegnung mit Johannes Brahms und wenig später zu einer Aufführung in der Hansestadt.

Die Sätze durchzieht ein gemeinsames Leitthema, das Schicksalsmotiv. Ergebenheit, Hoffnungslosigkeit, Zweifel, Düsternis und Klagen gegen Gott sind die zentralen Themen. Über das Programm des ersten Satzes (Andante – Scherzo. Allegro con anima – Molto più tranquillo) schrieb Tschaikowski:Introduktion. Völlige Ergebung in das Schicksal oder, was dasselbe ist, in den unergründlichen Ratschluß der Vorsehung“. Der Satz beginnt mit einer bedächtigen Melodie der Klarinetten, die das Schicksalsmotiv der Sinfonie darstellt. Die Melodie leitet über zum energischeren, von Flöten und Klarinetten initiierten und von den Streichern übernommenen Hauptthema des Satzes. Das zweite Hauptthema des Satzes wird unter gelegentlicher Einmischung des Leitmotivs von den Holzbläsern intoniert. Das Philharmonische Staatsorchester spielt ganz wunderbar, zunächst gemächlich und gefühlvoll und sehr leise. Die Instrumentengruppen sind bestens auszumachen. Dann wird das Motiv rhythmisch aufgenommen, wunderschön anschwellend und äußerst sauber, ganz besonders bei den Blechbläsern. In den oberen Rängen mischt sich der Klang wundervoll in High End Qualität. Ein absoluter Hörgenuss.
Der zweite Satz (Andante cantabile, con alcuna licenza – Non allegro – Andante maestoso con piano), in dessen Zusammenhang Tschaikowski fragte, ob er sich „dem Glauben in die Arme werfen“ soll, beginnt mit einer tiefen, zunächst kaum hörbaren (atemberaubend Manfred Honecks Dirigat) Einleitung der Streicher, bevor ein sauber vorgetragenes Hornsolo, von Tschaikowski als „Lichtstrahl“ bezeichnetes Hauptthema des Satzes anhebt und schließlich von Klarinette und Oboe unterstützt wird. Vom donnernd einsetzenden Schicksalsmotiv wird das Hauptthema dieses zweiten Satzes nur kurz unterbrochen. Die Philharmoniker folgen mit allergrößter Leidenschaft ihrem wunderbaren Dirigenten, der nach intensiver Probenarbeit keinerlei Mühe hat die Musiker zu führen und seine Vorstellung der Sinfonie erklingen zu lassen. Selten hat man das Orchester so „mitfühlend“ und „formvollendet“ hören können. Wenn das Schicksalsmotiv erneut erscheint, donnert es bei den Bläsern, die Posaunen und die Tuba krachen und das Orchestervolumen erreicht sein Maximum, bevor es wieder in leisesten Tönen den Satz beendet.

Elbphilharmonie Hamburg / Manfred Honeck und Philharmonisches Staatsorchester © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Manfred Honeck und Philharmonisches Staatsorchester © Patrik Klein

Der dritte Satz (Walzer. Allegro moderato) ist im Stil eines ruhigen Walzers geschrieben. Auch er lässt sich vom Schicksalsmotiv nur kurz stören. Wie der erste Satz beginnt auch der vierte Satz (Finale. Andante maestoso (con fiamma) – Non allegro – Presto molto furioso – Molto assai e molto maestoso – Allegro vivace) mit dem Schicksalsmotiv, das diesmal aber bestimmter, und vor allem in Dur, auftritt. Nach einer ausführlichen Einleitung des Finales geht dieses zu einem feierlichen Ausbruch des Orchesters über, den dieses, gelegentlich vom Schicksalsmotiv begleitet, bis zum Schluss des Finales fortführt. Nach dem letzten verklingenden Ton wird das Philharmonische Staatsorchester Hamburg mit allergrößtem Jubel vom Publikum bedacht. Manfred Honeck ist der Meister der Dynamik und gerade die leisesten Töne klingen in der Elbphilharmonie Hamburg am schönsten. Das ist ein fantastisches Spiel, das unter die Haut geht. In Hamburgs neuem Wahrzeichen kann der konzertbegeisterte Klassikfan nunmehr drei hervorragende Orchester der Stadt genießen.

 

Hamburg, Elbphilharmonie, NDR Elbphilharmonieorchester mit Beethoven und Strauss, IOCO Kritik, 02.03.2017

März 2, 2017  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Krzysztof Urbanski mit NDR Elbphilharmonieorchester 

Beethoven –  Strauss

Leonoren-Ouverture,  Nr. 3 c-Moll op. 37 – Also sprach Zarathustra

Von Patrik Klein

Vollkommene Stille: Das Nichts, dargestellt durch den tiefsten spielbaren Ton eines Orchesters…die Geburtsstunde der Menschheit: Also sprach Zarathustra…
Das NDR Elbphilharmonieorchester Hamburg mit Beethoven und Strauss glänzt unter dem Taktstock des Ersten Gastdirigenten Krzysztof Urbanski und der wunderbaren Pianistin Alice Sara Ott.

Nach den umjubelten Eröffnungskonzerten und dem über drei Wochen andauernden Eröffnungsfestival in Hamburgs neuem Wahrzeichen, mit großen Gastorchestern aus Wien, Chicago und Dresden, einem Rockkonzert von den „Einstürzenden Neubauten“, sowie etlichen Klavier-, Cello- und Liederabenden, kehrt nun so etwas wie Routine in das Haus am Kaiserkai ein. Die Diskussionen über die Architektur und die Akustik des Hauses verlieren langsam ihre Schärfe. Man ist sich einig, dass der direkte und transparente Klang des Hauses auf fast allen Plätzen, Disziplin bei Musikern und Gästen vorausgesetzt, einem ein wunderbares Konzerterlebnis bescheren kann. Die Qualität der Konzerte war weitgehend meisterhaft und von überragender Schönheit, die den oft durch Mittelmaß gebeutelten Hamburger Kulturliebhaber in einen regelrechten Rausch versetzen konnte.

Wesentlich verantwortlich für diese enorme Qualitätssteigerung ist das Residenzorchester der Elbphilharmonie, das NDR Elbphilharmonieorchester. Mit viel Engagement und jede Menge Überstunden hat das Orchester eine Vielzahl an Konzerten abgeliefert, die sich nicht hinter denen der ganz „großen“ Orchester aus Wien , Chicago oder Dresden verstecken müssen. Dazu kamen noch jede Menge „Kurzkonzerte“ von etwa einer Stunde Dauer für die Besucher, die normalerweise nicht in ein Konzerthaus gehen. Unter dem Motto „Klassik für Hamburg“ konnte der Gast für kleines Geld Blockbuster der Klassik mit dem NDR Elbphilharmonieorchester erleben. Dazu noch einige „Late Night“– Konzerte, wo Klassik auf Pop traf und ein breites Publikum erreichte. Damit erfüllt das Orchester weit mehr, als von ihm erwartet und trägt somit zu einer kulturbereicherten Hansestadt entscheidend bei.

Elbphilharmonie Hamburg / Orchester im Großen Saal der Elbphilharmonie © Michael Zapf

Elbphilharmonie Hamburg / Orchester im Großen Saal der Elbphilharmonie © Michael Zapf

Federführend dabei ist seit 2011 der aktuelle Chefdirigent Thomas Hengelbrock. Interpretatorische Experimentierfreude und unkonventionelle Programmdramaturgie sind Markenzeichen seiner Arbeit, wie man zuletzt beim Eröffnungskonzert der Elbphilharmonie erleben durfte. „Blockbusterfrei“ führte er die erlesene Besucherschar von der Renaissance in die Gegenwart. Zudem brachte er einen frischen, inspirierenden „Musiziergeist“ ins Orchester, und löste bei Orchestermusikern und Publikum eine regelrechte Aufbruchstimmung aus. Getragen und zusätzlich belebt wird diese vom jungen und dynamischen polnischen Dirigenten Krzysztof Urbanski als Erstem Gastdirigenten, der heute am Pult steht. Urbanski pflegt seit seinem Debüt im Jahr 2009 enge Beziehungen zum NDR Elbphilharmonie Orchester. 2015/16 hat er die Nachfolge von Alan Gilbert als Erster Gastdirigent angetreten und das Orchester u. a. auf Gastspielreise in Breslau, Kattowitz, beim Beethoven-Osterfestival in Warschau, beim Osterfestival in Aix-en-Provence sowie beim großen HafenCity Open Air zum Abschluss der Saison in Hamburg dirigiert.

Für den heutigen Abend hat man eine der interessantesten Pianistinnen unserer Zeit, Alice Sara Ott engagiert, die schon in einigen Konzerten mit dem NDR Elbphilharmonieorchester hier am Kaiserkai glänzte. Alice Sara Ott begeistert ihr Publikum immer wieder mit unterschiedlichen aufregenden Projekten. Sie arbeitete z.B. höchst erfolgreich zusammen mit dem isländischen Komponisten Ólafur Arnalds im Rahmen von „The Chopin Project“, das zur Nummer Eins der offiziellen englischen Klassik-Charts aufstieg. Mit vielen berühmten Dirigenten und großen Orchestern gab es Auftritte auf der ganzen Welt.
„Proud as fuck“ kommentierte sie auf ihrer Facebookseite ihr Empfinden nach den ersten gelungenen Konzerten mit dem NDR Elbphilharmonieorchester. Auf dem Programm vor der Pause stehen Beethovens Leonoren-Ouverture Nr. 3 op. 72a und Beethovens Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 c- Moll op 37. Beethovens einzige Oper hat gleich vier verschiedene Ouvertüren. Nr. 3 schaffte den Sprung von der Bühne in den Konzertsaal.

Ludwig van Beethoven © IOCO

Ludwig van Beethoven © IOCO

„Dieses mein geistiges Kind hat mir vor allen anderen die größten Geburtsschmerzen, aber auch den größten Ärger gemacht“, bekannte Beethoven über den Fidelio, seine einzige Oper. Neun Jahre lang hat er sich immer wieder den Kopf darüber zerbrochen. Heldin des Dramas ist Leonore, die sich in Männerkleidung unter dem Decknamen Fidelio als Kerkerknecht einschleust und schließlich ihren Gatten Florestan aus der Gefangenschaft rettet. Die Uraufführung der Oper – von Anfang an schwankte der Titel zwischen Fidelio und Leonore – fand im Herbst 1805 im Theater an der Wien statt und war ein grandioser Misserfolg. Beethoven arbeitete die Partitur im Jahr darauf gründlich um, alles schien vielversprechend, doch diesmal überwarf er sich mit dem Intendanten des Theaters und es gab nur ein paar wenige Aufführungen.
Richtig zufrieden war Beethoven ohnehin nicht. Und so griff er noch einmal zum Rotstift, strich Vieles und komponierte für die dritte Version der Oper – die wir heute Fidelio nennen – große Teile neu. Endlich waren Komponist und Publikum zufrieden. Die zahlreichen Überarbeitungen sind der Grund dafür, warum es für Fidelio bzw. Leonore vier verschiedene Ouvertüren gibt. Denn für jede Neuversion der Oper schrieb Beethoven eine eigene Ouvertüre. Ihre genetische Substanz ist zwar die selbe, sie ist aber jeweils unterschiedlich ausgeprägt; und alle vier Ouvertüren stehen in unterschiedlicher Beziehung zur Oper.

Urbanski dirigiert das rund fünfzehn Minuten dauernde Stück nicht, nein er tanzt es. Er steht auf den Zehenspitzen, den Körper in schwindelerregende Positionen bringend, sichtlich in die Musik vertieft. Er dirigiert auswendig und wirkt mal wie ein DJ und mal wie ein kleiner Junge, der mit seinem Lieblingsspielzeug hantiert. Und das Orchester folgt ihm freudig. Leiseste Streicherflächen erscheinen plötzlich im Saal und schwellen an bis zur vollen Lautstärke. Deutlich vernimmt man alle Orchesterinstrumente in diesem wunderschönen Konzerthaus, das sich geradezu anbietet, einzelne Musikinstrumente auch einmal außerhalb des Orchesterpodiums zu platzieren. Ein herrlicher Effekt, wenn einige aus der Bläsergruppe aus den oberen Rängen erklingen. Freundlicher Applaus nach diesem „warm up“.

Weiter geht es mit dem mit Spannung erwarteten nächsten Programmpunkt. Ludwig van Beethoven: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 c-Moll op. 37. Beethoven widmete das Konzert dem Prinzen Louis Ferdinand von Preußen, von dem er sagte, er spiele nicht „prinzlich oder königlich, sondern wie ein tüchtiger Klavierspieler“. Bei der Uraufführung im April 1803 saß Beethoven selbst am Klavier. Er spielte aus Noten, die er allerdings nur in eilig hingeworfener, stenographischer Kurzschrift festgehalten hatte – was seinen Umblätterer ziemlich ins Schwitzen brachte: „Ich erblickte fast lauter leere Blätter, höchstens auf einer oder der anderen Seite ein paar mir recht unverständliche Hieroglyphen hingekritzelt.“ Beethoven soll sich darüber königlich amüsiert haben.
Unterwelt, Trauer, Verwünschungen, und alles, was nicht ganz geheuer ist- das ist die Sphäre der Tonart c-Moll, die Beethoven für sein drittes Klavierkonzert wählte. Es ist nebenbei das einzige Konzert in einer Moll-Tonart – und Beethoven kostet den düsteren Charakter genüsslich aus und setzt ihn in ein wirkungsvolles Spannungsverhältnis zu lichten Passagen.

Elbphilharmonie Hamburg / Alice Sara Ott, K. Urbanski, NDR Elbphilharmonieorchester © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Alice Sara Ott, K. Urbanski, NDR Elbphilharmonieorchester © Patrik Klein

Im schwarzen, hautengen klitzerndem Kleid erscheint die bildhübsche 28-jährige Deutsch-Japanerin Alice Sara Ott mit einem sympathischen Lächeln im Gesicht. Das unterhalb der Knie auffächernde Kleid, welches bis zum Boden reicht, offenbart dennoch, dass sie „barfuß“ spielt, um einen maximalen Kontakt zu ihrem Instrument herzustellen. Der erste Satz ist Musik über Musik. Wie ein Mosaik fügen sich die einzelnen Elemente, die Musik ausmachen, zusammen: Rhythmus, Melodie, Harmonik, Klangfarben, Dynamik, der Kontrast zwischen dem Solisten und der Gruppe und schließlich die große Architektur der Sonatensatzform mit ihren zwei unterschiedlichen Themen. Beethoven baut die Elemente Schritt für Schritt zusammen, fast wie nach Rezept. Dennoch haftet der Musik keineswegs etwas Schematisches, Lehrbuchhaftes an – im Gegenteil: Jede neue „Zutat“ wirkt wie eine kleine Sensation und gibt der Musik neue Würze. Ott spielt virtuos und für eine so zarte Person mit ziemlich hartem Anschlag, immer mal wieder den Blick halb links ins Orchester wendend, lächelnd, hörend und auf Harmonie bedacht. Hat sie mal eine kurze Spielpause, so schaut sie veträumt ins Publikum. Die Musik scheint sie tief zu bewegen.

Der zweite Satz verlässt den finsteren Moll-Bereich; er ist gleichsam auf der südlichen Halbkugel angesiedelt: in strahlendem E-Dur. Er gehört ganz dem Klavier. Die gedämpften Streicher begleiten dezent mit tupfenden Akkorden und treten nur dann hervor, wenn das Klavier schweigt. Die Pianistin klebt hier förmlich an den Tasten mit immer wieder lächelnden Blickkontakten zum auflegenden DJ.
Der dritte Satz, ein symmetrisch angelegtes Sonatenrondo, lebt von seinem prägnanten Thema; Beethovens Schüler Carl Czerny empfahl: „Das Thema dieses Finales ist zwar klagend, aber mit einer naiven Einfachheit vorzutragen.“ Alice Sara Ott läuft nun zu Höchstform auf. Die Themenwiederholungen und Wechselspiele wirken wie ein Frage- und Antwortspiel zwischen ihr und dem Orchester. Sie zaubert schwindelerregende Läufe mit spürbarer Spiellaune. In der Solokadenz am Ende kann sie sich so richtig austoben, ruft das Orchester mit lauten Trillern herbei. Es folgt ihr aufs Wort und die in Quarten gestimmten Pauken kommen dazu. Durch die häufige Motivwiederholung entsteht eine ungeheure Spannung. Nach dem Verklingen des letzten Tones löst sich diese Spannung im Publikum in einem Riesenbeifall für Pianistin und das Orchester.

Elbphilharmonie Hamburg / Alice Sara Ott © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Alice Sara Ott © Patrik Klein

 Als Zugabe spielt Alice Sara Ott aus Peer Gynt von Edvard Grieg „In der Halle des Bergkönigs“. Nein, sie spielt es nicht; sie steigert sich in ihrer Virtuosität in einen Spielrausch, den man so noch niemals an den Tasten wahrgenommen haben dürfte. Die Konzertbesucher in Japan dürfen sich auf ein Ereignis freuen, denn in genau dieser Konstellation geht es in wenigen Tagen auf eine zweiwöchige Japan-Tour.

Nach der Pause folgt die sinfonische Dichtung (frei nach Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra) von Richard Strauss, Also sprach Zarathustra op. 30
Jeder kennt es aus einer Bierwerbung und vor allem aus dem Film 2001: Odyssee im Weltraum – ein viel und gern genutzter Klassiker.

Elbphilharmonie Hamburg / Konzerteinführung K. Urbanski © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Konzerteinführung K. Urbanski © Patrik Klein

Vor dem Konzert fand eine Einführung mit Krzysztof Urbanski statt. Dieser sprach über seine Faszination von der Akustik des Saales und besonders dem Zusammenspiel des Orchesters mit der Orgel. Urbanski beschrieb die sinfonische Dichtung: „Vollkommene Stille. Das Nichts, dargestellt durch den tiefsten spielbaren Ton. Die Geburtsstunde der Menschheit. Nietzsche war davon überzeugt, dass der Mensch durch seine Entwicklung zu etwas Größerem, zu etwas Besserem fähig ist. Dies nannte er den „Übermensch“. Und Strauss stellt dieses dreisilbige Wort „Ü-ber-mensch“ mit den Intervallen Quinte und Oktave dar. Auf diese Weise will er sagen: Es passiert gerade. Wir stecken mitten in diesem Evolutionsprozess. Das Stück ist in neun Teile gegliedert. Nach dem Erwachen der Menschheit mit dem berühmten Eingangsmotiv wendet es sich der Religion zu. Strauss nutzt dazu zwei Melodien aus dem Mittelalter. Eine gespielt von der Orgel und die andere gespielt von den Hörnern. Er gebraucht diese Motive, um den Beginn zu zeigen: Es gibt Religion. Es ist faszinierend, wie er diese religiösen Motive benutzt. Es gibt einen Moment des Gebets. „Langsam mit Andacht“, eine wunderschöne Passage gespielt von den Streichern, die bis zur Ekstase anwächst. Dann benutzt er Celli und Bässe und startet einen philosophischen Diskurs über die Bedeutung und den Sinn von Religion. Die Menschheit wendet sich dann den Freuden und Leidenschaften zu. Danach der Wissenschaft und Weisheit. Es ist wirklich faszinierend, wie Strauss durch die Musik durch diese Punkte auf Papier seine eigene Sicht zum Ausdruck bringt. Seine eigene Philosophie über die Natur des Menschen und seine eigenen Gedanken über die Zukunft der Menschheit. In Nietzsches Werk gibt es einen ständigen Kampf zwischen Zarathustra, der die Menschheit auf die Zukunft vorbereiten will, und denen, die dazu noch nicht bereit sind. Sie wollen sich nicht weiterentwickeln. Sie halten zu sehr an ihren Ideen fest, ihren Dogmen, der Religion und dergleichen. Strauss hat diesen Konflikt vorzüglich aufgegriffen. Wir haben diese Idee und das Ringen um Weiterentwicklung. Am Schluss steht dieses wunderschöne H- Dur im Raum symbolisch für die Zukunft der Menschheit. Dagegen spielen Posaunen, Celli und Kontrabässe das Eingangsmotiv. Tatsächlich endet das Stück mit denselben Noten, mit denen es begonnen hat, in vollkommener Dunkelheit. Faszinierende Musik, absolut!

Der Erste Gastdirigent nimmt das Publikum mit zu seiner Interpretation des rund 35-minütigen sinfonischen Werkes. Wieder bewegt er sich in seiner unnachahmlichen Art auf dem Podium. Er tanzt im Walzerschritt und zuckt wie von Blitzen getroffen. Er dirigiert, ja manchmal hat man den Eindruck er suggeriert die Musik aus tiefster Seele im Einklang mit dem Stück.

Elbphilharmonie Hamburg / K Urbanski und das Elbphilharmonie Orchester © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / K Urbanski und das Elbphilharmonie Orchester © Patrik Klein

Es entsteht eine kraftvolles Spiel zwischen dem blendend aufgelegten Orchester und der wundervollen Orgel aus Bonn, die wie gemacht zu sein scheint für die Elbphilharmonie. Sie schleicht sich zunächst kaum hörbar ins Orchester und bildet dann eine perfekte Harmonie mit diesem. Sanfte Streicherklänge schmeicheln den Ohren, riesige Pauken und 8 Kontrabässe bedienen das unterste Frequenzspektrum. Verspielte Piccolo- und Querflötenklänge verkünden Lebensfreude. Trotz groß besetztem Orchester erfasst man jede Instrumentengruppe deutlich. Wuchtig, bis an die Schmerzgrenze gehend das Gesamtklangbild mit aufbrausender Orgel. Über dem Orchester schwebt ein Harfenklang. Zum Ende hin die Solovioline dazu im Dialog (glänzend gespielt vom Konzertmeister Stefan Wagner). Im obersten Rang vor dem Orchester erschallt die Glocke zum leisen Piccolo- und Querflötenfinale.

Es gibt kein Gut oder Böse mehr. Der Bogen wird zum Beginn des Stücks gespannt. Verheißt das den nächsten Morgen, die „ewige Wiederkehr des Gleichen?“ In jedem Fall wirkt die formale Geschlossenheit wie ein Narkotikum gegen die Widersprüche der Welt, an denen Nietzsche verzweifelte.

Und nach einigen Sekunden der Stille gibt es auch kein Halten mehr beim Publikum. Großer Jubel in der Elbphilharmonie nach diesem glanzvollen Konzert. Von Patrik Klein

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