Hamburg, Elbphilharmonie, Opening Night mit Klaus Maria Brandauer , IOCO Aktuell, 02.09.2017

September 2, 2017  
Veröffentlicht unter Elbphilharmonie, Hervorheben, IOCO Aktuell, Konzert

 

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Opening Night 2017 in der Elbphilharmonie

 Brandauer / Hengelbrock zeichnen Goethe / Beethoven

Von Patrik Klein

Klaus Maria Brandauer gab sich am 1.9.2017, zur ersten Opening Night des NDR Elbphilharmonie Orchesters, die Ehre in Hamburg. Der mittlerweile 74-jährige Österreicher las und spielte, als ob die Zeit für ihn stehen geblieben sei. Frisch und jung, ganz wie man ihn aus vielen Filmen und Theaterstücken in Erinnerung hat. Brandauer folgt an der Elbphilharmonie auf John Malkovich, einem ebenso profilierten US-Darsteller komplexer Charaktere, der im März 2017 an der Elbphilharmonie war. Zur Opening Night 2017 gab es Beethoven und Goethe in selten gehörter Konstellation:

Im ersten Teil spielte sich das NDR Elbphilharmonie Orchester mit Beethovens vierter Sinfonie warm und wieder in die Herzen der Hamburger. Ein sichtlich entspannter und ausgeruhter Maestro, Thomas Hengelbrock am Pult, führte die ihm sicher folgenden Musiker durch die „griechisch-schlanke Maid zwischen zwei Nordlandriesen“.

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester und Solisten © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester und Solisten © Patrik Klein

Im zweiten Teil dann die selten gespielte Schauspielmusik zu Goethes Trauerspiel Egmont. Im Wechselspiel mit dem großartigen Orchester gaben Klaus Maria Brandauer und die feinstimmige Sopranistin Katharina Konradi einen unter die Haut gehenden Eindruck von der Liebe in Zeiten des Umbruchs …. elektrisierend bis in die Fingerspitzen.

Elbphilharmonie Hamburg / Klaus Maria Brandauer © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Klaus Maria Brandauer © Patrik Klein

Im letzten Teil des fast vierstündigen Abends schließlich befinden wir uns bereits im Nachtstudio, in dem der Isländer Vikingur Olafsson (technisch brillant, manchmal etwas zu wenig fließend) Klaviersonaten Beethovens gibt, die von Brandauers Lesung (er spielt sie wie in besten Zeiten als Mephisto) u.a. aus dem „Heiligenstädter Testament“ untermalt werden. Die Orginalhandschrift steht in einer Vitrine auf dem Podium.

Großer Jubel im Publikum mit vielen prominenten Schauspielern und der gesamten Presseelite der Hansestadt Hamburg ….: So kann`s weitergehen!

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Hamburg, Elbphilharmonie, 2019: Alan Gilbert folgt Thomas Hengelbrock, IOCO Aktuell, 24.06.2017

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

2019: Alan Gilbert – New York kommt nach Hamburg 

  Alan Gilbert – Nachfolger von Thomas Hengelbrock

Von Patrik Klein

Mit dem Einzug in die Elbphilharmonie hat das NDR Elbphilharmonie Orchester sieben Jahrzehnte nach seiner Gründung eine zeitgemäße künstlerische Heimat gefunden und ein neues Kapitel seiner Geschichte aufgeschlagen.

Als Residenzorchester prägt das NDR Elbphilharmonie Orchester das musikalische Profil von Hamburgs neuem Konzerthaus maßgeblich mit. Und die räumlichen und akustischen Möglichkeiten der Elbphilharmonie beeinflussten entscheidend die weitere Entwicklung der Klangkultur des NDR Elbphilharmonie Orchesters.

„Wir wollen uns mit den Spitzenorchestern dieser Welt messen!“

Mit dem Eröffnungskonzert im Januar 2017 und den vielen Konzerten des Klangkörpers aus dem klassischen Repertoire sowie zahlreichen auch Risiko nicht scheuenden neuen Stücken, hat sich das Orchester in die Kategorie der Weltklasseorchester selbstbewusst und mit allergrößtem Engagement eingereiht.

NDR Elbphilharmonie-Orchester © Michael Zapf

NDR Elbphilharmonie-Orchester © Michael Zapf

Der Große Saal der „Elphi“ ist nicht einfach zu bespielen. Wenn sich ein Orchester gelungen adaptiert hat, klingt es dann wunderbar transparent mit einer glasklaren, trockenen, keine Spielfehler verzeihenden Akustik, die sich in großem Masse von der warmen, stark die Instrumente vermischenden Akustik der Laeiszhalle unterscheidet. Diesen Wechsel und der Umgang mit der neuen Situation ist dem NDR – Orchester gut  gelungen. Man durfte in den ersten Monaten große Orchester u.a. die Wiener Philharmoniker, das Chicago Symphony Orchestra, die Staatskapelle Dresden und die Berliner Philharmoniker hören. In diese Qualitätskategorie hat sich das NDR Elbphilharmonie Orchester mit Fleiß, höchster Motivation und einer großen Zahl an Arbeits- und Spielstunden gespielt. IOCO Kultur im Netz war in vielen dieser Konzerte dabei und berichtete auch vom Eröffnungskonzert am 11.1.2017

Einen entscheidenden Anteil an dieser Entwicklung trägt Thomas Hengelbrock,  seit 2011 Chefdirigent des Orchesters. Interpretatorische Experimentierfreude und unkonventionelle Programmdramaturgie sind Markenzeichen seiner Arbeit. Die Pressemitteilung in den vergangenen Tagen kam jedoch ein wenig unerwartet:

Thomas Hengelbrock wird seinen Vertrag als Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters über die Saison 2018/19 hinaus nicht verlängern. Nach dann acht sehr erfolgreichen Jahren an der Spitze des Residenzorchesters der Elbphilharmonie möchte er wieder mehr Zeit haben, um sich intensiver anderen künstlerischen Herausforderungen widmen zu können. Er wird dem NDR jedoch auch nach 2019 weiterhin regelmäßig für spezielle Konzertprojekte zur Verfügung stehen.“

 NDR Intendant Lutz Marmor, l, und Alan Gilbert, r, © Patrik Klein

NDR Intendant Lutz Marmor, l, und Alan Gilbert, r, © Patrik Klein

In einer Pressekonferenz am 23.06.2017 verkündete der NDR,  wer als Hengelbrock Nachfolger an der Spitze des Residenzorchesters der Elbphilharmonie stehen wird.

Neben dem designierten Chefdirigenten des NDR Elbphilharmonie Orchesters waren vom NDR dabei: Intendant Lutz Marmor, Hörfunk-Programmdirektor Joachim Knuth sowie Andrea Zietzschmann, Leiterin des Bereichs Orchester, Chor und Konzerte, und ihr Nachfolger Achim Dobschall, Manager des NDR Elbphilharmonie Orchesters. Die Elbphilharmonie war durch Intendant Christoph Lieben-Seutter vertreten. Durch die Veranstaltung führte Friederike Westerhaus, Moderatorin bei NDR Kultur. In zwei Jahren beginnt für das NDR Elbphilharmonie Orchester eine neue Ära. Chefdirigent Thomas Hengelbrock wird sich mit Ablauf der Spielzeit 2018/19 nach dann acht sehr erfolgreichen Jahren von Alan Gilbert abgelöst.

Alan Gilbert (* 23. Februar 1967 in New York City) ist US-amerikanischer Dirigent und seit 2009 Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker. Er studierte Musik an der Harvard University, dem Curtis Institute of Music in Philadelphia und der Juilliard School of Music in New York bei Otto-Werner Mueller. Nach seinem Studium war Alan Gilbert 1995–1997 Assistant Conductor des Cleveland Orchestra unter Christoph von Dohnányi. Von 2000 bis 2008 war Gilbert Chefdirigent der Königlichen Philharmoniker Stockholm (Kungliga Filharmonikerna) und zusätzlich von 2003 bis 2006 Musikdirektor der Oper von Santa Fe. Seit 2004 ist er Erster Gastdirigent beim NDR Elbphilharmonie Orchester in Hamburg, mit dem Gilbert bereits mehrfach auf Tournee war.

Mit der Spielzeit 2009/10 trat Gilbert die Nachfolge von Lorin Maazel als Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker an. Gilbert ist damit der erste gebürtige New Yorker auf dem Posten. Sein erstes Konzert eröffnete er mit dem Werk EXPO des finnischen Komponisten Magnus Lindberg, der von 2009 bis 2012 Composer in Residence bei den New Yorker Philharmonikern war. Gilbert kündigte im Februar 2015 an, 2017 von seinem Amt zurückzutreten.

Auf Ebene 15 in der Elbphilharmonie drängten sich die vielen angereisten Journalisten, Musiker und Freunde des Orchesters. Nach der Begrüßung und dem Blitzlichtgewitter der zahlreich vertretenen Fotografen eröffnete Achim Dobschall, Manager des NDR Elbphilharmonieorchesters die Pressekonferenz: „Mit dem neuen Chefdirigenten Alan Gilbert wollen wir weiter an der Devise arbeiten: Wir wollen uns mit den Spitzenorchestern dieser Welt messen“.

Mit Alan Gilbert wurde ein genialen Musiker gefunden, der als Chefdirigent des New York Philharmonic Orchestra als Nachfolger von Lorin Maazel neue Wege gegangen ist, neue Konzertformate entwickelte ohne die Tradition zu brechen. Gilbert (auch Gastdirigent bei den Berliner Philharmonikern) steht für Integrität, Pluralität und Offenheit. Er kennt das Orchester sehr gut aus seiner Zeit als 1. Gastdirigent und erhält erstmalig in der Geschichte des Orchesters einen 5-Jahresvertrag. 12 Wochen pro Saison wird er in Hamburg dirigieren. Der NDR Intendant Lutz Marmor kennzeichnet Gilbert als den Wunschkandidaten des Orchesters und des NDR, da man auch in der Vergangenheit bereits exzellent zusammengearbeitet hat. Die Planungen für 2019ff laufen bereits auf Hochtouren und werden den Anforderungen und Gegebenheiten des Konzertsaals in der Elbphilharmonie in spannender Weise genügen. Man darf sich auf die Zukunft freuen.

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Hamburg, Elbphilharmonie, rosalie – eperimentelle Licht- und Raumkunstwerke, IOCO Aktuell, 15.06.2017

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Trauer um rosalie

Von IOCO / DOR

Noch im April 2017 schrieb IOCO zu rosalie und ihrem Werk zu Mahlers Achter Sinfonie, der Sinfonie der Tausend in der Elbphilharmonie: „Eliahu Inbal, das Philharmonische Staatsorchester Hamburg, der Chor der Hamburgischen Staatsoper, die Hamburger Alsterspatzen, der Chor Latvija und namhafte Solisten tauchen die Elbphilharmonie in ein musikalisches Feuerwerk, optisch unterstützt durch die Lichtskulpturen von rosalie. Die Stuttgarter Lichtkünstlerin, die schon Wagners Ring in  Bayreuth ins „rechte Licht“ setzte und Hamburgs Staatsopernfassade mit einer Lichtinstallation versah, hat nun dem Konzert noch eine weitere, visuelle Ebene hinzufügt. Nach eineinhalbjähriger Beschäftigung mit dem Thema entwickelte sie ihr Konzept. An sieben von der Decke des Großen Saals der Elbphilharmonie Hamburg hängenden beleuchteten Stelen, die Kirchenfenstern gleichen, inszeniert sie die Kunst-Grenzen des Endlich-Unendlichen. Man kann es verstehen als eine Art ästhetische Reflexion von Mahlers Licht-Ton-Welt. Es sollen höhere Koinzidenzen von Licht- und Musikwelten entstehen. Ein utopischer Präsens „tausend, dann abertausendfach“, von dem man sagen kann: Hamburg leuchtet !“

rosalie, bürgerlich Gudrun Müller, 1953 – 2017, war eine überaus erfolgreiche Künstlerin mit neuartigen, phantasivollen wie experimentellen Raum-, Licht- und Figurenkonzepten. Auch war als Malerin, Installationskünstlerin und Bildhauerin tätig. Als Bühnen- und Kostümbildnerin wirkte sie an den großen Musiktheatern Deutschlands. Am 12. Juni 2017 verstarg rosalie im Alter von 64 Jahren in Stuttgart.

Auch das Ballett am Rhein und die Deutsche Oper am Rhein trauern um die Stuttgarter Künstlerin rosalie. Eine langjährige Zusammenarbeit verband rosalie auch mit Martin Schläpfer, Künstlerischer Direktor und Chefchoreograph des Balletts am Rhein. Seit 2006 pflegten beide eine enge künstlerische Partnerschaft. Zuletzt arbeiteten sie 2014 bei der Uraufführung DEEP FIELD in Düsseldorf zusammen.

„Den Hauch einer Luft von einem anderen Planeten“ wollte sie „zum freien Schweben bringen“ und kreierte eine durch eine Videolichtinstallation zum Leben erweckte Raumskulptur als in faszinierenden Farben schillernde Chiffre für Samuel Becketts „unaussprechliches Heim“, das durch Morton Feldman zu Musik und durch Martin Schläpfer mit dem Ballett am Rhein in der Premiere von NEITHER zu Tanz geworden war. Die Räume, die sie für die Theaterbühne schuf, waren nie einfach nur Räume, es waren Universen, die den Betrachter in ungeahnte Welten entführten. Eine Skulptur, monumental und zugleich äußerst amorph wie ein poröses Gestein, durchspannte auch den Bühnenraum zu DEEP FIELDMartin Schläpfers abendfüllendes Tanzstück zu einer Auftragskomposition von Adriana Hölszky, mit dem Ballett am Rhein uraufgeführt im Mai 2014: Erdschichten türmten sich auf wie die Plattenverschiebungen verschiedener Kontinente und im nächsten Moment schien ein überdimensionales Geisterschiff über die Bühne zu schweben.

Ballett am Rhein Duesseldorf / b_04 NEITHER © Gert Weigelt

Ballett am Rhein Duesseldorf / b_04 NEITHER © Gert Weigelt

Seit ihrem ersten gemeinsamen Werk Gota de Luz auf Beethovens 7. Sinfonie für das ballettmainz im Jahre 2006 verband Martin Schläpfer mit rosalie eine enge künstlerische Partnerschaft. Die Zusammenarbeit mit rosalie glich einer Expedition. Sie liebte die noch nicht ausgetretenen Pfade, Wege, von denen man noch nicht wusste, wo sie hinführen, Musik, die noch gar komponiert war. Sie war aber auch eine Zauberin, wusste Alltagsgegenstände in Wunderdinge voller Poesie und Schönheit zu verwandeln. Und sie machte sich immer wieder auch neueste Erkenntnisse der Materialforschung zunutze wie etwa in Jean-Philipp Rameaus Castor et Pollux, für die Martin Schläpfer rosalie einmal mehr an die Deutsche Oper am Rhein verpflichtete. Ein riesiges Gebirge aus Kunststoffröhren türmte sie auf, trutziger Olymp und zugleich durchlässige Membran für eine mythische Menschenwelt, in der die ganz großen Grenzüberschreitungen hinein in die Gefilde der Toten und der Götter möglich waren mit den Mitteln der Musik und des Tanzes.

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Hamburg, Elbphilharmonie, Mahler Chamber Orchestra – Neue Musik, IOCO Kritik, 13.06.2017

Juni 14, 2017  
Veröffentlicht unter Elbphilharmonie, Konzert, Kritiken

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Mahler Chamber Orchestra und Teodor Currentzis 

Spektakulärer Tanz in ferne Welten und meditative Stille

Von Sebastian Koik

Das Mahler Chamber Orchestra ist nach ihrem Besuch im Februar am 7. Juni 2017 zum zweiten Mal in der Elbphilharmonie zu Gast, diesmal ausschließlich mit Neuer Musik aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Diesmal unter der Leitung von Teodor Currentzis, der als einer der aufregendsten und gehyptesten Dirigenten der Gegenwart gilt und vom Magazin Opernwelt  zum aktuellen Dirigenten des Jahres gekürt wurde. Als Enfant terrible und Rebell wird er oft bezeichnet, er gilt als radikal und kompromisslos in seinen musikalischen Vorstellungen und ging für ungestörtes Arbeiten nach Perm in die russische Provinz, von der aus er die Bühnen der Welt erobert und gefeierte Aufnahmen einstudiert. Er hat den Ruf eines Musikbesessenen, der auch von seinen Mitstreitern größte Leidenschaft und Nachtschichten fordert.

Teodor Currentzis kommt in Hamburg in extravagantem Gothic-Look mit hautengen Hosen und Stiefeln auf die Bühne – und mit großer Ausstrahlung und Charme. Und alleine seine Performance am Pult ist das Eintrittsgeld wert. Besonders im zweiten Teil des Abends ist es ein spektakulärer und schöner „Tanz“ den er auf der Bühne aufführt. Er tänzelt zur Seite, nach hinten und stößt auch mal wie im Fechtkampf nach vorne. Ohne Taktstock arbeitend, erinnert er beim expressiven Gestikulieren mit seinen Armen an einen Magier beim Rezitieren von Zaubersprüchen. Und der Zauber wirkt. Er bildet eine enge Einheit mit den Musikern, führt mit großer Spannung durch das anspruchsvolle Programm. Currentzis atmet mit dem Chor und dem Orchester. So aktiv und körperlich der Dirigent auch agiert, die Musik, die erklingt, ist über weite Strecken wie eine lange Meditation, ruhig und asketisch, fremd und fern. Ätherisch, verträumt, vergeistigt.

Das Konzert beginnt mit einem knapp vierminütigen Wachmacher von Luciano Berio für ein Blechbläserquintett. Danach ist die Aufmerksamkeit im Saal ganz oben und das Publikum gespannt auf das Kommende.

Es folgt Lux aeterna von Györgi Ligeti, der Chor klingt körperlos, gespenstisch, unheimlich, wie aus einer anderen Welt oder einem Totenreich herübergesungen, auch könnte man sich vorstellen, dass es auf irgendwelchen seltsamen Planeten in den fernsten und dunkelsten Ecken des Weltraums so klingen könnte. Ähnlich dachte auch der Filmemacher Stanley Kubrick und nutze diese Musik neben zwei weiteren Ligeti-Werken für seinen legendären Film 2001: A Space Odyssey. Manchen Musikexperten gefiel das nicht, weil wieder einmal avantgardistische Musik dafür herhalten musste, um Gefahr, Bedrohung oder auch nur Unerklärliches zu signalisieren. Ligeti sah das unkritischer und entspannter, und das obwohl er von Kubrick weder um Erlaubnis für die Verwendung seiner Musik gefragt wurde, noch dafür bezahlt wurde. Obwohl er beim Komponieren nie an kosmische Dinge gedacht habe, fand Ligeti seine Stücke hervorragend platziert und ideal zu Kubricks Weltraumfantasien passend. Den Musikklau bei Ligeti wiederholte Kubrick übrigens bei zwei weiteren seiner filmischen Meisterwerke: bei The Shining und Eyes Wide Shut.

Elbphilharmonie Hamburg / Mahler Chamber Orchestra mit Sophia Burgos und Teodor Currentzis © Daniel Dittus

Elbphilharmonie Hamburg / Mahler Chamber Orchestra mit Sophia Burgos und Teodor Currentzis © Daniel Dittus

Ligetis in 2001: A Space Odyssey eingegangenes Werk gehört dem Typus an, den der Komponist als zugleich „statisch“ und „kontinuierlich fließend“ bezeichnete. Einerseits wirkt die Musik wie Vorgänge, die stark gedehnt und wie in Zeitlupe ablaufen, andererseits verbirgt sich hinter der konstanten atmosphärischen Stimmung und dem unveränderlichen Charakter der Musik eine mikroskopische Welt kleingliedriger Bewegungen. Der Eindruck ist der einer Musik ohne Anfang und Ende, wie einem Ausschnitt aus einem unendlichen Kontinuum. Damit hat Ligeti seine kompositorische Intention hervorragend umgesetzt: „die Schaffung eines illusorischen musikalischen Raumes, indem das, was ursprünglich Bewegung und Zeit war, sich als Unbewegliches und Zeitloses darstellt“. Seine schwebenden Klangfelder und die scheinbare Ereignislosigkeit dieser Musik waren eine kleine Revolution für die Chormusik. Auch heute, 51 Jahre nach ihrer Entstehung hat diese Musik nichts von ihrer fremdartigen Wirkung verloren. Doch auch wenn das anfangs interessant und faszinierend klingt, außer den Fans dieser speziellen Musik, können viele im Publikum offenbar nicht viel damit anfangen, die Unruhe im Publikum ist groß und obwohl vor dem Konzert alle noch gesund schienen, bricht plötzlich das große Husten aus – was bei dieser fragilen Musik den noch nicht ausgestiegenen Zuhörern das Dranbleiben stark erschwert.

Als drittes Stück des Abends steht Lonely Child vom Franco-Kanadier Claude Vivier auf dem Programm, der in Darmstadt und Köln bei Karlheinz Stockhausen studierte. Ursprünglich sollte Barbara Hannigan den Sopran singen, doch leider musste sie nur fünf Tage vor dem Konzert absagen. Die meisten Besucher werden die Besetzungsänderung erst mit Blick ins Programmheft festgestellt haben und zunächst enttäuscht gewesen sein, so wie meine Sitznachbarn, die explizit wegen Barbara Hannigan aus Süddeutschland angereist waren. Stattdessen singt die puertoricanisch-amerikanische Sopranistin Sophia Burgos, die in ihrer Ausbildung wesentliche Impulse von ihrer Mentorin Barbara Hannigan erhielt, sicher auch zum heutigen Programm.

Denn als junge Studentin war die ursprünglich eingeplante Barbara Hannigan fasziniert und beeindruckt von Viviers Musik, aber auch etwas verwirrt. Als sie sich erstmals auf die Aufführung von Lonely Child vorbereitete, suchte sie Marie-Danielle Parent auf, die Sängerin, für die Vivier 30 Jahre zuvor das Stück geschrieben hatte. Im Gespräch erfuhr sie viel über das Lied und den Komponisten. Marie-Danielle Parent charakterisierte Claude Vivier als einen Menschen, der als Komponist die Reinheit eines Kindes hatte und der als Mann mit dem Feuer spielte. Sie betonte, wie wichtig es sei, in diesem Stück mit dem Gesang zwei Seiten zu verkörpern: Die Kinderwelt und die leidenschaftliche und auch verzweifelte Welt der Erwachsenen. Der Text von Lonely Child ist sehr persönlich, stark von Viviers Biografie geprägt: Es ist teils das Wiegenlied einer idealisierten Mutter, teils ein Gebet an die Jungfrau Maria, teils ein Liebeslied, das an den Tadzio, den schönen Knaben aus Thomas Manns Der Tod in Venedig gerichtet ist.

Der Text ist sehr beruhigend und tröstend, soll sicher in den Schlaf führen. Es versichert dem Kind, dass er nicht alleine sein wird, in der Nacht „werden sanfte Feen kommen, um zu tanzen mit dir“, „Schwalben werden deine Schritte führen“. Das Lied entführt in eine Märchenwelt, erzählt von Merlin, Zauberern, Trapezkünstlern, den Sternen, der Fee Carabosse und ihrem Jadepalais sowie der Königin der blauen Morgenstunde. Am Ende heißt es: „Zärtlich werden deine grünen Augen aus den Fetzen alter Geschichten schöpfen, um eine zu schaffen, die wahrhaft die deinige ist …“.  Der Text ist Französisch, unterbrochen von zwei Passagen in einer Fantasiesprache, die Vivier erfand, und sich aus Sprachen ableitet, die er auf seinen Reisen durch Südostasien hörte, wohl vor allem Malaysisch.

Sofort mit den ersten von Sophia Burgos gesungenen Tönen dürfte jegliche Skepsis im Publikum verschwunden sein. Die junge Sopranistin begeistert sofort mit wunderschönem Gesang, der erdenfern klingt und in ein Reich der Träume entführt. Sie berührt mit verzauberter, feenartigen Stimme, glockenhell, klar, intensiv, substanzreich. Souverän, sehr expressiv und dramatisch artikuliert sie die Worte und Laute in der exotischen Fantasiesprache. Auch in tieferen Lagen singt sie gut, allerdings nicht ganz so magisch und berührend wie in mittleren und höheren Registern. Es ist ein Erlebnis, Sophia Burgos zuzuhören, die in den letzten zwei Jahren viele hochgelobte und ausgezeichnete Auftritte hatte und in Hamburg ihren exzellenten Ruf bestätigt. Sie ist am Anfang ihrer Karriere, nach ihrem Master- Abschluss am renommierten Bard College bildet sie sich aktuell weiter fort und macht in Basel einen Master in Zeitgenössischer Musik. Von dieser begnadeten und leidenschaftlichen Sopranistin dürfte in Zukunft noch viel zu hören sein!

Das Orchester spielt die langsam dahinfließende Musik makellos, immer wieder erklingen ungemein effektvolle Glockenschläge, einmal urgewaltige Paukenschläge. Es ist große Spannung in der Komposition und in der Umsetzung.

Elbphilharmonie Hamburg / Mahler Chamber Orchestra mit Teodor Currentzis © Daniel Dittus

Elbphilharmonie Hamburg / Mahler Chamber Orchestra mit Teodor Currentzis © Daniel Dittus

In der zweiten Hälfte ertönt das etwa einstündige Werk Coro von Luciano Berio, über das der Komponist sagt, dass er darin „sehr unterschiedliche volkstümliche Techniken und Klanggesten aus verschiedenen Kulturkreisen präsentiert und gelegentlich kombiniert, ohne Bezug auf bestimmte einzelne Lieder“ zu nehmen. Textliche Grundlage sind Texte und Dichtungen aus indianischen Sprachen, aus Polynesien, Afrika, Lateinamerika, Persien, dem Balkan, Piemont und Venedig. Es sind schöne Zeilen darunter:

Aus Gabun:
Es ist so schwer Ein Lied zu machen
Wünsche erfüllt zu bekommen
Ich gehe oft zu diesem Lied zurück
Ich will es oft wiederholen

Aus Persien:
Komm in meine Nähe
Auch wenn du ein Messer hast
Um mich zu verwunden
Die Nacht ist lang
Zu lang

Von den Sioux-Indianern:
„Gewähre du mir diesen Tag
Jetzt – hier …

Aus Kroatien:
Ich gehe wohin meine Gedanken gehen
Ach, gegen die Liebe kommt nichts an

Innerhalb der Texte aus aller Welt wird in unterschiedlicher Länge immer wieder eine Zeile aus einem Klagetext vom chilenischen Dichter und Schriftsteller Pablo Neruda über die Schrecken der Welt wiederholt und sich auf den Militärputsch gegen Salvador Allende in Chile im Jahre 1973 bezieht: „Kommt und seht das Blut auf den Straßen.“

In der Musik ist große Spannung, sie klingt mal unheimlich, mal bedrohlich und manchmal ertönen sehr vielschichtig unterschiedliche Stile gleichzeitig. Es gibt eine sehr schöne Stelle, in der Sänger und Instrumente nur je einen Ton erzeugen und im Zusammenspiel daraus eine Melodie im Stile kraftvoller Minimal Music entsteht. Ungewöhnlich ist die Anordnung der Musiker, die Sänger und Instrumentalisten sitzen durchmischt nebeneinander, Berio wollte Stimme und Instrument verstärken. Zusammen klingen die Stimmen des Musicaeterna Chores enorm stark und schön. Jeder im Chor hat in diesem Stück auch solistische Aufgaben, immer wieder erheben sich einzelne Sänger und singen allein. Einige von ihnen klingen als Solisten ein wenig dünn, doch viele von ihnen haben eine sehr kraftvolle, klare, substanzreiche Stimme und überzeugen oder begeistern als Solisten. Besonders die griechische Sopranistin Eleni Lydia Stamellou beeindruckt mit einer zauberhaften Performance auf allerhöchstem Niveau und in vollkommener Schönheit. Bei den Herren sticht besonders der Bass Viktor Shapovalov mit einem intensiven und berührenden Solo hervor.

Die Umsetzung von Coro ist bis auf winzige Abstriche bei einigen Gesangs-Solisten auf allerhöchsten Niveau. Das Stück selbst ist für den durchschnittlichen Konzertbesucher aber schon sehr schwere Kost und begeistert nur Liebhaber dieser speziellen Neuen Musik. Auch viele für Neues offene Hörer steigen im Verlauf der sechzig Minuten aus. Die meisten Gesichter sehen gelangweilt aus. Es gibt Besucher, die einschlafen, und nicht wenige aus dem Publikum verlassen während des Stückes den Saal, einige sogar fluchtartig und klettern dafür sogar über Sitze – eine unrühmliche Premiere in der Elbphilharmonie.

Die verbleibenden Zuschauer spenden den wunderbaren Musikern großen Beifall. Fans der Musik jubeln. Und sie erleben als Zugabe Immortal Bach, eine Bearbeitung des Bachchorals Komm, süßer Tod von  Knut Nystedt. Das singt der Musicaeterna Chor absolut grandios, packend und gefühlvoll. Vielleicht wurde das Stück nie schöner gesungen als von diesem Chor in diesem Moment. Danach ist der Applaus so richtig begeistert und es gibt Standing Ovations.

 

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