Hamburg, Elbphilharmonie, Beethoven – 9 Sinfonien in 5 Tagen, IOCO Kritik, 25.03.2017

März 25, 2017  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Die neun Sinfonien Beethovens in 5 Tagen

 Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela – Leitung Gustavo Dudamel

„I VIVA Beethoven“

Von Patrik Klein

Die jüngste Revolution der klassischen Musik hat 1975 in Venezuela stattgefunden. Das Projekt nennt sich El Sistema und schafft tausenden von Kindern und Jugendlichen eine Zukunftsperspektive, indem sie kostenlos ein Instrument lernen können. Über 800.000 Kinder haben bislang an dem Projekt teilgenommen. Die Spitze dieser Bewegung ist in dem mittlerweile erstklassig gewordenen Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela zu sehen, dem Gustavo Dudamel seit 1999, damals 18-jährig, als Chefdirigent vorsteht.

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela © Patrik Klein

Der Elbphilharmonie Hamburg und seinem Intendanten Christoph Lieben-Seutter ist es gelungen, im Rahmen einer großen Tournee durch Europa, das Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela für die neun Sinfonien Ludwig van Beethovens in Hamburgs neuen Konzertsaal zu bringen. In chronologischer Reihenfolge wurden die Sinfonien an 5 Tagen, vom 19.3. bis 23.3.2017 zur Aufführung gebracht.
Am 19.3.2017, dem ersten Abend, gibt man die Sinfonien Nr. 1 und Nr. 2, die wegen der relativen Kürze von ca. 30 Minuten mit den Ouvertüren zu Egmont und Coriolan angereichert werden. In noch recht kleiner Besetzung erklingen die ersten Klassiktöne aus dem rhythmisch-feurigen Südamerika. Das wundervolle Orchester mit den jugendlichen, mittlerweile erwachsen gewordenen Musikern spielt elegant, supersympathisch und entfesselt. Die vom Komponisten angelegten schnellsten Menuettstrukturen, damals bei den Uraufführungen in Wien von der Konzertkritik geächtet und verrissen, werden mit südamerikanischem Temperament gespielt, so dass jeder Menuetttänzer unweigerlich aus der Kurve fliegen würde. Ein Auftakt nach Maß bereits nach dem ersten Konzert.

Elbphilharmonie Hamburg / Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Beethovens dritte und vierte Sinfonie dann am zweiten Abend mit deutlich größerer Besetzung, wie z.B. 6 Kontrabässen, 4 Hörnern, 4 Querflöten und entsprechender Streicherverstärkung. Die Eroica gilt als eine der komplexesten Werke Beethovens. Die danach gegebene vierte eher als so etwas wie eine kompositorische Verschnaufpause. Gespielt werden sie beide in jedem Falle meisterhaft vom Orchester, angeleitet von einem der derzeit energetischsten und gefragtesten Dirigentenstars auf unserem Globus, Gustavo Dudamel. Und nach dem Konzert hatte man den Eindruck „Was kann es schöneres geben, als glücklich und beseelt aus einem großartigen Konzert in der Elbphilharmonie zu kommen?“ Es macht grenzenlosen Spaß Dudamels Musikern beim Spielen zu lauschen…spielfreudig, feinsinnig, aufbrausend mit südamerikanischem Temperament, feinste Streicherflächen, sauberste Horn- und Trompetenklänge und eine Leichtigkeit, die man so noch nicht vernommen hat. Gustavo Dudamel braucht auch überhaupt keine „Showeffekte“. Im Gegenteil, er ist hier absolut nicht der „Stardirigent“ mit „Allüren“, sondern ein Primus inter pares. Kein einziges Mal nimmt er den Jubel der 2100 begeisterten Zuhörer auf dem Dirigentenpodium an, sondern er gesellt sich, immer fast ein wenig schüchtern wirkend, zu seinen Orchestermusikerinnen und -musikern.

Wien / Ludwig van Beethoven - Erinnerung an die Neunte Sinfonie © IOCO

Wien / Ludwig van Beethoven – Erinnerung an die Neunte Sinfonie © IOCO

Am dritten Abend dann die Schicksalssinfonie Nr. 5 und die Pastorale Nr. 6 in einem Konzert. Beethoven haderte hier mit seiner beginnenden Taubheit, und man wirft ihm vor, dass er dem „Schicksal in den Rachen greifen will“. Das Genie Beethoven hat hier aus dem recht einfachen Kern aus drei Achteln und einer Halben einen ganzen Satz aus diesem Motiv heraus entwickelt. In fast jedem der 500 Takte des Kopfsatzes ist es zu hören. Hier komponierte er, wie Kinder mit Legosteinen bauen. Und das Orchester aus Venezuela spielt es wunderbar klar, feinsinnig, manchmal wuchtig und temperamentvoll. Im Block S, gut 25 Meter vom Dirigenten entfernt in bester Position sitzend und hörend, mischt sich der überaus transparente Klang zu einer vollkommenen Einheit. Das Konzert wird live gestreamt auf Facebook und Youtube und kann jederzeit abgerufen werden. Bei der durchaus wunderschönen Pastoral-Sinfonie, die an das Landleben erinnern soll, dann doch die ersten etwas schwächeren Momente der Konzertserie. Die besonders stark besetzten Blechbläser fahren ihre Instrumente in den äußersten Grenzbereich und übertönen oft viel zu stark und manchmal nicht ganz im Takt die herrlichen Streicher. Diese Lautstärke ist in dem wunderbaren Konzertsaal gar nicht notwendig, aber so geht es auch einmal einem Top-Orchester, das hier zum ersten Mal die Tücken der Akustik kennenlernt.

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Der Abend vier der Konzertreihe besteht nun aus den beiden Sinfonien Nr. 7 und Nr. 8. Der Anfang der siebenten ist wie eine Orgie des Rhythmus in einem fröhlichen 6/8-tel Takt, wie ein Besuch in der Werkstatt des Komponisten. Sie stellt Beethovens pure Energie der Vortriebskraft dar. Lust an knackigen Rhythmen und treibende Schlägen werden bis ins Exzessive gesteigert. Hier zeigt sich wieder die fantastische Stärke des Orchesters mit einer Mischung aus Disziplin und lateinamerikanischem Musikgefühl angeheizt durch den Maestro am Pult, sich steigernd in einen wahren Spielrausch ganz im Sinne des Meisters. Manchen Besuchern ist es wohl doch zu viel des Guten und vielleicht etwas zu uneuropäisch. Die verhältnismäßig kurze achte Sinfonie folgt nach der Pause. Sie ist ihm ein wenig heiter geraten, wirkt ein wenig harmlos nach dem Energiefeuerwerk von vorhin. Doch der Eindruck täuscht: Beethoven sprüht hier vor Witz und geht munter zur Sache. Es entwickelt sich ein stattliches Thema, das wenig später völlig aus dem Takt fällt. Das ruhig fließende Seitenthema bringt den Satz denn doch voran, allerdings in einer untypischen Tonart. Am Ende scheint sich Beethoven selbst zu persiflieren, in dem er nicht auf den Punkt für einen Schlussakkord kommt. Bei der Uraufführung war das Publikum entsetzt und bezeichnete das Werk als „furorelos“. Dass es das nicht ist, konnte man durch das formschön aufspielende Orchester beeindruckt erleben.

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Und so unprätentiös wie sie spielen, kommen sie am letzten Abend wieder auf die Bühne. Nicht fein säuberlich nacheinander wie bei allen anderen Orchestern, sondern mal in Reihe, mal mit einer Minute Pause, beim Hereinkommen sich bekreuzigend wie manche Fußballer vor dem Elfmeterschuß. Der Konzertmeister erscheint erst nachdem das Orchester sitzt und empfängt den ersten höflichen Begrüßungsapplaus. Beethovens musikalisches Weltkulturerbe kann beginnen. Finale! Es ist so weit: Beethovens Opus magnum, seine neunte und letzte Sinfonie steht auf dem Programm und bildet den würdigen Abschluss einer außergewöhnlichen Konzertwoche in der Elbphilharmonie. „Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium“. Beethovens gewaltiges Spätwerk wurde 1824 in Wien uraufgeführt. Zehn Jahre Inkubationszeit mit Skizzen, Änderungen und seinen berühmten Wutausbrüchen hat es gebraucht, bis es fertig war. Beethoven war mittlerweile völlig taub und hat seine Komposition nie gehört. In Wien war man Haydn gewohnt und musste nun den „tauben Grobian“ aus Bonn ertragen. Der Komponist war sich seiner Sache absolut sicher und ohne Perücke, mit zerzausten Haaren, schlecht gelaunt und einer Sinfonie in absoluter Überlänge gelang es ihm dennoch, seine Genialität erfolgreich darzustellen. Genial, weil er es perfekt verstand, mit simplen Motiven durch Wiederholungen und Weiterentwicklungen Dynamik und Lage zu variieren, Tonarten und Rhythmen permanent zu ändern und immer wieder auf die simplen Ausgangsformen zurückzukommen.

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

 Der erste Satz beginnt mit einer „Ursuppe“ und der Idee eines Themas, welches sich zu einer explosiven Geste mit 16-Tonraumumfang entwickelt. Das Thema setzt sich aus verschiedenen Motiven zusammen und wird permanent variiert, immer wieder das „Freude-Thema“ andeutend. „Fratzenhafter“ der zweite Satz mit einem Schluss, der damals skandalös empfunden wurde. Ein Schnitt, als wenn der Stecker gezogen wird. Im dritten Satz wieder langsam, elegisch, pastoral, mit Pastellfarben das „Freude-Thema“ erneut andeutend. Im vierten Satz dann mit Chor und Solisten Schillers Ode an die Freude im Fokus. Die Insel der Seligen mit paradiesischen Zuständen als Zukunftswunsch und Appell an die Menschheit.

Bonn / Ludwig van Beethoven © IOCO

Bonn / Ludwig van Beethoven © IOCO

Dudamels Orchester aus Venezuela spielt in allergrößter Besetzung mit unglaublicher Dynamik und Spielfreude. Gänsehaut bekommt man, wenn man die 8 Kontrabässe im vierten Satz oft fast alleine hört und das gesamte Podium als Resonanzboden dient. So leise, dass es fast unhörbar klingt, baut Dudamel eine unerhörte Spannung auf, dass minutenlang kein Huster oder Papierraschler wahrzunehmen ist. Den Hörnern, der Posaune und dem Pauker gelingen dann doch manchmal die Temperamentausbrüche zu heftig und auch etwas zu schnell im Takt. Fantastisch die Streicher, die Flöten, Fagotte und Oboen. Der Chor der Europachorakademie aus Mainz mit seinem Leiter Joshard Daus liefert ein grandioses Ergebnis aus Klarheit, Textverständlichkeit und Musikalität ab. Die Solisten, allesamt aus Übersee (Julianna di Giacomo, Tamara Mumford, Joshua Guerrero und Soloman Howard) geben sich allergrößte Mühe mit leichten Problemen bei der Textverständlichkeit und Intonation. Insgesamt ein würdiger Abschluss einer grandiosen Konzertreihe durch die „Spitze des Eisberges“ der Bewegung El Sistema. Das Hamburger Publikum dankt es den Mitwirkenden mit minutenlangen Bravostürmen und Standing Ovations.

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Hamburg, Elbphilharmonie, Rotterdam Philharmonic Orchestra, IOCO Kritik, 17.03.2017

März 19, 2017  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Das Rotterdam Philharmonic Orchestra  

 Bernstein – Chopin – Rachmaninow

Von Sebastian Koik

Der erste Auftritt des Rotterdam Philharmonic Orchestra am 15.3.2017 in der Elbphilharmonie beginnt mit der Symphonischen Suite „On the Waterfront“ von Leonard Bernstein. Die Suite basiert auf der einzigen Filmmusik, die Bernstein schrieb und für den Oscar nominiert wurde. Auf Deutsch heißt der Film mit Marlon Brando „Die Faust im Nacken“. Film und Musik porträtieren das raue Milieu der New Yorker Hafenarbeiter. Es passiert musikalisch sehr viel und sehr Verschiedenartiges in den 20 Minuten der Suite. Es ist ein sehr lebendiges, vielfältiges, interessantes Stück, reich an Klangfarben, Stimmungen, Rhythmen, Tempi, Dynamik. Es ist teilweise sehr perkussiv, extrem rhythmisch. Teilweise sehr zärtlich, vor allem in den Geigen und der Querflöte. Teilweise sehr melancholisch-schwelgend. Es gibt wunderbar flirrende Streicher zu hören und Schlagwerke, die sich austoben können. All das großartig gespielt vom Orchester! Sie spielen Biss und knackiger Präzision, bauen große Spannung auf und spielen in den lauten und massiven Stellen mit größtem Selbstbewusstsein und Mut.

Das zweite Stück des Abends ist das Klavierkonzert Nr. 1 e-Moll von Frédéric Chopin. Das Orchester gefällt hier weniger als zuvor, spielt nicht kraftvoll, nicht lebendig, nicht knackig genug. Etwas blass. Es wirkt leicht träge, etwas zu langsam, etwas verschleppend. Auch der Pianist Jan Lisiecki, sicherlich ein Könner, den auch schon großartig in Hamburg gehört wurde, überzeugt heute nicht ganz. Der Klang des Flügels strahlt und funkelt nicht so schön, wie er könnte. Im Spiel von Lisiecki wird in diesem Konzert für mein Empfinden ein Teil vom Klangpotential und vom möglichen Farbreichtum verschluckt. Auch hat Jan Lisiecki schon präziser und sauberer gespielt. Natürlich ist das Kritik auf sehr hohem Niveau. Im zweiten Satz baut das Orchester von Beginn an gute Spannung auf und zieht das durch, kommt aber dennoch etwas bieder rüber, erst recht im Vergleich zum Bernstein-Stück zuvor. Im dritten Satz ist schon der Beginn nicht energisch und bissig genug. Das Orchester klingt hier nicht entschlossen genug. Das Publikum ist dennoch begeistert. Als Zugabe spielt Jan Lisiecki das c-Moll-Nocturne op. 48/1 von Chopin, ein lange sehr langsames und leises und am Ende lautes und massives Stück, das der junge Pianist mit viel Gefühl und Tiefe spielt. Nicht perfekt, aber sehr gut.

Elbphilharmonie Hamburg / Konzertsaal der Elbphilharmonie © Iwan Baan

Elbphilharmonie Hamburg / Konzertsaal der Elbphilharmonie © Iwan Baan

Nach der Pause als letztes Stück Sergej Rachmaninows letztes vollendetes Werk, die Sinfonischen Tänze op. 45. Das Orchester spielt energisch, präzise, selbstbewusst. Zu Beginn wird eine unschuldige, idyllisch-paradiesische Welt von den Holzbläsern hinaufbeschworen. Dann kommen himmlisch-weiche Streicher. Teilweise ist viel Licht in der Musik, das ist ein wunderschönes Hörerlebnis! Durchweg ist das Spiel des Orchesters packend und spannungsgeladen. Voller Überzeugung. Ob kraftvoller, vorwärtstreibender Rhythmus oder zartere und auch melancholische Klänge, über weite Strecken nahe an der Vollkommenheit. Der Dirigent Yannick Nézet-Séguin dirigiert das Konzert mit seinen Armen und seinem Körper, ohne Taktstock und begeistert das Hamburger Publikum mit seiner Leidenschaft.

 

Hamburg, Elbphilharmonie, Kammermusikfest – 6 Std. Ausnahmekünstler, IOCO Kritik, 12.03.2017

März 14, 2017  
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Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg

„Kammermusikfest!“
Hamburgische Vereinigung von Freunden der Kammermusik
6-stündiges Programm voller Ausnahmekünstler

Von Sebastian Koik

Sabine Meyer, Renaud Capuçon, Daniel Müller-Schott, Sergei Nakarjakow, Quatuor Modigliani, Cello Duello, Michael Riessler und viele Musiker mehr. Was im Vorfeld schon spannend klingt, wird in der Elbphilharmonie zu einem wahrlich großartigen Fest der Kammermusik voll von unvergesslichen Höhepunkten.

Elbphilharmonie Hamburg / Kammermusikfest © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Kammermusikfest © Claudia Hoehne

Das Konzert am 4.3.2017 beginnt ähnlich wie das Elbphilharmonie-Eröffnungskonzert ein paar Wochen zuvor. Die Suite für Violoncello solo Nr.3 von Bach wird Satz für Satz von jeweils einem anderen von insgesamt acht Cellisten gespielt, die im ganzen Saal der Elbphilharmonie verteilt sind. Das Schöne an diesem Arrangement ist, dass ein Gefühl für den besonderen Raum der Elbphilharmonie geschaffen wird. Der Zuschauer wird sich des Raumes stärker bewusst, nimmt ihn deutlicher wahr. Auch hört der Zuschauer, dass der Klang von den Cellos im obersten Rang genauso gut ist wie von der Bühne. Puristisch betrachtet lenkt der „Show-Effekt“ einer solchen Verteilung der Instrumente im Raum nicht gerade wenig von der Musik ab. Da das Spiel mit dem Raum nicht übertrieben wurde und es eine nette Geste ist, der Spielstätte beim ersten Besuch eine Referenz zu erweisen, kann man das aber durchaus so machen.
Im zweiten Stück des Abends spielt Sergei Nakarjakow mit wunderbar weichem und sehr edlem, warmen, angenehm tiefen Klang Flügelhorn. So elegant hat man dieses Instrument noch nie gehört! Er spielt zusammen mit seiner Schwester am Flügel ein Schumann-Stück, das ursprünglich für Klarinette geschrieben wurde, von dem auch Versionen für Cello oder Violine bekannt sind, aber so wie heute auf dem Flügelhorn nur sehr, sehr selten zu hören ist. – Es gibt wohl auch niemanden, der das auf diesem Instrument besser spielen kann als Sergei Nakarjakow. Sein Spiel ist das erste Highlight des Kammermusikfests.
Danach spielen Renaud Capuçon an der Violine und Daniel Müller-Schott am Cello ein sehr virtuoses Stück von Johann Halvorsen nach einem Thema von Georg Friedrich Händel. Besonders der Geigenpart ist halsbrecherisch und wird von Capuçon ganz bravourös gemeistert. Das zweite Highlight des Abends.

Hamburg / Elbphilharmonie_Renaud Capuçon und Daniel Müller-Schott © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Renaud Capuçon und Daniel Müller-Schott © Claudia Hoehne

Danach tritt das Quartett Quatuor Modigliani mit einem Streichquartett von Antonín Dvorák auf. Es ist ein sehr, sehr schönes Stück – ganz besonders der zweite Satz! Herrlich, wie vor allem die Geigen und die Bratsche hier singen! Zum Schluss singt dann das Cello solo und die beiden Violinen und die Viola machen den Rhythmus. Das Quartett spielt ganz wunderbar und sprüht geradezu vor Musikalität! Das macht enorm viel Spaß! Für mich bereits der dritte große Höhepunkt im erst vierten Auftritt.

Im fünften Stück singt die Sopranistin Christiane Karg die Bacchiana brasileira Nr. 5 von Heitor Villa-Lobos. Die Sängerin präsentiert sich hier mit sehr viel Atem und sehr schönen, wechselnden Stimmfarben – zunächst warm und später heller, metallischer, härter. Das ist klasse gesungen und sehr schön begleitet von den acht Cellisten aus dem ersten Stück. Der nächste Höhepunkt.

Der zweite Programmblock des Abends ist drei Stücken von Franz Schubert gewidmet. Der Moderator und Vereinsvorsitzende Ludwig Hartmann erzählt, dass ursprünglich Menahem Pressler Pianist des heutigen Abends sein sollte, dieser aber dann doch schweren Herzens absagen musste, weil er gerade in Übersee an einer neuen Aufnahme arbeite. Leider war es ihm nicht machbar für diesen Abend nach Hamburg zu kommen. Dafür hat Menahem Pressler bereits fest für ein Konzert am 3. April 2018 in der Laeiszhalle zugesagt. Vertreten wird Pressler heute Abend vom ebenfalls sehr renommierten Pianisten Ian Fountain. Christiane Karg und Ian Fountain präsentieren gemeinsam eine Liedgruppe aus fünf Schubert-Liedern und es ist der erste Auftritt des Tages, der für mich nicht überzeugend ist. Das ist irgendwie schon gut gesungen, doch werden die Figuren der Lieder von der Sängerin für mich nicht wirklich verkörpert, nicht wirklich eine Geschichte erzählt, wie das bei geglückten Interpretationen von Schubert-Liedern der Fall ist. Auch der Pianist überzeugt mich in diesen Liedern nicht. Sein Spiel erscheint mir zu zögerlich und seltsam gebremst. Es fehlt Frische und Spritzigkeit. Am besten gefällt „Gretchen am Spinnrade“, das Christiane Karg mit sehr viel Leidenschaft singt, aber auch hier ist sie für mich nicht in der Rolle drin.

Elbphilharmonie Hamburg / Christiane Karg und Ian Fountain © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Christiane Karg und Ian Fountain © Claudia Hoehne

Deutlich besser gefällt mir der Pianist im folgenden Stück, für das er gemeinsam mit Renaud Capuçon und Daniel Müller-Schott auf der Bühne steht. Ian Fountain spielt hier quirlig und spritziger als zuvor. Auch hat er in dem Stück vom Komponisten den meiner Meinung nach besten Part zugedacht bekommen – die beiden hervorragenden Streicher können in diesem Klaviertrio nicht wirklich glänzen.
Der ganz große Höhepunkt des Abends folgt mit Schuberts Oktett F-Dur D 803, das von Sabine Meyer an der Klarinette angeführt wird und neben den Quatuor Modigliani-Quartett noch aus dem Hornisten Bruno Schneider, Dag Jensen am Fagott und Knut Erik Sundquist am Kontrabass besteht. Das sind alles ganz wunderbare Musiker! Sie spielen so herrlich spritzig, quirlig-frisch und lebendig, dass es eine wahre Freude ist! Und auch sie genießen das Musizieren unter Gleichgesinnten, der Spaß am Musizieren ist diesen Ausnahme-Musikern deutlich anzusehen! Das ist ein absoluter kammermusikalischer Leckerbissen! Strahlend schön der Klang der Klarinette. Schöner kann eine Klarinette nicht klingen, als dieses Instrument in den Händen dieser Weltklasse-Künstlerin Sabine Meyer! Der Kontrabassist ist ebenfalls Weltklasse. Einen besseren Kontrabassisten habe ich noch nie zuvor gehört. Großartig auch die vier jungen Herren von Quatuor Modigliani. Herrlich anzuschauen, mit wie viel Spaß sie musizieren und herrlich, wie die Bläser und ganz besonders die Klarinette in diesem Stück oft mit den Streichern in einen wunderbaren Dialog treten. Es herrscht eine wunderbare Spannung im Musizieren dieser zusammengewürfelten Formation. Toll auch das Horn und das Fagott. Das wunderbare Schubert Oktett in dieser unübertrefflichen Besetzung ist für mich das Herzstück des Abends. Dieser achte von insgesamt vierzehn Auftritten des Abends ist für sich allein schon ein kammermusikalisches Fest par excellence!

Elbphilharmonie Hamburg / Quatuor Modigliani, Sabine Meyer, Bruno Schneider, Dag Jensen, Knut Erik Sundquist © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Quatuor Modigliani, Sabine Meyer, Bruno Schneider, Dag Jensen, Knut Erik Sundquist © Claudia Hoehne

Und es geht weiter mit musikalischen Höhepunkten. Im zehnten Auftritt des Abends ertönt unter anderem eine großartig klingende Drehorgel. Zusammen mit den Klarinettisten vom Trio Clarone und Michael Riessler klingt das ganz fantastisch. Sabine Meyer spielt zwei ganz wunderbare und hochvirtuose Klarinettensoli. Das ist das Beste und Schönste, was ich jemals auf der Klarinette gespielt gehört habe! Danach ein großartiges Solo auf der Bassklarinette von Michael Riesler. Ebenfalls ein Fest. Danach ein sehr spannender Teil, in dem mehrere Klarinetten wundervoll von der Drehorgel begleitet werden und schönste und sehr faszinierende, ungewöhnliche Klangwelten erschaffen werden. Auch hier haben all‘ die hervorragenden Musiker auf der Bühne sichtlich großen Spaß am gemeinsamen Musizieren.

Elbphilharmonie Hamburg / Trio Clarone und Michael Riessler, Pierre Charial an der Drehorgel © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Trio Clarone und Michael Riessler, Pierre Charial an der Drehorgel © Claudia Hoehne

Danach tritt das Cello Duello mit Jens-Peter Maintz und Wolfgang Emanuel Schmidt auf, das bereits 25-jähriges Bühnenjubiläum feierte. Sie spielen maximalvirtuose Stücke von Joseph Haydn und Niccoló Paganini und meistern diese wunderschöne Musik ganz großartig! Auch dieser Auftritt ist für sich allein schon ein großes kammermusikalisches Fest! Die technisch extrem anspruchsvolle Musik wird nicht nur spieltechnisch grandios gemeistert, sondern auch mit herrlicher Musikalität gespielt! Diese spielerische Klasse, diese enorme Meisterschaft des Instruments ist fast unwirklich gut, erscheint fast wie nicht von dieser Welt. Das ist atemberaubend und ein weiterer unvergesslicher Höhepunkt des Abends. Diese Musik könnte ich ewig hören! Es ist bereits 5 Stunden und 15 Minuten nach Konzertbeginn und von Müdigkeit ist keine Spur. Ich bin hellwach und begeistert.

Elbphilharmonie Hamburg / Cello Duo_Jens Peter Maintz und Wolfgang Emanuel Schmidt © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Cello Duo_Jens Peter Maintz und Wolfgang Emanuel Schmidt © Claudia Hoehne

Im folgenden Auftritt brilliert Renaud Capuçon mit Geigenspiel mit extrem viel Seele. Christiane Karg und Ian Fountain neben ihm musizieren nicht schlecht, überzeugen aber nicht so ganz.
Im dreizehnten und vorletzten Auftritt des Abends tritt wieder Sergei Nakarjakow auf. Er spielt das extreme Virtuosität forderndes Stück „Carneval in Venedig“ von Jean-Baptiste Arban, das er souverän meistert. Es ist das wohl technisch anspruchsvollste Trompetenspiel, das ich jemals gehört habe und es wirkt bei ihm so selbstverständlich, natürlich und leicht. Er kann so spielen, dass es wie von zwei Instrumenten gespielt erscheint. Er kann eine Stimme spielen und wie magisch spielt er parallel dazu mit unfassbarer Geschwindigkeit eine zweite Stimme. Es wirkt fast wie die Aufhebung physikalischer Gesetze. Das Trompetenspiel von Sergei Nakarjakow ist ein unvergessliches Erlebnis.

Elbphilharmonie Hamburg / Sergei Nakarjakow und Vera Okhotnikova © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Sergei Nakarjakow und Vera Okhotnikova © Claudia Hoehne

Zum Abschluss gibt es von den vier jungen Herren des SIGNUM Saxophone Quartet noch etwas andere, jazzigere Klänge ein wenig abseits vom klassischen Kammermusik-Repertoire. Das ist zwar technisch sehr, sehr gut gespielt, vermag mich aber anders als so gut wie alles andere am heutigen Abend gehörte nicht zu berühren.
Um 18 Uhr begann das Kammermusikfest in der Elbphilharmonie und um kurz nach Mitternacht endete es. Unterbrochen von zwei Pausen gab es in vierzehn Auftritten mehrere Stunden lang Kammermusik in hoher bis höchster Qualität. Keinen Moment war es langweilig. Auch nach Stunden kam keine Müdigkeit auf. Die Zeit verging im Fluge. Das Publikum war hellauf begeistert.

Das erste Kammermusikfest der wunderbaren Hamburgischen Vereinigung von Freunden der Kammermusik in der Elbphilharmonie war ein ganz wundervolles und unvergessliches Musikereignis, das voll von musikalischen Höhepunkten der absoluten Extraklasse war. Ein ganz, ganz großes Lob den Veranstaltern für die großartige Musikerauswahl und Programmgestaltung für das Kammermusikfest. Und ein riesengroßer Dank für 95 Jahre Bereicherung der Hamburger Kulturlandschaft mit weit mehr als 1000 auf die Beine gestellten Konzerten. Danke für diese Freude schenkende ehrenamtliche Arbeit, die das Leben vieler Musikfreunde in Hamburg schöner macht.

Hamburg, Elbphilharmonie, Strauss – Tschaikowski – Rachmaninow, IOCO Kritik, 13.03.2017

März 14, 2017  
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Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg

Manfred Honeck – Philharmonisches Staatsorchester 
Strauss – Elektra ohne Worte,Tschaikowski – Schicksalssinfonie, Rachmaninow –  Rhapsodie über ein Thema von Paganini 

Von Patrik Klein

Seit 188 Jahren prägt das Philharmonische Staatsorchester Hamburg den Klang der Hansestadt. Die Ursprünge des Orchesters liegen im Jahr 1828, als sich in Hamburg eine „Philharmonische Gesellschaft“ gründete und bald zu einem Treffpunkt bedeutender Künstler wie etwa Clara Schumann, Franz Liszt und Johannes Brahms wurde. Große Künstlerpersönlichkeiten standen am Pult des Orchesters: Peter Tschaikowsky, Richard Strauss, Gustav Mahler, Sergej Prokofjew oder Igor Strawinsky. Bereits im Jahr 1902 fand das 500. Konzert der Philharmonischen Gesellschaft statt, 1908 wurde die Laeiszhalle mit einem Festkonzert eingeweiht. Seit dem 20. Jahrhundert prägten Chefdirigenten wie Karl Muck, Eugen Jochum, Joseph Keilberth, Wolfgang Sawallisch, Gerd Albrecht, Aldo Ceccato, Ingo Metzmacher und Simone Young den Klang des Orchesters. Gäste wie Otto Klemperer, Wilhelm Furtwängler, Bruno Walter, Karl Böhm oder Horst Stein brillierten am Pult.

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester mit Manfred Honeck © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester mit Manfred Honeck © Patrik Klein

Mit der Spielzeit 2015/2016 übernahm Kent Nagano das Amt des Hamburgischen Generalmusikdirektors und Chefdirigenten des Philharmonischen Staatsorchesters und der Staatsoper Hamburg. Im Orchester entstand so etwas wie eine Aufbruchstimmung und die Qualität der Konzerte in der Laeiszhalle und nun auch in der Elbphilharmonie Hamburg erfuhren einen deutlichen Qualitätssprung. Ein besonders interessanter Gastdirigent steht heute Abend am Pult des Orchesters in der Elbphilharmonie Hamburg.

Elbphilharmonie Hamburg / Manfred Honeck © Felix Broede

Elbphilharmonie Hamburg / Manfred Honeck © Felix Broede

Der Österreicher Manfred Honeck, der als Gast bei den weltweit führenden Orchestern von Berlin bis Los Angeles gefragt ist, absolvierte seine musikalische Ausbildung in Wien und war mehrere Jahre Mitglied der Wiener Philharmoniker und des Wiener Staatsopernorchesters. Seit der Saison 2008/09 ist Manfred Honeck Music Director beim Pittsburgh Symphony Orchestra. Regelmäßig tritt er mit seinem Orchester auch in bedeutenden Konzerthäusern und bei renommierten Festivals in Europa auf. Er ist darüber hinaus Erster Gastdirigent der Tschechischen Philharmonie in Prag. Für den erkrankten Marc Minkowski sprang er vor einigen Monaten bereits beim NDR Elbphilharmonieorchester noch in der Laeiszhalle ein und dirigierte dort u.a. die sechste Sinfonie von Tschaikowsky. Das Hamburger Publikum dankte ihm dafür mit großem Jubel und Standing Ovations.

 Georg Li © Jon Chase

Georg Li © Jon Chase

Mit dem Pianisten George Li konnte für das heutige Konzert wieder einmal ein Künstler der jüngeren Generation verpflichtet werden. George Li spielte als sogenanntes Wunderkind sehr früh Konzerte in den USA – jetzt, im jungen Alter von 21 Jahren wurde er Preisträger eines der berühmtesten Klavierwettbewerbe der Welt, dem Tschaikowsky-Klavierwettbewerb in Moskau. Viele ehemalige Preisträger, zu denen beispielsweise auch Grigory Sokolov zählt, sind heute Stars der Klassikszene. Von der Washington Post wird George Li für seine „atemberaubenden technischen Fähigkeiten gepaart mit einem außerordentlichem musikalischen Ausdrucksvermögen“ gepriesen. Der junge Pianist hat schon für Barack Obama und Angela Merkel im Weißen Haus gespielt. Er gewann zahlreiche internationale Preise und spielte mit den namhaftesten Orchestern und Dirigenten unserer Zeit zusammen.

Manfred Honeck arrangierte zusammen mit dem tschechischen Komponisten Thomans Ille die rund dreißig minütige Rhapsodie aus Motiven von Richard Strauss Opernwerk Elektra. Nach Wagners Ring ohne Worte nun also Strauss Elektra ohne Worte, ein symphonisches Konzentrat der Oper ohne Singstimmen. Es geht darin um Tod, Vernichtung und Rache, das Böseste, was es unter Menschen geben kann. Honecks Motivation war dabei: „Man kann in diesem Werk ein Experiment sehen, in dem Drama und Musik zu einer theatralischen Sinfonie verschmelzen„. Mit Elektra von 1908 hatte Strauss ein Musikdrama geschaffen, das inhaltlich und musikalisch in äußerste Grenzbereiche vorstieß.

Und diese Grenzbereiche werden von den bestens aufgelegten Musikern des Philharmonischen Staatsorchesters feinfühlig ausgelotet. Das Orchester stößt vor bis an die Grenzen der Tonalität, ist virtuos aufgefächert mit maximaler Wirkung. Plastisch erklingt das zentrale Agamemnon-Motiv in einem gebrochenen Dreiklang in D-Moll. Daraus entfaltet sich die ganze musikalische Konzeption. Es folgt die erste Szene „Allein, endlich allein…“, die als Kontrast den lyrischeren Passagen der Chrysothemis-Szene eindrucksvoll gegenüber gestellt werden. Alle Instrumentengruppen sind plastisch zu hören in diesem großartigen Konzertsaal. Im Block L sitzend, staunend hörend, wie sich die kraftvollen Bläser, das aufs Äußerste geformte Schlagwerkgefüge und die feinsten Streicherflächen im Gehör auf angenehmste Weise mischen. Nach Elektras siegessicherem Tanz erklingt die Klage der Königin Klythämnestra über ihre Alpträume und der Dialog mit Elektra. Mit dem Auftritt Agamemnons tritt eine Beruhigung im Orchester ein. Der Mord an Ägisth leitet zum Schluß über mit dem Tanz der Elektra und dem fulminanten Finale dieses Werkes. Manfred Honeck dirigiert das Orchester furios, gestenreich und höchst präzise. Vor allem lotet er die leisesten Klänge minutiös aus. Das war mehr als nur ein „Warm Up“ des Orchesters, ein furioser Auftakt an diesem Sonntagmorgen. Die Konzertfreunde sind begeistert. Als Opernliebhaber fallen einem bei manchen Passagen die doch fehlenden Stimmen von Birgit Nilson, Leonie Rysanek und Cheryl Studer ein. Großer Beifall bereits nach einer halben Konzertstunde.
Die Rhapsodie über ein Thema von Paganini schrieb der russische Komponist Sergei Rachmaninow im Sommer des Jahres 1934 innerhalb weniger Wochen in seiner Villa Senar am Vierwaldstättersee. Sein Opus 43 wurde am 7. November 1934 in Baltimore mit Rachmaninow am Flügel und dem Philadelphia Orchestra unter Leopold Stokowski uraufgeführt.

Das Stück besteht aus 24 Variationen über ein Thema, das Niccolò Paganini im letzten seiner 24 Capricci für Solovioline selbst als Ausgangspunkt einer Variationenfolge verwendet hatte. Immer wieder diente diese Melodie verschiedenen Komponisten als Vorlage, darunter auch Johannes Brahms (Variationen über ein Thema von Paganini (Brahms) und Franz Liszt (Grandes études de Paganini). In einigen Variationen verwendet Rachmaninow eine weitere, viel ältere Melodie: die Sequenz Dies irae, einst fester Bestandteil der lateinischen Totenmesse. Das Dies irae-Motiv steht dabei für den Teufel.

Elbphilharmonie Hamburg / Georg Li und Manfred Honeck © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Georg Li und Manfred Honeck © Patrik Klein

Um es nicht in allen 24 Teilen zu zerfallen zu präsentieren, fasste Rachmaninow eine Gruppe von Variationen unter einem großen Bogen zusammen und suggerierte somit das gebräuchliche Solokonzert in drei Sätzen. Im ersten Teil (bis Variation 10) herrscht Rhythmus und Stimmung aus Paganinis „Capricci“ vor. George Li spielt gefühlvoll, rhythmisch, gelegentlich mit Blickkontakt zum Dirigenten. Der junge Pianist wirkt bei seinem nahezu perfekten Spiel etwas distanziert und scheint sich innerlich über sein Gehör und Gespür für die Abstimmung und die Wechselspiele mit dem Orchester zu fokussieren.

Nach einer kurzen Generalpause schließt sich der mittlere, langsamere Satz an. In einem gemächlichen 3/4-Takt stehen die nächsten drei Variationen an. Der erst 21 Jahre alte Pianist spielt wunderschön melodisch, dann wieder aufbrausend mit hoher Konzentration im Zusammenspiel mit dem Dirigenten und dem Orchester. Und ausgerechnet in der allerleisesten Passage zuckt man zusammen und hört den lautesten Nieser des Konzertes. Freude und Leid dieser heiklen, nichts verzeihenden Akustik liegen manchmal ganz dicht zusammen.

Und schließlich das rasante Finale, in dem Rachmaninow ein Feuerwerk an Esprit und Eleganz entfacht. Hier zeigt der junge Pianist sein meisterliches Können. Blitzschnell, furios, variantenreich und ganz in sein Spiel vertieft, erklingt der letzte Teil der Rhapsodie. Er nimmt seine Umgebung scheinbar gar nicht mehr wahr, nimmt kaum noch Blickkontakt auf, springt auf seinem Klavierstuhl auf und ab, in seiner eigenen Welt entschwunden. Großer Beifall des Publikums für den Youngstar aus Übersee.

Nach der Pause steht die Sinfonie Nr. 5 e-Moll op. 64 aus dem Jahr 1888 von Pjotr Iljitsch Tschaikowski auf dem Programm. Während die Uraufführung noch mäßig ausfiel, befanden Kritiker die Sinfonie für eine der „bedeutendsten musikalischen Erscheinungen unserer Zeit“. Tschaikowski bezeichnete seine fünfte Sinfonie als „misslungenes Werk“ (vor allem wegen des Finales), und schätzte gar die vorhergehende 4. Sinfonie höher ein. Heute jedoch gehört die fünfte zusammen mit der vierten und sechsten Sinfonie Tschaikowskis zu dessen beliebtesten Sinfonien. Bemerkenswert ist ein besonderer Zusammenhang mit der Stadt Hamburg, den man nicht unbedingt vermutet. Der Komponist hat sein Werk selbst dirigiert und wurde weltweit eingeladen. Es gab zwei Tourneen in Westeuropa. In Leipzig kam es zu einer Begegnung mit Johannes Brahms und wenig später zu einer Aufführung in der Hansestadt.

Die Sätze durchzieht ein gemeinsames Leitthema, das Schicksalsmotiv. Ergebenheit, Hoffnungslosigkeit, Zweifel, Düsternis und Klagen gegen Gott sind die zentralen Themen. Über das Programm des ersten Satzes (Andante – Scherzo. Allegro con anima – Molto più tranquillo) schrieb Tschaikowski:Introduktion. Völlige Ergebung in das Schicksal oder, was dasselbe ist, in den unergründlichen Ratschluß der Vorsehung“. Der Satz beginnt mit einer bedächtigen Melodie der Klarinetten, die das Schicksalsmotiv der Sinfonie darstellt. Die Melodie leitet über zum energischeren, von Flöten und Klarinetten initiierten und von den Streichern übernommenen Hauptthema des Satzes. Das zweite Hauptthema des Satzes wird unter gelegentlicher Einmischung des Leitmotivs von den Holzbläsern intoniert. Das Philharmonische Staatsorchester spielt ganz wunderbar, zunächst gemächlich und gefühlvoll und sehr leise. Die Instrumentengruppen sind bestens auszumachen. Dann wird das Motiv rhythmisch aufgenommen, wunderschön anschwellend und äußerst sauber, ganz besonders bei den Blechbläsern. In den oberen Rängen mischt sich der Klang wundervoll in High End Qualität. Ein absoluter Hörgenuss.
Der zweite Satz (Andante cantabile, con alcuna licenza – Non allegro – Andante maestoso con piano), in dessen Zusammenhang Tschaikowski fragte, ob er sich „dem Glauben in die Arme werfen“ soll, beginnt mit einer tiefen, zunächst kaum hörbaren (atemberaubend Manfred Honecks Dirigat) Einleitung der Streicher, bevor ein sauber vorgetragenes Hornsolo, von Tschaikowski als „Lichtstrahl“ bezeichnetes Hauptthema des Satzes anhebt und schließlich von Klarinette und Oboe unterstützt wird. Vom donnernd einsetzenden Schicksalsmotiv wird das Hauptthema dieses zweiten Satzes nur kurz unterbrochen. Die Philharmoniker folgen mit allergrößter Leidenschaft ihrem wunderbaren Dirigenten, der nach intensiver Probenarbeit keinerlei Mühe hat die Musiker zu führen und seine Vorstellung der Sinfonie erklingen zu lassen. Selten hat man das Orchester so „mitfühlend“ und „formvollendet“ hören können. Wenn das Schicksalsmotiv erneut erscheint, donnert es bei den Bläsern, die Posaunen und die Tuba krachen und das Orchestervolumen erreicht sein Maximum, bevor es wieder in leisesten Tönen den Satz beendet.

Elbphilharmonie Hamburg / Manfred Honeck und Philharmonisches Staatsorchester © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Manfred Honeck und Philharmonisches Staatsorchester © Patrik Klein

Der dritte Satz (Walzer. Allegro moderato) ist im Stil eines ruhigen Walzers geschrieben. Auch er lässt sich vom Schicksalsmotiv nur kurz stören. Wie der erste Satz beginnt auch der vierte Satz (Finale. Andante maestoso (con fiamma) – Non allegro – Presto molto furioso – Molto assai e molto maestoso – Allegro vivace) mit dem Schicksalsmotiv, das diesmal aber bestimmter, und vor allem in Dur, auftritt. Nach einer ausführlichen Einleitung des Finales geht dieses zu einem feierlichen Ausbruch des Orchesters über, den dieses, gelegentlich vom Schicksalsmotiv begleitet, bis zum Schluss des Finales fortführt. Nach dem letzten verklingenden Ton wird das Philharmonische Staatsorchester Hamburg mit allergrößtem Jubel vom Publikum bedacht. Manfred Honeck ist der Meister der Dynamik und gerade die leisesten Töne klingen in der Elbphilharmonie Hamburg am schönsten. Das ist ein fantastisches Spiel, das unter die Haut geht. In Hamburgs neuem Wahrzeichen kann der konzertbegeisterte Klassikfan nunmehr drei hervorragende Orchester der Stadt genießen.

 

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