Hamburg, Elbphilharmonie, Wiener Philharmoniker_Brahms-Glanert-Mahler, IOCO Kritik, 10.2.2017

Februar 11, 2017  
Veröffentlicht unter Elbphilharmonie, Hervorheben, Konzert, Kritiken

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Ätherischer Streicherklang aus der Tiefe der Unterwelt

Wiener Philharmoniker und Semyon Bychkov 

Von Sebastian Koik

Für ihr erstes Konzert in der Elbphilharmonie am 22.1.2017 haben die Wiener Philharmoniker ein Programm mit starkem Hamburg-Bezug zusammengestellt: Mit Johannes Brahms und Detlev Glanert sind zwei der drei Komponisten des Abends Söhne der Stadt; Gustav Mahler lebte und wirkte sechs Jahre lang in Hamburg und dirigierte in dieser Zeit unfassbare 715 Opernvorstellungen.

Elbphilharmonie Hamburg / Semyon Bychkov und Wiener Philharmoniker © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Semyon Bychkov und Wiener Philharmoniker © Patrik Klein

Das Konzert beginnt mit Johannes Brahms/ Detlev Glanert: Vier Präludien und Ernste Gesänge. Brahms stellte die Texte für die Gesänge aus der Bibel zusammen und wollte darin Trauer und Trost ausdrücken. In den ersten drei Gesängen geht es um den Tod, im vierten Gesang um Liebe als erlösende Kraft. Dieses letzte große Werk von Brahms wird als die Quintessenz seines Liedschaffens angesehen. Detlev Glanert, der in Deutschland meistgespielte lebende Opernkomponist, hat Brahms‘ Gesänge für Orchester umgeschrieben und sie durch Präludien miteinander verbunden. Er ist beim Konzert anwesend.

Elbphilharmonie Hamburg / Deckenreflektor © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Deckenreflektor © Patrik Klein

Gleich zu Beginn wird deutlich, dass wir es mit einem besonderen Orchester zu tun haben. Die vielen Geigen und Bratschen klingen im ersten Präludium unglaublich ätherisch, ja himmlisch. Unvergleichlich schön. Der erste Gesang führt sofort mit den ersten Zeilen in das Thema Tod ein: „Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh; wie dies stirbt, so stirbt er auch.“ Der Bassbariton Johan Reuter singt beim ersten Lied auf eine derart außerirdisch klingende Weise, dass man meinen könnte, er stünde mit beiden Füßen kraftvoll auf dem Boden der Unterwelt. Sehr sonor, mit viel Bass, angenehm warm vibrierend und die Luft wunderbar zum Schwingen bringend. Johan Reuter singt wie mit dem Odem einer anderen Welt. Er setzt die Musik und die Stimmungen ganz hervorragend um und ist eine Idealbesetzung für die Ernsten Gesänge. Dieses erstes Lied kann man sich nicht besser gesungen vorstellen. Das ist ganz große Kunst der Lied-Interpretation

Das zweite Präludium erklingt schmerzerfüllt und leitet perfekt passend das nächste Lied ein. Der sehr einsam klingende Gesang ist getränkt von Leiden, Unglück und Verzweiflung, singt von Unrecht und dem schrecklichen Bösen „das unter der Sonne geschieht“. Das dritte Präludium lässt an Dantes Inferno denken, an Chaos, an Schmerz, ein aus den Fugen geratenes Dasein. Das darauf folgende Lied wirkt zunächst anklagend, leidend, von Schmerz gepeinigt. „O Tod, o Tod, wie bitter bist du“, heißt es in den ersten und wiederholt in den mittleren Zeilen. Doch dann, von einem Moment auf den anderen, wechseln das Orchester und der Sänger zu extrem friedlichen und versöhnlichen Tönen. Das Orchester ist jetzt weit ausladend und verströmt Ruhe, Frieden, Licht, Schönheit. Der Tod wird jetzt mit seiner erlösenden Kraft gesehen. Der Gesang endet mit: „O Tod, o Tod, wie wohl tust du!“ Der Gesang von Johan Reuter ist im Erdboden fest verwurzelt und verankert und setzt die Musik und Gefühlslagen ganz wunderbar um.

Elbphilharmonie Hmburg / Semyon Bychkov © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hmburg / Semyon Bychkov © Patrik Klein

Das vierte Präludium beginnt mit großer Nervosität und Unruhe, doch bevor der Gesang des vierten Liedes einsetzt, herrscht Harmonie. Der Gesang des letzten Liedes erklingt zum Schluss in einem Ton der Versöhnung, der Erkenntnis, des Friedens. Auch die sonstige Musik strahlt jetzt Frieden, Ruhe, Harmonie aus. Es wird das Bild einer unbeschwerten Idylle, einer reinen und unschuldigen Welt, einer Welt in Liebe gemalt. Textlich enden die Gesänge mit einem Hohelied auf Glaube, Hoffnung, Liebe, „aber die Liebe ist die größeste unter ihnen“. Dann ein Ausblenden. Ein schöner Ausklang aus der Welt der Vier ernsten Gesänge zurück in unsere.

In der zweiten Konzerthälfte steht Gustav Mahler mit der Sinfonie Nr.1 D-Dur Titan auf dem Programm, ein Werk das Mahler nach der ersten Aufführung in Budapest als zweites 1893 in Hamburg präsentierte. Damals erklang es im Konzerthaus Ludwig am Millerntorplatz an der Reeperbahn, diesmal in der erst vor wenigen Tagen eröffneten Elbphilharmonie.
Es beginnt mit der musikalischen Umsetzung von Stille. Aufgefächert über fünf Oktaven halten die Streicher den Ton a. “Im Anfang war das Nichts.“ Es klingt, als sei das Universum leer, als befinde man sich in einer Zeit vor der Erschaffung der Welt. Es herrscht eine sehr schöne Spannung! Cello-Klänge lassen an eine Ursuppe denken. Dann die erste Melodie, der Beginn „richtiger“ Musik. Doch nach den wunderschön gemalten Bildern und mysteriösen Stimmungen zu Beginn des Sinfonie spielt das berühmte Orchester ab jetzt zwar auf einem sehr guten Niveau, aber meist mit unvollkommenem Tempo und Timing und mit suboptimaler Spannung und Musikalität. Nicht straff, nicht spritzig, nicht quirlig und lebendig genug.

Elbphilharmonie Hamburg / Gratulation für Semyon Bychkov und Wiener Philharmoniker © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Gratulation für Semyon Bychkov und Wiener Philharmoniker © Patrik Klein

Beim Komponieren zitiert Mahler gerne, sich selbst und andere. In seiner ersten Sinfonie zunächst das Lied Ging heute morgen übers Feld, das er vier Jahre zuvor komponiert hatte. Im zweiten Satz stimmt Mahler einen Bauerntanz an, der zwischen derbem Volkston und graziler Kunstfertigkeit oszilliert. Im dritten Satz stimmen zunächst ein Kontrabass und eine Pauke den Kanon Bruder Jakob an, in den nach und nach weitere Stimmen aus dem Orchester einsteigen – das Ganze als Trauermarsch in Moll verwandelt. Es erklingen ein Tanz, ungarische Czardas-Tanzmusik. ein schön komponierter Walzer, doch leider wird das alles nicht lebendig genug gespielt. Es springt kein Funke über.

Hamburg / Gustav Mahler © IOCO

Hamburg / Gustav Mahler © IOCO

Über den vierten Satz der Sinfonie schreibt Mahler:Mit einem entsetzlichen Aufschrei beginnt der letzte Satz, in dem wir unseren Helden mit allem Leid der Welt in furchtbarstem Kampfe sehen. Immer wieder bekommt er eins auf den Kopf vom Schicksal, und erst im Tode erringt er den Sieg. Herrlicher Sieges-Choral.“ Und herrlich, wie das Orchester diesen Kampf, Sieg und Choral spielt! Am Lebendigsten, Kraftvollsten, Musikalischsten spielen die Wiener Philharmoniker am heutigen Abend in den lauten, schnellen und klangmächtigen Passagen, in Passagen wie diesem letzten Satz des Titan.
Das Orchester und der durchgeschwitzte, erschöpft und müde wirkende Dirigent Semyon Bychkov erhalten viel Applaus und Jubel. Als Zugaben werden Antonín Dvoráks Slawischer Tanz e-Moll (c-Moll) op. 72/2 und Johann Strauß‘ (Sohn) Tritsch-Tratsch-Polka op. 214 gespielt.

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Hamburg, Laeiszhalle, Symphoniker Hamburg – Englische Kunst, IOCO Kritik, 1.02.2017

Februar 2, 2017  
Veröffentlicht unter Konzert, Kritiken, Laeiszhalle Hamburg

Laieszhalle Hamburg / Symphoniker Hamburg - Sir Jeffrey Tate © Maxim Schulz

Laieszhalle Hamburg / Symphoniker Hamburg – Sir Jeffrey Tate © Maxim Schulz

 Symphoniker Hamburg – Sir Jeffrey Tate – Jennifer Johnston

Englische Kunst  –  Schönster Eskapismus

Von Sebastian Koik

Wie zuletzt bei den Wiener Philharmonikern in der Elbphilharmonie steht am 29.1.2017 bei den Symphonikern Hamburg Musik aus dem 20. Jahrhundert auf dem Programm. Doch ganz anders als dort geht es nicht um düstere Themen, Schmerz, menschliche Gewalt und Katastrophen, sondern um fast gänzlich unbeschwerte Reisen ins Weltall, ans Meer und nach London. Auch klingen die Stücke aus der Frühmoderne zum Großteil eher wie aus der Spätromantik und sind sehr zugängliche Musik, die unkompliziert das Herz erobert.

Bis auf das Hamburger Orchester sind alle Protagonisten des Konzertes Engländer: Der Dirigent Sir Jeffrey Tate, die Komponisten Constant Lambert, Edgar Elgar, Ralph Vaughan Williams und die Mezzosopranistin Jennifer Johnston.

Das erste Stück, Constant Lamberts Suite zum Ballett Horoscope, legt mit jazzig-swingenden Klängen los und ist dem Sternzeichen Löwe sowie dem jungen Leo gewidmet. Von Beginn an wird der Zuhörer auf eine Reise mitgenommen, raus aus der Alltagszeit hinein in die Gegenwart der Musik. Und welch‘ schöne Musik!

Der zweite Satz deutlich langsamer und in ganz anderer Stimmung. Extrem zärtlich, sanft, feminin. Es wird sofort klar, dass dieses Stück neben dem Sternzeichen Jungfrau die weibliche Protagonistin Virgo vorstellt. Es sind unglaublich friedliche Klänge. Entspannung. Stress wird aufgelöst. Urlaub für Seele und Geist.

Genauso wie der dritte, ein herrlich tanzender Satz, in dem Leo und Virgo zusammenfinden. Dieser Walzer ist von wunderbarer Fröhlichkeit, Leichtigkeit und faszinierender Unbeschwertheit. Es herrscht die Schwerelosigkeit des Weltalls. Ein herrlich beschwingter und schwelgender Traum. Man fühlt sich befreit. Und anders als im ersten Satz, wo ich mir streckenweise wünschte, dass das Orchester mit ein klein wenig mehr Zug, eine Spur knackiger spielte, werden der zweite und dritte Satz perfekt von Dirigent und Orchester umgesetzt. Das macht Spaß!

Laieszhalle Hamburg / Jeffrey Tate © J. Konrad Schmidt

Laieszhalle Hamburg / Jeffrey Tate © J. Konrad Schmidt

Der zweite der drei englischen Komponisten des Abends ist Edward Elgar mit seinem Liederzyklus „Sea Pictures“. Der Zyklus beginnt ebenso traumhaft schön, wie das letzte Stück endete. Und das Orchester spielt es ganz wunderbar, mit einem derart weichen Klang, dass man darin versinken möchte. Gesungen werden die fünf Lieder von der englischen Mezzosopranistin Jennifer Johnston. Und wie sie singt! Mit einer Stimme, die zu einem spricht, die einen angeht, einer etwas ätherischen, doch strahlkräftigen Stimme, die sich mit Leichtigkeit gegen den mächtigen Orchesterklang behauptet und darüber schwebt. Johnston begeistert, ohne Schwächen und mit schier endlosem Atem. Die Musik wird von ihr und dem Orchester extrem packend gesungen und gespielt. Die Sea Pictures sind wunderschöne Musik und sind unter anderem wegen der umwerfenden Jennifer Johnston das Highlight des Abends. Im ersten Lied wird der Ozean noch sanft, mit gemächlich wogenden Wellen gemalt: „Die Welt ruht ohne Pein, sanft klingt des Meeres Schlummersang.“ „Wiege dich, mein Kind, dass Ruh‘ Dein Herz gewinnt!“ und beschreibt damit auch die Wirkung, die die Musik auf die Herzen des Publikums hat. „Wie zarter Geige Klang beschwichtigt Seegesang, er lullet ein, was bös‘ und bang in Deine Seele drang“.

Das zweite Lied singt von der ewigen Liebe: „Liebe nur hält Stand.“ Im dritten Lied geht es um göttliche Liebe: „Mich tröstet Gottes Geist.“ Es wird dramatischer, das Orchester und die starke Stimme reißen mit. Es ist enorm beeindruckend.

Im vierten Lied geht es weiter mit wundervollem Gesang, einerseits schwerelos wirkend, andererseits mit wahnsinnig viel Gefühl. Die vermeintlich sichere und beständige Liebe gerät in Gefahr. Eine jetzt schmerzerfüllte Schönheit. Der Gesang ist nicht besser vorstellbar. Jennifer Johnston als Idealbesetzung.

Im fünften Lied malt das Orchester das Bild einer stürmischen See. Einsam schwimmt und treibt darin die Solostimme. Der Gesang wird markerschütternd. Johnstons Stimme eine Urgewalt wie das wilde, unzähmbare Meer, das um sie herum tost, ganz fantastisch dargestellt von Dirigent und Orchester. In den letzten Zeilen des letzten Liedes heißt es: „Reiten möcht‘ ich wie kein Mann geritten, rings von euren Wirbeln weich umglitten, bis ich das Land meines Traums erstritten, wo Liebe thronet in sel’gem Raum. Dort, wo Liebe thront in sel’gem Raum.“ Ganz große Leidenschaft. Anders als im ersten Stück, gibt es in der Welt der Sea Pictures nicht nur unbeschwerte Leichtigkeit. Es gibt Gefahren, Wind und Wellen können wild und gewaltig sein, doch sind es nur Naturkräfte und keine Bedrohungen wie Krieg, Unterdrückung und andere von Menschen gemachte Gewalt. Wie der erste Ausflug ins Weltall, so tut auch dieser Trip ans Meer mit der Selbstverständlichkeit der Natur der Seele gut. Die Zeit in diesen friedlichen Welten vergeht wie im Fluge. Beglückt geht das Publikum in die Pause.

Laieszhalle Hamburg © Maxim Schulz

Laieszhalle Hamburg © Maxim Schulz

Als drittes Stück wird Ralph Vaughan Willliams‘ Symphonie Nr. 2 – „A London Symphony“ gespielt. Vom ersten Ton an wird mit großer Spannung und packend eine friedliche Morgenstimmung erzeugt. Mit dem Einsatz der Blechbläser wird es plötzlich wild und laut, das komplexe Gebilde einer Großstadt entsteht. London. Wunderschöne, unglaublich sanfte und zärtliche Streicher erklingen. Im ersten und zweiten Satz wechseln sich langsam-leise mit  schnelleren frivol-spielerischen oder majestätischen Passagen ab.

Der dritte Satz ist dann durchgängig schneller, frivol, keck, beschwingt und extrem gut gelaunt, erst am Ende wieder ruhig und mit wohlig-warmen Tönen. Der vierte Satz beginnt dramatischer und bleibt es über weite Strecken, bis am Ende die Harfe das Glockenthema von Big Ben zupft und die Musik wegdimmt und die musikalische Reise beendet ist.

Bis auf wenige Sekunden, in denen ein Tick mehr Zug, Knackigkeit oder Übersicht vorstellbar sind, wird das Stück extrem klangschön, spannungsreich und stark vom Orchester gespielt. Verdient der lang anhaltende Applaus, der Jubel, die Bravo-Rufe und die stehenden Ovationen. Zurück aus der Gegenwart der Musik in die Realität des Alltags. Von Sebastian Koik

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Hamburg, Elbphilharmonie, Wiener Philharmoniker und Ingo Metzmacher, IOCO Kritik, 26.1.2017

Januar 28, 2017  
Veröffentlicht unter Elbphilharmonie, Hervorheben, Konzert, Kritiken

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

„Die Luft elektrisiert – dunkle Energien erfüllen den Raum“

 Die Wiener Philharmoniker – Ingo Metzmacher

Eine vollkommene und magische Demonstration dessen, was Neue Musik kann: Fulminante Wiener Philharmoniker unter Ingo Metzmacher in der Elbphilharmonie

Von Sebastian Koik

Das zweite Konzert der Wiener Philharmoniker in der neuen Elbphilharmonie Hamburg hat Werke des 20. Jahrhunderts auf dem Programm. Düsterer und schwerer könnten die Themen der Stücke kaum sein: Trauermärsche, Anklage gegen Krieg, Verfolgung und Gewalt, Massaker und nationale Traumata. Und dennoch ist der Abend ein Hochgenuss allererster Güte.

Elbphilharmonie Hamburg / Ingo Metzmacher © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Ingo Metzmacher © Claudia Hoehne

Der Abend beginnt mit Anton Weberns Sechs Stücke für Orchester op. 6, einem Werk, das 1913 von Arnold Schönberg, dem Lehrer Weberns, in Wien uraufgeführt wurde. Es war eine Aufführung, die als „Watschenkonzert“ in die Musikgeschichte einging, bei der das Publikum laut und handgreiflich wurde, gegen die neuartige Musik protestierte und randalierte. Seitdem sind 104 Jahre vergangen. Aus heutiger Sicht, in Zeiten, in denen die Menschen das Gefühl haben, alles schon mal gesehen und gehört zu haben, ist ein solcher Aufruhr wegen etwas fremdartiger Musik ein wenig schwer nachvollziehbar. Das Publikum in Hamburg bleibt ruhig, sehr ruhig, ist konzentriert und gebannt.

Anton Webern äußerte sich zu einem Werk von Schönberg einmal auf eine Weise, die auch seine eigene Haltung zum Komponieren ausdrückt: „Kein Motiv wird entwickelt; höchstens, dass eine kurze Phrase sofort wiederholt wird. Wenn das Motiv einmal gesetzt ist, drückt es alles aus, was in ihm enthalten ist; es muss etwas Neues darauf folgen.“   Die Komposition Weberns ist radikal auf das Notwendigste reduziert, die vielen Musiker des Orchesters werden sehr sparsam eingesetzt. Die Instrumente spielen die gezielt nebeneinandergesetzten und sanft miteinander verwobenen Klänge meist sehr vereinzelt und wenig im großen Zusammenspiel, mehr nacheinander als miteinander – es ist Kammermusik einer Hundertschaft. Und wie alles am heutigen Abend ertönt diese Musik ganz fantastisch im großen Saal der neuen Elbphilharmonie: analytisch, klar, klangschön und mit genügend Wärme.

Es herrscht vom ersten Moment an extreme Spannung, zwischen Metzmacher und dem Orchester, zwischen Musikern und Ohrenzeugen. Die Musiker wirken extrem präsent und hellwach, so wach und aufmerksam wie man nur sein kann. In den vielen leisen Stellen würde man wohl hören, wenn eine Stecknadel auf die Bühne fiele.

Elbphilharmonie Hamburg / Wiener Philharmoniker © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Wiener Philharmoniker © Claudia Hoehne

Sehr schnell wird eine gespenstische Atmosphäre erzeugt, spooky. Von Beginn an wird klar, dass der Dirigent Ingo Metzmacher ganz genau weiß was er tut und die absolute Kontrolle über das Orchester und die Partitur hat. Man sieht und hört, dass der Mann am Pult das totale Vertrauen seines Orchesters hat. Es wird sehr schnell deutlich, dass hier sehr, sehr knackig und straff dirigiert wird, dass die Musik ganz genau so gespielt wird, wie es zu sein hat. Man erkennt sofort, dass das Abgelieferte absolute Weltklasse ist. Nicht besser vorstellbar.

Die Solo-Bratsche ist das wichtigste Instrument des heutigen Abends. Zu Beginn des ersten Stückes ertönt sie aus einer leisen Gespenstigkeit heraus, mir kommen Bilder eines einsamen Friedhofs, immer wieder wie eine Stimme in dunkler Nacht. Die Luft ist elektrisiert.   Die aufmerksame, elektrisierte Stimmung zieht sich in Intensität durch das ganze Stück, das extrem schnell vorbei ist. 15 Minuten gingen so schnell noch nie vorbei, wie in diesem Stück, mit diesem Orchester und diesem Dirigenten. Es war, als wäre man auf eine kurze Reise durch eine andere Welt entführt worden, außerhalb der Zeit. Eine solche extreme Spannung vom ersten bis zum letzten Ton. Eine Meisterleistung von Orchester und Dirigent. Eine wunderbare Erfahrung!

Elbphilharmonie Hamburg / Wiener Philharmoniker © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Wiener Philharmoniker © Claudia Hoehne

Das zweite Stück des denkwürdigen Abends ist Karl Amadeus Hartmanns, einem kurzzeitigen Schüler Anton Weberns, Sinfonie Nr.1 – Versuch eines Requiems. Bei diesem Stück kommt Gesang mit ins Spiel. Die Altistin Gerhild Romberger singt vier vertonte Gedichte aus Walt Whitmans Leaves of Grass. Die Texte handeln von Elend, Tod und Verzweiflung. So heißt es im ersten Gedicht „Auf alle Gemeinheit und Qual ohne Ende schaue ich sitzend hin, sehe und höre“. Im zweiten: „Elend, ach, gibst du uns all‘ und Gedanken an den Tod, der uns nah.‚“ „Alles, alles öde und schwarz“ im dritten und „auf all ihre Toten schaute, verzweifelt, auf all die verzerrten Leiber, all die im Elend zugrunde gegangenen Menschen“ im letzten der vier Whitman-Gedichte.  Schön, trotz all dieser Abgründe und der Dunkelheit.

Auch hier herrscht von Beginn an extreme Spannung. Ingo Metzmacher hält die Zügel des kraftvollen Pferdegespanns Wiener Philharmoniker extrem eng. Alles am heutigen Abend ist wahnsinnig knackig, extrem zupackend und mit sehr viel Biss gespielt, mit perfektem Timing und größtmöglicher Musikalität. Die Gesangspartie ist  anspruchsvoll und die Sängerin macht ihre Sache gut. Allerdings ist diese Gesangspartie der einzige winzige „Kritikpunkt“ am heutigen Abend. Sie ist nicht ganz auf dem hohen Niveau des sehr guten Orchesters und Dirigenten. Das Orchester spielt die seltsam-komplexe Zeit der Komposition als extrem genaues Uhrwerk. Die Musiker spielen präzise, die Schlagzeuge auf den Punkt, das Zusammenspiel vollkommen. Das Orchester als geschmeidiger, muskulöser Panther. Es herrscht große Energie, auch im Leisen. Gespielt werden existentielle Klänge. Eine asketische Musik ohne Zitate. Die Komposition ein Monolith. Kein Gramm ist zu viel.  Zum Ende erschallt eine monströs unheilvolle Totenglocke, kurz aber markerschütternd, berührend. Viel Applaus, Bravo-Rufe.

Die erste Hälfte des monumentalen Abends war eine Demonstration dessen, was neue Musik kann. Pure Intensität. Gänsehaut. Vollkommen ohne Moment der Gleichgültigkeit oder Langeweile. Die Zeit vergeht im Flug. Energetisiert und hellwach gehe ich in die Pause.

Elbphilharmonie Hamburg / Eröffnungskonzert © Michael Zapf

Elbphilharmonie Hamburg / Eröffnungskonzert © Michael Zapf

In der zweiten Hälfte dann Dmitri Schostakowitschs Sinfonie Nr.11 op.103 „Das Jahr 1905“. Auch hier herrscht vom ersten Ton an extreme Spannung. Trompeten und Trommelwirbel lassen sehr schnell und deutlich das Bild von Soldaten und einem Exerzierplatz erscheinen. Der erste Satz trägt den Titel Der Platz vor dem Palast. Auf diesem Platz wird leider nicht nur exerziert, sondern auch exekutiert. Dieser Platz soll zum Schauplatz eines Massakers werden, das eine tiefe Wunde im kollektiven russischen Gedächtnis hinterlässt und Schostakowitsch und dessen Familie jahrzehntelang beschäftigt und schmerzt. Am „Petersburger Blutsonntag“ im Jahre 2005 werden unbewaffnete Arbeiter bei einer Demonstration für bessere Arbeitsbedingungen auf Befehl des Zaren brutal zusammengeschossen. Mehr als 1000 Menschen sterben.

Das Orchester lässt dichte, unheilschwangere Erwartung entstehen. Ein leichter Moment, doch dann vollzieht sich das Unheil. Wie alles am heutigen Abend, ist das extrem kraftvoll komponiert und gespielt und sehr straff dirigiert. Die Musik reißt mit, man betrauert mit ihr die Toten. Zuerst in fassungsloser Nüchternheit. Doch dann der Moment der Realisierung des unfassbaren Geschehenen. Die Musik trägt weiter; heraus aus nüchternem Schock, hinein in große Gefühle, Entsetzen, Schmerz. Es sind unvergleichlich kraftvolle und wunderschöne musikalische Momente. Streicher-Salven mit unglaublicher Schärfe, die Luft durchschneidend, Moleküle auftrennend. Streicher-Attacken mit monumentaler Präzision, Kraft und Macht, von nie gehörter Aggressivität. Der Komponist als Regisseur einer Reise, auf die er Zuhörer mitnimmt, mit kraftvollem Sog, ins Geschehen hinein. Es wirkt die Macht der Musik. Schärfe, Kraft, Präzision des gesamten Orchesters. Dann ein paar Momente des Durchatmen, die Spannung wird  ein wenig aufgebrochen. Der Komponist lässt die Zügel für ein paar Takte lockerer.

Elbphilharmonie Hamburg / Wiener Philharmoniker © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Wiener Philharmoniker © Claudia Hoehne

Dann die Geigen wunderschön ätherisch und zart, mit unfassbarer Feinheit und Luftigkeit. Schönes, präzises, wieder Spannung aufbauendes Zupfen der Kontrabässe und Celli. Dann erst präzise Attacken und darauf folgend ein langer Sturmlauf. Man ist gebannt, an den Sitz gefesselt. Nirgendwo auf der Welt will man jetzt lieber sein als hier und jetzt, in diesem Konzert. Mit Sturmgeläut ist der letzte Satz des Stückes überschrieben und dieses Sturmgeläut ist eine gewaltige Macht, die einen betrifft, die mitnimmt. Keiner kann davon unberührt bleiben. Ein fulminantes, wunderschönes Finale. Dann Stille. Ein dezentes zweimaliges Harfenzupfen, noch ein Harfenzupfen. Die Oboe mit einer feinen Melodie. Noch ein Harfenzupfen. Eine extrem energiegeladene leise Passage auf die noch ein donnernder Großsturm folgt, noch heftiger als zuvor, die Wände Jerusalem erschütternd……Dann ist es aus!

Eines meiner beeindruckendsten Konzerterlebnisse ist vorbei. Raus aus Das Jahr 2005, zurück in den wunderbaren Konzertsaal an der Elbe in Hamburg. Und in diesem Saal bricht Jubel los. Das Donnern kommt jetzt aus den Zuschauerrängen. Tosender Applaus, lang, sehr lang, eine kleine Ewigkeit lang. Das zuvor konzentriert gebannte Publikum hellauf begeistert. Stehende Ovationen. Ingo Metzmacher schien schon direkt unmittelbar nach dem letzten Ton des Konzertes gerührt, überwältigt vom Geschehenen. Jetzt ist er es von der Reaktion des Publikums. Mehrfach scheint er sich Tränen aus des Augen zu wischen. Ein Konzert, das jeden berührte.

Die Musiker haben hier und heute Großes und Unvergessliches geleistet. Alle drei Stücke des Abends wurden mit einer solchen Präzision und Intensität gespielt, dass es sich die Komponisten wohl keinen Deut besser umgesetzt vorstellen könnten. Als Zuhörer verlässt man den Konzertsaal elektrisiert, voller Energie, wach, geistig und seelisch bereichert. Von den Wiener Philharmoniker und Ingo Metzmacher.

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Hamburg, Elbphilharmonie, Konzert – Einstürzende Neubauten, IOCO Kritik, 22.1.2017

Januar 24, 2017  
Veröffentlicht unter Elbphilharmonie, Konzert, Kritiken

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

„Einstürzende Neubauten“ 

Eröffnungsfestival der Elbphilharmonie Hamburg

Nomen est Omen?  Greatest Hits Tour-Auftritt der Avantgarde Band aus Berlin im großen Saal der „Elphi“

Von Patrik Klein

Yasuhisa Toyota, der verantwortliche Starakustiker der Elbphilharmonie Hamburg äußerte sich zu den Anfang September 2016 stattgefundenen ersten Proben noch sehr zurückhaltend, asiatisch vorsichtig. „Man wird hören, wie sich die Akustik des großen Saales entwickelt, wenn eine Vielzahl von unterschiedlichen Konzerten stattgefunden hat und ebenso eine Vielzahl verschiedener Genres im Haus in der Hafen City zu beurteilen sind“.

Elbphilharmonie Hamburg /  Avantgarde Band © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Avantgarde Band © Claudia Hoehne

Das sagte er allerdings mit einem breiten Lächeln im Gesicht, das die bisherige Zufriedenheit mit den ersten gehörten Noten und Klängen unterstreicht.
In den ersten Tagen konnte der glückliche, kartenbesitzende Gast große Orchester, überragende Chöre, Solisten aus der Weltspitze, Klavierabende vom Allerfeinsten und auch Jazzmusik in Hamburgs neuem Musentempel akustisch beurteilen. Bisher sind sich alle einig, dass das musikalische Erlebnis auf allen Plätzen großartig ist, dass es sehr transparent klingt, aber auch alle Misstöne gnadenlos hörbar werden. Gutes wird besser, Schlechtes wird deutlicher wahrgenommen. Auch der Zuhörer muss sich umstellen, da er anderen in die Gesichter schaut und sein mögliches Husten, Rascheln oder im „Kulturbeutel kramen“ von anderen wie eine Schußabgabe aus einer Pistole vernommen wird.

Der Coup des Intendanten Christoph Lieben-Seutter, nicht nur große Orchester zum Eröffnungsfestival nach Hamburg zu holen, besteht auch in der Verpflichtung einer deutschen Band, die einem experimentellen Musikstil nachgeht. Mit dem leicht misszuverstehenden Namen Einstürzende Neubauten wagt er auch, Gäste einzuladen, die nicht mit dem „Mainstream“ konform gehen.

Elbphilharmonie Hamburg /Einstuerzende Neubauten © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg /Einstuerzende Neubauten © Patrik Klein

Die „Greatest Hits Tour“ mit Station in Hamburg zeigt, dass die Musikgruppe um Blixa Bargeld (Gesang), Alexander Hacke (Bass), N.U. Unruh (Percussion), Jochen Arbeit (Gitarre) und Rudolf Moser (Percussion) auch nach mehr als 35 Jahren noch immer aktiv ist. Die beiden Konzerte am 21.1.2017 in der Elbphilharmonie waren in Rekordzeit ausverkauft.
In den vielen Jahren hat sich allerdings einiges verändert. In den Anfängen haben sich die Einstürzenden Neubauten radikal mit neuen Klängen und Aktionen auseinandergesetzt. Es wurden Fahrzeuge auseinandergeflext, Löcher in Betonwände geschlagen, Eisenschrott, Presslufthämmer und Kreissägen als Musikinstrumente eingesetzt. Mit ohrenbetäubender Lautstärke und wilder Stimmung haben sie ihren Stil entwickelt. Mit Krach und Protest gegen den „Einheitsbrei“ der etablierten Musik vernahm man den fortwährenden Ruf nach Anerkennung der Berliner Band. Rebellion und Anarchie waren ihr Markenzeichen.

Elbphilharmonie Hamburg / Einstuerzende Neubauten © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Einstuerzende Neubauten © Patrik Klein

Heute hat die Musik von den Einstürzenden Neubauten nichts mehr damit zu tun. Sie sind ruhiger und melancholischer geworden. Auch die Bandmitglieder um den „Leader“ Blixa Bargeld haben sich von Hausbesetzern in „normale“ Bürger der Oberschicht verwandelt mit Maßanzügen statt zerfetzen Jeans, Sternerestaurant statt Currywurstbude.
In dem restlos ausverkauften Konzert im Großen Saal der Elbphilharmonie Hamburg zeigt die Gruppe genau diesen Wandel von damals nach heute mit einer Sammlung ihrer „Greatest Hits“.

Elbphilharmonie Hamburg / Einstuerzende Neubauten © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Einstuerzende Neubauten © Patrik Klein

Auf der zentral angeordneten Bühne, mit 2100 Zuhörern um diese herumgruppiert, verzichten die Neubauten auf ein heute bei großen Rockspektakeln übliches Bühnenbild mit digitalen und videotechnischen Effekten. Pure Musik und Text stehen im Fokus, unterstrichen durch optisches Umhüllen in zartes, wechselndes Licht.

Stimmungswechselnd hört man raschelnde Rettungsfolien, herunterfallende Metallspäne, Glockenklänge, Blecheimer, Trennscheiben zerteilen Gegenstände, Trommeln auf Abflussrohren, ein Xylofon aus Plastikrohren vom Baumarkt, eine rotierende Turbine, auf die geschlagen wird, an Gitterrosten wird gekratzt, sogar ein Cello bei „How did I die“, zusammengebundene Plastikkannister werden zum Klingen gebracht, Texte werden rückwärts gesungen, Schläge auf ein gespanntes Gummiband und Vieles mehr.

Elbphilharmonie Hamburg / Einstuerzende Neubauten © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Einstuerzende Neubauten © Patrik Klein

Gesungen wird leise und laut in Deutsch und Englisch, meist sehr textverständlich und klar. Besonders bei den Balladen und leisen Passagen der Stücke. Es gibt viele melodische Songs, die für den nicht eingeweihten Zuhörer sehr eingängig erklingen, aber auch atonaler Klang- und Geräuschbrei, der verstört. Leise und langsam beginnende Stücke entwickelt sich in furiose Raserei und musikalische Aufschreie.
Zwischen den musikalischen Beiträgen gibt Blixa Bargeld den ein oder anderen Hinweis auf die Entstehung, erzählt von seinen ersten Erfahrungen beim Gitarre spielen in einem 70 cm hohen Berliner Flutkeller. Einige im Publikum sitzende Zuhörer lachen lauthals, was den Erzähler sichtlich nervt. Das erneute Lachen bringt ihn fast aus der Ruhe. Er wirkt „angekratzt“. Bei „Silence is sexy“ herrscht einige Minuten völlige Ruhe, bis auf ein paar Fans, die auch hier mit Zwischenrufen glänzen müssen. Blixa scheint irritiert zu sein und fragt später nach, was da so witzig sei. Er bekommt keine Antwort, erntet erneutes Gelächter.

Elbphilharmonie Hamburg / Einstuerzende Neubauten © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Einstuerzende Neubauten © Patrik Klein

Das letzte Musikstück des Abends ist eines der dynamischsten. Mit langsamen Rhythmen startet „Redukt“, wird immer furioser, schneller und lauter, bis an die Schmerzgrenze. Wer die am Konzerthalleneingang verteilten Ohrstöpsel bislang nicht brauchte, setzt sie spätestens jetzt ein. „Frei zu lärmen ohne Schuld“ heißt es im Text der „Einstürzenden Neubauten“. Der Saal besteht auch diese Probe meisterlich, hält und liefert dazu noch eine glasklare Akustik, auch wenn an wenigen Stellen die Verstärkeranlage der Band an ihre technische Grenze zu stoßen scheint. Die Elbphilharmonie Hamburg dürfte damit auch für weitere zukünftige Bands der „U-Musik“ gewappnet sein.

Elbphilharmonie Hamburg / Einstuerzende Neubauten © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Einstuerzende Neubauten © Patrik Klein

Als die letzten Töne erklingen, verlassen alle Musiker bis auf einen sofort die Bühne und waren nicht wieder gesehen. Es gibt keine gemeinsame Verbeugung vor dem rasenden Publikum, vor dem Bürgermeister der Stadt Hamburg, dem Intendanten der Elbphilharmonie Hamburg und der Fangemeinde, die zugegebenermaßen mit einigen unqualifizierten Zurufen und merkwürdigen Reaktionen an leiser Stelle die Band auch provoziert haben mag. Arroganz? Kunst? Letzte Reste der ehemaligen Rebellion?

Elbphilharmonie Hamburg / Einstuerzende Neubauten © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Einstuerzende Neubauten © Patrik Klein

Ein fader Beigeschmack eines an sich hörens- und sehenswerten Konzert bleibt.

Setlist des Greatest Hits Konzerts in der Elbphilharmonie Hamburg:
1. The Garden, 2. Haus der Lüge, 3. Lets´s Do it a Dada, 4. Nagorny Karabach, 5. Dead Friends, 6. Unvollständigkeit, 7. Youime & Meyou, 8. Die Befindlichkeit des Landes, 9. Sonnenbarke, 10. Halber Mensch, 11. Sabrina, 12. Susej, 13. Ein leichtes leises Säuseln, 14. How did I die, 15. Silence is sexy, 16. Die Interimsliebenden, 17. Total Eclipse of the Sun, 18. Salamandrina, 19. Redukt

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