Halle, Staatskapelle Halle, Beethoven – Schostakowitsch: Musik ist Revolution, IOCO Kritik, 16.11.2017

November 16, 2017  
Veröffentlicht unter Händel Halle, Hervorheben, Konzert, Kritiken

Staatskapelle Halle

Händel Halle in Halle, der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels © Haendelhalle

Händel Halle in Halle, der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels © Haendelhalle

Staatskapelle Halle – Beethoven – Schostakowitsch

Beethoven – Drittes Klavierkonzert, Schostakowitsch – Elfte Symphonie  Staatskapelle Halle – Herbert Schuch und Josep Caballé-Domenech

„Musik ist Revolution!“

Von Guido Müller

Unter der musikalischen Leitung von GMD Josep Caballé-Domenech spielte der vielfache  Preisträger und 1979 in Rumänien geborene Pianist Herbert Schuch zunächst das große Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven in c-moll aus der Zeit der Komposition der dritten Symphonie Eroica 1803/04. Beethoven hatte dieses Konzert für seine eigenen Auftritte als Symphonie mit konzertierendem Pianoforte komponiert. Die konzertante Struktur wird zum  Programm. In  diesem Konzert wird es von Herbert Schuch, die Staatskapelle Halle und ihr GMD Josep Caballé-Domenech maßstabsetzend und zutiefst berührend in inniger Übereinstimmung umgesetzt. Für seine Einspielung des Dritten Klavierkonzertes hat der Pianist 2013 den renommierten ECHO-Klassik Preis erhalten. Mit seinen dramaturgisch durchdachten Konzertprogrammen und CD-Aufnahmen hat sich Schuch als einer der interessantesten Musiker seiner Generation einen herausragenden Ruf erworben, den er  in  Halle glänzend bestätigt.

Staatskapelle Halle in der Händelhalle © Guido Müller

Staatskapelle Halle in der Händelhalle © Guido Müller

Mit männlich-schlanker Eleganz spielt Herbert Schuch im einleitenden Satz den ersten  Einsatz, keineswegs mit aggressiv-virtuosem triumphierend-heroischem Gestus sondern mit  der  ihm eigenen Nachdenklichkeit. Den großen heroisch-virtuosen Gestus spart er sich in  durchdachter Dramaturgie für die Kadenz auf, in der Schuch sein ganzes Können zeigt. Dies  zeigt  sich bei ihm ganz besonders charakteristisch im zärtlichen Mittelteil und nach einem  geradezu lisztmässigen Aufschwung höchster Virtuosität im aufregendsten Innehalten auf  Pianissimo  vor dem Wiedereinsetzen und Aufschwung des Orchesters: ein höchstspannungsvoller Augenblick, der das gebannte Publikum den Atem anhalten lässt.

Das darauf folgende Largo gestalten Schuch und Domenech im intimsten Zwiegesang mit  der Staatskapelle Halle zum Höhepunkt des Klavierkonzertes. Die von Ralf Mielke und Gabriele Knappe gespielten Flöten atmen mit dem Pianisten auf unnachahmlich perfekte Weise.

Das abschließende Rondo musizieren Solist und die Streicher und Bläser der Staatskapelle in kunstvollster sich abwechselnder Rhetorik. Der Satz atmet den eleganten Witz Wiener Salons der Vormetternichzeit mit geradezu harlekinmäßiger Spielfreude. Besonders gefällt dabei die perfekte Wienerische Klarinettenseligkeit von Frank Hirschinger und  Anja Starke im Wechselgesang mit dem Pianisten.

Ludwig van Beethoven Bonn © IOCO

Ludwig van Beethoven Bonn © IOCO

Als Zugabe krönte der Ausnahmepianist Herbert Schuch seinen glänzenden Auftritt in Halle überaus geschmackvoll und intelligent mit der letzten Komposition Beethovens aus den Bagatellen innig, virtuos und mit dem für den Meister aus Bonn charakteristischen Humor. Nicht enden wollende Ovationen und Getrampel des Publikums für den würdigen Freund und legitimen jugendlichen Fortführer der großen deutschen Pianistentradition Alfred Brendels.

Beethoven verstand sich als ersten Komponisten, der sich selbst als bewusst politisch handelnder Menschverstand. Er analysierte die gesellschaftlichen Vorgänge und versuchte, sie aktiv mitzugestalten, mit seiner Musik in sie einzugreifen. Das verbindet in diesem sehr hintersinnig komponierten Konzertprogramm Dmitri Schostakowitsch mit ihm.

Am 3. Oktober 1957 wurde Schostakowitschs Elfte Sinfonie in der Sowjetunion uraufgeführt. Stalin ist seit vier Jahren tot. Endlich kann es Schostakowitsch wagen, sich  kritisch der Geschichte Russlands zu widmen: Thema seiner Elften  ist der Petersburger  Blutsonntag am 9. Januar 1905, das Massaker an  demonstrierenden unbewaffneten Arbeitern und solidarischen Demonstranten, das die Palastwache des Zaren zu verantworten hatte. Die Menschen wollen  dem autokratisch herrschenden Zaren eine Petition für menschenwürdige Arbeitsbedingungen, Rede- und Pressefreiheit und die Schaffung einer Volksvertretung  überreichen. Plötzlich schossen Soldaten in die friedlich betende Menschenmenge und es  sterben nach unterschiedlichen Angaben zwischen 130 und 1000 Menschen. Am Ende der Symphonie steht die Hoffnung auf bessere Zeiten und auf politische Veränderungen.

Das Konzert der Staatskapelle Halle kann als Erinnerung an den 100. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution und die Opfer verstanden werden. Die Elfte  Symphonie „Das Jahr 1905“ von Dmitri Schostakowitsch hat sehr gegensätzliche Interpretationen erfahren. „Vater, was wenn sie dich deswegen aufhängen?“ soll der Sohn Maxim Schostakowitsch nach der Generalprobe 1957 seinen Vater gefragt haben. Wie sehr oft legt Dmitri Schostakowitsch äußerlich eine falsche Spur mit dem Programm. Die Symphonie ist zumindest als doppelbödig zu bezeichnen.

Josep Caballe Domenech © Falk Wenzel

Josep Caballe Domenech © Falk Wenzel

Das Uraufführungsdatum 30. Oktober 1957 verdeutlicht, aus welchem offiziellen Anlass die Elfte komponiert wurde: nämlich zur Gedenkfeier des 40. Jahrestages der Oktoberrevolution 1917.

Der in der Stalinzeit vom Regime als „formalistisch“ abgekanzelte und daher nach Rehabilitierung strebende Schostakowitsch wählte folglich das „linientreue“ Thema der auf  Befehl des  Zaren blutig niedergeschlagenen 1905er „Revolution“ in St. Petersburg. Wenn man etwas weiter denkt und die Musik betrachtet – die Darstellung des Massakers und die gewaltige Totenklage – ist es naheliegend, dass nicht nur das blutige Niedermetzeln der  Demonstranten 1905 durch die Zarentruppen gemeint war, sondern ebenso – oder sogar nur – die blutige Niederschlagung des ungarischen Aufstands durch die sowjetischen Truppen  im Jahre 1956, also im Jahr vor der Komposition.

Zudem liegt es nahe darüber hinaus an die Millionen Opfer des Stalinismus zu  denken, auch an die Opfer des Aufstandes in der DDR am 17.6.1953. Allerdings verzichtet Dmitri Schostakowitsch auf allzu offensichtliche Anspielungen oder Zitate ungarischer Musik und Rhythmen. Doch der erste Satz in einem von dem Dirigenten im großen Bogen gehaltenen Anspannungen lässt wahrhaft an die Eiszeit der Stalinzeit denken.

Schostakowitsch äußerte sich zu dieser Frage angeblich Salomon Wolkow in den Memoiren gegenüber so: „Mir scheint, dass sich in der russischen Geschichte vieles wiederholt. Natürlich wiederholt sich ein Ereignis nicht in genau  derselben Weise. Selbstverständlich sind da Unterschiede. Aber vieles wiederholt sich trotzdem. Das Volk denkt und handelt in vielem ähnlich. … Diese Wiederholbarkeit wollte ich in der Elften Symphonie zeigen. Ich komponierte sie 1957, und sie bezieht sich auf die Gegenwart, auch wenn sie den Titel Das Jahr 1905 trägt. Sie handelt vom Volk, das den Glauben verloren hat, weil der Kelch der Missetaten übergelaufen war. So begegnen die Eindrücke meiner Kindheit denen des reifen Lebensalters. Und natürlich haben die Ereignisse meines reifen Lebens mehr Gewicht“.  Zitat nach dem ausgezeichneten Beitrag von Verena Großkreutz im Programmheft.

Deutlicher geht es auf den ersten Blick kaum. Das wahre Thema der Elften wäre dann die blutige Unterdrückung des Ungarn-Aufstands 1956 durch die Sowjets. Bezeichnend ist dann aber wiederum, dass dieses „wahre“ Programm von den sowjetischen Kulturaufsichtsbeamten  nicht erkannt wurde. Schostakowitsch erhielt für seine Elfte sogar den Lenin-Preis. Durch  einen Beschluss des ZK der KPdSU vom 28. Mai 1958 wurde er schließlich offiziell rehabilitiert. Er wurde Mitglied der KPdSU und komponierte1961 aus „Dankbarkeit“ die Zwölfte Symphonie Das Jahr 1917, die er Lenin widmete. Das erlaubt eine ganz andere Sicht auf den sowjetischen Komponisten, der sich eventuell direkter in seiner Kammermusik äußerte als in der repräsentativen Großsymphonik.

Staatskapelle Halle in der Händel Halle © Guido Müller

Staatskapelle Halle in der Händel Halle © Guido Müller

Schostakowitsch baute in diese Sinfonie zwei der 1951 von ihm komponierten  Lieder aus „10Poème für Chor a cappella“ ein, ansonsten kaum eigene melodische Erfindungen sondern zahlreiche in der Sowjetunion populäre revolutionäre Lieder, und zwar unter anderem der polnischen Arbeiter-Freiheitsbewegung des 19. Jahrhunderts im Finale. Im ersten Satz Der Palastplatz: Adagio erklingen der Choral Herr, erbarme dich unser und   das Gefangenenlied Gib acht!,  die Schostakowitsch auch am Ende  des zweiten Satzes mit  dem Massaker Der 9. Januar: Allegro – Adagio – Allegro – Adagio wieder aufgreift. Diesen Satz steigert Caballé-Domenech  grandios theatralisch mit der furios aufspielenden Staatskapelle mit prächtig strahlendem Blech der sechs Trompeten, drei Posaunen, Tuba und einem sechsfach  besetzten großartig präzisen Schlagwerk.

Bereits im ersten Satz hatte der erste Fagottist Kay Stöckel mit seinem elegisch singenden Instrument stark beeindruckt und steigert dies im dritten Satz Ewiges Angedenken: Largo noch einmal phänomenal.  Dieses Requiem für die Toten über den Revolutions-Trauergesang Unsterbliche Opfer gestaltet Caballé-Domenech mit der Staatskapelle Halle in noch gesteigerter Parallele zum Largo des Klavierkonzerts zum sich ständig wandelnden Klagehöhepunkt des Konzerts. Im direkten Anschluß  an das Massaker des zweiten Satzes greift dieser Übergang in der Gestaltung durch Caballé-Domenech ans Herz. Hier verströmen dann aufeinander folgend und sich ergänzend die Kontrabässe, Celli, ersten und  zweiten Violinen unter dem in Leningrad geborenen ersten Konzertmeister und Kammervirtuosen Arkadi Marasch und vor allem die besonders klangschön homogen spielenden Bratschen herzergreifenden Wohlklang. Dieses populäre Lied hatte auch schon Edmund Meisel in Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin verwendet. Schostakowitsch selbst hat es außerdem in Podrugi  (Girlfriends) verwendet, und Benjamin Britten in A russian funeral. Am Ende erklingt die Melodie nochmals im Choral der Blechbläser.

Die semantische Vieldeutigkeit von Musik wird nach den eher einfach und klar aufgebauten  ersten drei Sätzen im trotzig insistierenden Finale  besonders deutlich, indem es ironisch, satirisch, bissig, grotesk, operettenmäßig, polystilistisch aufblitzt. Es wird geradezu körperlich ungemütlich in den bösartigen Zuspitzungen von dröhnend-heroisch vorgebender Finalthematik mit vulgär erscheinenden Steigerungen wie auf KPdSU- Befehl erfüllte Kompositionsforderungen. Darauf antwortet das Englischhorn mit einem einsamen Klagegesang (hervorragend Markus Stein), das für mich zaghafte Hoffnung ausdrückt.

Der Dirigent Semyon Bychkov macht im Begleittext zu seiner Aufnahme der Elften eine sehr interessante Beobachtung, die hier abschließen soll: Die Antwort zum Inhalt der Sinfonie liegt in den letzten Kodatakten des Schlusssatzes. Zwei Gruppen aus zwei Noten werden abwechselnd auf den Röhrenglocken angeschlagen: G-B und G-H, die […] große und kleine Terz […] Zusammen bilden sie das Thema der im zweiten Satz erklingenden Fuge, die  das Massaker des Blutsonntags […] darstellt. Bevor die Sinfonie abrupt zum Stehen kommt, hört man als letztes die kleine Terz. Es gibt keinen Sieg, nicht für die, die an jenem Tag ihr Leben ließen, noch für die zahllosen Millionen, die ihnen in den nächsten Jahrzehnten in das Grab folgten. Das ist Schostakowitschs Auffassung über 1905 aus der Warte von 1957.

Mehr als verdienter Jubel des Publikums in der fast voll besetzten Georg-Friedrich-Händel-Halle für das hochkarätig musizierte Symphoniekonzert der Staatskapelle Halle und ihren GMD Josep Caballé-Domenech, dass  ihre besondere Leistungskraft für große  symphonische Werke damit wieder einmal nachdrücklich unter Beweis gestellt hat. Damit  kann es mit benachbarten Weltklasseorchestern beachtlich gut konkurrieren.

Theater und Orchester Halle – Karten Hier
Karten Kaufen

Halle, Oper Halle, Anna Bolena von Gaetano Donizetti, IOCO Kritik, 06.11.2017

November 7, 2017  
Veröffentlicht unter Händel Halle, Hervorheben, Konzert, Oper

halle.jpg

Theater und Orchester Halle

Oper Halle © Falk Wenzel

Oper Halle © Falk Wenzel

Anna Bolena von Gaetano Donizetti  

Opulentes konzertantes Sängerfest

Von Guido Müller

Die 1830 in Mailand uraufgeführte Tragedia  lirica um die historisch bekannte Geschichte der unglücklichen Anna Bolena, Ehefrau König Heinrichs VIII., ihre Rivalin Giovanna Seymour (hier wird die italienische Schreibweise benutzt) und den ehemaligen Geliebten Lord Riccardo Percy von Gaetano Donizetti machte den italienischen Komponisten nach 34 Opern mit einem Schlag weit über sein Heimatland berühmt.

Oper Halle / Anna Bolena in der Ulrichskirche in Halle © Falk Wenzel

Oper Halle / Anna Bolena in der Ulrichskirche in Halle © Falk Wenzel

Die Titelrolle war der damaligen italienischen Primadonna assoluta Giuditta Pasta in die Stimme geschrieben, die für ihren Soprano sfogato, einen Sopran mit  Mezzotimbre und profilierten tiefen Registern berühmt war. Nachdem die Oper zu den beliebtesten des 19. Jahrhunderts gehörte, geriet sie Jahrzehnte bis 1957 in Vergessenheit, als Maria Callas in der Titelrolle in einer Inszenierung von Luchino Visconti an der Mailänder Scala das Werk wieder zum Leben erweckte. Durch diese beiden Interpretinnen war die Messlatte hoch gelegt und zum Beispiel  die große Koloratursopranistin Edita Gruberova hat die  Rolle später verkörpert. Ein Opernhaus kann nur wagen, diese hochdramatische Belcanto-Oper auf den Spielplan zu setzen, wenn ihr  Ensemble über eine solche Sängerin verfügt, der nicht nur die Belcanto-Stimmtechnik sondern auch der hoch-dramatische expressive Ausdruck  perfekt zu eigen ist.

Das Opernhaus Halle verfügt mit der vielfach ausgezeichneten Kammersängerin Romelia Lichtenstein über eine solche Ausnahmesopranistin, die an vielen Händel- und Mozart-Rollen gereift ebenso das hochdramatische Fach Puccinis und des Verismo beherrscht. Romelia  Lichtenstein steht wie der Sängerin der Uraufführung nicht nur die stupende Koloraturfähigkeit sondern ebenso bruchlos das warme Mezzoregister und sonore tiefe Stimmregister zur Verfügung. Damit glänzt sie in dieser konzertanten Aufführung der Oper in der Konzerthalle der Ulrichskirche mit ihrer heiklen Akustik und lässt das Publikum  gebannt den Atem anhalten in ihren großen Szenen wie Ensembles.

Oper Halle / Anna Bolena - hier Romelia Lichtenstein ist Anna Bolena © Falk Wenzel

Oper Halle / Anna Bolena – hier Romelia Lichtenstein ist Anna Bolena © Falk Wenzel

Opulenz ist das Leitthema dieser zweiten Spielzeit der Intendanz  von Florian Lutz und seinem Team am Opernhaus Halle. Und stimmliche wie orchestrale Opulenz der großen italienischen Belcanto-Oper unter der meisterhaften musikalischen Leitung des ersten Kapellmeisters Michael  Wendeberg, der in der letzten Spielzeit in Halle bereits bravourös mit seinem Dirigat der Uraufführungsoper Sacrifice nachdrücklich hat aufhorchen lassen, bietet diese konzertante Aufführung wahrlich in verschwenderischer Fülle. Wendeberg entfesselte mit der glänzend disponierten Staatskapelle Halle, dem Chor der Oper Halle und den ausnahmslos auch in denkleinen Rollen herausragenden Solisten ein italienisches Opernfest der Spitzenklasse, wie ich es in Halle lange nicht erlebt habe.

Bereits im orchestralen Vorspiel lässt die Staatskapelle aufhorchen durch die präzisen dynamischen Steigerungen und Kantilenen der betörend klingenden Holzbläser wie später die Staunen erweckenden, überaus exquisit und tonsicher spielenden Hörner, die von Birgit Kölbl angeführt werden. Zugleich versteht Wendeberg es die Generalpausen  auskostend effektvolle Spannungsbögen und Kontraste aufzubauen, indem ihm willig der vollendet singende Herrenchor und Damenchor folgen.

Fast alle Rollen sind mit Mitgliedern des Hauses besetzt. Lediglich den Pagen Smeton singt die junge Mezzosopranistin Yulia Sokolik als Gast, die sofort zu Beginn der Oper mit der harfenbegleiteten Romanze „Deh! non voler costringere“ gefangen nimmt, die sie in einem äußerst edlen bernsteinfarbig timbriertem Legato gestaltet. Nach der von den duftig  leicht spielenden Holzbläsern und vornehmen Hornsolo auf einem samtigen Streicherteppich eingeleiteten späteren Szene „Tutto è deserto“ erhält Yulia Sokolik für ihre warme, perfekt ausdrucksstark und offen gesungene Kantilene spontanen Szenenapplaus des Publikums. Von dieser Mezzosopranistin werden wir sicher noch öfter hören.

Der zweite Gast im Ensemble ist Konstantinos Latsos als Lord  Riccardo Percy, der nicht nur durch sein sympathisches Auftreten sondern vor allem gleich mit seinem geschmackvoll schlank und zugleich kraftvoll gesungenen Tenor für sich einnimmt, mit dem er auch die Spitzentöne seiner Partie und strahlende Strettas beherrscht. Zu einem Höhepunkt der Aufführung gestaltet er im zweiten Akt das zauberhafte Terzett „Fin dall’età più tenera“ mit Romelia  Lichtenstein und dem Bass Ki-Hyun Park als Enrico VIII.

Ki-Hyun Park überragt für mich an diesem Abend sowohl durch ausgefeilte Stimmkultur, packendste Italianità, Spielfreude in Mimik und Gestik wie seine große psychologisch ausgefeilte Charakterstudie des zerrissenen, zweifelnden und brutalen Königs Heinrich VIII. alle anderen Darsteller. Park lässt keinen Moment die fehlende szenische Umsetzung vermissen. Daher erhält er am Ende verdiente Ovationen des Publikums.

Oper Halle / Anna Bolena - hier links Ki Hyun Park als zweifelnder Heinrich VIII. und Du Wang als Signor Harvey © Falk Wenzel

Oper Halle / Anna Bolena – hier links Ki Hyun Park als zweifelnder Heinrich VIII. und Du Wang als Signor Harvey © Falk Wenzel

Die zweite Krone der darstellerischen und gesanglichen Verkörperung aus dem Ensemble der Oper Halle verdient an diesem Abend des Belcanto-Festes SvitlanaSlyvia für ihre vom König als Nachfolgerin Anna Bolenas erwählte Hofdame Giovanna Seymour. Ihr großes dramatisches Duett mit der Konkurrentin um die königliche Liebe Romelia LichtensteinDal mio cor punita io sono“ zu Beginn des zweiten Aktes war für mich die packendste und expressivste Szene des Abends mit der höchsten musikdramatischen Wahrheit. Perfekt harmonieren die  kostbaren Stimmen mit Mezzofärbung. Ähnlich ideal abgestimmt harmoniert  sie mit dem Enrico des Ki-Hyun Park im Duett.

Hier bewährt sich das warme tief empfundene Legato und die leicht ohne jede Schärfe und störendes Vibrato geführte Stimme der Ausnahme-sängerin und perfekten Belcanto-Darstellerin Romelia Lichtenstein, die zudem über eine beseelte Koloraturtechnik verfügt. Ihre Spitzentöne dienen ausschließlich der musikdramatischen Expression und nie hohler Stimmartistik. Ihre berühmte Wahnsinnsszenemit konzertierender Flöte und Oboe kurz vor dem Ende der Oper singt sie mit schwebender Höhe auf anrührendste Weise.

Vladislav Solodyagin gestaltet die wenig dankbare Rolle des Lord Rochefort stimmschön und ausdrucksstark. Das gilt auch für die kleine Rolle des Signor Harvey, der Du Wang als Gast ein stimmschönes Profil verleiht.

Alle Freunde großer italienischer Belcanto-Oper sollten auf keinen Fall die dritte Gelegenheit in Halle verpassen, diese hochdramatische Oper in dieser exquisiten Besetzung zu erleben. Die Leistung des Ensembles und der Staatskapelle verheißt bereits viel für die italienische Opernwoche am Opernhaus Halle im Frühjahr 2018 mit dem Höhepunkteiner neuen Inszenierung von Giuseppe Verdis Aida.

Das beglückte Publikum in Halle dankt am Ende den Musikern dieser zweiten Vorstellung mit zigfachen Bravorufen, Ovationen, Getrampel undStanding ovations.

Achtung:    Nächste und letzte Vorstellung am 8.11.2017 in der Konzerthalle Ulrichskirche Halle (Saale)

Theater und Orchester Halle –  Karten Hier
Karten Kaufen

Halle, Georg-Friedrich Händel Halle, Gustav Mahler – Auferstehungs-Sinfonie, IOCO Kritik, 24.06.2017

Händel Halle in Halle, der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels © Haendelhalle

Händel Halle in Halle, der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels © Haendelhalle

Auferstehungs-Sinfonie von Gustav Mahler
Die  Staatskapelle Halle  und Josep Caballé-Domenech

Große Mahler Orchester-Symphonie mit hinreißenden Sängern 

Von Guido Müller

Gustav Mahler Ehrung in Hamburg © IOCO

Gustav Mahler Ehrung in Hamburg © IOCO

Am 19.6.2017 fand der Georg-Friedrich-Händel-Halle, in Halle, der Händelstadt an der Saale, ein grandioses Konzerterlebnis mit Mahlers 2. Sinfonie, Auferstehung, statt. Das in allen Instrumentengruppen (alleine 10 Hörner und 8 Trompeten) phänomenal aufspielende anhaltische Orchester, die Staatskapelle Halle, traf auf zwei überirdisch schön singende Sängerinnen (Katharina Konradi und Susan Platts) und zwei tolle sächsische Chöre aus Dresden (Philharmonischer Chor der Dresdener Philharmonie) und Leipzig (Konzertchor Leipzig), beide unter Leitung von Gunter Berger, unter der hinreißenden, klug strukturierenden musikalischen Gesamtleitung des katalanischen Generalmusikdirektors Josep Caballé-Domenech. Es wurde zu einem grandiosen grenzüberschreitenden Konzerterlebnis!

Josep Caballe Domenech © Falk Wenzel

Josep Caballe Domenech © Falk Wenzel

2006 wurde die Staatskapelle Halle durch Zusammenschluss des Philharmonischen Staatsorchesters mit dem Orchester des Opernhauses Halle gegründet. In der Spielzeit 2015/16 feierte die Staatskapelle Halle ihr zehnjähriges Jubiläum und erhielt vom Deutschen Musikverleger-Verband den Preis für das beste Konzertprogramm der aktuellen Saison. Bereits 2014 hatte der neue GMD Domenech, Chefdirigent der Staatskapelle Halle und Oper Halle am Ende der Saison mit Gustav Mahlers gewaltigem Chor- und Orchester-Frühwerk Das klagende Lied sein Orchester und das Publikum in die Sommerpause entlassen.
Schon vor drei Jahren stand das Orchester unter dem Druck starker Kürzungen und Stelleneinsparungen. Auch drei Jahre später hängt dieses Damoklesschwert erneut über dem vorzüglichen Klangkörper in Halle. Doch stolz und mit demonstrativem Leistungswillen feierten nun zum Ende der glänzenden Saison 2016/17 alle Beteiligten und das begeisterte Publikum in zwei Konzerten mit Mahlers Hymnus an die umfassende Liebe die Auferstehung und ließen damit das frühe Klagelied hinter sich.

Dabei machten alle deutlich, wie wichtig ein unversehrter großer Klangkörper für die Aufführung solcher stark besetzten symphonischen Werke seit Ende des 19. Jahrhunderts ist. Im ersten Konzert dieser Saison 2016/17 hatte die Staatskapelle bereits mit Dmitri Schostakowitschs Sinfonie Nr. 8 c-Moll unter Domenech eindrucksvoll ihre Qualitäten als großer Klangkörper präsentiert. Ähnlich galt dies für Bruckners 8. Sinfonie in c-moll und Saint-Saens Orgel-Sinfonie in c-moll in weiteren Sinfoniekonzerten in Halle. So entwarf die kluge und spannende Konzertdramaturgie in Halle einen Bogen über die bedeutenden großen spätromantischen c-moll-Sinfonien seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert.

In Mahlers Auferstehungs-Sinfonie nun stimmte Domenech von Anbeginn an den Ton der oft weichen, geradezu mediterran-hellen Hingabe und romantischen Liebeserfüllung an, bürstete das Werk nicht auf einen herben und zerklüftet düsteren Vorläufer der expressionistischen und atonalen Moderne sondern betonte eher die reiche Klangfarbigkeit und Individualität Mahlers. Dadurch wirkten die unbändigen Verzweiflungsausbrüche und emotionalen Energieexplosionen im Riesenorchester unter schärfsten Bläser- und Schlagwerkseinsätzen nur um so existentieller und intensiver. Zugleich habe ich nach den Eruptionen des ersten Satzes (ursprünglich Totenfeier betitelt) den zweiten Satz, das erste der drei Intermezzi innerhalb der Symphonie, mit der Anweisung „Andante comodo. Sehr gemächlich. Nicht eilen“ noch nie so leicht, so duftig und entrückt von einem Orchester spielen gehört. Zutiefst ergreift dann der Moment des Einsatzes der menschlichen Stimme mit der Mezzosopranistin Susan Platts, die international als große Mahler-Interpretin geschätzt wird, am Anfang des vierten Satzes: „Oh Röschen roth!“. In ihrer Diktion mit perfekt und schlicht geführter Gesangstimme und einer in Mahlers Sinfonien äußerst seltenen Wort-Verständlichkeit berührte dieser vom Orchester unbegleitete Einsatz der menschlichen Stimme zutiefst. Susan Platts Mentorin Jessye Norman wäre stolz auf deren Auftritt gewesen.

Staatskapelle Halle © Falk Wenzel

Staatskapelle Halle © Falk Wenzel

An dem Werk hatte Mahler immerhin sieben Jahre gearbeitet und es sollte ihm nach der Uraufführung 1895 in Berlin das große Unverständnis der Zeitgenossen und auch Kollegen einbringen. Auch heute noch stellt die Sinfonie sehr hohe Anforderungen an alle Beteiligten, denen die Staatskapelle Halle, die Solistinnen und beide Chöre glänzend gerecht wurden. Zu Recht hob der Dirigent beim Schlussapplaus nicht einzelne Solisten des Orchesters hervor, da alle sowohl in den Soli wie ihren Gruppen Hervorragendes boten. Aber auch das Publikum lauschte den gut anderthalb Stunden der Symphonie fast durchweg in atemloser Stille, wie es selten in einem Mahlerkonzert zu erleben ist.
Einen großen Anteil daran hat der sich gänzlich in den Dienst des Werks stellende, unprätentiöse Chefdirigent Josep Caballé-Domenech. Er verstand es klug über das große Werk hinweg von den ersten Takten der leidenschaftlich auffahrenden Anfangsgeste in den Bässen einen Riesenspannungsbogen bis zum Triumphfinale zu schaffen. Über dieses unbeschreiblich hymnische Finale einschließlich Orgeleinsatz hatte Mahler 1901 an seine Verlobte Alma Schindler geschrieben: „Ein allmächtiges Liebesgefühl durchleuchtet uns mit seligem Wissen und Sein„. Diesem Gefühl verliehen alle Künstler zur Ergriffenheit des dankbaren Publikums wahren musikalischen Ausdruck. So blieb es am Schluß zunächst furchtsam still im Saal, bis der Dirigent das Zeichen zum Ende gab. Tosender Beifall.

Theater und Orchester Halle – Karten Hier :
Karten Kaufen