
Kritik
Theater Hagen
Carlisle Floyd “Susannah“
Premiere am 17.03.2012
Berührendes Musikdrama

Spricht man in Europa von amerikanischer Oper, fällt fast ausschließlich der Name George Gershwin und der seiner Oper “Porgy and Bess“. Bernstein, Barber, Menotti und Glass sind einigen bekannt. Aber kaum jemand kennt Namen anderer amerikanischer Opernkomponisten und deren Werke. Blitzstein, Hanson, Thomson, Cátan und Floyd bereiten großes Achselzucken.

Sehr erfreulich ist es, dass sich kleinere Häuser als Schatzgräber betätigen, wie das Theater Hagen, das schon seit einigen Spielzeiten um Werke amerikanischer Komponisten bemüht ist. William Bolcoms “A View from the Bridge“ kam 2003 heraus, “Salsipuedes“ von Daniel Catán im April 2009. Kurt Weill`s ”Street Scene” war im Herbst 2009 zu erleben. In der Spielzeit 2010/11 stand André Previns “Endstation Sehnsucht“ auf dem Spielplan.
Jetzt wurde die die Serie fortgesetzt mit Carlisle Floyds 1955 uraufgeführten, zweiaktigen Oper “Susannah“, und, um es vorwegzunehmen, es wurde ein ganz großer Erfolg. Floyds Musikdrama versetzt die aus dem Alten Testament stammende Geschichte der “Susanna im Bade“ in die Südstaaten der USA, nach Tennessee, in die Zeit der bigotten, heuchlerischen McCarthy-Ära.
Die junge, naive, allzeit freundliche Susannah lebt mir ihrem trunksüchtigen Bruder in einem Dörfchen im puritanisch geprägten Süden. Ihre Tugenden werden ihr zum Verhängnis. Sie ist Verleumdungen und Gerüchten ausgesetzt.
Als sie dann beim morgendlichen Bade im nahen Fluss von vier alten Männern der Dorfgemeinschaft beobachtet wird, ist ihr Ruf ganz dahin.
Ein durchziehender Wanderprediger, der eine Erweckungsszene veranstaltete, wird beauftragt, Susannah dazu zu bringen, ihre “Verfehlungen“ öffentlich zuzugeben. Doch er vergeht sich an ihr. Auch Bat McLean, der unschuldige, etwas tumbe Nachbarssohn wird zu einem falschen Zeugnis gegen Susannah gezwungen. Als sie sich weigert, ist ein tragisches Ende vorgezeichnet.
Floyd findet zu dem Werk, das sich in zehn Szenen gliedert, eine sehr farbige Musik. Elemente des Square Dance, Gospels und Choräle werden in ihr verarbeitet. In einigen ariosen Abschnitten von Susannahs Gesängen, wenn sie zum Beispiel die Schönheit der Nacht besingt, meint man Anklänge an Puccini und Debussy zu hören.
Roman Hovenbitzer hat das Werk in Szene gesetzt, stringent, verständlich und mit einer sehr beeindruckenden Personenführung. Zusammen mit seinem Ausstatter Jan Bammes, dessen verblüffend einfaches Bühnenbild schnellen Umbau der zehn Szenen gewährleistet, gelang ihm eine spannende, musikdramatische Realisierung mit viel Raum für die individuelle Entfaltung aller handelnden Personen.
Es spricht für die Personalpolitik der Hagener Intendanz, dass so gut wie keine Gäste verpflichtet werden brauchten. Alle Rollen wurden aus dem eigenen Ensemble besetzt.
Ganz großartig und anrührend war die junge Amerikanerin Jaclyn Bermudez in der Titelpartie. Die Sängerin, die aus dem Opernstudio der Deutschen Oper am Rhein hervorgegangen ist, verfügt nicht nur über einen strahlenden, höhensicheren Sopran, sondern auch über ein ausgeprägtes darstellerisches Talent.
Mit kräftigem Tenor sang Charles Reid den Sam, ihren Bruder, und überzeugte auch darstellerisch. Ein fabelhafter Singschauspieler ist Rainer Zaun, der den zwielichtigen Prediger intensiv in Gesang und Spiel interpretierte.
Stimmlich und darstellerisch ganz im Einklang mit der Rolle, der sympathische Jeffery Krueger als Little Bat MacLean.
Selbst die kleinste Rolle war optimal ausgefüllt. Fabelhaft, die von Wolfgang Müller-Salow einstudierten Chöre.
Die musikalische Leitung hatte Bernhard Steiner, der 1. Kapellmeister des Hauses. Steiner begleitete mit großer Sensibilität die Sänger und animierte mit ausgeprägtem Feeling für diese Musik, das wirklich makellos disponierte Orchester zu einer unüberhörbaren Brillanz.
Das Publikum im nahezu ausverkauften Haus war begeistert und feierte das spannende, berührende Werk sowie alle Mitwirkenden mit herzlichem Applaus.
IOCO / UGK / 17.03.2012