Göttingen, Händel-Festspiele, Wunderbare Barockrarität – Lotario, IOCO Kritik, 25.05.2017

Mai 25, 2017  
Veröffentlicht unter Händel-Festspiele, Hervorheben, Kritiken, Oper

Händel Festspiele Göttingen

 Deutsches Theater Göttingen © Händel-Festspiele Göttingen

Deutsches Theater Göttingen © Händel-Festspiele Göttingen

Die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen wurden 1920 ins Leben gerufen und sind eines der ältesten Festivals für Barockmusik weltweit. Die Händel-Festspiele sind fest mit der Stadt Göttingen verwurzelt und begeistern Musikfreunde jeden Alters und Neugierige, die einfach das Festspiel-Ambiente genießen möchten.


„Machtkämpfe und Liebesleiden im Barockmuseum“

 Lotario von Georg Friedrich Händel 

Internationale Händel-Festspiele Göttingen im Deutschen Theater 

Von Guido Müller

Die 1729 in London uraufgeführte Oper Lotario von Georg Friedrich Händel zählt weder zu seinen Lebzeiten noch heute zu seinen häufig gespielten Werken. Dies mag an der Titelrolle des wenig heldenhaften und in die Oper wie ein liebestoller Amor stolperndern deutschen Königs Lothar (Lotario) liegen. Ursprünglich dreht sich die Handlung um die Kriege und Hochzeitpläne des deutschen Kaisers Otto in Oberitalien. Doch da Händel dem erfolgsverwöhnten, aber der italienischen Oper müde gewordenen Londoner High Society Publikum bereits einen erfolgreichen Ottone geboten hatte, wurde während der Komposition der Titelheld und Opernname einfach abgeändert.

Da die vorhergehende Operncompany pleite gegangen war und die Gesangsstars wieder nach Italien abgereist, musste sich Händel auf einer Italienreise 1729 neue Sänger einkaufen. Dabei schnappte er sich dort auch sogleich den neuen Opernstoff mit auf. Möglicherweise lag es auch an diesen noch unbekannten Sängern, das das Werk in London keinen Erfolg hatte, obwohl es nach Ansicht zeitgenössischer Kenner voller schönster und anspruchsvollster Musik steckte. Händels Freunden schien es sogar zu sorgfältig gearbeitet für die damals bereits an die populäre Beggar’s Opera gewöhnten Ohren des Londoner Publikums. Die Sängerin der weiblichen Hauptrolle der die Handlung vorantreibenden Adelaide Anna Strada del Pò sollte in den kommenden Jahren der neue weibliche Star in den Opern und Oratorien Händels werden.

Da die Internationalen Opernfestspiele Göttingen unter ihrem Geschäftsführer Tobias Wolff und ihrem musikalischen Leiter Laurence Cummings (seit 2012, bereits seit 1999 Leiter des London Handel Festival) sich zum Ziel gesetzt haben, dass die ältesten Händel-Festspiele bis 2020 sämtliche Opern Händels gezeigt haben, verdanken wir dem Festival nun die erste szenische Wieder-Aufführung dieses Werkes seit 1729. Wieviel dramatischer Stoff und musikalischer Reichtum in dieser Oper stecken machen der venezolanische Regisseur Carlos Wagner, der bereits an renommierten Opernhäusern reüssierte, und Laurence Cummings mit ihren durchwegs vorzüglichen, oft noch sehr jungen SängerInnen und dem 2006 aus SpezialistInnen der historischen Aufführungspraxis gegründeten FestspielOrchester Göttingen auf fesselnde Weise deutlich.

Händel Festspiele Göttingen / Lotario - Ursula Hesse von den Steinen - Matilde, Marie Lys - Adelaide, Jorge Navarro Colorado - Berengario © Alciro Theodoro da Silva

Händel Festspiele Göttingen / Lotario – Ursula Hesse von den Steinen – Matilde, Marie Lys – Adelaide, Jorge Navarro Colorado – Berengario © Alciro Theodoro da Silva

Im Mittelpunkt der im 10. Jahrhundert in Oberitalien spielenden Oper steht zu Beginn das Königspaar Berengario (mit strahlendem und koloraturursicheren Tenor Jorge Navarro Colorado) und die machthungrige Intrigantin Matilde (mit starker Bühnenpräsenz und erfahrenem sicheren Mezzosopran Ursula Hesse von den Steinen). Ihr Sohn Idelberto (im Spiel und Stimme zutiefst berührender und technisch perfekter Countertenor Jud Perry) liebt Königin Adelaide von Pavia (der in der Attacke und im Lyrischen feine Koloratursopran Marie Lys). Deren Mann wird – in dieser Inszenierung während der Ouvertüre vor allen Augen – von Matilde vergiftet, um den Weg zur Hochzeit ihres Sohnes Idelberto mit Adelaide und damit auf den zukünftigen Thron beider vereinten oberitalienischen Reiche frei zu machen. Der machthungrigen Intrigantin Matilde, die wahrsten Sinne des Wortes die Hosen anhat, zur Seite steht Clodomiro (der schwarze und stimmlich auch in den schwierigsten Koloraturen gestochen scharf singende Bariton Todd Boyce).

Wie in einem düsteren spanischen Hofdrama spielt die Oper in einem Bühnenbild, das umgeben ist von schweren goldenen Barockrahmen, mit ganze Wände ausfüllenden kriegerischen Gemälden voller Feuersbrünsten und Geheimtüren, und mit einem Gerüst wie in einer riesigen Künstlerwerkstatt oder einem Barockmuseum (einheitliches und oppulentes, variables Bühnenbild Rifail Ajdarpasic). Wer will kann darin auch eine augenzwinkernde Anspielung auf die zunehmenden historisierenden Inszenierungen von Händel-Opern sehen. Der Strippenzieher Clodomiro stellt in diesem Rahmen die unheimliche, stets dem Verbrechen dienstbare klerikale Figur mit großem Brustkreuz und langem Rock an der Seite Matildes dar, der beim Machtwechsel ebenso leicht die Fronten wechselt.
In dieses düstere barocke Kammerspiel vor kriegerischem Hintergrund tritt unvermittelt der Titelheld Lotario wie eine silbrig-ätherische Lichtgestalt mit langem welligen Haar aus einer anderen Welt (wunderschöne Kostüme Ariane Isabell Unfried). Zart und lyrisch gesungen von der jungen Mezzosopranistin Sophie Rennert ist zunächst unklar, warum Lotario ausgerechnet Adelaide liebt, die er noch gar nicht kennt und vom Tode deren Ehemanns er auch noch nichts weiß – wenn es nicht dasselbe Machtstreben um die Herrschaft in Italien ist wie bei Matilde. Mit angedeuteten barocken Tanzgesten schwebt er oder besser gesagt sie, denn das Androgyne dieser Partie wird noch dadurch gesteigert, dass eine Sängerin die Hosen-Rolle verkörpert, immer wieder wie ein Schmetterling oder ein Geist Amors durch die Oper.

Wie eine Hamlet-Gestalt, traumatisiert von diesem machtlüsternen Treiben der Eltern und der Ermordung des Rivalen durch die eigene Mutter, im weißen Rüschen-Gewand mit langen wirren blonden Strähnen wird zunehmend Idelberto im Ränkespiel der Eltern und des kaiserlichen Gegners und Rivalen Lotario gefesselt.
Dafür findet Carlos Wagner, der als Filmschauspieler in der Regiewerkstatt von Ruth Berghaus seine Liebe zur Opernregie entdeckte, großartige simple und zugleich packende Bilder und Symbole: sei es das immer wieder variierte Spiel mit den Seilen, ein prächtiger barocker Brokatvorhang, der kurz hervorgezogen wird, ein das Licht ins Gesicht grell zurück werfender Spiegel oder das Anzünden und Löschen von Kerzen und vor allem ein tief in die Psychologie der Figuren eindringendes Spiel. (Stark pointiert durch das Lichtdesign von Guido Petzold).
Von den vielen Höhepunkten dieser ausgefeilten Personenführung seien nur zwei Szenen hervorgehoben: am Ende des zweiten Aktes singt Lotario in seiner in aussichtsloser Notlage für sich Trost suchenden großen Arie davon, wie dem Pilger in düsterer Nacht die schöne aufsteigende Morgenröte Hoffnung verspricht. Seine gefangene Geisel Idelberto, Sohn der Gegenspielerin Matilde, hängt dabei wie der Gekreuzigte im Gerüst gebunden in den Seilen, während er mit ausgestreckten Armen auf dem Boden liegend ein Kreuz bildet. Carlos Wagner lässt nun in einem genialen Einfall den letzten Wiederholungsteil der von Sophie Rennert gestalteten Arie vom Countertenor Jud Perry zu Ende singen.

Händel Festspiele Göttingen / Lotario - Sophie Rennert - Lotario, Jud Perry - Idelberto © Alciro Theodoro da Silva

Händel Festspiele Göttingen / Lotario – Sophie Rennert – Lotario, Jud Perry – Idelberto © Alciro Theodoro da Silva

Jud Perry vermag es den seelischen tiefen Ausdruck dieser großen Arie wie in seinen drei anderen Arien der Oper stimmlich stark berührend so gut fort zu setzen, dass er damit für mich nicht nur durch seine stets das Mitgefühl weckende Darstellung sondern auch durch seine zutiefst berührende Countertenorstimme zur heimlichen Hauptfigur dieser Oper der vielen schmerzlichen Zwischentöne wird. Ein zweiter Höhepunkt der Regie und damit nicht zu trennenden Stimmkunst der Sänger-Darsteller ist die große Reuearie des Berengario im dritten Akt, in der Jorge Navaro Colorado mit atemberaubender Beherrschung der Koloraturen, größter stimmlicher Differenzierung und tenoraler Charakterisierungskunst die Hinfälligkeit seiner Opernfigur choreografisch umsetzt. (Choreografie Alexander Fend)

Nach diesem düsteren Kampf um Macht und Liebe vor kriegerischer Kulisse traut die Inszenierung kaum dem Liebesduett vom in Stürmen errungenen Frieden und der vom Chor verkündeten Schluß-Botschaft „Denn regieren darf allein, wer gerechtes Verlangen nach großer Tugend im Busen hegt“. Wir sehen hingegen, wie Matilde dem neuen Herrscher Lotario auf dem Thron den Giftbecher reicht, während der Vorhang sich schließt.

Zu Recht danach tobender Beifall und Bravos des Publikums für alle Sänger und Sängerinnen und die souveräne, routinierte musikalische Leitung von Laurence Cummings und für das FestspielOrchester Göttingen.

Das Festival dauert noch bis zum 28.5.2017. Weitere Vorstellungen des Lotario am 24., 26. und 28.5.2017. 2019 nimmt das Theater Bern die Produktion auf. Vom 10. – 21.5.2018 stellen die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen die Oper Arminio in den Mittelpunkt.