Frankfurt, Oper Frankfurt, Ernst Krenek – Drei Opern, IOCO Kritik, 19.05.2017

Mai 19, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Oper Frankfurt

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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Die drei Opern von Ernst Krenek an der Oper Frankfurt
„Von Diktatoren und Blondinen“

Von Ljerka Oreskovic Herrmann

Die drei Opern – Der Diktator, Schwergewicht oder Die Ehre der Nation und Das Geheime Königreich – wurden 1928 unter der Leitung von Joseph Rosenstock in Wiesbaden uraufgeführt, an der Oper Frankfurt dagegen wurde dieses Triptychon zum ersten Mal gezeigt. Die ursprüngliche Abfolge der Stücke hat David Hermann, der Regisseur der Frankfurter Inszenierung, geändert: das mittlere Stück setzte er an den Schluss, was dem Ganzen ein emotionales und versöhnliches Ende gibt. Bei Krenek, der auch das Libretto verfasste, geht die Machtmaschinerie unaufhaltsam weiter.

Oper Frankfurt / Der Diktator Sara Jakubiak als Maria - Davide Daminani als Diktator © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Der Diktator Sara Jakubiak als Maria – Davide Daminani als Diktator © Barbara Aumueller

Der Diktator

Das Bühnenbild erinnert an die Entstehungszeit des Stückes, die Epoche des Art Déco, auch die Kostüme deuten in diese Richtung: Ein nobles Grandhotel am Genfer See, in dem, so Ernst Krenek, „eine blutige Episode aus dem Privatleben eines dem Duce-Typus nachgebildeten Charakters“ geschildert wird. Der Diktator – ein grandioser Davide Damiani – wartet auf den Abgesandten eines kleineren Landes, um diesem den Krieg zu erklären. Charlotte, die blonde und agile Diktatorengattin, wird von Eifersucht geplagt und versucht ihren Mann vom geplanten Kriegsgang und seinen amourösen Abenteuern abzuhalten. Es wird schiefgehen, denn es gibt noch andere Hotelgäste, wie den Offizier und seine Frau Maria. Dieser vom Giftgas erblindete Offizier erzählt Maria von den Schrecknissen des Krieges. Erschüttert schwört sie, sich dafür am Diktator zu rächen. Sie sucht ihn auf, und es folgt ein verbaler Kampf, in dem Maria dem „Charme“ des Diktators fast erliegt, als Charlotte, die die Szene heimlich beobachtet hat, schießt. Sie trifft jedoch nicht ihren Mann, sondern Maria. Der dazu gekommene blinde Offizier wird auf seine Frage: „Maria, hast Du’s getan?“, keine Antwort mehr erhalten.
Vincent Wolfsteiner verleiht der Figur des blinden Offiziers eine vokale Präsenz, die die Versehrtheit an Leib und Leben unterstreicht. Sara Jakubiak, als seine Frau Maria, ist vokal und darstellerisch sehr überzeugend – ihr Schrecken über die Kriegsschilderungen ihres Mannes ist echt. Echt ist auch die emotionale Achterbahn von Charlotte, einer künstlich blondierten und aufgeputzten Frau, der am Ende nur noch die (unsinnige) Verzweiflungstat bleibt. Juanita Lascarros ausgezeichnete Darbietung stellt ihre Figur nie bloß, sondern verleiht der tragischen Rolle eine gewisse Würde.

Oper Frankfurt / Schwergewicht oder.. v.l.n.r. Davide Damiani Der Diktator - Barbara Zechmeister als Evelyne -Michael Porter als Gaston - Simon Bailey als Adam Ochsenschwan - Statisterie © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Schwergewicht oder.. v.l.n.r. Davide Damiani Der Diktator – Barbara Zechmeister als Evelyne -Michael Porter als Gaston – Simon Bailey als Adam Ochsenschwan – Statisterie © Barbara Aumueller

Schwergewicht oder die Ehre der Nation

Das kürzeste Stück ist eine burleske Operette, alte Filmpossen erweckend, in der es um „Schwergewichte“ der anderen Art geht. Wieder ist eine blonde Frau im Spiel, Erotik und Macht sind auch hier die beiden Pole, was als Spiel im Spiel präsentiert wird. Nur diesmal ist es ein Mann, der Meisterboxer Adam Ochsenschwanz, den die Eifersucht umtreibt. Seinem Drama wohnt der Diktator nebst Entourage als Publikum etwas weiter unten auf der Bühne sitzend bei. Ochsenschwanz weiß um die Untreue seiner blonden, schrill gekleideten und frivolen Frau, die immer wieder mit dem Tanzmeister Gaston zugange ist. Noch jubelt der Diktator über diese Farce, doch als er entdeckt wird, versucht ihn die Truppe auf ihre kleine Bühne zu holen. Anna Maria Himmelhuber, die Tochter von Professor Himmelhuber, der den Boxer mit einer Ehrendoktorwürde auszeichnen will, soll als Lockvogel dienen, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen – es gelingt, er wird in einem Austronautenmobile zur Strecke gebracht, nicht ohne zuvor vom Regierungsrat die Auszeichnung „Ehre der Nation“ erhalten zu haben. Am Ende kracht es gewaltig, denn Adam Ochsenschwanz hat tatsächlich Sprengstoff in der Hand.
Simon Bailey ist in jeder Hinsicht ein wundervoller Ochsenschwanz, und weiß in Barbara Zechmeister als blonde, tanzerprobte Gattin Evelyne eine ebenso mitreißende Partnerin an seiner Seite. Michael Porter ist ein geschmeidiger Gaston, Ludwig Mittelhammer ein herrlich unbeholfener Professor Himmelhuber, Nina Tarandek die naiv-verführerische Anna Maria Himmelhuber und Michael McCown überzeugt als Journalist bzw. Regierungsrat.

Oper Frankfurt / Das geheime Koenigreich © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Das geheime Koenigreich © Barbara Aumueller

Das geheime Königreich

Mit einer lyrischen Märchenoper en miniature endet der Abend: Ein Zauberwald wird uns dargeboten, in dem die Protagonisten herumirren, um am Ende doch zu einem hoffnungsvollen Schluss zu gelangen. Bis es soweit ist, gibt es ein auf zwei Stockwerke geteiltes, reichlich ramponiertes Haus – hat Ochsenschwanz’ Sprengstoff das Dach weggesprengt? – zu sehen, und den tiefen Fall eines Monarchen – nur ein anderes Wort für „Diktator“. Wie es sich gehört, taucht auch ein Narr auf, der nur in diesem Stück eine Rolle hat, aber wie eine Art Conférencier zuvor die vorhergehenden Spielorte ansagte. Der König verliert seinen Kronreif an ihn, weil er sein Rätsel nicht lösen kann, die „blonde“ Königin giert danach, verliebt sich aber in den gefangenen Rebellenführer, der ebenfalls von diesem Reif träumt. Nun soll dem Narren ebendieser mit Hilfe der drei Damen – die drei Zauberflöten-Damen „winken“ freundlich über die Jahrhunderte – mit vergiften Wein verführt werden, doch dieser wirkt nicht. Erst beim Kartenspiel verliert er die Krone an die Königin, die daraufhin den gefangenen Rebell freilässt; prompt stürmen die anderen das Gebäude, dem König gelingt im Narrenkleid die Flucht in den Zauberwald. Auch der Rebell gelangt dorthin, doch bei dem Versuch, der Königin den Kronreif abzunehmen, verwandelt sie sich – sie trägt ja ein grünes Ritterkostüm – in einen Baum. Die Rebellen erkennen den König nicht und lassen ihn leben, dieser findet endlich seine Erfüllung in der Natur, die nun sein Reich wird. Und weil es ein Märchen ist, endet es mit der wohlmeinenden Aufforderung des Narren: „Auf Wiedersehen!“
Davide Damiani – wie schon im ersten Stück hervorragend – ist der König, Ambur Braid gibt eine herrlich gierige Königin, Sebastian Geyer ist ein grandioser Narr, Peter Marsh singt mit schöner Höhe den schwankenden Rebell, Alison King, Julia Dawson und Judita Nagyová (die drei singenden Damen) sind einfach umwerfend. Michael McCown und Dogus Güney als Revolutionäre sowie Michael Porter als Wächter komplettieren das wunderbare Sängerensemble.

Die musikalische Leitung lag bei Lothar Zagrosek in sicheren Händen, der mit dem Orchester die unterschiedlichen Klangfarben und Kontraste der Stücke hervorragend herausarbeitete. Für das Bühnenbild zeichnete Jo Schramm, für die Kostüme Katharina Tasch und für das Licht Olaf Winter verantwortlich. Für den (nicht sichtbaren) Chor im Geheimen Königreich war Markus Ehmann zuständig.

David Hermanns Inszenierung setzt auf die grotesken, aberwitzigen und auch zwischenmenschlichen Momente, weniger auf den „politischen“ Kontext in der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts. Die Verschränkung der drei Stücke – in dem das Personal weitergereicht und damit auch die scheinbar ewige Verbindung von männlicher Macht und weiblicher Verführungskunst durchdekliniert wird – profitiert davon, dass alle Sänger und Sängerinnen beeindruckend sanges- und spielfreudig sind. Sie beglaubigen nachdrücklich, die unglückselige Verquickung von Macht und Eros. Und nach neunzig Jahren hat Kreneks Triptychon nichts von seiner – politischen – Aktualität eingebüßt. Großer, einhelliger Applaus für alle Beteiligten.

Die drei Opern von Ernst Krenek, letzte Vorstellung der Spielzeit 2016/17  am 21. Mai 2017

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Frankfurt, Oper Frankfurt, WA DER FLIEGENDE HOLLÄNDER, 20.05.2017

Mai 19, 2017  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER - Erika Sunnegårdh (Senta) sowie Chor und Extrachor der Oper Frankfurt © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Erika Sunnegårdh (Senta) sowie Chor und Extrachor der Oper Frankfurt © Barbara Aumüller

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER von Richard Wagner

Wiederaufnahme Samstag, 20. Mai 2017, um 19.30 Uhr,  Weitere Vorstellungen: 25. (15.30 Uhr; mit kostenloser Betreuung von Kindern zwischen 3 und 9 Jahren), 28. Mai, 3., 5. (18.00 Uhr), 10. Juni 2017, Falls nicht anders angegeben, Beginn 19.30 Uhr

Oper Frankfurt / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER - Michael Porter (Steuermann) sowie Chor und Extrachor der Oper Frankfurt © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Michael Porter (Steuermann) sowie Chor und Extrachor der Oper Frankfurt © Barbara Aumüller

Der fliegende Holländer von Richard Wagner (1813-1883) feierte am 29. November 2015 in der Inszenierung von David Bösch Premiere an der Oper Frankfurt. Die unorthodoxe Sicht des Regisseurs auf das populäre Werk bescherte der Oper Frankfurt eine ausverkaufte Aufführungsserie, und auch die Presse zeigte sich überzeugt: „Regisseur David Bösch legt eindringliche Porträts von gequälten Seelen an. Zugegeben ungewöhnlich für jene, die mit der Erwartung ans traditionelle Holländer-Schiff gekommen waren, aber genau deshalb so überzeugend“ (Main-Echo Aschaffenburg). Der Kritiker des Wiesbadener Kuriers schrieb: „Diese Gang von Untoten macht schon beim ersten Auftritt Laune. Mit dicken Harleys rollen die Rocker auf die Bühne, bleiche Gestalten, komplett mit schwarzer Lederweste, dampfender Kippe und schlechten Manieren. Auf dem Rücken das Logo ihres Klubs: »The Flying Dutchman«. Angst und Schrecken werden sie verbreiten in der Dorfbevölkerung, keine Frage.“

Zum Inhalt: Ein Sturm zwingt den Seefahrer Daland kurz vor Erreichen des heimatlichen Hafens vor Anker zu gehen. Der fliegende Holländer erscheint und beklagt sein Schicksal, denn sollte es ihm nicht gelingen, eine Frau zu finden, die ihm auf ewig die Treue hält, wird er für immer verdammt sein. Er bittet Daland um die Hand seiner Tochter. Entgegen aller Warnungen stimmt Senta der Hochzeit zu und bringt dem Holländer im Tod die ersehnte Erlösung.

Oper Frankfurt / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER - Iain Paterson (Der Holländer) und Statisterie der Oper Frankfurt © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Iain Paterson (Der Holländer) und Statisterie der Oper Frankfurt © Barbara Aumüller

Die musikalische Leitung der Produktion aus der Spielzeit 2015/16 liegt erstmals bei GMD Sebastian Weigle, der damit nach seinem umjubelten Gastspiel mit Beethovens Fidelio und Strauss? Der Rosenkavalier an der renommierten New Yorker Metropolitan Opera wieder in heimatlichen Gefilden segelt. Sein Hausdebüt als Holländer gibt der schottische Bassbariton Iain Paterson, der seit 2015 regelmäßig bei den Bayreuther Festspielen gastiert. Dort wird er auch 2017 erneut als Kurwenal in Tristan und Isolde sowie als Wotan in Der Ring des Nibelungen vertreten sein. Weitere Gastengagements führten ihn in der jüngsten Vergangenheit an die Staatsopern von Stuttgart, Berlin und Wien. Den Holländer verkörperte er 2016 auch an der Opera Vlaanderen in Antwerpen. Mit der schwedischen Sopranistin Erika Sunnegårdh kehrt die Senta der Premierenserie nach Frankfurt zurück. In dieser Partie wechselt sie sich am 28. Mai 2017 mit der Norwegerin Elisabeth Teige ab, die damit zuvor u.a. an den Opernhäusern von Oslo und Tallinn gastierte. Aus dem Ensemble stammen die neubesetzten Künstler Maria Pantiukhova (Mary) und AJ Glueckert (Alternativbesetzung des Erik am 28. Mai 2017). Während die russische Mezzosopranistin – als ehemaliges Mitglied des Opernstudios und seit 2016/17 im Frankfurter Ensemble beheimatet – u.a. als Bizets Carmen für Begeisterung sorgte, überzeugte der seit der Saison 2016/17 im Ensemble der Oper Frankfurt engagierte amerikanische Tenor jüngst als Lyonel in Flotows Martha und als Raffaele in Verdis Stiffelio. Mit der Produktion bereits vertraut sind die Ensemblemitglieder Vincent Wolfsteiner (Erik), Andreas Bauer (Daland), Michael Porter (Steuermann).

Musikalische Leitung: Sebastian Weigle, Regie: David Bösch, Szenische Leitung der Wiederaufnahme: Corinna Tetzel, Bühnenbild: Patrick Bannwart, Kostüme: Meentje Nielsen, Licht: Olaf Winter, Chor und Extrachor: Tilman Michael, Video: Bibi Abel, Dramaturgie: Zsolt Horpácsy,

Besetzung: Der Holländer: Iain Paterson, Senta: Erika Sunnegårdh / Elisabeth Teige (28. Mai 2017), Erik: Vincent Wolfsteiner / AJ Glueckert (28. Mai 2017)
Daland: Andreas Bauer, Mary: Maria Pantiukhova, Steuermann: Michael Porter, Chor, Extrachor und Statisterie der Oper Frankfurt; Frankfurter Opern- und Museumsorchester.  PMOFFM

Wiederaufnahme Samstag, 20. Mai 2017, um 19.30 Uhr,  Weitere Vorstellungen: 25. (15.30 Uhr; mit kostenloser Betreuung von Kindern zwischen 3 und 9 Jahren), 28. Mai, 3., 5. (18.00 Uhr), 10. Juni 2017, Falls nicht anders angegeben, Beginn 19.30 Uhr

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Frankfurt, Schauspiel Frankfurt, Burgtheater Gastspiel – John Hopkins, IOCO Kritik, 10.04.2017

April 11, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper Frankfurt, Schauspiel

Schauspiel Frankfurt

Das Schauspiel Frankfurt © Birgit Hupfeld

Das Schauspiel Frankfurt © Birgit Hupfeld

DIESE GESCHICHTE VON IHNEN von John Hopkins

Das Burgtheater Wien am Schauspiel Frankfurt

Von Ljerka Oreskovic Herrmann

„Diese Geschichte von Ihnen … geht nicht auf.“ So sagt es eine der Figuren im Laufe des Abends. Und irgendwie geht für alle Protagonisten die Geschichte, ihre Geschichte tatsächlich nicht auf. Jeder trägt seine Illusion vor sich her, das Gegenüber wird je nach Bedarf zum Punchingball oder Projektionsfläche, auf die die eigenen Wünsche, Bedürfnisse, Sehnsüchte oder auch der Ekel geworfen werden. Und dann gibt es kein Halten mehr.

 Schauspiel Frankfurt / Gastspiel des Burgtheaters - DIESE GESCHICHTE VON IHNEN © Bernd Uhlig

Schauspiel Frankfurt / Gastspiel des Burgtheaters – DIESE GESCHICHTE VON IHNEN © Bernd Uhlig

Das von John Hopkins 1968 geschriebene Stück ist ein aus drei Dialogen bzw. Akten bestehende Geschichte, die erst im letzten Akt die Auflösung über die Geschehnisse bietet. Sergeant Johnson, ein Polizist in mittleren Jahren, kommt spät nachts nach Hause. Er ist aufgewühlt, trinkt maßlos bis seine Frau auftaucht und wissen will, was los sei. Johnson faselt immer wieder von einem Verhör, das wohl schief gelaufen ist, weil der verhörte Mann ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Nein, aber tot kann er nicht sein, so Johnson. Maureen will mehr wissen, sie möchte ihm eine Hilfe sein, doch Johnson weist sie zurück. Das Gespräch eskaliert, es kommt zu einer handfesten Auseinandersetzung, bei der Gläser und Mobiliar zur Bruch gehen. Die Ehe der beiden hat vielleicht bessere Tage erlebt, die perfekt ausgeleuchtete 1960er Jahre Schrankwand mit den Nippes- oder Porzellanfiguren bietet keine Sicherheit, nur den Rahmen für die nicht existierenden menschlichen Beziehungen.

Der zweite Akt findet auf der Polizeistation, in einem kahlen von Folien ausgelegten Verhörraum statt. Die Wache wird renoviert, deshalb gibt es wenig Mobiliar – nur einen Tisch und zwei Stühle. Renovierungsbedürftig – so die Suggestion – ist nicht nur diese Wache, sondern auch das Leben ihrer Protagonisten. Johnson soll für das gestrige Verhör, bei dem der Tatverdächtige Baxter ums Leben kam, Rede und Antwort stehen. Cartwright, sein Vorgesetzter, will herausfinden, was tatsächlich geschehen ist. Doch um Wahrheit geht es auch in diesem Dialog nicht. Das Gespräch kreist um die eigenen Lebensläufe, die verpasste Karriereleiter, das Dienstverhältnis – und Dienstverständnis – um vieles, aber den Tod von Baxter klärt es nicht auf. Wieder entgleist die Situation am Ende, wie am Abend zuvor wird Johnson aggressiv.

Schauspiel Frankfurt / Gastspiel des Burgtheaters - DIESE GESCHICHTE VON IHNEN © Bernd Uhlig

Schauspiel Frankfurt / Gastspiel des Burgtheaters – DIESE GESCHICHTE VON IHNEN © Bernd Uhlig

Im Schlussakt, es ist die besagte Nacht des Verhörs, sehen wir wieder einen renovierungsbedürftigen Raum auf der Wache, kleiner und klaustrophobischer. Aus dieser Geschichte kommt keiner raus. Johnson verhört Baxter, den ihm sich anbietenden Kollegen Jessard sperrt er im wahrsten Wortsinn aus. Die Geschichte gewinnt an Fahrt, denn endlich sehen wir die beiden Männer, die wie zwei Seiten einer Medaille oder Spiegelbilder sind. Johnson ist sich sicher, dass dieser verschmutzte und mit Blut verschmierte Mann der gesuchte Mädchenschänder ist. Erneut wird es zu einer Eskalation kommen und am Ende ist Baxter tot, nicht nur verprügelt. Auch hier geht es weniger um Wahrheitsfindung, als um unerfüllte und verbotene Sehnsüchte, um verpasste Chancen und letztlich auch um Macht. Johnson, dessen Karriere trotz seiner zwanzig Jahre bei der Polizei nicht weit gekommen ist, erblickt in diesem Baxter seinen vermeintlichen Karriereschub, endlich einen wichtigen Fall lösen zu können. Baxter ist fast in gewisser Weise sein Alter Ego, jemand der seine triebhaften Vorstellung tatsächlich auslebt, zumindest in Johnsons Sichtweise, der davon gleichermaßen angezogen und angeekelt ist. Aus der „großen Nummer“ entwickelt sich ein Wortgefecht auf Augenhöhe. Baxter, zwar schmächtiger als Johnson, erweist sich als zäher Bursche, der die verborgenen Schwachstellen Johnsons immer wieder trifft – wie etwa mit der Frage nach Johnsons Verhältnis zum eigenen Vater.

Nicholas Ofczarek spielt diesen in die Jahre gekommen Polizisten, der mit seinem Leben nicht mehr zurechtkommt. Er schafft eine unglaubliche Mischung aus körperlicher Wucht und Beweglichkeit, beides kann er gezielt und beeindruckend einsetzen. Im Verhör mit Baxter, gespielt von einem hervorragenden August Diehl, ist dieser Johnson zunächst der Überlegenere. Doch Diehls wendiger Baxter, schafft es, sich aus seiner Umklammerung zu lösen, ihm Paroli zu bieten – bis ihm am Ende hinter dem umgeworfenen Tisch, und für die Zuschauer somit nicht einsehbar, mit einem Tritt Johnsons das Genick gebrochen wird.

Der letzte Akt hat den nötigen Drive, er ist kürzer und schneller inszeniert. Andrea Breth, die das Stück im Januar 2016 in Wien zur Premiere führte, vermag die Spannung bis zum Schluss zu halten, wenngleich die ersten beiden Akte durchaus von Kürzungen profitieren könnten. Sie setzt auf eine Atmosphäre der muffigen und sich bräsig gebenden Mittelschicht in den späten Sechzigern des vergangenen Jahrhunderts. Die Schrankwand, die Teakholzsessel nebst Bar gehören genauso dazu, wie die gräulichen Anzüge der Polizisten. Martin Zehetgruber hat dieses Bühnenbild entworfen. Moidele Bickel, die große und berühmte Kostümbildnerin, die nur wenige Monate nach der Premiere verstarb, schuf die dazu passenden Kostüme.

Frankfurt / Gastspiel des Burgtheaters - DIESE GESCHICHTE VON IHNEN3 © Bernd Uhlig

Frankfurt / Gastspiel des Burgtheaters – DIESE GESCHICHTE VON IHNEN3 © Bernd Uhlig

Andrea Clausen spielt die verzweifelte und am Ende resignierende Maureen, die mit blauem Morgenmantel und Lockenwicklern „bewaffnet“ ihrem Mann eine ebenbürtige Partnerin sein möchte. Ebenfalls in blau gekleidet ist August Diehls Baxter, der als einziger der Männer einen zeitlos wirkenden Anzug trägt und die vermeintlich heile Welt und alle, auch persönliche, Gewissheiten erschüttert. Roland Koch, in hellem Anzug, gibt einen Cartwright, der leicht herablassend und etwas verächtlich seinem früheren nun untergebenen Kollegen Johnson gegenüber tritt. Je geringer der Dienstgrad umso schlechter sitzen die Anzüge, wie bei Jessard, von Benjamin Çabuk verkörpert, der von allem ausgenommen wird. Die Ausstattung erinnert deutlich an die Entstehungszeit des Stückes. Etwas bieder und fast spießig soll das alles signalisieren, was von der Regie noch verstärkt wird, aber diesen Figuren nicht genügend Konturen verleiht, um Sympathie für sie zu entwickeln. Vielleicht soll man es ja auch nicht, vielleicht ist genau diese Unschärfe gewollt. Ein interessanter Abend mit grandiosen Schauspielern, die mit einem großen Applaus für ihre Leistung belohnt wurden.

Frankfurt, Oper Frankfurt, Rigoletto von Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 31.03.2017

April 1, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

„Diese Gesellschaft ist erdrückend“
Rigoletto von Giuseppe Verdi in Frankfurt

Von Ljerka Oreskovic Herrmann

Mauern scheinen im Augenblick überall Konjunktur zu haben. Ein monumentales Bühnenbild, das unmissverständlich zu verstehen gibt: Klein ist der Mensch! Es erdrückt das Individuum, aber nicht die Bauten – eine Kathedrale oder einen eher düsteren Renaissancepalast assoziierend – verweisen den Einzelnen in die Schranken, sondern eine erbarmungslose Gesellschaft. Sie ist die größere und unüberwindliche Mauer, und insofern ist dieser Bau auf der Bühne zwar imposant, aber in der Aussage zu kurz gegriffen, lässt sie im wahrsten Sinne des Wortes allen Akteuren wenig Spielraum. Die wahre Mauer jedoch bildet die Masse gegen die der Einzelne nicht ankommen, nur erdrückt werden kann. Rigoletto gehört nicht dazu, allein der (angedeutete) Buckel ist es nicht, der ihn zum Außenseiter stempelt. Er wirkt wie ein Relikt aus einer anderen Zeit, ein wahrhafter Narr mit Renaissancekragen, langem Mantel und roter Lederhose, den niemand ernst zu nehmen scheint und der doch über genügend Macht verfügt, um Schaden anzurichten – und diesen „Spielraum“ nutzt er weidlich aus.

Hendrik Müllers Regie konzentriert sich ganz auf die Beziehung von Vater und Tochter, die angesichts dieser düsteren Gesellschaft keine echte Chance haben wird. Rigoletto – ein beindruckender Quinn Kelsey – ist kein liebender Vater, er kann mit dieser jungen Frau im Grunde nichts anfangen, lässt sie im Glaskasten mit Giovanna, ihre Aufpasserin, der Welt zugewandt blicken, aber doch nicht diese Welt betreten. Dieser weiße zum Zuschauerraum mit Glastüren versehene Kasten schwebt hinunter, ohne dass Gilda heraus kann. Eine heruntergelassene Treppe ist die einzige Verbindung – von Rigoletto genutzt. Ein gelungenes Bild, suggeriert Offenheit, doch der klaustrophobische Raum erzählt eine andere Realität. Über ihrem Bett hängen Kreuze in verschiedener Ausführung, sie trägt fast an Novizinnen erinnernd ein langes (rot mit weißen Kragen und Manschetten) Kleid, während Giovanna (Nina Tarandek) gouvernantenhaft in einem schwarz-weißen Kleid streng dreinblickend an einem Stickbild arbeitet. Rigoletto und Gilda sehen sich nicht an, sie berühren sich nicht und doch brauchen sie einander. Gilda ist auf der Identitätssuche, Rigoletto will genau das verhindern, dennoch ein bisschen Gefühlswärme verspüren. Beides misslingt, zumal Gilda ihrem Glaskasten entfliehen und das Leben kennen lernen möchte. Der Herzog erscheint ihr als Heilsbringer, für ihn ist es wie immer nur Spielerei.

Oper Frankfurt / Quinn Kelsey als Rigoletto © Monika Rittershaus

Oper Frankfurt / Quinn Kelsey als Rigoletto © Monika Rittershaus

Fast nebenbei singt der gelangweilte Herzog (Mario Chang) die berühmte Arie La donna è mobile, und selten zuvor war Verdis „Gassenhauer“ so klar und schnörkellos zu hören – das bitter-gallige gern mitgeträllerte Trinklied liefert in diesem Dirigat und der Inszenierung den angemessenen Kommentar für das, was in dieser Gesellschaft schief läuft. Es ist ein zynisch-männlicher Blick, den Verdi musikalisch meisterhaft verpackt präsentiert. Die Masse – eine einheitliche Rocker-Truppe aus jungen Männern vom Herrenchor lustvoll zelebriert – beherrscht die Szenerie, frönt der eigenen Lustbefriedigung ohne Rücksicht auf Verluste. Frauen sind Konsumware, die schnell wieder abgelegt werden.

Oper Frankfurt / Rigoletto - Nina Tarandek Giovanna, Brenda Rae Gilda vorne v.l.n.r. Iurii Samoilov (Marullo), Mikolaj Trabka Ceprano, Michael McCown Borsa, Quinn Kelsey Rigoletto, Ensemble © Monika Rittershaus

Oper Frankfurt / Rigoletto – Nina Tarandek Giovanna, Brenda Rae Gilda vorne v.l.n.r. Iurii Samoilov (Marullo), Mikolaj Trabka Ceprano, Michael McCown Borsa, Quinn Kelsey Rigoletto, Ensemble © Monika Rittershaus

In dieser Welt hat auch Gilda, von Brenda Rae exzellent verkörpert, keine Zukunft. Ihr Kleid hat sie abgestreift, aber verstrickt in den Machenschaften ihres Vaters sucht sie vergeblich nach einem Ausweg. Gilda sühnt die Schuld des Vaters, so wie es die Tochter des Grafen von Monterone getan hat – schmerzlich wird dies Rigoletto am Ende bewusst. Und nicht weil Monterones Fluch seine Wirkung entfaltet, sondern weil er endlich imstande ist, seine Tochter angesichts des Todes anzunehmen. Allerdings schaut er sie dabei wieder nicht an – eine bittere Erkenntnis in dieser Inszenierung, die den Schmerz umso spürbarer werden lässt und ein schön-schauriges Bild am Ende beschwört: Gilda, langsam wie ein Geist nach hinten entschwindend, Rigoletto verzweifelt das Leichentuch haltend, wird sich um diesen erbarmungswürdigen Vater auch im Jenseits kümmern, auf Erden hat er erneut versagt. Sie ist von dieser Gesellschaft als Einzige erlöst und befreit. Ja, diese Gesellschaft, so ein Besucher, ist tatsächlich erdrückend, für den Einzelnen gibt es keinen (Spiel)Raum – im Gegenteil.

Oper Frankfurt / Rigoletto - Mario Chang als Herzog © Monika Rittershaus

Oper Frankfurt / Rigoletto – Mario Chang als Herzog © Monika Rittershaus

Carlo Montanaros Dirigat ist von jeglichem Humtata und falscher Rührseligkeit befreit, was wohltuend ist. Verdis bittere Darstellung von Macht und Individuum findet bei ihm und dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester einen hervorragenden Anwalt. Auch der Herrenchor – unter der Leitung von Markus Ehmann – unterstreicht diesen Aspekt musikalisch wie auch darstellerisch gut. Katharina Weissenborn zeichnet für die Kostüme, Rifail Ajdarpasic für das Bühnenbild verantwortlich.

Weitere Mitwirkende: Önay Köse (Sparafucile), Ewa Plonka (Maddalena), Magnús Baldvinsson (Graf von Monterone), Jurii Samoilov (Marullo), Michael McCown (Borsa), Mikolaj Trabka (Graf von Ceprano) und Julia Dawson (Gräfin von Ceprano).
Begeisterter Applaus.

Rigoletto – Oper Frankfurt, weitere Vorstellungen: 2.4.2017, 7.4.2017, 13.4.2017, 16.4.2017, 22.4.2017, 28.4.2017, 1.5.2017, 11.5.2017

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