Essen, Zeche Zollverein, Club Contemporary Classical Festival – Grenzgang zwischen Klassik und Pop, IOCO Kritik, 29.11.2011

November 29, 2011  
Veröffentlicht unter Kritiken, Zeche Zollverein


Kritik

Essen Zeche Zollverein © Thomas Robbin

Essen Zeche Zollverein © Thomas Robbin

Club Contemporary Classical Festival  

 Brandt Brauer Frick- Ensemble  in  Zeche Zollverein

„Was ist das ?“

Was ist das?  Ist es Techno mit analogen Instrumenten? Ist es zeitgenössische elektronische Musik mit Jazz-Appeal und Streicher-Klängen? Ist es klassische Kammermusik mit Dance-Groove? Insbesondere wenn es aus der Perspektive des Klassik-Hörers, Klassik-Musikers oder Dozenten an einer Musikhochschule gefragt wird. Es ist schwer zu fassen und einzuordnen, das Brandt Brauer Frick Ensemble auf dem Club Contemporary Classical Festival in Essen.

Dabei ist der Grenzgang und das Duettieren mit der Pop-Musik nichts Neues für die klassische Musik. Längst ist eine gegenseitige Beeinflussung und zaghafte Vermischung der Genres Pop und Klassik zu beobachten. Sei es der rebellische Pop-Image-Look auf Plattencover-Fotos vom jungen Pogorelich oder Nigel Kennedy, oder gleich ganze Musiker-Karrieren wie Vanessa-Mae oder David Garrett. Oder Pop– und Rock-Größen wie Metallica, Sting oder George Michael sind, die mit Symphonie-Orchestern ihre Konzerte gestalten. Sowohl „Pop goes Classic“ als auch „Classic goes Pop„. Oder Duette von Opernsängern und Bands wie z. B. Montserrat Caballé mit der Rock-Band Queen.

Oft zu hören ist auch ein klassischer Streichquartett-Klang im Pop-Kontext oder, wie es, z. B. auf dem Album „Yogà“ der isländischen Sängerin Björk, auf elektronische Samples und Grooves stößt. Auch ist schon länger in der Klassik-Szene der Trend zu beobachten, sich immer mehr jüngeren Zielgruppen zu öffnen und dass beispielsweise die örtlichen Symphonie-Orchester zusammen mit DJs Filmmusik-Konzerte konzipieren. Man muß aber, bei allem Bemühen, doch festhalten, dass scheinbar auf einer weiteren strikten Trennung zwischen E- und U-Musik beharrt wird. Es ist mehr ein, wenn auch schon freundlicheres, Nebeneinander als eine echte Vermischung.

Dies ist hier anders. Einmal, weil die Plattform, die dieses Festival bietet, von ihrer Intention und ihrem Konzept her anders ist. Und natürlich wegen der Auswahl der darbietenden Künstler.

Das Club Contemporary Classical-Festival, kurz C3, ist diese, noch als neu und innovativ anzusehende Möglichkeit, erste wirkliche Verschmelzungen im Bereich der zeitgenössischen Klassik und elektronischer Clubmusik von internationalen, vorwiegend von ihrem Ursprung her klassisch geschulten Künstlern zu sehen und zu hören. Die Veranstaltungsorte reflektieren dieses Konzept.

Das C3Festival findet in Berlin im Berghain und im Radialsystem, in Danzig in der ehemaligen deutschen evangelischen Kirche St. John Center und in Essen in der Kokerei der Zeche Zollverein statt. Unter den auftretenden Künstlern finden sich z. B. Victoire, ein Frauenensemble aus New York, zusammengesetzt aus Streichern, Klarinette, Keyboards und lo-fi Elektronik, deren Debut-Album als das beste klassische Album 2010 in den USA ausgezeichnet wurde.

Hauschka, studierter Komponist und Pianist aus Düsseldorf, dessen verspielte Erkundung der Möglichkeiten des präparierten Klavieres, oft in Verquickung mit Elektronik mittlerweile große internationale Anerkennung findet. Kwartludium, ein Neue-Musik-Ensemble, bestehend aus Geige, Klarinette/Bassklarinette, Percussioninstrumenten und Klavier, dass mit Sebastian Meissner, einem vielfältig mit Elektronik arbeitendem Künstler, auftritt. Der bekannte junge Klassik-Pianist Francesco Tristano, der für Aufsehen in der Clubszene gesorgt hat durch seine Auftritte mit dem legendären DJ Carl Craig. Oder das Brandt Brauer Frick Ensemble.

Brandt Brauer Frick Ensemble © Harry Weber

Brandt Brauer Frick Ensemble © Harry Weber

Der Kern des Brandt Brauer Frick Ensembles aus Berlin besteht aus Paul Frick, studierter Komponist und Pianist, Daniel Brandt und Jan Brauer, Techno- und Jazz-Musiker. Der ursprüngliche Gedanke war Techno, moderne Klassik und Jazz zu mischen. Mit für den Bereich ungewöhnlichen Klangfarben und Arrangements, aber v.a. auffälligen Variationen auf der rhythmischen Ebene und im Arrangement, sorgten sie schon mit ihrem ersten Auftritt beim C3-Festival 2009 für Aufsehen.

Für ihr zweites Album „Mr. Machine“ wurde das Trio um sieben Mitglieder verstärkt, allesamt Musiker aus Neue-Musik- und Jazz-Ensembles. Die Besetzung: Klavier, Moog Synthesizer, Sampler, Drum-Set, Vibraphon, Pauken (und diverse andere Percussion), Tuba, Violine, Violoncello, Posaune und – Harfe. Spannend zu beobachten, wie sich die streng durchkomponierten Lieder live noch mehr entfalten konnten, vom oft tonangebenden Puls sowohl eingerahmt, als auch untermalt, dann aber auch dekonstruiert. Die Klangfarben der Bläser und Streicher erinnern an Kurt Weill und Stravinsky, die rhythmische Ebene agiert oft im Bereich der Minimal Music und des Minimal Techno und doch sind hier beide Fraktionen weiter entwickelt und Teil eines großen Ganzen.

Die Kontraste bedingen und ergänzen sich, das Ensemble ist perfekt aufeinander eingespielt, es macht Spaß, die Spiel- und Experimentierfreude der Musiker live miterleben zu können, die Strukturen und Geräusche mitverfolgen und sehen zu können, wie sie sich dynamisch in der außerordentlich guten Akustik dieses ungewöhnlichen Raumes entfalten. Clubgroove, Jazzakorde, Tuba- anstatt Kontrabasslinien, fein dosierte Atonalität, repetitive Minimal-Music-Elemente – all das geht eine sowohl komplexe als auch organische Hochzeit ein, dass einem Hören und Sehen vergeht vor lauter Mittanzen. Im Sitzen natürlich.

„Was  ist das ?

Die Antwort ist tatsächlich nicht leicht. Nur eines ist sicher: Es ist weder „U“ noch „E“ und doch beides. Es ist vielleicht etwas Neues.

IOCO / Natascha Novosel / 29.11.2011