
Kritik
Vincenzo Bellini “ Norma “
Bes. Vorst. Am 08.01.2012
Druidenpriesterin im Bademantel
Wie schon in der Krefelder “Norma“ – Inszenierung, die am gleichen Tag Premiere hatte, wie die Dortmunder Produktion (3. 12. 11), wurde die musikalische Komponente das herausragende Ereignis. Bellinis Druidendrama verlegte der Krefelder Regisseur ins 20. Jahrhundert, in die Zeit des “Facismo“ zwischen den Weltkriegen. Hier in Dortmund ist kein offenkundiger Zeitbezug auszumachen, allenfalls in den Kostümen und Frisuren der Frauen, die auf die 1950er Jahre hinweisen.
Für den Regisseur Enrico Lübbe, derzeit Schauspielchef im sächsischen Chemnitz, war diese “Norma“ die erste Opernarbeit. Ihm kam es in seiner Inszenierung gezielt darauf an, das breite Spektrum der menschlichen Konflikte, die dem Stück innewohnen, in modernen Bildern aufzuzeigen. Das Ergebnis war zum großen Teil plausibel, doch vielfach mangelte es an Aktion. Was in Krefeld in ein “zuviel“ geriet, war hier zuwenig, wirkte statuarisch und häufig langweilig. Es fand kaum Bewegung statt. Aber dies hatte auch einen Vorteil: Die Sänger konnten in Ruhe bei wenig Betriebsamkeit die Stimmen strömen lassen.
Die Bühne von Henrik Ahr bot da den entsprechenden Hintergrund. Dunkle Seitenwände begrenzten eine Spielfläche, die aussah wie ein Probensaal mit aufsteigenden Stuhlreihen. Links davon ein Gelass, das Norma als Kammer (oder Garderobe?) diente und der Freundin Clotilde dazu, Normas schlafende Kinder zu beaufsichtigen. Norma lief nur in einem Bademantel oder fleischfarbener Korsage herum, außer wenn sie in ihrer priesterlichen Funktion auftrat. Dann erschien sie, von Clothilde gedresst, in Kleid, Pumps und mit Perücke. Alle anderen Mitwirkenden traten in normaler Straßenkleidung auf. Die Kostüme waren von Bianca Deigner.
Doch kommen wir zu Erfreulicherem. Wie eingangs schon erwähnt, konnte die musikalische Präsentation erfreuen und begeistern.
Am Pult stand, wie bei allen Vorstellungen des Werkes, der 1. Kapellmeister des Theaters und stellvertretende GMD, Lancelot Fuhry. Er ist ein wirklicher Glücksfall für das Haus. Der Berliner, der an der Musikhochschule Weimar studierte, hatte für Bellinis Meisterwerk das ausgeprägte Feeling und die richtigen Zeitmaße. Schon bei der spritzig und federnd servierten Ouvertüre zeichnete er sich ab, der Abend der orchestralen Wonnen. Fuhry animierte seine Musiker zu einem glänzenden Orchesterspiel von äußerster Gespanntheit und von einer geradezu strengen Straffheit. Aus manchmal einfachen Staccati wurden scharfe Akzente. Aber auch die lyrischen Momente gerieten nicht ins Hintertreffen.
Die knapp über Dreißigjährige Deutsch-Amerikanerin Miriam Clark sang die Titelpartie. Es ist schon ein gewaltiges, mutiges Unterfangen für eine noch so junge Sängerin, sich an eine der schwersten Sopranpartien im Belcantobereich zu wagen. Sie bestand mit Bravour. Makellos gerieten ihre musikalischen Phrasierungen. Wie Perlen reihten sich die Koloraturen an einander. Von Ebenmaß geprägt faszinierten die Staccati und die kraftvollen Spitzentöne. Zu hoffen wäre, dass die Sängerin die Partie noch oft so singen kann. An dieser immens schwierigen Rolle hat sich schon manches hoffnungsvolle Talent im jungendlichen Eifer “versungen“.
Einer der stimmlichen Höhepunkte war das große Duett Norma/Adalgisa “Mira o Norma“. Katharina Preetz war mit ihrem flexiblen, kräftigen Mezzosopran eine fabelhafte Adalgisa.
Mit satten, kräftigen Bass-Tönen erfreute Wen Wei Zhang als Oroveso, Normas Vater und oberster Druidenpriester.
Weniger Ohrenschmaus bereitete Mikhail Vekua als umworbener römischer Prokonsul und Vater von Normas Kindern. Sehr kultiviert begann er seine Arie, (der gequetschte Spitzenton sei ihm verziehen). Doch schon bald wurde er wieder zu laut und stentoral. Schade, denn es ging ja auch anders, was er vielfach demonstrierte.
Tadellos sang Julia Amos die Klotilde. In der kleinen Rolle des Flavio überzeugte Lucian Krasznec.
Sehr gut und differenziert klang der von Granville Walker einstudierte Chor.
Herzlicher Beifall seitens des Publikums bei dieser Spätnachmittag-Vorstellung.
IOCO / UGK / 08.01.2012
















