
Theater Chemnitz
Die schweigsame Frau
Komische Oper von Richard Strauss
Libretto von Stefan Zweig
Premiere: 28. April 2012, 19.30 Uhr im Opernhaus Chemnitz
Musikalische Leitung: Frank Beermann
Inszenierung: Gerd Heinz
Bühne: Rudolf Rischer
Kostüme: Kersten Paulsen
Besetzung: Franz Hawlata (Sir Morosus), Monika Straube (Haushälterin), Andreas Kindschuh (Barbier), Bernhard Berchtold (Henry Morosus), Julia Bauer (Aminta), Guibee Yang (Isotta), Tiina Penttinen (Carlotta), Matthias Winter (Morbio), Kouta Räsänen (Vanuzzi), Martin Gäbler (Farfallo)
Inhalt der Oper Sir Morosus, Admiral im Ruhestand, leidet an außergewöhnlicher Geräuschempfindlichkeit, seitdem sein Gehör vor Jahren bei einer Explosion zu Schaden gekommen ist. Um den eheheischenden Nachstellungen seiner Haushälterin zu entgehen, nimmt er den Vorschlag des Barbiers an, der ihm rät, eine passende „schweigsame Frau“ zu suchen. Gesagt – getan: Die Frau ist schnell gefunden – jung, hübsch und schweigsam, zumindest bis zur Eheschließung. Danach schlägt sie alle Rekorde in Sachen Lautstärke und Sprachfrequenz. Was der arme Sir Morosus nicht ahnt, ist, dass hinter der Aktion sein Neffe Henry steckt, der von Morosus enterbt wurde, weil er sein Leben der Kunst gewidmet hat. Die angeblich „schweigsame Frau“ ist nämlich in Wirklichkeit Henrys Freundin. Als sich am Ende alles aufklärt, ist Morosus vor allem erleichtert, dass der eheliche Spuk ein Ende hat, aber er ist auch ausgesöhnt mit der Welt, mit seinem Neffen und dessen beruflicher sowie privater Orientierung.
Der Komponist Richard Strauss wurde 1864 in München geboren. Sein Vater, der Hornist an der Münchner Oper war, erkannte und förderte das Talent des Jungen, der schon im Alter von sieben Jahren anfing zu komponieren. 1885 wurde Richard Strauss von Hans von Bülow, dem Dirigenten der Meininger Hofkapelle, als Assistent verpflichtet – ein wichtiger Meilenstein in Strauss‘ musikalischer Entwicklung, konnte er doch hier den Theater- und Konzertbetrieb von der Pike auf lernen und studieren. Das kam ihm später sowohl bei seinen sinfonischen Kompositionen (berühmt wurde er mit Sinfonischen Dichtungen wie „Don Juan“, „Till Eulenspiegel“ und „Also sprach Zarathustra“) als natürlich auch bei seinen Bühnenwerken zugute. Mit „Salome“ gelang ihm in diesem Bereich 1905 der Durchbruch. Die anschließende intensive Zusammenarbeit mit Hugo von Hofmannsthal brachte Opern wie „Elektra“, „Der Rosenkavalier“, „Ariadne auf Naxos“, „Die Frau ohne Schatten“ und „Arabella“ hervor. Mit Stefan Zweig als Librettisten wagte er nach Hofmannsthals Tod einen neuen Anfang. Dessen jüdische Abstammung führte allerdings dazu, dass Strauss schließlich bei den Nazis, die ihn über Jahre sozusagen als „ihren“ Komponisten betrachteten, in Ungnade fiel. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches ging er in die Schweiz und kehrte erst 1949 nach Garmisch zurück, wo er am 8. September 1949 starb.
Der Librettist Stefan Zweig wurde 1881 als Sohn eines wohlhabenden jüdischen Textilfabrikanten in Wien geboren und entdeckte schon als Kind seine Liebe zur Literatur. Mit 16 Jahren veröffentlichte er seine ersten Gedichte. Später folgten vor allem Novellen, aber auch eine ganze Reihe von Theaterstücken und historisch basierte Erzählungen. Seine Reisen führten ihn durch halb Europa sowie nach Amerika, Afrika und Indien. Er war befreundet mit Romain Rolland, James Joyce, Émile Verhaeren, Sigmund Freud, Arthur Schnitzler und Maxim Gorki. Vor den Nationalsozialisten floh er 1934 nach England und von dort aus weiter über New York nach Brasilien, wo er sich 1942 das Leben nahm. Das Libretto zur „Schweigsamen Frau“ war seine einzige abgeschlossene Arbeit für die Oper.
Die Vorlage Strauss wünschte sich ein „geistvolles Intrigenstück“: „Mir fehlt unter den in meinen Opernwerken dargestellten Frauen ein Typus, den ich für mein Leben gern auf die Bühne componieren möchte: die Frau als Hochstaplerin oder die Grande dame als Spion.“ Mit der Komödie „Epicoene or The Silent Woman“ des Engländers Ben Jonson (1572 – 1637) aus dem Jahre 1609 traf Stefan Zweig genau den künstlerischen Nerv von Richard Strauss. Überdies war der Stoff opernerprobt, hatte er doch bereits Antonio Salieri und nach ihm noch weiteren Komponisten als Vorlage gedient. Zwar mutet die dargestellte Situation – älterer, bärbeißiger Mann wird von einer Schar junger, lebensfroher Leute übers Ohr gehauen, um seine Zustimmung zur (nicht standesgemäßen) Heirat seines Neffen zu erhalten – in der Gegenwart zunächst etwas fremd an, aber Zweig und Strauss gelang es, weit über die ursprüngliche Typisierung der Figuren hinaus Menschen auf die Opernbühne zu bringen, deren Gefühle echt sind und die uns deshalb auch heute noch mit ihrer Geschichte berühren.
Die Entstehung der Oper Nach dem Tod seines langjährigen Textdichters Hugo von Hofmannsthal im Jahr 1929 sah Richard Strauss sein Opernschaffen am Endpunkt angekommen. Es schien ihm unvorstellbar, nach den vielen Jahren der fruchtbaren Zusammenarbeit einen neuen, gleichwertigen Librettisten zu finden. Durch die Vermittlung des Verlegers Anton Kippenberg kam es 1931 zur Begegnung mit Stefan Zweig, der sich seinerseits wiederum durch die Anfrage geehrt fühlte und in seinen Erinnerungen schrieb: „Ich wusste keinen produzierenden Musiker unserer Zeit, dem ich zu dienen williger bereit gewesen wäre.“ Zweig schlug Strauss gleich beim ersten Treffen Ben Jonsons Komödie „Epicoene or The Silent Woman“ als Sujet für eine Oper vor. Als das Libretto ein reichliches Jahr später fertig vorlag, nahm Strauss es ohne jegliche Änderung an und bezeichnete es als „das beste Libretto für eine opéra comique seit ‚Figaro‘“. Die Uraufführung fand am 24. Juni 1935 in Dresden statt, wurde allerdings von heftigen Auseinandersetzungen mit der Nazi-Führungsriege begleitet, weil Strauss darauf bestand, den Namen des inzwischen verfemten Stefan Zweig auf dem Uraufführungszettel abzudrucken. Die Oper war ein großer Erfolg, jedoch hatte Strauss seine Freude darüber in einem Brief an Zweig wohl zu überschwänglich und mit einer für die Nazis inakzeptablen politischen Haltung geäußert, so dass das Werk schon nach wenigen Vorstellungen abgesetzt und in Deutschland verboten wurde.
Die Musik Der fast 70-jährige Strauss gab sich mit Wonne seinem heiteren Erstling hin. Die schönsten Momente der italienischen Buffa, die unübertroffenen brillanten Ensembles hat er mit einer überbordenden Fülle eigener musikalischer Einfälle und geschickt eingesetzter Fremdzitate verschmolzen. Damit gibt er sowohl den lyrischen Seiten der Figuren – der Liebesgeschichte zwischen Henry und Aminta, den ehrlich gemeinten Gefühlen von Morosus gegenüber Aminta – als auch den buffonesken Zügen innerhalb der Intrige Raum. Unübertroffen der Schlussmonolog des Morosus, der – obwohl ihm eine kräftige Lektion erteilt wurde – seinen Frieden gefunden hat und weltweise verkündet: „Wie schön ist doch die Musik, aber wie schön erst, wenn sie vorbei ist!“
CD-Produktion
Die Produktion wird wiederum vom Label cpo als CD produziert.
Das Regieteam
Frank Beermann (Musikalische Leitung) begann seine berufliche Laufbahn am Staatstheater Darmstadt und am Theater Freiburg. Anschließend wirkte er vier Jahre als Kapellmeister an der Hamburgischen Staatsoper. Gastdirigate führten ihn u. a. an die Staatsoper Unter den Linden in Berlin, die Deutsche Oper Berlin, die Bayerische Staatsoper München, das Teatro Liceu in Barcelona, die Königliche Oper in Stockholm und die Semperoper Dresden. Er arbeitete mit Orchestern wie den Bamberger Symphonikern, dem Gewandhausorchester Leipzig, dem Bruckner Orchester Linz sowie diversen Orchestern der ARD. Seit 2007 ist Frank Beermann Generalmusikdirektor der Theater Chemnitz und Chefdirigent der Robert-Schumann-Philharmonie. Sein ständig waches Interesse an unbekanntem und neuem Repertoire hat zu spannenden CD-Veröffentlichungen bei cpo und Sony Classical geführt. Dafür wurde er u. a. mit dem Echo Klassik 2009 und dem Excellentia Award von Pizzicato, Luxemburg ausgezeichnet und für den ICMA nominiert.
Gerd Heinz (Inszenierung) stammt aus Aachen, studierte Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte und absolvierte eine Ausbildung zum Schauspieler und Regisseur. Nach Engagements an verschiedenen Bühnen ging er 1970 als Schauspieldirektor und Stellvertretender Intendant ans Staatstheater Darmstadt und 1973 als Hausregisseur ans Thalia Theater Hamburg. Als Gastregisseur arbeitete er u. a. am Theater Bonn, am Wiener Burgtheater und am Wiener Volkstheater. Ab 1978 prägte er mehr als zehn Jahre lang, zunächst als Hausregisseur, später als Intendant, das künstlerische Profil des Schauspielhauses Zürich. Danach inszenierte er verstärkt im Musiktheater und war von 1993 – 1997 Leitender Regisseur des Musiktheaters und Mitglied der Operndirektion an den Städtischen Bühnen Freiburg. In den Jahren 1997 – 2008 hatte er eine Professur an der Hochschule für Musik Freiburg inne. Seit 2009 ist er als freier Regisseur für Musiktheater und Schauspiel tätig.
Rudolf Rischer (Bühne) wurde in Wien geboren. Er studierte an der dortigen Akademie der Bildenden Künste, bevor ihn erste Festengagements an die Theater in Kiel, Oldenburg und Darmstadt sowie als Ausstattungsleiter ans Staatstheater Hannover führten. Seitdem ist Rudolf Rischer freiberuflich in Theatern im In- und Ausland tätig, u. a. an den Staatstheatern in Darmstadt, Saarbrücken und Wiesbaden, am Thalia Theater Hamburg, am Schauspiel Leipzig, am Berliner Renaissancetheater, an der Dresdner Semperoper, am Aalto Theater Essen sowie an der Wiener Volksoper, am Akademietheater und am Theater in der Josefstadt. Zudem arbeitete er für Häuser wie das Schauspielhaus Zürich, das Teatro Real Madrid und das Théâtre de l’Opéra-Comique in Paris.
Kersten Paulsen (Kostüme) wurde in Husum geboren und studierte bei Professor Peter Nagel an der Muthesiushochschule in Kiel. Danach arbeitete sie zunächst als freie Malerin und Bühnenbildnerin. Ihre Werke waren in zahlreichen Ausstellungen zu sehen. 2008 erhielt sie den 1. Preis des Entwurfswettbewerbs „Blühendes Barock“, Ludwigsburg. Seit 1997 ist sie Ausstattungsleiterin am Wilhelma Theater Stuttgart.
Die Gastsolisten
Franz Hawlata (Sir Morosus) wurde in Eichstätt / Bayern geboren. Er studierte dort Musikwissenschaft, bevor er 1983 zum Gesangsstudium an die Musikhochschule München ging. Bereits 1986 gab er sein Bühnendebüt am Gärtnerplatztheater. Nach einigen Jahren in München, Coburg und an der Komischen Oper Berlin begann 1992 seine internationale Karriere mit Gastspielen in Lyon, Pretoria, Cardiff und San Francisco. 1994 wurde Franz Hawlata an die Wiener Staatsoper verpflichtet und hat dort bisher in mehr als 200 Aufführungen Partien wie Ochs, Morosus, Rocco, Kaspar, Osmin, Figaro, Sarastro, Wozzeck, Daland und Pogner gesungen. Er gastierte mehrfach an der Metropolitan Opera, an der Opéra Bastille Paris sowie am Royal Opera House in London. Regelmäßige Gastspiele führten ihn außerdem nach München, Berlin, Essen, Brüssel, Barcelona, Florenz, Turin, Genua, New York, Chicago, San Diego, Tokyo und zu den Salzburger Festspielen. Bei den Bayreuther Festspielen debütierte er 2007 als Hans Sachs.
Bernhard Berchtold (Henry Morosus) studierte am Mozarteum in Salzburg bei Horiana Branisteanu und Hartmut Höll. Von 2003 bis 2011 war er am Badischen Staatstheater Karlsruhe engagiert, von wo aus er u. a. an der Mailänder Scala, an der Bayerischen Staatsoper München, am Theater an der Wien, am Teatro Comunale Bologna, am Teatro Verdi Triest, am Teatro Carlo Felice Genua sowie bei den Salzburger Festspielen gastierte. Vor allem die Opernpartien Mozarts, Oratorien und das Lied prägen das künstlerische Schaffen von Bernhard Berchtold. Den Abschluss seiner dreijährigen Residenz beim Klavierfestival Ruhr bilden die CD-Veröffentlichungen von Schuberts „Winterreise“, dem „Schwanengesang“ und der „Schönen Müllerin“. In Chemnitz war er bereits als Lord Artur in Nicolais „Die Heimkehr des Verbannten“ zu erleben.
Julia Bauer (Aminta) hat sich im Koloraturfach wie auch als Interpretin neuer Musik einen Namen gemacht. Engagements führten sie u. a. an die Opernhäuser von Leipzig, Dresden, Essen, Berlin, Wien oder Tokyo sowie zu renommierten Festivals im In- und Ausland. Mit der Partie der Sierva Maria in der Oper „Love and Other Demons“ von Peter Eötvös an der Oper Chemnitz löste sie 2009 Begeisterungsstürme in den deutschen Feuilletons aus. In der vergangenen Saison begeisterte sie besonders bei ihrem Debüt als Lulu am Aalto-Theater Essen, als Aminta in der „Schweigsamen Frau“ am Teatro Maetranza in Sevilla und als Leonore in Nicolais Oper „Die Heimkehr des Verbannten“ an der Oper Chemnitz. Hier ist sie seit vergangener Spielzeit auch als Königin der Nacht zu erleben. Im Konzertfach reicht ihr Repertoire von Liederabenden über Mozarts Konzertarien bis hin zu Orchesterliedern von Berg, Mahler und Strauss.