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Bayreuther Festspiele
Der unendliche Kult um den Wagner Clan: Von 1813 bis heute
Die 99. Richard-Wagner-Festspiele 2010 in Bayreuth endeten: Wie jedes Jahr beginnt der Wagner – Kult am 25. Juli seinen Lauf und endet am 28. August. Auch Angela Merkel ist Teil der Bayreuth-Gläubigen: Am 25.7. tingelte sie nach Bayreuth, wie viele Jahre zuvor. Deutsche Prominenz anführend: Seehofer, Guttenberg, Brüderle aber auch Gottschalk. Nach Bayreuth zum “Grünen Hügel“: Eine Neuinszenierung des Lohengrin stand am 25. Juli 2010 auf der Agenda, von Regisseur Hans Neuenfels inszeniert. Jener Neuenfels, welcher vor vielen Jahren mit einer schrägen Putzfrauen-Aida erstmals sein kontroverses Opernverständis unter die Leute brachte. Und Furore machte. 2010 nun ein Neuenfels auch noch in Bayreuth: Lohengrin mußte sich, gemäß den Neuenfels-Eingebungen, in einem Versuchslabor mit Ratten und einem gerupften Schwan herumschlagen. Neuenfels, wie alle Regisseure vor, neben und hinter ihm, entlarvt, ist hintergründig, tiefsinnig. Und Offizielle wie Kanzlerin zu dieser Inszenierung: Immer dasselbe: Sie spielen ihre Rollen, demonstrieren aufgesetzt wirkende Begeisterung.
Einfache oder schräge Bewertungen zum Lohengrin: Großkopfete äußern sich komplex zu Meister Neuenfels Auswürfen: Diese seien vielschichtig, erregend…. Der “einfache” Besucher hingegen spricht direkter: Diesen Lohengrin kann man schlankweg vergessen. Aber: Gutes Dirigat (Andris Nelsons), toller Jonas Kaufmann.
Wie kommt man an Karten zu diesem tiefsinnigen Lohengrin mit gerupftem Schwan? Wie sieht der normale Kartenkauf für Bayreuth aus? Ebenfalls hintergründig, undurchsichtig, verbogen. Denn: Bei 500.000 Bestellungen stehen pro Jahr nur 58.000 Kaufkarten zur Verfügung. Karten für Staatsbedienstete, Seehofer, Guttenberg, Merkel und deren Ministerialbürokraten nicht berücksichtigt. Also wartet der normal Sterbliche statistisch gut neun Jahre auf eine Karte. Gäbe es da nicht Hinterzimmer und einen immer funktionierenden schwarzen Markt: Für die Laborratten Lohengrin-Premiere am 25.7. war ein Düsseldorfer bereit bis zu € 1.200 zu bezahlen, schwarz oder wie dieser es auf seinem Plakat beschrieb: Vertraulich. Für andere Karten zahlte er bis zum 3-fachen regulären Preisniveau. Für die Meistersinger am 5.8.2010 konnte man im Internet für € 1.133,13 eine normale Eintrittskarte kaufen. Teuerster regulärer Kartenpreis: Parkett 1. -6. Reihe € 280. Neun Jahre Wartezeit ? Nur etwas für Tumbe und Arme.
Unser bleibender Rat für Wagner-Fans: Gehen Sie zum Zum Public Viewing auf den Bayreuther Volksfestplatz: Am 21. August 2010 kann/konnte man dort, gemeinsam mit etwa 40.000 weiteren Besuchern ab 16.00 Uhr kostenlos die Walküre in der Inszenierung Tankred Dorst ansehen. Eintritt frei, teilweise bestuhlt, Einführung ab 14 Uhr. Eine 90m² Leinwand. Zudem gibt es dort morgens erstmals, Einlass ab 11.30, den Tannhäuser und den Sängerkrieg auf der Wartburg in kindgerechter Fassung. In 2010 hätte sich wegen der wunderbaren Wetters dieser Gang gelohnt. Lesen Sie hierzu den Link oben.
Und so kultig und Hype die Richard-Wagner-Festspiele heute sind, so spannend, skurril und lehrreich ist die reichlich verworrene Richard Wagner – Saga: Die Geschichte der Wagners seit dem 22. Mai 1813, dem Geburtstag des kleinen Richard, bis heute. Was begab sich also in diesen fast 200 Jahren:
Richard Wagner ward am 22. Mai 1813 geboren: Offiziell als Sohn des Polizeiaktuarius Carl Friedrich Wagner. Den Gerüchten nach jedoch als Sohn des Schauspielers und Schriftstellers Ludwig Geyer, den Wagners Mutter, die Bäckerstochter Johanna Rosine, 1814 heiratete. Zunächst mit Minna Planer verheiratet, ehelichte Richard Wagner nach längerer ungeklärter Beziehung 1870 Cosima. Cosima wiederum war eine uneheliche Tochter von Franz Liszt und der französischen Gräfin Maria D´Agoult. Cosima wiederum war zunächst, seit 1857, mit dem Dirigenten und Pianisten Hans von Bülow verheiratet. Ihre Hochzeitsreise führte beide 1857 nach Zürich; wo Richard sich gerade der Beziehungen zu mindestens zwei verheirateten Frauen erfreute; Jessie Laussot und Mathilde Wesendonk. Laussots Mann drohte Richard derweil zu erschiessen; Wesendonks Mann dagegen, weniger martialisch, kaufte für Wagner ein Haus, neben seiner eigenen Villa gelegen. Man arrangierte sich.
Wagners Schweizer Episode war die Folge politischer Verstrickungen. In Dresden 1849, als Freund des russischen Anarchisten Michail Bakunin und dessen Ideen, war er in einen Aufstand gegen den sächsischen König verwickelt. Franz Liszt verhalf ihm als `Dr. Widmann´ in die Schweiz, wo er bis 1860 im Exil lebte. Erst 1864 endeten Rastlosigkeit und finanzielle Bedrängnis mit der Unterstützung durch den Bayernkönig, Ludwig II, dem einzigen Menschen, der, wie man sagt, reich genug war, Wagners Wünsche wirksam zu unterstützen. Bemerkenswert, alle drei Kinder von Cosima und Richard Wagner, Isolde (1865), Eva (1867) und Siegfried (1869), waren unehelich. Was wiederum nicht genau zutrifft, denn Cosima war zu dieser Zeit verheiratet. Nur nicht mit Richard, dem Vater ihrer Kinder. Sondern, noch, mit Hans von Bülow.
Zeitsprung in die Gegenwart: Alle relevanten Entscheidungen des Festspielhauses auf dem grünen Hügel gehen von der Richard-Wagner- Stiftung Bayreuth aus, seit 1973 Trägerin des Festspielhauses Bayreuth. Noch präziser: Von deren Stiftungsrat, der aus 8 Mitgliedern mit insgesamt 24 Stimmen besteht: 5 für den Freistaat Bayern, 5 für die Bundersrepublik, 4 für die Familie Wagner, 3 für die Stadt Bayreuth, 2 für die Gesellschaft der Freunde, 1 für die Oberfrankenstiftung, 2 für den Bezirk Oberfranken, 2 für die Bayerische Landesstiftung. Stiftungsvorstand des Stiftungsrates stellen drei der 8 Mitglieder: Bund, Bayern und Festspielleitung.
Künstlerischer Leiter der Festspiele war seit der Wiedereröffnung 1951 und bis zu seinem Rücktritt am 31. August 2008 Wolfgang Wagner (bis 1966 gemeinsam mit seinem Bruder Wieland). `Die Frist ist um´; nach über 50 Jahren weitgehend erfolgreicher Amtsführung war ein Rücktritt normal. Auch war Wolfgang Wagner mit 88 Jahren nicht mehr ganz so rüstig. Ein Rücktritt Wolfgang Wagners war vor 2008 oft betrieben worden. Bereits 2001 wurde, gegen den erklärten Wunsch Wolfgang Wagners, mit 22 von 24 Stimmen Eva Wagner-Pasquier zu seinem Nachfolger bestimmt. Sie verzichtete jedoch kurz nach der Wahl, da Wolfgang Wagner sich nun auf seinen Vertrag auf Lebenszeit berief. Erst im November 2007, nach dem frühen und plötzlichen Tod von Wolfgang Wagners Ehefrau und persönlicher Mitarbeiterin, Gudrun Wagner, und in Anbetracht von Wolfgang Wagners eigenem schlechtem Gesundheitszustand, wurde die Nachfolgefrage wieder aktuell.
Seit April 2008 betrieb Wolfgang Wagners denn auch selbst seine Nachfolgeregelung: Dem Altersstarrsinn wich langsam der Einsicht, daß seine “Frist” endgültig um sei: Wagner forcierte nun eine Nachfolgelösung bestehend aus seinen beiden Töchtern Eva und Katharina.
Auf deren Einsetzung hatte Wolfgang Wagner jedoch keinen Rechtsanspruch. Zudem schreibt die Stiftungsurkunde ausdrücklich vor, daß kein `Zweifel darüber ( bestehen darf) , ob ein Mitglied der Familie Wagner (…) besser oder ebenso gut geeignet ist wie andere Bewerber´. Bei Bestehen der ausdrücklich erwähnten Zweifel, wäre die Entscheidung einer (…) Sachverständigenkommission einzuholen. Soweit werden es Wolfgang Wagner und sein langjähriges Netzwerk in Land und Bund nicht kommen lassen. Die Minister Bernd Neumann und Thomas Goppel ordnen bereits: Zwar können sich laut Stiftungsurkunde alle Nachfahren Wagners bewerben; aber Nike, Wieland Wagners Tochter, bis vor kurzem noch ernsthafte Bewerberin, wird sanft demontiert (….theoretisch noch nicht aus dem Rennen; Süddeutsche Zeitung v. 29.5.2008). Das Auswahlverfahren schien auf eine Form von politischem Pragmatismus in `heiliger Allianz ´ mit Wagnerscher Dickschädeligkeit hinauszulaufen: Für das Duo Eva/Katharina. Die von der Stiftungsurkunde ausdrücklich formulierte Forderung nach höchster Qualifikation in Vergleich zu externen Bewerbern wird damit faktisch beantwortet werden. Worin lagen die herausragenden Qualifikationen von Eva und Katharina ? Realistisch betrachtet überwiegend darin, daß beide bereits reichlich Bayreuth Erfahrungen haben (Katharina initiierte 2008 die Public Viewing Übertragungen auf den Bayreuther Volksfestplatz) und sie die Töchter von Wolfgang Wagner sind. Clever und juristisch nur mühsam anfechtbar bot Wolfgang Wagner an als Festspielleiter zum 31. August 2008 zurückzutreten, falls der Stiftungsrat sich für Eva und Katharina ausprechen würde. Kurz vor Ablauf dieser Fristen bewarb sich auch Nike Wagner, gemeinsam mit Gerard Mortier, um die Festspielleitung.
Mit Blick auf dies wohl mit `Geschmäckle ´ behaftete Auswahlverfahren in Bayreuth polterten viele. Berufspolterer Claus Peymann (BE) (im ZDF) zeterte korrekt aber wenig originell `Wir haben die Erbmonarchie in Deutschland abgeschafft´. `Armutszeugnis, Possenspiel, verschwendetes Geld der Bürger´ ergänzten seine und anderer nach Stammtisch duftenden anspruchlosen Phillipika . Peymann, bei Vielfachmörder Christian Klar mit ” tiefem Verständnis”, beschreibt Bayreuth dagegen als `Tummelplatz für Deppen´ und forderte…..
Am 1. September 2008 entschied der Stiftungsrat erwartungsgemäß. Er setzte mit 22 : 2 Stimmen Eva Wagner-Pasquier, 64, und Katharina Wagner, 31, als gleichberechtigte neue Leiterinnen der Bayreuther Festspiele und Geschäftsführerinnen der Bayreuther-Festspiel GmbH ein. Wolfgang Wagner vollzog seinen angekündigten Rücktritt zum 31. August 2008. 57 Jahre war er im Amt gewesen. Anders als bei ihrem Vater gibt es jedoch bei den Töchtern keinen Vertrag auf Lebenszeit. Die Verträge von Eva und Katharina sind auf sieben Jahre befristet. Gleichzeitig gingen die von Wolfgang Wagner gehaltenen Gesellschafteranteile der Bayreuther Festspiele GmbH zu gleichen Teilen an den Stiftungsrat über.
Am 21. März 2010 verstarb Wolfgang Wagner friedlich. Der Familienkonflikt zwischen Eva, Katharina und Nike überschattete aber auch die Todesfeier: Nike Wagner und ihre drei Geschwister, die Kinder Wieland Wagners, sagten ihre Teilnahme an der Totenfeier ab. Eva, mit Angela Merkel in der ersten Reihe sitzend sitzend, hatte sie in der Sitzordnung sehr abseits platziert.
So der Stand der Richard-Wagner-Saga zum Ende der 99. Richard-Wagner-Festspiele am 28. August 2010. Forsetzung folgt. Spätestens am 25. Juli 2011, wenn in Bayreuth mit Tannhäuser und Angela Merkel die 100. Richard-Wagner-Festspiele und eröffnet werden.
IOCO / Viktor Jarosch / 29.08.2010