Bayreuth, Bayreuther Festspiele, Katharina Wagner Vertrag verlängert, IOCO Aktuell, 18.07.2014

Juli 18, 2014  
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Bayreuth Festspielhaus © Lothar Spurzem

Bayreuth Festspielhaus © Lothar Spurzem

Katharina Wagner führt Festival der Geweihten bis 2020

Die Richard-Wagner-Festspiele 2014 werden zum letzten Mal gemeinsam von den Ur-Enkeln Richard Wagners, den Halbschwestern Eva Wagner-Pasquier (69) und Katharina Wagner (36) geleitet.  Denn Eva Wagner-Pasquier scheidet 2015 aus der Festspielleitung aus.

Denkbar knapp war amtliche Mitteilung des Bayerischen Staatsministerium für Kunst, die Würdigung von Kunstminister Dr. Spaenle im Januar 2014: Eva Wagner-Pasquier habe darum gebeten, dass ihr Vertrag als Festspielleiterin nicht verlängert werden soll. Sie möchte nach dessen Ablauf eine Aufgabe als Beraterin übernehmen. „Die amtierende Festspielleiterin hat sich durch ihr künstlerisches Schaffen große Verdienste um die Qualität und das Ansehen der Festspiele erworben. Ich erinnere in diesem Zusammenhang allein an das Jahr 2013, als die Weltklassemusiker Christian Thielemann, Andriss Nelsons und Kyrill Petrenko in Bayreuth dirigiert haben.“

 vlnr: Katharina und Eva Wagner © Tafkas_2009

vlnr: Katharina und Eva Wagner © Tafkas_2009

Nun wurde der Vertrag von Katharina Wagners wie erwartet um fünf Jahre, bis 2020 verlängert, so Toni Schmid, Vorsitzender des Verwaltungsrats der Bayreuther Festspiele im Bayerischen Rundfunk. Der aktuelle Vertrag von Katharina Wagner endet nach den Festspielen 2015. Gesellschafter Bund, Land, Stadt Bayreuth und Gesellschaft der Freunde Bayreuths haben sich geeinigt, so Toni Schmid.  „Der neue Vertrag von Katharina Wagner sieht nur geringfügige Änderungen zu den bisherigen Aufgaben vor“. Wie die junge, wenig erfahrene Katharina Wagner die Festspielleitung bis 2020 führen wird, ob sie gar eine Vision besitzt wurde in Verbindung mit der Vertragsverlängerung weder von Toni Schmid noch sonst einem Bayreuther Amtsträger thematisiert. Warum auch.

Denn alle Bayreuther Zeichen, Inszenierungen und Personalien signalisieren, dass sich die Kult-Institution Grüner Hügel mit ihrem Festival der Geweihten auf einem langen Weg zu einer bürgerlich profanen wie steuerlich begünstigten Partymeile Klassik befindet.

IOCO / Viktor Jarosch / 17.07.2014

Bayreuth, Bayreuther Festspiele, Das Festival der Geweihten: Spielplan 2014, IOCO Aktuell, 23.06.2014

Juni 23, 2014  
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Aktuell

Bayreuther Festspiele

Bayreuth Festspielhaus © Lothar Spurzem

Bayreuth Festspielhaus © Lothar Spurzem


Festival der Geweihten öffnet die Pforten
Mit umstrittenem Tannhäuser, Wartburg ist Biogasanlage

Am 25. Juli eines jeden Jahres, erstmals 1876 mit Kaiser Wilhelm I., beginnt auf dem Grünen Hügel in Bayreuth der Auftrieb der Prominenz. So auch am 25. Juli 2014: Fernsehen, Klatschpressen, Blitzlichtgewitter verfolgen das halbe Bundeskabinett, Mini-Kanzler Horst Seehofer, Sänger Roberto Blanco und vielleicht sogar den Auswanderer Karl-Theodor zu Guttenberg. Hedonisten, lange Schleppen, schwarze Fräcke füllen ungebändigtes Mediengeklapper; denn Bayreuth ist mehr als ein Opernfestival. Die mystische Aura Richard Wagners füllt den Raum. Viele Besucher zelebrieren die Wagner-Festspiele als Pilger, angekommen im Festival der Geweihten.

Die Wagner-Festspiele 2014 werden zum letzten Mal gemeinsam von den Ur-Enkeln Richard Wagners, den Halbschwestern Eva Wagner-Pasquier (69) und Katharina Wagner (36) geleitet. Eva Wagner-Pasquier scheidet 2015 aus der Festspielleitung aus, versüßt mit einem Beratervertrag als sanftem Altersruhekissen. Über ihre Nachfolge ist noch nicht entschieden. Als sicher gilt dagegen, dass die eher extrovertierte Katharina Wagner (die heftigen Buhs ihrer Bayreuther Meistersinger-Inszenierung hallen immer noch) zukünftig eine zentrale Funktion in der Festspielleitung ausüben wird.

30 Vorstellungen stehen auf dem Spielplan, 58.000 Festspiel-Karten werden vergeben. In den freien Verkauf schaffen es jedoch davon nur geschätzte 50%. Die „Bayreuth-Familie“, Sponsoren, Lobbyisten, Politiker, Vereine, Spezies bedienen sich vorab, scheinbar legal. Verfehlungen bei der Kartenvergabe rügt der Bundesrechnungshof seit Jahren, „mit den Förderzielen des Bundes nicht vereinbar“. Doch desaströse Inszenierungen und schwache Sänger besorgen, was der Bundesrechnungshof nicht konnte:Bei Ebay und anderen Internet-Portalen können Normalbürger selbst zur Eröffnungs-Vorstellung am 25. Juli 2014 eine jener zuvor abgezweigten Karten, überhöht aber, noch, problemlos kaufen. Die Bayreuther Festspiele und ihr Mythos zeigen dicke Risse. Karten sind erstmals sofort verfügbar. Kanzlerin Angela Merkel kommt 2014 nicht zur Eröffnung der Festspiele.

Mit Sebastian Baumgartens geschmacklos-verrätselter Tannhäuser- Inszenierung, der Flop schlechthin zur Premiere in 2011, werden am 25. Juli 2014 die Festspiele eröffnet. Die Zustände auf der Wartburg und im Venusberg wurden in der Inszenierung durch Biogasbehälter konkretisiert. Sie sollten die rauschhaften Zustände der Beteiligten symbolisieren, wirkten aber nur künstlich angestrengt, ebenso wie eine schwangere Venus beim „Wettsingen“ auf der Wartburg, peinliche Tierkostüme und mehr. Doch Bayreuther Inszenierungen werden über die Jahre verändert, verbessert, verfeinert. So bleibt dem Besucher der 2014 Tannhäuser-Premiere die Hoffnung, einen geläuterten Baumgarten, einen glaubwürdigeren Tannhäuser zu sehen. Dirigieren wird die Eröffnungsvorstellung der GMD der Rheinoper, Axel Kober. 2013 wurde Kober für ein gradlinig elegantes Dirigat gelobt, wenn auch nicht gefeiert. Dieser Tannhäuser wird 2015 abgesetzt, doch freie Plätze schon am 25. 7. 2014 werden nicht überraschen.

Gefolgt wird Tannhäuser von einem entmythisierten Fliegenden Hollänger. Inszeniert von dem jungen, wenig bekannte Jan Philipp Gloger, 31, dessen vorherige Opern-Inszenierungen ein Figaro in Augsburg und eine Alcina in Dresden waren. Gloger brachte am 25. Juli 2012 den Fliegenden Holländer als Kapitalismusdrama: Die Protagonisten der Handlung, eigentlich Matrosen, sind in Bayreuth Manager in Maßanzügen, welche teure Designerkleider als Geschenke bringen. Das Bayreuther Programmheft jedoch preist immer noch die alte Holländer – Story an, von einem verfluchten Seemann unter blutroten Segeln wird darin erzählt. Auch Hans Neuenfels´ Lohengrin (der, mit dem Rattenlabor) und andere kontroverse Inszenierungen werden 2014 wieder für heiße Diskussionen unter den Geweihten sorgen. Doch die geradezu blinde Wagner-Treue der Vergangenheit scheint zu wanken.

2014:  Spielplan der Wagner-Festspiele

Freitag 25. Juli, 16:00 Uhr       Tannhäuser

Samstag 26. Juli, 18:00 Uhr    Der fliegende Holländer

Sonntag 27. Juli, 18:00 Uhr     Das Rheingold

Montag 28. Juli, 16:00 Uhr       Die Walküre

Mittwoch 30. Juli, 16:00 Uhr          Siegfried

Donnerstag 31. Juli, 16:00 Uhr      Lohengrin

Freitag 01. August, 16:00 Uhr        Götterdämmerung

Samstag 02. August, 16:00 Uhr    Tannhäuser

Sonntag 03. August, 16:00 Uhr      Lohengrin

Montag 04. August, 18:00 Uhr        Der fliegende Holländer

Dienstag 05. August, 16:00 Uhr      Die Walküre

Mittwoch 06. August, 16:00 Uhr       Lohengrin

Freitag 08. August, 18:00 Uhr          Der fliegende Holländer

Samstag 09. August, 16:00 Uhr       Lohengrin

Sonntag 10. August, 18:00 Uhr        Das Rheingold

Montag 11. August, 16:00 Uhr          Die Walküre

Dienstag 12. August, 16:00 Uhr       Tannhäuser

Mittwoch 13. August, 16:00 Uhr       Siegfried

Freitag 15. August, 16:00 Uhr          Götterdämmerung

Samstag 16. August, 18:00 Uhr       Der fliegende Holländer

Sonntag 17. August, 16:00 Uhr        Lohengrin

Montag 18. August, 16:00 Uhr         Tannhäuser

Mittwoch 20. August, 18:00 Uhr       Der fliegende Holländer

Donnerstag 21. August, 16:00 Uhr Tannhäuser

Freitag 22. August, 18:00 Uhr          Das Rheingold

Samstag 23. August, 16:00 Uhr       Die Walküre

Sonntag 24. August, 18:00 Uhr        Der fliegende Holländer

Montag 25. August, 16:00 Uhr         Siegfried

Mittwoch 27. August, 16:00 Uhr       Götterdämmerung

Donnerstag 28. August, 16:00 Uhr   Tannhäuser

Bayreuther Festspiele 2014:  Auf dem Grünen Hügel wird alles wie immer sein. Elysium, Kult und Treffpunkt für viele Promis und glückselige Musikfreunde. Noch ist der Grüne Hügel von Bayreuth ein Ort, dessen Mythos und Aura Protagonisten wie Kritiker in seinen Bann zieht. Doch die Kraft des Bannes lässt nach. Inszenierungsdesaster, Managementstreitigkeiten und Kartenmauscheleien lassen selbst diesen vermeintlich unkaputtbaren Mythos der Richard-Wagner-Festspiele verblassen.   IOCO / VJ / 21.06.2014

Bayreuth, Bayreuther Festspiele, Richard Wagner oder der Zerfall einer Dynastie, IOCO Aktuell, 22.02.2014

Februar 25, 2014  
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Bayreuther Festspiele

Festspielleitung: Eva Wagner-Pasquier tritt 2015 zurück

Bayreuth Festspielhaus © Lothar Spurzem

Bayreuth Festspielhaus © Lothar Spurzem

Die amtliche Mitteilung des Bayerischen Staatsministerium für Kunst ist knapp, die Würdigung von Kunstminister Dr. Spaenle denkbar flach: Eva Wagner-Pasquier habe darum  gebeten, dass ihr Vertrag als Festspielleiterin nicht verlängert werden soll. Sie möchte nach dessen Ablauf eine Aufgabe als Beraterin übernehmen. „Die amtierende Festspielleiterin hat sich durch ihr künstlerisches Schaffen große Verdienste um die Qualität und das Ansehen der Festspiele erworben. Ich erinnere in diesem Zusammenhang allein an das Jahr 2013, als die Weltklassemusiker Christian Thielemann, Andriss Nelsons und Kyrill Petrenko in Bayreuth dirigiert haben.“

 vlnr: Katharina und Eva Wagner © Tafkas_2009

vlnr: Katharina und Eva Wagner © Tafkas_2009

Eva Wagner-Pasquier (68) ist Tochter des 2008 verstorbenen Wolfgang Wagner und dessen erster Frau Ellen Drexel. Eva Wagner nahm das Theaterleben früh und intensiv auf: 1967 bis 1976 Assistentin von Wolfgang Wagner in Bayreuth, danach Assistentin von August Everding und Otto Schenk, Opéra Bastille, Teatro Real, Metropolitan Opera New York. 2001 lehnte Wolfgang Wagner im Rahmen einer Führungskrise, er war 82,  den eigenen Rücktritt und Eva Wagner-Pasquier als Festspielleiterin am Grünen Hügel formal ab. Wolfgang Wagner bestand darauf, daß nur seine Frau Gudrun ihn ablöse. Erst Gudruns plötzlicher Tod in 2007 und die eigene schwächelnde Gesundheit öffneten Wolfgang Wagner wieder für eine Nachfolgediskussion. Doch nun bestand er darauf, dass Tochter Eva gemeinsam mit seiner zweiten Tochter Katharina (35, Tochter von Gudrun Wagner) Festspielleiterinnen in Bayreuth werden. Der für die Bestellung zuständige Stiftungsrat, die Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth, stimmte zum 1. August 2008 dieser Nachfolgeregelung zu. Nike Wagner, Tochter von Wieland Wagners und ebenfalls direkter Nachkomme Richard Wagners, hatte zuvor Wolfgang Wagner heftig kritisiert und sich ebenfalls um die Festspielleitung beworben. Sie wurde vom Stiftungsrat zwangsläufig nicht berücksichtigt, weder in der Festspielleitung oder anderer Funktion.

2015 verlässt Eva Wagner-Pasquier die Festspielleitung; ein Abgang ohne große Folgen. Als Beraterin, vermutlich einer Art gut dotierter Altersrente, möchte Wagner-Pasquier noch zur Verfügung stehen. Dabei zeichnet sich Bayreuth schon seit Jahren nicht mehr künstlerisch aus. Nicht Inszenierungen bestimmen inzwischen Bayreuther Schlagzeilen. Auch nicht extreme Subventionen, sondern Kult und Klatsch, in die Jahre gekommene Traditionen, Prominentenauftrieb, dubiose Kartenverkäufe, misslungene Regiecoups, Nazi-Logos oder Lohengrin-Mäuse. Die liebenswerte Katharina Wagner, dann einziger direkter Nachkomme Richard Wagners in der Festspielleitung, kann solch verflachten Wagner-Historismus gut allein verwalten.

Dabei lohnt auch zukünftig ein Besuch Bayreuths: Letzte Reste einer wie immer gearteten Richard Wagner-Aura, gute wenn auch unsichtbare Orchester bilden strahlende Sahnehäubchen eines erholsamen Urlaubs in Oberfranken. So macht die knorrige Meldung des Bayerischen Ministeriums für Kunst zum Abgang Eva Wagner-Pasquiers wiederum deutlich: Die Richard-Wagner-Festspiele Bayreuth wandeln sich: Die Kult-Institution Grüner Hügel wandelt sich zu einer steuerlich begünstigten Partymeile Klassik.

IOCO / Viktor Jarosch / 24.02.2014

Bayreuth, Bayreuther Festspiele, Der fliegende Holländer: Einer Matrix entstiegen, IOCO Aktuell, 01.08.2012,

August 1, 2012  
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Bayreuther Festspiele

Der Fliegende Holländer von Bayreuth:  Der Verlust eines Mythos
Spannung einer Seminararbeit; Einer Matrix entstiegen

Bayreuth Festspielhaus © Lothar Spurzem

Bayreuth Festspielhaus © Lothar Spurzem

Glaubt man den Beschreibungen der Website der Bayreuther Festspiele zur Handlung des Fliegenden Holländer, so war 2012 eine sehr klassische Inszenierung zu erwarten. Man liest dort: Dalands Schiff wurde auf der Heimfahrt vom Sturm überrascht und ankert in einer Bucht, um günstiges Wetter abzuwarten. Die Mannschaft begibt sich zur Ruhe. Auch der von Daland als Wache eingeteilte Steuermann schläft ein („Mit Gewitter und Sturm“). – Mit blutroten Segeln naht in schneller Fahrt ein schwarzes Schiff und wirft neben Dalands Fahrzeug Anker. Ein bleicher Mann in dunkler Kleidung….. Es ist der fliegende Holländer, der wegen einer Gotteslästerung dazu verdammt wurde, ruhelos die Meere….

Bayreuth Festspielhaus / Der fliegende Holländer _ Franz Selig (Daland) und Samuel Youn (Holänder) © Bayreuther Festspiele_Enrico Nawrath

Bayreuth Festspielhaus / Der fliegende Holländer _ Franz Selig (Daland) und Samuel Youn (Holänder) © Bayreuther Festspiele_Enrico Nawrath

Doch, die Bayreuther Ankündigungen zum Fliegenden Holländer haben mit  der dortigen Bühnenwirklichkeit nichts gemein. Schiff, Anker, blutrote Segel:  Alles Fehlanzeige in der diesjährigen Holländer-Inszenierung. Einen bleichen Mann in dunkler Kleidung gibt es dort wirklich nicht. Die Bühnenwirklichkeit, in Bayreuth wie vielen anderen Musiktheatern, gleicht bei Neuinszenierungen einer Wundertüte. Der Inhalt wird erst nach Öffnen deutlich. Eine  Wundertüte ist ehrlich: Sie täuscht keine falschen Inhalte vor. Bayreuth wie andere Musiktheater und deren Regisseure sind weniger korrekt: Sie verbiegen ursprüngliche Handlungsinhalte von Opern radikal und berufen sich selbst-erhöhend auf vermeintliche Gedanken und Vorgaben der jeweiligen Komponisten. Auch Richard Wagner´s Holländer“ erfuhr in Bayreuth diese populäre Unbill.  Dort wurde 2012 auch Holländer-Mythos zu Grabe getragen. Eine glatt-flotte neue Holländer-Realität wurde geschaffen: Ein Unternehmer namens Daland hat schon bessere Zeiten gesehen hat, Ventilatoren  produziert er, Holländer ist ein frustrierter Spekulant.... Die vorsätzliche Täuschung des Theaterbesuchers ist nur eine Handbreit entfernt. Tröstlich, die großartige Komposition Richard Wagners wurde, bisher, noch nicht geschliffen.

Bayreuth Festspielhaus / Der fliegende Holländer _ Samuel Youn (Holländer) und A. Pieczonka (Senta) © Bayreuther Festspiele_Enrico Nawrath

Bayreuth Festspielhaus / Der fliegende Holländer _ Samuel Youn (Holländer) und A. Pieczonka (Senta) © Bayreuther Festspiele_Enrico Nawrath

Regie dieses entmythisierten Fliegenden Hollänger führte der junge, wenig bekannte Jan Philipp Gloger, 31, dessen einzige bisherigen Opern-Inszenierungen ein Figaro in Augsburg und eine Alcina in Dresden waren. Gloger brachte am 25. Juli 2012 den Fliegenden Holländer als Kapitalismusdrama: Die Protagonisten, eigentlich Matrosen, sind im ersten Bild Manager in Maßanzügen, bringen als Geschenk teure Designerkleider mit. Die Bühne gleicht einem Rechenzentrum mit Schaltkreisen und Datenkabeln und video-schimmernden Chips, welche im Takt der Musik leuchten und blitzen. Im zweiten Akt sieht man die Frauen der Geschäftsleute in einer Lagerhalle des Unternehmers Daland, Ventilatoren in Kartons verpackend. Alle sind glücklich, nur zwei nicht: Senta, die Tochter des Wirtschaftsbosses Daland  und der Holländer. Senta bastelt ein Holländerschiff aus Pappe.  Holländer, mit Rollkoffer voller Geld, von Prostituierten und Dienstboten gelangweilt, zündelt mit Banknoten. Ihr gemeinsamer Ausweg aus der Konsumwelt ist der Selbstmord: Senta ersticht sich mit einer Schere.

Die deutsche Presse bewertet diesen  Holländer  durchwachsen:

Die Rheinische Post (Wolfram Goertz) sieht, dass „Bayreuth an Publikum verliert, weil manche Getreue diese märchenlose Tristesse, die kaum durch kühle Denkschärfe kompensiert wird, nicht mehr ertragen wollen. Gloger (der Regisseur, NB IOCO) ist ein Schauspielmann, der keine Ahnung hat, wie man mit choristischen Massen umgeht, ohne dass es wie Turnunterricht aussieht“. Der „Südwind“ des Steuermanns wird von „popeligen Propellern allenfalls verschämt herbeigeblasen.“ Diese Inszenierung hat kein Brio, keinen Geisthauch, es wirkt fad und ohne End. Nach 15 Minuten hat man sich satt gesehen.“

BR-Klassik (Meret Foster) sieht kein schlüssiges Konzept in der Inszenierung, wenn auch reich an assoziativen Bildern. Unfreiwillig komisch sei die Inszenierung, wenn sich Senta Engelsflügel aus Pappe anlegt. Durch fehlende Personenregie wird im zentralen Duett der Beiden szenisch keinerlei Anziehung vermittelt.

Die Berliner Morgenpost (Lucas Wiegemann) entdeckt eine stimmige, innovative Interpretation. Der Holländer sei untoter Seefahrer, eine Parabel auf eine von ökonomischen Zwängen beherrschte,  hektische Zeit.  „Die stimmigen Einfälle des Regieteams sind, wie alle guten Ideen, einfach. Die Inszenierung gibt Anhängern neuartiger Inszenierungen genug Stoff zum Nachdenken, ohne unnötig zu provozieren.“

Bayreuth Festspielhaus / Der fliegende Holländer _ Christa Mayer (Mary) und A. Pieczonka (Senta) © Bayreuther Festspiele_Enrico Nawrath

Bayreuth Festspielhaus / Der fliegende Holländer _ Christa Mayer (Mary) und A. Pieczonka (Senta) © Bayreuther Festspiele_Enrico Nawrath

Der Münchner Merkur (Markus Thiel)  vermisst in der Gloger-Inszenierung bei allen „Schauwirkungen“ das Mythische des Stücks, das Anderssein des Holländer, welcher der „Daland-Fraktion“ viel zu ähnlich sieht,  als dass „sich hier der Zusammenprall zweier Welten ableiten ließe“.  Und sieht „Rückstürze in das Regiemuseale“ bei harmlosen Chorszenen und viel auf den Takt und Punkt inszeniertes. “Wagner als Revue ?“  Aber abschließend:  Gloger, „ein versierter Handwerker, der es schafft, dass man trotz Einwände gebannt bleibt“.

Laut der Süddeutschen Zeitung (Reinhard Brembeck)  verwandelt Gloger „dieses leidenschaftliche tobende Stück“ in ein „schlicht gestricktes Sozialdrama à la Franz Xaver Kroetz,  gut verständlich und alltagsrealistisch, der  aber alles Religiöse und Romantische fehle. Am Schluss hat Kunsthandwerk und Provinz gesiegt.

Die Neue Zürcher Zeitung (Peter Hagmann)  sieht sängerisch glanzvolles Mittelmaß und eine Produktion, welche nicht in Fahrt gerate, was an Thielemanns musikalischer Leitung liege (versteht nicht, dass Orchester zu bändigen) aber auch an der Inszenierung Glogers, welche die Spannung einer Seminararbeit habe.

Die taz (Regine Müller)  beschreibt die Inszenierung bei aller „Eindrücklichkeit der Bilder als konventionell und flach. Glogers Deutung sei herzlich brav und verkürze den Stoff ins  Handliche: „Solides Handwerk, aber keine tieferen Einsichten“.

Die Welt (Manuel Brug)  sieht Gloger als einen „musterknabenhaften“  Ausgleicher, der, bei Erhaltung von Wagners Handlungsgerüst, zeitgenössisch über Motive von Weltekel erzählt, und dabei Materialismus, Ideal und  Ernüchterung filettiere. „In Bayreuth habe der Deutungswind schon stärker geweht“.

Die Münchner Abendzeitung (Robert Braunmüller), Überschrift: Erlösung unterm Ventilator,  sieht die Holländer Produktion  als eine der überzeugendsten der letzten Jahre in Bayreuth. „Der junge Regisseur versteht die Beziehung zwischen Senta und Holländer als eine Liebe zweier Verlorener, …mit anrührenden Momenten“. Andererseits, und  auffällig gerade für ein Presseorgan, kritisiert die Abendzeitung das Publikum, für die „ungerecht herzlose Behandlung“ von Gloger und seinem Team, welcher „sichtlich mit Sängern und Körperlichkeit gearbeitet habe“.

IOCO / Viktor Jarosch / August 2012

Ein Holländer von Pappe:  Einer Matrix entstiegen Gloger

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