Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2017, Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner, IOCO Kritik, 11.09.2017

September 13, 2017  
Veröffentlicht unter Bayreuther Festspiele, Hervorheben, Kritiken, Oper

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Bayreuther Festspiele

„Die Szene wird zum Tribunal“

Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner

Neuinszenierung 2017 im Festspielhaus Bayreuth

Von Albrecht Schneider

Diese Oper repräsentiert unter den sonst bis zum letalen Schluss todernsten Dramen Richard Wagners die Komödie. Deren Komik entsprießt auch dem Mistbeet des Antisemitismus. Manche Blüten, die sie treibt, duften nach Perfidie. Und in das apollinisch auftrumpfende C-Dur fällt die Stimme des Chauvinismus mit ein. Das sind Charakteristika des Werkes, und falls man sie nicht sehen, riechen und hören will, werden die Grundideen des Regisseurs hinter dem burlesken und launigen Allotria der Szene verborgen bleiben.

Barrie Kosky © IOCO

Barrie Kosky © IOCO

Barrie Kosky, Chef der Komischen Oper Berlin, inszeniert weniger die Meistersinger, denn mittels der Meistersinger ihren Komponisten als multiples Subjekt. Richard Wagner, der Anrufer der Mythologie, wird selbst mythologisiert. Dessen fundamentalen ästhetischen Leitmotive interessieren den Australier und Juden Barrie Kosky kaum, und dass ihm die Person R.W., der Fremden­Welschen­verächter und Judenhasser, zuwider ist, wen nimmt es Wunder? Dass er eigentlich einen weiten Bogen um das Festspielhaus, dessen Gebälk für ihn noch immer Reste des ideologischen Miefs der Jahrzehnte von 1890 bis 1945 ausdünstet, zu schlagen gedachte, hat er selbst eingeräumt.

Allein Richard Wagner, das binäre Phänomen, stößt ab als Mensch mit infamen Zügen, provoziert hingegen als ein grandioser Künstler jeden furchtlosen Theatermacher (und keine geringe Menge der Theaterfreunde), seine vieldeutigen Bühnenstücke einzurichten, sich mit ihnen abzuplagen, damit zu verunglücken, was auch immer. Der Ring des Nibelungen ist das erste Objekt der Begierde eines selbstbewussten Regisseurs. Gefällt seine Arbeit der Kritik, glänzt sein Name, wird er von ihr zerrissen, glänzt sein Name ebenfalls. Nur anders. An den Meistersingern freilich kann man sich den Magen verderben. Sind doch in ihrem kunterbunten Treiben aus Liebeshändeln, Philisterparodien und Kunstspinnereien unbekömmliche Ingredienzen aufgelöst, die sich nicht so einfach, wie Alkohol aus dem Bier, herausdestillieren lassen. Bestenfalls kann man deren schlechten Geschmack mit mehr Gehampel und Trara überlagern. Was also hat Barrie Kosky angestellt, dass er heil die Herausforderung des Inszenesetzens dieser drei Aufzüge überstand, die das Publikum freilich als ingeniöses Spektakel derart berauschte, um die Persiflage oder Demaskierung, je nachdem man es sehen will, des verehrten Meisters aus Bayreuth offensichtlich billigend und applaudierend hin- oder gar nicht wahrzunehmen?

Worum geht es? Der Plot hat zig Komponisten, von Pergolesi über Rossini bis Strauss angestiftet, ihn in Musik zu setzen: Ein bereits ergrauter Mann konkurriert mit einem Jüngling um das Girl, das zum lieto fine der Junior kriegt, indessen der Senior als der Gelackmeierte dasteht.

Bayreuther Festspiele / Die Meistersinger von Nürnberg - Musikalische Leitung Philippe Jordan, Inszenierung Barrie Kosky, Bühne Rebecca Riest, Kostüme Klaus Bruns, 3. Aufzug Szene Chor, Solisten , Statisterie © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Die Meistersinger von Nürnberg – Musikalische Leitung Philippe Jordan, Inszenierung Barrie Kosky, Bühne Rebecca Riest, Kostüme Klaus Bruns, 3. Aufzug Szene Chor, Solisten , Statisterie © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Allein, was hat er daraus gemacht, der Wagner?

Der ist gewiss kein Romantiker gewesen, aber in der Schule der Romantik, die um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert offenstand, hat er eine gewisse Zeit gesessen. Deren Zöglinge empfanden die eigene Zeit als zu rational, zu prosaisch, und schwärmten von einem christlichen Mittelalter mit Menschen reiner Denkungsart, die sich um den Kirchturm zu Dienst und Fest versammelt haben sollten. Zugleich verkündeten sie, die echte Poesie sei die des Volkgeistes, wie sie im Märchen ( Gebrüder Grimm), im Volkslied (Des Knaben Wunderhorn) und in Mythen (Nibelungenlied) lebendig würde. Der realitätsfernen Projektion einer heileren Zeit bediente sich der Librettist Wagner, indem er seine Geschichte in dem altfränkischen Nürnberg ansiedelte. Die Zünfte pflegten dort von alters her den Meistergesang, eine Form von ´Poeterei’ und ´Melodei’, die nach strengen Regeln gebaut und ebenso vorgetragen werden musste.

Bayreuther Festspiele / Die Meistersinger von Nürnberg - Musikalische Leitung Philippe Jordan, Inszenierung Barrie Kosky, Bühne Rebecca Riest, Kostüme Klaus Bruns, - 2. Aufzug - Hans Sachs und Sixtus Beckmesser © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Die Meistersinger von Nürnberg – Musikalische Leitung Philippe Jordan, Inszenierung Barrie Kosky, Bühne Rebecca Riest, Kostüme Klaus Bruns, – 2. Aufzug – Hans Sachs und Sixtus Beckmesser © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Zwei markante Vertreter diese Kunstvereins stellt der Komponist mit den Figuren des Hans Sachs und Sixtus Beckmesser auf die Bühne. Aus ersterem, dem historischen professionellen Schuhmacher und Dichter volksnaher derbdeutlicher Stücke nachgebildet, spricht gemäß Wagners Intention eben der Volksgeist, und der beliebte Poet hat sich kraft seiner Reputation zur grauen Eminenz des altfränkischen Gesangsvereins entwickelt. Der andere ist dessen Chefideologe und von Beruf Stadtschreiber, ein Intellektueller unter den Handwerkern, der als ´Merker’ penibel über die Regeln wacht, und reichlich untalentiert sich aus Liebesgründen gleichwohl in dieser Kunst versucht. Mit anderen Worten: Eine Person, die alle vermeintlichen Widersacher Wagners in sich trägt: Fachkollegen, Kritiker, Juden. Dieser Beckmesser ist zudem ein angejahrter Bewerber um des steinreichen Goldschmieds Veit Pogner Töchterlein Eva, die der Vater als Preis für den Sieger im Gesangswettbewerb anlässlich des morgigen Johannisfestes ausgesetzt hat.

Erster Aufzug: In der Katharinenkirche trifft der Stadtbeamte auf Freiersfüßen mit Verdruss auf einen Konkurrenten, den Junker Walter von Stolzing, der in Pogners Haus Tochter Eva begegnet ist, wo sich beide prompt ineinander verliebten. Wissend, dass die Maid als der Hauptgewinn des Wettsingens ausgelobt und nur auf dem Wege zu erobern ist, möchte er ein Meistersinger werden. In deren vertrackte Regelkunde erhält er eine detaillierte Einweisung von David, des Schusters Auszubildendem und obendrein Liebhaber der Magdalene, Evas Zofe. Dank der Fürsprache des Hans Sachs darf der Adelige vorsingen. Der Rivale Beckmesser registriert als Merker jeden Fehler des Vortrags mit einem Kreidestrich, und nach sieben Ankreidungen ist er den Regeln gemäß durchgefallen. ´Ohrge-schinder’ maulen die Meister, er hat ´versungen’. Nichts ist es mit der Meistersingerei.

Die mittelalterliche Singschultagung im gotischen Kirchenrund mit einem weisen populären Poeten, achtbaren Handwerksmeistern, zwei gockelnden Freiern, zwei verliebten Jungfrauen und einem gewitzten Azubi, dieses komische Spiel verlagert Barrie Kosky in den Großen Saal des Hauses Wahnfried. Der, gemacht zum großbürgerlichen Wohnen, wirkt zudem als Resonanzraum eines sich über alles und jedes auslassenden Richard Wagner, einem denkenden, schreibenden, komponierenden und posierenden Universalgenie. Gleichsam seiner überlieferten Fotografie entstiegen, jeweils mit Gehrock und Dürerbarett, tritt er hier mehrfach auf: zuerst als ein Hans Sachs, der dem jüdischen Hausdirigenten Hermann Levi ­ alias Beckmesser ­ beibringt, wie er zu dirigieren und sich christenfrommen Gehabes zu befleißigen hat, und dem Klaviervirtuosen Franz Liszt ­ alias Veit Pogner, wie auf dem Flügel die Meistersingerouvertüre authentisch zu exekutieren ist. Weiterhin agiert er als ein jüngerer Walter von Stolzing, der die Eva ­ alias Gattin Cosima ­ anhimmelt. Zuletzt vermag allein der Lehrling David, wiederum als R.W., dem Kandidaten Stolzing gestenreich darüber ins Bild zu setzen, wie die Meistergesangstabulatur gehandhabt werden muss. Alle Aktionen und Interaktionen des gesamten Personals sind in der Tat, mit Verlaub, saukomisch. Regisseur Kosky gibt zum Entzücken des Publikums dem Affen eine Menge Zucker.

 

Bayreuther Festspiele / Die Meistersinger von Nürnberg - Musikalische Leitung Philippe Jordan, Inszenierung Barrie Kosky, Bühne Rebecca Riest, Kostüme Klaus Bruns, - 3. Aufzug - Michael Volle als Hans Sachs © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Die Meistersinger von Nürnberg – Musikalische Leitung Philippe Jordan, Inszenierung Barrie Kosky, Bühne Rebecca Riest, Kostüme Klaus Bruns, – 3. Aufzug – Michael Volle als Hans Sachs © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Der dreifache Wagner agiert wie Rossinis Barbier, mal hier mal dort, mal als solcher und mal als jener. Eine Dreifaltigkeit, die nicht einzig den Herrn Meistersingern vorschreiben will, was sie zu tun haben. Nicht zuletzt aufgrund von Hans Sachs´ Besserwisserei geraten nach Stolzings Falschsingerei die Kollegen über Kunstfragen in handfesten Streit, ausartend in Anrempeleien und Rüpeleien. Eine Antizipation der Prügelei des zweiten Aufzugs, nur keine des Volkes, sondern jetzt eine unter gewöhnlich braven Biedermännern. Ein vielgestaltiger Wagner und ein Beckmesser in Schwarz mit einer Cosima in schwarzer Robe samt „Cul de Paris“ fügen sich neben den anrückenden elf Zunftmeistern, in spätmittelalterliche Prachtgewänder gesteckt, zu einem grandiosen, kontrastreichen Tableau. Auch jetzt versteht der Regisseur viel Spaß, sorgen Gestik sowie die Verrenkungen aller eine Spur überzeichneter Akteure für Heiterkeiten. Pomp und Rasanz der Szenerie sind eine Augenweide. Doch dann zerfällt das Ganze, mit einem Donnerschlag verwandelt sich der Schauplatz der Anarchie in einen von Mensch und Mobiliar entleerten Verhandlungssaal des Nürnberger Gerichtes von 1945. Lediglich die Box des Zeugenstands steht einsam da.

Mit dem Trio Sachs, Stolzing und David dichtet und komponiert – in des Wortes ursprünglicher Bedeutung ­ R.W. sich selber sichtbar zu einem komplexen Helden, und den Herrn Beckmesser zu seinem krassesten Antipoden. Doch der, was sicher nicht die Absicht war, gerät ihm zu einem fast tragikomischen Antihelden. Und der Regisseur betont das. Nahe bei der Tragödie wohnt ja die wahre Komödie, und deren Protagonisten Falstaff oder der Baron von Lerchenau sind Beckmessers Brüder im Geist, sie teilen ein ähnliches Schicksal. Johannes Martin Kränzle ist ein drolliger, lächerlicher, ein leidender Beckmesser, den die anspruchsvolle Tessitura der Partie für keine Sekunde anficht; mit ihm verschmelzen Künstler, Figur und Sänger zu einem kongruenten Subjekt.

Bayreuther Festspiele / Die Meistersinger von Nürnberg - Musikalische Leitung Philippe Jordan, Inszenierung Barrie Kosky, Bühne Rebecca Riest, Kostüme Klaus Bruns, - hier Daniel Behle als David und die Meistersinger © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Die Meistersinger von Nürnberg – Musikalische Leitung Philippe Jordan, Inszenierung Barrie Kosky, Bühne Rebecca Riest, Kostüme Klaus Bruns, – hier Daniel Behle als David und die Meistersinger © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Im Zweiten Aufzug sind die holzgetäfelten Wände des Gerichtssaals geblieben, dessen Boden ist ausgelegt mit einem üppigen Rasen. Eine Vorwegnahme der Festwiese des Dritten Aufzugs, die dort fehlen wird. Nunmehr nimmt die Demontage des in die Eva verschossenen Merkers durch Sachs, den guten, weisen Poeten, ihren Anfang. Des Verliebten holprig gereimtes Ständchen zertrümmert der Schuster, diesmal als >Merker< fungierend, statt der Kreidestriche mit Hammerschlägen auf die Sohle der Schuhe, an denen er just werkelt. Die ob Lärm und Gesang um den Schlaf gebrachten Nürnberger rennen herbei, prügeln sich weniger untereinander, dafür desto unerbittlicher ein auf den vermeintlichen Störenfried und Juden Sixtus Beckmesser. Eine Art Pogrom. Wennschon hier der Hochbetrieb auf der Bühne seine grotesken wie burlesken Züge hat, es an verrückten mimischen wie tänzerischen Einfällen nicht mangelt und keine Sekunde Langeweile aufkommt, das Los des mehrfach gepiesackte Stadtschreibers ist fürwahr bejammernswert. Zuletzt hockt er derangiert und gemieden da, übergestülpt ein Schwellkopf von Judenkarikatur. Ein zweites Mal füllt diese Klischeefratze, aufgeblasen zum Ballon, die Bühne, bis die Luft entweicht und er in sich zusammenfällt. Vorhang.

Indem der Regisseur auch im Dritten Aufzug den Gerichtssaal 600 der Nürnberger Prozesse mit der damaligen Einrichtung zum Schauplatz wählt, darf man darin mitnichten Demagogie entdecken. Das Nürnberg des Librettisten Richard Wagners ist eine Phantasmagorie, ist Kulisse. Das Nürnberg als Modell einer urdeutschen Stadt mit Gotik, Fachwerk und Butzenscheiben ging aus bekannten Gründen zugrunde. Sein Gerichtsgebäude indessen blieb unzerstört. Dessen Überleben erlaubt viele Deutungen, einzig die Vernunft liefert die richtige: Ein Zufall.

Bayreuther Festspiele / Die Meistersinger von Nürnberg - Musikalische Leitung Philippe Jordan, Inszenierung Barrie Kosky, Bühne Rebecca Riest, Kostüme Klaus Bruns, - hier Klaus Florian Vogt als Stolzing © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Die Meistersinger von Nürnberg – Musikalische Leitung Philippe Jordan, Inszenierung Barrie Kosky, Bühne Rebecca Riest, Kostüme Klaus Bruns, – hier Klaus Florian Vogt als Stolzing © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Wenn in der historischen Umgebung zum Schluss der Oper, nach Stolzings Siegesarie ­ mit dem Titel: Morgentraumdeutweise ­ Hans Sachs-Richard Wagner die Apotheose der Deutschen Kunst anstimmt, und diese in das Heil-Heil Jauchzen des Nürnberger Volkes mündet, dann sollte das von den holzgetäfelten, von Deutscher Geschichte viel wissenden Wänden zurückgeworfene Echo nicht ungehört bleiben. Es könnte eine Warnung vor Hybris enthalten. Eine Deutsche Morgentraumdeutweise endete einmal in einer Alptraumdeutweise.

Zuvor hat Sachs vom Wahn des Weltenlaufs gesungen und danach mit Stolzing dessen Wettbewerbslied erarbeitet. Der unselige Beckmesser bemächtigt sich dessen Partitur in der Hoffnung, sie für die eigene Kandidatur nutzen zu können. Indem der Schuster das billigt, spinnt er eine Intrige: nämlich auf diesem Wege den ungeliebten Vereinsbruder mit der heiklen Lyrik des Liedes auflaufen zu lassen. Dergleichen vermag der ohnehin verstörte Stadtschreiber nicht zu ahnen. Noch mischt er sich unter das paradierende, Fahnen schwenkende, jubelnde, tanzende, turbulente Nürnberg. (Bei solchem Aufmarsch stand dem inszenierenden Barrie Kosky, ­ eine Unterstellung!, ­ womöglich der Sinn nach einer doppelten Parodie: zunächst einer des Gepränges eines Reichsparteitages der Nazis. Dann, bei der Huldigung des Hans Sachs, die zweite, und zwar eine des seinerzeit tausendfach reproduzierten Gemäldes des Anton von Werner der Kaiserproklamation in Versailles von 1871)

Erst nachdem Beckmesser als Contestsänger öffentlich gescheitert ist, wütende Bürgern den Versager durch die Tür ins Draußen verstoßen haben, gilt die Stadt als befreit genug, damit alle gemeinsam und reinen Herzens in den Hymnus auf die Deutsche Kunst, Nürnberg und Hans Sachs, alias Richard Wagner, einfallen können. Mit dem jähen Verschwinden allen Taumels dirigiert am Ende ein Hans Sachs, wieder mehr als Richard Wagner, ein aus dem Bühnenhintergrund heranfahrendes Orchester. Sein Stab zeigt nicht allein der Musik, wie sie zu spielen hat, sondern wohl am liebsten genauso der Welt, wie sie sich zu drehen hätte.

Sofern von der Musik bisher wenig die Rede war, so findet solches Manko eine gewiss ungenügende Erklärung in einer jederzeit und ganz den Blick beanspruchenden Szene. Man muss sich nachgerade zwingen, das erkennende Schauen, das Reflexion verlangt, zugunsten des Hörens einzuschränken, bis man beides synchron wahrzunehmen fähig ist. Allein Bild und Aktion vereinen sich erst mit der Musik zur gelungenen Illusion, und das Geschehen vermag dann und wann sogar unter die Haut zu gehen.

Den wohl- wie hochgestimmten Chor (Ltg. Eberhard Friedrich), einen der allerhöchsten Qualität, zuerst zu nennen, bedeutet keine Herabsetzung der Solisten. Doch als Volk übernimmt er einen gleichwertigen Part, der in überzeugender Weise gemeistert wird.

Michael Volle ist ein barocker saftiger Sachs und ein umtriebiger vollmundiger Wagner, ein Sänger wie Darsteller von Format, der beiden Figuren nichts schuldig bleibt. Von gleicher Qualität präsentiert sich Johannes Martin Kränzle, in Ton, Bewegung, ja Slapstick von der Natur geradezu als Beckmesser orchestriert. Der Tenor des David, sprich des Daniel Behle, schwingt mühelos ein in jede Stimmlage, in der ein gewitzter, vorlauter und ein bisschen frühreifer Schusterbube, mit seiner Umwelt palavern, sich unterhalten, sie eben auch belehren würde. Der Stolzing des Klaus Florian Vogt, von Wagner nicht zuletzt als ironische Kopie eines Belcantotenors, des Primarius der traditionellen italienischen Oper, entworfen, bewirbt und beschwert sich mit  ihm gemäßen Wohllaut, doch zugleich auch so idiomatisch, wie es sich für ein wagnerianisches Helden ziemt.

Bayreuther Festspiele / Die Meistersinger von Nürnberg - Musikalische Leitung Philippe Jordan, Inszenierung Barrie Kosky, Bühne Rebecca Riest, Kostüme Klaus Bruns, - hier Anne Schwanewils als Eva / Cosima Wagner und Klaus Florian Vogt als Stolzing © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Die Meistersinger von Nürnberg – Musikalische Leitung Philippe Jordan, Inszenierung Barrie Kosky, Bühne Rebecca Riest, Kostüme Klaus Bruns, – hier Anne Schwanewils als Eva / Cosima Wagner und Klaus Florian Vogt als Stolzing © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Cosima Wagner klingt gleichermaßen kultiviert wie ihr leicht verhuschtes Double Eva. Anne Schwanewils formt beide, die distinguierte Komponistengattin wie das zur Siegesprämie ausgerufene Fräulein, mit sanften Tönen und nur gering aufmüpfig wider das männliche Quartett. Ihre Zofe Magdalene (Wiebke Lehmkuhl) tut ihr gleich. Vielleicht sind sie zusammen von den Musikern eingeschüchtert, die sich ihnen gegenüber unten im Graben etwas vorlaut benehmen. Das Orchester, seinem Rang entsprechend, bewältigt die Partitur bestimmt so, wie vom Komponisten vorgestellt, vermutlich sogar so exzellent wie er es sich überhaupt nicht vorzustellen vermochte. Unter dem Chef Philippe Jordan drängt es sich nicht vor die Solisten oben auf der Bühne, es trumpft angemessen auf, wie es diskret mitspielt, nicht unbedingt glanzvollst, doch ganz und gar nicht glanzlos.

Die Meistersinger von Nürnberg: Mit denen bietet Barrie Kosky eine Aufführung der besonderen Art: dionysisch, sinnlich, humorvoll, traurig, erinnernd und mitunter verstörend. Was will das Herz der Opernfreunde jeder Provenienz denn mehr?

Leidenschaftlicher Applaus für das gesamte Ensemble vorne, hinten, oben und unten. Ein paar verschämte Buhs beim Erscheinen des Regisseurs.

 

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2017, Tristan – Parsifal – Festspiel-Erlebnisse, IOCO Aktuell, 20.08.2017

August 19, 2017  
Veröffentlicht unter Bayreuther Festspiele, IOCO Aktuell, Oper

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

 Bayreuther Festspiele 2017 – Mitreißende IOCO Erfahrungen

Tristan und Isolde, Götterdämmerung, Parsifal, IOCO – Redaktionstreffen, Begegnung mit Richard Wagners Urenkelin Katharina Wagner

Von  Patrik Klein

Seit beinahe 30 Jahren reisen meine Frau und ich regelmäßig nach Bayreuth zu den Festspielen, so auch in diesem Jahr. Doch 2017 ist anders als die vielen Jahre zuvor: Erstmals fungiere ich in Bayreuth offiziell als IOCO Koordinator: IOCO Redaktionsmitglied Dr. Hanns Butterhof, besuchte die vier Vorstellungen des Ring des Nibelungen, den Castorf – Ring 2017 und veröffentlichte bei www.ioco.de seine packende Rezension. IOCO – Kollege Dr. Albrecht Schneider wird die Meistersinger, inszeniert von Barrie Kosky, noch besuchen und ebenso bei IOCO berichten. Als IOCO – Koordinator für die Bayreuther Festspiele nahm ich gerne die Gelegenheit wahr, das Kulturportal IOCO, meine Kollegen und mich bei Peter Emmerich, Leiter Marketing und Presse der Bayreuther Festspiele, vorzustellen. In seinem Büro sitzend, IOCO vorstellend, trat plötzlich und völlig unerwartet Katharina Wagner herein, setzte sich zu uns und nahm interessiert wie aktiv an unserem Gespräch teil. Da meine Frau und ich Karten für Tristan und Isolde hatten, Petra Lang (Isolde) aber wegen Indisposition durch Ricarda Merbeth ersetzt wurde, unterhielten wir uns mit Katharina Wagner angeregt über Nöte kurzfristiger Umbesetzungen, die Bayreuther Festspiele allgemein wie auch Ziele und Schwerpunkte des Kulturportales www.ioco.de, IOCO – Kultur im Netz GmbH. Eine für mich wunderbare Erfahrung, all dies im Herzen der Festspiele persönlich wie intensiv kommunizieren zu können.

Bayreuther Festspiele / Katharina Wagner © Matthias Balk

Bayreuther Festspiele / Katharina Wagner © Matthias Balk

Die folgenden Tage in Bayreuth bestanden aus dem Besuch von Tristan und Isolde, Götterdämmerung und dem Spätwerk des Meisters, Parsifal. Dazu im Hotel Goldener Löwe eine kleine Redaktionssitzung zu aktuellen wie zukünftigen Zielen von IOCO; mit Viktor Jarosch und Dr. Hanns Butterhof. Dr. Butterhof besuchte und rezensierte bereits den Bayreuther  Castorf – Ring 2017 (link hier).

Vor dem Festspielhaus Bayreuth: IOCO Bayreuth Koodinator Patrik Klein, Viktor E. Jarosch, Dr. Hanns Butterhof Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Vor dem Festspielhaus Bayreuth: IOCO Bayreuth Koodinator Patrik Klein, Viktor E. Jarosch, Dr. Hanns Butterhof Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Tristan, Götterdämmerung, Parsifal – Kurze Eindrücke

Tristan und Isolde: Die Musik Richard Wagners geht über Alles. Seine Musik geht durch Mark und Bein; sie regt auf; sie regt an zum Nachdenken, zum Träumen und zum Weinen. Katharina Wagner, Leiterin der Bayreuther Festspiele und Urenkelin Richard Wagners, versteht es blendend in Ihrer Inszenierung von Tristan und Isolde Spannung aufzubauen, Spannung welche fasziniert. Sie schafft es, innere Seelenbilder „sichtbar“ zu machen. Ähnlich der Ruth Berghaus Inszenierung in Hamburg setzt sie an bei der Vorgeschichte.

Bayreuther Festspiele / Tristan und Isolde © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Tristan und Isolde © Enrico Nawrath

Tristan und Isolde lieben sich seit langem, bereits seit der Vorgeschichte in Irland (1. Akt „Dein Elend jammerte mich“ in Liebe-unterstreichender Tonart). König Marke wird nicht als etwas dümmlicher Opa charakterisiert, sondern ist Diktator, Schurke, Egoist. Die Handlung der Katharina Wagner – Inszenierung ist folgerichtig und klug durchdacht. Tristan und Isolde  brauchen keinen Liebestrank (mir klopft das Herz). Sie schütten ihn sogar weg u.v.m. Im zweiten Akt wird deutlich, dass sie wissen, dass dies ihre letze Nacht (Liebesnacht) werden wird. Der dritte Akt endet nicht wie so oft mit einem verklärten Liebestod (Wagner hat nie geschrieben, dass sie stirbt); Isolde spielt noch ein wenig mit der Leiche ihres Geliebten und wird dann schroff von Marke in ihre Kammer gezerrt. Atemberaubend und großartig dargestellt. Das Orchester der Bayreuther Festspiele ist „des Wahnsinns fette Beute“. Am Beginn des dritten Aktes kann man die Tränen angesichts der Schönheit der Musik nicht mehr zurückhalten. Warum auch?

Bayreuther Festspiele / Tristan und Isolde - Schlussapplaus © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele / Tristan und Isolde – Schlussapplaus © Patrik Klein

Christian Thielemann dirigiert perfekt; flüssig; an manchen Stellen innehaltend; wuchtig; solide; abenteuerlich. Es ist eine Freude. Der Gesang ist besser als befürchtet. Grandios mit allesüberstrahlendem Bass René Pape. Kraftvoll bis zum letzten Atemzug der Tristan von Stephen Gould. Ricarda Merbeth singt ordentlich von der Seite für die erkrankte Petra Lang. Frau Lang spielt stumm. Die Brangäne wird von der wohlklingenden Christa Mayer dargestellt. Insgesamt sind die Stimmen bis auf René Pape wenig textverständlich. Obwohl ich den Text der Oper Tristan und Isolde recht gut kenne, sehnt man die fehlenden Übertitel herbei. Großer Jubel und Getrampel nach sechs Stunden spannendem Musiktheater.

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung - Finale © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung – Finale © Enrico Nawrath

Götterdämmerung: Da Dr. Hanns Butterhof bereits ausführlich über den Ring berichtete, hier mein kurzer Eindruck von der Castorfschen Apokalypse des Kapitalismus. Die Vorstellung gerät, wenn man die drei vorherigen Teile nicht sehen konnte, leicht zu einer Reizüberflutung größten Ausmaßes. Nie zuvor war ich nach einer Götterdämmerung emotional so fertig und scheinbar überrannt. Doch die Musik war umso erstaunlicher. Marek Janowski dirigierte vor Kurzem mit dem NDR Elbphilharmonieorchester und Weltklassesängern ein großartiges Rheingold in der Elbphilharmonie Hamburg. Die musikalisch hohe Qualität setzte sich hier in Bayreuth   nahtlos fort.

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung - Schlussapplaus © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung – Schlussapplaus © Patrik Klein

Janowski dirigiert zügig; sehr zügig, aber spannend und facettenhaft. Das machte Spaß. Die Sängerriege kurzum großartig erhielt Zuspruch ohne Einschränkungen. Es ist wunderbar, ein solches gleichförmiges Niveau erleben zu dürfen. Der Chor unter Eberhard Friedrich singt im Weltklassemodus. Man wünscht sich als Hamburger an dieser Stelle, dass es ihm gelänge, dies auch an der Hamburgischen Staatsoper häufiger umzusetzen.

Bayreuther Festspiele / Parsifal 1. Akt © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Parsifal 1. Akt © Enrico Nawrath

„Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten“, so der Dalai Lama. Parsifal bei den Bayreuther Festspiele 2017: Ein Ereignis.  Regisseur Uwe Eric Laufenberg gibt zu denken; er provoziert mit sanften Bildern, nicht wie gestern der Chef des aktuellen Ringes. Seine Bilder rauben mir den Atem. Wir befinden uns in Mossul, wenn ich die Raumfahrt über google earth richtig gedeutet habe. In einer beschädigten Kirche, die nachts Flüchtlingen Unterschlupf gewährt. Soldaten queren und in der Kuppel sitzt eine Gestalt auf einem Stuhl, blau gekleidet mit schwarzen Locken…starr und stumm…sie wird uns die ganzen 4 Musikstunden begleiten, nichts sagen, nichts tun, nur ab und an mal angestrahlt; die machtlose Mutter Gottes? Die Gralsritter wirken hektisch und es lauert Gefahr. Gurnemanz (überragend Gerd Zeppenfeld) weist den schwantötenden Parsifal (Andreas Schagerl in Bestform) in seine Schranken. Die Verwandlungsmusik wird bebildert durch eine Videowand in voller Bühnenbreite. Durch das Kuppeldach der Kirche fliegen wir in den Weltraum und sehen Sterne, Chaos und wilde Schönheit. Und wir landen wieder dort, im Irak, an der Grenze zur Türkei. Amfortas (großartig Ryan McKinny) leidet und durchlebt eine Tortur des Rituals der Gralsenthüllung. Der Chor unter Eberhard Friedrich klingt erschütternd. Amfortas wird die Wunde gewaltsam geöffnet, Blut entnommen und in den Kelch gefüllt. Verrohen die Gralshüter angesichts der brutalen Ereignisse? Im zweiten Aufzug im Reich des Klingsors (Werner Van Mechelen mit einem kraftvollen Bayreuthdebut) findet in einem Hamam statt. Die Blumenmädchen sind als Muslima getarnt und unter Burkas verhüllt. Erst als Parsifal erscheint, entledigen sie sich der Kleidung und erscheinen in farbenfrohen Gewändern. Parsifal im Dialog mit der großartigen Kundry, Elena Pankratova, wird durch Mitleid wissend und nimmt sich Kundry ordentlich zur Brust.

Bayreuther Festspiele / Parsifal - Schlussapplaus © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele / Parsifal – Schlussapplaus © Patrik Klein

Ein gefangen gehaltener Gralshüter tut es ihm gleich, während Klingsor sich in einem Kuppelraum vollgestopft mit Kreuzen mit einer Peitsche malträtiert. Im dritten Akt befinden wir uns viele Jahre später wieder im Dunstkreis Amfortas. Gurnemanz im Rollstuhl, kaum noch gehfähig, Kundry eine Greisin. Der Ort ist verwildert mit riesigen Pflanzen, die das Mauerwerk längst durchstoßen haben. Ersehntes Wasser regnet in Strömen aus den Wolken während beim Karfreitagszauber wieder ein Videoausflug stattfindet, bei dem Kundry, Amfortas und Wagners Totenmaske „erlöst“ werden. Die Schlussszene wiederholt sich wie am Anfang. Die wütenden Gralshüter fordern massiv ein letztes Mal die Enthüllung von Amfortas (der Chor sehr ausdrucksstark!). In offenem Sarg werden die religiösen Attribute der großen Weltreligionen versenkt, währenddem die Kirche aufreißt, das Licht im Zuschauerraum anschwillt und das Ensemble friedvoll in der Hinterbühne verschwinden. Der Vorhang fällt NICHT! Jubel ohne Ende für alle Beteiligten und ganz besonders für das atemberaubende Dirigat Hartmut Haenchens.

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2017, Der Ring des Nibelungen – Castorf Ring, IOCO Kritik, 19.08.2017

August 18, 2017  
Veröffentlicht unter Bayreuther Festspiele, Hervorheben, Kritiken, Oper

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Bayreuther Festspiele

Der Ring des Nibelungen von Richard Wagner

In Castorfs Kopf : Grandioses Scheitern einer humanistischen Hoffnung

Von Hanns Butterhof

Im nun fünften und letzten Jahr des von Frank Castorf inszenierten Ring des Nibelungen Bühnenfestspiels von Richard Wagner weiß das Publikum, worauf es sich einlässt. Es bleibt aber skeptisch, ob sich durch Heutiges ebenso schlüssig vom Ewigen erzählen lässt, wie es umgekehrt gängig ist.

DAS RHEINGOLD

Das „Rheingold“ führt also in das Amerika der 60er Jahre. Auf der Drehbühne des Festspielhauses hat Aleksandar Denic das heruntergekommene „Golden Motel“ an der Rückseite einer schmuddeligen Tankstelle an der Route 66 gebaut. So wenig Anfang war nie, hier ist alles schon kaputt. Im Hinterhof mit einem Swimmingpool als Rhein-Zitat hängen die etwas nuttigen Rheintöchter (Stephanie Houtzeel, Wiebke Lehmkuhl, Alexandra Steiner) ihre Unterwäsche zum Trocknen auf, lassen aber den schmierigen Betreiber der Tankstelle, Alberich (Albert Dohmen), nicht ran. Der entsagt daraufhin der Liebe ganz und wendet sich, wenn auch erst im Rahmen seines Gewerbes, ganz dem Gewinn der finanziellen Weltherrschaft zu.

Bayreuther Festspiele / Rheingold - Rheintöchter und Alberich © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Rheingold – Rheintöchter und Alberich © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Der pomadige Obergangster Wotan (Iain Paterson) betreibt das Motel. Für die Drecksarbeit hat er seine Leute wie den listigen Strategen Loge (Roberto Saccá) oder die energischen Handwerker Fasolt (Günther Groissböck) und Fafner (Karl-Heinz Lehner). Als Wotan sie um ihren Lohn, seine Schwägerin Freia (Caroline Wenborne), prellen will, schlagen sie ihm so lange die Fenster ein, bis er sie widerwillig herausrückt. Loge überredet nicht nur die beiden, statt Freias mit dem Gold Alberichs Vorlieb zu nehmen. Er führt auch Wotan in die Tanke Alberichs, der stellvertretend für alle geknechtet schuftenden Nibelungen seinen Bruder Mime (Andreas Conrad) und den Barkeeper (Patric Seibert) malträtiert. Ihm zwingt Wotan alles Gold, das nun holzscheitartig im Pool treibt, mitsamt einer Tarnkappe und einem aus dem Rheingold geschmiedeten, die Weltherrschaft ermöglichenden Ring ab, den Alberich daraufhin voll Wut und Leid verflucht.

Bayreuther Festspiele / Rheingold - Das Golden Motel und Ensemble © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Rheingold – Das Golden Motel und Ensemble © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Die Wirkung des Fluchs zeigt sich gleich nach dem in Wildwestmanier mit gezogenem Colt vollzogenen Tausch Freias gegen das Alberich-Gold samt Tarnkappe und Ring: Der gefühlsarme Fafner erschlägt seinen eher der Freia zugeneigten Bruder Fasolt, und von da an gilt Wotans Sorge nur noch dem Rückgewinn des Rings, der ihm die Weltherrschaft sichern soll.

Das kann man so erzählen. Aber es verträgt sich nicht wirklich mit einem Text, der von Göttern, Riesen und Zwergen und dem Bau der Götterburg Walhall handelt. Allerdings hat die Textverständlichkeit in diesem „Rheingold“ schlechte Karten. Die Aufmerksamkeit des Publikums wird permanent von der Handlungs- und Gesangsebene fortgerissen auf Nebenhandlungen, die als bunte Videos aus dem Motel- oder Tankstelleninneren oder als Szene aus Castorfs privatem Film-Gedächtnis auf einer Leinwand auf dem Moteldach eingespielt werden. Einzig Nadine Weissmann als Erda, deren Quicky mit Wotan die hysterisch auffahrende Eifersucht seiner Frau Fricka (Tanja Ariane Baumgartner) nur kurz erregt, vermag sich gegen die Assoziations- und Bilderflut Castorfs und seiner Video-Künstler Andreas Deinert und Jens Crull souverän wortverständlich durchzusetzen. Dass das Ensemble engagiert und überaus handlungsreich spielt, fesselt die Aufmerksamkeit und zieht sie mehr und mehr in Castorfs Kopf.

Bayreuther Festspiele / Rheingold - Wotan, Alberich und Loge © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Rheingold – Wotan, Alberich und Loge © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Musikalisch ist das „Rheingold“ gelungen. Schönklang bei den Rheintöchtern, der leichte Bass von Wotan Iain Paterson passt zur Rolle des Gangsterbosses, Albert Dohmens Alberich ist ein Bass von beeindruckend variantenreicher Tiefe. Von den Figuren neben ihnen gefallen vor allem der lockere Roberto Saccá, Andreas Conrad und Günther Groissböck, dem ein gesteigerter Schlussbeifall gilt.

Den größten Beifall erhält deutlich Dirigent Marek Janowski und sein gut aufgelegtes Festspielorchester. Er schafft es, der Musik gegen die grellen Bilder zu ihrem Recht zu verhelfen. Sein flottes, die Artikulationsfähigkeit des Ensembles bis an die Grenze forderndes Dirigat ist flüssig, reitet nicht ostentativ auf den Leitmotiven herum und bietet soliden Wagnerklang.

Dieses „Rheingold“ hat etwas von der Feuerlohe um Brünnhildes Felsen. Wer ohne Zagen hindurch gegangen ist, der kann von den folgenden Abenden nur positiv überrascht werden.

DIE WALKÜRE

Ist es so, oder erscheint es dem „Rheingold“-Geschmiedeten nur so: Ganz anders, ruhiger auf die Szene gerichtet und weniger bildlastig ist „Die Walküre“. Zeit und Ort, auch die Figuren haben sich geändert. Jetzt füllt eine gewaltige Holzkonstruktion die Bühne, die plausibel Hundings Hütte als Wehrburg zeigt, gedreht deren Scheune sichtbar macht und am Ende einen Ölförderturm abgibt. Dass dieser in Aserbeidschans Baku stehen soll, erfährt man allerdings nur aus externen Quellen wie Feuilletons oder dem durch die Gesellschaft der Freunde Bayreuths e.V. ermöglichten Einführungsvortrag Sven Friedrichs, des Direktors des Richard-Wagner-Museums.

 Bayreuther Festspiele/ Walküre - Camilla Nylund als Sieglinde, Christopher Ventris als Siegmund, Georg Zeppenfeld als Hunding © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele/ Walküre – Camilla Nylund als Sieglinde, Christopher Ventris als Siegmund, Georg Zeppenfeld als Hunding © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Ruhige, eher statische Szenen prägen „Die Walküre“, und in den ausgedehnten symphonischen Passagen tritt die orchestrale Seite wohltuend hervor.

In einer nicht näher definierten Vorzeit, in die nur ein Fahrrad als Zeichen ihres Gegenwartsbezuges hinüberweist, verfallen sich gestisch fesselnd, kaum videogestört, aber auffällig unsinnlich, der auf der Flucht befindliche Wotan-Sohn Siegmund (Christopher Ventris) und seine Schwester Sieglinde (Camilla Nylund), die in Zwangsehe mit dem finsteren Biedermann Hunding (Georg Zeppenfeld) lebt. Die Dreiecksituation mit dem von der Verfolgung Siegmunds nach Hause kommenden Hunding, der im Hochzeitsanzug (Kostüme: Adriana Braga Peretzki) mit einem auf die Spitze seines Speers gespießten Kopf auftritt, ist fein inszeniert. Etwa wenn die verängstigte, doch neugierige Sieglinde von der hohen Terrasse aus dem Bericht Siegmunds lauscht und dann vor dem kurzen, argwöhnischen Blick Hundings kuscht.

Bayreuther Festspiele / Walküre - Bohrturm mit Walküren © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Walküre – Bohrturm mit Walküren © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Wo die Videotechnik, jetzt in expressionistischer schwarz-weiß-Manier, eingesetzt wird, überlagert das meist die Szene. So sieht man während Siegmunds Lebenssbeichte den von Sieglindes Schlaftrunk betäubten Hunding, wie er zuckend auf Siegmunds Worte reagiert. Für Wonnemond-Seligkeit ist da so wenig Platz wie für die Esche, in der das rettende Schwert Nothung stecken soll. Bis er es in der Scheune aus einem Baumstumpf zieht, erscheint es nur als Video wie auch Wotan (John Lundgren), der als langbärtiger Russe die Entwicklung mit Wohlgefallen sieht und sich am Telefon stummfilmmäßig mit einer Frau verabredet.

Etwas mehr Schwung bringt dann Fricka (Tanja Ariane Baumgartner) auf die Bühne. Die hysterische Herrin, die ihre Peitsche auf das Personal wie auch ihren Gatten Wotan sausen lässt, macht ihm im Namen von Recht und Sitte eine demütigende Szene. Obwohl das seine Pläne zur Wiedergewinnung des Rings scheitern lässt, muss Wotan, ergreifend in seiner Zerrissenheit, zustimmen, Siegmund nicht mehr zu schützen. In einer wunderbar intimen, vom Orchester sanft getragenen Szene widerruft Wotan den Auftrag, den er der Walküre Brünnhilde (Catherine Foster) gegeben hatte; nun soll Siegmund fallen. Obwohl sich Brünnhilde dem widersetzt, geschieht es. Hunding tötet Siegfried, der entgeistert nur auf das an Wotans Spaten zerbrochene Schwert Nothung schaut.

Noch einmal ändern sich Zeit und Szene. Jetzt wird zum Ende des 19. Jahrhunderts der nun zentrale, mit rotem Stern gezierte Ölförderturm von fahneschwingenden Revolutionären gestürmt, viele Heldenleichen fallen für die phantasievoll gewappneten Walküren an, die stimmschön, aber recht zahm, in ihr Hojotoho ausbrechen. Die mit der schwangeren Sieglinde zu ihnen geeilte Brünnhilde können sie nicht vor Wotans Strafe wegen ihrer Widersetzlichkeit schützen. Eigenartig unberührt verbannt sie der inzwischen Bartlose; seine Trauer malt nur das Orchester aus. Während Brünnhilde auf Video einschläft, wird der von Flammen umloderte Felsen enttäuschend läppisch nur als Flämmchenkranz um ein Ölfass angedeutet.

Bayreuther Festspiele / Walküre - John Lundgren als Wotan und Tanja Ariane Baumgartner als Fricka © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Walküre – John Lundgren als Wotan und Tanja Ariane Baumgartner als Fricka © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

In der „Walküre“ setzt sich die musikalische Seite deutlich gegenüber der szenischen durch. Wenn Marek Janowski das Tempo drosselt und das Forte zurücknimmt, kommt es zu beglückenden Momenten. Das Wälsungenpaar überzeugt auch darstellerisch, Camilla Nylund mit klarer Höhe als Sieglinde, Christopher Ventris als Siegmund mit ausdrucksstarkem, warm timbriertem Tenor.

Georg Zeppenfeld als Hunding agiert eher unauffällig, aber mit beeindruckend fundiertem Bass. Zunehmend gewinnt Wotan John Lundgren stimmlich an Statur, Tanja Ariane Baumgartner als Fricka ist ihm eine gleichwertig gute Partnerin.

Mit großer Bühnenpräsenz und gesanglich ist Catherine Foster als Brünnhilde der Star des Abends. Unangestrengt und doch kraftvoll bezaubert sie mit reinem Sopran, fesselt als widerspenstige Wotanstochter und berührt tief bei ihrem Sturz.

SIEGFRIED

Schon nicht mehr überraschend ändern sich auch im „Siegfried“ wieder Ort, Zeit und Charaktere. Die Drehbühne wechselt häufig zwischen zwei Schauplätzen. Der eine ist ein bühnenraumfüllendes Felsmassiv, aus dem, wie im amerikanischen Mount Rushmore die Köpfe der Präsidenten, die der kommunistischen Leitfiguren Marx, Lenin, Stalin und Mao blicken. Der andere ist der Ostberliner Alexanderplatz der Wendezeit mit Weltzeituhr, S- und U-Bahn-Zugang, Centrum-Warenhaus, Post und Restaurant.

Bayreuther Festspiele / Siegfried - Siegfried und Mime vor einem Marx, Engels, Stalin und MaoTsetung Felsengebirge © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Siegfried – Siegfried und Mime vor einem Marx, Engels, Stalin und MaoTsetung Felsengebirge © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Vor dem Felsen betreibt Mime (Andreas Conrad) seine Schmiede in einem silbrigen Wohnwagen. Mime ist die Karikatur eines weinerlichen Kleinbürger-Intellektuellen. Vergeblich sucht er in seinen Büchern nach einer Anleitung dafür, ein Schwert zu schmieden, das sein unbändig starker Ziehsohn Siegfried nicht kaputtkriegt; dem Wanderer Wotan (Thomas J. Mayer) gegenüber weiß er die ganze Weltgeschichte zu erzählen, kennt aber nicht das, was ihm einzig nützlich wäre.

Nach dem Tod seiner Mutter Sieglinde ist Siegfried (Stefan Vinke) bei Mime zu einem impulsiven Halbstarken herangewachsen. Weder von Sitten- noch von Handwerksregeln ist er angekränkelt. So kann er mit neuer Technik Nothung zu einem Schwert von der Durchschlagskraft einer Kalaschnikow neu schmieden; mit einer solchen mäht er dann, das Publikum aufschreckend, bedenkenlos Fafner (Karl-Heinz Lehner) nieder, den zuhälterartigen Hüter des Nibelungenschatzes, den er aus dem U-Bahn-Zugang am Alexanderplatz hervorgerufen hat. Er raubt ihm den Schatz samt Tarnkappe und Ring, bevor er seinen ungeliebten Ziehvater mit dem Messer ersticht und verächtlich mit Müll überhäuft. Da zeigt ihm ein in das aufwendige Federkostüm einer Varieté-Tänzerin gekleidetes Waldvögelchen (Ana Durlovski) nicht nur den Unterschied von Mann und Frau, sondern auch den Weg zu Brünnhilde. Als ihm auf den Kommunistenköpfen Wotan entgegentritt, zerbricht er dessen Speer und beendet damit das herrschende Regel-System der Götter. Von da an geht die Macht vom Menschen aus.

Bayreuther Festspiele / Siegfried - Siegfried und Mime © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Siegfried – Siegfried und Mime © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Nur das Orchester malt die Flammenwand, die Siegfried durchschreitet, bevor er schließlich Brünnhilde (Catherine Foster) erfolgreich aus ihrem riesigen Schlafsack wickelt. Für einen großen Moment scheinen sich in Siegfried und Brünnhilde seine reine Natur und ihre Weisheit zu voller Menschlichkeit vereinigen zu können, so viel Hoffnung war nie. Doch als sie sich beim Verlobungsmahl mit Pizza im Restaurant am Alex getrennt gegenübersitzen, bekommt diese Hoffnung einen großen Dämpfer. Während Brünnhilde eines der überall herumwackelnden Krokodile mit einem Sonnenschirm füttert, zieht Siegfried aus dem Rachen eines anderen das schon halb verspeiste Waldvögelchen. Bevor sich zwischen beiden aber wieder etwas abspielt, tritt Brünnhilde dazwischen und fordert jetzt erst den ersten Kuss, nach dem schnell der Vorhang fällt.

Das alles ist gegen jedes Mitfühlen voll trauriger, grimmiger Lustigkeit inszeniert. Die kulminiert in den von Castorf erfundenen stummen Figuren, die leitmotivisch immer wieder von Patric Seibert gespielt werden. Schon im „Rheingold“ wurde er von Alberich malträtiert, in der „Walküre“ flüchtete er als Revolutionär in einen Geflügelstall, und in der „Götterdämmerung“ wird er erst als Bedienung in einer Dönerbude slapstickmäßig mit Lebensmitteln beworfen und schließlich überfahren werden. Im „Siegfried“ ist Seibert erst der Bär, den der wilde Knabe am Halsband herbeischleppt, um damit Mime zu schrecken. Dann schafft er ölbeschmiert und unermüdlich wuselnd für ihn, ohne das Seil um den Hals je loszuwerden. Doch wenn er auf Siegfried als Befreier gehofft hatte, wird er böse enttäuscht; auch der „neue Mensch“ gibt ihm nur einen Tritt. An Seibert zeigt Castorf ohne Worte, dass er im „Ring“ eigentlich die Geschichte der enttäuschten Hoffnung auf Menschlichkeit und des Niedergangs der Arbeiterklasse erzählt.

Marek Janowski malt mit dem Festspielorchester von allem Klamauk unberührt die emotionalen Höhepunkte kräftig aus, unterstützt von einem ausgezeichneten Ensemble. Stefan Vinke ist mit seinem jungenhaft hellem Tenor ein kraftvoller, aus voller Kehle schmetternder, trotzdem nie unangenehm brüllender Siegfried. Catherine Foster glänzt auch hier als Brünnhilde, deren Sonnengruß tief berührt. Überzeugend sind auch Thomas J. Mayer als Wanderer, Albert Dohmen als Alberich und wieder die prächtige Nadine Weismmann als Erda. Viel Beifall bekam neben dem sehr verständlich singenden, auch darstellerisch beeindruckenden Andreas Conrad als Mime dieses eine Mal auch Patric Seibert. Für Marek Janowski wuchs der Beifalls-Sturm zum Orkan.

GÖTTERDÄMMERUNG

Vor einem hohen Treppenhaus, an dem in schreiendem Rot „Buna Plaste und Elaste aus Schkopau“ steht, beklagen die in Schwarz, Rot und Gold gekleideten Nornen (Wiebke Lehmkuhl, Stephanie Houzeel und Christiane Kohl) voodooartig die Schändung der Natur und den kommenden Untergang der Götterburg Walhall. Wotan schichte dort schon die Scheite der von ihm gefällten Weltesche für den großen Brand auf.

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung - Bruennhilde, Gutrune, und Siegfried - Catherine Foster, Allison Oakes, Stefan Vinke und Chor © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung – Bruennhilde, Gutrune, und Siegfried – Catherine Foster, Allison Oakes, Stefan Vinke und Chor © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Auf der Rückseite dieses Treppenhauses gelangt Siegfried (Stefan Vinke) auf seiner Weltfahrt zu den Gibichungen. Deren Burg liegt nicht am Rhein, sondern ist eine Döner-Bude im abgewrackten Ost-Berlin der 80er Jahre. Sie wird von Gunther (Markus Eiche) betrieben, einem eitlen, bedenkenlosen Aufschneider. Leitender Kopf seines Geschäfts ist der finstere Hagen (Stephen Milling), ein Sohn Alberichs und ebenfalls auf den Gewinn des Rings erpicht. Er überredet Gunther mühelos, seine sinnenfrohe Schwester Gutrune (Allison Oakes) mit Siegfried zu verheiraten. Der soll im Gegenzug Brünnhilde als Frau für Gunther werben.

Ein Zaubertrank Gutrunes und ihre sexuelle Verfügbarkeit lassen Siegfried seine Vergangenheit sofort vergessen. Eindringlich und propagandistisch wirkungsvoll auf Video übertragen, werden er und Gunther Blutsbrüder; Hagen hält sich zurück.

Derweil wartet Brünnhilde im silbernen Wohnwagen auf die Wiederkehr Siegfrieds. Die Bitte der silberglänzenden, mit Pfeil und Bogen bewaffneten Walküre Waltraute (Marina Prudenskaya), den ihr von Siegfried als Unterpfand seiner Treue geschenkten Ring den Rheintöchtern zurückzugeben, schlägt sie aus. Ihn entreißt ihr Siegfried, als er sie, unter der Tarnkappe wie Gunther aussehend, überwindet und so zu dessen Braut gewinnt. Die Tarnkappe trägt ihn dann schnell zu Hagen zurück, um die Doppelhochzeit zu arrangieren. Gunther kommt mit der betrogenen Brünnhilde langsam nach.

Es ist eine tolle Szene, als Hagen die Bevölkerung zusammenruft, um die Ankunft des Paares zu feiern. Er veranstaltett ein Volksfest mit Fähnchenschwenken und Freibier, Schlägerei und Protest gegen Krise und Hunger – mit Sicherheit als Mahnung an alle gedacht, die froh im Festsaal sich freun -, wobei der Herrenchor angsteinflößend gesangliche Wucht entfaltet. Hagen, den Alberich (Stephen Milling) noch einmal auf das gemeinsame Ziel der Weltherrschaft verpflichtet hat, braucht die Menge als Zeugen für den Betrug an Brünnhilde. Der soll ihm die Rechtfertigung dafür verschaffen, Siegfried zu töten und so in den Besitz des Rings zu gelangen.

Der Plan geht auf, Brünnhilde erkennt an Siegfrieds Finger den Ring und bezichtigt ihn und Gunther öffentlich des Betruges, sie sei nicht Gunthers, sondern Siegfrieds Gemahlin; der beschwört das Gegenteil. Hagen, der sich als ihren loyaler Rächer aufspielt, entlockt ihr das Geheimnis von Siegfrieds Verwundbarkeit, und mit dem bloßgestellten Gunther besiegeln sie Siegfrieds Tod, den sie als Jagdunfall hinstellen wollen.

Im offenen Cabrio erwarten die Rheintöchter (Stephanie Houzeel, Wiebke Lehmkuhl und Alexandra Steiner) verführerisch den jagenden Siegfried. Der kennt den Wert des Ringes nicht und hätte ihn fast hergegeben, hätten sie ihm nicht mit der Prophezeiung seines Endes Angst einflößen wollen. So bedient er sich ohne Gegenleistung sexuell an ihnen, bevor er von Hagen brutal erschlagen wird wie kurz darauf auch der reuige Gunther. Aber bevor Hagen den Ring an sich nehmen kann, kommt voller trauernder Würde Brünnhilde, der Siegfrieds letzter Gruß im Sterben galt, die Treppen herunter. Sie nimmt vor der aufgescheuchten Gutrune den Ring an sich und gibt ihn schließlich den Rheintöchtern zurück. Aber der Weltenbrand bleibt aus. Zu Siegfrieds Trauermarsch sieht man als Video Hagens Leiche auf einem Floß im Wasser treiben. Die Jagd nach der Weltherrschaft um Öl, die sich als leitender Gedanke durch den ganzen „Ring“ zog, ist zu Ende. Aber er wird sich auf ein anderes Ziel richten; ein bis dahin wie von Christo verhangenes Gebäude enthüllt sich als Börse von New York, es regiert nun das Finanzkapital. Somit wieder beim Geld angekommen, fragt sich schon, ob der aufwendige Umweg über die Öl-Erzählung wirklich aktuell erhellender war.

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung - Stephen Milling als Hagen © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung – Stephen Milling als Hagen © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Szenisch wie musikalisch ist diese „Götterdämmerung“ der Höhepunkt des „Rings“. Das vollblütige Theater und die breit strömende Musik kommen sich kaum mehr in die Quere, große Irritationen bleiben aus.

Die gesanglichen Leistungen sind enorm. Wieder begeistert Catherine Foster als Brünnhilde, wieder bleibt Stefan Vinke als Siegfried kraftvoll bis zum Ende, und Stephen Milling ist ein ungemein stimmgewaltiger Hagen von abgrundtiefer Bosheit. Markus Eiche ist mit variablem Bariton und ausgelassener Spielfreude ein beeindruckender Gunther.

Die Waltraute Marina Prudenskaya, die stimmschönen Nornen und Rheintöchter sowie der von Eberhard Friedrich prächtig einstudierte Chor vervollkommnen das gelungene Bild. Ihnen allen galt der orkanartige, lang andauernde Schlussapplaus, der sich für das ausgezeichnete Bayreuther Festspielorchester und besonders seinen Dirigenten Marek Janowski noch einmal steigerte. Es waren keine Buhs zu hören; das Publikum hat im Verlauf des „Rings“ gelernt, die Regie-Einfälle Castorfs hinzunehmen und sich an ihnen zu erfreuen, ohne großen Drang, sie alle zu verstehen. Man kann das als „Versöhnung“ bezeichnen.

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Bayreuther Festspiele 2018:  Entgegen aller Festspieltradition wird es 2018 noch drei Aufführungen der Castorf – „Walküre“ geben, deren musikalische Leitung Placido Domingo übernehmen soll. Damit wird erstmals in Bayreuth ein einzelner Abend aus dem „Ring“ herausgebrochen.

 

Münster, Theater Münster, Nike Wagner – Bayreuth und Bonn 2017, IOCO Aktuell, 30.05.2017

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Nike Wagner: Pläne für Bayreuth und Bonn 2017

Den Bonnern ihre „Neunte“

VON HANNS BUTTERHOF

Nike Wagner © Hanns Butterhof

Nike Wagner © Hanns Butterhof

Bei einem Diskussionsabend des Theaters Münster in seiner kenntnisreich von Dramaturg Wolfgang Türk kuratierten Reihe „Gelehrte im Theater“ sprach Nike Wagner über „Das schwierige Erbe. Bayreuth nach 1945“. Dabei gab die Urenkelin des Dynastiegründers Richard Wagner auch Einblick in das Programm des Gedenkkonzerts zum 100. Geburtstag ihres Vaters, Wieland Wagner (1917-1966). Am 24.7.2017, unmittelbar vor Beginn der Bayreuther Festspiele, wird demnach Hartmut Haenchen das Bayreuther Festspielorchester dirigieren, das die Festspielleitung zur Verfügung stellt, wofür sich Nike Wagner durchaus dankbar zeigt – und in diesem Zusammenhang die unausweichliche Frage nach den Familienkonflikten zu „nicht viel anders als in jeder Familie“ und durch das „allen eigene Interesse am Werk des Urgroßvaters“ relativiert. Beim Gedenkkonzert wird Richard Wagner mit den Ouvertüren zu „Rienzi“ und „Parsifal“ vertreten sein und Stücke der in Bayreuth eher verpönten Komponisten Verdi und Berg umrahmen, die ihr Vater gern inszeniert hatte.

Ludwig van Beethoven_Bonn © IOCO

Ludwig van Beethoven_Bonn © IOCO

Zum Bonner „Beethovenfest“, das Nike Wagner seit 2014 leitet, führte sie aus, dass es sich in diesem Jahr vom 8.9. bis 1.10. speziell mit den kleineren Formen befassen wird. Beethovens Erfolg beruhe zwar hauptsächlich auf seinem titanenhaft Männlichen, aber seine späten Streichquartette und Lieder seien noch immer zu entdecken. So sei es Beethoven gewesen, der mit dem Liederzyklus „An die ferne Geliebte“ stilbildend geworden ist – der Titel des diesjährigen Beethovenfestes „Ferne Geliebte“ leitet sich von dem Zyklus ab. Aber die Bonner, erläutert die durchaus humorfähige Dame, sollen auf „ihre Neunte“ nicht verzichten müssen; die Symphonie gibt es zur Eröffnung des Festivals als Aufzeichnung von 1977 der Berliner Philharmoniker unter Herbert von Karajan am 9.9. beim public viewing auf einer Großleinwand vor dem Bonner Rathaus.

Die Wege zu Beethoven führen aber auch beim diesjährigen Beethovenfest über die Symphonien 2, 4, 7 und 8 und die Klavierkonzerte 3 und 4, und in der Menge der Hochkaräter wird es auch an Stars wie dem Dirigenten Ingo Metzmacher oder den Bamberger Symphonikern nicht mangeln.

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