Bayreuther Festspiele, Der fliegende Holländer: Betrachtungen zum Ende der Festspielzeit, 12.09.2016

September 14, 2016  
Veröffentlicht unter Bayreuther Festspiele, Hervorheben, Kritiken

 „Heutzutage wäre das in Musik Setzen von Weiblichkeit, die vormals dem Tonkünstler nahestand wie nahelag, ein brisantes Unterfangen, weil die mimosenhaften Damen sich womöglich wiedererkennen und die Streichung der Oper vom Spielplan verlangen und per Justiz gewiss erreichen würde.“

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Bayreuther Festspiele

Bayreuther Festspiele 2016 

Der fliegende Holländer – Die letzte Vorstellung

Schweifende Gedanken unseres Bayreuth-Betrachters Albrecht Schneider zum Ende einer Seefahrt.

Manche mögen es für besonders klug halten, wenn einer bei dreißig Grad Außentemperatur sich nicht im Bayreuther Festspielhaus – bekanntermaßen ohne Klimaanlage – der heißen Liebesgeschichte von Tristan und Isolde ausliefert, sondern lieber beim Schicksalsdrama des Fliegenden Holländers anwesend sein möchte. Die Vorstellung freilich, es könnte hier dank der Nähe des Meeres und kraft dessen Stürme, welche den ewigen Seefahrer und den Handelskapitän Daland zusammenbringen, auch ein kühlenden Wind um 1.974 Hitzköpfe im Parkett blasen, ist zwar naheliegend, wird aber der Wirklichkeit nicht gerecht.

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Die dem Ozean eigene Vehemenz ist zwar in der Musik Wagners gut vernehmbar präsent, hier blitzt und donnert und wogt es ordentlich, allein auf der Bühne pfeift kein Nord-Nordwest den Matrosen durch die wohlfrisierten Haare. Mithin erreicht auch kein erfrischendes Lüftchen den Besucher. Die Naturgewalt bleibt ausgespart, falls man nicht die Liebe für eine solche ansehen will, und ihr gegenüber steht in der derzeitigen Inszenierung die kalte Gewalt des Kapitals. Die aber lässt genau so wenig die Temperatur sinken.

Kann man die Geschichte vom Fliegenden Holländer dergestalt aufbereiten? Dass die Liebe zu einem Seemann eine Jungfrau zur Selbstopferung hinreißt, damit der, zu ewiger Meerfahrt verdammt, endlich zur Ruhe kommt und sterben darf, diesen Stoff hat Heinrich Heine in dem Romanfragment Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski wiederum dem Richard Wagner gestiftet. Ich muss gestehen: mir sagt der Mythos, von Heine in sanft ironischer Tonart wiedergegeben, viel eher zu denn als Sujet einer hochromantischen, tieftragischen Errettungsoper. Es wird dem Komponisten bekanntlich zugeschrieben, seine Erlösung verheißenden und Erlösung bescherenden Frauenfiguren, wie Senta, Elisabeth und Elsa, seien, unbeschadet ihrer Herkunft aus der Sagenwelt, zu einem guten Teil Kopien jener Damen, die alltags ihm mehr oder minder zur Linderung von Liebes- und Lebensnöten verholfen hätten.

Heutzutage wäre das in Musik Setzen von Weiblichkeit, die vormals dem Tonkünstler nahestand wie nahelag, ein brisantes Unterfangen, weil die mimosenhaften Damen sich womöglich wiedererkennen und die Streichung der Oper vom Spielplan verlangen und per Justiz gewiss erreichen würde.

Besser gefällt mir die andere These, dass nämlich der gute Richard sich solchen Frauen zugewandt habe, deren Habitus in den unterschiedlichen Epochen der Beschäftigung mit Senta, Elisabeth und Elsa, Isolde nicht ausgenommen, seiner jeweiligen, nennen wir sie völlig unwagnerianisch einmal so, Primadonna entsprachen.

Halten wir uns nicht weiter mit Klatsch und Spekulation auf, denn dazu ist es im Festspielhaus viel zu heiß. Nachdem zuvor dessen von der Plastikhaut befreite und mit neuen Ziegelsteinen herausgeputzte Fassade eine bereits schwitzend ankommende, teils schwitzend flanierende, teils schwitzend im Ausschank Schampus und Bier zusprechende Menge angestrahlt hatte, macht es unsereinem genug zu schaffen, in dessen hartem wie engem Gestühl Körperpositionen zu finden, welche erstens eine Sicht auf die Szene über die Grauschädel der Vorderleute hinweg ermöglichen, und welche zweitens besonders die im Spätherbst des Daseins Angelangten nach zweieinviertel Stunden keineswegs als bucklig Männlein oder krummes Weiblein aus dem Saal schlurfen lassen.

Dilettanten in Sachen Wagner kolportieren gern, der Fliegende Holländer stehe vor allem wegen seiner kürzeren Dauer in der Gunst der Wagnerfreunde weit oben. Ohne das Gift in ihrem Gerede zu überhören, ist eines daran insofern richtig, als dessen Aufführung die Physis erheblich geringer strapaziert, misst man ihn an den himmlischen Längen von Parzifal, Tristan und Meistersinger. Um vom Ring der Nibelungen ganz zu schweigen. Wennschon der als Letzter in den Kanon der festspielhauswürdigen Opera des Meisters berufene Holländer darin als Kurzoper gelten könnte, so ist das beileibe kein Vorzug, der ihn über die Schwesterwerke erhebt. Die Gründe für den Grad der Beliebtheit dergestalt zu ermitteln und daraus irgendeine Qualität abzuleiten, ist ein Banausenakt.

Montmartre / Heinrich Heine © IOCO

Montmartre / Heinrich Heine © IOCO

Um eine Oper idiomatisch zu Gehör zu bringen, bedarf es eines Orchesters samt Dirigenten, denen sich die Musik erschließt. Um eine Oper zu Gesicht zu bringen, zu visualisieren, zeitnah gesprochen, muss sich ein solcher Regisseur an die Arbeit machen, der die Intentionen des Autors erfasst und sie unsereinem auf der Bühne als ein Stück aus unserer Welt anzubieten versteht. Die Sage vom Fliegenden Holländer ist in der Version und Diktion Heinrich Heines ein launiger Text, worin  das Motiv vom „Ewigen Juden“ aufgreifend die Legende des zum ewigen über die Ozeane Vagabundieren verdammten Kapitäns mit der folgenschweren Liebe einer Frau verwoben wird. Eine romantische Erzählung, die weder glücklich noch schrecklich, vielmehr mit Erlösung endet.

Für uns nüchterne Zeitgenossen ist Erlösung zu einem prosaischen Begriff geworden. Eine transzendente Bedeutung hat er noch für die Glaubenstreuen. Erlösung wird vornehmlich dann verspürt, sobald das Krachscheit von Nachbar weggezogen ist oder es sich nach einem Beinbruch wieder ohne Krücken die Treppen hochsteigen lässt. Dass ein Mädchen sich kopfüber in die Fluten zu stürzen hat, damit ein fluchender und deshalb zum unentwegten Segeln Verfluchter schließlich sterben kann, ist eine Meldung aus dem Zauberreich der Liebenden, das bekanntlich von Romeo und Julia, Abaelard und Heloise, um Tristan und Isolde nicht zu vergessen, bewohnt wird. Sie ist anrührend, solange man dieses Imperium zu Recht weit in der Vergangenheit und hinter den sieben Bergen liegend vermutet. Werden die Paare allerdings von dort in die Gegenwart und auf die Bühne befohlen, über die sie in BOSS’ Sakko oder im C&A Kostüm durch Hightech Büros und Fabrikhallen zu gehen haben, dann sollte der Kommandeur schon genaue Vorstellung von der Vorstellung besitzen, damit ihr Schicksal heute Abend dem Zuschauer gleichermaßen nahe geht.

Vorauszuschicken wäre, dass ich schon lange vor dem ersten d-moll Akkord der Ouvertüre darüber nachdachte, wie wohl der Regisseur Jan Philipp Gloger das Stück in die Moderne transportieren würde. Allein meine Fantasie ließ mich im Stich, nichts Sinnstiftendes wollte mir einfallen, womit ich ihm hätte zur Hand gehen können. Die Handlung schlichtweg dem Libretto entlang auf die Bühne zu bringen, dürfte heutzutage sogar für einen stockkonservativen Wagnerianer (Anmerkung: dies vielzitierte Wesen einmal exakt zu identifizieren wäre gewiss eine verdienstvolle Aufgabe) keine erwägenswerte Lösung darstellen. Vor dem Hochgehen des Vorhangs zog ich noch rasch im Geiste achtungsvoll den Hut vor dem Mann, der sich an diese Aufgabe gewagt hatte. Im Nachhinein allerdings muss festgehalten werden, dass der Regisseur meiner Geste mehr aufgrund seiner Tat und weniger des Resultates wegen wert war.

Der fliegende Holländer / Bühnenbild von Jachimowicz aus 1871

Der fliegende Holländer / Bühnenbild von Jachimowicz aus 1871

Die erste Szene befördert mich mitten in ein verstrebtes Gehäuse voller zuckender Lichter und blinkender Zahlen, eine Art digitalisiertes düsteres Terminal, wie geschaffen für das dunkle Business des großen und kleinen Kapitals. Hier trifft der rechnende und berechnende, mittlerweile vom einstmaligen norwegischen Handelskapitän des Librettos zum modernen Ventilatorenfabrikanten umgearbeitete Daland auf den sichtlich mit Geld und Gütern bestens ausgestatteten Kollegen Holländer. In diesem charakterlosen Ambiente regiert einzig das Geschäft, scheinen die Personen als dessen Agenten so seelenlos, so zweckgerichtet zu sein wie das Stahlgerüst rings-um. Den Holländer indessen hat die Außenseiterexistenz davor bewahrt, in einer derartigen Gesellschaft als Mensch nach und nach fragmentiert zu werden. Er kennt noch die Sehnsucht, und indem ihn Daland mit seiner Tochter Senta bekannt macht, stehen der ewig den Globus umrundende Niederländer und die junge Frau als Figuren mit einem Herzen da, das nicht einzig bei steigenden Börsenkursen schneller schlägt.

Dass solche gleichwohl von Störungen nicht freie, innige Beziehung mit beider Tod in Bild und Musik ihr Ende findet, ja finden muss, ist nach Wagners Ästhetik die Vollendung, die Verklärung wahrer Liebe und Menschlichkeit. Insofern wirkt an diesem Abend immerhin eine Absicht der Uraufführung von 1843 mit.
Nicht so recht zufrieden mit dem Geschauten, führt mir der Regisseur also eine „Postpostmoderne“ vor Augen, in der die Menschen sich nachgerade abhanden zu kommen drohen, wenn sie einzig dem Erfolg, dem Zweck willfahren. Denen sind auch Liebe und Mitgefühl unterworfen, die nur nützlich sind, solange sie Nutzen stiften. Eine Spur Wärme in solche eingefrorene Welt trägt lediglich die Selbstlosigkeit einer Liebe, und auch wenn sie sterben muss, so hinterlässt sie doch die Botschaft, solange das Individuum sich ihr ergebe, werde es nicht zum Automaten erstarren

Von der todtraurigen Geschichte der Senta und des Holländers verrät diese Inszenierung nicht viel, sie entwirft eher eine reichlich unerquickliche Zukunft mit apathischen Gestalten. Gewiss, meine Tränen, die aufgrund des Geschicks des Liebespaares ehedem geflossen wären, könnte ich mit gutem Grund auch an dem Abend vergießen. Schließlich bleibt trotz der verschreckenden Vision die Apotheose der Liebe im Bild.
Das Theater bietet ausreichend Bühnenstücke, die keiner Interpretation bedürfen: Der reiche Alte unter der Perücke tritt im Salon mit dem Schnallenschuh seinem Diener in Kniebundhosen in den Hintern, giert nach der Jungfrau, kriegt sie aber nicht. Daran hatte der Zuschauer vor zweihundert Jahren seinen Spaß wie ein heutiger; weswegen jetzt der glatzköpfige Herr nicht Sneakers zu tragen braucht, feuert er im Direktionszimmer den Chauffeur und zwickt dabei die Vorzimmerdame in die schwarzseiden verpackte Pobacke.

Festspielbesucher bei 30 Grad © IOCO

Festspielbesucher bei 30 Grad © IOCO

Ein großes Kunstwerk ist alles andere denn musealer Natur. So wie es geschaffen wurde, steht es beileibe nicht für ewig da. Nein, es vermag in der Sprache jeder Zeit zu sprechen und muss nicht unbedingt erbauen. Geht man hernach mit schlechter Laune heim, ist es nicht zwangsläufig die Schuld desjenigen, der es in Szene setzte. Wenn mich die Vorstellung des Fliegenden Holländers wenig berührte, mag mit ein Grund dafür sein, dass bereits die ursprüngliche Geschichte, wie sie Heinrich Heine überliefert, sich für mich eher wunderlich und komisch als tragisch anhörte.

Zum Schluss bleibt die Frage: Welches waren dabei die Taten der Musik, die über jeden Tadel erhaben unter dem Dirigenten Axel Kober aus dem magischen Graben kam?
Indem sie, die zeitlos ist, sich in meinen Ohren ähnlich wie die zumeist unverständliche altfränkische Sprache nicht immer den neuzeitlichen Tableaus auf der Bühne fügen will, dürfte dieser Umstand gleichfalls für ein gewisses Unbehagen an der Darbietung insgesamt zu haften haben. Immerhin, im Wissen um meine höchst subjektive, meinethalben sogar voreingenommene Betrachtungsweise des vorläufig letzten Auftritts des Holländers im Bayreuther Festspielhaus, will ich gleichwohl um ein bisschen mehr Objektivität bemüht sein. Mit ihr jetzt im Bunde bin ich nunmehr einsichtig genug dafür, anders als oben behauptet, vor dem Regisseur nicht allein ob seines Mutes zur Inszenierung, sondern ebenso des Resultates wegen den Hut ziehen zu sollen. Von IOCO / Albrecht Schneider

Bayreuth, Residenztage Bayreuth 2016 – Fürstlich Feiern, 24.9.2016

Residenztage Bayreuth © Bayerische Schlösserverwaltung

Residenztage Bayreuth © Bayerische Schlösserverwaltung

Residenztage Bayreuth 2016 – „Fürstlich Feiern“

“Fürstlich Feiern”, so lautet das Motto der diesjährigen Bayreuther Residenztage, die am 24. und 25. September stattfinden. Die Bayerische Schlösserverwaltung bietet auch in diesem Jahr wieder ein vielversprechendes Programm, bei dem es für Groß und Klein viel zu entdecken gibt.

Bayreuth / Neues Schloss Bayreuth © Studio Thomas Koehler

Bayreuth / Neues Schloss Bayreuth © Studio Thomas Köhler

Tauchen Sie ein in die Welt von Markgräfin Wilhelmine und erleben Sie im höfischen Ambiente am Samstag, den 24. September ein rauschendes Barock-Fest für die ganze Familie im Hofgarten und im Neuen Schloss Bayreuth: Freuen Sie sich auf Theateraufführungen, Themen- und Parkführungen, Barocktanz zum Mittanzen, Mitmachstationen für Kinder, ein Konzert im Abendlicht und vieles mehr.

Packen Sie Ihren Picknickkorb für ein Picknick auf der Obstwiese des Hofgartens und treffen Sie dabei Wilhelmines Hofstaat. Machen Sie mit beim Workshop zur Erforschung barocker Tischkultur „Visuelle Inszenierung kulinarischer Traditionen“ oder bestaunen Sie mit dem Experten für historische Stoffe „Textile Kostbarkeiten“ im Neuen Schloss Bayreuth.

Bayreuth / Hofgarten Bayreuth © Studio Thomas Köhler

Bayreuth / Hofgarten Bayreuth © Studio Thomas Köhler

Lassen Sie sich zudem von den Genussbotschaftern der Genussregion Oberfranken mit kulinarischen Köstlichkeiten verwöhnen.

Rund ums Markgräfliche Opernhaus geht es am Sonntag, den 25. September: Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen der aktuellen Restaurierungsbaustelle im Opernhaus oder besuchen Sie den Vortrag zur Aufführungspraxis und Bühnentechnik im Zeitalter des Barocks.  Erleben Sie die Bayreuther Residenztage mit allen Sinnen und lassen Sie sich von Wilhelmines Welt verzaubern. Schauen Sie vorbei!

Das Programm der Residenztage Bayreuth ist ab sofort an den Museumskassen der Bayreuther Schlösser sowie bei der Tourist-Information Bayreuth (Opernstraße 22) erhältlich. Außerdem finden Sie das Programm im Internet unter www.bayreuth-wilhelmine.de. Gerne schicken wir es Ihnen auch zu. Schreiben Sie uns an sgvbayreuth@bsv.bayern.de.

Der Vorverkauf der Eintrittskarten für das Barock-Fest am Samstag, den 24. September beginnt ebenfalls sofort. Tickets: An den Kassen des Markgräflichen Opernhauses und des Neuen Schlosses Bayreuth.

Auch die Anmeldungen für die Themenführungen (beschränkte Teilnehmerzahlen!) werden ab dem jetzigen Zeitpunkt unter den bei den einzelnen Führungen angegebenen Telefonnummern entgegengenommen. PMBaSV / 12.8.2016

Bayreuth, Bayreuther Festspiele, Andris Nelsons: Was Erda raunt in Bayreuth, IOCO Aktuell, 07.07.2016

Juli 8, 2016  
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Bayreuth Festspielhaus © Lothar Spurzem

Bayreuth Festspielhaus © Lothar Spurzem

Der lettische Dirigent Andris Nelsons (37) hat Ende Juni, für Außenstehende überraschend, seinen Vertrag für die Neuinszenierung des Parsifal aufgelöst. Hartmut Haenchen (73) wird  nun am 25. Juli 2016 die diesjährigen Bayreuther Festspiele den neuen Parsifal dirigieren. Andris Nelsons beklagt in seiner kurzfristigen Kündigung, “durch unterschiedliche Ansichten in verschiedenen Bereichen entwickelte sich im diesjährigen Festival die Atmosphäre nicht in einer für alle Beteiligten ansprechenden Weise“. Unbestätigte Gerüchte insinuieren, dass Christian Thielemann, auch hier, Auslöser des Unfriedens war. IOCO / VJ / 06.07.206

Eine Satire unseres Bayreuth-Beobachters Albrecht Schneider klärt hierzu auf:

Was Erda raunt in Bayreuth

 Possenspiel mit Realitätshintergrund

Bayreuth / Andris Nelsons © Alexander Böhm

Bayreuth / Andris Nelsons © Alexander Böhm

Andris Nelsons, eine der neuen Lichtgestalten unter den unseren Globus stetig umrundenden Dirigenten, hat weltweit vernehmlich die Tür zum Festspielhaus hinter sich zugeschlagen und ist aus der Schlangengrube Bayreuth in seine Heimatstadt Riga geflüchtet. Woraufhin gläubige wie ungläubige Wagnerianer sich nun gemeinsam die Augen reiben und erfahren möchten, wie denn um Walhallas Willen dergleichen bloß passieren konnte?

Wenn man all dem, was uns die Presse als Grund oder Gründe präsentiert, Glauben schenken möchte, oder auch nicht, so ist dafür gleichwohl eine gewisse Kenntnis dessen Voraussetzung, was das Gesamtkunstwerk Bayreuther Festspielbetrieb und die ihn dominierende Sippe der Wagners ausmacht. Für dieses sehr große Ganze steht der allseits geläufige Name Grüner Hügel.

Bayreuth / Richard Wagner © Archiv

Bayreuth / Richard Wagner © Archiv

Auf diesem mythischen Buckel freilich öffnet sich seit jeher nicht selten eine Erdspalte und verschlingt manchen seiner zu ihm berufenen Protagonisten, spuckt wie ein Vulkan den einen oder die andere wieder aus, etliche ertragen dessen scharfe Winde nicht, oder sie werden von ihnen, just oben angelangt, wieder hinunter in die prosaische Ebene geblasen. Jedenfalls enthalten die Besetzungslisten der letzten Jahrzehnte eine erkleckliche Anzahl Künstler, die davon nicht einzig ein Liedchen, eher eine Gralserzählung zu singen die Stimmen besitzen. Nebenbei bemerkt: Einem Librettisten, der nach einer hochdramatischen Vorlage giert, dürfte sich die Familiengeschichte der Wagners, reich an Verleugnungen, Verstoßungen, Intrigen, Feindschaften, Neid und ähnlichen, Herrschergeschlechtern eigenen Manieren, rasch als ein unerschöpfliches Vorratslager an Stoffen erschließen.

Dresden / Thielemann bei Bestellung zum Chefdirigent © IOCO

Dresden / Thielemann bei Bestellung zum Chefdirigent © IOCO

Lassen wir die glamouröse Vergangenheit ruhen und wenden uns dem derzeitigen bayreuther Alltagsgeschehen zu. Katharina Wagner, die Urenkelin des Meisters, brachte es mittlerweile zur alleinigen geschäftlichen wie künstlerischen Prinzipalin. Kürzlich hat sie die seit längerem beratende, bejahrtere Lichtgestalt unter den deutschen Stabhaltern, den Christian Thielemann, zum verantwortlichen musikalischen Direktor erhoben. Nun kann nicht unerwähnt bleiben, wie besagter Maestro das deutsche musikalische Vermächtnis des 19. Jahrhunderts hüten zu müssen wähnt, und das, um ein naheliegendes Bild zu verwenden, ähnlich wie der Drache Fafnir den Nibelungenhort. Wer immer in des Direktors Eigenheim, in des Festspielhauses Orchestergraben, den Takt schlägt, hat offenbar stets damit zu rechnen, dass der Tempelwächter der von Beethoven, Wagner, Bruckner, Brahms und Richard Strauß uns hinterlassenen Schätze demjenigen, der mit diesem Erbe nicht so recht nach seinem Gusto verfährt, gleichsam auf die Dirigentenfinger klopft.

Lohengrins Erwählung durch den heiligen Gral © W. Hauschild

Lohengrins Erwählung durch den heiligen Gral © W. Hauschild

Genervt von derartiger Beckmesserei, heißt es, soll auch Kirill Petrenko, der musikalische Leiter des Ring des Nibelungen, nach drei Jahren auf ein weiteres Dirigat verzichtet haben. Und dem sehr sensiblen Andris Nelsons, dem Dirigenten der heuer die Festspiele eröffnenden Neuinszenierung des Parsifal, so raunen Leute mit Insiderwissen, hätte der Kollege Thielemann ebenfalls weismachen wollen, welche die angemessenen Töne seien, damit der reine Tor sich zum Gralskönig mausert. Falls der lettische Künstler daraufhin die Partitur knallend zuklappte, den Stab zerbrach, die Bruchstücke in die Richtung schmiss, wo im dunklen Zuschauerraum der Herr Musikdirektor hörbar herum maulte, sich dann mit einem hierzulande beliebten Zitat von dem weltbekannten Unternehmen verabschiedete, und selbst auf des Besserwissers Bitten nicht dacopo begann, so dürften darob diejenigen Wagnerianer jubeln, die im Grunde genommen des Meisters Werk in Bayreuth am liebsten von der gemäß ihrer Ansicht dazu einzig legitimierten Hand Thielemanns dirigiert hören möchten.

Bei letzterem Szenario indessen handelt es sich um reine Phantasie. Vielmehr hat Maestro Nelsons in der Tat dem Grünen Hügel Valet gesagt und zu angeblichen Bitten um Rückkehr geschwiegen. Nachdem man bereits Jonathan Meese, einen weit außerhalb des Großmarktes Kunst siedelnden Künstler und zunächst mit der Neugestaltung des Parsifal betraut, aufgrund der Bedenken erstrangiger Kunstwerktätiger wie Pfennigfuchser quasi hinauswarf und mithin ein Nachfolger aufgetrieben werden musste, hat man jetzt das nächste Problem mit dem Bühnenweihfestspiel am künstlerischen Standbein kleben. Aber das „Hohe Paar“ Wagner-Thielemann wird es schon richten. IOCO / Albrecht Schneider / 07.07.2016

 

Bayreuth, Bayreuther Festspiele, Katharina Wagner Vertrag verlängert, IOCO Aktuell, 18.07.2014

Juli 18, 2014  
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Bayreuth Festspielhaus © Lothar Spurzem

Bayreuth Festspielhaus © Lothar Spurzem

Katharina Wagner führt Festival der Geweihten bis 2020

Die Richard-Wagner-Festspiele 2014 werden zum letzten Mal gemeinsam von den Ur-Enkeln Richard Wagners, den Halbschwestern Eva Wagner-Pasquier (69) und Katharina Wagner (36) geleitet.  Denn Eva Wagner-Pasquier scheidet 2015 aus der Festspielleitung aus.

Denkbar knapp war amtliche Mitteilung des Bayerischen Staatsministerium für Kunst, die Würdigung von Kunstminister Dr. Spaenle im Januar 2014: Eva Wagner-Pasquier habe darum gebeten, dass ihr Vertrag als Festspielleiterin nicht verlängert werden soll. Sie möchte nach dessen Ablauf eine Aufgabe als Beraterin übernehmen. „Die amtierende Festspielleiterin hat sich durch ihr künstlerisches Schaffen große Verdienste um die Qualität und das Ansehen der Festspiele erworben. Ich erinnere in diesem Zusammenhang allein an das Jahr 2013, als die Weltklassemusiker Christian Thielemann, Andriss Nelsons und Kyrill Petrenko in Bayreuth dirigiert haben.“

 vlnr: Katharina und Eva Wagner © Tafkas_2009

vlnr: Katharina und Eva Wagner © Tafkas_2009

Nun wurde der Vertrag von Katharina Wagners wie erwartet um fünf Jahre, bis 2020 verlängert, so Toni Schmid, Vorsitzender des Verwaltungsrats der Bayreuther Festspiele im Bayerischen Rundfunk. Der aktuelle Vertrag von Katharina Wagner endet nach den Festspielen 2015. Gesellschafter Bund, Land, Stadt Bayreuth und Gesellschaft der Freunde Bayreuths haben sich geeinigt, so Toni Schmid.  „Der neue Vertrag von Katharina Wagner sieht nur geringfügige Änderungen zu den bisherigen Aufgaben vor“. Wie die junge, wenig erfahrene Katharina Wagner die Festspielleitung bis 2020 führen wird, ob sie gar eine Vision besitzt wurde in Verbindung mit der Vertragsverlängerung weder von Toni Schmid noch sonst einem Bayreuther Amtsträger thematisiert. Warum auch.

Denn alle Bayreuther Zeichen, Inszenierungen und Personalien signalisieren, dass sich die Kult-Institution Grüner Hügel mit ihrem Festival der Geweihten auf einem langen Weg zu einer bürgerlich profanen wie steuerlich begünstigten Partymeile Klassik befindet.

IOCO / Viktor Jarosch / 17.07.2014

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