Berlin, Berliner Ensemble, Caligula von Albert Camus – Grotesk Unheimlich, IOCO Kritik, 03.01.2018

Berliner Ensemble / (Theater am Schiffbauer Damm) © Moritz Haase

Berliner Ensemble / (Theater am Schiffbauer Damm) © Moritz Haase

Berliner Ensemble

Caligula  von  Albert Camus 

Caligula: „Regieren heißt stehlen, das weiß jedes Kind

Von Anna Moll

Mit Caligula von Albert Camus in der Regie von Antú Romero Nunes läutete das Berliner Ensemble die Ära von Intendant Oliver Reese ein. IOCO war dabei, Anna Moll begeistert.

Berliner Ensemble / Caligula von Albert Camus - hier Constanze Becker als Caligula © Julian Roeder

Berliner Ensemble / Caligula von Albert Camus – hier Constanze Becker als Caligula © Julian Roeder

Noch als Schüler wurde Albert Camus Suetons Leben der Caesaren von seinem hochverehrten Lehrer Jean Grenier nahe gebracht. Die Figur des Caligula faszinierte ihn von Anbeginn und ein erster Entwurf zur Stückthematik findet sich 1937 in seinem Tagebuch. Über Jahre arbeitete er an der Niederschrift. Die 1941 entstandene Erstfassung überarbeitete Camus erneut, da sich seine Sicht  der Thematik und der Figur durch die Erfahrung von Faschismus, Besatzung und Widerstand verändert hatte. 1945 wurde das Stück mit Gérard Philipe in der Hauptrolle aufgeführt.

Nunes vermeidet es, politische Assoziationen historischer oder aktueller Art auszuspielen. Was vor unseren Augen entrollt wird, gleicht eher einem Horrorcomic und entfaltet im Grotesken das Unheimliche und im Unheimlichen das Groteske. Das Stück ist gekürzt, die Hauptfigur, Caligula, der Kaiser, ist mit der großartigen Constanze Becker besetzt, seine Geliebte Caesonia mit Oliver Kraushaar. Die Anzahl der Patrizier ist auf einen einzigen – die geschlechtslos-harlekinhafte Annika Meier reduziert. Den treuen Diener Helicon gibt Aljoscha Stadelmann in clownshaften, ausgebeulten Pluderhosen mit staubig-weißgepudertem, schwabbeligem, doch auch kräftig wirkendem Oberkörper, Felix Rech ist Cherea, Patrick Güldenberg Scipio, ebenfalls weißgepuderte, clownshafte Gestalten.

3sat Video zu Caligula am Berliner Ensemble – youtube

Bevor Caligula auftritt, stehen die anderen zunächst wie die erschöpften, armseligen Mitglieder eines abgewrackten Zirkusunternehmens vor dem roten Vorhang und zerbrechen sich den Kopf über den Verbleib des Kaisers, taumeln und purzeln durcheinander und finden – Nichts. Beckers Caligula sticht ab vom elenden Clownsensemble. Beckers Kopf mit künstlicher Glatze ist weiß geschminkt, die Augen blutunterlaufen, sie steht da im weißen Hemd, darunter etwas, das langen weißen Altmännerunterhosen gleicht. Ein geschlechtsloses, altersloses Wesen, ein wenig an eine Figur von Samuel Beckett erinnernd. Etwas Hartes, Kaltes, aber auch Tragisches ist an ihr.

„Die Menschen sterben, und sie sind nicht glücklich.“ Der Tod seiner inzestuös geliebten Schwester Drusilla hat in Caligula einen Prozess freigesetzt: „Diese Welt ist so, wie sie ist, nicht zu ertragen.“ Mit dieser Erkenntnis wird für Caligula alles möglich, vor allem, sich zu erheben über alles und jeden, inklusive der Götter, die er in ihrer Grausamkeit übertreffen will. Er fühlt sich frei, jede nur erdenkliche Grausamkeit zu begehen. Der Wunsch nach dem Vollkommenen, symbolisiert im Mond, zeigt die unendliche Hybris und gleichzeitig die unstillbare Sehnsucht des Kaisers. Vielleicht ist es nicht unerheblich, daran zu erinnern, dass im Französichen der Mond weiblich ist und insofern die Sehnsucht nach la lune auch die unerfüllbare Sehnsucht nach der toten Schwestergeliebten mitschwingen lässt.

Berliner Ensemble / Caligula von Albert Camus - hier Constanze Becker als Caligula und Felix Rech als Cherea © Julian Roeder

Berliner Ensemble / Caligula von Albert Camus – hier Constanze Becker als Caligula und Felix Rech als Cherea © Julian Roeder

Beeindruckend ist Constanze Becker, wenn sie, bald  nachdem sich der Vorhang gehoben hat, sich den blutroten Herrscherumhang überwirft und auf der dunklen Bühne, nur von einem Lichtstrahl beleuchtet, Friedrich Holländers „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ singt, ein bitter-süßes, todtrauriges Lied über die Ambivalenz von Glück und die Fährnisse des Lebens. Diese Szene, im Original nicht enthalten, ist daher zu verstehen als eine interpretative Assoziation des Regisseurs zum Charakter des Caligula. Hier vermittelt sich bereits das außerordentlich verstörende Gefühlsgemisch, das Beckers Caligula in sich trägt: tiefe Verzweiflung, Verlorenheit, Verachtung, größenwahnsinnige Mordgelüste.

Dieser Caligula ist von einer eiskalten teuflischen Logik, allen im Argumentieren überlegen. Mit absolut schneidender Logik kann er etwa dem Patrizier nachweisen, warum es absolut folgerichtig und unabänderlich sei, wenn dieser jetzt und sofort getötet werden müsse. Caligula ist angewidert von den Heucheleien seiner Umwelt. Sein Ekel und Spott gehen soweit, dass er vorschlägt, sich Masken aufzusetzen, bevor man ehrlich miteinander rede.

Dieser Caligula ist ein ungreifbares Wesen, mal altersloser Mann, mal Diva, mal bezopftes, kniebestrumpftes Mädchen, das Ave Maria auf einer Flöte daherstümpernd, mal kettensägenrasselnd. Ein großer Auftritt (gleichzeitig ein Höhepunkt der Kostümbildnerin Victoria Behr)  gelingt Becker, wenn sie ihren Tanz als Venus vorführt, gehörnt, auf Kothurnen mit haarig-pelzigen Fesseln, mit Bewegungen wie in Trance, wie nicht von dieser Welt, gleichzeitig ein hochgefährliches Tier.

Berliner Ensemble / Caligula von Albert Camus - hier Patrick Gueldenberg als Scipio und Aljoscha Stadelmann als Helicon © Julian Roeder

Berliner Ensemble / Caligula von Albert Camus – hier Patrick Gueldenberg als Scipio und Aljoscha Stadelmann als Helicon © Julian Roeder

Alle Schauspieler überzeugen in ihren Rollen und haben jeweils faszinierende Momente. Besonders zu erwähnen wäre Oliver Kraushaar als Caesonia, der in dieser eher Grand- Guignol-haften Inszenierung auch die rührend liebenden Anteile der Figur erahnen lässt. Aus  dem großartig grotesken Regieeinfall, bei ihrer Ermordung durch Caligula Caesonia ihren letzten Atemzug  auszuhauchen zu lassen, indem ein von ihr aufgeblasener herzförmiger roter Luftballon zerplatzt,  macht Kraushaar einen sehr prägnanten Augenblick auf der Bühne. Ebenso Aljoscha Stadelmann als Helicon, der in seiner Verachtung der Patrizier zu Caligula hält und dem es mit äußerster Mühe gelingt, den Mond für seinen Herren an einem Seil herbeizuschleppen. Die gewaltige Anstrengung erweist sich als vergeblich – Caligula, für einen kurzen Moment im Besitz des Vollkommenen, Unerreichbaren, entgleitet das Seil…

Camus setzt sich nicht nur mit der Gestalt des Tyrannen auseinander. Das Stück stellt auch die Frage, warum niemand den Tyrannen aufhält, allerhöchstens erst dann, wenn er selbst betroffen ist. Nunes  vertieft diesen Ansatz nicht allzu sehr, er entwickelt eher den eingangs erwähnten Horrorcomic, eine bösartig-groteske, sinnlose Welt entsteht, der wir uns vielleicht entziehen zu können glauben. Doch der Schluss dieser Inszenierung ist provozierend: der rote Vorhang hat sich bereits geschlossen, nur noch Caligulas blutverschmierter Kopf ist zu sehen, der spricht: Caligula ist nicht tot!“ 

Bleiben wir passiv, könnte sich unsere Welt erneut als Horrortheater erweisen

Caligula am Berliner Ensemble: Weitere Vorstellungen 13.01.2018, 14.1.2018, 1.2.2018, 18.2.2018

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Münster, GOP Varieté-Theater, backSTAGE : Blick hinter Varieté-Kulissen, IOCO Kritik, 13.12.2017

Dezember 12, 2017  
Veröffentlicht unter GOP Variete Theater, Kritiken, Schauspiel

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GOP Variete Theater Münster

GOP Varieté-Theater Münster © GOP Münster

GOP Varieté-Theater Münster © GOP Münster

GOP  –  Blick hinter Varieté-Kulissen

„backSTAGE“  – Gelungene Mischung aus Comedy und Artistik

Von Hanns Butterhof

Schon lange vor Beginn der Vorstellung ist die Bühne des GOP Münster offen. Artisten dehnen sich dort, plaudern, ein sehr kleines Kind wird herumgetragen, während ein etwas größeres schon den Spagat übt: backSTAGE, die aktuelle Show, erlaubt einen unterhaltsamen Blick hinter die Varieté-Kulissen.

youtube Video des GOP Münster zu „backSTAGE“

Um die ungewöhnliche Perspektive plausibel zu machen, erklären Ludger K. und Christian Hirdes die Zuschauer kurzerhand zu Praktikanten des GOP, die an einer Generalprobe teilnehmen. Zunehmend spritzig moderieren die beiden Comedians, Ludger K. wortwitzig mit Kabarett, Christian Hirdes mit Musik zu lakonischen Texten, das Programm.

GOP Münster / Backstage - hier Kathleen, schwerelos an den Satrapen © GOP Münster

GOP Münster / backSTAGE – hier Kathleen, schwerelos an den Satrapen © GOP Münster

Das wird im wesentlichen von Frauen getragen und bietet statt unfertiger Proben eine bunte Kette artistischer Glanzleistungen.

Die beginnen gleich mit der bezaubernden Darbietung von Kathleen McKeeman an den Satrapen. Sie erweckt bei ihrer dynamischen Show an den nahezu unsichtbaren Seilen den Eindruck, als flöge sie schwerelos durch die Luft. Dagegen wirkt die folgende, sehr meditativ-ruhige Handstands-Akrobatik von Juana Beltran asketisch, die Schönheit ihrer präzisen Bewegungen ist bewundernswert.

Unbedingt originell ist das Duo Minja. In einer ausgefeilten Choreographie, die einen mannshohen Kasten und einen doppelten Luftring als Partner einbezieht, verdrehen und verschlingen sich die beiden Frauen spektakulär zu phantastischen Figuren. Elegant vollbringen sie in perfekter Balance manchen Kraftakt, den man sonst nur von männlichen Partnern eines Duos erwartet.

GOP Münster / Backstage - hier Ausgewogen Juana Beltran © GOP Münster / Wim Lanser

GOP Münster / backSTAGE – hier Ausgewogen Juana Beltran © GOP Münster / Wim Lanser

Mit Selbstironie und gewinnender Bühnenpräsenz erobert Betty Brawn im Flitterkleid die Herzen der Zuschauer im Flug. Als nach augenzwinkernder Eigenauskunft „stärkste Frau der Welt“ zerreißt sie voller Anmut ein dickes Buch, sprengt eine kräftige Eisenkette und dreht, beidhändig das Moderatoren-Paar stemmend, lächelnd eine Runde auf der Bühne.

Als einziger Mann mit einer Solo-Nummer reißt der coole Cyril Rabbath mit seiner tänzerischen Ball-Jonglage in einer Wolke aus Kreidestaub das Publikum zu Stürmen der Begeisterung hin. Und als einziges gemischtes Duo schließen die Funkoholicks mit einer romantischen Darbietung am Chinesischen Mast den unterhaltsamen Blick hinter die Varieté-Bühne beifallumrauscht ab. Nach gut zwei Stunden feierte das Publikum die gelungene „Backstage“-Mischung aus Comedy und Akrobatik mit begeistertem Applaus.

Showtime für backSTAGE im GOP-Varieté-Theater Münster ist bis zum 31. Dezember 2017 immer Mittwoch bis Sonntag.

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Münster, Theater Münster, Der Kaufmann von Venedig – Shakespeare, IOCO Kritik, 09.12.2017

Dezember 9, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Schauspiel, Theater Münster

 

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Der Kaufmann von Venedig – Ein Heiden-Spaß

Moralinsaure Polit-Bonbons in knallbunter Komödien-Verpackung

Von Hanns Butterhof

„Ihr seid alle Verbrecher!“, schallt es von der Bühne des Großen Hauses Münster ins Publikum, und „Unmenschen!“. Stefan Otteni hat William Shakespeares Schauspiel Der Kaufmann von Venedig  mit dessen Text  „Die Fremden“ angereichert und provokant ins Heute versetzt. Das reichlich moralinsauer mit aktuellen politischen Problemen aufgepeppte Stück mit Publikumsbeschimpfung ist hinreißendes Theater.

Theater Münster / Der Kaufmann von Venedig - hier: Der Richter rettet den Kaufmann, vlnr Sandra Bezler, Carola von Seckendorff, Christian Bo Salle, Christoph Rinke © Oliver Berg

Theater Münster / Der Kaufmann von Venedig – hier: Der Richter rettet den Kaufmann, vlnr Sandra Bezler, Carola von Seckendorff, Christian Bo Salle, Christoph Rinke © Oliver Berg

Peter Scior hat dazu eine große flache Schüssel auf die Bühne gesetzt, in der sich die gerade nicht beschäftigten Schauspieler als vergnügungssüchtiges junges Volk herumfläzen und amüsiert zuschauen, was so passiert.

Da bürgt der Venezianische Kaufmann Antonio, ein ekelhaft chauvinistischer Melancholiker (Christian Bo Salle), für die Schulden, die er für seinen Freund Bassanio (der wunderbar extemporierende, für den erkrankten Bálint Tóth eingesprungene Maximilian Scheidt) aufgenommen hat. Das Geld leiht ihm der Jude Shylock (Christoph Rinke), ein kühler Geschäftsmann im dunklen Zweireiher (Kostüme: Sonja Albartus), dem Antonio in vielen Formen seine Verachtung gezeigt hat. Shylock findet für seine Rache eine krasse Form: im Fall, dass die Schuld nicht pünktlich getilgt wird, will er ein Pfund Fleisch aus dem Körper Antonios schneiden. Der Fall tritt ein.

Derweil wirbt Bassanio erfolgreich um die superreiche Portia (Sandra Bezler). Wer sie heiraten will, muss vorher eine Probe bestehen. Drei Kandidaten scheitern, bevor Bassanio Erfolg hat: der Prinz von Hannover (Ilja Harjes), eine menschenfeindliche Karikatur, von den Zuschauern auf der Bühne und im Saal hässlich verlacht, dann ein stürmischer Prinz aus Kasachstan (Garry Fischmann) mit Pelzmütze und nackter Brust und schließlich der Prinz von Marokko (Zainab Alsawah).

Als Alsawah, eine in Damaskus geborene Schauspielerin, ihren Text ausufernd weitgehend auf Arabisch spricht, ertönt aus dem Zuschauersaal erst einzeln, dann vermehrt die aggressive Forderung „Sprich deutsch!“. Erregung, Unruhe und weitere Zurufe im Saal, denen Alsawah mit Shylocks Text die Forderung nach gleichem Recht aufgrund gleichen Menschseins entgegenschleudert und dem Publikum vorwirft, dessen Aggressionen zielten auf sie als Muslima. Das ist etwas ungenau, aber der geglückte Inszenierungscoup macht einen Heidenspaß.

Theater Münster / Der Kaufmann von Venedig_ hier: Große Ähnlichkeit - Der christliche Kaufmann und der jüdische Geldverleiher, vl Christian Bo Salle, Christoph Rinke © Oliver Berg

Theater Münster / Der Kaufmann von Venedig – hier: Große Ähnlichkeit – Der christliche Kaufmann und der jüdische Geldverleiher, vl Christian Bo Salle, Christoph Rinke © Oliver Berg

So wickelt Otteni leicht moralinsauer noch weitere aktuelle Themen in die Komödienverpackung, bis Shylock schon das Messer ansetzt. Da wird der Jude noch einmal richtig aufs Kreuz gelegt, begleitet von den feixenden jungen Leuten, die ihren gruseligen Spaß auf Kosten des Heiden haben.

Sie haben nichts aus den humanistischen Anmutungen des immer wieder eingeflochtenen Shakespeare-Textes „Die Fremden“ gelernt. Ebenso wenig hätte das beschimpfte Publikum diese nicht erspielten Belehrungen nötig gehabt. Mit ihnen hat Otteni es sich zu leicht gemacht und offene Türen eingerannt, aber einen fesselnden Theaterabend mit jeder Menge Diskussionsstoff geschaffen.

Nach drei Stunden anhaltende Ovationen für ein ausgesprochen spielfreudiges Ensemble, besonders für Maximilian Scheidt.

Der Kaufmann von Venedig am Theater Münster: Die nächsten Termine: 13.12.; 14. 12.; 30.12.2017 jeweils 19.30 Uhr

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Berlin, Berliner Ensemble, Oliver Reese folgt Claus Peymann, IOCO Aktuell, 05.12.2017

Dezember 5, 2017  
Veröffentlicht unter Berliner Ensemble, Hervorheben, Schauspiel

Berliner Ensemble / (Theater am Schiffbauer Damm) © Moritz Haase

Berliner Ensemble / (Theater am Schiffbauer Damm) © Moritz Haase

Berliner Ensemble

BERLINER ENSEMBLE – Großes Theater – Neue Intendanz

Max Reinhardt, E.J. Aufricht, Rudolf Platte, Bertolt Brecht,  Helene Weigel

 Von Anna Moll

Berliner Ensemble / Intendant Oliver Reese © Jonas Holthaus

Berliner Ensemble / Intendant Oliver Reese © Jonas Holthaus

Ich liebe dieses Theater! Oliver Reese, der neue Intendant des Berliner Ensembles spricht mir aus der Seele, wenn er sagt, dieses Theater sei “unfassbar schön“. Aber es ist nicht nur eines der schönsten Theater, es ist auch eines mit theatergeschichtlich bedeutsamer Tradition und über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt und bewundert! 180.000 Besucher zieht das Berliner Ensemble, meist nur kurz BE bezeichnet, jährlich in seinen Bann.

Die Spielstätte des BERLINER ENSEMBLE, das Theater am Schiffbauerdamm, wurde 1892 in herrlichem Neobarock mit einem Theatersaal für etwa 700 Personen erbaut (Foto) und mit Goethes Iphigenie auf Tauris eröffnet. Die Weber von Gerhard Hauptmann wurden hier uraufgeführt, Stücke von Frank Wedekind und Maurice Maeterlinck standen auf dem Programm sowie andere wichtige Dramen der damaligen zeitgenössischen Theaterliteratur.

Berliner Ensemble / Theater am Schiffbauer Damm - hier der herrliche Zuschauerraum in prächtigem Neobarock © Moritz Haase

Berliner Ensemble / Theater am Schiffbauer Damm – hier der herrliche Zuschauerraum in prächtigem Neobarock © Moritz Haase

Von 1903 bis 1906 war der große Max Reinhardt Direktor des Hauses, der hier  Shakespeares Ein Sommernachtstraum zur Musik von Mendelson-Bartholdy, Hofmannsthals Elektra, Oscar Wildes Salome inszenierte, um nur einige Produktionen zu nennen.  Nach dieser theatergeschichtlich wichtigen Zeit wurde das Haus bis 1925 unter verschiedenen Direktoren zum Operetten- und Unterhaltungstheater. 1926 wird es zur zweiten Spielstätte der Volksbühne. 1928 wird E.J. Aufricht Intendant. Im selben Jahr wird Brecht/Weills  Die Dreigroschenoper in der Regie von Erich Engel uraufgeführt – die Weimarer Republik erlebt ihren größten Theatererfolg!!

Das Theater bleibt weiterhin erfolgreich. Autoren wie Ernst Toller, Ödön von Horvath, Marieluise Fleißer, Jean Cocteau, mit dessen Orpheus Gustav Gründgens seinen Einstand als Regisseur gibt, werden zur Aufführung gebracht. Zum Ensemble gehören in dieser Zeit große Künstler und Künstlerinnen wie Lotte Lenya, Carola Neher, Helene Weigel, Hilde Körber, Ernst Busch, Ernst Deutsch, Peter Lorre, Kurt Gerron, Erich Ponto.

1931 endet Aufrichts Intendanz. Unter wechselnden  Bühnennamen gibt es wieder eher leichtere Unterhaltung, ab 1933 dominieren nationalsozialistische Vorgaben. 1944 wird das Theater geschlossen. Nach dem Krieg übernimmt zunächst Rudolf Platte als Intendant, abgelöst wird er 1946 von Fritz Wisten.

youtube Video des Berliner Ensemble zur Dreigroschenoper

1949 hatte sich um Bertolt Brecht eine Gruppe von Theaterkünstlern formiert, die sich den Namen Berliner Ensemble gibt. Ohne eigenes Haus kommt sie auf Einladung von Thomas Langhoff am Deutschen Theater unter. Als Wisten 1954 mit seiner Kompanie in die wiederaufgebaute Volksbühne zieht, übernimmt das Berliner Ensemble das Theater am Schiffbauerdamm, nachdem Brecht bei Otto Grotewohl erfolgreich gegen Pläne Einspruch erhoben hatte, das Theater dem Ensemble der Kasernierten Volkspolizei zu überlassen. Die Bühne wurde zum BE, zum BERLINER ENSEMBLE mit Helene Weigel als Intendantin und Bertolt Brecht als Künstlerischem Leiter. Der Einfluss des Brecht‘schen epischen Theaters, auch international, sollte man nicht unterschätzen. Lange Jahre war Brechts Truppe das weltweit am meisten bewunderte deutsche Theater und hat  Regisseure wie Giorgio Strehler, Patrice Chereau, Juri Ljubimow, Roger Planchon, Ariane Mnouchkine, Peter Stein u.a.m. inspiriert und beeinflusst.

Mit Brechts Mutter Courage und ihre Kinder geht das BE 1954 zum Theaterfestival der Nationen nach Paris, wo es den ersten Preis für das beste Theaterstück und die beste Inszenierung (Erich Engel) erhält. Ebenfalls 1954 inszeniert Brecht Der kaukasische Kreidekreis. Bei der Premiere gibt es 52 Vorhänge und 4 vor dem eisernen Vorhang! Nach dem Tod von Bertolt Brecht im Jahre 1956 übernimmt Erich Engel die Künstlerische Leitung, Helene Weigel bleibt Intendantin.

Einen weiteren großen Erfolg erobert das BE mit der Inszenierung von Brechts Stück Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui (Regie Peter Palitzsch und Manfred Wekwerth). Mit Ekkehard Schall als Arturo Ui wird das Stück 1974 nach 532  Aufführungen abgesetzt. Eine Neuinszenierung von Die Dreigroschenoper, wieder mit Engel als Regisseur, knüpft an alte Erfolge an. Beeindruckend auch die Leistung von Helene Weigel, die 1961 nach 405 Aufführungen zum letzten Mal die Mutter Courage gibt.

Die CoriolanInszenierung durch Manfred Wekwerth und Joachim Tenschert wird ebenfalls ein großer Erfolg, zu dem Ruth Berghaus mit ihrer Choreographie der Schlachtszenen beiträgt. Sie wirkt ab 1970 als Stellvertreterin Helene Weigels und übernimmt nach deren Tod in 1971 die Intendanz. In den folgenden Jahren holt Ruth Berghaus B.K. Tragelehn und Einar Schleef als Regisseure ans Haus, setzt sich ein für neuere dramatische Literatur der DDR von Autoren wie Peter Hacks und Karl Mickel. Sie inszeniert Zement von Heiner Müller, der 1961 aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen worden war. Sie bekommt Schwierigkeiten wegen ihres experimentellen Ansatzes und wird entmachtet. Manfred Wekwerth folgt als Intendant. Stücke von Volker Braun und weiterhin von Heiner Müller werden erfolgreich aufgeführt. Die Inszenierungen von Goethes Faust Szenen (Urfaust) 1984 und Heiner Müllers Germania Tod in Berlin 1989 bekommen Aufmerksamkeit.

1992 entsteht ein Fünfer-Direktorium: Die Leitungsgruppe Langhoff, Marquardt, Müller, Palitzsch, Zadek zerfällt allerdings bald durch Unstimmigkeiten und Machtkämpfe. Heiner Müller setzt sich durch, wird alleiniger Intendant und prägt eine neue Epoche. Mit seiner letzten Inszenierung (1995) von Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui mit Martin Wuttke in der Hauptrolle entsteht ein bis heute andauernder Theatererfolg. Nach Müllers Tod 1995 folgen bis 1999 Martin Wuttke und nach ihm Stephan Suschke als Intendanten.

1996 wurde die vom Dramatiker Rolf Hochhuth gegründete Ilse-Holzapfel-Stiftung Eigentümerin der Immobilie Theater am Schiffbauerdamm. Vertraglich wurde für Hochhuth ein Rahmen festgelegt, innerhalb dessen er in beschränktem Maße das Theater für mögliche Aufführungen eigener Stücke nutzen darf. Daraus sich ergebende, oft auch öffentlich ausgetragene Streitereien, unter anderem mit Claus Peymann, besitzen in vielen Facetten, bis heute den Charakter einer eigenen Theatergroteske.

Claus Peymann, Intendant so wichtiger Bühnen wie Stuttgart, Bochum und Wien, übernimmt das BE 1999. In den 18 Jahren seiner Intendanz setzt Peymann auf Autoren wie William Shakespeare, Thomas Bernhard, Peter Handke, Bertolt Brecht und pflegt eine enge Zusammenarbeit mit George Tabori. Peymanns eigene Inszenierung von Shakespeares Richard II wird im Jahr 2000 vom französischen Kritikerverband zur besten fremdsprachigen Inszenierung gewählt. Einer der wichtigen Regisseure, die unter Peymann für das BE arbeiten, ist Robert Wilson, dessen Inszenierung von Die Dreigroschenoper großen Eindruck macht, ebenso wie  die von Sonnette von Shakespeare mit Musik von Rufus Wainright oder von Leonce und Lena mit musikalischen Assoziationen von Herbert Grönemeyer.

Im September 2017 endete die BE – Intendanz des inzwischen 80jährigen Claus Peymann. Oliver Reese, Jahrgang 1964, löst ihn ab. Ein Mann einer anderen Generation. Wie bei fast allen Intendantenwechseln gab es auch bei diesem Stabwechsel Reibereien, meist ausgehend von Peymann. Doch schlugen die Wellen der Aggression am BE nicht so hoch wie 2016, bei dem Stabwechsel von Frank Castorf zu Chris Dercon bei der Volksbühne Berlin.

Oliver Reese kehrt mit der Spielzeit 2017/18 sozusagen nach Berlin zurück. Denn bevor er das Schauspiel Frankfurt ab 2009/2010 als Intendant bis zur Spielzeit 2016/17 leitete,  war er als Chefdramaturg bereits sieben Jahre (1994-2001) am Maxim Gorki Theater und danach weitere acht Jahre am Deutschen Theater u.a. als Interimsintendant tätig.  Ihm dürfte sehr bewußt sein, in was für eine ausgeprägte Traditionslinie er sich am BE einreiht. Vom ehemaligen Ensemble übernimmt Reese lediglich zwei Mitglieder. Mitglieder des neuen Ensemble sind u.a.: Constanze Becker, Corinna Kirchhoff, Bettina Hoppe, Annika Meier, Stephanie Reinsperger, Ingo Hülsmann, Niko Holonics, Felix Rech, Andreas Döhler, Tilo Nest, Patrick Güldenberg.

Berliner Ensemble / Eine Frau - Mary Page Marlowe - hier v.l. Ruby Commey, Bineta Hansen, Carina Zichner, Corinna Kirchhoff © Julian Roeder

Berliner Ensemble / Eine Frau – Mary Page Marlowe – hier v.l. Ruby Commey, Bineta Hansen, Carina Zichner, Corinna Kirchhoff © Julian Roeder

Ein Coup dürfte Reese gelungen sein, indem er Frank Castorf, dessen (eher unfreiwilliger) Abschied von der Volksbühne die Gemüter Berlins bewegte, als Regisseur gewinnen konnte. Castorf wird am BE jedes Jahr ein Stück inszenieren. Seine erste Produktion, für Dezember 2017 angesetzt, wird eine Adaption von Les Misérables von Victor Hugo sein. Ein großer Gewinn für Berlin!

Des Weiteren hat Reese Michael Thalheimer als Hausregisseur und Mitglied des Leitungsteams gewonnen, der zwei Inszenierungen pro Spielzeit erarbeiten wird.

Seine erste Saison 2017/18 am BERLINER ENSEMBLE läutete Reese an einem September Wochenende mit gleich drei unmittelbar aufeinander folgenden Premieren ein: Caligula von Albert Camus mit der großartigen Constanze Becker in der Titelrolle (Regie: Antú Romero Nunes); Nichts von mir von Anre Lygre (Regie: Mateja Koležnik); Der Kaukasische Kreidekreis (Regie: Michael Thalheimer).

Das Repertoire wird ergänzt mit 13 weiteren Neuinszenierungen sowie mehreren Übernahmen vom Schauspiel Frankfurt am Main, darunter einige Inszenierungen, bei denen Reese in Frankfurt  selbst Regie geführt hat sowie zwei Inszenierungen von Michael Thalheimer: Kleists Penthesilea und die Medea des Euripides, jeweils mit Constanze Becker in der Titelrolle, die für ihre Medea den Deutschen Theaterpreis erhielt.

Berliner Ensemble / Der Gott des Gemetzels - hier v.l. Corinna Kirchhoff, Doerte Lyssewski, Thilo Nest, Michael Maertens © Matthias Horn

Berliner Ensemble / Der Gott des Gemetzels – hier v.l. Corinna Kirchhoff, Doerte Lyssewski, Thilo Nest, Michael Maertens © Matthias Horn

Die erste Inszenierung des Intendanten Reese selbst am BE, die von ihm erarbeitete Bühnenfassung von Benjamin von Stuckrad-Barres Panikherz, ist für Februar 2018 geplant. Reese übernimmt auch fünf Stücke aus Claus Peymanns Ära:  Der Prinz von Homburg, Peymanns Abschiedsinszenierung am BE – vielleicht zu verstehen als die Andeutung einer Verbeugung gegenüber seinem Vorgänger; Der Gott des Gemetzels von Yasmina Reza in der Regie von Jürgen Gosch; Robert Wilsons Inszenierungen von Die Dreigroschenoper und Becketts Endspiel und den Dauerbrenner, die Heiner Müller Inszenierung von Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui.

youtube Video – Die Räuber 2016 und mehr – Berliner Ensemble

Die Programmgestaltung ist geprägt durch ein deutliches Interesse an zeitgenössischen Themen und Texten ganz in der Tradition von Brecht und Heiner Müller. 12 der 17 Premieren in der ersten Saison stammen von lebenden Autoren, etwa vom amerikanischen Pulitzer Preisträger Tracy Letts, vom britischen Dramatiker Dennis Kelly oder von Rainald Goetz.

Ein weiteres ambitioniertes Projekt des Intendanten Reese ist das neue BE-Autorenprogramm, zu dessen Chef der Schriftsteller und Theaterschreiber Moritz Rinke gemacht wurde. Reese erinnert an die Zeit, als “der deutschsprachige Raum die stärksten Theaterschreiber zu bieten hatte: Heiner Müller, Thomas Bernhard, Botho Strauß, Franz Xaver Kroetz“. Das Projekt hat sich die Förderung von Autoren zum Ziel gesetzt. In einer künftigen Autorenwerkstatt sollen darüber hinaus zeitgenössische Autoren gemeinsam mit Regisseuren neue Stücke erarbeiten, die dann am BERLINER ENSEMBLE auch aufgeführt werden.

Eine von Oliver Reese bereits am Schauspiel Frankfurt installierte Gesprächsreihe wird nun auch an das BE übernommen, mit Michel Friedmann als Gastgeber: Ein Forum für intellektuelle Diskussionen. Die Gesprächsreihe hatte zuerst Joschka Fischer zu Gast, dann Nicole Deitelhoff und nun folgt Robert Menasse.

Jenseits der künstlerischen Pläne gibt es noch wesentliche Pläne, was  Umbauten, Renovierungen und Modernisierungen betrifft. Ab 2018/19 soll es zwei neue Spielstätten geben, sprich: das BERLINER ENSEMBLE hätte dann drei feste Spielstätten: das Große Haus, das Kleine Haus, den Werkraum.

Insgesamt vielfältige und ehrgeizige Absichten und Pläne  für den Beginn einer neuen Epoche. Man darf gespannt sein!

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