München, Residenztheater, Kinder der Sonne – Maxim Gorki, IOCO Kritik, 19.10.2017

Oktober 20, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Residenztheater, Schauspiel

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

 Kinder der Sonne  von  Maxim Gorki 

„Ihr Hass ist blind…er wird euch vernichten“

Von Hans Günter Melchior

Werktreue oder postmoderne Beliebigkeit:   Im Zeitalter des Regietheaters, der Vielfalt und Beliebigkeit, der Postmoderne, Postdramatik, Performance, der Dramatik und der Dekonstruktion sowie der Mischformen von allem wird sich jeder Regisseur, bevor er sich an die Arbeit macht, fragen müssen: halte ich mich an den Text oder ist dieser mir im Grunde egal, allenfalls Projektionsfläche für Eigenes, für Assoziationen und Provokationen, „Hinzugedichtetes“ und dergleichen.

David Bösch hält sich in seiner Inszenierung der Kinder der Sonne von Maxim Gorki im Wesentlichen an den Text und das ist gut so. Hat man doch langsam genug von den neunmalklugen, eitlen und besserwisserischen Regisseuren, die sich für schlauer als der Autor halten und ihren schlaftrunkenen Fantasien freien Lauf lassen, solange, bis niemand (wahrscheinlich sie selbst nicht) mehr weiß, um was es eigentlich geht.

Maxim Gorkis Stück als Revolutionsstück, d.h. als ausdrücklichen Aufruf zur Revolution, zu bezeichnen, geht zu weit. Es ist mehr eine Warnung an ein sich in der Selbstreflexion erschöpfendes Bürgertum vor der Wut der Unterdrückten. Die Aufforderung, den Blick nach draußen auf die soziale Wirklichkeit zu richten, wo es gärt und ein revolutionärer Wille Kräfte sammelt.

Dass dabei wie in München eine Aufführung herauskommt, die letztlich ein wenig harmlos wirkt, ist nicht ausschließlich die Schuld des Regisseurs.

Residenztheater München / Kinder der Sonne - hier Norman Hacker als Chemiker Protassow © Thomas Dashuber

Residenztheater München / Kinder der Sonne – hier Norman Hacker als Chemiker Protassow © Thomas Dashuber

„Sie werden euch vernichten“

Anders als bei Tschechow, dessen somnabule Adelige der neuen Zeit hilflos entgegenträumen, nimmt sich Gorki den Mittelstand vor. Da ist der Chemiker Protassow (gelassen, skurril, glaubwürdig Norman Hacker), der mehr in die Chemie als in seine Frau Jelena (souverän, beeindruckend Hanna Scheibe) verliebt ist und es nicht einmal merkt. Der an die Allmacht des menschlichen Verstandes glaubt („Wir sind Kinder der Sonne“) und an einem Mittel für die Unsterblichkeit arbeitet.

In Protassows psychisch kranke Schwester (Mathilde Bundschuh, schillernd, für eine psychisch Kranke ziemlich rational) ist  der Tierarzt Tschepurnoj (Till Firit, jung, locker, modern) verliebt, er denkt an nichts als die Heirat, wird aber von der Angebeteten abgewiesen. Als diese gegen Ende des Stücks merkt, dass auch sie ihn liebt, ist es zu spät: Tschepurnoj hat sich aus Liebeskummer erhängt.

Ja, ach ja und dann: diese rührende Geschichte zwischen Melanija, Schwester des Tierarztes, eine mondäne und reiche Witwe (umwerfend, kabarettistisch  Katharina Pichler, glänzend aufgelegt), die an den Chemiker heranmacht, in der irrigen Meinung, zwischen ihm und seiner Ehefrau Jelena sei es so gut wie aus. Eine hippelige Frau, die sich in ihrer Liebestollheit demütigt, während der Wissenschaftler Protassow zuerst gar nichts merkt und dann, als er endlich kapiert, der guten Frau eine laue „Freundschaft“ anbietet.

Und schließlich ist da im Liebesreigen noch der Maler Wagin, der um Jelena herumschleicht wie ein läufiger Kater (Aurel Manthei, quirlig, flexibel, bald derb, bald intellektuell), letztlich aber bei allem sticheligen und aufreizenden Gehabe der Verehrten ebenfalls mit einem Freundschaftsangebot abgewiesen wird, jedoch weit entfernt ist von einem Verzweiflungsakt. Soweit die Liebesgeschichten, die sich aufspielen, als seien sie bereits die ganze Welt.

Residenztheater München / Kinder der Sonne - hier v.l. Till Firit als Boris Nikolajewitsch Tschepurnoj_ Norman Hacker als Protassow,   Thomas Huber als Jegor der Schlosser © Thomas Dashuber

Residenztheater München / Kinder der Sonne – hier v.l. Till Firit als Boris Nikolajewitsch Tschepurnoj_ Norman Hacker als Protassow,   Thomas Huber als Jegor der Schlosser © Thomas Dashuber

Ins versponnene Gewusel bricht zuweilen der Schlosser Jegor (wunderbar berserkerhaft, kernig Thomas Huber) wie ein Donner, ein echter Proletarier, der seine Frau prügelt, weil er es nicht anders kennt, ein in der Kindheit und Jugend Geprügelter, der einfach weiterprügelt, aus Gewohnheit und Ratlosigkeit und aus Mangel an anderen Mitteln.

Manchmal treten zwei Geschäftemacher ins – vermeintliche – Idyll wie ins Fettnäpfchen, der Vermieter Nasar (glatt, schlüpfrig  Joachim Nimtz) und sein Assistent (gewissenlos, gefühlskalt, zynisch Thomas Huber). Sie bemühen sich vergeblich, den Chemiker  dafür zu gewinnen, in eine Firma, deren Ziel es sein soll, seine, Protassows, wissenschaftliche Erkenntnisse kommerziell auszubeuten, als Geschäftsführer einzutreten. Aber Protassow versteht sie nicht einmal, er lebt ausschließlich in der Hingabe an seine Wissenschaft.

Gleichsam über allem schwebt das zwielichtige, fadenscheinige Dienstmädchen Fima (sehr glaubwürdig und gekonnt Pauline Fusban), die sich mit den Verhältnissen arrangierende Proletarierin, bestechlich und infam, locker und sexy –; diesen hermetischen Kosmos der Selbstbespiegelung persiflierend und sich schließlich davon verabschiedend, als ein günstigeres Angebot winkt.

Lange geht es hin und her im Werben und Abweisen, als gebe es nichts anderes als die eigene Befindlichkeit. Bis das Unheil aus der Welt von draußen hereinschrillt: die Cholera. Eine Metapher des Schreckens und der gesellschaftlichen Erschütterungen, des Aufruhrs und der Veränderung. Der Schlosser berichtet darüber; und der Bericht ist zugleich ein Vorwurf.

Einzig Jelena ist der Gefahr tatsächlich und moralisch gewachsen. Sie entschließt sich spontan und gegen den Rat ihres Ehemannes, die erkrankte Frau des Schlossers zu pflegen, als dieser um Hilfe bittet. Bezeichnenderweise kommt auch sie zu spät. Man nimmt aber den guten Willen für die Tat.

Residenztheater München / Kinder der Sonne - hier v.l. Mathilde Bundschuh als Lisa Protassows Schwester, Till Firit als Boris Nikolajewitsch Tschepurnoj © Thomas Dashuber

Residenztheater München / Kinder der Sonne – hier v.l. Mathilde Bundschuh als Lisa Protassows Schwester, Till Firit als Boris Nikolajewitsch Tschepurnoj © Thomas Dashuber

Der hellsichtigen, psychisch kranken Lisa bleibt es vorbehalten, die prekäre Situation der „gut angezogenen“ Narzissten schonungslos auf den Punkt zu bringen: „Ich habe den blanken Hass auf der Straße gesehen, Massen von rasenden Bestien… Sie hassen euch, weil ihr euch entfremdet habt und ihr hartes unmenschliches Dasein ignoriert. Ihr Hass ist blind, aber ihr provoziert ihn und er wird euch vernichten.

Da wird zum ersten Mal ausdrücklich die Revolution angekündigt – konkret und es ist mehr als ein Wetterleuchten. In dieser zentralen Frage hätte man der Inszenierung etwas mehr Nachdruck gewünscht. Am Ende geht – ein wenig allzu plötzlich und kaum wirklich vorbereitet – schockartig das Licht in dem nüchtern eingerichteten Wohn- und Arbeitsraum des Chemikers aus, Blitze zucken, der Schlosser rückt mit einer Axt gegen den Flügel vor, während zwei oder drei weitere Genossen den Rest der Wohnung zerlegen.

Zweieinhalb Stunden Gorki, die Veranlassung geben, sich mit seinem Werk zu befassen. Er hat das Stück 1903 in der Haft geschrieben, 1905 kam es zum „Petersburger Blutsonntag“.

Längst vorbei? Mitnichten. Auch gegen die offenbaren sozialen Krankheiten unserer Zeit, die beharrliche Blindheit der Herrschenden und die zynische Überheblichkeit der Profitgierigen beginnt sich der Widerstand zu formieren.

Kinder der Sonne im Residenztheater, München; weitere Vorstellungen 29.10.2017; 4.11.2017; 13.11.2017

Dresden, Semperoper, Die Trojaner von Hector Berlioz, IOCO Kritik, 16.10.2017

Oktober 17, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, SemperOper

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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Ewiger Krieg im Kostümrummel oder Männer gegen Frauen?

Les Troyens von Hector Berlioz

Von Guido Müller

Hector Berlioz Grabmal in Paris © IOCO

Hector Berlioz Grabmal in Paris © IOCO

Die frühere prächtige Hofoper, dann in der DDR wieder wunderschönhergestellte Semperoper im erneuerten Neo-Renaissance-Stil bringt das große, weit über fünf Stunden dauernde Opern-Schmerzenskind  des französischen Komponisten Hector Berlioz Les Troyens zum Beginn der Spielzeit. Noch Richard Strauss war fasziniert von der Instrumentenkunde und Klangfarbenmagie des Franzosen. So passt die große Anforderung an das Orchester, die Sänger und den Chor stellende Grand Opera  ideal an das sächsische Haus großer Strauss-Uraufführungen.

Die Sächsische  Staatskapelle Dresden sollte sich unter dem Dirigat   des ihr vertrauten Amerikaners John Fiore auch ganz dem schönen Klangfarbenrausch dieser Komposition widmen: Berlioz sozusagen mit üppigem Goldrahmen präsentiert. Auch das Staatstheater Nürnberg hat in dieser letzten Spielzeit des künftigen Intendanten der Sächsischen Staatsoper dieses Werk zur Premiere in einer allerdings dreistündigen Schrumpffassung nur drei Tage nach    der Dresdener Premiere angesetzt.

In Dresden inszeniert die viel beschäftigte und von der Kritik stark beachtete  junge Amerikanerin Lydia Steier das opulente Werk mit ihrem bevorzugten römischen Kostümmodisten Gianluca  Falaschi, der prächtige und aufwändige Kostüme im üppigsten Bonbonière-Stil der Pariser Weltausstellungen entworfen hat und mit ihrem Architekten beeindruckender Bühnenbauten Stefan Heyne.

Der deutsche Bühnenbildner hat fantastische Prospekte mit der alten  Semperoper oder einer Mittelmeerlandschaft malen lassen sowie für die Akte drei bis fünf eine Kombination aus Turm zu Babel (Achtung: Mittelmeer-Vielvölkerproblematik der Trojaner-Oper), Globe-Theater als  Holzkonstuktion  (Achtung: Shakesspeare -Verehrung von Berlioz) oder Mini-Tour-Eiffel im Bau mit Schlafnische für flüchige Liebesnächte (herrlich  gesungenes Duett  „Nuit d’ivresse“,  textlich auf Shakespeares Kaufmann von Venedig basierend, der mit warmem Schmelz  singenden Didon  der Christa Mayer und dem lyrischen Enée des Bryan Register).

Semperoper Dresden / Die Trojaner - hier mit dem Sächsischen Staatsopernchor © Forster

Semperoper Dresden / Die Trojaner – hier mit dem Sächsischen Staatsopernchor © Forster

Das trojanische Pferd wird in Gestalt des Reiterdenkmals des allerdings so gänzlich unmilitaristischen „guten“ König Johanns von Sachsen vor der Semperoper herein gezogen. Sein Sockel dient am Ende der  Oper  der karthagischen Königin Dido als Grab für ihren Freitod.

Aber darauf kommt es historisch gar nicht so genau an, schließlich gab  es zu Lebzeiten von Berlioz ja dauernd Kriege vom französischen Kaiser Napoleon Bonaparte bis zu Kaiser Napoleon III. Dazu ergänzt die   seit  2002 in Berlin lebende Amerikanerin Lydia Steier im Programmheft  im Gespräch mit der Dramaturgin Anna Melcher dann zu dem mit aktualistischer  Anwandlung: „Plötzlich fliegen Drohgebärden  über atomare Waffen durch die Luft, das politische Klima verändert sich bis    vor die Haustür: Trojanische Pferde sollte man nicht aus den Augen lassen.“ So wird zumindest im Kostüm und Klischee die Geschichte noch bis zur stalinistischen Soldateska im zweiten Weltkrieg weiter erzählt.     Und den Bezug zum tagesaktuell in den Nachrichten immer mal wieder  dank Pegida und Opernball auftauchenden Opernplatzes kann der werte Zuschauer für sich je nach Gusto interpretieren.

Nach dem ersten Teil fragte ich mich nun allerdings verblüfft, ob der zunächst bunte Faschingskostümrummel des trojanisch-offenbachiesken Volks und der abschließende bluttriefende Mordexzess der Frauen untereiner rasenden „keuschen“ „Seherin“ Kassandra im englischen hochgeschlossenen Gouvernantenkostüm ernst gemeint ist als Anklage gegen Krieg, Machismo und dauernd amüsiergeile Gesellschaft?

Oder ist dies zu verstehen als eine Parodie auf den gescheiterten Versuch von Hector Berlioz eine Grand Opera  zu komponieren, mit der er bei Jacques Offenbachs Pariser Vorstadtbühne mit dem Versuch einer zu lang geratenen Opéra bouffe durchgefallen ist? Oder beides zugleich?

Die Sänger – wie der für die äußerst anspruchsvolle Rolle des Aeneas zunächst noch zu Spielzeitbeginn angekündigte Gast-Tenor Eric Cutler – haben wohl teilweise schon während der Proben aufgegeben.

Semperoper Dresden / Die Trojaner - hier Christa Mayer als Königin Didon und der Sächsische Staatsopernchor © Forster

Semperoper Dresden / Die Trojaner – hier Christa Mayer als Königin Didon und der Sächsische Staatsopernchor © Forster

Die Ausnahme-Mezzosopranistin Christa Mayer von der Semperoper, die diesen Sommer bei den Richard Wagner Festspielen in Bayreuth als Brangäne aufhorchen ließ, ist ob ihrer stoischen Professionalität zu bewundern, mit sie ihr mitreißendes und tief berührendes Profil der karthagischen Königin Didon durchgezogen hat, da sie die große ihr wie auf den Leib und das Stimmprofil geschneiderte Rolle darstellen wie       exemplarisch singen KANN und WILL. Und dies dazu noch in perfekter französischer Diktion!

Die zunächst auch eher keusch als sinnlich singende amerikanische Sängerin der Cassandre Jennifer Holloway fügt sich im Spiel und Gesang perfekt in das Regiekonzept ein. Sie gewinnt im Schlußtableau des zweiten Aktes noch erheblich an dramatischer Tiefe und stimmlichem Ausdruck.

Das gilt leider nicht durchgehend für den Sänger der überaus schweren  Partie des Enée, der in einer Art Operetten-Offiziersuniform sichtlich ohne Sympathie der Regie agieren muss. Im ersten Teil eher schwach, sucht Bryan  Register, der die Rolle auch an der Oper Frankfurt singt, sich in einer der anspruchsvollsten Tenorpartien des 19. Jahrhunderts zunächst  zu   profilieren, indem er in dieser zweiten Vorstellung seit der   Premiere ab und zu nach unten transponiert singt. Das große Liebesduett mit Christa Mayer gelingt ihm in dieser Vorstellung sehr fein. In seiner großen Schlussszene hat ihn die Regie und die Stimme manchmal etwas in  Stich gelassen. Steier mag sichtlich keine Helden und das trifft seine Stimme.

Semperoper Dresden / Die Trojaner - hier Jennifer Holloway als Cassandre © Forster

Semperoper Dresden / Die Trojaner – hier Jennifer Holloway als Cassandre © Forster

Kriegsgemetzel zu zeigen hingegen scheint der Regisseurin Spaß  zu machen,  auch wenn es in Berlioz‘ Oper nicht vorkommt. So gerät die berühmte „Chasse royale et Orage“ zum sowohl handwerklich wie historischen Missgriff, obwohl es eine ausführliche detaillierte Anweisung zu einer Pantomime von Berlioz gibt.

Lydia Steier zeigt statt Jagd, Gewittersturm und knisternder Erotik zwar natürlich so halb (!) politisch korrekt keine schwarzen Numider- Afrikaner,wie eigentlich in der bei Berlioz zuvor erwähnten, aber nicht gezeigten Schlacht, sondern musulmanische Krummsäbel-Osmanen mit Bärten à la  IS (sic!) werden durch heroische Russen-Franzosen-Krimkrieger mit Gewehren und Bajonetten abgeschlachtet, während die Posaunen und   Hörner der Staatskapelle effektvoll beleuchtet mit dem begleitenden Festfernchor in den Seitenlogen dazu musizieren.

Laut dem von der Oper Frankfurt zitierten Dramaturgen-Beitrag im  Programmheft wollte Berlioz sich mit seiner Oper, in der Militärterminologie als „Phalanx“ und „Avantgarde“ quasi kompositorisch selber ständig ins kriegerische Feuer stürzen.

Die Musik der Trojaner als ständige Kriegsanführung: ewigen Hass und endlosen Krieg verherrlichend durch über fünf Stunden Oper und Militärkapelle? Oder doch nur ein großer langer Kostümspaß im Stil einer  Operette von Jacques Offenbach?

Männer vergewaltigen, mehr oder weniger ständig betrunken, wie sowjetische Klischee-soldaten (drastisch gut gesungen von Jiri Rajnis und Matthias Henneberg) dauernd –  angezogen (!!!) – Frauen oder berauben sie ihrer Habseligkeiten (historisch-kritische Reminiszenz an die sowjetische Besatzung in Dresden nach 1945 oder doch eher             Krimkrieg oder Lumpenproletariat von Paris?).

Man fragt sich dann nur immer wieder, warum deren operettiger, französisch-russischer Offiziersanführer Aeneas  denn nun ausgerechnet dann nach Italien soll. Irgendwie scheint auch immer malerisch der Vollmond und leuchtet eine Staßenlampe. (Effektvolle und stimmige Lichtregie Fabio Antoci). Eine Spielzeugkanone ziert symbolisch pittoresk das Kriegsidyll.

Statt der Ballette gibt es zur gepflegten Unterhaltung Akrobaten und Seifenblasen- kunststücke für die feine Hofgesellschaft. Man spart an nichts in Dresden, wie schon Berlioz zu Lebzeiten konstatiert hatte: „Seit ich in Deutschland weilte, hatte ich noch nie eine solche Ansammlung von Reichtümern gesehen.“ ( Siehe Programmheft S. 42) Am Ende kommt das Gespenst der aus dem Leben geschiedenen untoten Cassandre-Gouvernante samt totem Familienanhang zurück um sich malerisch zusammen mit ihrer „Freundin“ Didon, die nun plötzlich ein festliches altrussisches Brautgewand (sic!) anlegt, schwesterlich zum erneuten gemeinsamen Freitod zu begeben.

Semperoper / Die Trojaner - hier mit Bryan Register als Enée und Alexandros Stavrakakis © Forster

Semperoper / Die Trojaner – hier mit Bryan Register als Enée und Alexandros Stavrakakis © Forster

Die Regisseurin verachtet den Opernkomponisten Hector Berlioz und seine Grand opéra wohl noch mehr als die Männer in diesem Werk. Daran vermögen auch nichts zu ändern der sehr nobel und besonders glaubwürdig singende Chorèbe des Baritons Christoph Pohl und der mit besonders schöner fundierter Belcantostimme ausgestattete junge    amerikanische Charakter-Bassbariton Evan Hughes als Narbal, der Liebhaber von Didons Schwester Anna. Sie wird hervorragend  gesungen und gespielt von der jungen polnischen Mezzosopranistin Agnieszka Rehlis im lila Blaustrumpfkostüm, die in dieser Rolle sehr überzeugend an der Semperoper debütiert). Sogar für das fein durch den stimmschönen Tenor Simeon Esper gesungene Heimwehlied des Hylas vermag die Regie sich kaum zu erwärmen.

Die Inszenierung verfolgt ganz offensichtlich vor allem den Zweck, uns tolle, aus dem Vollen schöpfende bunte Kostüme an singenden Menschen vorzuführen, vor allem an einem üppigen und mit sehr  individuellen Portraits gezeichneten Riesenchor. Der eigentliche Hauptakteur dieser Inszenierung sind ja die Trojaner, Griechen und Karthager, überaus packend und präzise gesungen und gespielt vom Sächsischen Staatsopernchor, Sinfoniechor  Dresden, Extrachor und Kinderchor der Sächsischen Staatsoper Dresden unter der Chorleitung von Jörn Hinnerk  Andresen und für den Kinderchor Claudia Sebastian-Bertsch. Dazu spielt die Sächsische Staatskapelle Dresden unter John Fiore in gewohnt höchster  Qualität schwelgerisch und verführerisch dauerschön. Nicht nur die mir an dem Abend besonders positiv aufgefallenen vier, oft solistischen Harfen und die Hörner verdienten Extralob.

Alleine dieses Spitzenorchester und der Spitzenchor sowie Christa Mayer als Didon lohnen den Besuch der optisch wie akustisch opulenten Produktion der Semperoper.

Die Trojaner von Hector Berlioz an der Semperoper: Die nächste Vorstellungen am 21.10., 27.10., 3.11.2017.

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Münster, Theater Münster, Die Katze auf dem heißen Blechdach, IOCO Kritik, 14.10.2017

Oktober 14, 2017  
Veröffentlicht unter Kritiken, Schauspiel, Theater Münster

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Die Katze auf dem heißen Blechdach  von Tennessee Williams

Liebloser Kampf um Geld und Status

VON HANNS BUTTERHOF

Frank Behnke hat an Münsters Großem Haus Tennessee Williams’ Theaterklassiker „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ von 1955 fesselnd inszeniert. Das Stück atmet den Geist des amerikanischen Psychotherapie-Traums, das Aussprechen bisher zurückgehaltener Wahrheiten sei heilend, und lebt davon, diese Wahrheiten ans Licht zu bringen.

Theater Münster / Die Katze auf dem heissen Blechdach - Die Beziehung zwischen Brick und Margaret ist zerstört © Marion Bührle

Theater Münster / Die Katze auf dem heissen Blechdach – Die Beziehung zwischen Brick und Margaret ist zerstört © Marion Bührle

Schon die Feier für den 65. Geburtstag von Big Daddy (Wilhelm Schlotterer), einem schwerreichen Südstaaten-Plantagenbesitzer, beginnt mit einer Lüge. Ihm und seiner Frau Big Mama (Carola von Seckendorff) wird vorgemacht, er sei gesund. Alle anderen Familienmitglieder aber wissen, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist. In einer Arena mit Blick auf weites Land, die Martin Miotk für das Stück sinnig gebaut hat, findet unter der trügerischen Decke einer Familienfeier der Kampf um das Erbe von Big Daddy statt.

Im Werben um die Gunst des Erblassers platzen alle möglichen Lebenslügen. Es kommt heraus, dass alle Männer ihre Frauen hassen. Das überrascht vor allem beim Erstgeborenen Gooper (Christian Bo Salle). Die Muster-Ehe des ewig zurückgesetzten, narzisstisch gekränkten Advokaten mit seiner bösen Frau Mae (Ulrike Knobloch) ist leere Konvention. Sie zielt mit ihren fünf Kindern, kleinen blonden Bestien, nur darauf ab, Big Daddys Wohlwollen zu gewinnen. Dass dabei ihre pure Geldgier zutage kommt, hat keine ihre Kälte heilenden Folgen.

Konventionell verlogen ist auch die Ehe Big Daddys. Der vitalistische Polterer träumt recht bieder von einer außerehelichen Affäre und offenbart seinen Hass auf seine anfangs immer quietschige, nervend das Ei9nhalten von Konventionen fordernde Frau. Aber in ihr steckt erstaunlich viel  Substanz; resolut nimmt sie im Augenblick seiner Schwäche Big Daddys Interessen gegen Gooper und Mae wahr, so dass er am Ende doch mit ihr zusammen bleibt.

Dass der jüngere Sohn Brick (Joachim Foerster) mit seiner Frau Margaret (Sandra Bezler)  weder eine intakte eheliche Beziehung noch Kinder hat, liegt offen zutage. Aber es ist sein Geheimnis, warum sich das ehemalige Sport-As ganz aus dem Lebenskampf verabschiedet und exzessiv dem Alkohol ergeben hat. Mit verglastem Blick hört er nicht auf die Reden der anderen und humpelt, an Leib und Seele verletzt, auf Krücken über die Bühne.

Theater Münster / Die Katze auf dem heissen Blechdach - Brick und Big Daddy sagen sich die Wahrheit © Marion Bührle

Theater Münster / Die Katze auf dem heissen Blechdach – Brick und Big Daddy sagen sich die Wahrheit © Marion Bührle

Im Gegensatz zu ihm hat Margaret (Sandra Bezler) noch nicht kapituliert. Sie ist die Katze, die es auf dem heißen Blechdach dieser Familie aushält, ohne abzuspringen. Aber es bleibt offen, ob sie aus Liebe zu Brick bleibt,  oder ob die aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Frau nur katzenzäh ihren sozialen Status verteidigen will. Ob es ihr gelingt, Brick doch ins Bett zu locken und mit ihm den ersehnten Enkel zu zeugen, bleibt offen.

Bricks Weigerung, die verlogenen familiären und gesellschaftlichen Rituale, den lieblosen Kampf um Geld und Status mitzumachen, ist bewegend nachvollziehbar. Am Ende scheint die Hoffnung auf, durch das offene Aussprechen der wahren Gründe für seinen Selbst- und Lebensekel könnte seine Ehe ins Lot gebracht, er wieder gesellschaftsfähig und Big Daddys respektabler Erbe werden.

Dieser Schluss zielt auf die Integration in die Gesellschaft mit ihren Konventionen, nicht auf die Beseitigung ihrer Zwänge, die so zu persönliche Macken verharmlost werden, die eine kleine Therapie heilen kann.  Viel Beifall für das spielfreudige Ensemble.

Die Katze auf dem heißen Blechdach im Theater Münster; die nächsten Termine: 13.10. und 7.12. um 19.30 Uhr, 26.11. um 15.00 und 26.12.2017 um 19.00 Uhr.

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Hamburg, Elbphilharmonie, Saisoneröffnung mit Haydns Jahreszeiten, IOCO Kritik, 14.10.2017

Oktober 14, 2017  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Berauschender Saisonstart des Philharmonischen Staatsorchesters

 Die Jahreszeiten  von Joseph Haydn

Von Patrik Klein

Wenn in der Elbphilharmonie Hamburg ein ausverkauftes Konzert mit konzentrierten und bis zum Schluss ausharrenden, begeisterten Zuhörern gefüllt ist, so ist der Funke wieder einmal übergesprungen. Luftig, duftend mit feinster Struktur und farbenreichster Malerei schweben die Töne und Klänge in dem wunderbaren Großen Saal der „Elphi“ und eröffnen die neue Konzertsaison des Philharmonischen Staatsorchesters unter seinem Generalmusikdirektor Kent Nagano, dessen Vertrag gerade bis 2025 verlängert wurde.

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester,  Solisten und Chorgemeinschaft Neubeuern © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester, Solisten und Chorgemeinschaft Neubeuern © Patrik Klein

Die Saison 2017/18 fokussiert mutig auf 10 Konzerte im Großen Saal der Elbphilharmonie, die sich jeweils mit einem Portrait eines großen Komponisten beschäftigen werden. Es sind Konzerte mit Werken u.a. von Mozart, Strauss, Schubert, Bruckner, Schumann und Brahms geplant. Den Reigen eröffnet Die Jahreszeiten von Joseph Haydn.

Das Musikwerk Die Jahreszeiten (Hob. XXI:3) ist ein Oratorium, das am 24.4.1801 in Wien uraufgeführt wurde.  Haydn wurde zur Komposition der Jahreszeiten durch den großen Erfolg seines vorhergehenden Oratoriums Die Schöpfung (1798) angeregt, das zu dieser Zeit in ganz Europa aufgeführt wurde. Die Jahreszeiten wurden zwar ein Erfolg, der aber nicht mit dem der Schöpfung vergleichbar war. Auch in der Folgezeit wurden Die Jahreszeiten deutlich seltener aufgeführt als das bekanntere, frühere Oratorium.

Das Libretto zu Die Jahreszeiten wurde von Baron Gottfried van Swieten verfasst, einem österreichischen Adligen, der auch einen großen Einfluss auf Mozarts Karriere gehabt hatte. Van Swietens Libretto war dessen eigene deutsche Wiedergabe eines Auszugs aus dem englischen Versepos von James Thomsons The Seasons.

Haydn brauchte zwei Jahre, um Die Jahreszeiten fertigzustellen, zum einen wegen seiner schlechten Gesundheit, zum anderen, weil ihn van Swietens Text nicht zu überzeugen vermochte. Das Oratorium entspricht inhaltlich weder einem religiös geprägten Werk, noch dem Ideal eines Kunstwerks im Geiste der Aufklärung, ihre heiteren wie eindringlichen Naturschilderungen und Verklärungen des Landlebens zeigen vielmehr Einfluss der Philosophie Rousseaus.

Elbphilharmonie Hamburg / Die Jahreszeiten -  Solisten vlnr. Marie-Sophie Pollak, Julian Prégardian, Georg Zeppenfeld, Kent Nagano © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Die Jahreszeiten – Solisten vlnr. Marie-Sophie Pollak, Julian Prégardian, Georg Zeppenfeld, Kent Nagano © Patrik Klein

Die Jahreszeiten bestehen, korrespondierend zu Frühling, Sommer, Herbst und Winter, aus vier Teilen, mit den üblichen Rezitativen, Arien und Chören. Sie fassen die unterschiedlichen Charaktere des Wandels in Musik mit instrumentalen saisonalen Klangeigenschaften zu Beginn der jeweiligen Jahreszeit. Die enthaltenen Naturbeschreibungen beziehen sich auch auf das göttliche Element. Es gibt im wesentlichen keine Handlung, sondern ein Tableau des bäuerlichen Lebens und der Naturverbundenheit. Ähnlich wie bei Der Schöpfung haben wir es mit drei singenden Protagonisten zu tun. Das Liebespaar Hanne (Sopran) mit dem Bauern Lukas (Tenor) sowie dessen Vater Simon (Bass) erzählen musikalisch von den Schönheiten und Herausforderungen des ländlichen Lebens und den Launen der Naturgewalten. Der äußerst umfangreiche Text und die herrliche Musik drücken das gleiche in vollkommener Harmonie aus. Im nebeldurchzogenen, eiskalten Winter schließlich kommt das Ende alles Vergänglichen und die Hoffnung und der Glaube an das Göttliche zu Tage.

Im Frühling kommen wir musikalisch an. Die Musik kämpft sich aus dem Winter hervor. Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg ist nach großer Besetzung der Wiener Klassik aufgestellt mit einigen Besonderheiten, wie einem Hammerflügel statt dem üblichen Cembalo, um die Besonderheiten der Klangfülle noch eindrucksvoller zu gestalten und vier  Hörnern, die mit unterschiedlichen Resonanzkörpern ausgestattet sind, um beispielsweise Waldhornklänge bei der Jagd in bunten Farben klangvollendet auszudrücken. Kraftvoll und in sauberen, wunderschön klaren musikalischen Bögen ertönt es vom Podium. Die Musiker scheinen selbst von der Klangfülle angetan und spielen sich im Laufe des langen, fast drei Stunden dauernden Konzerts in eine wahre musikalische Farborgie. Der Chor des Landvolkes setzt ein und die beinahe 100 Mitwirkenden der Chorgemeinschaft Neubeuern (Einstudierung Robert Schlee) lassen zum ersten Mal ihre gesanglichen Qualitäten aufblühen. Der als einer der besten Laienchöre in Europa geltende Chor, der mit etlichen Auszeichnungen und CD Einspielungen auch über die Grenzen des Münchner Großraums bekannt wurde, glänzt an diesem Sonntagmorgen angesichts des aufkeimenden Frühlings in schönstem Licht. Hochmotiviert malen sie die schillernden Farben des Frühlings beeindruckend klar und formschön auf die Staffelei der Zuhörer.

Elbphilharmonie Hamburg / Die Jahreszeiten und die Chorgemeinschaft Neubeuern © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Die Jahreszeiten und die Chorgemeinschaft Neubeuern © Patrik Klein

Der Sommer beginnt unerwartet mit einem Adagio recht melancholisch, um die Morgendämmerung vor der Mittagshitze und der Schwüle des Tages bis hin zur Idylle des Sommers darzustellen. Der Bauer Lukas (Julian Prégardien) tupft in zartesten Nuancen die Stimmung der aufgehenden Sonne, die die träge Nacht verdrängt. Mit feinster lyrischer Tenorstimme, immer bedacht auf Ausdruck und legato, absolut sicher und sauber bis in die Höhenlagen seiner Partie, tritt er in Erscheinung. Der Vater Simon (Georg Zeppenfeld) erzählt Hirtenweisen zu den ersten Sonnenstrahlen. Der in Westfalen geborene Bass, der mittlerweile zu den besten seines Faches zählt, die großen Rollen im dramatischen Fach wie  Gurnemanz, Hunding oder Marke auf den größten Bühnen dieser Opernwelt darstellt, kann bei Haydns Oratorium ganz leicht umgestalten auf baritonale, lyrische Töne in Form- und Klangvollendung. Wunderbar seine federleichte und absolut textverständliche Stimmführung. Die Partie der Hanne wird gesungen von Marie-Sophie Pollak, die für die erkrankte Christina Gansch kurzfristig eingesprungen ist. Die junge Sopranistin singt sich mit ihrem federleichten lyrischen Sopran sofort in die Herzen der Zuhörer. Sie kommt musikalisch daher wie ein flirrender Vogel in der Natur, sehr schön modulierend, sehr schön an- und abschwellend; sie erinnert vom Timbre und dem glockenklaren Klang an eine ideale Verkörperung von Mozarts Papagena. Die Sonne des Sommers erstrahlt schließlich durch das Terzett der Solisten, dem Chor und Orchester zu einem großartigen Dank an den Schöpfer der Natur.

Der Herbst beginnt musikalisch idyllisch mit einem Tanz im Dreivierteltakt, der die Freude der Landsleute über eine erfolgreiche Ernte zum Ausdruck bringt. Höhepunkte dieses Satzes sind das großartige Zusammenspiel von Marie-Sophie Pollak und Julian Prégerdian im Duett über die Lebensfreude und der Chor der Landleute und Jäger. Hanne und Lukas finden hier gemeinsam zu einer musikalischen Harmonie, die angesichts der kurzfristigen Einfindung der Sopranistin in die Produktion, schier unglaublich erscheint. Besonders musikalisch ungewöhnlich ist nun das Jagdlied mit Waldhornklängen und das Weinfest mit den tanzenden Bauern. Die vier Hörner mit den unterschiedlichen Klangfarben tauchen die Zuhörer eindrucksvoll in eine Jagdszenerie, die an Webers Freischütz erinnert. Bei den Jubelklängen und der Hommage an den Wein läuft der Chor der Chorgemeinschaft Neubeuern zu Höchstform auf. Die Klangschönheit und Fröhlichkeit der Darstellung wirkt ansteckend im Publikum. Man bekommt bereits am frühen Tage Lust auf einen guten Tropfen Wein im Glas.

Der Winter entsteht schließlich musikalisch gemalt aus einem dicken Nebel und frostigen Temperaturen in Adagioform. Querflöten- und Oboenklänge dominieren und führen das hervorragende Orchester in die eiskalten Naturlaunen. Auch hier wieder glänzt die Stimme von Julian Prégardian ganz besonders im Lied des müden Wanderers, wo die Tristess der Freude weicht angesichts des wärmenden Hüttenfeuers, wo er Labung erhofft. In der Arie des Simon von Georg Zeppenfeld, der jetzt auch die dunkleren Farben seines Prachtbasses erscheinen lassen kann, wird noch einmal auf die besonderen Eigenschaften des Winters verwiesen und die Endlichkeit allen Seins mit allen Sorgen und Nöten dargestellt. Im fulminanten Terzett und Doppelchor zum Ende des Konzerts werden musikalisch noch einmal alle Register gezogen und die Hoffnung auf den Frühling und den Glauben an Gott und die Seligkeit ausgedrückt.

Elbphilharmonie Hamburg / Die Jahreszeiten -  Kent Nagano © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Die Jahreszeiten – Kent Nagano © Patrik Klein

Nach fast drei Stunden musikalischem Hochgenuss gehen die Lichter im Großen Saal der Elbphilharmonie wieder ganz langsam an. Das Publikum, zunächst noch ganz verhalten und betroffen, steigert den Applaus in einen lang anhaltenden, frenetischen Jubel für Orchester, Chor, Solisten und den Generalmusikdirektor Kent Nagano. Man ist gespannt auf die noch kommenden neun Philharmonischen Konzerte der Saison 2017/18 im atemberaubenden Konzertsaal der Elbphilharmonie.

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