Osnabrück, Theater am Domhof, Die Zirkusprinzessin – Operette mit Trauerrand, IOCO Kritik, 13.12.2017

Dezember 13, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Operette, Theater Osnabrück

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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd


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Die Zirkusprinzessin von Emmerich Kálmán

„Mit schlimmen Schicksalsschlägen fertig werden“

 Von Hanns Butterhof

Emmerich Kálmán muss den Ersten Weltkrieg übersehen haben. Diesem Eindruck kann man sich nicht entziehen, wenn man zur Zeit seine Operetten Die Zirkusprinzessin in Osnabrück wie Die Csárdásfürstin von 1915 im benachbarten Münster besucht. In beiden Aufführungen wird Kálmán entschieden korrigiert, der Krieg auf die Bühne gebracht und ein happy end verweigert.

Als Die Zirkusprinzessin 1926 in Wien uraufgeführt wurde, war der Erste Weltkrieg gerade ein paar Jahre vorbei. So ist das große Thema der Zirkusprinzessin das Fertigwerden mit schlimmen Schlägen des Schicksals und fürs Herz die Hoffnung, dass schon alles wieder gut wird. Im Theater am Domhof traut die Regie Sonja Trebes‘ dem Operettenoptimismus nicht.

Theater Osnabrück / Die Zirkusprinzessin - hier: Sie lieben sich, Susann Vent-Wunderlich und Ralph Ertel als Fürstin Fedora und Mr. X. © Jörg Lewandowski

Theater Osnabrück / Die Zirkusprinzessin – hier: Sie lieben sich, Susann Vent-Wunderlich und Ralph Ertel als Fürstin Fedora und Mr. X. © Jörg Lewandowski

Vom Schicksal geschlagen ist Fedja Palinski (Ralph Ertel). Er hatte es gewagt, sich in die künftige Frau seines mächtigen Onkels zu verlieben. Der enterbte Palinski und zerstörte dessen militärische Laufbahn; sozial abgestürzt tritt er nun als Mr.X beim Zirkus auf. Diese Frau, Fürstin Fedora Palinska (Susann Vent-Wunderlich), ist nun Witwe und wegen ihres ungeheuren Reichtums heiß begehrt. Unter etwas schwer nachvollziehbaren Umständen verlieben sich die beiden, und es liegt ein happy end mit echter Liebesheirat statt Vernunftehe in der Luft.

Dass das nicht klappt, liegt an einer fiesen Intrige des Prinzen Sergius Wladimir (Jan Friedrich Eggers), der es selber auf das Vermögen Fedoras abgesehen hat. Er hat Mr.X völlig unnötig dazu bewogen, sich bei der Fürstin als Prinz Korrossoff einzuführen. Als er nach der Heirat seine Zirkusidentität offenbart, weist ihn Fedora zurück.

Das war von der Fürstin nicht zu erwarten, die Susann Vent-Wunderlich als sehr sympathische Figur stimm- und ausdrucksstark spielt. Bei ihr war Standesdünkel eigentlich kein Thema. Auch dass sie sofort von Wladimir als „Zirkusprinzessin“ geschmäht, von Husaren respektlos begrapscht wird und offenbar sofort ihr Vermögen verliert, erschließt sich nicht wirklich.

Theater Osnabrück / Die Zirkusprinzessin - hier Susann Vent-Wunderlich ist die Zirkusprinzessin © Jörg Landsberg

Theater Osnabrück / Die Zirkusprinzessin – hier Susann Vent-Wunderlich ist die Zirkusprinzessin © Jörg Landsberg

Zu deutlich und sichtlich nicht stimmig will die Regisseurin weg von der märchenhaften Operettenseligkeit. Schon Prinz Wladimir ist mafiös mit einer schwerbewaffneten Privatarmee, die sich, weniger lustig, reihenweise an den Frauen vergeht. Im dritten Akt ist Fedora auch noch auf der Straße gelandet, wo sie zudem beraubt wird. Mit Explosionen bricht gar der Krieg ein, und wenn es doch zu überraschenden Heiraten von Nebenfiguren kommt, so bleibt das Ende für das Liebespaar doch offen; nichts da fürs Herz.
Bis dahin gibt es jedoch auf der erst zirkusbunten, dann dunkleren Bühne (von Nanette Zimmermann) phantasievolle Kostüme (von Linda Schnabel) und eine turbulente Haupt- und Nebenhandlung mit abwechslungsreicher, eingängiger Musik. Neben Susann Vent-Wunderlich gefalllen vor allem der elegante, warme Tenor Ralph Ertel, die lebensfrohen Soubrette Gabriella Guilfoiol und ihr Buffo-Partner Mark Hamman, während der von Markus Lafleur einstudierte Chor sich spielfreudig durch den Abend schmettert.
Daniel Inbal und das Osnabrücker Symphonieorchester retteten schwungvoll die Operettenseligkeit und erhielten mit allen Beteiligten den langen Beifall des Premierenpublikums.

Theater Osnabrück – Die Zirkusprinzessin:  Weitere Vorstellungen  15.12.2017 um19.30 Uhr. Silvester 15.00 und 19.00 Uhr und am 5.1 und 10.1.2018 um19.30 Uhr.

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Münster, GOP Varieté-Theater, backSTAGE : Blick hinter Varieté-Kulissen, IOCO Kritik, 13.12.2017

Dezember 12, 2017  
Veröffentlicht unter GOP Variete Theater, Kritiken, Schauspiel

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GOP Variete Theater Münster

GOP Varieté-Theater Münster © GOP Münster

GOP Varieté-Theater Münster © GOP Münster

GOP  –  Blick hinter Varieté-Kulissen

„backSTAGE“  – Gelungene Mischung aus Comedy und Artistik

Von Hanns Butterhof

Schon lange vor Beginn der Vorstellung ist die Bühne des GOP Münster offen. Artisten dehnen sich dort, plaudern, ein sehr kleines Kind wird herumgetragen, während ein etwas größeres schon den Spagat übt: backSTAGE, die aktuelle Show, erlaubt einen unterhaltsamen Blick hinter die Varieté-Kulissen.

youtube Video des GOP Münster zu „backSTAGE“

Um die ungewöhnliche Perspektive plausibel zu machen, erklären Ludger K. und Christian Hirdes die Zuschauer kurzerhand zu Praktikanten des GOP, die an einer Generalprobe teilnehmen. Zunehmend spritzig moderieren die beiden Comedians, Ludger K. wortwitzig mit Kabarett, Christian Hirdes mit Musik zu lakonischen Texten, das Programm.

GOP Münster / Backstage - hier Kathleen, schwerelos an den Satrapen © GOP Münster

GOP Münster / backSTAGE – hier Kathleen, schwerelos an den Satrapen © GOP Münster

Das wird im wesentlichen von Frauen getragen und bietet statt unfertiger Proben eine bunte Kette artistischer Glanzleistungen.

Die beginnen gleich mit der bezaubernden Darbietung von Kathleen McKeeman an den Satrapen. Sie erweckt bei ihrer dynamischen Show an den nahezu unsichtbaren Seilen den Eindruck, als flöge sie schwerelos durch die Luft. Dagegen wirkt die folgende, sehr meditativ-ruhige Handstands-Akrobatik von Juana Beltran asketisch, die Schönheit ihrer präzisen Bewegungen ist bewundernswert.

Unbedingt originell ist das Duo Minja. In einer ausgefeilten Choreographie, die einen mannshohen Kasten und einen doppelten Luftring als Partner einbezieht, verdrehen und verschlingen sich die beiden Frauen spektakulär zu phantastischen Figuren. Elegant vollbringen sie in perfekter Balance manchen Kraftakt, den man sonst nur von männlichen Partnern eines Duos erwartet.

GOP Münster / Backstage - hier Ausgewogen Juana Beltran © GOP Münster / Wim Lanser

GOP Münster / backSTAGE – hier Ausgewogen Juana Beltran © GOP Münster / Wim Lanser

Mit Selbstironie und gewinnender Bühnenpräsenz erobert Betty Brawn im Flitterkleid die Herzen der Zuschauer im Flug. Als nach augenzwinkernder Eigenauskunft „stärkste Frau der Welt“ zerreißt sie voller Anmut ein dickes Buch, sprengt eine kräftige Eisenkette und dreht, beidhändig das Moderatoren-Paar stemmend, lächelnd eine Runde auf der Bühne.

Als einziger Mann mit einer Solo-Nummer reißt der coole Cyril Rabbath mit seiner tänzerischen Ball-Jonglage in einer Wolke aus Kreidestaub das Publikum zu Stürmen der Begeisterung hin. Und als einziges gemischtes Duo schließen die Funkoholicks mit einer romantischen Darbietung am Chinesischen Mast den unterhaltsamen Blick hinter die Varieté-Bühne beifallumrauscht ab. Nach gut zwei Stunden feierte das Publikum die gelungene „Backstage“-Mischung aus Comedy und Akrobatik mit begeistertem Applaus.

Showtime für backSTAGE im GOP-Varieté-Theater Münster ist bis zum 31. Dezember 2017 immer Mittwoch bis Sonntag.

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Hamburg, Elbphilharmonie, Der Messias von Georg Friedrich Händel, IOCO Kritik, 11.12.2017

Dezember 11, 2017  
Veröffentlicht unter Elbphilharmonie, Hervorheben, Konzert, Kritiken

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Der Messias von Georg Friedrich Händel

Symphonischer Chor Hamburg –  Der Messias –  Elbipolis Barockorchester

Von Patrik Klein

Georg Friedrich Händel Westminster Abbey © IOCO

Georg Friedrich Händel Westminster Abbey © IOCO

Lasse ich meine Gedanken mehr als 30 Jahre zurückschweifen und schaue mit etwas verklärter Sicht auf damalige Erlebnisse, so füllt immer wieder eine Erinnerung meine Sinne: die wunderbare Zeit in einem bedeutenden Oratorienchor. Damals, in meiner Studienzeit in Wuppertal, knüpfte ich erste tiefe Kontakte zur klassischen Musik. Neben regelmäßigen Besuchen im Barmer Opernhaus, das ich in den folgenden Jahre sehr  schätzen lernte, folgte der unbedingte Wunsch, selbst musikalisch tätig zu werden.

Der Messias – Erinnerungen und Gefühle „aus der Ferne längst vergang´ner Zeiten“

Meine Frau und ich sangen als Sopran bzw. Bass im Schubert Bund Wuppertal und dem später schlicht umbenannten Symphonischen Chor  bei vielen Werken meist in der Stadthalle der Stadt mit der Schwebebahn mit großem Symphonieorchester und Gesangssolisten. Unter dem Dirigenten Franz Lamprecht und unter Mitwirkung weiterer Chöre aus Düsseldorf und Hilden wurden etliche Meisterwerke aus der Chorliteratur und ganz besonders Händels Messias über viele Wochen geprobt, einstudiert, jede Menge Sonderproben kurz vor den Aufführungen mit großer Leidenschaft durchgeführt und schließlich überregional beachtete Konzerte zu Wege gebracht.

Der Messias in Wuppertal - 1987 - Aus der Ferne längst vergang´ner Zeiten © Patrik Klein

Der Messias in Wuppertal – 1987 – Aus der Ferne längst vergang´ner Zeiten © Patrik Klein

Heute mehr als 30 Jahre danach muss ich die Gelegenheit beim Schopfe greifen und den Symphonischen Chor Hamburg im Juwel der Hansestadt, in der Elbphilharmonie, mit Händels Werk erneut erleben.

Der Symphonische Chor Hamburg gehört mit seinen heute etwa 140 aktiven Mitgliedern (95 Damen und 46 Herren) zu den renommiertesten und traditionsreichsten Chören Hamburgs. 1886 gegründet, wird er seit 1985 von Matthias Janz geleitet, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, neben den großen und bekannten Werken der Chorliteratur auch selten zu hörende Kompositionen zur Aufführung zu bringen. Mit dem Elbipolis Barockorchester Hamburg und den Solisten Johanna Winkel (Sopran), Geneviève Tschumi (Alt), Markus Schäfer (Tenor) und Thomas Laske (Bass) stehen namhafte Musikerinnen und Musiker auf dem Podium der Elbphilharmonie Hamburg.

Der Messias von Georg Friedrich Händel gehört bis heute zu den populärsten Beispielen geistlicher Musik des christlichen Abendlandes. Er erzählt die Heilsgeschichte. Sein populäres Oratorium beginnt mit Worten des Propheten Jesaja, die das Ebnen der Wege als eine Voraussetzung für die Ankunft des Gottessohnes verkündigen. Und es  ist ein Oratorium ohne Handlung.

Elbphilharmonie Hamburg / Der Messias - Symphonischer Chor Hamburg - hier v.l. Matthias Janz, Johanna Winkel, Geneviève Tschumi, Markus Schäfer, Thomas Laske © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Der Messias – Symphonischer Chor Hamburg – hier v.l. Matthias Janz, Johanna Winkel, Geneviève Tschumi, Markus Schäfer, Thomas Laske © Patrik Klein

Händel übernahm die Struktur von der italienischen Oper und gliederte das Werk in drei Teile: der erste Teil umfasst dieVerheißung des Messias und die Weihnachtsgeschichte. Er schließt mit einer Betrachtung über das Werk des Heilandes. Im zweiten Teil wird der Osterkreis beschrieben: Passion und Auferstehung Der finale dritte Teil schließlich stellt eine Danksagung an den Messias für die Überwindung des Todes dar: „Erlösung„.

Charles Jennens war als Textdichter des Werkes alles andere als glücklich gewesen, da Händel seine Version ausschließlich aus, zumeist alttestamentarischen Bibelstellen entwickelte, die das Geschehen eher reflektieren als darstellen: ein absolutes Novum. Das hinderte Händel nicht daran, in den Arien alle Register seiner Opernerfahrung zu ziehen.

Das Werk wurde am 13. April 1742 in der Dubliner Music Hall uraufgeführt. Damals hieß es: „Dieses Oratorium übertrifft bei weitem alles, was je in dieser Art in diesem oder einem anderen Königreich aufgeführt worden ist. Worte vermögen die Ergriffenheit des Publikums nicht auszudrücken.“ Händel selbst bemerkte: „Ich würde bedauern, wenn ich meine Zuhörer nur unterhalten hätte; ich wünschte sie zu bessern„.  Die Londoner Premiere ein Jahr später wurde relativ kühl aufgenommen. Einige Kritiker sprachen sogar von „Blasphemie“. Aber noch zu Händels Lebzeiten wurde Messias zu seinem meistgespielten Oratorium, an dem er aber immer wieder je nach den Erfordernissen und Umständen der Aufführung Anpassungen vornahm. Nachdem die Uraufführung in Dublin noch relativ klein besetzt gewesen war, wuchsen die Chöre und Orchester proportional zum Erfolg des Messias. Bei einer Aufführung im Londoner Crystal Palace wirkten 1857  über 2.000 Sänger und 500 Musiker mit.

Die erste Aufführung in Deutschland fand 1772 in Hamburg unter der Leitung des Engländers Michael Arne statt. Die erste deutschsprachige Aufführung dirigierte, ebenfalls in Hamburg, C. Ph. E. Bach im Jahr 1775. In späteren Jahren wurde das Werk oft umgearbeitet und uminstrumentiert. Die bedeutendste Bearbeitung schuf Mozart 1789 für eine Aufführung des Barons von Swieten in Wien unter Hinzunahme von Klarinetten, Hörnern und Posaunen.

Der Symphonische Chor Hamburg  hatte nun zum ersten Mal die Möglichkeit, eine Aufführung im großen Saal der Elbphilharmonie Hamburg durchzuführen. Man setzte sich als erster Chor überhaupt gegen die Konkurrenz von vielen anderen namhaften Chören der Region durch und bereitete sich noch nie in der Geschichte des Chores so intensiv auf ein Konzert vor. Zudem präsentierte man den Hörern die ungekürzte Version des Stückes in der englischen Originalsprache mit einer Aufführungsdauer von beinahe dreieinhalb Stunden incl. zwei Pausen. Das Orchester spielte auf historischen Instrumenten und wurde speziell für Alte Musik auf 415 Hz gestimmt.

Elbphilharmonie Hamburg / Der Messias - Symphonischer Chor Hamburg, Elbipolis Barockorchester Hamburg © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Der Messias – Symphonischer Chor Hamburg, Elbipolis Barockorchester Hamburg © Patrik Klein

Die Aufführung des Symphonischen Chor Hamburg mit dem Elbipolis Barockorchester Hamburg bestach durch ausgewogene Stimmen, klangliche und stilistische Sicherheit und Intonationsgenauigkeit.  Pointiert gestaltete Matthias Janz die unterschiedlichen Passagen mit großem Einfühlungsvermögen. Die ohne Kürzungen entstehende Länge des Stückes wurden durch zwei Pausen aufgelockert, wenn nicht gar „gewürzt“.

 Johanna Winkel, Geneviève Tschumi, Markus Schäfer, Thomas Laske

Das Solistenquartett bestand aus bewährten Sängerinnen und Sängern, die Rezitative und Arien souverän darboten. Johanna Winkel, die bereits bei einem Soloabend im Musikverein Wien und als Walküre bei den diesjährigen Salzburger Festspielen mitwirkte, sang mit zauberhafter Leichtigkeit und wirkungsvollster Stimme des Abends. Sie agiert mit frischem, klarem Sopran und feinem abgedunkelten Timbre textverständlich, mit facettenreichen Farben, sicheren Koloraturen, präzise und klangschön bis in die Spitzentöne.  Geneviève Tschumi  bestach mit weicher, schlanker Altstimme und erfüllte ihren Part mit vokaler Geschmeidigkeit. Der Tenor Markus Schäfer, ehemals engagiert an der Hamburgischen Staatsoper, artikulierte mit großer Textverständlichkeit die Rezitative und angenehmer Frische seine Arien. Er sang sicher mit exakter Intonation, sauberen Läufen und Koloraturen. Thomas Laske verfügt über einen flexiblen gestaltenden  Bass mit Tiefe und  ausreichendem Volumen. Durch die besondere Anordnung der Sänger kamen Händels Rezitative und Arien sehr eindrucksvoll zur Geltung. Die Sopranistin stand im Zentrum des Orchesters, wo hingegen Alt, Tenor und Bass deutlich weit nach rechts an der Rampe des Podiums positioniert waren.

Spieltechnisch blieb das Elbipolis Barockorchester Hamburg den Sängerinnen und Sängern nichts schuldig. Als homogener, sicherer Klangkörper bot das Orchester sowohl in Klangschönheit wie auch in Genauigkeit ein glanzvolles Bild. Das Orchester war in barocker Form aufgestellt mit Laute (Theobe) im Zentrum, zwei Bässen, Celli (zwischen die Beine geklemmt) und Fagott zur rechten Seite des Dirigenten. Das Harmonium, Violinen und Bratschen waren im Zentrum positioniert und wurden linksseitig flankiert von 2 Pauken, 2 barocken Trompeten und 2 Oboen.

Matthias Janz führte den Klangkörper mit großem Einfühlungsvermögen zunächst mit etwas vorsichtigem Tempo, dann aber mit luftigem, transparenten Klang immer furioser und sicher werdend. Er traf den Charakter des Werkes in seiner Strahlkraft und positiven Aussage und führte Ensembles und Solisten mit sicherer Hand sowohl in straffen, temporeichen wie auch gesanglich weichen Partien.

Elbphilharmonie Hamburg / Der Messias - hier Symphonischer Chor; Solisten und das ausverkaufte Haus © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Der Messias – hier Symphonischer Chor; Solisten und das ausverkaufte Haus © Patrik Klein

Besonders bemerkenswert der wuchtige Klang des riesigen, den Saal mehr als erfüllenden Symphonischen Chores Hamburg. Die mittig positionierten Herrenstimmen des Tenors und Bass wurden flankiert von den Damen des Sopran und Alt. Bei der ersten bekannten Fuge „For unto us a Child is born“ lief der Chor zur Höchstform auf mit präziser, textverständlicher Sprache, trennungscharf in den vielen Wiederholungen und Händelschen Läufen. „Wonderful“. Auch im zweiten Teil „Ba-Rockte“ es vom Allerfeinsten. Der Chor wird immer sicherer, präziser und eindrucksvoller in Gestaltung und Klang. Gelegentlich überstrahlte der Chor das recht klein besetzte Orchester. Hier wäre ein wenig Zurückhaltung angebracht gewesen, aber wer mag es den begeistert agierenden Chormitgliedern verdenken, beim ersten Mal hier in der Elbphilharmonie Hamburg voll aufzudrehen. Sehr schön am Ende des zweiten Teils das jedem bekannte „Hallelujah, for the Lord God“. Hier ging es mit Pauken und Trompeten in den Himmel des Chorglücks. Ich musste mich beherrschen, nicht lauthals mitzusingen. Der dritte Teil beginnt mit der schönsten Arie und Stimme des Abends. Johanna Winkel singt ergreifend „I know that my Redeemer liveth“ und erklärt uns eindrucksvoll, dass ihr Erlöser lebt und vom Tode auferstanden ist. Hier erstrahlt ihr ganzes Können, die Töne schwellen wunderbar, gar aufregend an, von feinstem Legato geprägt. Das herrliche Trompetensolo begleitet den Bass von Thomas Laske bei seiner schön gestalteten Arie „The trumpet shall sound“. In den beiden Schlusschören „Worthy is the Lamb“ und „Amen“ noch einmal wuchtig und alles überstrahlend der Hamburger Chor alle Register seines Könnens ziehend, alle Mühe der vielen Proben und Entbehrungen vergessen machend, die prächtigen Farben in Händels Musik auftragend.

Der Symphonische Chor Hamburg lieferte ein triumphales Debut im Großen Saal der Elbphilharmonie Hamburg. Das Publikum bedankte sich nach dreieinhalb Stunden Konzertdauer mit Jubel, anhaltendem Applaus und stehenden Ovationen. In meiner Vita gefangen, träumte ich, wünschte ich, Teil dieses so wunderbaren Oratorienchores zu sein.

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Lübeck, Theater Lübeck, Musical Sunset Boulevard – Mit Gitte, IOCO Kritik, 10.12.2017

Dezember 11, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Musical, Theater Lübeck

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Theater Lübeck

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

 SUNSET  BOULEVARD von Andrew Lloyd-Webber

 Prickelnde Wiederaufnahme mit Gitte Haenning

Von  Rolf Brunckhorst

Das Theater Lübeck hat dankenswerterweise sein Erfolgsstück aus der letzten Spielzeit, das Musical Sunset Boulevard  von Andrew Lloyd-Webber, wieder aufgenommen, und das in der exakt selben Besetzung wie vor einem Jahr. Die Inszenierung mit einer großen Multifunktionstreppe bietet immer noch einen vorzüglichen Rahmen für die Ereignisse am Sunset Boulevard. Ein kleines Highlight stellte der Luxus-Oldtimer dar, den Norma Desmond am Paramount Studio abliefern soll und der sich als einfaches Gestell entpuppt, das die Sänger sich quasi unter den Arm klemmen konnten, um eine Autofahrt zu simulieren –  Applaus auf offener Szene!

youtube Video zu Sunset Boulevard mit Gitte Haenning am Theater Lübeck

Zur Handlung: Im Pool einer luxuriösen Villa treibt ein Leichnam. Es ist der junge Drehbuchautor Joe Gillis, erschossen nach einer verhängnisvollen Affäre mit der früheren Stummfilmdiva Norma Desmond. Im Rückblick erzählt Joe, wie es zu dem tragischen Vorfall kam: Norma lebt zurückgezogen auf ihrem Anwesen am Sunset Boulevard. Ihre goldenen Zeiten als Filmstar sind vergangen, die Ära des Stummfilms ist vorbei und Normas Ruhm längst verblasst. Doch sie, süchtig nach dem Scheinwerferlicht, lebt in der Erinnerung an ihre schillernde Vergangenheit und glaubt fest an ein Comeback. Als sie die Bekanntschaft mit Joe Gillis macht, keimt ihre Hoffnung auf einen neuen Film auf. Doch der Schein trügt – es entspinnt sich ein Netz von Abhängigkeiten……..

Theater Lübeck / Sunset Boulevard hier Ensemble © Olaf Malzahn

Theater Lübeck / Sunset Boulevard hier Ensemble © Olaf Malzahn

Den ersten großen Applaus hatte GITTE HAENNING schon für ihre Auftrittsarie „Nur ein Blick“ entgegennehmen können, und Gitte erwies sich auch in dieser Spielzeit wieder als Top-Besetzung der Norma Desmond. Es war faszinierend anzusehen, wie sie die zentrale Freitreppe in immer neuen Bewegungsabläufen auf und ab eilte. Man vergleiche z.B. den ersten Auftritt auf der Treppe, den sie mit ihrem neuen Scriptboy noch scheinbar unbeteiligt und ungerührt absolviert, mit dem letzten Auftritt, wenn die total verwirrte Norma Desmond sich auf den Treppenstufen (ihrer Bühne) präsentiert. Gitte konnte alle diese unterschiedlichen Seelenzustände überzeugend ausdrücken. Auch stimmlich bot Gitte eine exzellente Leistung, ihr unverkennbares Timbre kann sich in den Soloszenen prächtig entfalten. Gittes Intensität in dramatischen Höhepunkten ist schier unglaublich.

Theater Lübeck / Sunset Boulevard hier Ensemble © Olaf Malzahn

Theater Lübeck / Sunset Boulevard hier Ensemble © Olaf Malzahn

Darin war ihr Bühnenpartner RASMUS BORKOWSKI als Joe Gillis ebenbürtig, wenn er singt, kann man sich im Sessel zurücklehnen und entspannen, alle schwierigen Passagen und Spitzentöne kommen tonschön zu Gehör. Darüber hinaus ist er ein gewandter Darsteller, der fast schon zu freundlich erscheint, wenn er Norma zum Abschied sagt: „Ich habe Dir nie weh tun wollen“KATRIN HAUPTMANN in der Rolle der Betty Schaefer entspricht dem äußeren Idealbild eines amerikanischen Möchtegern-Glamourgirls, ihre Stimme ist durchweg präsent und allen technischen Schwierigkeiten singt sie sicher entgegen. Vierter im Quartett der Publikumslieblinge ist STEFFEN KUBACH als Max von Mayering, der einen sonoren Kavaliersbariton vorführte, dem weder in der Höhe noch in der Tiefe irgendwelche Grenzen anzumerken waren. Wohl besetzt waren auch die Rollen des Cecil B. DeMille (MICHAEL WALLNER), Sheldrake (RUDOLF KATZER), Artie Green (GRZEGORZ SOBCZAK), sowie GUILLERMO VALDES, der in gleich drei kleineren Rollen zu gefallen wußte.

 Theater Lübeck / Sunset Boulevard hier Applausfot mit Gitte Haenning © Patrik Klein

Theater Lübeck / Sunset Boulevard hier Applausfot mit Gitte Haenning © Patrik Klein

Das faszinierende dieser Auflistung ist, daß der Rezensent bei keinem der Solisten Einschränkungen machen oder Einwände erheben muß, es war eine vorbildlich geschlossene Ensembleleistung, an der selbstverständlich LUDWIG PFLANZ am Dirigentenpult mit seinem Philharmonischen Orchester der Hansestadt Lübeck einen großen Anteil hatte. Von der Klangqualität des Orchesters konnte man sich in den zahlreichen Zwischenspielen und den Akt-Einleitungen überzeugen. Ein Pauschallob auch für die Mitglieder des Chores und des Balletts, die die Massenszenen stimmlich und tänzerisch vorbildlich im Griff hatten. Falls Sunset Boulevard keine dritte Auflage erleben sollte, könnte die Intendanz vielleicht ein anderes Top-Musical in Betracht ziehen. Das Publikum schien derselben Meinung zu sein, denn es gab am Ende Jubel für alle Beteiligten, Standing Ovations und zahlreiche Bravos – ein wirklich Abend.

Sunset Boulevard am Theater Lübeck: Weitere Vorstellungen 31.12.2017 15.00 und 19.30 Uhr; 13.01.2018                                             

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