Lübeck, Theater Lübeck, Musical-Star Gitte Haenning im Gespräch, IOCO Aktuell, 30.12.2017

Dezember 30, 2017  
Veröffentlicht unter IOCO Aktuell, IOCO Interview, Musical, Theater Lübeck

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Theater Lübeck

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

 Gitte Haenning  „JAZZ IST MEINE GROSSE AFFINITÄT“

Gitte Haenning ist Norma Desmond, Hauptdarstellerin, in Sunset Boulevard, dem Musical von Andrew Lloyd Webber. Rolf Brunckhorst (RB) sprach mit dem populären Musical-Star im Theater Lübeck

Gleich zu Beginn spricht Gitte über das Theater, zitiert Brecht und Schiller, die das Theater als Lehranstalt verstanden. „Wenn man es im Theater schafft, dann schafft man es auch besser im Leben. Shakespeare hat gesagt: „The world is a stage and the stage is the world“. Das Theater kann allerdings auch böse, unangenehm, psychopathisch und pervers sein. Ich gehe gern ins Theater, bin aber kein Fan von modernem Regietheater, wobei ich hier in Deutschland gutes Regietheater erleben kann. Manchmal fliege ich nach Kopenhagen, um zu sehen, wie dort der Stand ist;  z.B. habe ich dort vor vier Jahren einen Hamlet gesehen, der sehr gelobt wurde, aber ich fand es schlecht, es gab darin gute Protagonisten, aber der Hamlet war schlecht und die Mutter war auch schlecht. Ich versuche, den Stand in Deutschland und Dänemark zu vergleichen, deshalb sah ich mir in Kopenhagen auch den Woyzeck an, ein Freund spielte mit und war sehr unzufrieden mit dem Regisseur, der schlecht gelaunt und noch im Jet-lag war, von unten ins Mikrofon rülpste und nicht bereit war, mit den Schauspielern über das Regiekonzept zu diskutieren, er war der Ansicht, ‘die Schauspieler haben das zu tun was ich sage‘. Und das ist eben die harte Seite des Berufs. Das Theater kann eine Heilanstalt sein, aber auch eine Irrenanstalt, es zeigt das Leben.“

Sunset Boulevard am Theater Lübeck – Mit Gitte Haenning

Gitte führt eine Mitarbeiterin im Theater an, die erzählte, jeden Abend ins Theater gehen zu müssen, ohne das Theater nicht leben zu können. Rolf Brunckhorst führte ein weiteres Beispiel für die soziale Verantwortung des Theaters an: Viele Opernfans, die vor Jahren noch an der Theaterkasse stundenlang Schlange standen, um Premierenkarten zu bekommen, sind nun frustriert, weil es die meisten Karten nun online zu kaufen gilt, und online kann man keine Menschen treffen. Nach einleitenden Gedanken kam das Gespräch auf die aktuelle Internet-Kultur. Gitte steht dieser ganzen Internet-Kultur skeptisch gegenüber, sie nutzt z.B. Facebook nicht selbst, das machen andere für sie, aber sie ist dennoch erstaunt über die Möglichkeiten, die das Internet bietet.

Nun wenden wir uns dem eigentlichen Anlaß unseres Gespräches zu, ihrer Rolle der Norma Desmond. „Ich habe sofort Nein gesagt, als das Angebot kam. Ich habe Schwierigkeiten, deutsche Texte zu lernen und sagte ihnen, sie seien nicht gut bedient mit mir. In meinen eigenen Konzerten habe ich Textbücher, und hier in Lübeck sagten sie, sie würden mir Monitore aufstellen, und das haben sie dann auch gemacht. Ich dachte, okay, let’s give it a try, denn das Theater ist ja eine Lehranstalt, und ich trage ein großes Drama in mir, ähnlich wie meine Schwester, und auch meine Mutter wäre eine großartige Schauspielerin gewesen, aber sie hat sich geopfert für die Familie. Mein Vater fühlte sich berufen, Liedermacher zu werden, er war eigentlich Silberschmied. Ich selbst wurde in die Musikbranche fast hineingezwungen, daher habe ich eine etwas ambivalente Auffassung vom Showbusiness. Ich bin eigentlich eher introvertiert, scheu, und ich muß längeren Zulauf haben, ich bin nicht jemand, der sich hinstellt und sofort sagt: „Yes“. Aber Lübeck hatte mich angesprochen, sie wollten unbedingt mich“. Rolf Brunckhorst erinnert sich, wie sehr er sich gefreut hatte, als er von dieser Besetzung erfuhr: Sunset Boulevard und dann noch mit Gitte !

 Gitte Haenning im Gespraech mit Rolf Brunckhorst © Patrik Klein

Gitte Haenning im Gespraech mit Rolf Brunckhorst © Patrik Klein

Gitte zu Sunset Boulevard: Es ist ein gelungenes Webber-Musical, ich bin eigentlich kein Fan von Webber, aber ich mag Jesus Christ Superstar, Cats und eben auch dieses. Ich hatte Tell me on a Sunday gemacht und dafür sogar einen Preis bekommen, danach mochte ich es auch, aber am Anfang fand ich es nicht so toll. Ich mag Stephen Sondheim lieber, z.B. Gypsy oder Sunday in the Park with George. Sondheim schreibt Musik und Libretto, beides, und es ist rund für mich. Hier bei Lloyd-Webber ist es selten rund, furchtbar eckig, nicht sehr jazzy, aber ab und zu gibt es ein paar jazzige Einlagen, z.B. bei Betty Schafers kleinem Solo im 1. Akt“. RB ergänzt, daß wohl die gesamte Filmmusik durch den Jazz geprägt sei, worauf Gitte erwidert: „Ohne Jazz geht gar nichts, Jazz ist meine große Affinität. Ich hatte so viele Jazz-Erlebnisse als Teenager in Kopenhagen mit großen Jazz-Musikern. Bei seinem eigenen Musikgeschmack muß man seinem Herzen oder seinem Bauch folgen.“ Aber zurück zu Lloyd-Webber: „ Wie gesagt hatte ich einen Preis bekommen für „Bleib noch bis zum Sonntag“, und er wollte, daß ich dieses Stück überall in Europa mache, z.B. auch in Amsterdam und in Skandinavien. Ich hatte Lloyd-Webber in meiner Fernsehshow und er machte wieder einen Anlauf, mich für dieses Projekt zu gewinnen, aber ich hatte den Eindruck, daß er das Musical noch gar nicht fertig geschrieben hatte. Jedenfalls hatte er für seinen Bruder im ersten Akt ein langes Cello-Solo komponiert und ich hatte keine Lust, so lange auf meinen Auftritt zu warten, und am Ende sollte ich noch ein Duett mit seinem Bruder singen. Ich hatte keine Lust und habe dann Angelika Milster dafür empfohlen (sie lacht), die übrigens auch die Norma Desmond singt, in Gera.“

Auf die Frage nach Zukunftsplänen antwortet Gitte:  „Ich bin mit meiner Band ausgebucht, aber ich habe die Vision von einem Musical sowohl für Kinder als auch für Erwachsene, meine Freunde Rolf Kühn und Katrin Briegel schreiben es und es wäre eine tolle Rolle für mich.“ RB  schlägt als weitere mögliche Rolle für Gitte die Schankwirtin in Le Misérables vor: „Nein, das mag ich nicht, das ist mir zu sentimental. Mein Schwager ist auch ganz begeistert von Les Misérables, aber er ist ein alter Kommunist gewesen und er hat diese romantischen Träume von arm und reich. Nein, für mich wäre das nichts, aber ich kenne andere süße Schauspielerinnen, die in dieser Rolle Erfolg haben würden“.

Theater Lübeck / Sunset Boulevard - hier Schlussapplaus mit Gitte Haenning © Patrik Klein

Theater Lübeck / Sunset Boulevard – hier Schlussapplaus mit Gitte Haenning © Patrik Klein

Auf die Frage, ob es möglicherweise ein weiteres Angebot aus Lübeck gäbe, antwortet Gitte: „Nein, darüber habe ich auch noch nicht nachgedacht, und anderes ist mir im Moment wichtiger, und ich denke auch, wichtig ist es, daß „Sunset Boulevard“ hier weiterhin ein Erfolg ist mit sehr viel Qualität. Das Ensemble hier ist wunderbar und ich habe mich sofort wohl gefühlt mit diesen Kollegen, mit Steffen Kubach habe ich mich von Beginn an gut verstanden, und er ist bezaubernd  in seiner Rolle. Rasmus Borkowski und ich haben sehr viel Spaß, er ist ein wunderbar authentischer Darsteller mit so viel Wärme. Und er will vor allem kein typisches Musical-Produkt sein, er nimmt die Schauspielerei sehr ernst.“ R.B.  unterbricht und sagt: „Das habe ich gemerkt, als er zu Norma sagt: Ich wollte Dir nie weh tun.“ Gitte fährt fort: „Ja, wir haben bei den Proben oft zu ihm gesagt, Du mußt etwas böser werden. Er sieht so liebend aus mit so viel Tiefe“. „Es ist ein Abgrund für ihn, einerseits so fies zu sein, aber doch nicht allzu fies.“ Gitte: „Genau das ist es, das macht er gut, das kriegt er alles hin, und es freut mich sehr, daß Sie das sagen. – Ich werde hier getragen vom Chor, der Chor zeigt  viel Herzenswärme, auch die Arbeiter auf den Bühne geben alles für mich, das ist ein gutes Gefühl für mich und das gibt mir Kraft“.

Das Gespräch wendet sich anderen Rollen zu: Gitte berichtet von ihrer Papagena in Mozarts „Zauberflöte“ in Berlin, die für sie transponiert worden ist, obwohl es nach Aussage der anderen Solisten gar nicht nötig war. Und dann noch von Offenbach Orpheus in der Unterwelt, in der sie die Rolle der Juno mit René Kollo in Trier sang.

„Ich bin ohnehin kein großer Opernfan, ich habe Wagner-mäßig viel von Harry Kupfer in Berlin  gesehen, aber da meiste fand ich furchtbar und ich habe sehr gelitten. Als Dänin wollte ich wissen, wie es ist mit der deutschen Kultur, und wann immer ich Zeit hatte, bin ich in die Oper gegangen. So habe ich in Hamburg „Tristan und Isolde“ gesehen und habe auch wieder sehr gelitten. Ein anderes Mal sah ich „Tristan und Isolde“ in einer Inszenierung von Götz Friedrich und das war toll, das Bühnenbild war nur blauer Himmel und ein Berg, es war eine wunderbare Atmosphäre, da kommt die eigene Phantasie ins Spiel.  Aber René Kollo, den habe ich gemocht, er war hervorragend als Wagner-Sänger, er liebt Wagner, aber ich verstehe einfach nicht, wie man Wagner lieben kann (sie lacht). Meine Eltern hatten damals versucht, mich an die Oper heranzuführen, aber es hat nicht geklappt, ich dafür viel zu unruhig, ich war immer mehr für Jazz.“

An dieser Stelle unterbricht uns die Kantinenwirtin, und weist auf die fortgeschrittene Uhrzeit hin. Wir fügen uns, beenden das Interview. Vielen Dank, Gitte, für dieses intensive Gespräch.

Das Gespräch fürhte Rolf Brunckhorst

Gießen, Stadttheater, GMD Michael Hofstetter im Interview, IOCO, 23.11.2017

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Stadttheater Giessen

Stadttheater Gießen © Rolf K. Wegst

Stadttheater Gießen © Rolf K. Wegst

  GMD Michael Hofstetter im Interview

„Das tiefgründige an der Oberfläche verstecken“

Ljerka Oreskovic Herrmann (LOH) führte für IOCO das folgende Interview mit Michael Hofstetter, *1961, seit 2012 Generalmusikdirektor am Stadttheater Gießen.

LOH: Ist die Operette eine veraltete, altmodische Theaterform?

 Stadttheater Giessen / GMD Michael Hofstetter © Werner Kmetisch

Stadttheater Giessen / GMD Michael Hofstetter © Werner Kmetisch

MH: Gar nicht. Ich finde man kann grundsätzlich jedes Theater altmodisch oder altbacken inszenieren. Oder man kann es sehr lebendig inszenieren. Ich glaube es ist eine Frage der Umsetzung. Und da ist in unserem Fall, die Arbeit von Balász Kovalik (Regisseur von Herbstmanöver) sicher ein unglaublich berührendes Meisterwerk geworden. Grundsätzlich, finde ich die Operette überhaupt nicht altmodisch. In moderner Form lebt sie sowieso weiter, sagen wir als Soap-Opera – nur ist sie im Original viel besser.

LOH: Liegt es vielleicht daran, dass man die Operette als „harmlos“ betrachtet, was sie ganz und gar nicht ist?

MH: Absolut. Es trifft genau ins Schwarze und hätte ich nicht besser sagen können. Man denkt, es ist harmlos, schöne Melodiechen, derweil steckt so vieles da drin, auch an ehrlicher Emotion, ein großes Stück Zeitgeschichte, wirklich ein Gesellschaftsspiegel.

LOH: Vielleicht weil man lacht, denkt man: „Es ist nicht so schlimm.“ Bei der Fledermaus hat man die Parodie und den Fasching, wo alles verhandelt wird – die ganz tiefen Emotionen.

Grabstaette Hugo von Hofmannsthal © IOCO

Grabstaette Hugo von Hofmannsthal © IOCO

MH: Ja. Ich denke dabei gleich an ein Zitat von Hugo von Hofmannsthal, der mal in einem Interview gesagt hat, er müsse das Tiefgründige verstecken. Dann fragt der Interviewer, aber wo: ‚An der Oberfläche, natürlich!’

LOH: Das sind wir wieder bei der Operette. Was macht für Sie das Faszinosum „Operette“ aus?

MH: Ich war zunächst Kirchenmusikstudent, und ich bekam in München eine Stelle an einem Tourneetheater als Studienleiter. Ich dachte, etwas nachdirigieren während meines Studiums wäre toll, es war ‚learnig by doing’, was wirklich unbezahlbar ist. Und natürlich war das Repertoire dieses kleinen Tourneetheaters im Landkreis München primär die Operette, zu 70-80%. Und so fing ich aus Neugierde an, auch um mein Kirchenmusikstudium dirigentisch zu unterfüttern. Ich verliebte mich aber dann in das Theater und wechselte wirklich von einem Tag auf den anderen, während meines Studiums, von Bach, Messiaen und Max Reger zu Johann Strauß, Kálmán und Max Greger, und ich landete so weich. Es ist keine intellektuelle Antwort, es ist eine Gefühlsantwort. Ich fühlte mich zuhause. Das gilt auch für die Kirchenmusik, aber die Begegnung mit der Operette war auf unerwartete Weise glücklich.

LOH: Aber ist denn das, was in einer Kirche stattfindet, nicht auch „in gewisser Weise“ Theater?! Und wenn wir wieder auf die Operette zurückkommen: Was macht eine gute Operette sowohl musikalisch als auch inhaltlich aus? Sind es die für die Wiener Operette geltenden „Dreiklänge“: Walzer-, Polka- und Marschmusik?

MH: Das stimmt wahrscheinlich, dass es von der Kirche zum Theater überhaupt nicht so weit ist. Das Tolle an der Operettenmusik ist, dass diese aufgeschriebene, notennotierte Musik sich nährt aus Musik, die nicht minutiös aufgeschrieben wurde. Das eine sind die Wiener Walzer, und die wurden in Wien sicherlich erst mündlich tradiert, durch die Strauß-Kapellen oder Tanzkapellen. Es waren Haydn, Schubert, die Ländler und Trios aufgeschrieben, aber nicht genuin erfunden haben; vieles kommt direkt aus dem Einflussbereich der alpenländlichen/volkstümlichen Musik. Auch das ungarische Element – Csárdás, Zigeunerkapellen – ist sicherlich keine Musik, die in ihren Ursprüngen genauestens notiert wurde, sondern vom Meister zum Schüler, von einem Musiker zum anderen Musiker durch das gemeinsame Musizieren weitergegeben wurde. Diese genialen Operettenkomponisten – wie Lehár, Kálmán oder Johann Strauß – schreiben es dann auf für ihre Kapellen. In dieser zweiten Generation, bei Lehár und Kálmán, kombinieren sie das Ganze mit der großen Blechbläserbesetzung des sinfonischen Orchesters sowie mit einem damals schon vom frühen Jazz angehauchten Schlagwerk. D.h. sie begründen und bereiten etwas vor, was später zum Big Band-Sound wird, und lassen mit diesem witzigen und raffiniert eingesetzten Schlagzeug und mit den raffiniert komponierten Bläsersynkopen das schwere Blech tanzen. Auch die frühe Filmmusik wäre ohne sie gar nicht denkbar.

LOH: Und inhaltlich?

MH: Da können wir gleich auf unser Stück kommen – auf Herbstmanöver. Das ist inhaltlich so grandios, schön, so einzigartig. Es gibt Szenen, die an Strindberg oder Szenen und Atmosphären, die an Tschechows Kirschgarten erinnern. Da gibt es Figuren, wie den alten Diener, da denkt man an den Firs aus dem Kirschgarten, der Jahrzehnte auf seine Herrschaft wartet, die irgendwo in der Stadt ist. Das Stück ist reich an tiefen Situationen und Emotionen Es findet sich aber auch brillantester jüdischer Humor, total spritzig, witzig, raffiniert, süffisant. Eine historische Aufnahme von 1908, auf der der Burgschauspieler Max Pallenberg eines der Couplets aus dem Herbstmanöver singt, lässt uns den virtuosen Esprit dieses Genres erahnen. Das ist von jüdischen Autoren für ein Publikum, dass das verstanden hat, geschrieben. Für so viel Selbstironie braucht es wahre Geistesgröße. Und dann die Liebesgeschichten, die verhandelt werden, die haben große Tiefe. Die Beziehung zwischen Riza und Lörenthy erinnert an Eugen Onegin. Der Unterschied ist nur, wenn die Musik hinzukommt, dann ist es in der Operette immer eine Musik, die so einen Tanzrhythmus hat – Walzer, Polka oder Marschryhthmen, bei Herbstmanöver viel Valse lento, weil das eben eine elegische Geschichte ist.

 Stadttheater Giessen / GMD Michael Hofstetter  © Werner Kmetisch

Stadttheater Giessen / GMD Michael Hofstetter © Werner Kmetisch

LOH: Was macht die Besonderheit von Kálmáns Ein Herbstmanöver aus? Warum haben Sie sich für dieses Stück entschieden?

MH: Wir haben verschiedene Operetten geprüft, wobei ich noch einmal Balász Kovalik erwähnen möchte, der Unbezahlbares für unser Haus geleistet hat. Wir wollten ein unbekanntes Stück machen und uns nicht aus dem Kanon, der immer wieder gespielten Operetten, bedienen. Diese ganze Recherche unternahm Balász. Er fuhr nach Budapest in die Archive, immer wieder. Balász und mir war dann sehr schnell klar, dass wir mit der Operette Herbstmanöver, die meines Wissens achtzig Jahre nicht gespielt wurde, einen Schatz bergen können. So einen Fund wie diesen, macht man vielleicht ein Mal alle zehn Jahre, und bei den Proben hat sich das mehr und mehr bewahrheitet.

LOH: Warum verschwand dann diese Operette aus dem Repertoire? Kálmán war, auch wenn er es nicht zunächst nicht glauben wollte, mit dem Stück durchaus erfolgreich?!

MH: Super erfolgreich. Hunderte Male en Suite in Budapest, in Wien und in Berlin, wobei es in den jeweiligen Städten leicht unterschiedliche Fassungen gab. Wir haben in unsere Aufführung auch Musik aus der nicht gedruckten Budapester Uraufführung genommen – ein Duett von unfassbarer Schönheit für die beiden Hauptpartien Lörenthy und Riza komponiert. Alleine dieses Duett zu hören, lohnt bereits den Besuch der Vorstellung.

Warum das Stück aber, nachdem es ein Erfolg war, nicht mehr gespielt wurde, kann ich nur erahnen. Ein Erklärungsansatz könnte sein, dass diese Tartaren- und Husarengeschichte nach dem 1. Weltkrieg, als die Tartaren ins Giftgas geritten und umgekommen sind, nicht mehr gespielt werden konnte. Im ungarischen Original heißt das Stück Tatárjárás – ‚Tatarenplage’, weil die Tataren angeblich weniger ans Kämpfen dachten, sondern lieber ans Tanzen und an Frauen. Sie ziehen die feschen Uniformen an, weil sie damit bei den Frauen gut ankommen. Kálmán hat danach weiter komponiert und u.a. mit der Csárdásfürstin und der Gräfin Mariza sein geniales Erstlingswerk in gewisser Weise in den Schatten gestellt hat.

LOH: Ist nicht gerade die sogenannte „leichte Muse“ eine besonders schwere Angelegenheit?

MH: Die Operette braucht das Witzige. Und das soll jetzt kein Widerspruch zu dem sein, was ich vorher sagte, dieser Sprung von der Kirchenmusik zur leichten Muse und auch meine Erfahrung am Wiesbadener Theater, wo ich meine ersten Jahre nach dem Studium als Kapellmeister verbracht habe, ist: Dass es leichter sein kann, sich Tragödien und all diesen großen Themen zu nähern, als der leichten Muse. Verdi war, zumindest für mich, lange Zeit zugänglicher als Rossini. Es braucht vielleicht Lebenserfahrung, damit man das Augenzwinkernde verstehen kann, und das ehrliche, wahrhaftige menschliche Gefühl mit dem Leichtfüßigen und dem Esprit verbinden kann. Wenn das gelingt, ist das ganz besonders beglückend.

LOH: Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Sind Sie mit dem Linzer Operettenkomponisten Igo Hofstetter verwandt?

MH: Leider nicht, wäre schön. Es ist eine typische Musik der 50er Jahre, schöne Musik, aber ganz fein gemacht. Und er ist der geistige Erbe von Kálmán. Seine Musik ist sehr bläserlastig, dazu ein beschwingtes Schlagzeug, und schon fängt das Blech an zu tanzen. Eine ganz wunderbare Musik. Aber – meine Vorfahren kommen vom Chiemsee – wir  sind zu meinem großen Bedauern weder verwandt noch verschwägert. Schade.

LOH:  Herr Hofstetter, ich danke Ihnen für das anregende Gespräch

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Hamburg, George Gagnidze im Gespräch mit IOCO, IOCO Aktuell, 07.10.2017

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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Große Sänger – Staatsoper Hamburg

 IOCO spricht mit Bariton George Gagnidze

Patrik Klein,  IOCO Korrespondent im Hamburg, unterhielt sich am 5. Oktober 2017 mit dem georgischen Star-Bariton George Gagnidze über kommende Auftritte an der Staatsoper Hamburg, derzeit dort laufende Proben und seine künstlerische Karriere von Tiflis bis New York.

Patrik Klein und Georg Gagnidze © Patrik Klein

Patrik Klein und Georg Gagnidze © Patrik Klein

IOCO: Lieber Herr Gagnidze, nach dem Jago (Otello) und Simon Boccanegra vor einiger Zeit unter der Intendanz und dem Dirigat von Simone Young sind Sie wieder an der Hamburgischen Staatsoper für den Alfio (Cavalleria Rusticana) und den Tonio/Taddeo (I Pagliacci). Wie geht es Ihnen in Hamburg und was schätzen Sie an der Hansestadt an der Elbe besonders?

GG: Ich habe die beiden Rollen Jago und Simone Boccanegra (2 mal als Einspringer für Placido Domingo und einige fest geplante Vorstellungen) unter Frau Young sehr genossen, weil Verdi für mich etwas ganz Besonderes ist und ich das empfinde, wie jeden Abend zu malen; ja wie ein Maler, der seine vielen Farben benutzt um alles Wichtige zum Ausdruck zu bringen. Hier in Hamburg fühle ich mich sehr willkommen geheißen. Die Hamburger sind typisch Norddeutsch, sie sind offen und hier am Haus herrscht ein gutes, freundliches Arbeitsklima. Durch mein erstes Engagement in Osnabrück bin ich die Mentalität schon etwas gewohnt. An einem kleinen Haus wie Osnabrück oder einer großen Oper wie in Hamburg muss man immer alles geben, was man hat. Ich liebe auch die besondere Reaktion des Publikums hier, welches vielleicht ein wenig verhaltener ist, aber umso herzlicher dann am Schluss. Gestern Abend nach Cavalleria und I Pagliacci war ein riesiger, ungewöhnlicher Jubel beim Publikum. Das war toll.

IOCO:  Sie stecken mitten in der Aufführungsserie für die Wiederaufnahme der beiden Einakter von Mascagni und Leoncavallo in einer eher klassischen Inszenierung von  Giancarlo del Monaco aus dem Jahr 1988. Und sie singen an der Seite von sehr bekannten Kolleginnen und Kollegen in einem eingespielten hauseigenen Ensemble. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit?

GG: Das ist wunderbar. Wir haben ein großartiges, internationales Team mit tollen Sängerinnen und Sängern auch aus dem Ensemble des Hauses und einen wunderbaren jungen Dirigenten aus Halle. Herr Caballé war bei allen Proben von Anfang an dabei. Wir haben fast drei Wochen vor der ersten Aufführung zusammen geprobt, weil auch das Stück aus dem Jahr 1988 schon lange nicht mehr hier gespielt worden ist. Die Inszenierung von Giancarlo del Monaco, der für mich einer der besten Regisseure ist, gefällt mir sehr gut. Mit Giancarlo habe ich bereits viel zusammengearbeitet, u.a. in Paris bei Francesca da Rimini von R. Zandonai. Hier in Hamburg spielen die Stücke in Sizilien, was meiner Meinung nach sehr gut zu der Musik passt. Klassisch, aber sehr interessant gemacht.

Georg Gagnidze © Dario Acosta

Georg Gagnidze © Dario Acosta

IOCO: Herr Gagnidze, Sie stammen aus Georgien. Aus diesem Land kommen nach meinem Wissen viele bekannte Sängerinnen und Sänger. Anita Rachvelishvili, Nino Machaidze, Iano Tamar, Paata Burchulaadze, um nur einige von ihnen zu nennen. Ähnlich wie im rumänischen Cluj-Napora, aus dem die meisten berühmten rumänischen Sänger kommen, frage ich mich, wie das kommt und was der Grund hierfür ist. Hat das Thema Musik in der Kultur vielleicht einen ganz besonderen Stellenwert?

GG: Georgien hat eine sehr große Tradition bei der Folkloremusik seit vielen, vielen Jahren. Ein Lied ist ganz besonders bekannt und befindet sich auf den „Goldenen Schallplatten“, die seit 1977 an Bord der interstellaren Raumsonden Voyager 1 und 2 im Weltall unterwegs sind. Es handelt sich hier um Chormusik mit dem Namen Tschakrulo. Das ist etwas ganz Besonderes, das unser Land Georgien charakterisiert. Es gibt in Georgien weniger die Tradition für Opernmusik, eher die Tradition für Volksmusik. Es gibt auch eine Reihe von bekannten Musikern, wie Pianisten und Geiger, die aus Georgien stammend Weltkarriere gemacht haben. Das Opernhaus in Tiflis existiert seit etwa 1851. Von da an hat sich auch die klassische Gesangskultur in meinem Heimatland entwickelt. 1894 debutierte dort sogar der russische, weltbekannte Bass Fjodor Iwanowitsch Schaljapin. Sein Lehrer war kein geringerer als der Tenor Dmitri Usatov,  der zu dieser Zeit in Tiflis wirkte.

IOCO: Wie war das bei Ihnen? Wie haben Sie entschieden, Sänger zu werden?

GG: Bei mir war das zu Beginn ganz ungewöhnlich. Ich habe als Ingenieur und Autobauer begonnen, bevor ich zur Musik kam. Wir haben immer zu Hause in der Familie und ich besonders mit meiner Schwester gesungen, die heute in Kanada lebt und bei einer Bank beschäftigt ist. Sie ist auch heute noch eine Hobbysängerin. Bei mir passierte es in der Studentenzeit, als wir zusammen an einem Tisch saßen und auch ein wenig die 8000 Jahre alte Weintradition des Landes genossen. Da wurde im Spaß Volksmusik gesungen. Ein in Tiflis bekannter Musikprofessor hatte das gehört und empfahl mir meine Stimme ausbilden zu lassen. Ich war damals 17 Jahre alt, ein wenig überrascht und habe schließlich Privatunterricht genommen. Mein Vater war nicht gerade begeistert, weil er meinte, ich solle einen ordentlichen Beruf lernen. Damals habe ich oft die Stimme von Pavarotti gehört und war so in seinen Bann gezogen, dass ich mich nicht davon abbringen ließ.

IOCO: Wie sind die Karriereaussichten in einem so traditionellen kulturellen Land wie Georgien?

GG: Die Möglichkeiten als Opernsänger in Georgien sind ganz gut, aber wenn man eine Stimme von internationaler Qualität bekommt, dann nimmt man natürlich gerne die Möglichkeiten wahr, in Europa oder Übersee an die großen und berühmten Opernhäuser zu kommen und dort zu spielen und zu singen. Bei mir lief das über einige Wettbewerbe, an denen ich teilgenommen habe und die mir die Möglichkeiten eröffnet haben, ins Ausland zu gehen. Ich habe einige Preise gewonnen bei Wettbewerben von Leyla Gencer, Elena Obraztsova oder José Carreras, die mir die internationale Karriere eröffnet haben. Carreras war ganz besonders fasziniert von meinem Rigoletto, bei dem er mir guten technischen Gesang, Ausdruck und überzeugende Kraft attestiert hatte.

IOCO: Als Sie sich entschieden haben, für Ihre musikalische Karriere Ihr Land zu verlassen, wie ging es weiter? Welche Stationen haben Sie absolviert?

GG: 1996 begann meine Karriere an der Oper in Tiflis, wo ich u.a. den Germont (La

Metropolitan Opera New York © IOCO

Metropolitan Opera New York © IOCO

Traviata) gesungen habe. Mein erstes Engagement in Deutschland war von 2003 bis 2005 in Osnabrück im Ensemble. Dort durfte ich ohne die deutsche Sprache sprechen zu können den Jochanaan in Salome singen, was für mich nicht ganz einfach war. Dabei hat mich Michael Schulz als Operndirektor von Weimar gehört und mit an die dortige Oper genommen, wo ich von 2005 bis 2011 fest engagiert war. Dort in Weimar habe ich viele Rollen verkörpert, ganz besonders oft den Scarpia und den Rigoletto. Im Jahr 2012 habe ich dann einen wichtigen Wettbewerb „Voci-Verdiane“ in Parma gewonnen, der mir die weiteren internationalen Häuser eröffnet hat. Der Dirigent Lorin Maazel und der Direktor von der New Yorker MET Peter Gelb  haben meine Karriere dann weiter gefördert und ich durfte 2009 als Rigoletto in der alten Inszenierung von Otto Schenk an der Met debutieren. Dort habe ich fast 100 Vorstellungen gesungen, den Rigoletto, auch in der neuen Inszenierung von Michael Mayer.

IOCO: Sänger zu sein in einem unbekannten, fremden Land mit neuen kulturellen Randbedingungen, einer fremden Sprache und vielleicht anderen Gepflogenheiten an den Häusern. Wie ist es Ihnen dabei ergangen?

GG: Ich habe immer in meinem Leben bisher das Glück gehabt, gute Freunde und hilfreiche Menschen getroffen zu haben, die mir bei vielen Schwierigkeiten geholfen haben. Einige Fans haben sich zu wahren Freunden entwickelt und mich unterstützt, wo immer sie konnten.

IOCO: Sie stehen nun in der „ersten Reihe“ der Baritone der Welt und haben große Engagements an den berühmtesten Häusern des Globus. Wie kommt man damit klar?

GG: Das ist eine sehr große Herausforderung und verlangt sehr viel Disziplin, um mit dem großen Zeit- und Erfolgsdruck klarzukommen. Schauen Sie, gestern hatte ich eine Vorstellung Cavalleria und I Pagliacci. Momentan bereite ich mich auf meine neue Rolle als Barnaba in La Gioconda vor. Direkt nach unserem Gespräch habe ich dazu eine Klavierprobe mit meinem Repetitor. Das geht nur mit einer guten Organisation. Eigentlich bin ich immer in Gedanken bei meiner Arbeit.

IOCO: Hier in Hamburg haben Sie es mit einer recht konventionellen Produktion zu tun. Wahrscheinlich kommen Sie aber auch mit Vertretern des modernen Regietheaters zusammen. Kollegen von Ihnen lehnen manchmal eine Zusammenarbeit unter bestimmten Voraussetzungen ab. Was denken Sie über Inszenierungen des modernen Regietheaters?

GG: Das ist sehr unterschiedlich, denn es gibt auch viele sehr gute Produktionen mit moderner Ausrichtung. Die Tosca (Scarpia) von Luc Bondy in New York war eine solche Produktion, die den bösen Charakter der Hauptfigur in einen nachvollziehbaren und packenden Thriller integrierten. Auch David McVicar ist ein von mir geschätzter Regisseur, mit dem ich auch I Pagliacci  2015 in New York gemacht habe, der spannende moderne Inszenierungen erarbeitet.

IOCO:  Welche Rolle verkörpern Sie am allerliebsten?

GG: Meine Lieblingsrollen sind der Rigoletto und Scarpia. Mir gefällt aber auch der Jochanaan und, ja Sie werden es nicht glauben, ich habe bereits den Holländer gesungen. Zukünftig möchte ich das Singen von Wagnerpartien noch ausbauen. Aber dafür muss ich noch hart arbeiten am Text und dem Ausdruck. Es wird noch eine Weile dauern. Aber ich habe mit 47 Jahren hier noch einige Möglichkeiten. Ein Bariton kann ja gut und gerne bis 60 Jahre oder mehr gut singen. Bei einem Tenor ist das schon eher seltener der Fall.

IOCO: Wie bereiten Sie sich auf eine neue Rolle vor?

GG: Zunächst lerne ich gar keine Noten, sondern die Literatur und das historische Umfeld. Bei La Gioconda ist der Text von Boito und spielt in Venedig. Da braucht es viel Hintergrundwissen. Barnaba als Spion für die Inquisition ist auch ein sehr böser Charakter, den man vorher genau studieren muss. Die Rolle ist stimmlich und charakterlich sehr sehr schwer. Danach lerne ich den Text und die Musik für mich alleine, bevor ich den Feinschliff mit meinem Repetitor Alessandro Amoretti ansetze. Er ist für mich der beste und ein guter Freund und Begleiter.

IOCO: Wie sehen Ihre zukünftigen Engagements aus? Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

GG: Da wird es einiges geben: Nach den Vorstellungen in Hamburg werde ich Pagliacci an der MET singen, Amonasro in Aida in Madrid und an der Mailänder Scala, und an der Deutschen Oper Berlin gebe ich im Sommer mein Rollendebüt als Barnaba in La Gioconda. Ein weiteres Rollendebüt in einer späteren Spielzeit wird der Michele in Tabarro an der MET sein. Für die zukünftigen Ideen in meinem Kopf könnten die Partien Holländer, Wotan, Gunther, Alberich und Hagen entstehen. Ich denke, man muss Wagner ähnlich wie Mozart singen, mit etwas Italianita und  legato; aber man muss es können und es ist extrem viel Energie dazu nötig. Tokyo hat mich für die vier Bösewichte in Hoffmanns Erzählungen eingeladen, aber dazu hatte ich leider keine Zeit mehr.

IOCO: Was machen Sie, wenn Sie nicht singen am liebsten?

GG: Mein Ausgleich sind meine Frau und meine beiden Kinder, die mich auch begleiten, wenn sie Zeit haben. Ich versuche so oft wie möglich in Tiflis zu Hause zu sein. Das klappt für etwa 2 bis 3 Monate im Jahr. Ansonsten liebe ich es, in meiner Freizeit zu angeln und auf die Jagd zu gehen.

Patrik Klein: Herr Gagnidze, ich danke Ihnen ganz herzlich für das Gespräch.

Georg Gagnidze © Dario Acosta

Georg Gagnidze © Dario Acosta

GEORGE GAGNIDZE – BIOGRAFIE

Seit seinem sensationellen Debüt als Rigoletto an der New Yorker Metropolitan Opera im Jahre 2009 zählt der georgische Bariton George Gagnidze zu den führenden Sängern seines Fachs.

In der Spielzeit 2017/18 ist der Sänger in Cavalleria rusticana und Pagliacci an der Hamburgischen Staatsoper und der Oper von Rom, Pagliacci an der Metropolitan Opera, Aida an der Mailänder Scala und am Teatro Real Madrid sowie in seinem Rollendebüt als Barnaba in La Gioconda an der Deutschen Oper Berlin zu erleben. 2016/17 debütierte der Künster als Carlo Gérard in Andrea Chénier an der San Francisco Opera, wo er auch als Amonasro in Aida zu hören war; kehrte an die Metropolitan Opera New York als Amonasro sowie an die Deutsche Oper Berlin als Carlo Gérard und Scarpia in Tosca zurück. In der Arena von Verona war er in einer Neuproduktion von Nabucco zu erleben und bei den BBC Proms gab er sein Debüt als Šakovlity in Hovanšcina.

Zu den größten Erfolgen des Sängers zählen Auftritte in Rigoletto, Tosca, Macbeth, Cavalleria rusticana, Pagliacci, Aida und Hovanšcina an der Metropolitan Opera; Nabucco und Tosca an der Wiener Staatsoper; Rigoletto, Tosca, La traviata und Aida an der Mailänder Scala, Tosca und Aida an der Opéra National Paris, Simon Boccanegra am Teatro Real Madrid; Rigoletto beim Festival of Aix-en-Provence und an der Deutschen Oper Berlin; Cavalleria rusticana und Pagliacci am Gran Teatro del Liceu Barcelona; Pagliacci an der Los Angeles Opera; La traviata in der Arena von Verona; Otello und Simon Boccanegra an der Hamburgischen Staatsoper und als Falstaff am New National Theatre Tokyo.

In Tiflis geboren und am Staatlichen Konservatorium seiner Heimatstadt ausgebildet, debütierte er 1996 im Paliashvili-Opernhaus als Renato in Giuseppe Verdis Un ballo in maschera. Als Preisträger des Leyla-Gencer-Wettbewerbs und des Elena-Obraztsova-Wettbewerbs trat er 2005 beim Concorso Voci Verdiane an. Die Jury unter dem Vorsitz von José Carreras und Katia Ricciarelli überreichte ihm den ersten Preis für seine überragende Gesangsinterpretation.

Von Deutschland aus startete George Gagnidze seine internationale Karriere, die ihn innerhalb kürzester Zeit an viele wichtige Opernhäuser der Welt führte. Im Laufe seiner Karriere arbeitete George Gagnidze mit vielen namhaften Dirigenten und Regisseuren zusammen, so z.B. mit James Levine, Lorin Maazel, Zubin Mehta, Fabio Luisi, James Conlon, Plácido Domingo, Mikko Franck, Jesús López-Cobos, Nicola Luisotti, Daniel Oren, Gianandrea Noseda, Kirill Petrenko, Yuri Temirkanov; Luc Bondy, Liliana Cavani, Robert Carsen, Peter Stein, Giancarlo Del Monaco, Henning Brockhaus und Robert Sturua.

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Rostock, Volkstheater Rostock, La Cenerentola: Gespräch mit Regisseurin Nicklich, IOCO Aktuell, 23.09.2017

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Volkstheater Rostock

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

La Cenerentola – Regisseurin Anja Nicklich im Gespräch

Von Thomas Kunzmann

Regisseurin Anja Nicklich, deren Zar und Zimmermann in der vergangenen Spielzeit Kritik wie Zuschauer überzeugte und Publikumsmagnet wurde, kehrt für Aschenputtel / La Cenerentola an das Volkstheater Rostock zurück. IOCO Korrespondent Thomas Kunzmann befragte Anja Nicklich über ihre ab 29.9.2017 am Volkstheater Rostock gespielte Produktion Aschenputtel / La Cenerentola:

TK:  Du arbeitest für große Opernhäuser: Dortmund, Stuttgart, Dresden – und nun zum dritten Mal im vergleichsweise kleinen Rostock, was ist für dich das Besondere an der Arbeit in der Hansestadt?

AN: Ich liebe die Menschen hier in Rostock. Und am Theater gibt es so viele tolle engagierte und hoch motivierte Leute. Die Arbeit macht nicht nur Spaß, sondern gemeinsam erfinden und schaffen wir so schöne neue Dinge. Es ist mir wirklich eine Ehre, hier sein zu dürfen.

Volkstheater Rostock / Anja Nicklich mit Team bei Regiearbeiten zu Aschenputtel © Volkstheater Rostock

Volkstheater Rostock / Anja Nicklich mit Team bei Regiearbeiten zu Aschenputtel © Volkstheater Rostock

TK: Du bist bekannt dafür, mit einem ausgeklügelten, sehr detailliertem Konzept schon zur ersten Besprechung aufzutreten, bist du Perfektionistin?

AN: Lacht. Ich war Perfektionistin. Bis ich festgestellt habe, dass ich niemals perfekt in meiner Arbeit sein werde und Perfektionismus krank macht. Weil man als Perfektionist nie zufrieden ist. Im Theater geht immer nach 6 Wochen der Lappen hoch. Egal, wie weit man ist. Und dieser Zeitdruck hat mich dazu erzogen, im Team den anderen zu vertrauen, um gemeinsam etwas Neues zu schaffen, unabhängig davon, wie perfekt Du das Stück in Deinem Hirn vorbereitet hast. Allerdings bin ich tatsächlich extrem gut vorbereitet. Aber man braucht ja immer einen Rahmen, um davon abweichen zu können. Lacht.

TK: In Rostock hat Opern-Kultur einen schwierigen Stand, sowohl bei der finanziellen Ausstattung als auch was die technischen Möglichkeiten im Volkstheater betrifft. Wie sehr schränkt dich und deine Ausstatterin Antonia Mautner Markhof das ein?

AN: Geldmangel macht kreativ. Lacht. Im Ernst, das Theater hat fantastische Werkstätten. Was diese aus den unmöglich erscheinendsten Ideen zaubern können, ist phänomenal!

Volkstheater Rostock / Aschenputtel © Frank Hormann

Volkstheater Rostock / Aschenputtel © Frank Hormann

TK: Wie näherst du dich einer Oper wie La Cenerentola an ?

AN: Als erstes lese und höre ich das Stück. Mehrmals. Und in meinem Kopf öffnet sich ein Bilderbuch, ganz viele bunte Filme laufen dabei in meinem Kopf ab. Dann beginnt die eigentliche Arbeit. Die dramaturgische Auseinandersetzung mit der Ausstatterin, Sekundärliteratur, Recherche und dem Stoff an sich. Dann ist mein Kopf so voll, dass es erst einmal schwarz wird und ich bzw. wir uns wie in einem Hamsterrad um uns selber drehen. Bis der Vulkan explodiert. Bei mir meist im Schlaf. Und dann ist sie da die Idee. Einfach so. Und ab dann überprüfen meine Ausstatterin und ich die Idee an jeder Szene/Musik und sie baut dazu das Modell. Danach beginnt das Schreiben in die Noten bzw. das Regiebuch. Denn jeder Sänger muss zu jeder Sekunde wissen, warum er wo steht und was macht. Auch wenn er nicht singt. Und ich entwickle dabei anhand der musikalischen Struktur der Szenen, wer wie zusammen stehen/spielen muss und wie die Choreographie der Szene und die Choreographie des Ablaufs der Szenenreihenfolge ist. Denn während der Proben habe ich keine Zeit mehr zu überlegen, wer wann wie auftritt oder abgeht. Da geht es darum, die Sänger über meinen Rahmen hinaus zu führen. Außerdem proben wir das Stück ja auch nicht von vorn an, sondern wir springen in den Szenen umher, weil ich aufgrund von Abwesenheiten nie alle Sänger zusammen habe. Manchmal beginne ich auch bewusst mit dem Ende, um den Sängern ein Gefühl dafür zu geben, wo wir hin wollen. Um die Übersicht zu behalten, benötigt es dafür einer genauen Vorbereitung.

TK: Kannst du dich noch an deine Emotionen erinnern, als du die Musik zum ersten Mal angehört hast?

AN: Ja natürlich. Und es sind bis jetzt dieselben geblieben. Rossinis Musik löst in mir ein glückseliges Kribbeln aus und ich habe ständig das Bedürfnis, dazu zu tanzen. Ich denke, dieses Gefühl wird man auch auf der Bühne zu sehen bekommen. Lacht.

TK: Seit den späten 90ern setzen nahezu alle Theater wieder kompromisslos auf originalsprachige Aufführungen, seit den 2000ern etwa laufen zum besseren Verständnis in den Übertiteln komplette Libretti statt kurzer Inhaltsangaben. In Rostock wird nun eine Belcanto-Oper italienisch gesungen, aber die Rezitative werden deutsch vorgetragen. Deshalb auch Aschenputtel statt La Cenerentola ? Ein Kompromiss mit dem Marketing?

AN: Ich bin eigentlich auch ein Verfechter der Originalsprache bei Opern, weil ich finde, dass der Komponist seine Musik auf einen bestimmten Text (z.B. Italienisch) gesetzt hat. Da kann man nicht einfach den Text auswechseln. Das ist nicht im Sinne der Musik und des Komponisten. Tatsächlich funktionieren aber unsere deutschen Rezitative viel besser, als ich erwartet habe. Es wird sehr witzig und originell werden und ist viel dichter am Publikum dran. Auch haben wir überlegt, die Übertitel zu reduzieren und uns entschieden, sie als eine kurze Erläuterung der Szenen in „Märchenform“ darzustellen. Ich finde, dass das ziemlich gut funktioniert.

TK: Mit „Falstaff“ hast du dein Debüt in Rostock gefeiert. Unglaublich dicht am Libretto und doch überraschend in der Umsetzung. Zar und Zimmermann konnte man gut als Seitenhieb auf die Rostocker Kultur-Politik verstehen – was erwartet den Zuschauer bei La Cenerentola ?

AN: Cenerentola wird eine Geschichte über die Liebe. Aber es wird vor allem eine Geschichte über ein Mädchen, das sich aufgrund ihres starken Willens und den Glauben an sich selbst zu einer Frau entwickelt, die lernt, selber über ihr Leben zu entscheiden. Nicht, ohne dabei den Umweg über das Märchen zu nehmen. Cenerentola muss sich erst den Traumprinzen herbei träumen, um dann festzustellen, dass sie sich selber lieben muss, bevor sie andere lieben kann. Unser Schluss gefällt mir dabei am meisten, aber den möchte ich noch nicht verraten. Lacht.

TK: Gibt es Opern, bei denen Du nur darauf wartest, dass dir die Regie angetragen wird, weil Du schon Ideen im Hinterkopf hast?

AN: Oh ja. Einige. Meine Lieblingsoper ist Wozzeck von Berg und ich liebe die Opern von Britten, Albert Herring zum Beispiel. Ich bin dazu absoluter Rossini-Fan und totaler Verehrer der Mozart-Opern. Bisher konnte und durfte ich mich in Rostock mit Falstaff, Zar und Zimmermann und jetzt Cenerentola im komischen Fach beweisen, aber auch liebe ich das dramatische Fach sehr.

TK: Ab 29.09. werden wir die Oper erleben dürfen. IOCO sagt schon heute TOI TOI TOI! Wie entspannst du am liebsten nach der Premiere?

Anja Nicklich:   Tanzen. Bis der Schuh drückt! – Lacht

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