Hong Kong, Cultural Centre, Kulturfixstern des Ostens, IOCO Aktuell, 04.11.2013

November 7, 2013  
Veröffentlicht unter Cultural Centre, IOCO Aktuell

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Hong Kong Cultural Centre

Cosi fan tutte  konkurriert mit der  Legende des Mulan

Hong Kong Island: Nachthimmel im Geschäftsdistrikt © IOCO

Hong Kong Island: Nachthimmel im Geschäftsdistrikt © IOCO

 Autos können die Chinesen kopieren, eine ‚Cosi‘ nicht“, „Hong Kong ist Opernneuland“ und andere bayerische Fehltöne begleiteten 2012 die Musiker der Bayerischen Staatsoper bei ihrem ersten Ausritt nach Hong Kong an die Südspitze Chinas. Die Musiker spielten Dieter Dorns Così fan tutte-Inszenierung im Hong Kong Cultural Centre. Bayerische Musiker mögen im Orchestergraben bereichern; außerhalb des Grabens sind auch sie oft Gefangene platter Vorurteile.
Hong Kong Cultural Centre © Government HK

Hong Kong Cultural Centre © Government HK

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Hong Kong nimmt aufgrund seiner 1843 begonnenen kolonialen Verbundenheit mit Großbritannien eine nach Westen wie Osten offene, weltweit einzigartige Sonderstellung ein. Ab 1960 bis Mitte 1990 entwickelte sich Hong Kong mit sieben Millionen Einwohnern auf 1.000 qkm² zur alleinigen Drehscheibe für den rasant wachsenden Welthandel mit China. Millionen westlicher Geschäftsleute besuchten seither die Stadt, viele davon fanden  in Hong Kong ihren Lebensmittelpunkt, Brot und Arbeit; mit Linksverkehr und bis 1997 nach britischem Recht regiert. Doch auch nach 1997, mindestens bis 2047 geht Hong Kong seinen einzigartigen Sonderweg; als chinesische Sonderverwaltungszone, ausgestattet mit eigenem, von Peking weitgehend unabhängigem Parlament. So erlebt man staunend, wie in Hong Kong Demonstrationen der Falun Gong-Sekte polizeilich geschützt werden, während sie gleichzeitig in Peking massiv unterdrückt werden.
Hong Kong, Star Ferry zwischen Hong Kong Island und Kowloon © IOCO

Hong Kong, Star Ferry zwischen Hong Kong Island und Kowloon © IOCO

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Mit diesem politischen Sonderstatus entwickelte sich in Hong Kong parallel zum wirtschaftlichen Aufschwung ein reiches Kulturangebot für die chinesische wie ausländische BevölkerungIn deren Mittelpunkt steht seit 1989 das Hong Kong Cultural Centre. Erbaut durch die britische Verwaltung, eröffneten Prince Charles of Wales mit seiner damaligen Gattin, Princess Diana am 8. November 1989 das Kultur Zentrum. Der Besuch von Prince Charles stand weltpolitisch unter keinem guten Stern: Die chinesische Regierung hatte wenige Monate zuvor in Peking auf dem Platz des himmlischen Friedens eine Protestbewegung brutal niedergeschlagen.
Das Hong Kong Cultural Centre entwickelt sich seither zu einem Kulturfixstern des Ostens: 2012 waren in 823 Vorstellungen über 730.000 Besucher; deutlich mehr als die jährlichen 600.000 Besucher, durch welche sich die übersubventionierte Bayerische Staatsoper  lautstark zu einem der bedeutendsten Opernhäuser weltweit erklärt.

Auf dem Festland von Hong Kong, in Kowloon, auf 5,2 Hektar dem Meer abgerungenem Gelände, wurde das einzigartige Cultural Centre auf 82.231m²  errichtet:
– Ein Konzertsaal mit 2.019 Plätzen, oval in heller Eiche gefasst; mit einer deutschen Rieger-Orgel ausgestattet; der für lange Zeit größten Orgel ganz Asiens.
– Ein Theatersaal (Grand Theatre) mit 1.734 Plätzen über Parkett und zwei Ränge für Oper, Musical, Ballett und andere Theateraufführungen: Mit moderner Drehbühne, einen elektrisch  anpassbaren Orchestergraben und moderner Übersetzungstechnik.
– Ein vielseitig nutzbares Studio Theater mit 496 Plätzen.
Übungsräume, Konferenzräume, Ausstellungsflächen und  großes Foyer bieten hohe Funktionalität des Kulturzentrums für andere, kulturnahe Aktivitäten.

Foyer der Hong Kong Cultural Centre © IOCO

Foyer der Hong Kong Cultural Centre © IOCO

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Theaterbesucher entspannen sich in den Pausen mit Touristen, Anglern, Joggern und Spaziergänger auf dem großzügigen Platz vor dem Kulturzentrum. Der malerische Blick über die Meerenge auf die Insel Hong Kong wirkt dabei wie eine Postkartenidylle.
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Das Angebot des Hong Kong Kultur Zentrums ist vielseitig und anspruchsvoll. 2013 stehen dort, wie in München, Berlin und New York, Verdi und Wagner im künstlerischen Fokus: Der fliegende Holländer, eine Inszenierung der Rheinoper in Düsseldorf, wurde vom 10. bis 13. Oktober 2013 im Grand Theatre gespielt: Jukka Rasilainen und Thomas Hall sangen den Holländer, Manuela Uhl und Jane Dutton die Senta, Kurt Rydl alterniert den Daland mit Gong Dongjian, gemeinsam mit dem Hong Kong Philharmonic Orchestra und der Opera Hong Kong Chorus.  Die Dresdner Philharmonie unter Michael Sanderling und mit Julia Fischer spielten Liebestod und Lohengrin-Vorspiel von Richard Wagner, Dvorak, Brahms. Im Dezember 2013 wird die Musica Viva aus Hong Kong Rigoletto geben: Dirigent Lui Kuok-man, Sang Eun Lee und Colette Lam singen Gilda, Freddie Tong den Sparafucile. Die Wesendonck-Lieder, Der Ring des Nibelungen, die Bayreuther Harry Kupfer Produktion aus 1992 wurde im Oktober 2013 diskutiert und in HiFi übertragen, Lorin Maazel reist an, um die Hong Kong Philharmonic Orchestra den Ring ohne Worte und das Siegfried-Idyll zu dirigieren.
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Hong Kong, Culture Centre © IOCO

Hong Kong, Culture Centre © IOCO

Das Hong Kong Arts Festival, jährlich im Februar/März, ist Magnet für Künstler aus aller Welt. Das Festival-Programm für 2014 zeigt unter anderem: Die Lohengrin-Produktion des finnischen Savonlinna Opera Festivals, das Kölner Gürzenich Orchester mit Markus Stenz wird Till Eulenspiegel spielen, Iván Fischer und das Budapest Festival Orchestra spielen Mozart und Bruckner, das Tanztheater Pina Bausch aus Wuppertal zeigt eine Iphigenie in Tauris-Choreographie, das National Theatre of China tanzt Romeo & Juliet, das Nowy Teatr aus Warschau spielt Shakespeares African Tales, das Teatro alla Scala Ballett zeigt ihre Giselle-Choreographie…….


Westliches trifft sich seit Jahrzehnten in Hong Kong mit fernöstlichen Traditionen in einer einzigartigen Vielfalt kultureller Gegensätze. Mozart und Bruckner finden sich auf Augenhöhe mit ethnischen Tänze und chinesischer Volksmusik. Alles bereichert, nichts mischt sich wirklich, in Einheit der sich ergänzender Gegensätze; wie es das Tai Chi, die meditative chinesische Kampfkunst seit Jahrtausenden lehrt. Überlegenheitsansprüche einzelner Kulturen erscheinen hier unwirklich fremd, imperial. Hong Kong regt kritische Europäer  an, über mögliche kulturelle Defizite in der eigenen Heimat nachzudenken.
Marktplatz im benachbarten Macao © IOCO

Marktplatz im benachbarten Macao © IOCO

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750.000 Besucher werden 2014 im Konzertsaal, im Grand Theatre oder im Studio Theater westliche wie asiatische Kultur, den Fidelio oder Die Legende des Mulan erleben und feiern. Der Beifall für Die Legende des Mulan wird etwas lauter ausfallen.
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IOCO / Viktor Jarosch / 7. November 2013