
Bericht

The Barber of Seville im SYDNEY OPERA HOUSE:
Die stummen 20er Jahre: Zwischen Buster Keaton und Figaro
Das Opernhaus von Sydney, Meisterstück moderner Architektur, 1973 eingeweiht, ist eines der drei großen Wahrzeichen Australiens. Neben der über 100 Jahre alten Harbour Bridge und dem Legenden-umwobenen Ayers Rock in der Mitte des Kontinents. Das Sydney Opera House beherbergt mehrere kulturelle Einrichtungen: Die Concert Hall mit 2700 Sitzen und das Opera Theatre mit 1547 Sitzplätzen: Architektonisch ist das Sydney Opera House inzwischen Weltkulturerbe.
Der Bau des Sydney Opera Houses war zunächst ein komplettes Desaster: Ursprünglich mit 7 Millionen Au$ veranschlagt überstiegen die Baukosten am Ende über 100 Millionen AU$. Die Bauzeit erstreckte sich wegen bautechnischer Streitigkeiten über sieben Jahre. Äußerlich mit verzaubernder Optik lebt die Oper im Innern mit erheblichen Einschränkungen: Der Bühnenraum besitzt keine Tiefe, Bühnenbilder müssen flach sein, deren Anlieferung schwierig. Das Ensemble agiert häufig gefährlich nah am Orchestergraben. Der Orchestergraben wiederum verschwindet zur Hälfte unter den Bühnenboden, welches dem Orchesterklang ein wenig Brillianz raubt. Doch der verzaubernde Flair der Sydney Opera verzeiht alle baulichen Mängel. Für Europäer wird ein Besuch der Sydney Opera zu einem lebendigen Traum.
Das Sydney Opera House wird im Stagionesystem betrieben. In den Monaten Januar bis März 2011 besteht der Spielplan aus den Opern Carmen, Partenope und, vom 4. Februar 2011 bis 29. März, der 17 Mal gespielten The Barber of Seville Produktion. Von April bis Juli 2011 ist Saisonpause. Das nächste Opernhaus in Brisbane oder Melbourne ist über 1.000 Kilometer entfernt. Hartes Brot für den europäischen Operabuff.
Zu Rossini: Die Uraufführung des Barbier von Sevilla fand 1816 unter Leitung von Gioacchino Rossini im Teatro Argentina in Rom statt. Angeblich hatte Rossini nur vier Wochen Zeit für diese aufwendige Auftragskomposition. Lösung: Er entlieh er sich zahlreiche Stücke dieser Oper aus seinen vorangegangenen Werken und produzierte eine der erfolgreichsten Opern der Musikgeschichte: Die Ouvertüre zum “Barbier” findet man bereits in den Rossini-Opern Aureliano in Palmira und in Elisabetta . Genau 30 Jahre zuvor, 1776, fand im Wiener Burgtheater, zum gleichen Stoff, die Uraufführung von Wolfgang Amadeus Mozart´s zunächst wenig erfolgreichem Le Nozze di Figaro (Figaro´s Hochzeit) statt.
Elijah Moshinsky’s in Sydney heißgeliebte Barbier von Sevilla Produktion stammt aus dem Jahr 1995 und lehnt sich Rossini-gerecht mit breitem Humor an die Slapstick-Komödien der Stummfilmzeit um Buster Keaton und die Keystone Kops an. Slapstick, nicht Clownerien und die Mode der verrückten 20er Jahre dominieren Rossini´s schnelllebige Musik. Aktionsgeladene, teils urkomische Handlungen bestimmen die Inszenierung. Dazu Blazer, Strohhüte, weiß bemalte Gesichter und Schnurrbärte. Nah am Orchestergraben dominieren breit gezogene Bühnenbilder. Das erste Bild: Auf Tuch gemalt, eine alte, spanische Häuserzeile in Miniatur und pastellfarbenen Tönen. Mittig der Häuserzeile, das Miniatur-Haus von Dr. Bartolo, aus dessen kleiner Türe gelegentlich eine Miniatur-Rosina auf elektrisch getriebenen Einrad davonfährt. Haupt-Bild der Inszenierung ist das Innere des Hauses des Dr. Bartolo: Die Zimmer über 2 Etagen und die ganze Bühnebreite füllend: Farbig, klassisch: Eingangshalle, mehrere Wohnräume und die Arztpraxis. Während die Handlung um Figaro, Rosina und Graf Almaviva wechselnd in verschiedenen Wohnräumen vollzieht, finden parallel und sichtbar in der “Arztpraxis” abstruse, Lachmuskel-strapazierende Slapstick-Operationen statt. Diese still-komischen Buster Keaton-Operationen überschlagen sich öfters derart, daß der Besucher regelmäßig mit Lachanfällen kämpft. Den Hauptprotagonisten der Oper angemessen zu folgen, wurde so sporadisch zu einem liebenswertem Spagat.
Dieser Barber of Seville prickelt. Stimmlich und in der Personenführung: Das Ensemble, zumeist aus Australien und Neuseeland stammend, war ausgeglichen und in allen Partien gut bis herausragend besetzt. Das Stagione-System und 15 vorangegangene Vorstellungen mit ihren zahlreichen Regie-Facetten führten bei dieser Barber of Seville-Vorstellung zu einer schauspielerisch harmonischen Ensemble. Man bewegt sich filigran, grapschte manchmal deftig. Doch immer wieder entschwebte das Ensemble vom Schauspiel zu wunderschönen Gesang. Allen voran dominierte von Anbeginn der weltweit präsente Argentinier José Carbó als Figaro mit timbrierter und in allen Lagen gut geführter Stimme. (Hier youtube José Carbó mit Largo al Factotum als Figaro aus den Teatro Real, Madrid.) John Longmuir gab dem jugendlich verunsicherten Bonvivant Graf Alamaviva mit weich-lyrischem Tenor ein passendes Gesicht. Sehr präsent das Mündel Rosina mit Dominica Matthews, welche ihren schönen Mezzospopran mit gefestigter Mittellage und Höhe wie darstellerischer Intensität voll ausfüllte. Auch die Bass-Baritonpartien waren mit Andrew Moran als dicklich, dappigem aber stimmlich sicheren Dr. Bartolo und Jud Arthur als hagerem Musiklehrer Don Basilio mit breiter schwarzer Tonlage stimmlich und schauspielerisch hervorragend besetzt. Die Regie-Einfällen gespickte Partie von Alamaviva´s Diener Fiorello/Ambrogio wurde mit Christopher Hillier zu einem Glanzstück.
Das Australian Opera and Ballett Orchestra und Dirigent Anthony Legge haben in Sydney keinen leichten Stand: Das leicht abgedeckt sitzende Orchester besitzt zweifelsohne gutes Klangniveau. Es wurde leicht und elegant musiziert. Schattierungen jedoch, Finessen, scharfe Konturen, sicherlich nur relevant für den kleinsten Teil der Besucher, kamen etwas kurz. Der engagierten Spielfreude des Orchesters jedoch sollte dieser eher baulich begründete Mangel keinen Abbruch tun.
So feierte das Publikum auch diese Aufführung laut und lebhaft. Das Publikum von Sydney, weit entfernt vom Ort der Uraufführung, zollte einem humorig menschlich inszenierten Barbier von Sevilla seine Bewunderung. “Machen Sie mehr Barbiere“ sagte 1822 Beethoven voller Respekt zu Rossini, “diese Oper wird leben solange es italienische Opern gibt”. Beethoven der Perfektionist, kein ausgewiesener Kenner leichterer Muse, bewies perfektes Gespür: Der Barbier von Sevilla ist höchst lebendig. Auch im Sydney Opera House in 2011.
Ein Genuß zum Abschluß:
José Carbó mit Lawrence Brawnlee im Duett Al idea di quel metallo aus dem Barbier von Sevilla.
IOCO / Viktor Jarosch / 26.03.2011











