IOCO Aktuell, NIKOLAUS HARNONCOURT 1929 – 2016, 17.03.2016

März 18, 2016  
Veröffentlicht unter IOCO Aktuell, Personalie, Portraits

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NIKOLAUS HARNONCOURT  1929 – 2016

Harnoncourt - Beethoven - Bild : amazon / Partnerprogramm

Harnoncourt – Beethoven – Bild : amazon / Partnerprogramm

N. Harnoncourt:  Ein Leben ganz in der Musik

In jenem Österreicher aus altem Adelsgeschlecht vereinigten sich Instrumentalist, Dirigent, Betrachter, Exeget und Reformer. Seine Laufbahn begann dieser Musikant schlechthin als erster Cellist bei den Wiener Sinfonikern, wechselte dann, unbefriedigt von dem Betrieb, vom Stuhl im Orchester auf das Pult davor. Denn aus den Partituren las er etwas Anderes als das, was die Maestri mit dem Stab gemeinhin von ihren Philharmonikern gestrichen und geblasen haben wollten.

Nikolaus Harnoncourt 1980 © Marcel Antonisse / Anefo

Nikolaus Harnoncourt 1980 © Marcel Antonisse / Anefo

Harnoncourts Arbeit begann mit einem intensivem Studium der Notenblätter, und er las sie ähnlich wie heilige Schriften ein Exeget, der weiß, dass sie der Auslegung bedürfen. Das bedeutete, sich zunächst mit der zu Lebzeiten des Komponisten üblichen Musizierpraxis vertraut zu machen und gegebenenfalls dessen besondere Klangvorstellung in die Aufführung des Werks einzubeziehen. Das wiederum hieß Kenntnisnahme von der Art der gebräuchlichen Instrumente, deren Spieltechniken, die Größe der Ensembles, die Länge der Taktzeiten, Phrasierungen und was der Dinge mehr sind. Kurzum: es verlangte ein umfassendes Wissen von den Gepflogenheiten und Regeln in der jeweiligen Epoche. So wurde Harnoncourt zu einem der Gründerväter der Historischen Aufführungspraxis.

Keineswegs lag das Ziel von Nikolaus Harnoncourt bei einer Imitation alter Spielweisen. Das wäre auch nicht erreichbar gewesen, denn trotz Forschung und Vorstellung vermochte niemand zu behaupten, so und nicht anders sei diese Musik gedacht und zu Gehör gebracht worden. Nein, ihm war an einer Reform und Überwindung von solcher Interpretation gelegen, die nicht tiefer in das Wesen der Musik eindrang, und die, zwar bisweilen zwecks Modifikationen von der Tradition abweichend, in unterschiedlicher Qualität beim Publikum für die erwarteten gefühligen, erregenden und tröstenden Affekte sorgte.

Nikolaus Harnoncourt blies Staub von und aus Notenkonvoluten, schmirgelte gleichsam die Musik mit Sandpapier frei von Patina und Rost, riss sie aus ihrem Halbschlaf, indem er sein Orchester >Concentus Musicus< gründete, und mit ihm, eben auf genaues Notenstudium und die jeweiligen Spielpraxen rekurrierend, Monteverdis Opern, J.S. Bachs Kantaten nebst vielen weiteren Kompositionen des 17. und 18. Jahrhunderts zu authentischer wie zeitnaher Klangrede brachte.

Wien / Denkmal Wolfgang Amadeus Mozart © IOCO

Wien / Denkmal Wolfgang Amadeus Mozart © IOCO

Er beließ es nicht bei den „alten“ Komponisten. Unter seinem Dirigat begannen Beethoven, Schumann und vor allem Mozart, dessen Oeuvre ihm am nächsten stand, anders zu sprechen und anders zu klingen. Von ihm beeinflusst wirkten J. E. Gardiner, Philippe Herreweghe, René Jacobs, musizierten Concerto Cöln und das Freiburger Barockorchester, um wenige zu nennen. Auch jüngere Ensembles von ähnlicher Auffassung, wie z.B. L‘ Apergiante der Christa Pluhar, wären ohne NH wohl kaum entstanden.
Als beiläufigen Effekt seiner Suche nach dem Originalklang, der Historischen Aufführungspraxis, ein Name, welcher der Bewegung nicht ganz gerecht wird, darf man Harnoncourt auch zurechnen, dass Konzerte, Sonaten und sonstige Stücke aus der Epoche des Generalbasses, früher gelegentlich als Nähmaschinenmusik und Langweiler verschrien, eine Reanimation erfuhren. Die in den Bibliotheken vergilbenden Kompositionen zahlloser Kleinmeister, die als Hofkapellmeister, weltliche und geistliche Kantoren die nötige Musik häufig selbst zu schreiben hatten, kamen zu neuen Ehren, weil Streicher, Bläser und Sänger einen »neuen Ton anschlugen», also auch sie wiederum die Musik das reden ließen, was sie zu sagen hatte, weswegen man über das neu Gehörte staunen und sich freuen konnte.

Mit Johann Nicolaus Graf de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt, am 6. Dezember 1929 in Berlin geboren, ging am 6. März 2016 in St. Georgen ein Mann dahin, der einer Musikwelt gezeigt hat, wohin sie sich bewegen könnte. Inwieweit man dieser Richtung folgen will oder lieber an vertrauter Stelle verharrt, bleibt anheimgestellt. Der Name dieses Musikanten durch und durch gehört, obschon Richard Wagner nicht unbedingt seine Sache war, in das Walhall der Musik.  IOCO / Albrecht Schneider / 15.03.2016




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